Klassiker der Parapsychologie, Das persönliche Überleben des Todes, Eine Darstellung der Erfahrungsbeweise von Dr. Emil Mattiesen. 1987. VORWORT. zur Sonderausgabe 1987. Absicht dieser Paperbackausgabe ist es - dank der begrüßenswerten Initiative des Verlages -, Emil Mattiesens klassisches Werk einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen. Das Vorwort soll das Verständnis für die Aufnahme der Neuausgabe erleichtern, in dem es auf drei Punkte eingeht: Auf Mattiesens Lebensumstände und die Rezeptionsbedingungen seines Werkes vor 50 Jahren (I); auf die heutige Situation der parapsychologischen Forschung, womit das sich anschließende Vorwort des Schweizer Theologen und Ordensgeistlichen Gebhard Frei (1905-1967) zum 2. unveränderten Nachdruck aus dem Jahre 1961 aktualisiert werden soll (II); und schließlich auf den Stellenwert der "spiritistischen Hypothese" im Rahmen der heutigen parapsychologischen Forschung (III). I. Unterlagen über Leben und Werk Emil Mattiesens sind spärlich, eine gründliche biographische Darstellung über ihn existiert nicht. Selbst in spezialisierten Nachschlagewerken der internationalen Parapsychologie (unter Einschluß von Okkultismus und Spiritismus) figuriert sein Name nicht (vgl. Pleasants 1964, Shepard 1984), weder im Standardwerk der modernen wissenschaftlichen Parapsychologie, dem Handbook of Parapsychology (Wolman 1977), noch in William Rolls ausgezeichnetem Handbuchartikel "The Changing Perspective on Life after Death" (Roll 1982) - der zur Zeit gründlichsten Behandlung des Evidenzmaterials, das für ein persönliches Überleben nach dem Tode in Anspruch genommen wird -, taucht Mattiesen auf. Im deutschsprachigen Raum begnügt sich Werner F. Bonins Lexikon der Parapsychologie mit einem Eintrag von neun Zeilen (Bonin 1976, S. 328), die im wesentlichen dem bio-bibliographischen Anhang der von Hans Bender herausgegebenen Anthologie Parapsychologie, Entwicklung, Ergebnisse, Probleme (Bender 1966, S. 846) entnommen sind. (Das Bendersche Sammelwerk enthält zumindest einen Auszug von Mattiesens Darstellung VI Vorwort der "Cross-Correspondences".) Allein der Pionier und umsichtige Historiker der deutschsprachigen Parapsychologie, der Münchner Arzt Rudolf Tischner (1879-1961), erwähnt Mattiesen an mehreren Stellen seiner noch unübertroffenen Geschichte der Parapsychologie (Tischner 1960, S. 326/329), und er hat ihm auch an einer entlegenen Stelle, der einst von Peter Ringger gegründeten Schweizer Zeitschrift Neue Wissenschaft, eine mehrseitige noble Würdigung gewidmet (Tischner 1952/53), die der folgenden biographischen Skizze zugrundeliegt. Am Ende dieser wenig ergiebigen Suche nach zeitgenössischen Spuren von Emil Mattiesens Werk und Wirkung steht also die paradox anmutende Frage: Wie kann es sein, daß ein Gelehrter, der dem "grenzwissenschaftlichen" Schrifttum in deutscher Sprache zwei der wichtigsten Werke hinterlassen hat - das über 800 Seiten umfassende Buch Der jenseitige Mensch (Berlin/Leipzig: Walter de Gruyter 1925), für das im heutigen Antiquariat horrende Preise gezahlt werden, sowie das zusammen über 1300 Seiten zählende vorliegende Werk - so vollständig vergessen ist? Die Antwort auf diese Frage verweist, für den Sachkenner nicht sonderlich überraschend, auf die wissenschaftshistorischen und -soziologischen Entwicklungsbedingungen der okkulten bzw. parapsychologischen Forschung in Deutschland. Emil Mattiesen war baltischer Abstammung. Er wurde am 24. Januar 1875 als Sohn des Ratsherrn Emil Mattiesen in Dorpat geboren. Sein Großvater, Ludwig Strümpel, war einer der bekanntesten Herbartianer gewesen und hatte Philosophie an den Universitäten Dorpat und Leipzig gelehrt. Mattiesen, bei dem sich schon früh eine auffallende musikalische Begabung gezeigt hatte (mit acht Jahren vertonte er Balladen von Felix Dahn), begann 1892 an der Universität Dorpat mit dem Studium der Philosophie, Naturwissenschaften und Musik, ging ein Jahr später an die Universität Leipzig und schloß 1896 sein Studium ab mit einer philosophischen Dissertation zum Thema Über philosophische Kritik bei Locke und Berkeley (1897 erschienen). Zwischen 1898 und 1903 war Mattiesen auf Weltreise. Um Sprachen, Religionen, philosophische und weltanschauliche Systeme möglichst umfassend und aus erster Hand kennenzulernen, ließ er sich in Hamburg als Leichtmatrose anheuern (seine Mutter hatte ihm finanzielle Unterstützung versagt), verließ in Singapur, dem ersten Zielhafen, sein Schiff und lernte asiatische Sprachen, um indische Religionen zu studieren. Jahrelang hielt er sich in Sumatra, Java, Borneo, Tibet, Kaschmir und Japan auf, er Vorwort VII durchreiste Mexiko und die Vereinigten Staaten und kam schließlich 1903 über Ägypten und Vorderasien nach Dorpat zurück. Zwischen 1904 und 1908 schlössen sich Studienjahre in Cambridge und London an, in denen umfangreiche Vorarbeiten zu seinem 1914 beendeten, ersten Hauptwerk entstanden, das aber erst 1925 unter dem Titel Der jenseitige Mensch. Eine Einführung in die Metapsychologie der jenseitigen Erfahrung veröffentlicht werden konnte1. Dieses Buch ist eine umfassende Darstellung der Phänomenologie, Psychologie und Psychopathologie religiöser, mystischer und paranormaler "Grenzerfahrungen", die mit subtilem Einfühlungsvermögen differenziert geschildert werden: eine noch heute höchst bedeutsame Fundgrube für das aktuelle Thema der "Veränderten Bewußtseinszustände". 1908 war Mattiesen in Berlin, wo er seine 1934 verstorbene erste Frau kennenlernte, die ihn dazu anregte, seine musikalische Begabung systematisch weiterzupflegen. Ab 1910 entfaltete sich allmählich Mattiesens kompositorisches Schaffen. Diese ausgesprochene Doppelbegabung - einmal als "Metapsychologe", zum anderen als namhafter Komponist von Liedern und Balladen - kennzeichnete sein weiteres Werk. In den folgenden Jahren erschienen siebzehn Hefte seiner Lieder und Balladen in der Edition Peters (Leipzig). Um seinen beiden Interessensschwerpunkten gerecht zu werden, pflegte er im Sommer als Komponist zu arbeiten, während er sich in den Wintermonaten vorwiegend parapsychologischen Problemen zuwandte. Die weiteren Stationen seines Lebens sind schnell geschildert: Von Berlin aus zog er sich für einige Jahre in den Rostocker Vorort Gehlsdorf zurück, lebte dann bis 1925 in Fürstenfeldbruck, um sich dann schließlich für immer in Gehlsdorf niederzulassen. Ab 1929 hatte er einen Lehrauftrag für Kirchenmusik an der Theologischen Fakultät Rostock übernommen, daneben schrieb er Konzert- und Theaterkritiken für die Tagespresse. Ansonsten lebte er still und zurückgezogen, sich auf die Niederschrift seines Hauptwerkes konzentrierend, dessen zwei erste Bände 1936 und dessen dritter Band 1939 erschienen. Im gleichen Jahr, am 25. September, kurz nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges, erlag Emil Mattiesen im Alter von 64 Jahren der Leukämie. 1 Eine Reprintausgabe ist soeben bei Walter de Gruyter, Berlin, erschienen. vin Vorwort In der Musikwissenschaft ist der Name Mattiesen nicht vergessen;2 sein musikalisches Werk erfuhr zum Beispiel 1937 in der Zeitschrift für Musik eine positive Würdigung (Moser 1937), und in dem Nachschlagewerk Die Musik in Geschichte und Gegenwart heißt es (Härtwig 1960, Sp. 1822): "Als Komponist zahlreicher Lieder und Balladen war Mattiesen seiner Zeit nicht unbekannt. Er komponierte in persönlicher Zurückgezogenheit, unabhängig von Zeitströmungen. Loewe, Wagner, Wolf, ja Pfitzner und R. Strauss waren seine Vorbilder. Etwas Wildgewachsenes, fast Dilettantisches haftet manchen seiner Gesänge an. Ihre Stärke liegt in den emotionalen, klangmalerisch-illustrativen Elementen, dem epischen, hymnisch-deklamativen Charakter, in der motivischen Prägnanz und den effektvollen Schlußpointen." Und was läßt sich über den "Metapsychologen" Mattiesen sagen, wie fiel die Resonanz auf das vorliegende Monumentalwerk aus? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns kurz die Situation des "Wissenschaftlichen Okkultismus" im Deutschland der dreißiger Jahre vergegenwärtigen. Diese wurde durch drei soziologisch wichtige Faktoren bestimmt: Erstens durch das Fehlen einer deutschen Gesellschaft für Parapsychologie, die - nach dem Vorbild der englischen "Society for Psychical Research" - einen organisierten Zusammenschluß all derjenigen "Laien" und Wissenschaftler geboten hätte, die an einer systematischen Erforschung okkulter und spiritistischer Phänomene interessiert waren; zweitens durch die weitgehende Indifferenz oder Ablehnung der "Hochschulwissenschaft" diesen Phänomenen gegenüber: es existierte keine im universitären Rahmen angesiedelte Institution, zu deren Aufgaben die Durchführung eines experimentell orientierten Parapsychologie- Forschungsprogrammes gehört hätte; drittens (der vermutlich gravierendste Faktor): durch die Zäsur des Nationalsozialismus, das heißt durch das Verbot einschlägiger Zeitschriften und die Amtsenthebung bzw. Z'wangsemeritierung der (wenigen) Hochschullehrer, die sich aktiv für eine wissenschaftliche Erforschung des Okkultismus eingesetzt hatten. Anfang der dreißiger Jahre war eine Reihe wichtiger Publikationen erschienen, die auf eine - wenn auch zögernde - Öffnung der "offiziellen" Wissenschaft dem bisher tabuierten Gebiet des Okkultismus gegenüber hindeuteten: Max Dessoir (1867-1947), der Berliner Psychologe und Philosoph, der 1889 das Wort "Parapsychologie" geprägt hatte, gab 1931 in 6. Auflage sein einflußreiches Buch Vom Jenseits der Seele (Dessoir 1931) 2 Ich danke dem Musikhistoriker Manfred Schuler (Freiburg und Mainz) für hilfreiche Literaturhinweise. Vorwort IX heraus, das repäsentativ war für die skeptisch-reservierte Einstellung der damaligen Universitätspsychologie in Bezug auf die "Geheimwissenschaften" 3, der Leipziger Biologe und Philosoph Hans Driesch (1867-1941) veröffentlichte 1932 die noch heute bedeutsame Methodenlehre Parapsychologie. Die Wissenschaft von den "okkulten"Erscheinungen, in der er sich energisch für die akademische Integration der Parapsychologie einsetzte und zur Gründung einer großen parapsychologischen Gesellschaft aufrief (Driesch 1932, S. 6/7). Ahnliche Absichten verfolgte auch der Tübinger Philosoph und Psychologe Traugott Konstantin Oesterreich (1880-1949), der bahnbrechende Arbeiten über Besessenheit und Persönlichkeitsspaltung veröffentlicht hatte (vgl. Oesterreich, M. 1954). 1933 promovierte Hans Bender in Bonn mit einer Arbeit zum Dr. phil., die als erste deutsche psychologische Dissertation positiv verlaufende Hellsehexperimente zum Thema hatte (Bender 1936), 1935 schließlich brachte die Biologin Fanny Moser (1872-1953) ihr zweibändiges Lebenswerk Okkultismus. Täuschungen und Tatsachen (Moser 1935) heraus, das eine möglichst umfassende Materialsammlung und objektive Abwägung der pro- und contra-Argumente bieten wollte. In seiner Gründlichkeit und seinem Anspruch stellt es durchaus das "animistische" Pendant zu Mattiesens Werk dar. Diese knappe Aufzählung soll deutlich machen, daß es in diesen Jahren durchaus Anzeichen für eine positive Rezeption der Parapsychologie im akademischen Rahmen gab - umso katastrophaler fielen die Konsequenzen des Nationalsozialismus auch in dieser Hinsicht aus: Dessoir, Driesch und Oesterreich wurden eine weitere wissenschaftliche Tätigkeit untersagt, die 1926 gegründete Zeitschrift für Parapsychologie wurde im Juni 1934 verboten. Damit fiel auch das einzige Publikationsorgan weg, in dem ein fachspezifischer Austausch über Methoden, Probleme und Ergebnisse der parapsychologischen Forschung hätte stattfinden können. So sahen ungefähr die historischen Randbedingungen aus, die die Aufnahme von Mattiesens Arbeiten vor 50 Jahren beeinflußt haben. Sein Hauptwerk konnte zwar noch in einem der bekanntesten und angesehensten wissenschaftlichen Verlage Deutschlands erscheinen, aber es gab - überspitzt 3 Unter "Geheimwissenschaften" rechnete Dessoir die "Parapsychologie" (unter Einschluß von Traum und Hypnose, Telepathie und Hellsehen sowie die psychischen Automatismen), die "Paraphysik" (physikalische Medien) und schließlich die Kabbalistik, Christian Science und Anthroposophie. X Vorwort formuliert - keinen Adressatenkreis mehr dafür, das heißt kein adäquates Kommunikations- und Diskussionsforum, das Mattiesens Anliegen: die empirische Erforschung der Survival-Hypothese, hätte kompetent aufgreifen und produktiv fortentwickeln können. Allein die Beschäftigung mit den Aussagen der großen Trancemedien (Mrs. Piper oder Mrs. Leonard) und ihren Verifikationsversuchen, die Erarbeitung des höchst komplexen Gefüges der "Cross-Correspondences" setzen - wie jeder Sachkenner weiß - ein jahrelanges Spezialstudium des Quellenmaterials voraus. Die von Mattiesen mit Recht hochgeschätzte "Society for Psychical Research", die seit 1882 in London existierte, gab, wie die jahrzehntelange Detaildiskussion über diese Fragen in ihren Proceedings und ihrem Journal beweist, ein solches Forum für Spezialisten ab - ganz im Unterschied zur Situation in Deutschland. Keine ernsthafte ("seriöse") Forschung kann aber auf die Dauer ohne einen solchen sachspezifischen Rezeptionsrahmen exisiteren, ohne zu einer Hobbybeschäftigung von einer Handvoll Sektierern zu verkommen, und die "Uberlebensforschung", sofern sie, was ja Mattiesens Absicht war, mit dem Anspruch auftrat, in wissenschaftlichen Kreisen von Medizin, Psychologie oder Philosophie Gehör zu finden, machte darin keine Ausnahme. So wurde Mattiesens Werk um seine verdiente Wirkung gebracht: es blieb die heroische Leistung eines Einzelnen, gewissermaßen ein Monolith, der einen langen Schatten warf. Es ist auffallend, daß vom Persönlichen Überleben des Todes nach seinem Erscheinen in den führenden anglo-amerikanischen Fachzeitschriften für Parapsychologie keinerlei Notiz genommen wurde, obwohl es ja ein Kenner wie Rudolf Tischner in den Rang vom Myers' Human Personality and its Survival of Bodily Death (1903) gestellt hatte. Dies ergab zumindest eine Durchsicht der entsprechenden Jahrgänge des Journal of the American Society for Psychical Research (1906 gegründet), des Journal of Parapsychology (1937 gegründet) sowie des Journal bzw. der Proceedings of the Society for Psychical Research (1882 gegründet), denen ja Mattiesen unendlich viel verdankt hatte 4. Von den politischen Zeitumständen abgesehen, mag es aber auch noch andere Rezeptionshindernisse gegeben haben, die auf einer mehr persönli- 4 Rezensionen von Mattiesen finden sich nur in dem Organ der holländischen SPR, der Tijdschrift voor Parapsychologie 9 (1937) 141-143 und 12 (1940) 86-88, beidesmal gezeichnet P. A. Dietz (1878- 1953), der die erste Universitätsdozentur für Parapsychologie (an der Universität Leiden) innehatte. Vorwort XI chen Ebene lagen. Mattiesen führte über viele Jahre hindurch die Existenz eines Privatgelehrten. Er lebte in selbstgewählter Isolation; man findet ihn kaum in die heftige öffentliche Kontroverse um die Existenz und Anerkennung der "okkulten" Phänomene verstrickt, die sich in Deutschland Ende der zwanziger Jahre vor allem am "Physikalischen Mediumismus" und an der Person seines Hauptvertreters, des Münchner Nervenarztes Albert Freiherr von Schrenck-Notzing (1862-1929), entzündet hatte (vgl. Schrenck-Notzing 1985). Er ist zwar mit Beiträgen in der Zeitschrift für Parapsycbologie vertreten, aber die wesentlichen Vorarbeiten zu seinem großen Werk veröffentlicht er in der Monatsschrift des "Revalo-Bundes" des geschäftstüchtigen Hamburger Spiritistenführers Hinrich Ohlhaver, Verfasser des Bestsellers Die Toten leben!, die ab 1925 unter dem Titel Zeitschrift für Psychische Forschung herauskam. Dabei handelte es sich in erster Linie um ein spiritistisches Bekenntnisblatt, dessen Beiträge auf die Bedürfnisse einer "Gemeinde" abgestimmt waren und auf deren gläubigunkritische Geistesverfassung tunlichst Rücksicht genommen werden mußte. Mattiesen tat sich möglicherweise mit der Publikation seiner Aufsätze in diesem Kontext keinen Gefallen, denn eine solche Leserschaft brauchte er wohl kaum durch noch so scharfsinnige und subtile Analysen des "Transdramas" (des Zusammenspiels von Medium, Kontrollgeist und Kommunikator) von der Gültigkeit der spiritistischen Hypothese zu überzeugen - seine Argumente hätten eigentlich ein ganz anderes Publikum verdient! Daß es ihm durchaus auf eine Resonanz bei den "eigentlichen" Fachgelehrten ankam, zeigte die Kontroverse mit dem erfahrenen "psychical researcher" Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo. Bei diesem, der im Journal der SPR regelmäßig "Notes on Periodicals" zu veröffentlichen pflegte, hatte sich Mattiesen brieflich beklagt, er würde seinen (Mattiesens) Aufsätzen in der Zeitschrift für Psychische Forschung zu wenig Beachtung schenken. Daraufhin veröffentlichte Graf Perovsky eine ausführliche Kritik zu Mattiesens Artikelserie über die spiritistische Formdeutung des Transgeschehens, in der er ihm u.a. vorwarf, er würde die Glaubwürdigkeit medialer Aussagen überschätzen (Perovsky-Petrovo-Solovovo 1928). Mattiesen (1929) wiederum warf dem Grafen in seiner Replik eine "negativistische" Einstellung vor, die jeden Fall bekritteln und sich an dessen schwächeren Punkten festbeißen würde. Der fest entschlossene "Wille zum Unglauben" solcher "Negativisten", so Mattiesen weiter, "verdammt sie zur Unfruchtbarkeit trotz ihres fortdauernden Geredes von wissenschaftlichen Maßstäben' und .kritischen Methoden', und ihre XII Vorwort Namen werden höchstwahrscheinlich vergessen sein, wenn die Geschichte der Wissenschaft von der Metapsychik (= Parapsychologie) geschrieben werden wird" (Mattiesen 1929, p. 32). Graf Perovsky fügte bei dem Wort " . . . vergessen" folgende Fußnote an: "Ich gestehe, daß ich einer solchen Aussicht mit unverhüllter Heiterkeit (undisguised cheerfulness) entgegenblicke. Und da das gleiche Schicksal, wie ich fürchte, wahrscheinlich auch Dr. Mattiesen beschieden sein wird, darf ich der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß seine Heiterkeit (serenity) in dieser Hinsicht die meinige nicht untertrifft." Diese Polemik ist zwar mit britischem "Understatement" ausgetragen worden, aber sie verdeutlicht die Gefahr, der Mattiesen (und sein Werk) ausgesetzt waren: zur intellektuellen "Galionsfigur" der spiritistischen Bewegung abgestempelt zu werden, ohne daß - gewissermaßen als kritische Balance dazu - ein soziologisch faßbares Forum bestand, das sich mit der Stichhaltigkeit seiner Argumente (in der Art von Graf Perovsky) auseinandergesetzt hätte. Mattiesen ging es ja um "Erfahrungsbeweise" für ein persönliches Fortleben, also nicht um Glauben, sondern empirisch kontrollierbares Wissen. Wo, wenn nicht in der damaligen organisierten "Psychical Research", hätte Mattiesen kompetente Gesprächspartner gefunden, die von der prinzipiellen Legitimität der Survival-Hypothese ausgingen, die aber in Bezug auf das Beweismaterial, das dafür oder dagegen sprach, durchaus geteilter Meinung waren? Es ist tragisch, daß Mattiesens Werk diejenige Resonanz, die es eigentlich verdient hatte, angesichts der damaligen Randbedingungen der Forschung nicht fand. Daß er schließlich als Kronzeuge für eine Bewegung reklamiert wurde, die seinem wissenschaftlichen "Anliegen" und Anspruch kaum entsprechen konnte, zeigt der Nekrolog aus der Zeitschrift für Seelenleben, dessen Pathos heutzutage leicht komisch wirkt (Feilgenhauer 1939, S. 73 f.): "Die stattliche Gemeinde des heimberufenen Vorkämpfers einer Unsterblichkeitsforschung vernimmt die herbe Trauerkunde in stiller Gefaßtheit und senkt die Fahne. Ein ehrendes, dankbares Gedenken ist dem bescheidenen und doch so großen, so überquellendfeurigen Bekenner unserer hohen Lehre gewiß. Bei dieser Gelegenheit sei ein heißer Wunsch an alle Gesinnungsfreude ausgesprochen: Alle Leser ( . . . ) sind herzlich gebeten, nach bestem Wissen und intensiv zu versuchen, in ernsthafter, bekannter, würdig forschender, stiller Weise Knüpfung mit vorausgegangenen Vorstreitern in der Art des verewigten Dr. Emil Mattiesen zu erhalten und, bei Gelingen, sie pfleghaft auszugestalten. Klugheit und Vernunft, nicht hitziges einseitiges Vorankommenwollen, beherrsche ihre Maßnahmen! (. ..) Das dreibändige Standardwerk Mattiesens ,Das persönliche Uberleben des Todes' (u.a.) sind Bekennerwerke, ähnlich den berühmtesten Tempeln eines erhebenden und nicht zu erreichenden Gottheits-, Menscheits- und Ewigkeitskultus. Sie trotzen dem Zahn der Zeit, der überheblichen Besserwisserei, dem Alltage, der Seichtheit, der Gleichgültigkeit, sie sind geschrieben für denkfähige, ernste Jünger unserer Bestrebungen und überdauern viele Tausende von Büchern, die Eintagsfliegen waren." Vorwort XIII Damit ist eine Seite der Rezeptionsgeschichte Mattiesens genügend dokumentiert, die andere führt uns zur heutigen Situation der Parapsychologie und zum Stellenwert, den die Uberlebenshypothese in ihr einnimmt. II. Die Parapsychologie von heute ist ihrer Struktur nach eine interdisziplinäre Wissenschaft. Sie untersucht mit Hilfe bewährter natur- und sozialwissenschaftlicher Methoden eine Reihe ungewöhnlicher ("anomaler") Erlebnis- und Verhaltensweisen des Menschen, die aus dem etablierten Erklärungsrahmen herauszufallen scheinen und die unter dem Kürzel Psi (dem 23. Buchstaben des griechischen Alphabets) zusammengefaßt werden. Die Psi-Phänomene werden üblicherweise in zwei Gruppen unterteilt: die erste wird als Außersinnliche Wahrnehmung" (ASW, engl.: "Extra- Sensory Perception", ESP) bezeichnet, die zweite als "Psychokinese" (PK). Unter ASW fällt die Untersuchung der Frage, ob und unter welchen Bedingungen Menschen in der Lage sind, Informationen außerhalb bisher bekannter sensorischer Kanäle aufzunehmen und abzugeben, wobei drei Formen unterschieden werden: a) Telepathie (als "direkter" psychischer Kontakt zwischen Menschen), b) Hellsehen (als "direkter" Informationserwerb von Sachverhalten, die sonst niemandem bekannt sind), c) Präkognition (als unerklärlicher Informationserwerb zukünftiger Vorgänge, die rational nicht erschließbar sind und die auch nicht als Folge der Vorhersage auftreten dürfen). Unter PK fällt die Untersuchung der Frage, ob und unter welchen Bedingungen Menschen in der Lage sind, eine "direkte" psychische Wirkung auf physikalische Systeme auszuüben, die den bisher bekannten oder akzeptierten naturwissenschaftlichen Erklärungsmodellen zu widersprechen scheint. Gegenstand der Parapsychologie sind also Berichte über Psi-Anomalien, die außerhalb der üblichen Vorstellungen von Raum, Zeit, Energie oder Kausalität zu stehen scheinen. Wird ein bestimmter Vorfall als "Psi-Phänomen" klassifiziert, dann wird damit nur ausgesagt, daß alle bisher bekannten (psychologischen/ physiologischen/physikalischen) Wechselwirkungen zwischen Menschen untereinander oder zwischen Menschen und ihrer Umwelt nach dem Stand heutiger wissenschaftlichen Erkenntnis zuverlässig ausgeschlossen sind. "Telepathie" oder "Psychokinese" sind bloß beschreibend gemeinte Begriffe, sie stellen keine Erklärung dar, sondern lediglich die Aufforderung, nach einer solchen zu suchen. XIV Vorwort Die heutige Parapsychologie kennt drei typische Forschungszugänge: a) Sie sammelt und dokumentiert Schilderungen über außergewöhnliche Erlebnisse oder veranstaltet Umfragen unter der Bevölkerung über die Häufigkeit solcher Vorgänge, die den Betreffenden als "paranormal" erscheinen ("Spontanberichte"). So werden zum Beispiel seit Jahrhunderten aus unterschiedlichsten Kulturen Ahnungen, Wahrträume, "Zweites Gesicht", Geister- und Spukerscheinungen oder "außerkörperliche" Erfahrungen berichtet. Die psychologische und soziologische Beschreibung und Analyse solcher weitverbreiteter Erlebnisse stellen eine wesentliche Aufgabe der parapsychologischen Forschung dar. So versucht man, durch den quantitativen Vergleich von Fallsammlungen aus verschiedenen Jahrhunderten und Kulturen herauszubekommen, ob die Berichte eine Reihe gemeinsamer Merkmale aufweisen (etwa Psi-Formen, Erlebnisart, Bewußtseinszustand, Thematik und Affektbesetzung) und ob die sich abzeichnenden typischen Muster (patterns) durch konventionelle Hypothesen erklärt werden können oder ob die Annahme eines paranormalen Prozesses gerechtfertigt erscheint (Schouten 1983). b) In der Feldforschung geht es um die detaillierte Untersuchung einzelner Situationen, in denen Psi-Effekte gehäuft aufzutreten scheinen. So untersucht man zum Beispiel systematisch die Bedingungen, von denen Spukphänomene abzuhängen scheinen, indem man die betreffende soziale Gruppe (zumeist eine Familie) und ihre Interaktionen mit dem "Spukauslöser" (Fokusperson) teilnehmend beobachtet. Ähnlich kann man mit einem vielversprechenden "Medium" Erkundungsexperimente zur Psychokinese in dessen vertrauter Umgebung anstellen, um zunächst dessen übliche Darbietungen kennenzulernen, bevor man zu strenger kontrollierten Experimenten übergeht, c) Der Laborzugang ist dadurch gekennzeichnet, daß man unter vom Experimentator festgesetzten und kontrollierten Bedingungen unausgewählte Versuchspersonen (zum Beispiel freiwillige Studenten) mit standardisierten Tests auf mutmaßliche Psi-Fähigkeiten hin untersucht. Diese müssen sensorisch gut abgeschirmte Zielsymbole in einem gut gemischten Kartenspiel, deren Abfolge niemandem bekannt ist, erraten ("Hellsehen") oder eine von einem Zufallsgenerator erzeugte Folge von Ereignissen, wie das Aufleuchten von ringförmig angebrachten Lämpchen, in eine bestimmte Richtung beeinflussen ("Psychokinese"). Mit solchen Versuchen, die sich mit statistischen Methoden auswerten lassen, will man feststellen, ob sich die Existenz von Psi-Effekten überhaupt nachweisen läßt, ob sich diese unter bestimmten Bedingungen wiederho Vorwort XV len lassen und ob die Änderung psychologischer oder physikalischer Randbedingungen beim Experiment zu unterschiedlichen Ergebnissen ("Psi-Trefferleistungen") führt, die sich möglicherweise vorhersagen lassen. In den letzten Jahrzehnten sind viele hunderte erfolgreicher Psi- Experimente unter Laborbedingungen veröffentlicht worden; wer sich über Methodologie, Ergebnisse, Probleme und Kritiken der wissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet ein detailliertes Bild verschaffen will, sei auf die Fülle einführender und spezieller Literatur verwiesen5. Es versteht sich von selbst, daß alle drei genannten Forschungszugänge gegen bestimmte Alternativhypothesen (bzw. kritische Einwände) abgesichert sein müssen, um wissenschaftlich zuverlässige Daten zu liefern: 1. Der "Echtheitswert eines Spontanberichts hängt zum Beispiel von der Glaubwürdigkeit der Zeugen (Ausschaltung von Beobachtungsfehlern, Erinnerungstäuschungen, nachträglichen Ausschmückungen), von objektiven Dokumentationsmöglichkeiten und der Beurteilung der Zufallshypothese ab; 2. in der Feldsituation bei "qualitativen Versuchen" muß vor allem darauf geachtet werden, daß Betrug, Täuschung und sonstige Manipulationen seitens des Mediums wie auch Selbsttäuschungen und Verkennen "natürlicher" Ursachen möglichst eliminiert sind. Bei spiritistischen Sitzungen, die möglicherweise noch im Dunkeln stattfinden, gilt eine Reihe zusätzlicher Vorsichtsmaßnahmen, die schon seit Jahrzehnten bekannt sind (vgl. Schrenck-Notzing 1985). Die Beurteilung "medialer" Aussagen - inwieweit ist die Schilderung, die ein Medium über einen Sitzungsteilnehmer oder einen vermißten Gegenstand gemacht hat, zutreffend? - hängt von einer Reihe methodischer Voraussetzungen ab. Um eine solche Beschreibung zu verifizieren, genügt es zum Beispiel nicht, nur die Trefferquote der Aussagen des Mediums zu bestimmen. Es muß auch die Wahrscheinlichkeit (Spezifität) angegeben werden, mit der jede paragnostische Aussage zufällig richtig sein kann (vgl. Timm 1984). 3. Die Ergebnisse des Laborzugangs müssen hauptsächlich gegen folgende Einwände gesichert sein: a) betrügerische Manipulation der Daten seitens des Experimentators; b) selektive oder unvollständige Auswertung und Wie- 5 Als erste Einführungen sind empfehlenswert: Bender 1966, 51980, Beioff 1980, Bauer & Lucadou 1984. Uber den internationalen Forschungsstand (einschließlich der Kritiken am Evidenzmaterial) informieren umfassend die Handbücher von Wolmann 1977 und Kurtz 1985; die neueste (und bisher wohl beste) Einführung in die aktuelle Diskussion bietet das Lehrbuch von Edge u. a. 1986. XVI Vorwort dergabe der Resultate; c) unzureichende oder irreführende Schilderung von Versuchsplanung, -durchführung und -aüswertung; d) mangelhafte sensorische Abschirmung zwischen Versuchspersonen untereinander (zum Beispiel bei Telepathieversuchen) oder zwischen Versuchsperson und Versuchsmaterial (zum Beispiel bei Hellsehversuchen). Mit diesen (und weiteren) Kritiken hat sich die methodenbewußte Parapsychologie schon seit Jahrzehnten ausführlich auseinandergesetzt. So wurden die aufsehenerregenden Betrugsfälle der Psi-Experimentatoren S.G. Soal (1889-1975), dessen Darstellung des Gordon-Davis-Falles auch bei Mattiesen eine große Rolle spielt, und J. Levy (Fälschung von Versuchsdaten bei einem Psychokinese-Experiment) von parapsychologisch engagierten Wissenschaftlern aufgedeckt und veröffentlicht (McConnell 1983, Kap. 19). Die heute im parapsychologischen Labor zum Standard gewordenen Zufallsgeneratoren in der Art der "Schmidt-Maschinen" sind vor betrügerischen Manipulationen seitens der Versuchspersonen gesichert, ihre Protokollierung ist zuverlässig und die Daten werden durch automatische Registrierung ausgewertet. Der Gefahr einer irreführenden Auslese nur positiv ausgegangener Experimente wird in führenden parapsychologischen Fachzeitschriften durch eine entsprechende Publikationspolitik begegnet. Im übrigen hat sich heute die Einsicht durchgesetzt, daß es das entscheidende Experiment, das Psi ein für allemal und unwiderruflich beweist, aus wissenschaftslogischen Gründen nicht geben kann. Der derzeitige Forschungsstand der Parapsychologie läßt sich knapp so zusammenfassen: 1. Es gibt experimentell festgestellte Psi-Anomalien, zum Beispiel statistisch signifikante "Beeinflussungen" von Zufallsgeneratoren oder überzufälliges "Erraten" von abgeschirmten Zielsymbolen durch normale Versuchspersonen im Labor; 2. Psi läßt sich mit einer psychologischen Fähigkeit oder Begabung vergleichen, die von unbewußten Faktoren abhängt, selten und unvorhersehbar auftritt und nicht beliebig "steuerbar" ist; 3. physikalische Größen (wie Beschaffenheit der Zielsymbole, räumlich oder zeitliche Distanz oder Kompliziertheit der Versuchsapparatur) spielen kaum eine Rolle; 4. psychologische Größen (wie Persönlichkeitsmerkmale, positive Einstellungen oder Erwartungen seitens der Versuchsteilnehmer) wirken sich auf die Psi-Trefferleistungen aus; 5. manche Versuchsleiter scheinen erfolgreicher zu sein als andere, weil sie wirksame "Psi-Quellen" (psi sources) darstellen ("Psi-Experimentator- Hypothese"); 6. veränderte Bewußtseinszustände (Meditation, Hypnose, Entspannung, künstlicher Reizentzug) scheinen das Auftreten von Psi Vorwort xvn Effekten zu begünstigen, ohne daß man hinreichende Bedingungen für deren Auftreten angeben könnte; 7. kein Medium oder professioneller "Hellseher" kann im Einzelfall mit Sicherheit sagen, ob sein für einen Klienten bestimmter Ratschlag oder die Schilderung einer abwesenden oder verstorbenen Person auf einem "anomalen" Informationserwerb beruht, oder auf Intuition, praktischer Menschenkenntnis und geschickter Kombinationsgabe ("Angeln"). Insofern sind entsprechenden Annoncen in okkulten und esoterischen Magazinen oder Versprechungen, mit einer bestimmten Technik ließe sich der "Sechste Sinn" erlernen, mit größter Vorsicht zu begegnen. In den letzten Jahren zeichnet sich auch ein neues theoretisches Verständnis für Psi-Phänomene ab. Die in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts diskutierten Modelle (vgl. etwa Driesch 1932), die Mattiesen unter dem Stichwort der "Animistischen Theorien der Personation" abhandelt, gehen von Vorstellungen der klassischen Physik aus und sind heute obsolet geworden. "Außersinnliche Wahrnehmung" ist kein "Informationsaustausch" zwischen einem "Sender" und "Empfänger" auf unbekannten sensorischen Kanälen im Sinne des klassischen (Shannonschen) Informationsbegriffs, ebenso wie "Psychokinese" keine unbekannte energetische "Einwirkung" der Psyche auf Materie im Sinne der klassischen Physik darstellt. Ausgehend vom vieldiskutierten "Meßproblem in der Quantenphysik" wurden unterschiedliche Modellansätze entwickelt (1974 Tagung in Genf über "Quantenphysik und Parapsychologie"). Diese weisen eine ähnliche Struktur mit folgenden Merkmalen auf: 1. die Verletzung der "üblicherweise" geltenden Naturgesetze ist schwach, d. h. Erhaltungssätze und Symmetrien werden nicht verletzt, nur quantenphysikalisch-stochastische Prozesse können psychisch "beeinflußt" werden; 2. ASW kann auf PK zurückgeführt werden; 3. Psi-Effekte sind zumindest in einem näher zu bestimmenden Rahmen raumzeitunabhängig ("nichtlokal"); 4. PK "funktioniert" zielorientiert im Hinblick auf die gegebene Versuchsinstruktion, wobei die Erfolgsrückmeldung (Feedback) einen wichtigen Bestandteil des Prozesses darstellt. Die unter dem Kennwort "Observational Theories" zusammengefaßte Theoriegruppe erlaubt spezifische quantitative Vorhersagen über die fraglichen Psi-Effekte, sie kann also experimentell überprüft werden. Wie eine Validierung solcher theoretischer Ansätze letztlich ausfallen wird, ist eminent schwierig zu beurteilen, da die Diskussion in vollem Gange ist (vgl. v. Lucadou 1986a, 1986b). Das bisher skizzierte Bild der modernen parapsychologischen For xvm Vorwort schung hat sich im wesentlichen an den Richtlinien orientiert, welche die "Parapsychological Association" (PA) formuliert hat. Die PA ist die einzige professionelle Organisation wissenschaftlich arbeitender Parapsychologen. 1957 gegründet und seit 1969 Mitglied des amerikanischen Dachverbandes für den Fortschritt der Wissenschaften, der "American Association for the Advancement of Science" (AAAS), umfaßt die PA etwa 300 Mitglieder, in der Regel Natur-, Human- und Sozialwissenschaftler (aus etwa 30 Ländern), die zum Teil an universitären und anderen wissenschaftlichen Institutionen arbeiten. Die Ziele der PA bestehen in der Förderung der Parapsychologie als Wissenschaft, in der Verbreitung zuverlässiger Informationen über das Gebiet und in der Förderung der Beziehungen zwischen Parapsychologie und anderen Disziplinen. Zu diesem Zweck wird jährlich ein Fachkongreß abgehalten, auf dem die jeweils neuesten empirischen Resultate, methodische und theoretische Entwicklungen sowie historische Überlegungen einem Kreis von Spezialisten zur Diskussion und internen Kritik vorgestellt werden. Die Tagungsberichte erscheinen seit 1972 als Research in Parapsychology. Mit der PA sind parapsychologische Fachzeitschriften assoziiert, zum Beispiel die Journals der englischen und amerikanischen "Psychical Research Societies", das Journal of Parapsychology und das European Journal of Parapsychology, deren "technische" (experimentelle) Arbeiten für den Außenstehenden, den "Laien", praktisch unverständlich geworden sind. Die methodischen, experimentellen und theoretischen Grundlagen der wissenschaftlichen Parapsychologie von heute erfordern im Grunde ein intensives mehrjähriges Studium. Vertreter der wissenschaftlichen Parapsychologie sind somit - es gibt auch Ausnahmen - Mitglieder der PA, sie können kompetent im Namen dieses Faches sprechen. Allerdings gibt es auch unter diesen eine verbindliche Interpretation dessen, was Psi-Phänomene letztlich bedeuten. Bei der Verwendung des Begriffes "Psi" muß man zwei Bedeutungen streng auseinanderhalten (vgl. Palmer 1986): Einmal Psi als phänomenologische Beschreibung für anomale Berichte, zum anderen Psi als paranormalen Prozeß, der sich - vorerst - einer Beschreibung mit allgemein akzeptierten (natur-)wissenschaftlichen Prinzipien zu entziehen scheint. Die wissenschaftlich produktive Frage lautet - im Unterschied zum Laienverständnis - nicht: "Gibt es Psi?", sondern: "Wie können solche anomale Berichte, die zweifelsfrei existieren, am besten erklärt werden?" Das Spektrum möglicher Erklärungen kann von "bloßer" Einbildung, Täuschung Vorwort IXX oder Halluzination (das eine Extrem) bis zur Annahme eines paranormal vermittelten Informationsprozesses (das andere Extrem) - es gibt fließende Übergänge dazwischen - reichen. Wichtig ist, daß für jede Erklärung - ob für die skeptisch-konventionelle oder die paranormale Theorie - stichhaltiges Beweismaterial angeführt werden muß. Auch beim soziologischen Erscheinungsbild der Parapsychologie, das Gebhard Frei 1961 gezeichnet hat, ist eine Reihe von Korrekturen und Ergänzungen anzubringen. Nach wie vor gilt, daß parapsychologische Forschung nur eine geringe institutionelle Verankerung aufzuweisen hat. Ihre Forschungsinhalte und -absichten werden in der üblichen Universitätsausbildung so gut wie nicht zur Kenntnis genommen. Kaum ein künftiger Psychologe, Biologe, Mediziner oder Physiker erfährt im Laufe seiner Ausbildung etwas Wesentliches oder Zuverlässiges über den Stand der parapsychologischen Forschung. Da die meisten Wissenschaftler darüber nicht ausreichend informiert sind, ist es nicht überraschend, daß sie sich Psi-Phänomenen gegenüber gleichgültig, ablehnend oder vorurteilsbehaftet verhalten, was man ihnen eigentlich nicht einmal verübeln kann. Woher sollten sie auch entsprechende Informationen beziehen? Die Anzahl der Forschungsinstitutionen und Abteilungen für Parapsychologie, die Universitäten angeschlossen sind, ist auch heute noch gering. Die älteste und berühmteste Einrichtung dieser Art, das 1927 gegründete Parapsychologische Labor an der Duke-Universität (North Carolina, USA), wurde 1965, mit Emeritierung des Parapsychologie-Pioniers J. B. Rhine (1895-1980), aufgelöst und in eine freie Forschungsstiftung, die "Foundation for Research on the Nature of Man" (FRNM) mit angeschlossenem "Institute for Parapsychology" überführt. Sie gehört nach wie vor zu den aktivsten Forschungszentren auf diesem Gebiet. Zu nennen sind ferner: "Division of Parapsychology" am Medical Center der Universität Virginia in Charlottesville, West Virginia, USA (Ian Stevenson), das "Princeton Engineering Anomalies Research Laboratory" an der Universität Princeton, New Jersey, USA (Robert Jahn), das Parapsychologische Laboratorium an der Universität Utrecht, Niederlande (Martin Johnson), die Abteilung für Psychologie und Grenzgebiete der Psychologie am Psychologischen Institut der Universität Freiburg i. Br. (Johannes Mischo) sowie - seit 1985 - der Arthur-Koestler-Lehrstuhl für Parapsychologie am Psychologischen Institut der Universität Edinburgh, Schottland (Robert Morris). XX Vorwort An privaten Forschungseinrichtungen gibt es nach wie vor die traditionsreiche "Society for Psychical Research" in London und ihre amerikanische Schwestergesellschaft, die "American Society for Psychical Research", in New York. Ebenfalls in New York ansässig ist die Stiftung "Parapsychology Foundation", die seit dem Tode ihrer Begründerin Eileen Garrett im Jahre 1970 von ihrer Tochter, Eileen Coly, fortgeführt wird. Das Hauptziel der PF besteht in der Organisation und Durchführung von Jahreskonferenzen, bei denen ein eingeladener Kreis von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen über zentrale Probleme der Parapsychologie diskutiert. Referate und Diskussionsbeiträge werden in einem Tagungsband veröffentlicht. Wichtige experimentelle Forschungsbeiträge kommen ferner aus der "Mind Science Foundation" (San Antonio, Texas), wo der Physiker Helmut Schmidt arbeitet, sowie aus dem "Stanford Research Institute International" (Menlo Park, California). In der Bundesrepublik Deutschland gibt es ein 1950 von Hans Bender (geb. 1907) gegründetes, unabhängiges "Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V.", das hauptsächlich von einer Stiftung Fanny Moser finanziert wird. Zudem existiert an der Universität Freiburg als bisher einziger bundesdeutscher Hochschule eine Abteilung für Psychologie und Grenzgebiete der Psychologie, die seit der 1975 erfolgten Emeritierung Benders von Johannes Mischo geleitet wird. Das Institut und die Universitätsabteilung geben eine Fachzeitschrift heraus, die 1957 gegründete Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, die im Aurum Verlag, Freiburg i. Br., erscheint. Die Universitätsbibliothek Freiburg verfügt ferner über eine mehr als 20000 Bände umfassende Spezialbibliothek über "Parapsychologie/Grenzgebiete der Psychologie". Gegenwärtig dürfte es kaum mehr als 40 oder 50 Wissenschaftler in der westlichen Welt geben, die sich vorwiegend der parapsychologischen Forschung widmen können. Die ihnen zur Verfügung stehenden Forschungsmittel sind - gemessen an den üblichen Förderungsmaßstäben - verschwindend gering. Versuchen wir eine Bilanz: Vom wissenschaftssoziologischen Standpunkt aus bietet die Parapsychologie ein Musterbeispiel für die Aktzeptanzprobleme einer "abweichenden" Wissenschaft (McClenon 1984). Trotz der weitgehenden szientistischen Orientierung ihrer Hauptvertreter ist es ihr bisher nicht gelungen, zum Bestandteil der Mainstream-Wissenschaft zu werden. Da Psi-Effekte im Rahmen der wissenschaftlichen Gemeinschaft bisher nicht konsensfähig sind, steht die Parapsychologie unter ständigem Legitimationszwang, woraus ein Anpas Vorwort XXI sungsdruck an jeweils "herrschende" Normen resultiert. Die Psi- Kontroverse geht aber weiter, und es ist kaum zu erwarten, daß sie in den nächsten 50 Jahren zu einem Ende kommt. III. Welche Rolle spielt in der heutigen parapsychologischen Forschung die "spiritistische Hypothese", die Frage nach dem persönlichen Uber leben des Menschen? Sie ist sicher in den letzten 50 Jahren in der Hintergrund getreten, hat an Bedeutung verloren, ohne allerdings ganz von der Bildfläche verschwunden zu sein. Diesen Erosionsprozeß kann man wiederum an der historischen Entwicklung der "Psychical Research Societies" in England und Amerika verfolgen. Die Forschungsarbeit der Society for Psychical Research, veröffentlicht seit hundert Jahren in ihren Proceedings, ihrem Journal und anderen Schriften, dürfte an die 40000 Druckseiten umfassen, ein riesiges, sorgfältig fundiertes Material. Darunter befindet sich eine Anzahl methodisch bahnbrechender Untersuchungen, die auch zu Klassikern der Survival-Forschung geworden sind, zum Beispiel die 1886 veröffentlichten Phantasms of the Living. Es gibt wohl kaum einen kritischen Einwand, keinen Pro- und Contra-Gesichtspunkt parapsychologischer Forschung, den man in diesen Publikationen nicht finden könnte. Eines der Hauptverdienste der SPR besteht darin, daß sie ein Diskussionsforum für wissenschaftlich interessierte "psychical researchers" geschaffen hat, die sich auf die prinzipielle Legitimität parapsychologischer Forschung und auf die Notwendigkeit strenger Untersuchungsund Beweismaßstäbe geeinigt hatten. Die Society als Körperschaft blieb aber auch im wesentlichen ein Amateurunternehmen in dem Sinne, daß sie keine institutionell-akademische Verankerung aufwies (obwohl ihr besonders zwischen 1882 und 1930 führende Wissenschaftler angehörten) und somit auch keine Aussichten für eine professionelle Karriere bot. Sie lebte vom Einsatz freiwilliger und engagierter Forscher, die aber gezwungen waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ihren bürgerlichen Berufen auf anderen, "respektableren" Gebieten nachzugehen. Mit anderen Worten: Parapsychologie als Beruf, der als wissenschaftliche Spezialdisziplin ausgeübt werden kann, war in der SPR nicht vorgesehen. Darin liegt auch einer der wesentlichen Unterschiede zum ersten systematischen Versuch, Parapsychologie als eine Universitätsdisziplin zu begründen, wie er an den Namen von J. B. Rhine geknüpft war. Seine Absicht war, mit Hilfe experimenteller Methoden parapsychische Fähigkei xxn Vorwort ten zu untersuchen und - wenn möglich - ihren Existenznachweis statistisch zu erbringen. Es sollten nur noch solche Fragestellungen als relevant zugelassen werden, die sich innerhalb eines institutionellen Rahmens vernünftig angehen ließen. Es sollte nicht mehr im Sinne einer Amateurtradition alles und jedes untersucht werden, nur weil es den Flair des "Ungewöhnlichen" hatte. Ausschlaggebend wurde die Methode, nicht das Phänomen. Zu den Fragestellungen, die die "Rhinesche Schule", die etwa dreißig, vierzig Jahre lang (Mitte der dreißiger bis Anfang der sechziger Jahre) die wissenschaftliche Parapsychologie dominierte (vgl. Mauskopf & McVaugh 1980), als (vorläufig) nicht zu beantworten aus dem Aufgabenkatalog der Parapsychologie ausschied, gehörte das Survival-Problem. Rhine (1966, S. 568) begründete seinen Standpunkt mit den Worten: "Niemand hat es bisher fertiggebracht, zwischen den Hypothesen einer Bewirkung durch Verstorbene und dem Insgesamt der Gegenhypothesen zu unterscheiden, die allen menschlichen Fähigkeiten Rechnung tragen müssen, welche vernünftigerweise einem Medium als einer besonderen begabten Person zugeschrieben werden müssen. Bis jetzt können alle experimentellen oder halb-experimentellen Demonstrationen medialer Fähigkeiten, die unter Bedingungen protokolliert wurden, die Beachtung verdienen, durch eine Kombination von Fähigkeiten einer lebenden Person ungekünstelt erklärt werden. Natürlich kann Uberleben nicht nach wissenschaftlichen Maßstäben als bewiesen gelten, solange es eine vernünftige Gegenerklärung gibt." Rhines Standpunkt wird auch heute mehr oder weniger modifiziert vom Großteil der wissenschaftlich arbeitenden Parapsychologen geteilt. Der ehrwürdige Streit zwischen "Animismus und Spiritismus", der noch bei Mattiesen eine so große Rolle spielt, hat schon lange seine emotionale Brisanz verloren. Die Parapsychologie ist nüchterner geworden, bescheidener, sie hat einen Prozeß der "Entideologisierung" durchgemacht. Sie hat gelernt, daß die Survival-Hypothese bis jetzt weder im induktiven noch im deduktiven Sinn verifizierbar oder falsifizierbar ist (vgl. Timm 1980, S. 250) - sie bleibt eine "offene Frage", wie 1982 der SPR-Präsident John Beioff anläßlich der Jahrhundertfeier der englischen Gesellschaft gesagt hat (Beioff 1983, p. 325). Nun ist es freilich unverkennbar, daß seit den siebziger Jahren das "Uberleben nach dem Tode" in der breiten Öffentlichkeit wieder im Kurs gestiegen ist. Es gibt die Thanatologie-Bestseller in der Art von Moody oder Kübler-Ross über Sterbeerfahrungen und "Nahtod"- Vorwort XXIII Erlebnisse (vgl. etwa Osis & Haraldsson 1978, Ring 1985). Doch alle darunter fallenden Berichte lassen "natürliche" Alternativerklärungen zu, die ohne Survival-Hypothese auskommen (vgl. umfassend und kritisch dazu Hövelmann 1985). Das gleiche gilt für die anderen "Evidenzklassen", die bei Mattiesen angeführt sind und die in der heutigen Forschung wieder verstärkt eine Rolle spielen: Erscheinungen, "außerkörperliche" (Exkursions-) Erfahrungen, Reinkarnationserinnerungen bei Kindern oder Xenoglossie-Fälle (Sprechen nichtgelernter fremder Sprachen). Der Diskussionsstand zu all diesen Fragen wird zum Beispiel bei Stevenson (1976, 1977), Roll (1980, 1982), Gauld (1982) oder Cook (1986) umfassend dargestellt. 1972 veranstaltete die "Parapsychological Association" auf ihrem damaligen Jahreskongreß ein Symposion zur Frage: "Welche Beweise,, wenn es sie gebe, würden Sie vom Uberleben überzeugen?" Einer der fünf Symposiasten, John Palmer, brachte die Problematik auf den Punkt, als er sagte (Palmer 1973, pp. 180/181): "Der einzige Beweis, der mich vollständig vom Uberleben überzeugte, wäre mein eigenes Uberleben, da für mich das Uberleben die Fortsetzung meines Selbstbewußtseins einschließen würde, das sich prinzipiell nicht durch objektive Mittel verifizieren läßt." So hat "der" Mattiesen, wie man sieht, nichts an seiner Aktualität eingebüßt. Er wird auch weiterhin als Klassiker gelten, weil bisher kein zweites Buch in deutscher Sprache eine solche umfangreiche Rezeptionsleistung des um das Thema "Uberleben" strukturierten Materials erbracht hat. In diesem Sinne "lebt" auch Mattiesen weiter. Kann man mehr verlangen? Freiburg, im August 1987 Eberhard Bauer XXIV Vorwort LITERATURVERZEICHNIS Bauer, E. & Lucadou, W. v. (Hrsg.): Psi - was verbirgt sich dahinter? Freiburg, Basel, Wien: Herder 1984 (Herderbücherei, Band 1150). Beioff, J. (Hrsg.): Neue Wege der Parapsychologie. 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Jene, die einerseits durch jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Sachgebiet sich ein Urteil erlauben dürfen, die andererseits das vorliegende Werk in seinem vollen Umfang gelesen und überdacht haben, sind sich weitgehend einig, daß Mattiesen das bedeutendste Werk parapsychologischer Forschung im deutschen Sprachgebiet darstellt, ohne damit die Leistung anderer Autoren in ihrer Art oder auf ihrem Einzelsektor der Forschung herabmindern zu wollen. Der Verlag war deswegen gut beraten, von einer Überarbeitung abzusehen, so, wie der Verlag Longmans, Green and Co., New York, das entsprechende englische Standardwerk von Frederic Meyers sogar nach einundfünfzig Jahren unverändert neu herausgab1). Es geht nicht nur darum, ob jemand im Gesamt der Einzelkenntnisse an Literatur verschiedener Sprachen Mattiesen gleich käme. Ein Autor hat durch eine lebenslange Beschäftigung mit seinem Stoffgebiet im günstigen Fall ein spezifisches Fingerspitzengefühl in der Bewertung und Einordnung der Einzeltatsachen, in dem niemand ihn einfach ersetzen kann. Dazu kommt bei Mattiesen ein außerordentlich klarer, logisch arbeitender Verstand, der sich selbst und dem Leser alle Aspekte eines Phänomens auseinanderlegt, auch gewisse scheinbare Kleinigkeiten, die oft so entscheidend für ein sachliches Urteil sind. Man vergleiche die Wirkungen, die ein noch so gutes kurzes Kompendium der Parapsychologie im Vergleich zu Mattiesen hat. In einen Fall wird oft *) Frederic W. H. Meyers: Human Personality and its survival of bodily death. Longmans, Green and Co., New York, 1954. 2 Bände (erste Auflage 1903). XXVIII Vorwort wohl ein größeres Wissen, im anderen aber eine tiefere Überzeugung vermittelt. Um letzteres zu erreichen müssen Autor und Leser sich Zeit lassen, woran in unserer hastigen Zeit so viele sachliche Urteile scheitern. Mattiesen hat Zeit und Raum nicht gescheut. Das gibt seinem Werk auch eine ihm eigene Form, einen spezifischen Rhythmus und Stil, der bei einer Kürzung und Überarbeitung verloren gehen müßte. Da Mattiesen aus dem Gesamtkomplex der parapsychologischen Probleme, wie Meyers, gerade jenes herausgreift, das in der Geschichte der Forschung und in seiner weltanschaulichen und existenziellen Bedeutung die größte Wichtigkeit hat, darf man hoffen, daß viele Leser die geistige Energie und die Zeit aufbringen, die ein solches Werk erfordert. Die Erfahrung zeigt, daß es sich auf jedem Wissensgebiet aber auch lohnt, vor allem das eine oder andere umfassende Standardwerk zu studieren, von dem aus man dann eine Grundlage hat, um Darstellungen von Einzelfragen in Büchern und Zeitschriften richtig zu werten und einzuordnen. Es kann auch gesagt werden, daß einerseits seit der ersten Auflage wohl weitergearbeitet wird, daß andererseits die Leistung Mattiesens heute von ebenso aktueller Bedeutung ist, wie bei Beginn des zweiten Weltkrieges. Ein kurzer Überblick über die Situation der Forschung seit 1945, was die einzelnen Länder und was die zentralen Probleme betrifft, mag dies beleuchten. Gehen wir den Weg vom Westen gegen Osten. So wie die Gründung der englischen Society for Psychical Research 1882 das wohl wichtigste Datum der Parapsychologie als Wissenschaft darstellt, bildet in unserem Jahrhundert das Jahr 1932 einen Markstein. Damals hat Prof. Rhine an der Duke-University in Durham, North Carolina, USA, sein Forschungsinstitut gegründet. Da für viele Menschen nur gilt, was im Experiment linter bestimmten Voraussetzungen an jedem Ort und zu jeder Zeit wiederholt werden kann, was mit statistischen Methoden ausgedrückt werden kann, begann Prof. Rhine mit seinen unzähligen Versuchsreihen zur Frage, ob es eine außersinnliche Wahrnehmung gäbe, denen sich später die Versuchsreihen mit den Würfelexperimenten anschlössen, um abzuklären, ob es Psychokinese, eine Wirkung der seelischen Energie auf die Materie ohne Werkzeug und auf Distanz hin gäbe. Zur Abklärung der ersten Frage wurden die sog. Kartenexperimente durchgeführt, d. h. die Versuchsperson mußte zu erfassen suchen, welche von 25 Karten, die je fünf eine verschiedene Zeichnung trugen, von einem menschlichen oder maschinellen Mischer im Moment auf den Tisch gelegt wurde. Die Experimente wurden seither Vorwort XXIX auch von verschiedenen anderen Forschungsinstituten durchgeführt. Rhine selber hat 1947 211111 erstenmal ausfuhrlicher über die Art und die Variationen der Experimente und die statistischen Resultate berichtet in: The Reach of the Mind, 1950 in erster Auflage deutsch erschienen2). Für gewisse Forscher und Autoren beginnt die eigentlich moderne Parapsychologie erst mit dieser rein quantitativen Methode. Außer auf Rhine sei besonders auf das Werk von Amadou verwiesen, das auch die diesbezügliche wichtigste neuere Literatur enthält3). Auch C. G. Jung hat in "Naturerklärung und Psyche" die Ergebnisse der Rhineschen Forschung ernst genommen, ohne aber die quantitative Methode zu überschätzen. Eine gewisse rückläufige Bewegung, was die Methode betrifft, zeigt sich auch an. Es ist das große Verdienst der quantitativen Forschung, viele naturwissenschaftlich orientierte Denker, die nur auf diese Weise ansprechbar sind, überzeugt zu haben: es gibt "Extra-sensory Perception" (ESP), "Außersinnliche Wahrnehmimg" (ASW), ja auch telekinetische Kräfte. Für die Gesamtheit dieser parapsychischen und paraphysischen Kräfte hat man den Namen Psi-Kräfte eingeführt. Was ins allgemeine Bewußtsein auch der Leute vom Fach wohl noch zu wenig eingegangen ist, ist das Ergebnis der Rhineschen Forschimg, daß Hellsichtigkeit leichter und häufiger ist, als Telepathie, die von Psyche zu Psyche geht. Bisher und weitgehend immer noch dachte und denkt man umgekehrt. Ein weiterer Markstein der neueren parapsychologischen Forschung ist die 1951 erfolgte Gründung der Parapsychology Foundation in New York, mit Eileen J. Garrett als Präsidentin, und der durch diese Foundation 1953 in Utrecht, Holland, organisierte und durchgeführte Kongreß. Die Parapsychology Foundation ist kraft der großen, umfassenden Konzeption, die sie bezüglich der Forschung vertritt, kraft des Kontaktes mit den Zentren und Gruppen aller Länder, dank des großen persönlichen Einsatzes der führenden Leute und der finanziellen Mittel, die sie zur Verfugung stellte, heute sicher die bedeutendste Forschungsstelle. Eigene Studiengruppen widmen sich den quantitativen Studien, den Beziehungen zur allgemeinen Psychologie, zu Anthropologie und Ethnologie, Philosophie und Religion, der paranormalen Heilung, den Spontan- *) Rhine: The Reach of the Mind, New York, 1947. - Deutsch: Die Reichweite des menschlichen Geistes, Stuttgart, 1950. s) Robert Amadou: Das Zwischenreich. Holle Verlag Baden-Baden, 1957. Bes. Seite 235-414, 512-529. XXX Vorwort phänomen und den pharmakologischen Grenzfragen. Die Foundation gibt drei Zeitschriften heraus: das für breitere Kreise geschriebene "To morrow", die "Newsletter" als Nachrichtenblatt der Foundation und neuerdings das wissenschaftliche "Journal". Ein Fünf-Jahres-Bericht zeigt die reiche Tätigkeit vom i. Januar 1954 bis 31. Dezember 1958. Diese und andere Veröffentlichungen sind in der entsprechenden Anmerkung genannt4). An der Abteilung für Soziologie und Anthropologie der gleichen Duke University, an der Rhine arbeitet, hat 1953 Pr°f- Hornell Hart eine Forschungsstelle zum Problem der Astralexkursion eröffnet. Natürlich ließ sich dafür nicht einfach experimentieren, sondern es mußte die geisteswissenschaftliche Methode angewandt werden, das Sammeln, Ordnen und Bewerten aller zum Thema irgendwie gehörenden Literatur mit den darin sich findenden Zeugnissen. Über zwanzig ausgewiesene Mitarbeiter haben möglichst umfassend die entsprechende Literatur ihres Sprachgebietes der Forschungsstelle von Prof. Hornell Hart zugeleitet. Angesichts der Fülle und der Qualität der Zeugnisse kam Prof. Hart zur Überzeugung, die Realität solcher Astralexkursionen oder Exteriorisationen sei für ihn eine wissenschaftliche Tatsache. Die entsprechenden Darlegungen bei Mattiesen finden dadurch eine neue Bestätigung. Natürlich arbeitet auch in Amerika, wie in anderen Ländern, die nach dem englischen Vorbild gegründete "Society for Psychical Research" weiter. In Südamerika gibt es, mit Sitz in Buenos Aires, zwei Zentren parapsychologischer Forschung: die 1949 gegründete Societad Argentina de Parapsychologia, und die Association Lumen mit ungefähr zweihundert Mitgliedern, wovon hundertzehn mit abgeschlossenen akademischen Studien, was Voraussetzimg zur vollen Mitgliedschaft ist. Gerade diese Vereinigung ist überzeugt, daß auch vor Rhine und unabhängig von der quantitativen Methode besonders von europäischen Forschern ernste wissenschaftliche Arbeit geleistet wurde, und will die Resultate von Männern wie William Crookes, Charles Richet, Cesare Lombroso, Gustave Geley, Schrenck-Notzing für unsere Zeit auswerten, wie Mattiesen es tat. Auch neue Zeugnisse zum Problem des nachtodlichen 4) Parapsychology Foundation, Inc., 29 West 57dl Street, New York, N.Y. veröffentlichte, außer den genannten drei Zeitschriften: Proceedings of the first international conference of parapsychological studies, 1955. 136 Seiten. Proceedings of four Conferences of parapsychological studies. 1957. 180 Seiten. Bibliography of Parapsychology, by George Zorab. 1957. 128 Seiten. Report on five years of activities. 1959. 60 Seiten. Vorwort XXXI Lebens werden gesammelt. In Südamerika lebte bis 1951 auch das erstaunlichste Medium der Neuzeit, Carlos Mirabelli, und Mattiesens Darlegungen werden neuerdings bestätigt durch die Untersuchungen von Dr. Hans GerlofF, der sich auf die Protokolle der Sitzungen der Academia Brasileia de Metapsichica in Rio de Janeiro und der Academia de Estudos Psichicos in Sao Paulo stützt6.) Wegen der außerordentlichen Verbreitung des Spiritismus in Südamerika hat die Forschung dort auch ihre ganz praktische Seite. In England arbeitet die dort 1882 gegründete Society for Psychical Research weiter, zum Teil in bewußter Zusammenarbeit mit der New Yorker Foundation. In den fünfziger Jahren hat Dr. West sich besonders an der Forschung über paranormale Heilung beteiligt, der alte Fachmann und Kritiker Dr. Dingwall untersuchte weiterhin die Geschichte der parapsychischen Phänomene auf den britischen Inseln und mit Trevor Hall und Mrs. Goldney zusammen wurden 1955 die Untersuchungen über die berühmten Spukphänomene in Borley Rectory der englischen Society vorgelegt. Prof. Roll in Oxford errichtete 1954 ein parapsychologisches Laboratorium. Die Arbeit des Institut Métapsychique International in Paris wurde durch den Krieg von 1940 an unterbrochen, bald nach dem Krieg aber wieder aufgenommen. In den fünfziger Jahren wurde der statistischen Methode nach dem Vorbild der Duke-University besondere Aufmerksamkeit gewidmet. 1954 wurde neu gegründet die "Groupe d'études parapsychologiques", bei der besonders Arzte und Theologen der verschiedenen Konfessionen mitarbeiten. Man begann mit Studiengruppen fur die statistische Methode, für die paranormale Heilung, für die biologischen Grundlagen der parapsychologischen Phänomene und für das Studium des Unbewußten, der Träume und Halluzinationen. In Italien arbeiten die 1937 gegründete und 1941 staatlich anerkannte Società di Metapsychica und die Assodatione Italiana Scientifica di Metapsychica, der vor allem bedeutende Mediziner zugehören. Die österreichische Gesellschaft für psychische Forschung hat 1947 die durch den Krieg unterbrochene Arbeit wieder aufgenommen. Die nordischen Länder, Schweden, Norwegen, Finnland usw. waren der parapsychologischen Forschimg gegenüber immer sehr aufgeschlossen und haben eine Reihe Forscher mit Namen, wie Björkhem, Forwald usw. ') Hans Gerloff: Das Medium Carlos Mirabelli. Eine kritische Untersuchung. Verlag: Dr. Hans Gerloff, Bayerisch-Gmain, Obb. i960. 160 Seiten. XXXII Vorwort Besonders ist aber Holland zu erwähnen. 1920 wurde der Studienverband für psychische Forschung gegründet, und, was besonders wichtig ist, die Universitäten zeigten sich der parapsychologischen Forschung gegenüber nicht verschlossen: von 1932 bis 1940 war Dr. Dietz Privatdozent für Parapsychologie an der Universität Leiden, und an der Reichsuniversität Utrecht war Dr. Tenhaeff von 1933 an zunächst Privatdozent und später Ordinarius für Parapsychologie, so daß Utrecht die Ehre hat, als erste Universität in Europa ein solches Ordinariat geschaffen zu haben. - Es war deshalb begründet, daß die "Erste internationale Konferenz für parapsychologische Studien", die von der Parapsychology Foundation in New York organisiert und finanziert wurde, gerade in der Reichsuniversität von Utrecht stattfand. In vier Gruppen wurde eine Woche lang gehandelt über die quantitative Methode, über die Frage der telepathischen, hellsichtigen und prophetischen Träume, über die physikalischen Grenzfragen und über die Frage des Mediumismus. Das heiße Eisen "Animismus-Spiritismus" wurde nicht berührt, ohne daß darin etwa eine prinzipielle Vorentscheidung der Foundation zu sehen wäre. Der Präsident des ganzen Kongresses, Murphy, hat im Jahre darauf in Zusammenarbeit mit der Foundation das eingangs erwähnte Werk von Meyers, eine Parallele zu Mattiesen, herausgegeben. Auch die Zeitschriften der Foundation lassen die verschiedenen Hypothesen zu Wort kommen. In Deutschland hat sich seit dem zweiten Weltkrieg für die parapsychologische Forschung der Ordinarius für Psychologie an der Universität Freiburg i. Br., Prof. Hans Bender, die größten Verdienste erworben. Er gründete 1950 das "Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene", und man möchte nur wünschen, es würde auch staatlicherseits jene Förderung erfahren, wie Holland sie der diesbezüglichen Forschimg zukommen läßt. In Hamburg hat in der Nachkriegszeit Prof. Anschütz die "Freie Forschungsgesellschaft für Psychologie und Grenzgebiete des Wissens" gegründet, die sich ebenfalls der Parapsychologie widmet, in Haimover hat die "Gesellschaft für metaphysische Forschung" ihren Sitz. - Da die Katholiken der Parapsychologie gegenüber ihre ganz spezifischen Probleme dem Dogma und der kirchlichen Disziplin gegenüber haben, wurde im Zusammenhang mit der Zeitschrift "Verborgene Welt" eine "Internationale Gesellschaft katholischer Parapsychologen" unter dem Ehrenvorsitz von Gabriel Marcel von der Académie Française und dem Präsidium des Unterzeichneten wenigstens Vorwort xxxm in die Wege geleitet6). Diese lose Bekenntnisgemeinschaft umfaßt etwa 200 Mitglieder und etwa 50 wissenschaftliche Mitarbeiter. Während die Westschweiz seit 1892 die "Société d'études psychiques de Genève" mit einem ziemlich reichen Schrifttum hat, haben die nüchternen Deutschschweizer wohl als letztes aller Länder westlich des eisernen Vorhangs erst 1952 die "Schweizerische Parapsychologische Gesellschaft" gegründet. Der Hinweis auf die wichtigsten Gesellschaften und Zentren fur die parapsychologische Forschung würde erst richtig abgerundet, wenn man alle Zeitschriften, die im Dienste dieser Forschimg stehen, und von denen die größeren Länder vor dem zweiten Weltkrieg acht, zehn und mehr aufwiesen, mitberücksichtigte, sowie die riesige Literatur, die von Kennern auf wenigstens hunderttausend große und kleine Werke geschätzt wird. Zeitschriften and Bücher veranschaulichen, daß seit dem zweiten Weltkrieg jene Impulse, die von Rhine und seiner quantitativen Methode ausgingen, wohl neue Aspekte und Wege der Forschung zeigen. Im Zusammenhang mit den dadurch neu unterbauten Tatsachen über Hellsehen und Telepathie zeigt sich die relative Unabhängigkeit der Tiefenschichten von Psyche und Kosmos von Raum und Zeit immer mehr als ein ganz zentrales Problem, wie in vielen anderen Zweigen der Wissenschaft. Ebenso klar zeigt sich aber, daß die alte Frage, ob die Parapsychologie etwas über das persönliche Überleben nach dem Tode aussagen könne, so aktuell ist, wie nur je. Tyrell, der nach jahrzehntelanger Mitarbeit 1945 Präsident der englischen Society for Psychical Research war, schrieb 1947 die vielleicht beste kurze englische Zusammenfassung über die Parapsychologie und sagt darin: "Die Phänomene der psychischen Untersuchung spitzen sich energisch zu in der Richtung: Mitteilungen der Verstorbenen"7). Zu einem ähnlichen Urteil kommt das vielleicht beste französische Kompendium der Parapsychologie, von André Dumas8), und das entsprechende in deutscher Sprache,von Peter Ringger9). Man könnte hundert Namen hier anfügen von Naturwissenschaftlern, Medizinern, Philosophen, Theologen verschiedener Bekenntnisse, die, oft nach langem Sträuben, im Wesentlichen zu den Auffassungen wie •) Die Geschäftsstelle ist beim Inhaber der Zeitschrift "Verborgene Welt", Josef Kral, in Schondorf bei München. ') Tyrell: The Personality of Man. "1948 (S. 205). 8) André Dumas: La Science de l'ftme. Edition Ocia. 1947. *) Peter Ringger: Das Weltbild der Parapsychologie. Waltrr-Verlag, Ölten und Freiburg, 1959. U i t t i e i i i , D u pmflnlifhf Überleben b XXXIV Vorwort Mattiesen gekommen sind. Trotzdem soll nicht der Eindruck erweckt werden, die Parapsychologie habe sich überhaupt zu einer einheitlichen Auffassung durchgerungen. Es gilt weiterhin, auf die Gesichtspunkte und Argumente der Animisten, die Spukphänomene und Sitzungsphänomene, soweit sie sie als Tatsachen annehmen, mit der Tiefenseele eines Menschen glauben erklären zu können, gut hinzuhorchen. Auch die Tradition aller Zeiten und Völker, besonders die christliche Tradition, die mit einem eventuellen Hereinwirken dämonischer Kräfte rechnet, kann wohl nicht mit einer Handbewegung einfach abgetan werden. Die Zukunft wird vielleicht mehr und mehr das geheimnisvolle In-eins transzendenter Kräfte mit den subjektiven Elementen des Seelengrundes herausarbeiten. Für viele Menschen aber geht es zunächst gar nicht um eine Angelegenheit der Theorie und Wissenschaft, sondern um ihr ganz konkretes, existenzielles Problem, ob für sie selber und ihre ihnen nahestehenden Menschen mit dem Tode denn alles aus sei oder nicht. Diese vor allem mögen, da es um ein so zentrales Lebensproblem geht, die Mühe nicht scheuen, sich einem so gründlichen Eingeweihten in die moderne Forschung anzuvertrauen, wie es Mattiesen ist. Über das im Titel genannte engere Problem hinaus ist für die ganze Weltschau bei ihm viel zu gewinnen. Gebhard Frei Ihr, die mir vorausgegangen Ich zweifle nicht an mierer Fortdauer. Jede Entelecbie ist ein Stück Ewigkeit, und die paar Jahre, die sie mit dem irdischen Körper verbunden ist, machen sie nicht alt. Goethe zu Eckermann. Die persönliche Fortdauer steht keineswegs mit den vieljährigen Beobachtungen, die ich Uber die BeschaJfenheit unserer und aller Wesen in der Natur angestellt, im Widerspruch ; im Gegenteil, sie geht sogar aus denselben mit neuer Beweiskraft hervor. Goethe zu Falk. VORWORT zur Ausgabe 1936 Wie in jeder werdenden Wissenschaft, so stehen auch in der Metapsychologie - der Erforschung 'übernonnaler' Leistungen und Erlebnisse - gewisse Tatsachen und Begriffe, die unter Sachkennern unbestritten sind, neben andern, über die ein Streit der Meinungen noch zulässig erscheint, die sich also zwischen den übersehbaren Bereich der feststehenden und den unübersehbaren der erst geahnten und erhofften Erkenntnisse als die lebendige Wachstumsschicht dieser Wissenschaft einschieben. In >hr aber bedeutet gegenwärtig die Frage des persönlichen Oberlebens das weitaus wichtigste Problem. Zugleich eins der ältesten und erregendsten. Von den Anfängen ernstlicher Erforschung des 'Übernormalen' an bis auf diesen Tag ist der Streit der 'Animisten' und 'Spiritisten' nicht zur Schlichtung gelangt; - wobei wir als Animisten, wie üblich, diejenigen bezeichnen, die alle metapsychischen Vorgänge auf besondere Kräfte Lebender oder auf über- bezw. unpersönliche Tatsachen quasi-psychischer Art zurückführen, als Spiritisten aber die Verfechter der Ansicht, daß gewisse metapsychische Vorgänge nur durch die Beteiligung persönlich fortlebender Abgeschiedener erklärt werden können. Ein Grund für die endlose Fortspinnung dieses Streites ist fraglos darin zu finden, daß die Gegner der spiritistischen Lehre die Auseinandersetzung beständig willkürlichen und unberechtigten Einschränkungen unterwerfen: entweder sie ergehen sich in leidlich abstrakten Erwägungen in bloß ungefährer Anknüpfung an Tatsachen der Beobachtung, 1 oder sie begnügen sich mit der Erörterung gewisser einzelner Beweismittel;2 während eine überzeugende Behandlung des spiritistischen Problems nur möglich ist bei entschlossenem Eindringen in letzte Einzelheiten von Tatsachen und bei zusammenschauender Berücksichtigung aller auf einen Punkt zustrebender Beweis- 1) So z.B. Saltmarah In einem vielbeachteten Aufsatz (Pr XL 105ff.). 2) So z.B. Prof. Doddi in Pr XLII 147 ff. Vorwort XXXVII verfahren. Ich will diese Behauptung hier nicht zu beweisen suchen: nur das ganze Buch kann von ihrer Berechtigung überzeugen. Bei dieser Sachlage habe ich es für ein lohnendes Unternehmen gehalten, die gesamte spiritistische Beweisführung, wie ich sie zu sehen glaube, in übersichtlicher Zusammenfassung darzustellen. Es ist jetzt 46 Jahre her, seitdem A. N. Aksakow im Streit mit E. v. Hartmann sich dieser Aufgabe unterzog, und mehr als 30 Jahre, seitdem in ihrem Dienste Frederic Myers den Riesenbau seiner metapsychologischen Synthese errichtete. Vor und gleichzeitig mit beiden - auch, wie mir scheint, nicht ohne befruchtenden Einfluß auf Myers - trug Carl du Prel die etwas buntgewürfelten Massen seiner Tatsachen zusammen und ordnete sie in ein System, dessen gedankliche Anregungen noch lange nicht genügend ausgeschöpft sind. Ihnen allen ist inzwischen der unermüdliche und scharfsinnige, in der Tatsachenkenntnis kaum zu übertreffende Ernesto Bozzano an die Seite getreten, der in zahlreichen Abhandlungen unser Problem von ebenso vielen Seiten her in Angriff nimmt und doch stets die inneren Zusammenhänge im Auge behält. Immerhin steht eine alles umgreifende Darstellung der spiritistischen Beweismittel auf Grund der seit Myers' Tode stark vermehrten Beobachtungen noch aus, und namentlich dem deutschen Leser gegenüber muß ein Ersatz für Aksakows unausbleiblich veraltetes Werk als dringendes Bedürfnis erscheinen. Es versteht sich von selbst, daß ein solches Unternehmen, angesichts der umfangreichen Arbeit, die schon auf unser Problem verwandt worden ist, in vielem von vornherein auf Neuheit der Gedanken verzichtet. Gleichwohl darf ich sagen, daß meine Darstellung sich sehr wesentlich über eine bloße Zusammenfassung erhebt. Nicht nur den inneren und äußeren Aufbau der weitverzweigten Argumentation und die planmäßige Auswahl und Zergliederung der Tatsachen darf ich als mein Eigentum bezeichnen, sondern auch die Ausarbeitung einzelner Beweisführungen weit über das von Vorgängern Geleistete hinaus, sowie die Einfügimg mancher bisher noch gar nicht oder nur ungenügend ausgewerteter Beobachtungen, die vielfach erst durch den Ort ihrer Einfügung in die richtige Beleuchtung rücken. Namentlich in der Herausarbeitung von Hinweisen auf den 'persönlichen' Sinn und damit die eigentliche aktive Quelle anscheinend spiritistischer - 'spiritoider' - Vorgänge; in der Erörterung der Begriffe zur Deutung aller Arten von 'Phantomen', nebst der logischen Verwertung der tierischen Phanto XXXVIII Vorwort matik;1 in der Durchforschung aller Tatsachen, die eine echte Mehrheit persönlicher Teilnehmer am Transgeschehen beweisen, einschließlich der mannigfachen Arten von 'Entsprechungen' zwischen mehreren Medien und der 'technischen' Unterscheidung der einzelnen Teilnehmer; in der Aufstellung einer allgemeinen Theorie der Transvorgänge, welche das darin beobachtete Gemisch animistischer und spiritistischer Bestandteile rechtfertigt und damit diese gegen mögliche Einwände sichert; endlich in der ausgiebigen Belegung und theoretischen Auswertung des überragend wichtigen Tatbestands der 'Exkursion' - in allem diesem glaube ich die spiritistische Beweisführung wesentlich gefördert zu haben, der ich überdies am Schluß des VI. Abschnitts einen ihrer schönsten Einzelfälle zuführe. Soweit diese persönlichen Beiträge zu unsrer Frage schon in Form von Zeitschriftenaufsätzen veröffentlicht vorlagen, wurden sie hier durchweg einer gründlichen Überarbeitung unterzogen, gekürzt oder erweitert, und somit in das Buch mehr eingeschmolzen als übernommen. Einige Worte über gewisse Voraussetzungen meiner Darstellung kann ich hier nicht umgehn. - Die logische Lage, in die sich der argumentierende Spiritist versetzt findet, ist eine seltsame. Die Frage nach dem Überleben ist seit unvordenklichen Zeiten von der gesamten Menschheit bejaht worden, und zwar nicht auf Grund von 'Überlegungen' irgendwelcher Art, vielmehr im Sinn des unmittelbaren Ausdrucks von Beobachtungen. Unsre Völkerpsychologen haben einigen Scharfsinn darauf verwendet, den Glauben an ein Fortleben auf Fehlschlüsse aus an sich bedeutungslosen Erfahrungen zurückzuführen: der Spiegelung des Menschen im Wasser, der Wahrnehmung seines Schattens, der scheinbaren Begegnung mit Abgeschiedenen im Traum, usw. Die so denken, sehen den Wald vor Bäumen nicht. Ruht doch vielmehr der Glaube an 'Geister' zu allen Zeiten und auf allen Kulturstufen auf genau den gleichen Gründen, wie der 'Glaube' an das Dasein der lebenden Mitmenschen: nämlich auf dem unmittelbaren Umgang mit ihnen vermittelst der Sinne. Eben darum ist für den unbefangen Urteilenden das Fortleben nach dem Tode, durchaus nicht ein Troblem'. Dazu wurde es erst, nachdem gewisse übereilte Urteile wissenschaftlicher Aufklärung die restlose Bindung seelisch-persönlichen Erlebens an einen stofflichen Leib zum Glaubenssatz erhoben hatten. Erst dieses Dogma hat der spiritistischen Annahme eine Beweislast auf- 1) Die a u s f ü h r l i c h e Fassung dieser Argumentation (vgl. i Kay. 11) bleibt einer ergänzenden Verolltittlichung vorbehalten. Vorwort IXL gebürdet, von der sie sonst völlig frei gewesen wäre. Denn nachdem die Bestreitung des Fortlebens durch die Wissenschaft - der die gesamte 'höhere Bildung' natürlich folgte - nicht länger sich damit begnügen konnte, die fraglichen Tatsachen überhaupt nicht zu,sehen, verlegte sie sich auf die verwickelte Ausnutzung eines ganzen Gewebes von Begriffen, mit denen sie hoffte, die nächstliegende Deutung spiritoider Vorgänge umgehen zu können. Diese Begriffe greifen heute, unter dem Zwange gesicherter Beobachtungen, weit über die Grenzen der 'rechtgläubigen' Psychologie hinaus, und da sie jedenfalls das Mindestmaß dessen darstellen, womit man den Kampf gegen die spiritistische Lehre auch nur versuchen kann, so habe ich selbstverständlich ganz davon abgesehn, die Tatsachen erst zu erhärten, auf die sich jene Begriffe berufen. Das heißt: ich setze alles an übernormalen Fähigkeiten und Vorgängen als bewiesen voraus, was der animistische Gegner ins Feld führt, um den spiritistischen Anschein von Beobachtungen zu zerstören. Daß es heute noch Viele gibt, die selbst von jenen übernormalen Tatsachen nichts wissen oder nichts 'wissen wollen', diese bedauerliche und beschämende Tatsache bleibt hier natürlich gänzlich außer Betracht Kein Vernünftiger, der etwas Wesentliches zu sagen hat, kümmert sich dabei um Unbelehrbare. Unsre Arbeit liegt in der Gegend vorgeschobener Posten der Forschung. Dies entbindet uns von jeder Rücksicht auf diejenigen, die ihrer ganzen Denkart nach in die wissenschaftliche 'Etappe' gehören, wo zwar die Sicherheit größer, die Fruchtbarkeit des Erkennens aber um so geringer ist. Über die Grundsätze, die ich bei der Auswahl der mitzuteilenden Tatsachen sowie in der Art ihrer Darbietung befolge, muß ich gleichfalls noch Klarheit schaffen. Es ist ja sattsam bekannt, worin die Hauptschwierigkeit für den besteht, der mit Erörterungen metapsychischer Dinge an die Öffentlichkeit tritt Je unwissender seine Leser oder Hörer sind, desto eilfertiger bezweifeln sie die Tatsachen, auf die er sich stützt, und entziehn damit seinen Überlegungen die Grundlage. Nichts ist 'kritisch genügend gesichert'. Überall wittert man Tehlerquellen', wenn nicht gar 'Betrug'. Von vornherein gewillt, alles zu bestreiten, nimmt man jeden einzelnen Bericht gesondert vor und unterwirft ihn einem Kreuzverhör, wie einen Schwerverbrecher, dessen Unglaubwürdigkeit ohnehin feststeht. Ein augenblickliches Stocken, eine einzige Lücke in den geforderten Aussagen - und das Opfer ist erledigt. XL Vorwort Da ich hier natürlich nicht eine ausgeführte Logik der Metapsychologie liefern kann, begnüge ich mich mit wenigen Sätzen, die den Standpunkt des Buches in diesen Fragen der 'Methode' andeuten. - Zunächst muß ich betonen, daß gerade die spiritistische Beweisführung auf weite Strecken hin mit einem Tatsachenstoff arbeitet, dessen Sicherungen von denjenigen keiner andern Wissenschaft überboten werden. Ich meine die von der heutigen Medienforschung so massenhaft experimentell erzielten 'automatischen' und Transschriften, bzw. Stenogramme von Transreden, wie sie zur Grundlage vieler Kapitel auch dieses Buches dienen. Dies sind Texte, 'authentischer' und fehlerfreier als die meisten, mit denen die beste Philologie sich abgibt, und nur die Ausfindigmachung ihres letzten Ursprungs bleibt Gegenstand der Erwägung. - Nicht ganz so günstig sind wir gestellt, wo unser Stoff aus 'spöntan' auftretenden, nur gleichsam im Fluge zu beobachtenden und nur aus der Erinnerung zu beschreibenden Vorgängen besteht Hier treten natürlich die mannigfachen Fehlerquellen ins Spiel, welche die Psychologie des Zeugnisses uns kennen gelehrt hat, und darum werde ich bei der Darbietung von Berichten dieser Art vielfach auf Umstände aufmerksam machen, die ihre Glaublichkeit im einzelnen verringern oder erhöhen. Aber auch hier muß man sich vor übereilten Verallgemeinerungen hüten. Es ist durchaus nicht wahr, daß alle Berichte über 'Spontanphänomene' unter den entwertenden Bedingungen der Überraschung, der Erregung, der nachträglichen Erinnerungsfälschung infolge eines 'Glaubens' u. dgl. m. Zustandekommen. Wir werden z.B. Spukfällen begegnen, die nach gründlicher 'Gewöhnung' der gebildeten und ungläubigen Hausgenossen mit durchdachter Sorgfalt und Gelassenheit beobachtet und fortlaufend in gleichzeitigen Aufzeichnungen beschrieben wurden. Auch solche 'starke' Fälle aber enthalten schon alles, was die der Bemäkelung offenliegenden dem Zweifler verdächtig macht. Sie gehören zu den außerordentlichsten ihrer Art und genügen bereits, die Gattung in etilen wichtigen Einzelheiten festzulegen. Diese starken Fälle geben uns daher die Berechtigung, auch wesentlich ähnliche, aber an sich minder bündig gesicherte Beobachtungen zu berücksichtigen, teils um den Eindruck der großen Verbreitung des Typs zu verstärken, teils um gewisse Einzelzüge ins Licht zu heben, deren erinnerungsfälschende Einfügung unwahrscheinlich ist, während ihre theoretische Fruchtbarkeit bedeutend sein mag.1 1) Ich bitte nicht zu vergessen, daß hier und im folgenden Immer von sog. Spontanphänomenen die Rede ist (Fernerscheinungen, Ich-Austritten, Spuken, Todesanmeldungen Vorwort XLI In der Tat wird man bei genauem Zusehn, zumal beim Rückgriff auf die angeführten Quellen finden, daß das ganze Buch durchzogen ist von einem festen Gerüst unangreifbarer Tatsachen, das für sich schon genügen würde, die Ergebnisse der Untersuchung zu tragen. Die meisten dieser Tatsachen stammen überdies aus den Veröffentlichungen der englischen 'Gesellschaft für psychische Forschung' oder ihrer amerikanischen Tochtergesellschaften, und der Fachmann weiß, welche strenge Aussiebung damit gewährleistet ist.1 Wer also hier oder da Berichte zu entdecken meint, die seinem kritischen Scharfblick nicht völlig standhalten, darf dennoch nicht hoffen, den Ergebnissen des Buches damit wesentlichen Abbruch zu tun. Nicht ehe er soz. alle vorgelegten Tatsachen zur Strecke gebracht hat, könnte er sich am Ziele wähnen. Aber auf dem Wege dahin würde ihm bald genug die Aussichtslosigkeit, ja Lächerlichkeit seines Unterfangens aufgehn. Er gliche einem Kinde, das einige sich füllende Wasserlöcher auszuschöpfen sucht, während unaufhaltsam die Flut heransteigt. Seien Vir doch ehrlich, ehe wir uns in eine kleinliche Buchführung über gute, mäßige und schwache Talle' verlieren. Es ist ja gar nicht an dem, daß Gewißheit auf unsrem Gebiet (wenn der Ausdruck erlaubt ist) nur aus kritischer 'Durchschnüffelung' von Einzelberichten entspringt Sie entspringt ebenso gut aus dem allmählichen 'Hineinwachsen' in das ganze Gebiet durch jahrelange Beschäftigung mit den unabsehbar gehäuften Zeugnissen. Der Zweifler mag einwerfen: eben diese Beschäftigung stumpfe den 'kritischen Sinn' ab, indem sie an das Unglaubhafte gewöhne und schließlich selbst das Unsinnigste glaublich objektiver Natur u.a.m.). nicht aber von den 'experimentellen' Untersuchungen an sog. physikalischen und Materialisations-Medien, bei denen die Frage des Betrugs und der sehr schwierigen Sicherung dagegen eine vordringliche Rolle spielt. Von diesen wird im vorliegenden Buche noch gar nicht gehandelt. 1) Zur Aufklärung des Unbelesenen sei folgendes bemerkt: Die Society for Psychlcal Research (S. P. R.) wurde i. J. 1882 von Prof. Will. Barrett, F. R. S. (Physiker der Dubliner Universität), Prof. Henry Sidgwick (Philosoph der Cambridger), dem Zoologen J . Romanes, FRS, u. a. gegründet. Unter den Ehrenpräsidenten der noch heute blühenden Gesellschaft findet man weitere bedeutende akademische Gelehrte, wie die Physiker Balfour Stewart, Sir William Crookes, SirOUver Lodge und Lord Raylelgh, sämtlich F.R.S., d.i. Mitglieder der Kgl. Gesellschaft, also soz. der englischen 'Akademie der Wissenschaften'; ferner den Psychologen William James (Harvard Universität), die Philosophen H. Bergson (Paris) und F. C. S. Schiller (Oxford), den Physiologen Ch. Richet und den Astronomen C. Flammarion (Paris), den Biologen und Philosophen Hans Driesch und den Erstminister (und Philosophen!) Lord Balfour. Auch unter den Mitgliedern der Gesellschaft finden sich zahlreiche Gelehrte von europäischem Ruf, und ihre tätigsten Forscher, wie Gurney, Myers, Hodgson, Piddington, G. W. Balfour, Irving, Soal u. a. m. waren durchweg Männer von gründlicher wissenschaftlicher Ausbildung. Die 'Verhandlungen' ('Proceedings') der S.P.R. sind heute bis zum 44. Bande gediehen, ergänzt durch etwa drei Dutzend Bände des 'Journal*. XLH Vorwort erscheinen lasse. Ich erwidere ihm nur: er mache den Versuch; und frage sich, nachdem er Tausende von Zeugnissen möglichst unbefangen gelesen, woher die Sinnesänderung stammt, die er unfehlbar in sich entdecken wird. Sie stammt erstens und zutiefst aus der unwillkürlichen Erkenntnis natürlich-einheitlicher Typen des Geschehens, die sich mit solcher Eintönigkeit von Bericht zu Bericht wiederholen, daß man sich schließlich zutraut, die Verdächtigkeit einer Einzelheit schon aus ihrem Abweichen vom Typ zu erkennen. Eben die durchgängige Einerleiheit der Aussagen aber ist es, was auch den einzelnen Zeugen entlastet. Erzählt mir jemand, dessen Zeugnis für mich nur wenig Gewicht besitzt, er habe in einem gewissen fernen Lande einen Baum mit blauen Blättern oder eine Hundeart mit zwei Schwänzen kennengelernt, so werde ich ihm keinen Glauben schenken. Treffe ich aber nach und nach Hunderte von Zeugen gleich geringen Gewichts, die alle in jenem Lande waren und unabhängig voneinander, mit dem Anschein guten Glaubens, aus eigener Beobachtung das Gleiche aussagen, so werde ich bald von den sonderbaren Tatsachen fest überzeugt sein. - Natürlich habe ich, im Rahmen eines bloßen Buches, auf diese Überzeugungskraft der Häufung fast ganz verzichten müssen, und der Hinweis auf weitere Fälle der jeweils besprochenen Art (in den Fußnoten) kann dies schwerlich ausgleichen; - wieviele Leser nützen denn solche Hinweise aus? Die wachsende Überzeugung dessen, der sich zweifelnd in die parapsychischen Tatsachen hineinliest, hat aber noch eine andre Quelle: nämlich die Entdeckung ihrer augenscheinlichen inneren Verknüpftheit unter einander: sie bilden einen natürlichen Zusammenhang, worin ein Teil das andre stützt und trägt Hierin erst recht liegt die Verurteilung jener Art von Kritik, die jede einzelne Beobachtung für sich zu zerreiben sucht. Nicht das 'logische Mikroskop' verschafft uns die letzte Gewißheit in metapsychischen Dingen, sondern gerade der Abstand, d.h. der zusammenschauende Blick echt wissenschaftlich gesinnten Denkens; denn alle wahre Forschung sucht zu verbinden und dadurch die Dinge aus der Sinnlosigkeit der Vereinzelung zu erlösen. - Was sodann die besondere Form der Darbietung des ausgewählten Stoffes betrifft, so wird sie durch darstellungstechnische Rücksichten bestimmt, d. h. letzten Endes durch die Rücksicht auf die Geduld und Fassungskraft des Lesers. Jeder Kenner unsres Schrifttums weiß, bis zu welchem Umfang die Darstellung und Beglaubigung eines einzigen me Vorwort XLin tapsychischen Spontanerlebnisses anwachsen kann, wenn sie allen Ausflüchten des Zweiflers begegnen soll. Die Einfügung jedes Talles' im vollen Wortlaut des Hauptberichts und aller Nebenzeugnisse würde aber auch das Verfolgen eines geschlossenen Gedankenganges sehr erschweren. Ich werde mich daher zumeist auf auszugsweise Wiedergabe alles für den Zusammenhang Wesentlichen aus den Hauptberichten (nebst allgemeinen Angaben über ihre Glaublichkeit) beschränken, jedes wirklich überflüssige Wort beiseitelassend, jedes die richtige Deutung fördernde mit peinlichster Sorgfalt beibehaltend. Jedes Wort, das ich zum Ausgleich der Striche oder zur Verdeutlichung des Angeführten auf Grund meiner Kenntnis der ganzen Urkunde hinzufüge, werde ich durch [Einklammerung] als von mir stammend kennzeichnen. Daß ich in den zahlreichen Übersetzungen mich der größten Sinntreue befleißigt habe, brauche ich nicht erst zu betonen. Niemand kann mehr als ich selbst bedauern, daß meine Beweisführung überwiegend mit fremdländischen Urkunden arbeiten muß. Aber wer trägt die Schuld daran, daß Deutschland auf diesem Forschungsgebiet im Rückstand ist? daß bei uns die Forderungen an wissenschaftlich brauchbare Zeugnisse der Masse möglicher Beobachter noch beinah unbekannt sind? Hait diese unfruchtbare Ahnungslosigkeit nichts zu tun mit der entmutigenden Feindseligkeit, die unsre öffentliche Meinung, zumal die 'wissenschaftliche', Tatsachen entgegenbringt, die Schopenhauer 'unter allen Erfahrungstatsachen ohne Vergleich die wichtigsten' nannte? - Mit dieser unsrer Rückständigkeit hängt noch ein andres zusammen. Es versteht sich von selbst, daß ich mir für den Meinungsstreit im einzelnen überall den jeweils stärksten Gegner ausgesucht habe; auch hier aber steht ein Ausländer an der Spitze: Frank Podmore, und erst in zweiter Linie konnte ich Richard Baerwald, den ergiebigsten und scharfsinnigsten unter den deutschen Animisten, vor die Klinge nehmen. Ich bedaure lebhaft, daß in beiden Fällen der Streit gegen Verstorbene geht, also keiner Erwiderung mehr Fähige. Aber das durfte mich nicht zurückhalten; denn ihre Irrtümer leben fort und machen Schule. Mit Prof. Dessoirs weitverbreitetem Buch dagegen habe ich mich nur ganz vereinzelt befassen können: bei seiner Kürze und seltsamen Oberflächlichkeit in der Behandlung gerade unsrer Frage bot es mir fast gar keine Angriffspunkte.1 1) Dr. F. Mosers 'Der Okkultismus' (2 Bde. 1935) lflOt 'die spiritistische Frage' ausdrücklich völlig beiseite t XLIV Vorwort Die Quellen meiner Tatsachen findet der Leser durchweg angegeben. Mancher Titel des Literaturverzeichnisses darf das Kopfschütteln des Kenners erregen. Genaueres Zusehn wird ihn aber belehren, daß aus diesen im Ganzen nicht wissenschaftlich ernst zu nehmenden Schriften nur jeweils die besten Brocken angeführt sind, und auch diese fast durchweg bloß als 'Kollateralfälle' in den Fußnoten. Etwas Brauchbares findet ja doch der geduldig Suchende in jeder Rumpelkammer. Einige von den Beispielen, an denen sich meine Argumente fortspinnen, haben schon in andern Werken verwandter Richtung Dienst getan. Solche Wiederholung ist nicht wohl zu umgehn. Aus den gewaltigen Archiven des Übersinnlichen sind natürlich durch die Arbeit Vieler die 'besten Fälle', d. h. die stärkstbezeugten und lehrreichsten, allmählich ausgesiebt worden, und einem Buche, das unter andrem auch bisher Geleistetes zusammenfaßt, wird man nicht zumuten dürfen, die schärfsten Waffen am Wege liegen zu lassen, bloß weil sie schon einmal im Kampfe benutzt wurden. Der Wohlbelesene ist daher berechtigt, einzelne der angeführten Beispiele zu überspringen und nur ihre theoretische Erörterung zu beachten, für die natürlich stets ich selbst die Verantwortung trage. Ich habe durchweg versucht, so schlicht und klar wie möglich zu schreiben. Sollten trotzdem gewisse Kapitel (vor allem wohl des IV. Abschnitts) auch dem geduldigen Leser einige Mühe machen, so wird man, hoff ich, nicht bloß die Darstellung, sondern auch die Verwickeltheit der Tatsachen selbst dafür verantwortlich machen; daneben aber die Künstlichkeit der Ausflüchte, zu deren Widerlegung mich der Gegner zwingt Das 'Ebnen der Wege' für den Fuß des Lesers hat seine natürlichen Grenzen, und schließlich ist eine große Wahrheit auch einige Anstrengung wert. Emil Mattiesen TERMINOLOGISCHE VORBEMERKUNGEN Fremdworte der Gelehrtensprache sind, soweit es mir möglich erschien, vermieden, eine geringe Anzahl dagegen bewußt und durchweg für gewisse Fachbegriffe verwendet worden. Diese werden jeweils bei ihrem ersten Auftreten erklärt, so daß ihre besondre Zusammenstellung unnötig ist. Nur folgendes sei noch zur Vorbereitung des nicht-gelehrten Lesers bemerkt. Mit dem herkömmlichen Ausdruck Medium bezeichne ich zunächst eine Person mit 'übernormalen' Fähigkeiten Oberhaupt; insbesondere aber eine, an der sich die Frage entzündet, ob sie, wie es den Anschein hat, als 'Vermittler' zwischen unsrer Sinnenwelt und einer Welt unsichtbarer Wesen diene. Angenommen eine solche, so läge sie offenbar nach ihrem Wesen oder 'Spannungspotential' so weit von der unsrigen ab, daß es in vielen Fällen eines lebendigen 'Transformators' bedürfte, um einen Verkehr zwischen beiden zu ermöglichen. Dieser Verkehr würde den Weg über das 'Unterb e w u ß t s e i n ' des Mediums nehmen müssen: jene durchaus noch rätselvolle seelische Gegend, in der die 'übernormalen Fähigkeiten' zu Hause sind, in der also auch nicht-sinnliche Einwirkungen von außerhalb der Persönlichkeit her 'angreifen'. Die Ä u ß e r u n g solcher Einwirkungen geschieht meist durch 'Automatismen', also etwa 'automatisches' Sprechen, Schreiben, Bilderablaufen, Erzeugen von 'Klopflauten' oder Bewegungen von Gegenständen. Dabei darf das herkömmliche Wort 'automatisch' nicht dazu verführen, diese Äußerungen als 'maschinenmäßige' aufzufassen: sie sind nicht weniger sinnvoll, lebendig und personhaft als jedes bewußt-persönliche Tun; nur treten sie dem Wachbewußtsein wie Leistungen eines fremden, zweiten Ich entgegen und sind dem wachen Willen größtenteils entzogen. Bringt ein abnormer Seelenzustand, ein ' T r a n s ' , dieses 'zweite Ich' soz. an die Oberfläche, unter zeitweiliger Ausschaltung des normalen Wachbewußtseins, so erweist sich jenes meist als 'Persönlichkeit' besondrer Prägung: entweder als eine mehr gewohnte, für den Trans zunächst bezeichnende: der ' F ü h r e r ' des Mediums, seine ' H a u p t k o n t r o l l e ' (oder schlichtweg 'Kontrolle'), oder aber als das angebliche Ich einer dem Medium völlig fremden und ungewohnten Persönlichkeit: eines Verstorbenen. Diese Persönlichkeit bezeichnen wir als den Kommunikator. (Dessoirs vortreffliche Verdeutschung 'Mitteiler' habe ich noch nicht zu übernehmen gewagt.) Es ist eine unsrer Hauptaufgaben, zu bestimmen, ob dieser Kommunikator mit dem bezeichneten Abgeschiedenen wesentlich identisch ist, sich als eben dieser zu ' i d e n t i f i z i e r e n 9 vermag, oder ob er nur eine lebensähnliche Perso XLVI Terminologische Vorbemerkungen nation, d. i. personartige 'Bildung' innerhalb des unterbewußten Bereichs des Mediums darstellt. Führer, Kontrollen und Kommunikatoren insgesamt sind also seine Transpersönlichkeiten, deren wahre Bedeutung es zu erforschen gilt. Alle diese Persönlichkeiten können durch den Mund des Mediums (automatisch) reden oder durch seine Hand schreiben; im letzteren Fall entweder in üblicher Weise mit dem Bleistift, oder durch (automatisches) Bewegen irgendeines 'Zeigers', eines rollenden oder gleitenden Brettchens u.dgl., auf einer Fläche, welche die Buchstaben des ABC in irgendwelcher Anordnung tragt (Planchette, Ouija, Psychograph u.a.m.), oder durch (automatisch erzeugte) Kippbewegungen oder Klopftöne eines Tischchens, deren Zahl die entsprechenden Buchstaben angibt und damit Worte und Sätze buchstabiert ('Tischsitzung'). In seltenen Fällen nimmt die Äußerung die Form der Erzeugung einer ' d i r e k t en Stimme' an, also im Räume hörbarer Worte ohne Verwendung der normalen Sprechwerkzeuge des Mediums; ein vielfach bezweifelter und doch nicht abzuleugnender, noch völlig unerklärter Vorgang ('Stimmenmedium', 'Stimmensitzung'). Alle diese Mittel ermöglichen eine regelrechte Unterhaltung zwischen den Transpersönlichkeiten und dem ' S i t z e r ' , dem mit dem Medium experimentierenden Lebenden. Im Falle von 'spontan', also außerhalb jeder Sitzung auftretenden Erscheinungen oder Phantomen dagegen bezeichnen wir den beobachtenden Lebenden als den Perzipienten (den 'Wahrnehmer') und sprechen von kollektiven Erscheinungen, wenn mehrere Perzipienten an der Beobachtung teilnehmen, von Telephanie, wenn die Erscheinung einen entfernten Lebenden darstellt, von veridiken - Wahres kündenden - Erscheinungen, soweit diese, oder Einzelheiten an ihnen, mit einem 'wirklichen' Vorbilde übereinstimmen. Die Frage, ob die Erscheinung von dem Erscheinenden selbst als dem 'Agenten' (etwa einer telepathischen Einwirkung) erzeugt sei oder aber von einem Dritten, ob sie also eine Autophanie oder eine Heterophanie (Selbst- oder Fremderscheinung) darstelle, ist, wie sich zeigen wird, eins der wichtigsten Probleme der Deutung von Erscheinungen. Endlich bezeichnen wir als 'para-' oder einfach als 'physikalische Phänomene' (nach dem üblichen englischen Fachausdruck physical phenomena) alle objektiven Gehörs- oder Bewegungsvorgänge, die nicht auf normale Art erzeugt werden und häufig an das Auftreten eines Phantoms geknüpft sind. INHALT Band I Seite Einleitung. Das Argument aus den Voraussetzungen des Animismus 1 Erster Abschnitt- Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener 10 1. Das Argument aus der Unbekanntheit der Erscheinung . . . 10 2. Das Argument aus der aktiven Darbietung des Erscheinungsinhalts . . , . 45 3. Das Argument aus der zeitlichen Lagerung der Erscheinung . 52 4. Das Argument aus der Verabredung der Erscheinung . . . . 59 5. Das Argument aus der Datierung der Erscheinung 70 6. Das Argument aus der Anteilnahme am Sterben Hinterbliebener 78 7. Das Argument aus dem sinnvollen Ort der Erscheinung . . . 101 8. Das Argument aus dem ortsgemäßen Verhalten der Erscheinung 110 9. Das Argument aus dem Verhalten der Erscheinung Ortsanwesenden gegenüber 124 10. Das Argument aus der inneren Motivierung der Erscheinung . 160 11. Argumente aus der Objektivität der Erscheinung 219 Zweiter Abschnitt Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten 223 1. Argumente aus Schreibfähigkeit und Handschrift 223 2. Das Argument aus künstlerischen Leistungen 242 3. Das Argument aus dem lebendigen Besitz von Fremdsprachen . 250 Dritter Abschnitt. Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen 279 1. Vorbereitende Tatsachenschau 279 2. Animistische Theorien der Personation und der Wissensbeschaffung ... 335 a. Die Personation 336 b. Telepathistische Theorien 343 c. Theorien des Gedankenlesens 356 d. Theorien des Hellsehens (Kryptaesthesie) 363 e. Obergang zu spiritistischen Argumenten 384 3. Das Argument aus der Selektivität der Kundgebungsinhalte . 389 4. Das Argument aus der aktiven Darbietung der Kundgebungsinhalte 407 5. Das Argument aus der Motivierung der Kundgebung 417 E i n l e i t u n g Das Argument aus den Voraussetzungen des Animismus Die Argumente zugunsten der Tatsache des persönlichen Überlebens - der 'spiritistischen These' - sind leidlich mannigfaltiger Art; der Anmarsch auf jene Wahrheit zu kann also auf verschiedenen Wegen angetreten werden. Wir werden sie alle nacheinander beschreiten, und ich hoffe, daß ihre Vielheit sich zuletzt als nicht nur planvoll angelegtes, sondern auch dem Gelände natürlich angepaßtes Straßennetz erweisen wird. Im Sinne solchen Aufbaus nun erscheint es mir notwendig, ein häufig vorgetragenes Argument an den Anfang zu stellen, das, wenn es bündig wäre, das Ergebnis vieler weiterer vorwegnehmen, uns also deren Mühen ersparen würde; ein Argument, das sich gerade auf die Voraussetzungen stützt, die dem Spiritisten und seinem gefährlichsten Gegner, dem vorgeschrittenen Animisten, gemeinsam sind; ein Argument also, das unsre 'These' unmittelbar aus den Tatsachen und Begriffen ableiten will, die der Gegner zu ihrer Widerlegung ins Feld führt. Ich habe schon angedeutet, und es leuchtet ohne weiteres ein: je mehr an übernormalen Fähigkeiten dem Menschen zugestanden wird, je weiter die Grenzen des Metapsychischen gesteckt werden, desto reicher ausgestattet ist die Rüstkammer der Waffen, mit denen eine spiritistische Deutung der Tatsachen, die sie zu fordern scheinen, bekämpft werden kann. Auch bin ich ja eben deshalb entschlossen, die Tatsächlichkeit übernormaler Leistungen im denkbar weitesten Umfang vorauszusetzen. Nur wer den stärksten Gegner schlägt, hat wirklich gesiegt. Eis ist nun, wie gesagt, und gerade von Meistern spiritistischer Beweisführung, seit längerem der Versuch gemacht worden, eben diese schärfsten Waffen unmittelbar gegen den Gegner zu kehren. Gerade die übernormalen Leistungsmöglichkeiten - so etwa lautet das Argument -, vermittelst welcher der Animist die anscheinend unvermeidbare spiritistische Deutung gewisser Tatsachen zu umgehen sucht, be- M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben 1 2 Einleitung weisen durch ihr bloßes Vorhandensein, daß der Mensch etwas in sich hat, was notwendigerweise den Tod überdauert. Die Fähigkeiten etwa des räumlichen und zeitlichen Hellsehens, die der Animist ja vielfach in seinem theoretischen Kampf voraussetzen muß, sind fraglos nicht im Laufe der 'irdischen' Entwicklung des Menschen e n t s t a n d e n ; denn sie äußern sich nicht annähernd bei allen Menschen und dienen nicht ihrer Selbstbehauptung in der Sinnenwelt; ebenso wenig sind sie und ihr Wirken ableitbar aus dem vergänglichen fleischlichen Leibe, der den Menschen in seine irdische Umgebung einschaltet. Sie müssen also einer andern, nicht-sinnlichen Welt entstammen und angepaßt sein, und beweisen damit, daß der Mensch schon hinieden der heimliche Bürger einer übersinnlichen Welt ist, aus der er natürlich durch den Verfall seines Leibes nicht ausscheidet, deren Bewohner er vielmehr erst recht nach seinem Tode wird. 'Wer einem Fall von Fernsehen', schreibt du P r e l , 'auch nur ein einziges Mal begegnet, ist logischerweise genötigt, einen Träger dieser Fähigkeit vorauszusetzen, und zwar einen vom leiblichen Menschen verschiedenen und unabhängigen Träger. Diesen kennen wir aber nicht; wir sind uns unsrer somnambulen [d. h. bei du Prel in diesem Zusammenhang: unsrcr Qbernormalen] Fähigkeiten nicht bewußt und können sie nicht willkürlich gebrauchen. Daraus folgt, daß unser [tagwaches!] Selbstbewußtsein sich nicht über unser ganzes Wesen erstreckt. Es steckt also in uns verborgen, unserem irdischen Selbstbewußtsein entzogen, ein Wesenskern, der eine durchaus andere Anpassung an die äußere Welt zeigt, als die leibliche. Er ist der Träger der okkulten Fähigkeiten. Wir sind also ein Doppelwesen, und die irdische Leiblichkeit samt dem leiblich bedingten Bewußtsein bildet nur die eine Seite unsrer Existenz. Damit lebt aber das Problem der Unsterblichkeit wieder auf, . . . [denn] der Tod beseitigt nur die irdische Form der Erscheinung; wenn wir aber Fähigkeiten besitzen, die nicht an der Leiblichkeit haften, so wird deren Träger vom Tode nicht betroffen... Hier wird es verständlich, in welchem Verhältnis der Somnambulismus [wir können wieder sagen: der Animismus, als die Lehre vom Ubernormalen im Menschen] zum Spiritismus steht. Der Somnambulismus läßt uns in uns selbst einen [Geist] entdecken, dessen Fortleben nach dem Tode uns gewiß erscheint.'1 Man findet den gleichen oder eng verwandte Gedankengänge auch bei andern Führern des wissenschaftlichen Spiritismus, am häufigsten und schärfsten gefaßt wohl bei Ernesto Bozzano. 'Niemand', sagt er z. B. in seiner Streitschrift gegen den entschlossenen Animisten Sudre, 'hat je daran gedacht, das Vorkommen der animistischen [Eine Erklärung der Titel-Abkürzungen findet man am Ende des Buches.] 1) du Prel. Spir. 9 I. Vgl. ders., Mon. Seel. 279 ff.; Ph. d. M. 429 IT.; Räts. 37. 66 ff. Voraussetzungen des Animismus 3 Tatsachen zu bestreiten. Aber diese stellen nur die eine Seite der Wahrheit dar, deren andre Seite die spiritistischen Phänomene bilden. Und die Gesamtheit dieser Phänomene leitet sich von einer einzigen Ursache her: 'dem menschlichen Geiste', der, wenn er als 'inkarnierter' handelt, die animistischen Phänomene, wenn er aber als 'diskarnierter' wirkt, die spiritistischen Phänomene erzeugt. Unter diesen Umständen ist es natürlich, daß man eine vollkommene Wesensübereinstimmung beider Gruppen von Phänomenen finden müsse.'1 - Und an andrer Stelle zitiert er aus Frank Podmore - bekanntlich fast zeitlebens der eingefleischteste aller Animisten - die folgenden schwerwiegenden Worte: 'Ob nun die Bedingungen des Jenseits es seinen Bewohnern gestatten oder nicht, zuzeiten mit den Lebenden in Verkehr zu treten, jedenfalls wäre diese Frage nur von untergeordneter Wichtigkeit, wenn wir auf Grund dem Geiste innewohnender Fähigkeiten beweisen könnten, daß das Leben der Seele nicht an das des Leibes gebunden ist. Wenn wirklich in Zuständen des Trans oder der Ekstase die Seele eine Kenntnis entfernter und verborgener Dinge erwirbt, die Zukunft voraussehn und in der Vergangenheit wie in einem offenen Buche lesen kann [lauter Fähigkeiten, mit denen, wie wir sehen werden, die Fortdeutung der spiritoiden Tatsachen heute unablässig rechnet], - dann kann man, da diese Fähigkeiten sicherlich nicht im Lauf der irdischen Entwicklung erworben sind, da die Umwelt ihrer Ausübung nur wenig Spielraum gewährt und ihr Auftauchen nicht rechtfertigt, - dann, sage ich, kann man offenbar mit Recht schließen, daß diese Fähigkeiten das Dasein einer Welt der höheren Anwendungsarten beweisen, und eine Entwicklung, die nicht durch unsre irdische Umwelt bedingt ist... Man braucht vielleicht nicht zu bestreiten, daß falls die Wirklichkeit von Vorschau, Rückschau, Hellsehen und andrer transzendenter Fähigkeiten der Seele bewiesen werden könnte, die Unabhängigkeit der Seele vom Leibe gewiß wäre.'2 Es ist zu verstehn, wenn Bozzano in diesen Worten des erbittertsten Gegners seiner eigenen Überzeugungen die Zugestehung des Satzes erblickte, daß der Animismus den Spiritismus b e w e i s e , 3 - vorausgesetzt natürlich, daß der Animismus selbst in dem Sinne bewiesen ist, in welchem Podmore ihn hier fassen müßte: nämlich als weitester Inbegriff übernormaler seelischer Fähigkeiten, die aus physikalischphysiologischen Vorgängen n i c h t abzuleiten sind; eine Ableitung, die Podmore für die T e l e p a t h i e ja annahm, die e i n z i g e metap s y c h i s c h e F ä h i g k e i t , die er z u g e s t a n d , - vielleicht eben deshalb a l l e i n zugestand, weil er s i e in sein vorgefaßtes Weltbild glaubte einordnen zu können. - Die neuere Entwicklung hat bewiesen (und dies Buch wird auch den Leser davon überzeugen), daß die Widerlegung des Spiritismus ohne die Zugestehung a l l e r von Podmore auf- 1) Bozzano, A prop. 211 f. Vgl. ders., CryptesthAsie et Survivance In RS Nov. 1925 it. 2) Podmore, Spir. U 359. Vgl. ders., Nat. 332. 3) A prop. 40. 1* 4 Einleitung geführten 'transzendentalen psycho-sensoriellen Fähigkeiten' garnicht erst versucht werden kann; man möchte also sagen, daß - in einer Art ahnungsloser Voraussagung - der stärkste Gegner des Spiritismus diesem sein allgemeinstes und kürzestes Argument im voraus zum Geschenk gemacht habe; ein Argument, das Bozzano bis zur Formel gesteigert hat: 'daß als wissenschaftlicher Beweis für das Dasein und Uberleben der Seele der Animismus sogar noch wichtiger und entscheidender sei, als der Spiritismus.'1 Wenn nur dies Argument die Durchschlagskraft wirklich besäße, die seine Vertreter ihm zuschreiben! - Ich halte zwar den Gedanken der innersten Verwandtschaft von Animismus und Spiritismus und insofern auch einer Stützung des letzteren durch jenen für wichtig und fruchtbar, und die nachfolgenden Untersuchungen werden dem Leser den genauen Sinn dieser Aussage eindeutig klarmachen. Ich werde auch selbst, und zwar am Ende unsres langen Weges, auf eine ganz bestimmte, fraglos 'animistische', also den Lebenden zugehörige übernormale Erfahrung eingehn, die in der Tat nach meiner Überzeugung einen unmittelbaren Beweis des Spiritismus in sich birgt. Gleichwohl glaube ich nicht, daß unser Argument in der Form, in der es eigentlich immer vorgebracht wird, als bündig bezeichnet werden kann. In dieser Form stützt es sich, wie wir sahen, auf den bedingten Besitz des Menschen an übernormalen Erkenntnisfähigkeiten. Aber schon bei der Voraussetzung unsres Arguments: daß diese Fähigkeiten weder der Sinnenwelt angepaßt seien noch dem Gehirn entsprängen, kann der Zweifel ansetzen. In ersterer Hinsicht mag man geltend machen, daß diese Fähigkeiten übernormalen Erkennens sich doch durchweg mit Dingen und Vorgängen der Sinnenwelt befassen. Das Vergangene und Künftige, das Verborgene und Entfernte sind zwar den gewöhnlichen Wahrnehmungsmitteln nicht zugänglich, aber sie sind doch durchaus von der Art, mit der auch diese zu tun haben. Jene Fähigkeiten wären insofern nur als Erweiterung der normalen Erkenntnisarten zu fassen - sucht Richet sie nicht insgesamt unter den Begriff der 'Kryptaesthesie', als des 'sechsten Sinnes', zu bringen? -, und wie diese würde auch ihre Erweiterung durchaus den Zwecken irdischen Lebens dienen. Ist nicht jeder Besitzer des 'sechsten Sinnes' im Vorteil vor seinen Mitmenschen, von den Berufs-'Schamanen' der Naturvölker bis zu den Kriminalhellsehern unsrer Großstädte? 1) ebd. 39. - Verwandte Gedankengänge s. Aksakow 626 f. 641 f.; Myers I 16 (§ 114). 487 1. II 274; Barrett in ASP 1904 382; Mrs. Sidgwick in Pr X X I X 247; Geley, Essai 58 f.; Hudson 251 ; Buchner in R B 1925 43. Voraussetzungen des Animismus 5 Aber auch die gänzliche Unabhängigkeit der übernormalen Erkenntnisfähigkeiten vom Gehirn müßte natürlich über allem Zweifel feststehn, ehe sie den Zwecken unsres Argumentes dienen könnte. Die Bezweiflung jener Unabhängigkeit nimmt nun meist die Form an, daß man alle Betätigungsformen übernormalen Erkennens auf eine einzige, nämlich auf Telepathie zurückführt, diese dann aber auf physiologisch- physikalische Vorgänge. Podmore, wie schon erwähnt, beschritt diesen Weg, und in Deutschland ist Baerwald mit größter Findigkeit im Einzelnen seinen Spuren gefolgt. Ich glaube allerdings, daß a l l e diese Rückführungen vergebliche Versuche bleiben müssen. Über die Aussichten einer solchen Flucht-in-die-Telepathie werde ich mich noch mehrfach zu äußern haben: wer sich darüber ganz außerhalb aller spiritistischen Fragestellung klar werden will, betrachte etwa Baerwalds qualenreiche Winkelzüge in jenen Kapiteln seines Werkes über 'Die intellektuellen Phänomene' (des Okkultismus), die sich die Wegdeutung der von ihm angeführten Hellseh- und Vorschau-Leistungen zur Aufgabe machen.1 Doch brauche ich hier auf sie nicht einzugehn, da ich das Argument, dem sie im günstigsten Falle Abbrach tun könnten, ja garnicht zu vertreten gedenke. Wird aber das Alleinrecht der Telepathie hinfällig, so verflüchtigt sich auch die Wichtigkeit, die ihrer physikalischen Deutung allenfalls zukommen könnte, - solange man nicht auch Hellsehn in Raum und Zeit für 'physikalisch' erklärbar hält. Daß Telepathie durch physikalische Begriffe nicht deutbar sei, haben unabhängig Tischner und ich zu beweisen gesucht.2 Es versteht sich von selbst, daß Baerwald gegen diese Beweise Sturm läuft;3 würden sie ihn doch seines einzigen und letzten Auskunftmittels berauben. Glücklicherweise kann aber auch dieser weitläufige Meinungsstreit hier außer acht bleiben, und zwar aus mehr Gründen als den eben angedeuteten. Die 'Hirnbezogenheit' - um es kurz so zu nennen - aller Arten übernormalen Erkennens kann nämlich noch mit ganz andern Begriffen verfochten werden, die sich vor der naiven Schwingungstheorie jedenfalls durch größere Tiefe und Weite der Schau hervortun. Dieser Versuch gründet sich auf die der Relativitätstheorie entsprungene Auffassung der Zeit als vierte Dimension des Raums, oder - besser gesagt - der Welt als eines vierdimensionalen Kontinuums, von dem der Mensch im normalen Bewußtseinszustande drei Dimensionen als Raum erfaßt, die vierte aber als Zeit. Die wahre Welt, im Gegensatz zur erschei- 1) S. 207 fl. 271 IT. 2) Tischner, Tel. 99 fl.; Mattiesen 370 ff. Vgl. Barnard 154. 169; Mrs. Sidgwick: Pr X X I X 247; Prof. Barrett- X X X 257 Í.; Lord Rayleigh das. 288. 3) Baerwald, Phän. 97 fl. 6 Einleitung nenden, wäre also als vierdimensionales, zeitlos 'statisches' System zu denken, worin alles 'Geschehen', jeder Zustand des Seins, 'auf ewig' irgendwo feststehend gegeben ist, während nur ein winziger Teil davon unsere 'gegenwärtige' räumliche Welt ausmacht. Die Vorstellung der Bewegung wäre somit zu ersetzen durch die einer vierdimensionalen Gestalt. Unser Begriff der wahren vierdimensionalen Welt schließt also das Dasein einer möglicherweise unendlichen Zahl gewöhnlicher dreidimensionaler Welten in sich, die irgendwo in geordneter Reihenfolge liegen, vielleicht parallel der unsrigen, vielleicht auch diese in einer oder vielen Ebenen schneidend,' gleichwie eine unendliche Anzahl 'ebener' Welten parallel zu einer zweidimensionalen Welt gelagert wäre, oder aber diese in einer oder in vielen Linien schnitte. Unser 'Leben in der Zeit' wäre demnach identisch mit dem 'sukzessiven' Bewußtwerden einer dieser parallel gelagerten Welten nach der andern, würde uns aber erscheinen als ein Leben in einer einzigen stofflichen Welt, die sich beständig in regelmäßiger Art und Weise veränderte; wobei der Gebrauch von zeit-anzeigenden Worten (wie im Obigen 'sukzessive', 'nach' und 'verändern') natürlich in einem 'neuen Sinn' zu verstehen wäre I1 Die Frage der metaphysischen Richtigkeit solcher Gedanken mag hier auf sich beruhen. Ich selber glaube sie durchaus verneinen zu dürfen; denn jene Gedanken deuten weder die Tatsache des nicht umkehrbaren Richtungssinnes der Zeit (vor allem im Bereich der organischen und seelischen Lebensvorgänge) noch die der Einzigartigkeit der 'Gegenwart', des 'Jetzt'. Der berühmte Minkowskische Gedanke scheint mir daher nur die Bedeutung einer gut brauchbaren Rechnungsart zu haben.2 Doch mag er hier, dieweil der Streit der Meinungen noch dauert, unter Vorbehalt zugestanden werden. In diesem eingeschränkten Sinne also will ich auf die naheliegende Nutzanwendung hinweisen, die sich daraus für die Theorie der übernormalen Erkenntnisleistungen ergibt, und dabei gleich die anscheinend schwerstverständliche Gattung derselben als Beispiel wählen. Um eine Vorschauleistung zu erklären, brauchen wir nur anzunehmen, daß der Seher, anstatt des 'unmittelbar folgenden' Augenblicks bewußt zu werden (d. h. des in unmittelbarer 'Nähe' der Welt des vorausgegangenen Augenblicks 'gelegenen'), vielmehr einen Ausschnitt aus einer 'weiter abgelegenen' Welt erblickt; wie wir als dreidimensionale Wesen doch beständig Dinge 'erblicken', die ein zweidimensionales Wesen, ein 'Wesen der Ebene' nur unter Zuhilfenahme von 'Zeit' zwecks Aufwärts- 1) Baraard 184 ff. Vgl. Dr. Carl in PS 1924 201 "., bes. 219; Seifert in PS L 125; Lord Rayleigh in Pr X X X 289. 2) Vgl. Born 220 f. und Bavink 135 f. 261 f. Voraussetzungen des Animismus 7 bewegung in der ihm normal unzugänglichen dritten Dimension wahrnehmen könnte. Und Gleiches gälte natürlich, mutatis mutandis, für alle Rückschauakte. Aber auch für sogenannte 'psychometrische' Leistungen, von denen bald ausführlicher gesprochen werden soll, also für die scheinbare Auslösung übernormaler Wahrnehmungen durch einen Gegenstand, könnte der obige Gedanke eine Deutung nahelegen. 'Hat das materielle Weltall vier Dimensionen, so ist jedes "Ding' . . . bloß ein dreidimensionaler Querschnitt eines vierdimensionalen Dinges, - was die Relativitätstheoretiker eine 'Weltlinie' nennen. Dieses Ding ist verwoben mit allen andern Dingen, mit denen jener Gegenstand je in Berührung gewesen ist, - genauer ausgedrückt: dieses Ding ist verknüpft mit allen andern Dingen, von denen irgendein dreidimensionaler Querschnitt in Berührung mit einem seiner eigenen dreidimensionalen Querschnitte gewesen ist -,'1 und unter diesen andern Dingen befindet sich natürlich auch alles, was die leibliche, geistige und biographische Person des Besitzers des Gegenstandes - seine gesamte 'Weltlinie' - ausmacht. Wäre dies alles als richtig vorauszusetzen, so ergäbe sich nun aber auch eine Möglichkeit (bisher, wie mir scheint, übersehen), das stoffliche Werkzeug irdischen Erkennens, unser rätselvolles Gehirn, gleichfalls in den Vorgang übernormalen Erkennens wieder einzuschalten, aus dem es eine idealistische Theorie des räumlichen und zeitlichen Hellsehens auszuschalten wünscht. Denn auch das Gehirn ja wäre ein 'vierdimensionales Ding' mit eigener 'Weltlinie', und auf Grund seiner ungeheuren baulichen und funktionellen Verwickeltheit noch weit inniger in den vierdimensionalen Weltzusammenhang verwoben, als ein lebloser 'psychometrischer Gegenstand'. Es würden also die angedeuteten Gedanken, sofern sie die Wirksamkeit solcher 'Gegenstände' erklären könnten, a fortiori auch die Beteiligung des Gehirns an der übernormalen Erkenntnisleistung - selbst an der scheinbar unfaßlichsten, der zeitlichen Vorschau - verständlich machen, ja fordern. Und es könnte uns dann die Aufgabe erwachsen, die aufdringlich seltsamen Begleiterscheinungen physiologischer Art zu erwägen, die eine solche Beteiligung anzuzeigen scheinen und m. W. bisher noch kaum im Zusammenhang gründlich erwogen worden sind: der heftige Kopfschmerz gewisser Hellseher während ihrer Wahrnehmungen, der Blutandrang Andrer im Kopf oder in den Augen, die Tränenabsonderung, die nachfolgende Erschöpfung, u. a. m.4 Nehmen wir nun aber an, daß eine solche vierdimensional-physiolo- 1) Barnard 191. Vgl. die weitaus früheren Ausführungen bei Pick und Beck. 2) Myers II 563 ff.; Pr V 520 Anm.; VIII 500; XXXV 398; Mattiesen 399. 8 Einleitung gische Deutung übernormaler Erkenntnisfähigkeiten sich nicht aufrechterhalten lasse (und auf diese Fähigkeiten gründet sich ja das hier erörterte spiritistische Argument); setzen wir also als erwiesen voraus, daß Hellsehn in Raum und Zeit uns wirklich (wie das Argument annahm) über den Bereich der Leiblichkeit hinaus in ein Gebiet 'rein geistiger' Leistung und Deutung geführt hätte: würde dann ein solcher Animismus zur Anerkennung des Überlebens im Sinne des Spiritismus zwingen? Die Frage muß, wie mir scheint, durchaus verneint werden. Zwar ein Reich 'rein geistigen' Wesens und Geschehens wäre durch die Voraussetzung gesetzt, aber ein Reich persönlicher Geister 'menschlicher Herkunft' brauchte dies nicht zu sein. Es würde genügen zu fordern, daß der Mensch vorübergehend aus dem unoder überpersönlichen Erkenntnisleben jener Geistwelt mit Bildern gespeist würde, um alles übernormale Schauen abzuleiten, auch ohne Annahme eines den Tod überdauernden persönlichen Wesens; erst eine solche Annahme aber erfüllt den Sinn der spiritistischen Lehre. Dieser Gedankengang setzt natürlich voraus, daß die 'Individualisierung' des Menschen erfolge auf Grund dessen, was mit dem Tode der Vergänglichkeit verfällt: also des Leibes; daß mithin nicht ein schon individualisiertes Geistiges erforderlich sei, welches, in jenem Leibe wohnend, den Eingebungen des Übergeistes offenstände und sie an den Leib und seine Welt vermittelte. Der Gedanke nun, daß ein über persönliches Geistiges sich in vielen Leibern eben durch diese in 'Individualitäten' spalte, scheint mir durch abstrakte Überlegungen nicht widerlegbar zu sein. Daraus aber folgt, daß das hier fragliche Argument uns nicht der Notwendigkeit überhebt, die Annahme einer den Leib bewohnenden und den Tod überdauernden Persönlichkeit durch besondere Schlüsse aus Tatsachen zu begründen. Die Formel 'Animismus beweist Spiritismus' erweist sich somit als unzulänglich. Doch wünsche ich noch einmal zu betonen, daß ihre Fruchtbarkeit mir damit nicht als völlig beseitigt gilt. Wir werden finden, daß der durchgängige Parallelismus zwischen der Betätigung Lebender und Verstorbener, sofern letztere an sich zu beweisen ist, diese Beweise unverkennbar verstärkt; und wir werden überdies, wie schon gesagt, auf wenigstens einen unstreitig den 'animistischen' Dingen zuzurechnenden Tatbestand stoßen, der wirklich einen unmittelbaren Beweis auch der spiritistischen These liefert. Darüber hinaus aber sollte jeder, der eine idealistische Theorie gewisser animistischer Tatsachen für richtig hält, sich wohl darauf besinnen, wieweit er damit wenigstens die Beweislast vermindert, die zunächst auf der Lehre vom persönlichen Oberleben ruht. Gibt es ein Reich der seelischen Tatsachen und Voraussetzungen des Animismus 9 Geschehnisse, das nicht aus physikalischen oder physiologischen ableitbar ist, so wird die Annahme mindestens erleichtert, daß auch persönliches seelisches Geschehen statthaben könne, ohne sich auf einen physiologischen Leib zu stützen. Und in die gleiche Richtung weist natürlich alles, wovon selbst die geltende Psychologie der Schulen behauptet, daß es über die hirnphysiologischen Dimensionen und damit Deutungsmöglichkeiten hinausgreiit. E r s t e r A b s c h n i t t Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener i. Das Argument aus der Unbekanntheit der Erscheinung Wenden wir uns von diesem Versuch einer mehr allgemein-begrifflichen Argumentation nunmehr anschaulich-bestimmteren Begründungen unsrer These zu. Ich sagte bereits, daß die Formen, in denen die- Abgeschiedenen sich als lebend erweisen, ungefähr die gleichen sind, in denen auch die Lebenden es tun. Sie zeigen sich uns; sie benehmen sich so, wie Lebende in ihrer Lage sich benehmen würden; sie reden zu uns in verständiger Weise; sie bringen Wirkungen an den Dingen im Räume hervor. Eine Abweichung zeigen sie besonders in ihren sprachlichen Äußerungen: bei richtig 'erscheinenden' Abgeschiedenen beschränken sich jene meist auf wenige Worte; wenigstens kenne ich vergleichsweise wenige Fälle ausführlichen Redens von 'Gespenstern', und nur sehr wenige, die einen hohen Grad von Glaubwürdigkeit erreichen. Dagegen scheint der sprachlichen Äußerung des Abgeschiedenen keine Grenze gesetzt zu sein, sobald sie durch Rede oder Schrift einer Mittelsperson - eines 'Mediums' - geschieht. Aber auch diese Art der Äußerung findet ja in der Selbstbezeugung der Lebenden ein leidliches Seitenstück: in dem Absenden eines Boten, dem Schreiben eines Briefes. Eben diese durchgängige Ähnlichkeit zwischen den Selbstbekundungen Lebender und Abgeschiedener ist es, wie schon gesagt, was das unvoreingenommene Urteil Unzähliger ohne weiteres vom Fortleben der Toten' überzeugt. Die eingehende Besprechung der eben aufgezählten Bekundungsarten Abgeschiedener - auch etwa in der Reihenfolge dieser Aufzählung - und die Erwägung aller möglichen Einwände gegen die 'unvoreingenommene' Deutung solcher Bekundungen - dies ist das nächste Vorhaben der Unternehmung, die ich jetzt ernstlich eröffne. Die 'Erschei JJnbekanntheit der Erscheinung 11 •ung' Verstorbener soll dabei als erste Form ihrer Selbstbekundung betrachtet werden. Eine solche Erscheinung erfolgt bekanntlich häufig bei vollem Wachsein des sie Schauenden - des Perzipienten, wie der Fachausdruck lautet -; häufig aber auch während eines abnormen Bewußtseinszustands desselben, mag dieser als Schlaf, Hypnose, Somnambulismus, Trans,1 Ekstase oder sonstwie bezeichnet werden. Es bleibe einstweilen dahingestellt, ob und inwieweit zwischen diesen verschiedenen Arten der Wahrnehmung grundlegende Unterschiede bestehen, und ob das Wahrgenommene in diesem und jenem Falle von gleicher oder verschiedener Natur sei. Ebenso wollen wir einstweilen außer acht lassen, daß in vielen Fällen das Erscheinen des Abgeschiedenen ein sehr seltenes oder gar einmaliges (etwa sogleich oder bald nach dem Tode) ist, in andern Fällen dagegen ein häufiges und dann meist ein eine bestimmte örtlichkeit gebundenes (man bezeichnet dies bekanntlich als Spuken); daß es in vielen Fällen ein spontanes, in andern ein experimentell herbeigeführtes ist. Wir wollen vielmehr zunächst bloß die Erscheinung als solche auf ihren etwaigen Beweiswert hin betrachten, d. h. unter dem Gesichtspunkt der Frage, durch welche Eigentümlichkeiten allenfalls die Erscheinung eines bestimmten Verstorbenen Hinweise auf sein persönliches Fortleben liefern könne. Es liegt auf der Hand, daß nicht jedes Erblicken, oder sagen wir: jede Wahrnehmung eines Abgeschiedenen (um gleich gewisse nicht-visuelle Erlebnisse mit einzuschließen) einen solchen Hinweis enthält. Die Möglichkeit rein subjektiver 'Halluzinationen' allein schon widerlegt ja einen so vorschnellen Gedanken; und wir wissen, daß die Fähigkeit zu halluzinieren durchaus nicht bloß bei Geisteskranken, Fiebernden, Berauschten oder Übererregten anzunehmen ist, sondern unter gewissen psychologischen Voraussetzungen auch in anscheinend ganz normalen Geisteslagen. Das gelegentliche Wahrnehmen eines Verstorbenen, den der Wahrnehmende gekannt hat, wird mein also ohne weiteres als halluzinatorische Verdeutlichung eines Erinnerungsbildes ansprechen, sofern nicht bestimmte Gründe eine andre Auffassung wahrscheinlicher machen. Ein erster Grund dieser Art nun scheint vorzuliegen, wenn Inhalte der 'Wahrnehmung' dem Perzipienten bislang unbekannt waren und doch als wirklichkeitsgetreu sich erweisen lassen; wenn also entweder ein völlig Unbekannter wahrgenommen wird, wie er zu Lebzeiten tatsächlich aussah, oder ein ehemaliger Bekannter mit 'richtigen' Einzel- 1) Da das Wort trence doch wohl auf das Lateinische (trans, transitus) zurückgeht, sehe ich keinen zwingenden Grund, die englische Schreibung beizubehalten. 12 Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener heiten, von denen der Perzipient bislang nichts wußte. Hier gelangt das unbefangene Urteil ohne weiteres zur Annahme einer Wirksamkeit des Verstorbenen, der sich 'zeigen' wolle und eine Erscheinung seiner selbst erzeuge - meinetwegen eine sog. halluzinatorische1 -, wobei sich das unbefangene Urteil mit gutem Recht darauf berufen kann, daß ja anscheinend auch Lebende eine 'Erscheinung' ihrer selbst - in der Ferne! - erzeugen können, die, wenn auch nicht dem Wahrnehmenden völlig unbekannt (denn Lebende haben ja selten Veranlassung, völlig Fremden zu erscheinen), so doch oft mit Einzelheiten ausgestattet ist, von denen der Perzipient normalerweise nichts wußte. Die Tatsache ist so gewöhnlich und wohl auch so allgemein bekannt, daß sie hier garnicht erst belegt und verdeutlicht zu werden braucht. Das einschlägige Schrifttum aller Zeiten ist erfüllt von ihr; Gurneys meisterhaftes Werk über die 'Erscheinungen Lebender' hat ihre wissenschaftliche Geltung unerschütterlich begründet, und die zahllosen Erlebnisse während des Krieges, die den Daheimgebliebenen ihre im Felde zu Schaden kommenden Nächsten im Augenblick der Gefahr oder des Todes als 'Phantom' vorführten - feist immer mit 'unbekannten' Einzelheiten, die über den Sinn des Geschauten keinen Zweifel ließen -, diese Erlebnisse haben der Tatsache der 'veridiken' - Wahres kündenden - Fernerscheinung Lebender von neuem eine traurige Volkstümlichkeit verschafft. 'Fern' aber ist uns ja auch der Verstorbene in einem besondern Sinn; und wenn er uns mit 'unbekannten Einzelheiten' oder gar als völlig Unbekannter erscheint, so legt sich der Analogieschluß nahe, daß er an solcher Erscheinung mit seinem Denken und Wollen, also seinem 'Interesse', genau so beteiligt sei, wie etwa der im Kriege Verletzte ein 'Interesse' daran hat, seinen fernen Lieben mit der blutenden Wunde zu erscheinen, um ihnen zu 'zeigen', was ihm zugestoßen ist. In allen solchen Fällen - handle es sich um Lebende oder Verstorbene - ist der Anschein unbestreitbar der, daß es der Erscheinende sei, der die Erscheinung eigentlich bewirke, daß er (wie man sagt) ihr 'Agent' sei, oder daß es sich (wie ich es ohne weiteres verständlich bezeichnen möchte) hier wie dort um Autophanien handle. Freilich mag man Gründe finden, diese offenbar vorauszusetzende Aktivität auf seiten des Agenten einzuschränken, etwa indem man ihm nur einen Anstoß, eine Anregung zuschreibt, die den Perzipienten zu einem Hell- oder Fernsehn veranlaßt, sodaß er es wäre, der die ihm unbekannten Wahrnehmungsinhalte aktiv erwürbe (anstatt sie von außen aufgenötigt zu erhalten). Eine Hellsehleistung dieser Art aber kann im Fall der Erscheinung eines Verstorbenen offenbar nicht an- 1) Doch soll damit noch nichts über das wahre Wesen solcher Erscheinungen ausgesagt sein. Unbekanntheit der Erscheinung 13 nehmen, wer nicht dessen Fortbestehn in solcher Art voraussetzt, daß er seinem 'Aussehn' nach, wenn auch auf übernormale Weise, wahrgenommen werden kann. Sollen also Erscheinungen Lebender und Verstorbener verglichen werden, so kommen dabei nur diejenigen Fälle der ersteren Gattung in Frage, bei denen die Erscheinung ganz und gar vom Erscheinenden erzeugt wird. Sofern dann der Animist die unbefangne spiritistische Deutung von Erscheinungen Verstorbener mit unbekannten Inhalten vermeiden will, muß er Quellen solcher Wahrnehmungen aufweisen, die weder in einem 'wahrnehmbaren' Fortleben des Verstorbenen gelegen sind, noch in seinem Willen zur Erzeugung der sinnlichen Vorstellung seines Aussehns zu Lebzeiten. Solcher Quellen hält der Animist heute, nachdem über derlei Fragen schon viel gedacht und geschrieben worden ist, hauptsächlich wohl zwei Arten in Bereitschaft: er sucht jene unbekannten Inhalte entweder aus dem Vorstellungsbesitze andrer Lebender abzuleiten, denen das Gesehene nicht unbekannt ist; oder aber aus irgendeinem Wissensbehältnis unpersönlicher bezw. überpersönlicher Natur. Im ersteren Falle läßt er uns die Wahl zwischen Aktivität und Passivität jener andern Lebenden; d. h. er nimmt entweder an, daß sie ihr Wissen auf den eigentlichen Perzipienten der Erscheinung 'telepathisch' übertragen, oder daß dieser es jenen Wissenden entnimmt durch 'Lesen' oder 'Abzapfen' von Vorstellungen, - Vorstellungen, die wohl in den meisten Fällen nicht 'aktuelle', bewußte sein werden, sondern nur gespeicherte, also Erinnerungen im Zustande der 'Latenz'. - Vergegenwärtigen wir uns etwas genauer, z. T. an Beispielen, die Möglichkeiten einer Umgehung spiritistischer Deutungen durch den einen oder den andern der bezeichneten Vorgänge. - Das wirklichkeitgetreue Schauen eines unbekannten Verstorbenen, dessen äußere Erscheinung einem Anwesenden bekannt ist, gehört zu den gewöhnlichsten Leistungen sog. Medien, und Belege ließen sich zu Hunderten geben. Fast jede 'Sitzung', in welcher das Medium überhaupt zum Schauen gelangt (also nicht bloß 'automatisch' schreibt, spricht oder klopft), zeigt uns den fraglichen Tatbestand; gleichgültig ob das Medium dabei wach ist oder in irgendeinem Transzustande. Es erblickt, wenn wach, einen 'Geist' an einer genau bezeichneten Stelle des Zimmers, etwa hinter, vor oder neben dem 'Sitzer', 'bei jenem Bücherständer', 'auf dem Kaminteppich' stehend,1 meist auch sich mit Mienen oder Gebärden betätigend, hört ihn des weitern auch Mitteilungen machen (was uns aber hier, als über 'Erscheinen' hinausgehend, noch nicht angeht). Das Medium beschreibt den 'Geist' dem Sitzer; 1) Hill, Invest. 28; New Evid. 44. 14 Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener tut dies 'persönlich', wenn es wach ist, oder die 'Transpersönlichkeit', die 'Kontrolle' tut es, wenn das Medium sich in einem Schlafzustand befindet: und diese Beschreibung ist fast immer so eindeutig richtig, daß der Sitzer oder sonst ein Anwesender die Erscheinung ohne weiteres erkennt und identifiziert; ja das Medium selbst ist stets imstande, wenn ihm ein Lichtbild des vermutlich Erschienenen vermischt mit zahlreichen anderen vorgelegt wird, das richtige sofort zu bezeichnen.1 Die Deutlichkeit und Lebendigkeit solchen Schauens ist selbst bei Wachsein des Mediums oft so groß, daß dieses sich kaum überreden kann, sein Kunde sehe nichts davon: 'Diese Gestalt', sagte Wilkinson einmal zu J. A. Hill, 'ist für meine Augen so wirklich, wie Sie selbst oder wie mein eigener Körper.'8 Und dabei ist auch dieses wache Schauen offenbar als irgendwie abnormes aufzufassen; denn Wilkinson ist kurzsichtig fast bis zur Blindheit, beschreibt aber häufig Einzelheiten, die er an einer entsprechend aufgestellten lebenden Person nicht sehen könnte.3 Daß die Erscheinung dem Medium im Trans wie lebend-wirklich erscheint, kann vollends nicht wundernehmen; hat man doch die Vermutung ausgesprochen, daß Traumbilder dazu nicht einmal besonders lebhaft zu sein brauchen, weil sie ja nie zum unmittelbaren Vergleich mit echten Wahrnehmungen gelangen. Als Deutung des beschriebenen Schauens nun legt sich die Annahme aktiver Vorstellungsübertragung von Seiten des Sitzers ohne weiteres nahe, so oft die Erscheinung die eines Verstorbenen ist, mit dem der Sitzer durch das betreffende Medium in Verbindung zu treten hoffte und wünschte, oder mit dem er - was ja sehr häufig ist - während einer Reihe von Sitzungen regelmäßig in Verkehr gewesen zu sein glaubt; denn in allen solchen Fällen dürfen wir die fragliche Bildvorstellung als in der Seele oder gar dem Bewußtsein des Sitzers gewissermaßen gespannt und übertragungsbereit vermuten, ähnlich dem zu übertragenden Inhalt in einem telepathischen Experiment. Prof. Ludwig Jahn z. B. gibt seinem Medium, einer Frau W., einen 'in Papier gut verhüllten Gegenstand', dessen Rolle hier zunächst außer acht bleiben mag; wir dürfen jedenfalls annehmen, daß Prof. Jahn bei dessen Überreichung an die ehemalige Besitzerin gedacht, sie sich vorgestellt habe. Frau W. gibt nun an, es handle sich um ein Buch, das 'von einem lieben guten Menschen' stamme. (Ob schon lange verstorben?) 'Ich sehe sie licht und hell... Sie sagt, sie würde etwas sagen, aber ich wäre schon zu 1) Pr XIII 417. 427; XXIII 275 ff.; XXVIII 83. 213 f. 249 f. 252. 273 f; Delanne, L'ame 73 (nach Rossl-Pagnonl und Dr. Moroni). 2) Hill, Invest. 71; vgl. 94. 3) a. a. O. "8. 227. - Zu dieser abnormen Art der Wahrnehmung vgl. z. B. Pr III 114 f ; X76; Gurney I 491. UnbekanntheU der Erscheinung 15 schwach. [Dies ist] ein frommes Buch, ein Gebetbuch. Sie hat das Buch nicht gekauft, sondern geschenkt bekommen . . . in Holland, . . . in ihrer Jugend an einem hohen, wichtigen Tage. Ich kann Ihnen auch sagen, wie die Dame aussah und wie sie gekleidet war. Hoch am Halse geschlossenes Kleid mit Börtchen, darunter eine Reihe Knöpfe, Rock weit, bauschig gerafft. Die Ärmel sind so: an der Schulter sind sie weiter, auch bauschiger, und werden nach unten hin eng. Das Haar ist gescheitelt in der Mitte. Die Haare bauschig, mal seitlich und mal mehr hinten, und dann ist es 'wie mit Zöpfen' gemacht. Zeitweise hat sie die Zöpfe auch auf dem Kopf.' - 'Sämtliche Aussagen (bemerkt hierzu Prof. Jahn) waren bis ins kleinste zutreffend... Und was die Porträtierung meiner Mutter anbetrifft, so könnte man danach fast ein Gemälde malen; sie entspricht genauestens den Jugendbildern aus der Mitte der sechziger Jahre. Die Mutter trug außerdem von ihrer Kindheit an bis zu ihrem Tode gedrehte Locken, Papilloten (holländisch krolle), eine Haartracht, die dem Nichtkenner 'wie mit Zöpfen gemacht' erscheint.'1 - Ist die Versuchung nicht groß, in der Beschreibung eine Wiedergabe der Erinnerung Jahns an jene 'Jugendbilder' zu erblicken? Ich schließe ein andres Beispiel an, welches den möglicherweise aktiven Bildlieferer nicht anwesend sein läßt, aber doch - wenn ich so sagen darf - in Wirkungsnähe, indem die einzige beim Medium anwesende Person, eine 'Sekretärin', welche die Aussagen desselben niederzuschreiben hatte, ja doch im Auftrage jenes möglichen Lieferers handelte, den wir also, wenn auch 'unterbewußt', als gespannt 'bei der Sache' uns denken mögen. Das Medium, Mrs. Garrett, beschrieb also den offenbar irgendwie geschauten Geist, den der Auftraggeber der Sekretärin, Mr. John F. Thomas, ohne weiteres als seine Gattin erkannte, etwa in folgenden Ausdrücken: 'Ich würde sie nicht groß nennen, und obgleich sie in ihren jüngeren Tagen recht lebhaft und reizend gewesen ist, ... und auch ein wenig rundlich, so ist sie doch in dem Alter, in welchem ich sie sehe, sehr abgezehrt, sieht älter aus, als sie ist, und das Haar, welches braun war, hat etwas von seinem Glanz verloren... Das Gesicht ist sehr dünn und grau geworden. Sie hat hellbraune Augen, . . . eine niedrige Stirn . . . Einige Fülle in den Backen, und auch die Bildung des Kinns verrät Willenskraft... Sie hatte sehr gute Zähne, und ein Lächeln verändert das ganze Gesicht', usw. Im ganzen wurden in dieser Weise 30 Einzelheiten bezeichnet, und Mr. Thomas nannte zusammenfassend die beschreibenden Angaben 'nicht nur richtig, sondern mit bemerkenswertem Geschick ausgewählt und mit richtig verteiltem Nachdruck und in den passenden Beziehungen zueinander dargeboten'. Sowohl Thomas als auch seine Tochter hatten das Gefühl, daß sie selber eine gleich gute Beschreibung nicht hätten liefern können.7 1) ZP 1931 240 f. 2) Thomas, J . F., Stud. 151. 16 Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener Th. darf als ein kritisch geschulter und äußerst sorgfältiger Forscher in diesen Fragen bezeichnet werden. Die anscheinende Selbstverständlichkeit des telepathischen Deutungsschemas hat nun aber ihre Grenzen. Wir nähern uns ihnen schon, wenn das Medium einen Verstorbenen wahrnimmt und beschreibt, dessen 'Erscheinen' den Anwesenden, der ihn gekannt hat, sehr überrascht, weil er es keineswegs erwartet hat; vennschon das Aussehn des Toten ihm soweit vertraut ist. daß er ihn nach der Beschreibung des Mediums sofort erkennt. Auch solche Fälle ließen sich fast in beliebiger Zahl anführen,1 und ich verzichte darauf nur, weil der Umstand, der hier problemaufrührend wirkt, sich ja in zahlreichen Fällen noch steigert; ich meine da, wo der Geschaute nicht nur zur Zeit dem Anwesenden nicht im Sinne lag, sondern wo dieser, wie er bezeugt, sehr lange 'nicht an ihn gedacht hatte', ja ihn - wie man wohl sagt - durchaus 'vergessen' hatte; wiewohl er jetzt, da er durch sein 'Auftreten' an ihn erinnert wird, sein Bild doch so weit aufrufen kann, daß eine Identifizierung gelingt; - oder wo sich der anwesende Sitzer gar trotz der Beschreibungen des Mediums auf gewisse Einzelheiten nicht besinnen kann (wiewohl er einmal um sie gewußt hat), sodaß etwa erst Dritte, Nichtanwesende gelegentlich die Richtigkeit auch jener Angaben bezeugen müssen (die dann auch dem Sitzer 'wieder einfallen').2 Indessen will ich auch diese Tatbestände nicht ausführlich belegen, da selbst mit ihnen die Aufgaben längst nicht erschöpft sind, welche die Theorie zu bewältigen hat. Wir kennen nämlich Fälle, in denen ein Medium (im Trans oder nicht) einen Verstorbenen wirklichkeitentsprechend schaut, den der anwesende Sitzer nie gesehn hat, dessen Bild er also auch aus seinen Erinnerungen nicht 'hergeben* könnte. Ich belege diesen Tatbestand zunächst mit einem Beispiel, in welchem ein 'Aufrufen' des Erscheinenden behauptet wird, was uns in mehr als einem Sinne theoretische Anregungen bieten könnte. Louis Alphonse Cahagnet, ein Pariser Handwerker (1809-85), der sich aber durch seine Schriften als genauer Beobachter, sorgfältiger Berichterstatter und geistvoller Kopf ausweist, experimentierte viel mit einem Medium, Adèle Maginot, die u. a. die Fähigkeit besaß, die verstorbenen Angehörigen ihrer Besucher im Transzustand aufzurufen und dann zu 'sehen'. Eines Tages, während sie im Schlafe lag, kam der Abbé d'Almignana zu ihr mit der Aufforderung, die vor einigen Tagen verstorbene Schwester seiner Pflegerin, namens Antoinette Carré, aufzurufen. Adèle beschrieb nunmehr deren Gestalt, die sie sah: Größe, Haar, anscheinendes Alter, die kleinen grauen Augen, die 'an der Spitze verdickte' Nase, die 1) S. z. B. den FaU "Robert West* Pr VIII 1041. 2) S. z. B. Hill, Invest. 561. 59; vgl. Pr XXX 359! Unbekanntheit der Erscheinung 17 gelbliche Gesichtsfarbe, den flachen Mund, den starken Busen, das Fehlen einiger Vorderzähne, die Schwärze der wenigen noch vorhandenen, einen kleinen Fleck auf der Backe, die Kleidung. Der Abbé, der die Verstorbene nicht gekannt hatte, zeichnete alle diese Angaben auf und las sie der lebenden Schwester Marie Françoise Carré vor, die ihre Genauigkeit bezeugte und sich nur des Flecks auf der Backe nicht entsinnen konnte. Aber ein ankommender Heimatgenosse, dem sie die Beschreibung vorlas, erkannte danach die Beschriebene und bezeichnete die Stelle des Fleckes, was diesen nunmehr auch der Schwester ins Gedächtnis zurückrief.1 Ich führe noch ein zweites Beispiel dieser Art an, da es sich empfiehlt, die Vorgänge um so reichlicher zu belegen, je seltsamer sie erscheinen. Der Rev. C. L. Tweedale, ein vielerfahrener Forscher in diesen Dingen, besuchte gelegentlich auf Reisen zwei ihm als Hellseher bezeichnete Personen - darunter einen Buchhändler - in Newcastle-on-Tyne, wohin ihn eigene Angelegenheiten geführt hatten. Beide 'sahen' u. a. eine ältere Dame neben Tweedale stehen, die sie nach Aussehen und Kleidung genau bei schrieben, einschließlich einer Brosche, 'deren Rahmenfassung aus geflochtenem Metall oder Gold bestehe; . . . der in der Mitte gefaßte Stein Ist ein großer brauner, mit weißen Streifen darin. Er sieht wie Marmor aus, aber ich glaube nicht, daß es Marmor ist'. Tweedale konnte nichts hiervon 'unterbringen', schrieb sich aber alles Geäußerte genau auf und erkundigte sich nach der Helmkehr zunächst bei seiner Mutter, aber erfolglos; dann brieflich bei seinem Onkel väterlicherseits, den er seit 24 Jahren nicht gesehen hatte. Dieser erwiderte, daß die ganze Beschreibung bis Ins Kleinste auf Tweedales Großtante Edna passe, die letzterer nie gesehen hatte. Die Brosche, die sie trug, hatte einen Stein aus sog. Derbyshlre- Marmor.2 Wie man sieht, sind in solchen Fällen wenigstens in der Ferne Personen vorhanden, die als 'Lieferer' der vom Medium beschriebenen Bilder in Frage kommen. Während wir aber im Falle d'Almlgnana allenfalls eine dieser Entfernten als an dem Experiment interessiert vermuten können, sträubt sich im Falle Tweedale unser logisches Gefühl durchaus dagegen, dem Entfernten (dem Onkel) die tätige Rolle beim Zustandekommen des Schauens zuzuschieben, weil wir keinen Grund sehen, irgendwo in seiner Seele den Antrieb zur Übertragung gerade dieses Bildes vorauszusetzen. Es erscheint daher sehr begreiflich, daß die animistische Theorie solchen Tatsachen gegenüber su einem neuen Begriff sich entschließt, dem zweiten In untrer obigen Aufstellung genannten: sie spricht von einem Lesen, Schöpfen oder Abzapfen des Bildes seitens des Schauenden aus dem Vorstel- 1) Cahagnet II 98 fl. (Üb. Cahagnets Vertrauenswürdigkeit i Myeri II £73). Vgl. Ber, Dial. Ge*. III 210. 2) Tweedale 245 "T.; vgl. 251 f.; Keene 23. Mattieren, Dai pcriönlicbe Oberleben 3 18 Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener lungsvorrat des Entfernten, dem das Bild bekannt ist, also aus der Gesamtheit seiner möglichen 'Erinnerungen'. Höchst rätselhaft freilich müßte dabei erscheinen, wie denn dem Schauenden das 'Auffinden' jener Bildquelle in einem ihm doch meist völlig Fremden möglich werde, und wir hätten, um dies zu erklären, wohl sogleich zu weiteren Hilfsannahmen zu greifen. Soweit meine Findigkeit reicht, müßten wir z. B. mindestens voraussetzen, daß die während der Sitzung in den Teilnehmern auftauchenden oder anklingenden Vorstellungen imstande seien, vermöge irgendwelcher 'Abstimmung' oder assoziativen 'Verwandtschaft' auf telepathischem Wege Vorstellungen und Bilder in Abwesenden 'aufquellen' zu lassen, die dann auf das Medium - sagen wir - telepathisch 'reperkutiert' würden und ihm die Erzeugung des Bildes ermöglichten. Dies würde indessen nötigen, der übernormalen Verbundenheit der Menschen (auch der einander unbekannten!) einen so hohen Grad zuzuschreiben, daß wir damit tatsächlich schon in die Nähe einer sehr viel weiter gehenden Deutungshypothese gerieten. Ehe ich jedoch diesen Gedankengang fortführe, möchte ich den eben behandelten Tatbestand um einen andern Schritt erweitern. Das wirklichkeitgetreue Sehen eines Unbekannten, dessen Aussehn nur entfernten Lebenden bekannt ist, verwirklicht sich ja nicht nur im Rahmen von Experimentalsitzungen mit einem Medium, sondern auch sehr häufig ganz spontan außerhalb jeder Erwartung überhaupt, soz. in der Freilufterfahrung eines Zufallsperzipienten. Gut verbürgte Fälle dieser Art liegen im Überfluß vor, und einige davon, z. T. wohlbekannt, seien hier kurz wiedergegeben. Ich stelle an den Anfang, knapp zusammengefaßt, ein Beispiel, in welchem die Unbekanntheit der Erscheinung sich nur auf eine Einzelheit derselben bezieht. Es wird gleichfalls von dem Rev. Tweedale berichtet und ähnelt dem eben wiedergegebenen Fall aus seiner Feder, weicht aber von ihm, wie gesagt, in der Abwesenheit jedes Mediums ab. T.s Großmutter starb am 11. Januar 1879, um 12.15 nachts. Um 2 Uhr, also l3/i Stunden nach erfolgtem Tode, 'sahen' (wie z. T. notiert wurde, z. T. aus der Mondstellung sich berechnen ließ) Tweedale und sein Vater die alte Dame, der letztere an seinem Bette stehend, der erstere scheinbar auf der Füllung eines Schrankes. Etwa gleichzeitig sah auch die Schwester des Vaters, 30 km von diesem entfernt wohnend, ihre Mutter. Tweedale jun. nun aber nahm an der Erscheinung eine 'Haube nach alter Mode, goffriert und aufgebläht' wahr. Von dieser Haube schickte er nach Jahren eine Zeichnung an seinen Onkel, der die Übereinstimmung mit der w&hrend der Krankheit und im Sterben von der Großmutter getragenen'schlagend' fand.1 1) Bei Flammarlon III 151 ff.'1 Im Hause dieses Onkels war die alte Dame gestorben. Vgl. den viel erörterten Fall Pr VI 17 ff. Vnbekanntheit der Erscheinung 19 - Der Umstand, daß die kurz zuvor Verstorbene d r e i e n Verwandten erschien, verdient für spätere Erwägungen im Auge behalten zu werden. Die Wahrnehmung einer unbekannten Einzelheit an einer im übrigen bekannten Erscheinung kann nun natürlich nie die gleiche Bedeutung haben, wie die Wahrnehmung einer gänzlich unbekannten Gestalt (war jene Einzelheit nicht zufällig richtig 'hinzuhalluziniert', oder doch einmal gewußt und nur vergessen?). Die folgenden Fälle gehören dem eindrucksvolleren Typ vollständiger Unbekanntheit der Erscheinung an. Mrs. Kate Clerke berichtet (im Jahre 1884), daß sie im Herbst 1872, während sie einige Monate lang mit ihren zwei Töchtern das Hotel Columella in Sorrent bewohnte, eines Abends, nachdem sie eben ein Umschlagetuch aus ihren Zimmern geholt, um die Abendkühle auf der Terrasse zu genießen, auf dem Rückweg dahin in einer zur Hälfte geöffneten zweiflügligen Tür die 'Gestalt einer alten Frau' stehen sah, 'reglos und stumm, . . . mit dem Ausdruck verzweifelter Traurigkeit, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte'. Sie erschrak, da sie eine Verrückte vor sich zu haben glaubte, und kehrte auf einem andern Wege zur Terrasse zurück. Auf ihren Bericht hin begab sich eine der Töchter an die Stelle, sah aber nichts. Als Mrs. Clerke am nächsten Tage den Frauen der beiden Besitzer des Hauses die Erscheinung beschrieb, schienen diese 'bestürzt' zu sein; aber erst der Gemeindepriester, der ihr 14 Tage später einen Besuch abstattete, versicherte ihr, als sie auch ihm die Erscheinung beschrieb, daß diese genau der früheren Besitzerin des Hauses entspreche, welche 6 Monate zuvor in dem über Mrs. Clerkes Zimmer gelegenen Raum gestorben war, und daß die Besitzerinnen dieselbe ebenfalls nach dem Bericht der Mrs. Clerke erkannt und ihm, dem Padre, von diesem Bericht erzählt hätten, da sie in großer Sorge waren, daß die englischen Damen deshalb ihr Hotel verlassen würden. Tatsächlich hatten sie ihren Gästen in den 14 Tagen manches Geschenk gemacht und viele Aufmerksamkeiten erwiesen, um sie ans Haus zu fesseln. - Mrs. Clerke gibt eine bis ins Kleinste gehende Beschreibung der Erscheinung und ihrer in jener Gegend ungewöhnlichen Kleidung ('ich hätte sie malen können, wenn ich Künstlerin wäre') und versichert, daß sie nie jemand am Orte getroffen, der ihr geähnelt hätte. 'Jedermann war überwältigt von meiner Beschreibung, selbst eine Dame, welche die alte Hausherrin gesehen hatte.' Mrs. Clerke hatte zuvor nicht an 'Geister' geglaubt, nie dergleichen gesehn, auch niemals Träume besondrer Art gehabt, und war nicht im geringsten nervös.1 Der folgende verwandte Fall stammt von einer ungenannt sein wollenden Bekannten des namhaften Schriftstellers C. C. Massey und des großen Zweiflers F. Podmore, der die Dame einem 'langen und eingehenden Verhör' unterzog. Ihr Bericht ist am 23. Nov. 1882, etwa 10 Jahre nach dem Erlebnis, aufgesetzt. - Sie verbrachte mit ihrem Gatten eine Nacht im Hause ihrer 1) Pr V 466 fl. (Nachgeprüft durch Podmore!) 20 Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener Tante in einer Vorstadt Londons, und zwar aus räumlichen Rücksichten im Zimmer ihrer Kusine, während ihr Gatte im Oberstock beim Sohn des Hauses schlief. Die Kusine, ehe sie die Besucherin verließ, bestand darauf, daß das Licht nicht völlig gelöscht werde. In der Nacht erwachte die Perzipientin In kaltem Schweiß und sah, bei der schwachen Beleuchtung, einen Mann dicht an ihrem Bette stehn, den sie für ihren Gatten hielt und beim Namen anrief. Als sie sich erhob, um das Gaslicht weiter aufzudrehn, war die Erscheinung verschwunden; die Tür erwies sich als verschlossen, und das Zimmer wurde erfolglos durchsucht. In der Meinung, geträumt zu haben, schlief die Perzipientin wieder ein, erwachte aber noch zweimal in kaltem Schweiß, sah die gleiche Erscheinung und konnte nunmehr 'die Gesichtszüge und das allgemeine Aussehn deutlich erkennen. Es war ein hoch- und gutgewachsener, angenehm aussehender Mann im Gehrock und mit einem langen rötlichen Bart.' Sie ließ nach der letzten Erscheinung das Gas voll brennen und schlief ohne weitere Störung. Als sie am Frühstückstisch von ihrem Erlebnis berichtete, rief ihre Kusine aus: *Nun, Mama, wirst du jetzt meiner Erzählung glauben? Ich sagte dir, daß es in dem Zimmer spuke.' Als die Perzipientin darauf zum ersten Mal das Speisezimmer betrat, sah sie das Bildnis eines Mannes, in welchem sie ihre Erscheinung wiedererkannte: es stellte, wie sie jetzt erfuhr, den früheren Besitzer des Hauses dar (ihre Verwandten hatten dieses möbliert gemietet), welcher einige Monate zuvor in ihrem Schlafzimmer an Delirium tremens gestorben war.1 Das Subjekt der folgenden Erfahrung, die Cambridger Professorin M. Verrall, gehörte zu den sorgfältigsten Beobachterinnen metapsychischer Vorgänge überhaupt. - Vier Tage nach dem Vorfall berichtete sie, daß sie, bei Freunden zu Besuch und eines Tages mit der Dame des Hauses ihren Platz in der Kirche einnehmend, 'plötzlich ein seltsames Gefühl hatte, daß etwas geschehen werde, und dies Gefühl bezog sich irgendwie auf den Chor der Kirche' ihr gegenüber. 'Sehr bald darauf hatte ich den deutlichen Eindruck der Gegenwart einer Gestalt, welche nahe der Südostecke des Chorraums stand. Dieser Eindruck dauerte während des größeren Teils des Gottesdienstes an... Ich hielt die Gestalt keinen Augenblick für einen wirklichen Menschen, mein Gesichtseindruck blieb sogar bestehen, wenn ich die Augen schloß. Die Einzelheiten waren im höchsten Grade deutlich, und Ich beobachtete und merkte mir die Erscheinung so genau, als ich irgend konnte, um sie später, wenn möglich, zu identifizieren. Die Gestalt verschwand nicht, sondern als ich wieder einmal nach ihr ausschaute, . . . war sie nicht mehr da, und keine Anstrengung meinerseits konnte sie zurückrufen.' Nach der Heimkehr beschrieb sie das Gesehene, ihr Gastfreund notierte ihre Beschreibung (dies sehr ausführliche Schriftstück liegt im Druck vor) und zeigte ihr, angeregt durch ihre Angaben, Bildnisse zweier Brüder aus einer Familie, die Mrs. Verrall 'völlig unbekannt' war und in deren 1) Pr III 101 f. Erkennung durch ein Bildnis auch in dem ZP 1931 457 aus PRFebr. 1931 wledergegsb. Fall. Unbekanntheit der Erscheinung 21 einem sie die gesehene Gestalt sofort wiedererkannte. 'In allen drei Bildnissen [dieses Herrn, darunter zwei Gemälden,] waren der Schnitt von Haar und Bart sowie die Form der Gesichtszüge und der Gesichtsausdruck sehr deutlich wiedergegeben.' Alle drei Bilder gaben nur Kopf und Schultern wieder; dagegen hatte Mrs. Verrall die Gestalt in einen Gehrock gekleidet und in besonderer Haltung gesehn: 'der rechte Arm hing lose herab, der linke war am Ellbogen gebeugt, quer über die Brust; diese Hand war behandschuht und wurde in der Richtung des Armes gerade gehalten. Der Eindruck dieser Hand und des Armes war der stärkste unter den empfangenen.' - Von einer besonderen Annhaltung des Betreffenden nun behauptete Mr. Z., der Gastfreund, nichts zu wissen, als Mrs. V. ihn danach fragte, ehe sie diese Einzelheit beschrieb. Innerhalb der nächsten Tage aber ergaben Nachfragen, daß E. D., der Gesehene, tatsächlich den linken Arm in der beschriebenen Art zu tragen gewohnt war: er hatte zu Lebzeiten stark gehinkt, und es ist, meint Mr. Z., 'etwas Gewöhnliches bei Hinkenden, den entsprechenden Arm quer über die Brust zu tragen'.1 Der hier abschließend einzuführende Fall - gleichfalls aus den unerschöpflichen Schatzkammern der'S.P.R.', der engl. Gesellschaft f. psych. Forschung - enthält eine seltsame Einzelheit, welche, falls wohlverbürgt, Probleme ganz neuer Art aufrollen würde: ich meine den Umstand, daß zunächst ein Lichtschein erblickt wurde, in solcher räumlichen Anordnung, als strahlte er von der gleich darauf gesehenen Gestidt aus, während diese selbst noch für die Perzipientin durch einen undurchsichtigen Gegenstand verdeckt war. Indessen ist der Bericht 15 Jahre nach dem Erlebnis abgefaßt, und ich will daher auf diesen merkwürdigen Umstand nicht das Gewicht legen, das er bei zweifelsfreier Beglaubigung oder im Zusammenhang mit andern ähnlichen Beobachtungen verdienen würde. Die Berichterstatterin ist die Gattin des englischen Obersten Lewin, Mrs. Margaret L.; auch sie hatte nie im Leben eine andre 'Halluzination' erlebt und war zur Zeit ihrer Erfahrung 'jung, kräftig und in vollkommener Gesundheit Leibes und der Seele'. - 'Eines Nachts [im Jahre 1868 während eines Aufenthalts an der Küste in St. Leonards] hatten wir einen schweren Sturm, das Wetter war bitter kalt, und ein Kaminfeuer brannte in meinem Schlafzimmer, als ich mich um 1/s ll zu Bette begab... Ich zog mich schnell aus, nachdem ich, meiner Gewohnheit gemäß, die Türen sorgfältig abgeschlossen hatte, konnte aber keinen Schlummer finden infolge des Rauschens von See und Wind. [Als ich nach einiger Zeit mich erhob, um ein Handtuch gegen das Eindringen des Regens am Fenster anzubringen,] bemerkte ich, daß das Kaminfeuer ausgegangen war; ich schürte es, versuchte aber vergebens, es wiederzubeleben... So muß ich ein paar Stunden gelegen haben, sehr verstimmt und müde, als ich mir einer an- 1) J S P R XII 290 fT. Beschreibung des Phantoms sofort aufgezeichnet. 22 Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener scheinenden Helligkeit im Zimmer bewußt wurde; das Bett, worin ich schlief, war ein altmodisches hölzernes mit hoher Mahagoni-Kopf- und Fußlehne..., und am Fußende des Bettes meinte ich ein Licht zu sehen. Ich dachte, das Feuer müsse von selbst wieder in Gang gekommen sein, und kroch auf den Knien an die hohe Fußlehne des Bettes heran, um Ober sie weg zu sehen, wie das wohl geschehen sein mochte. Ich dachte an nichts als das Feuer und war nicht im geringsten Grade nervös. Als ich mich auf meinen Knien aufrichtete und über die Lehne des Bettes blickte, sah ich mich Auge in Auge der Erscheinung eines Mannes gegenüber, etwa 3 Fuß von mir entfernt. Ich glaubte nicht einen Augenblick, daß es ein Mensch, sondern fühlte sofort, daß dies einer von den Toten sei. Das Licht schien von dieser Gestalt und rings um sie her auszustrahlen, aber die einzigen Teile, die ich deutlich sah, waren der Kopf und die Schultern. Das Gesicht werde ich nie vergessen: es war blaß, ausgemergelt, mit schmaler Adlernase, die Augen tief eingesunken und in ihren Höhlen mit eigenartigem Glänze schimmernd. Ein langer Bart war anscheinend mit einem weißen Wolltuch überwickelt, und auf dem Kopfe saß ein filzener Schlapphut. Ich empfing einen Nervenschlag; ich empfand, daß ein Toter mich, die Lebende, ansah, hatte aber kein Gefühl wirklicher Furcht, bis die Gestalt sich langsam in Bewegung setzte, als wollte sie sich zwischen mich und die Tür stellen; da überkam mich ein Grauen, und ich sank ohnmächtig hintenüber. .. [Als ich zu mir kam,] war das Zimmer völlig dunkel, und obgleich ich von der gespenstischen Natur meiner Beobachtung überzeugt war, machte ich Licht und untersuchte, um ganz sicher zu sein, sorgfältig das Zimmer, blickte unter das Bett, in den Schrank hinein und unter den Anziehtisch. Ich rüttelte an beiden Türen: sie waren verschlossen wie zuvor. Am Fenster lagen meine Handtücher unverrückt; der Kaminschlot war zu eng [für das Durchschlüpfen eines Menschen]... Vom Vermieter erfuhr ich, daß das Haus zuletzt während des vergangenen Winters bewohnt gewesen war, und zwar von einem jungen Mann mit galoppierender Schwindsucht. [Beim Aufblasen eines Faltboot-Luftbehälters] zerriß er sich eine Ader, wurde in mein Schlafzimmer geschafft und starb dort.'1 - Die Identifizierung der Erscheinung ist hier vielleicht nicht so bündig wie in den andern Fällen, aber immerhin leidlich überzeugend. Die Anführung von Fällen genau dieser Gattung könnte fast beliebig fortgesetzt werden. In den meisten der obigen sind offenbar die möglichen 'Lieferer' der Bildinhalte nicht einmal so weit entfernt wie in den zuvor beschriebenen Fällen von Trans-Erscheinungen; ja in einigen legt sich sogar der Gedanke an eine aktive Rolle dieser Bildlieferer nahe, sodaß wir mit diesen Beispielen vielleicht einen logischen Schritt rückwärts getan haben. In Mrs. Clerkes Fall z. B. käme die Besitzerin des Hotels in Frage, die ihre Vorgängerin doch wohl genau von Ansehn kannte; in dem anonymen Falle - die 'Kusine', die, wie wir 1) Pr V 463". Vgl. Lombroso 271. Unbekanntheit der Erscheinung 23 hören, sehr wohl wußte, wen das Bildnis im Eßzimmer darstellte. Im Falle der Mrs. Lewin wird niemand genannt, der entsprechend wirksam werden konnte; das ganze gemietete Haus wurde von ihr und den Ihrigen (Schwester und Kind) allein bewohnt; aber die vermietende Person wird sich wohl des darin verstorbenen Schwindsüchtigen auch bildhaft erinnert haben. Im Falle Verrall freilich liegt die Sache wesentlich schwieriger. Setzen wir aber auch voraus, daß ein möglicher Lieferer des Bildinhalts in allen Fällen dieser Art gegeben sei, so ist es doch noch eine weitere Frage, ob wir die Lieferung des Bildes von seiner Seite als einen wahrscheinlichen Vorgang mit einiger Natürlichkeit annehmen dürfen, sei es vermöge eines 'Schöpfens' von Seiten des Perzipienten (dies unser bisher äußerster Deutungsbegriff), sei es auf Grund einer aktiven Übertragung seitens des Bildkenners (dies der zunächst erwähnte bescheidenere Begriff). Vergessen wir nicht, daß Erlebnisse wie die geschilderten im Leben der betreffenden Freiluft-Perzipienten fast immer einmalige Erfahrungen darstellen, und nicht ständige und typische, wie bei den zuvor genannten 'Medien', denen wir daher eine entsprechende 'Begabung' zuzuschreiben geneigt sind. Würde man aber den Subjekten der letzten Fälle die Empfänglichkeit für Bildübertragungen seitens Dritter auch nur in mäßigem Grade zuschreiben, so müßte man ähnliche Erfahrungen auch bei ihnen leidlich häufig erwarten; in weit höherem Grade aber noch, wenn man ihnen die Fähigkeit oder gar Neigung zuschriebe, aus den Erinnerungen Dritter - Bilder unbekannter Personen zu schöpfen. Und was für die Bildschauenden gilt, das gilt mutatis mutandis auch für die angeblichen Bildlieferer. Welchen ersichtlichen Grund hatte z.B. in Mrs. Clerkes Fall die Besitzerin des Hotels zur Bildübertragung? Mrs. Clerkes Wahrnehmung war, wie aus dem Bericht ziemlich eindeutig hervorgeht, die erste überhaupt vorgefallene, wie denn auch die Befürchtung der Wirtin, ihre Gäste könnten das Haus verlassen, erst durch den Bericht der Perzipientin geweckt wurde.1 Im Falle des im Säuferwahnsinn Verstorbenen liegt es zwar nahe, die offenbare Angst der Kusine, ihre Besucherin möchte gleichfalls den Spuk sehen, als Erklärung für die Bildübertragung heranzuziehn; aber damit bliebe natürlich die Frage unbeantwortet, warum denn die Kusine etwas (wie sie selber meint) Spukhaftes in dem Zimmer gesehn hatte. Man mag eine schon bestehende Spukangst dieser Dame vermuten, angeregt oder vermehrt durch ihr Wissen um die garstige Todesart des in ihrem Zimmer Verstorbenen. Aber dös wäre nur eine Annahme, und eine Annahme, wie 1) Diesen Umstand übergeht Podmore bei seiner Bekrittelung des Falles (Pr VI 233)1 24 Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener sie in keinem der andern Fälle anwendbar ist. Auch wäre damit noch schwerlich das dreimalige Erwecktwerden der zweiten Perzipientin - in 'kaltem Schweiß'! - durch die Erscheinung erklärt. Zu solchen nächstliegenden Bedenken treten andre, die sich auf den vorausgesetzten übernormalen Vorgang selbst beziehen. Es mag noch hingehn, daß die benutzten Begriffe - 'Übertragen', 'Schöpfen' - in ihrer etwas hausbackenen Scharfumrissenheit keineswegs unbedenklich sind. Die Vorgänge sind schon auf den ersten Blick so rätselvoll und verschwimmend, daß es fraglich erscheinen muß, ob sie mit so einfachen Rubriken überhaupt auseinanderzusondern sind. Myers, der ja den Begriff 'Telepathie' erst schuf, faßte ihn jedenfalls sehr viel weitherziger, als nur das Hinüberreichen eines Inhalts durch A's Aktivität in B's Bewußtsein bezeichnend. Er umschrieb den Ausdruck telepathy als 'Gemeinschaftserleben auf Entfernung hin' - fellowfeeling at a distance - und fügte hinzu, 'die Annahme liege ihm fern', daß dieser Ausdruck und der verwandte telaesthesia - Wahrnehmungauf- Entfernung - 'bestimmten und klar gesonderten Gruppen von Phänomenen entsprächen oder das ganze Gebiet der übernormalen Fähigkeiten umfaßten. Im Gegenteil, ich halte es für wahrscheinlich, daß die Tatsachen der 'metätherischen' Welt sehr viel verwickelter sind, als die der materiellen...'1 Aber fassen wir 'Telepathie' auch in diesem freieren und reicheren Sinn auf, so könnte schon die Tatsache Bedenken wecken, daß wenigstens im Rahmen experimenteller Telepathie niemals eine auch nur annähernd so reichhaltige und genaue Bildübertragung gelungen ist, wie sie in den obigen Fällen anzunehmen wäre. Die experimentelle Bildübertragung, wie wir sie etwa aus den klassischen Versuchen von Guthrie, Birchall, G. A. Smith u. a. kennen,1 begnügt sich stets mit leidlich groben Zeichnungen, die ihrerseits nur mit sehr starken Abweichungen, ja zuweilen nur ihrem Sinne nach, also ohne wahre Gleichheit des Bildes, beim 'Empfänger' zum Vorschein kommen. Man weist zwar auf die bekannten Fälle willkürlichen und insofern 'experimentellen' Erscheinens in der Ferne hin, in denen das erzeugte Bild allerdings alle Einzelheiten des wirklichen Aussehens einschließt3 Aber sind hier die Perzipienten nicht fast immer gute Bekannte des Experimentierenden, denen sein Aussehn ohnehin vertraut ist, die also seine Erscheinung auf einen bloßen allgemeinen 'Anstoß' hin 'erzeugen' könnten? Eine solche Ausflucht erscheint mir jedenfalls immer noch sinnvoller, als Podmores unhaltbarer Gedanke, die Übertragung 1) Myers I 136. 2) Gurney I 36 fl.; Pr I 78 fl. 161 ff. 175 11. Für deutsche Leser manches bei Baerwald, Phän. 51 (t. 3) Podmore, Nat. 112 ff. Unbekanntheit der Erscheinung 25 des Eigenbildes beruhe auf jenen 'ständigen und massiveren (!) Vibrationen, welche vermutlich der Vorstellung [des Agenten] von seiner eigenen Persönlichkeit entsprechen'.1 Aber auch im Bereich der sogenannten 'spontanen Telepathie' liegt die Sache bekanntlich ebenso, d.h. anders als bei der experimentellen Übertragimg gegenständlicher Bilder: spontane Fernerscheinungen Lebender - phantasms of the living -, auch wenn sie von 'Fremden' gesehen werden, gleichen den angenommenen 'Sendern' meist offenbar 'aufs Haar' (eine Tatsache, die wiederum so gewöhnlich und vertraut ist, daß ich sie nicht zu belegen brauche). Indessen muß ich auch hier bemerken, daß die Bezeichnung solcher Vorgänge als 'telepathischer', d. h. als Bildübertragung vom Gesehenen auf den Schauenden, keineswegs als selbstverständlich gelten kann. Es ist schon längst und häufig darauf hingewiesen worden,8 daß doch die Wahrnehmungen des Perzipienten in solchen Fällen niemals mit den augenblicklichen 'Vorstellungen' des angeblichen 'Agenten' übereinstimmen, der ja häufig samt seiner augenblicklichen Umgebung soz. 'von außen' geschaut wird. Wird er inmitten seiner Umgebung geschaut, so könnte man oft an ein - durch den Geschauten bloß angeregtes - Fernsehen des Perzipienten denken. 'Erscheint' er dagegen allein und losgelöst, so entstehen ganz andre Probleme, die uns bald bestürmen werden: jedenfalls aber ist auch hier von einer wirklichen Übereinstimmung des vorstellungsmäßigen Erlebens auf seiten des Geschauten - A - und des Schauenden - B - gar keine Rede. Wenn A von einer Kugel durchs Herz getroffen am Boden liegt und der ferne B ihn etwa gleichzeitig in einer Ecke seines Zimmers stehen sieht, die Augen auf ihn gerichtet und mit der Hand auf einen Blutfleck am Waffenrock deutend, so hat sich zwischen diese beiden Erlebnisse offenbar irgendein Vorgang eingeschaltet, der sich einstweilen noch völlig unsrer Einsicht entzieht. Es mag sich um die dramatisierte Ausgestaltung einer abstrakten Wissensübertragung, es mag sich aber auch um ganz andre Dinge handeln: jedenfalls tun wir gut, den Tatbestand zunächst in unverbindlicher Weise zur Kenntnis zu nehmen und nicht mit dem üblichen 'klipp und klaren' Begriff der Telepathie - als 'Vorstellungsübertragung' - zu präjudizieren, Ich werde solche Vorgänge, weil der am Erscheinen zunächst Interessierte und der Erscheinende hier in einer Person zusammenfallen, auch künftig als Autophanie bezeichnen (womit über den wesentlich zweideutigen Ausdruck 'Telephanie' hinausgegangen wird). Die Festlegung dieses Begriffs aber regt sogleich eine andere Fassung 1) Podmore, App. 390. 2) Von mir z. B. Mattiesen 387. 26 Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener unsres Bedenkens an. Nach den vorgetragenen animistischen Deutungen unsrer Fälle handelt es sich natürlich nicht um Autophanien; kann es sich garnicht um solche handeln, weil die Verstorbenen, als. nicht existierend, auch nicht die an ihrer Erscheinung 'zunächst Interessierten' sein können. Der Animist ist vielmehr durch die Fälle lebenstreuer Totenerscheinungen gezwungen, dem Vorgang der 'Heterophanie', also der Erzeugung oder Hergabe der Erscheinung eines Andern, die gleiche mögliche Vollkommenheit der Wirklichkeitstreue zuzuschreiben, wie sie die Autophanie unstreitig immer besitzt. Die Frage nun, ob solche vollkommene Heterophanie überhaupt möglich sei, erscheint noch keineswegs geklärt, vor allem wenn man dabei das aktiv-telepathische Schema zugrunde legt, welches im allgemeinen noch aussichtsreicher erscheint, als das des 'Schöpfens'. Zum mindesten scheint der fragliche Vorgang so selten zu sein, daß man bei seiner Verteidigung immer wieder auf dieselben Paradefälle stößt, die vielleicht nicht einmal ausreichen, die fragliche Tatsache zu erweisen (denn wie leicht ließe sich für so seltene Vorgänge noch eine andre Deutung zurechtlegen!). Myers, in seinem klassischen Werk 'Die menschliche Persönlichkeit', nimmt diesem Tatbestand gegenüber seltsamerweise nicht überall die völlig gleiche Haltung ein. Einmal1 scheint er für die telepathische Übertragung einer Fremderscheinung alle beweisenden Beobachtungen zu vermissen und bezeichnet den alten Fall des Assessor Wesermann (auf den ich gleich zu sprechen komme) als den einzigen, 'wo ein Agent eine halluzinatorische Gestalt oder Gruppe von Gestalten erzeugt hat, die nicht wenigstens seine eigene einschloß'. An andrer Stelle2 führt er ohne Widerspruch die Meinung der Verfasser des Berichts über die englische Halluzinationen-Umfrage an: 'Die bloße Tatsache, daß eine Erscheinung eine bestimmte Person darstellt, beweist nicht, daß diese Person der Agent sei. Es ist möglich für den Agenten, das Bild irgendeiner dritten Person auf einen Perzipienten zu übertragen...';3 und er verweist auf mehrere Fälle, die eine solche Deutung nahelegen, wennschon nicht eindeutig beweisen.4 Auch für die gleichzeitige Mit Übertragung von Fremdbildern neben dem Eigenbilde des Agenten gibt Myers wenige und verstreute Belege, z. B. den Fall des sterbenden Seemanns Pearce, neben dessen Lager ein andrer Seemann, D. Brown, das Weib, zwei Kinder und die Mutter des Sterbenden 'trauernd' erblickte,5 - was mir indessen nicht so viel zu beweisen scheint, als hier bewiesen werden müßte; denn Brown kannte die Familie des Pearce 'sehr gut', und daß er die Mutter sagen hörte, ihr Sohn werde am Donnerstag um 12 Uhr mittags in 1400 Faden Wasser bestattet werden, scheint noch eher auf ein symbolisches Vorgesicht des Brown zu deuten, als auf eine Vorstellungsübertragung seitens des Sterbenden. 1) II 30. 2) II 345. 3) Pr X 260. 4) das. 223. 281; vgl. 260-3. 5) Gurney II 144 f. Unbekanntheit der Erscheinung 27 Immerhin muß man zugeben, daß 'zweite' oder Nebengestalten in Erscheinungen häufiger sind, als man geneigt sein möchte, zwei g l e i c h z e i t i g e Agenten anzunehmen; und auch das Miterscheinen von Tieren und Gegenständen scheint das Argument zugunsten von Heterophanie zu verstärken. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen; ich gebe sie in äußerster Kürzung, weil das, was sie beweisen sollen, ja doch mir selber Schwierigkeiten bereitet und folglich keine Beweislast trägt. Ziemlich bekannt ist der Bericht des Generals R. Barter, der als junger Offizier (im Juni 1854) in der indischen Bergstation Marri folgendes Erlebnis hatte. Eines Abends auf dem Abhang oberhalb seines Hauses stehend (nachdem er sich eben von zwei Gästen, darunter eine Dame, verabschiedet), vernahm er Hufschläge und sah um eine Bodenwelle erst einen hohen Hut, dann die Gestalt eines Reiters auftauchen, begleitet von zwei eingeborenen Reitknechten zu Fuß. Die gesamte Erscheinung, im taghellen Mondschein deutlich zu sehn, wird uns bis ins Kleinste geschildert. Nach zweimaligem vergeblichem Anruf hielt die Gruppe 10-12 Fuß vom Perzipienten entfernt, wobei 'der Reiter die Zügel mit beiden Händen aufnahm, sein Gesicht mir zuwandte, das bisher von mir weggeblickt hatte, und auf mich herabsah'. Barter erkannte sofort den verstorbenen Leutnant B., trotzdem sein Gesicht nicht glatt rasiert war, wie zu Lebzeiten, sondern einen eigenartigen Fransenbart trug - eine sog. Newgate-fringe -; auch erschien der Reiter 'viel dicker', als Barter ihn gekannt hatte. Dieser stürzte auf die Gruppe zu, stolperte, und sah, als er sich erhob, nichts mehr, konnte auch bei weiterem Suchen keine Spur von dem Leutnant und seinen Begleitern entdecken. Zwei Hunde Barters, die während der Annäherung der Gruppe sich leise winselnd an seine Füße gedrückt hatten (dies merken wir uns für später!), waren ihm beim Vorspringen n i c h t gefolgt. Tags drauf brachte Barter bei einem Freunde, Leutnant Deane, das Gespräch in unverfänglicher Weise auf Leutnant B. und erfuhr, daß dieser vor seinem Tode stark zugenommen und sich einen Bart hatte wachsen lassen. 'Ich bin gewiß, daß ich von der Veränderung in seinem Äußern vor seinem Tode nichts gehört hatte.' Barters Haus war s e i n e r z e i t von B. e r b a u t worden; 'aber die Tatsache interessierte mich nicht.' Sowohl Barter als auch seine Frau und seine Dienerschaft hatten schon vor diesem Erlebnis wiederholt den Klang eines auf das Haus zu galoppierenden Pferdes vernommen, ohne aber etwas sehn zu können; und Leutnant Deane teilte Barter mit, daß B. auf eben jener Bergstraße ein afghanisches Pferd 'in seiner rücksichtslosen Art' zu Tode geritten hatte.1 Sehr bekannt ist auch die vorzüglich verbürgte Geschichte einer Mrs. M., die eines Abends von ihrem Garten her ein 'eigenartiges Stöhnen und Schluchzen' vernahm, den Fenstervorhang beiseitezog und auf dem Rasen 1) Pr V 468 ff. (Spät, aber gut bezeugt.) Vgl. d. ahnl. Fälle Crowe 266; Flammarion II 398 f.; Gurney II 97 f. (Zwei Pers. in Kutsche mit Pferd von Zweien gesehn!) 28 Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener ein 'sehr schönes junges Mädchen' vor einem Herrn in Generalsuniform kniend erblickte, den es anscheinend flehentlich, aber vergeblich um etwas bat. Als Mrs. M. hinlief, um die Unglückliche hereinzubitten, verschwand die Gruppe. Erst nachträglich brachte sie in Erfahrung, daß etwa 40 Jahre zuvor in eben diesem Hause die Tochter eines Generals aus vornehmer und stolzer Familie wegen eines Fehltritts von ihrem Vater verstoßen worden war, und erkannte den General in einem Bilde wieder, das sie gelegentlich eines Besuches ganz unerwartet zu Gesicht bekam.1 Dem sorgfältigen J. A. Hill verdanken wir den seltsamen Bericht einer hellseherisch veranlagten Dame, Mrs. Napier (pseud.), die eines Tages 'einen Mann, der eine Flinte unterm Arm und ein paar Tauben in einer Hand trug', bei sich eintreten sah. Sie hätte ihn für einen Lebenden gehalten, so natürlich erschien er, hätte sie nicht gewußt, daß sie ihre Tür sorgfältig abgeschlossen hatte. Der Mann, gegen den sie einen starken Widerwillen empfand, 'schritt ins Zimmer vor und warf die Tauben aufs Bett... Dann sprach er: 'Sie kennen mich nicht?' 'Nein.' 'Ihr Vater kannte mich sehr gut. Ich starb vor mehr als 20 Jahren. Ich bin Tom Wyndham. Ich pflegte Ihren Va.ter Bob zu nennen.' Dann verschwand er. Mrs. N. glaubte den Namen nie zuvor gehört zu haben, doch erzählte ihr Vater ihr, als sie ihn fragte, daß es ein Jugendfreund gewesen sei, gutmütig, aber ausschweifend, der 'niedern Sport' wie Taubenschießen gern gemocht habe und am Trunk zugrunde gegangen sei. Wie er den Vater angeredet habe? 'Er nannte mich Bob. Er war der einzige meiner Freunde, der es tat. Wie du weißt, habe ich stets eine starke Abneigung gegen diese Abkürzung gehabt.'2 Das Erlebnis geht, wie man sieht, schon beträchtlich über ein bloßes Tjrscheinen' hinaus, mag aber eben damit dazu dienen, unsern Tatbestand mit später zu besprechenden gleichsam zu verzahnen. Auch Erscheinungen, welche Tiere - in diesem Falle tote! - miteinschließen, dazu Gegenstände selbst über die Kleidung hinaus (hier eine Flinte), sind nicht ganz selten, wennschon vielleicht seltener, als 'multipersonale' Erscheinungen, die ja bekanntlich in einzelnen Fällen sich zu wahren Phantommassen steigern: dem anscheinend geschichtlich wahren Schauen ganzer 'Versammlungen', kämpfender Armeen oder wandernder Menschenschwärme.3 Tatsachen dieser Art ziehen uns natürlich gewaltsam in die Theorie des sog. Spuks hinein. Entweder man faßt sie als übernormale Schauungen auf, bei denen die Aktivität ausschließlich beim Schauenden liege: etwa indem sich ihm der 1) Pr VIII 178 f. (Sofortige Aufzeichnung.) Vgl. etwa noch den Fall des Dr. Donne: Crowe 172 (auch Gurney I 394); Piper 112 (aus D. A. L. Richters 'Betracht, üb. d. animal. Magnetismus', 1817); PrX380H.; Tiere: Usthal 83t. (aus Lt); 84f. (nach Flammarion); Kerner, Ersch. 14. 41. 67; Hyslop, Probl. 184. 2) Hill, New Evid. 22 ft. 3) Vgl. d. merkwürdigen Fall Pr I I I 77 i . ; die berühmte 'Adventure' der Damen Morison u. Lamont (ref. z . B . Bozzano, Hant. 193 fJ. u. Pr XV 353 IT.); Daumer II 290 fl.; Hennings 624; Flammarion II 401; Piper 117 (nach Walter Scott); Horst I 113. Vnbekanntheit der Erscheinung 29 Blick für irgendwelche rätselhafte, von den Ereignissen 'zurückgelassene' Bilder erschließe. Oder man läßt diese Bilder von einem Dritten 'übertragen' sein, und hat dann natürlich an sich die Wahl zwischen einem Abgeschiedenen - der neben der eigenen Erscheinung auch noch diejenigen Andrer oder von Tieren und Dingen 'erzeuge' (meinetwegen wieder als 'Halluzination') - und einem entfernten Lebenden, der bloß die Erscheinung Andrer, die eigne aber garnicht erzeuge. In beiden Fällen wird, wie man sieht, die unbequeme Tatsache der Heterophanie im vollen Umfang vorausgesetzt. Das eigentliche 'Paradebeispiel' für diesen Tatbestand hat, neben mancherlei Eigentümlichkeiten, noch den Vorzug, daß die Erzeugung der Fremdgestalt von einem Willen zum Experiment ausging, der strittige Vorgang uns also greif- und nachprüfbar gegeben erscheint. Der Regierungsassessor und Oberwegeinspektor H. M. Wesermann in Düsseldorf hatte sich in den 20 er Jahren des 19. Jahrhunderts durch Mesmersche Lehren zu Versuchen zwecks Übertragung von Vorstellungsbildern auf entfernte Schlafende anregen lassen. In dem fünften dieser Versuche gelang ihm indessen, und zwar ohne daß er selbst es ahnte, die Beeinflussung zweier vollkommen Wacher, der Leutnants S. und -n. Eine vor 5 Jahren verstorbene Dame sollte nach Wesermanns Absicht dem letzteren um 10.30 abends im Traum erscheinen und ihn zu guten Taten anreizen; -n war aber noch wach und in lebhafter Unterhaltung mit Leutnant S. begriffen. Nach den sogleich sorgfältig gesammelten unabhängigen Aussagen der beiden Herren hatte sich die Tür ihres Zimmers geräuschlos 'geöffnet' (für gewöhnlich 'quietschte' sie), die Dame trat ein, in Weiß mit schwarzem Umschlagetuch gekleidet, grüßte jeden der beiden Offiziere besonders mit Nicken und wiederholten Handbewegungen und verließ das Zimmer wieder geräuschlos.1 Die Gestalt soll der Verstorbenen genau geglichen haben, und ich glaube aus den Worten des Berichts ('eine Dame') schließen zu müssen, daß sie dem Leutnant S. nicht bekannt war. Es fällt überdies auf, daß der Perzipient, den Wesermann allein beeindrucken wollte, sich nicht dort befand, wo W. ihn vermutete, und daß der zweite, zufällig mitanwesende Perzipient Hrn. W. überhaupt ganz unbekannt war. Daraus schließen die Verfasser des erwähnten Umfrage-Berichts, daß Wesermanns telepathischer Erfolg bei dem ihm unbekannten Empfänger ganz unabhängig war von dessen Aufenthaltsort und daß der Mlt-Empfänger nicht von Wesermann, sondern von dem eigentlich ins Auge gefaßten Perzipienten beeindruckt wurde.2 Selbst wenn man nun nicht die Annahme wagen will, daß Wesermanns Wunsch die Verstorbene soz. aufgerufen habe, zu erscheinen, könnte man sich immer noch mit der Ausflucht zu helfen suchen, 1) Wesermann. Auch NZPA III 758; J S P R März 1890; Myers I 698 ff. 2) Pr X 3221. Diese zweite Schlußfolgerung erscheint mir keineswegs zwingend. 30 Argumente aus der Erscheinung Abgeschiedener daß sein Versuch nur gelang, weil er, seinen eigenen Angaben nach, mit großer Anspannung des Geistes sich um die Übertragung des Bildes bemühte;1 wie denn Delanne geradezu behaupten will: 'wenn niemand daran denke, eine Halluzination zu erzeugen, so finde die telepathische Erklärung keine Anwendung mehr.'2 Da von solcher besondren Anspannung in den andern Fällen anscheinender Heterophanie nichts zu entdecken ist, wäre damit der behauptete Tatbestand (mit ganz seltenen Ausnahmen) überhaupt in Frage gestellt. Ich möchte indessen nicht so weit gehn. Zu zahlreich sind Beobachtungen, nach denen unbestreitbar von einem bestimmten Agenten ein telepathischer Anstoß ausgeht, der doch keineswegs 'in sein Bewußtsein fällt'. Wir dürfen also nicht bewußte Anspannung zur unumgänglichen Bedingung einer telepathischen Übertragung machen. Wir werden nie zu einer durchgreifenden Verteidigung von Autophanien Verstorbener gelangen, wenn wir nicht dem animistischen Gegner den weitestgehenden Gebrauch seines telepathischen Deutungsmittels einräumen. Gestehen wir also immerhin zu, daß vollkommenste F r e m d b i l d ü b e r t r a g u n g möglich und der Beweis bewußter Absicht zu einer solchen Übertragung nicht zu f o r d e r n sei. Wir werden, wie der Leser bald sehen wird, den Bau unsrer Beweisführung errichten können, auch ohne diese beiden Steine nach unsern Bedürfnissen behauen zu haben. Vor allem lassen ja die eben gemachten Zugeständnisse die höchst verwunderliche Tatsache bestehn, an welcher der Gegner sich mit bezeichnendem Schweigen vorüberdrückt: daß vollkommene Heterophanien Lebender - also die telepathische Erzeugung von Phantomen Lebender durch andere Lebende - seltenste Ausnahmen darstellen3 (selbst Wesermanns und mehrere der übrigen angeführten Fälle zeigten ja Tote), während, nach animistischer Vorstellung, die vollkommene Heterophanie Verstorbener zu den gewöhnlichsten Leistungen der gesamten Metapsychik gehört. Für diesen verblüffenden zahlenmäßigen Unterschied zwischen Vorgängen, die nach animistischer Deutung völlig identisch sind, wird uns nicht der Schatten einer Begründung gegeben; während anderseits in keinem Fall von angeblicher Heterophanie eines Lebenden die Möglichkeit widerlegt wird, daß auch diese in Wahrheit als Autophanie zu erklären sei (angeregt etwa durch die Gedanken des angeblichen Agenten der Erschei- 1) Pr VI 288 (Podmore). 2) Delanne I 157. 3) Wenigstens hat sich m. W. noch niemand zu der unsinnigen Behauptung verstiegen, daß alle oder viele Fernerscheinungen Lebender im Augenblick erregender Erlebnisse gar nicht von diesen selbst, sondern von einem ekanntlich durch seine graphologische Untersuchung der 'Koot-Hoomi'-Briefe zustandegekommen war]. Dr. H. stellte 'geringfügige1 Ähnlichkeiten' wie auch 'geringfügige Abweichungen' beider Schriften fest; 'aber die Ähnlichkeiten sind bezeichnender als die Unterschiede. Dazu kommt, daß sowohl die Briefe wie auch die Taschenbuch-Schrift auffallende Eigentümlichkei- 1) minor. 230 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten ten gemeinsam haben, die besonders in der letzteren hervortreten. Die Taschenbuch-Schrift läßt annehmen, daß der Schreibende versucht hat, die B. A.-Schrift wiederzugeben, indem er sich ihre wichtigsten Eigentümlichkeiten ins Gedächtnis rief, und nicht, indem er Proben der B. A.-Schrift nachbildete. Besonders die Namenszeichnung im Taschenbuch gleicht charakteristisch einer gedächtnismäßigen Nachahmung der B. A.-Unterschrift. Ich bezweifle nicht im mindesten, daß die Person, welche die Schrift im Taschenbuch lieferte, die Schrift der Blanche Abercromby wiederzugeben wünschte', also das tat, was voraussetzungsgemäß der Geist der B. A. erstrebt haben muß.1 Tischner erblickt eine Entwertung des Falles darin, daß wir bei ihm, wie bei ähnlichen, 'nur auf Moses' eignes Zeugnis angewiesen sind. Damit ist nicht gesagt (fügt er hinzu), daß alle diese Nachrichten unecht sind, aber es ist doch sehr auffallend, daß in fast allen Fällen die Möglichkeit besteht, oder sogar nahe liegt, daß Moses die Nachrichten aus Zeitungen und dgl. erhalten haben kann.'2 - Wenn dies irgend etwas heißen soll, so kann es nur die Beschuldigung enthalten, Moses habe sein jahrzehntelang geheimgehaltenes Schriftstück gefälscht; denn die Zeitangabe, die eine Entnahme 'aus Zeitungen' ausschließen müßte - 'Sonntag Abend gegen Mitternacht' -, ist ein wesentlich zugehöriger Teil der Schrift. Die oben mitgeteilten Bruchstücke sind überdies eingebettet in ein (hier übergangenes) ausführliches Frage- und Antwortspiel mit der eignen 'Kontrolle'. Soll dies alles ebenfalls Fälschung sein? Und soll die IVa Wochen später insgeheim erzeugte Schrift der Blanche Abercromby gleichfalls eine nach inzwischen beschafften Vorlagen hergestellte Fälschung sein? Podmore hat den traurigen Mut, sich dieser einzigen Ausflucht zu bedienen und in kaum verhüllenden Ausdrücken dem Verstorbenen die Ehre abzuschneiden.3 Die ihn persönlich kannten, erklärten ihn für jedes Betruges schlechterdings unfähig.4 In den meisten Fällen von Handschrift-Identifizierung muß man sich natürlich auf das Urteil Dritter über die fragliche Ähnlichkeit verlassen. In andern aber wird uns durch Veröffentlichung der beiden zu vergleichenden Schriften ein eignes Urteil ermöglicht. Schon Aksakow, der über die Seltenheit solcher Fälle klagte, hatte eine kleine Sammlung zu seiner Zeit identifizierter. Handschriften zusammengestellt, von denen indessen nichts in seinem Werke abgebildet ist.5 Aber auch abgesehen davon erscheint mir keiner dieser Fälle der Wiedergabe wert. Wir erlangen nirgends die Gewißheit, daß das Medium keine normale 1) Pr 96 ff. Vgl. den Fall aus Moses in R B 1925 293. 2) Gesch. 90. 3) Stud. 132f. Vgl. Splr. II 287 f. 4) S. die starken Zeugnisse von Myers, C. C. Massey und H.J. Hood: Pr IX 247. 5) S. 657 IT. Schreibfähigkeit und Handschrift 231 Kenntnis der betreffenden Handschrift hatte erwerben können, und zwei von den Fällen gehen überdies auf das verdächtige Tafelschreiben zurück. Es fehlt jedoch nicht an neueren Beispielen der bezeichneten Art von ungleich stärkerem Gewicht. Der norwegische Richter Dahl berichtet in seinem Buch über die Leistungen seiner Tochter Ingeborg von dem medial geschriebenen Brief einer verstorbenen Engländerin, deren Handschrift das Medium nie gesehen hatte, aber - wie die Abbildungen erkennen lassen - vorzüglich wiedergab. (Ingeborg kannte überdies nur einiges 'Schul-Englisch' und hatte nie einen englischen Brief zu schreiben versucht.) Die Adressatin des Schreibens war 'überwältigt' von dieser Erfahrung.1 Noch seltsamer übrigens ist eine andre 'xenographische' Leistung desselben Mediums wegen der gleichzeitigen Verdoppelung des Phänomens und - außerdem - seiner Verquickung mit einer dritten Betätigung andrer Art. - 'Am 19t Dez. 1926', berichtet Dahl, 'schrieben die rechte und linke Hand meiner Tochter g l e i c h z e i t i g zwei verschiedene Briefe. Der mit ihrer linken Hand geschriebene war von einem verstorbenen jungen Arzt, Carsten S., an seinen Vater gerichtet, der ein bedeutendes Amt in einer der südlichen Städte Norwegens verwaltete. Der Vater erklärte in einem Briefe, daß die Handschrift (die meine Tochter nie gesehen hatte) der seines Sohnes nicht ähnlicher hätte sein können. Meine Tochter hatte nicht einmal eine Ahnung vom Dasein des jungen Arztes während seines Erdenlebens gehabt. Der andre Brief, mit ihrer Rechten geschrieben, war [in gänzlich andrer Handschrift] von [einer gewissen] Eva an ihre Eltern gerichtet... Während ihre Hände die beiden Bleistifte führten, unterhielt sich meine Tochter im Trans lächelnd mit ihren beiden [verstorbenen] Brüdern.'2 Ich verweise ferner auf die veröffentlichten Abbildungen der durch Mrs. Travers Smith und ihren Partner Mr. V.3 gelieferten Schriften des angeblichen 'Oscar Wilde', deren identifizierender Inhalt uns hier noch nicht angeht. Schon nach der ersten derselben, schreibt die Dame, eine vorzügliche Beobachterin, 'war ich erstaunt über die Klarheit und Sorgfalt der Schrift [verglichen mit der üblichen automatischen]. Die Worte waren von einander abgetrennt und die t mit Querstrichen, die i mit Punkten versehn; selbst Anführungs- und Satzzeichen waren hinzugefügt. Die Namensunterschrift fiel mir als ungewöhnlich auf, und . . . ich bemerkte, daß zuweilen ein griechisches a (a) verwendet und die Buchstaben der einzelnen Wörter seltsam getrennt waren, wie etwa d-eath, vin-tage, usw. Weder Mr. V. noch ich konnten uns entsinnen, Wildes Schrift je gesehn zu haben... [Bei der Suche nach einem Faksimile] hatte ich besonderes Glück, denn im Chelsea Buch- Klub fand ich nicht nur ein Faksimile von Wildes Schrift, sondern auch ein eigenhändiger Brief stand dort zufällig zum Verkauf. Ich war verblüfft; 1) Dahl 227. 2) das. 228. 3) Später als der vorzügliche Forscher S. G. Soal bekanntgegeben. Das Schreiben ging von beiden gemeinsam aus; nahm Mrs. Tr. S. ihre Hand von der des Partners, so hielt der Bleistift augenblicklich an. 232 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten die Handschriften erschienen gleichartig (similar), wobei man zu berücksichtigen hat, daß unsre Schrift mit einem dicken Bleistift erzeugt war, der eigenhändige Brief aber wahrscheinlich mit einer Stahlfeder. In diesem war ein griechisches a gelegentlich, aber nicht regelmäßig verwendet, und auch die langen Abstände zwischen den Buchstaben gewisser Worte fanden sich dort.' " Sehr bekannt unter den Fällen veröffentlichter Handschriften ist auch eine Beobachtung an der berühmten 'Hélène Smith', deren Leistung in diesem Fall selbst Flournoys fast genialer Spürsinn nicht normal zu deuten vermochte: die Geschichte vom Syndikus Chaumontet und dem Curé Burnier. Sie sei für die, die sie nicht kennen, hier kurz wiedergegeben. - In einer Sitzung in Flournoys Hause (am 12. Feb. 1899) hatte die Somnambule die Vision eines Dorfes auf einer Weinberghöhe, in dessen Nähe sie auf steinigem Wege einen alten 'demi-monsieur' in altmodischer Tracht herabkommen sieht. Ein ihm begegnender Bauer begrüßt ihn und spricht mit ihm ein Hélène unverständliches Patois. Sie hat den Eindruck, dies Dorf zu kennen, forscht aber vergeblich in ihrem Gedächtnis nach, wo sie es wohl gesehen habe. Darauf verschwindet die Landschaft, und sie sieht den Alten, 'in Weiß gekleidet und von Licht umgeben' (d. h. so, wie sie auch sonst die 'Geister' Verstorbener sieht), auf sie zukommen. Es folgt nun ein sehr bemerkenswertes Spiel, dessen Einzelheiten unter dem Gesichtspunkt echter motorischer Kontrolle wohl erwogen und mit später zu liefernden Beschreibungen verglichen werden sollten. Hélènes rechter Arm ist auf den Tisch gestützt. 'Leopold' (ihr wichtigster Tührer') diktiert durch Bewegungen des Zeigefingers: 'Senken Sie ihren Arm.' Dies tut Flournoy, wobei der Arm nach anfänglichem Widerstand plötzlich nachgibt. Hélène ergreift einen Bleistift, es folgt ein 'Kampf', der entscheiden soll, wie er gehalten wird, und Hélène beklagt sich dem 'Alten' gegenüber, daß er ihr die Hand zu sehr drücke und ihr Schmerzen bereite: 'Was macht das Ihnen aus, ob ich Bleistift oder Feder nehme!' Indessen läßt sie tatsächlich den Bleistift fallen, ergreift eine Feder und schreibt langsam in fremder Handschrift: Chaumontet syndic. Die Vision des Dorfes kehrt wieder, auf die Frage nach seinem Namen sieht sie einen Wegweiser und liest darauf: Chessenaz ("uns unbekannt"), und der Alte erwidert auf die Frage, wann er Syndikus gewesen: 1839. Schluß. 'Leopold' fordert zur Nachprüfung der Unterschrift auf, die sich als echt erweisen werde. Hélène, erwacht, kann keinerlei Auskunft geben; aber Flournoy entdeckt am nächsten Tage auf der Karte ein kleines Dorf namens Chessenaz in Hoch-Savoyen, 26 km von Genf (Hélènes und Flournoys Wohnort) entfernt. Die Chaumontet sind nicht selten in Savoyen. - Nach 14 Tagen hat Mlle Smith wieder eine Vision des Dorfes und des Alten, diesmal aber begleitet von einem Curé, den er gut zu kennen scheint und 'mein lieber Freund Burnier' nennt. - In einer weiteren Sitzung (am 19. März) : 1) Travers Smith, Wilde 81. Mrs. Sidgwick (Pr XXXIV 190) erwähnt pflichtschuldig die Möglichkeit' von Kryptomnesie, erblickt aber in der (zunehmenden) Ähnlichkeit der Schriften a very curious and interesting problem. Schreibfähigkeit und Handschrift 233 Vision des Dorfes und des Curé, der sich, ähnlich wie der syndic, der Hand des Mediums bemächtigt und 'sehr langsam mit der Feder die Worte niederschreibt: Burnier salut (B. Grüße).' Flournoy beginnt nun seine Nachforschungen in Chessenaz und stellt fest, daß ein Jean Chaumontet in den Jahren 1838/9 'Sindico' des (damals noch italienischen) Chessenaz und ein André Burnier von 1824-41 Curé daselbst gewesen ist. FI. liefert eine Nachbildung der Hand- und besonders der Unterschriften der beiden Männer zusammen mit Hélènes entsprechenden automatischen Schriften. Er selbst findet die Übereinstimmung 'assez remarquable', und man darf diesen Ausdruck als vorsichtig bezeichnen. Nicht nur im allgemeinen Charakter, sondern auch in Einzelheiten ist die Ähnlichkeit eine verblüffende (wie in dem v-ähnlichen r in 'Burnier' und dem die beiden t verbindenden oberen Strich in 'Chaumontet'). Flournoys Vermutung, daß Hélène irgendwann eine unterzeichnete Urkunde der beiden gesehen habe, ihre Leistung also auf sog. Kryptomnesie beruhe, wurde von dieser aufs entschiedenste bestritten und führte am 21. Mai zu einem neuerlichen Auftreten des 'Curé', der sich selbst ein ausdrückliches Wahrheitszeugnis ausstellte, in einer Schrift, die mit der früher gelieferten und der urkundlich belegten völlig übereinstimmt (Flournoy spricht von einer 'indéniable analogie'). Die Smiths hatten Verwandte in der Nähe von Chessenaz, und Hélène war 10 Jahre zuvor in der Gegend gewesen, wobei sie möglicherweise jene Landschaft gesehn hatte, die ihr in der ersten Vision bekannt vorkam; doch versichert sie, nie in Chessenaz selbst gewesen zu sein und nie von dem Orte gehört zu haben; und wäre sie auch dort gewesen, so hätte sie doch nicht die Archive durchstöbert und dadurch von dem Dasein eines Syndikus und Curés vor 60 Jahren erfahren. Während der wenigen Tage, die sie in der Nähe bei den Verwandten verbrachte, habe auch niemand ihr eine Urkunde oder ein Papier gezeigt oder sonst ein zweckdienliches Wort gesagt. 'Ich habe ein gutes Gedächtnis (sagt sie) und behaupte dies mit Nachdruck.' - Flournoy läßt die Deutung des Falles völlig in der Schwebe, indem hier 'die spiritistische und die kryptomnestische Deutung einander gegenüber verharren, wie zwei Hunde aus Fayence, die sich große Augen machen.' 1 Der abschließend zu berührende Fall von identifizierter Handschrift ist ein sehr verwickelter, und die meisten seiner Bestandteile können erst in einem späteren Zusammenhang besprochen werden. Ich will daher, auch zur Entlastung jener Erörterimg, hier nur die Angaben über die 'xenographischen' Bestandstücke herausheben. Es handelt sich um das erste 'Auftreten' des einige Monate zuvor (im Sommer 1900) verstorbenen Prof. Henry Sidgwick, des bekannten Ethikers und Philosophen, auch Mitbegründers der Ges. f. ps. Forsch., durch das Medium Mrs. Thompson. Nachdem in der Sitzimg vom 11. Jan. 1901 zuerst Sidgwicks Name, aber anscheinend nicht in seiner Handschrift und in bruchstückhafter Form, aufgetaucht war und gegen Schluß eine kurze, aber l ) Flournoy 406 ff. 234 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten 'außerordentlich lebenswahre' redende 'Impersonation' desselben stattgefunden hatte, folgten zehn Tage danach, neben einer gleichen Impersonation, auch Andeutungen seines Wunsches zu schreiben, die zu einer inhaltlich bedeutsamen kurzen Schrift vom unverkennbaren Gepräge der Sidgwickschen Handschrift führten. Die beste Kennerin derselben, S.s langjährige Sekretärin Alice Johnson, bekanntlich selbst Forscherin von sehr kritischer Einstellung, findet sie großenteils 'sehr ähnlich'. Der Bleistift wurde dabei von Mrs. Thompson in einer 'ungewöhnlichen und, wie man glauben sollte, unbequemen Weise' gehalten. Gleichzeitig äußerte 'Sidgwick' mündlich: 'Alice wird wissen, daß ich es bin, der es geschrieben hat. Sie wird es erkennen. Sie wird wissen, daß es meine Schrift ist. Sagen Sie ihr, sie solle es mit den andern [Schriften] vergleichen.' - Eine weitere Schrift wurde für 4.30 nachmittags angekündigt, wenn das Medium allein sein würde, und erfolgte etwas verspätet, weil Mrs. Thompson erst um 5 heimkehrte, wie sie 'beschämt' mitteilte. Die dann erzielte Schrift beklagte sich zunächst über die 'späte Stunde' und hatte im übrigen wieder einen überaus 'natürlich' wirkenden Inhalt. Über ihre Übereinstimmung mit Sidgwicks Handschrift urteilt Miss Johnson; 'Ich glaube, es kann gar kein Zweifel bestehn, daß die Ähnlichkeit (resemblatice) keine zufällige i s t , . . . und die Worte, die am meisten Prof. Sidgwicks Handschrift ähneln, ähneln ihr mehr als irgendwelche in [der ersten Schrift]. Das erste -'Donnerstag', 'sollten lieber zustimmen', 'wahrscheinlich', 'H. S.', 'gewiß' und 'Trevelyan' erscheinen mir fast genau so, wie er selbst sie geschrieben haben würde. Fast das Ganze von 'Myers ist anderswo' bis 'Trevelyan ist versetzt' ist wunderbar ähnlich - wonderfully alike.' - Eine dritte Schrift wurde am 29. Jan. geliefert, wieder sehr 'realistisch' im Inhalt. 'Nelly', Mrs. Thompsons 'Kontrolle', versicherte ausdrücklich, H. S. habe geschrieben, während er zu ihr gesprochen. Am Tage darauf fiel Mrs. Th. in Trans, während sie einen eigenen Brief schrieb, und ging in eine neue Sidgwick- Schrift über, von unverminderter, wennschon verworrener Natürlichkeit des Inhalts und gleicher Ähnlichkeit der Handschrift, die übrigens auch von der Witwe, Frau Prof. Sidgwick, und der Schwester des Verstorbenen, Mrs. Benson (Gattin des Erzbischofs B.) in starken Ausdrücken anerkannt wurde. Andre Bekannte S.s, denen die Schriften ohne ein Wort über ihren Ursprung vorgewiesen wurden, bezeichneten sie 'ohne Zögern' als S.s Handschrift. Der XVIII. Band der Proc. S. P. R. bringt sämtliche erwähnte Schriften wie auch Schriftproben des lebenden Sidgwick in getreuer Nachbildung, und ich darf behaupten, daß kein Sachverständiger die völlige Übereinstimmung beider leugnen wird. - Mrs. Thompson versichert, sie habe niemals Sidgwicks Handschrift gesehn. Natürlich fügt Mr. Piddington hinzu - dergleichen ist gewissermaßen kritische Anstandspflicht in der S. P. R. -, es sei 'möglich, daß entweder in Mr. Myers' oder irgendeinem andern Hause in Cambridge irgendeine Schriftprobe in den Bereich ihrer Augen gelangt sei.'1 Aber nicht nur 1) Pr XVIII 236 iT. Sie hatte Prof. Sidgwicks Naraensunterschrift unter einer Photographie gesehn. Vgl. Mrs. Verralls Sidgwick-Schrift: XX 26; doch kannte dies Medium das Original. - Vgl. íerner Ohlhaver I 50 f.; Pr V 552 f.; Myers II 466; Aksakow 665 ff. Auch unter den bekannten 'direkten Schriften' des Barons v. Güldenstubbe befinden sich angeblich gut identifizierte. die er nicht gekannt hatte. S. Güldenstubbe 304 IT. (Nr. 4 u. 25). Schreibfähigkeit und Handschrift 235 •wäre das fließende Erzeugen so lebensgleicher Schriftzüge auf Grund eines solchen Zufallsblicks noch kaum erklärt, sondern wir müssen auch das ganze Ineinander von Umständen bedenken, das diesem Fall seine starke spiritistische Überzeugungskraft verleiht; was allerdings - wie gesagt - erst später im einzelnen ausgeführt werden kann. Mit dieser Auswahl von Beispielen soll uns die Tatsache der Xenographie an sich verbürgt sein. Es mag ohne weiteres zugegeben werden, daß die Identifizierung von Handschriften Schwierigkeiten in sich birgt, die selbst das Urteil echter Sachverständiger, z. B. in Strafprozessen, irreführen können und u. U. nicht zur Einstimmigkeit gelangen lassen.1 Ich glaube gleichwohl, daß das Berichtete über alles dem Zufall zuzuschreibende weit hinausgeht. Tatsächlich entsteht ja auch das Problem hier durchweg aus einer leidlich andern Sachlage heraus, als bei den üblichen Aufgaben graphologischer Sachverständiger. Hier ist nicht eine Handschrift gegeben, zu welcher der wahre Urheber gefunden werden soll; sondern es tritt ein bestimmter (unsichtbarer) Urheber auf, der den Nächstbeteiligten, dem Medium und zuweilen auch den Sitzern, völlig unbekannt ist, der aber behauptet, daß die von ihm gelieferte Handschrift die seine sei. Daß sie sich wirklich als diejenige erweisen werde, die der angebliche Urheber zu Lebzeiten schrieb, ist an sich im höchsten Grade unwahrscheinlich, und wenn trotzdem beim Vergleich auch nur eine Ähnlichkeit beider Handschriften sich wirklich aufdrängt, so ist das ein Tatbestand, dessen Beweislast durch die Seltsamkeit seines Zustandekommens sehr verringert wird. Daß die beigebrachten Tatsachen dem unbelasteten Urteil durchaus eine spiritistische Deutung nahelegen müssen, versteht sich von selbst. Die Frage ist nur, ob wir vermittelst irgendwelcher Begriffe dieser Deutung ausweichen können. Solche Begriffe müßten hier offenbar ganz andere sein, als im Falle des Schreibens Schreibunkundiger in nicht-identifizierter Handschrift. Dort galt es, eine Form der Äußerung soz. im gröbsten und überhaupt in Gang zu bringen; hier ist sie an sich als eingeübtes Können gegeben, soll aber in ihrem Sondergepräge verändert werden; wobei wir überdies wissen (u. a. aus dem hypnotischen Versuch), daß der Schreibende zu solchen Veränderungen auch von sich aus imstande ist. Es soll also nur unter zahllosen seiner Erfindung zugänglichen Veränderungen der Handschrift eine bestimmte verwirklicht werden, die einmal die Handschrift eines Lebenden gewesen ist. Die Frage ist nun: ob die Tatsache identifizierbarer Xenographie sich erklären lasse ohne Beteiligung des überlebenden ehemaligen 'Besitzers' der Handschrift, vielmehr durch Bel ) D r . med. A. Schmidt: ZP 1931 81. 236 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten Schaffung ihres Bildes seitens des Mediutas; welches Vorbild dann auf die Schreibhandlung ebenso einzuwirken hätte, wie im Falle der hypnotischen Schriftveränderung - das selbsterzeugte Bild einer 'allgemein-typischen' Handschrift, z.B. der eines 'Kindes', 'Gelehrten' oder 'Generals'. Die Beobachtung nun hat uns gelehrt, daß hellseherisch Begabte - z. B. auch Psychometer - imstande sind, nicht nur allgemeine Aussagen über die Handschrift 'erfühlter' Personen zu machen,1 sondern auch ein so deutliches Bild von ihr zu gewinnen, daß sie die Fremdschrift richtig und erkennbar nachahmen können. Max Moecke z. B., aufgefordert, die Schriftzüge einer Person wiederzugeben, deren Bild verdeckt und 'verkehrt' vor ihm auf dem Tische liegt, beginnt 'plötzlich sehr energisch und sicher die typische Steilschrift dieses Menschen [einer Schauspielerin] nachzuahmen, so, als sähe er die Schrift vor sich.'2 - Ein andermal kommt er auf einen Bruder der vor ihm stehenden Versuchsperson (Dr. K. Dietrich, Ludwigsburg) zu sprechen, bezeichnet ihn als verschlossen und kurz angebunden und fährt fort: 'Seine Handschrift ist auch ganz anders, als die Ihre. Am Schluß macht er solch eigentümliche Haken.' Moecke schreibt in sein Heft ein paar Züge, die das Angedeutete illustrieren sollen, und zeigt sie mir. Es sind nicht nur die charakteristischen Endzüge, besonders seines Namenszugs, die aber als Ausdruckerscheinung auch sonst wiederkehren und gerade ein Hauptkennzeichen seines Wesens bedeuten, sondern Moecke setzt diesem Wortende ein gleichfalls für die Schrift charakteristisches H voraus und deutet damit, ihm selbst ganz unbewußt, auch den Wortlaut der von ihm gemeinten Unterschrift an: Hermann.'3 Bekannt durch solche hellseherische Nachahmungen unbekannter Fremdschriften sind auch besonders die 'Metagraphologen' Otto Reimann und Raffael Schermann geworden, über die wir wertvolle Arbeiten des Präger Psychiaters Prof. Oskar Fischer besitzen. Reimann z. B. kann eine fremde Schrift 'imitieren', wenn er bloß eine Probe derselben (ohne sie zu sehen!) betastet, ja sogar wenn der Versuchsleiter an den Betreffenden 'denkt'.4 Zwischen solchen Nachahmungen und den darunter gesetzten echten Schriften der Betreffenden konstatierten zwölf Berliner Ärzte und Professoren, darunter A. Einstein, eine 'weitgehende Übereinstimmung bis in kleine Einzelheiten'. 5 In Privatversuchen mit Dr. Sünner in dessen Wohnung 'versuchte Herr Reimann [u. a.] die Handschrift der anwesenden Frau L. zu erfühlen, und nach etwa drei Schreibversuchen schrieb er in der Tat deren Namenszug so genau nach, daß er sowohl von mir wie von der Dame selbst als verblüffend ähnlich anerkannt wurde.' 6 Es ist klar, daß solche Beobachtungen die Versuchung und eine ge- 1) S. z. B. ZP 1930 509. 2) Dr. med. F . Woll in ZP 1930 238. 3) Dr. Dieterich in ZP 1930 497. Vgl. auch den Fall Pr XX 25. 174 f. 4) Von Fischer als "psychischer Transfert' bezeichnet. Vgl. Dr. Schmidt in ZP 1930 600. 5) s. d. Protokoll aaO. 604. 6) das. 715. Vgl. allgemein Fischer. Schreibfähigkeit und Handschrift 237 wisse Möglichkeit begründen, auch die xenographische Leistung auf die aktive übernormale Erfassung eines Bildes seitens des Mediums zurückzuführen, eines Bildes, das dann natürlich ebenso leicht und richtig sich ohne vorausgegangene Übung in Schreibbewegungen umsetzen könnte, wie dies bei Moecke, Reimann und Schermann offenbar möglich war. Die Frage der Unentbehrlichkeit solcher Übung entsteht also gar nicht erst: wir müssen annehmen, daß eine - meinetwegen 'unterbewußt' - geschaute Schrift auch äußerlich wiedergegeben werden kann; ahmt doch der Hellseher ähnlich auch andre 'typische Bewegungen' eines ihm Unbekannten nach: seinen Gang, gewisse Gebärden u. a. m.1 So klar diese Rechnung nun erscheint, so kann doch m. E. von einer glatten Gleichsetzung der hellseherischen und der medialen Leistung dieser Art nicht die Rede sein. Zunächst ja befindet sich beim hellseherischen Versuche stets (soweit meine Kenntnis reicht) entweder eine 'Vorlage' in nächster Nähe des Subjekts, oder aber eine Person, der die betreffende Handschrift genau bekannt ist. Hiernach könnte es sogar fraglich erscheinen, ob wir in vielen solcher Fälle auch nur Hellsehn (im strengsten Sinne) anzunehmen haben, und nicht bloß 'Lesen' oder aktive Übertragung von Bildern. Von diesen drei möglichen Ableitungen müßte die durch Hellsehn der spiritistischen Deutung offenbar die größeren Schwierigkeiten bereiten, indem sie uns der Suche nach einem telepathischen 'Geber' völlig überhöbe. Wir wollen sie also schon darum als wahr unterstellen. Auch dann aber bliebe zwischen hellseherischer und medialer Xenographie ein nicht unbedeutender Unterschied bestehn, dessen Gewicht uns allmählich immer fühlbarer werden wird. Dort nämlich würde sich die hellsichtig zu erfassende 'Quelle' gewissermaßen aufdrängen (entweder durch ihre Nähe, oder durch die einer Person, die als 'Vermittler' zur Auffindung der Quelle dienen könnte); während in den meisten 'spiritistischen Fällen' offenbar jede solche ('psychometrische') Zwischenschaltung und Beihilfe fehlt, das Medium also von sich aus das 'Vorbild' irgendwo in der Ferne 'aufspüren' müßte. Weder der Rev. Moses noch Hélène Smith, weder Ingeborg Dahl noch Mrs. Travers-Smith hatten bei ihren xenographischen Leistungen den geringsten 'Anhalt', um an ein Vorbild der gelieferten Handschrift heranzukommen; darüber hinaus aber fehlte ihnen meist auch jeder Anreiz, die Beschaffung des Bildes überhaupt zu versuchen. Ihre Leistung erfolgte r,o::. 'aus blauem Himmel'.2 Diese Unverständlichkeit aber fällt natürlich unter 1) Vgl. z. B. ZP 1930 607. 6091. 714. 2) Allenfalls in Moses" Falle '.'ö inte man auf die lange zurückliegende Kränkung durch den Gatten der Blanche Abercromby hinweisen. Aber wenn er sich durch seine Hellsehleistung soz. 'rehabilitieren' wollte, warum hielt er sie auch vor dem Beleidiger geheim? 238 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten spiritistischen Voraussetzungen fort, da ja dann die Ingangbringung der xenographischen Leistung dem 'Eigentümer' der Handschrift zuzuschreiben wäre: dem Verstorbenen, der sie zu Lebzeiten schrieb. - Noch bündiger würde sich der Schluß auf eine Beteiligung des Verstorbnen empfehlen, wenn wir die Erlangung des Schriftbildes nicht als echtes Hellsehn aufzufassen hätten, sondern als Vorstellungsübertragung; denn dann wäre der Rückgriff auf den wirklichen 'Besitzer' der Handschrift das weitaus natürlichere; gleichgültig, ob wir das Medium in ihm 'lesen' lassen, oder ihn selbst zum Übertrager des Schriftbildes machen. Ich will im übrigen nicht schon hier auf alle sonstigen Merkmale freiwilliger Selbstbetätigung eingehn, welche die angeführten Beispiele auf Seiten der angeblichen Urheber der Schriften erkennen lassen (dergleichen Dinge werden uns später noch beschäftigen). Ich "will nur daran erinnern: daß 1) zuweilen, wie in Moses' und vielleicht auch Ingeborgs Fall, unter jenen Merkmalen auch der Wunsch nach Selbstidentifizierung durch die eigne Handschrift erscheint, und daß 2) diese Schriften nicht belanglose 'Schriftproben' darstellen, sondern Äußerungen enthalten, die ihrerseits der Identifizierung dienen. Doch soll dies Vorgreifen auf immerhin nicht völlig eindeutige Dinge nur die Tatsache unterstreichen, daß auch die Xenographie in allen 'spiritoiden' Fällen innerhalb eines Ganzen auftritt, das erst als solches unser Urteil wirklich bestimmen kann. Sollten auch andre Teile dieses Ganzen der animistischen Auffassung Schwierigkeiten bereiten, so würde die xenographische Leistung an sich ein zusätzliches Indiz von beträchtlicher Kraft bedeuten. Um diese natürliche Verzahnung aller unsrer Argumente auch hier noch etwas reichlicher vorzubereiten, beschließe ich dieses Kapitel mit 2wei Fällen, in denen der spiritistische Anschein eben auf diesem T)rum und Dran' des xenographischen Vorgangs beruht. Der erste hat das Besondre, daß die identifizierte Schrift nicht unmittelbar vom Medium geliefert wurde (das auch nahezu schreibunkundig war), sondern auf eine Art, die fast an die Mitwirkung einer Phantomhand denken läßt, wennschon einer unsichtbaren. Dr. Roman Urysz, Chefarzt des Hospitals in Bialykamen (Galizien), stellte in seinem eignen Hause Versuche in automatischer Schrift mit einem 14- jährigen Bauermädchen an, das nach 2 Jahren Dorfschulbesuchs nur mühsam las und schrieb. Er benutzte dabei einen Apparat, der die Erzielung direkter Schrift bei vollem Licht und unter Ausschluß von Betrug ermöglichte. Dieser Apparat bestand in einem würfelförmigen Hochkasten von 1' im Quadrat und nur einer offenen Seite, die mit einem 50 cm langen trichterförmigen Sack aus schwarzer Seide verschlossen war, dessen Spitze ein Loch aufwies, durch Schreibfähigkeit und Handschrift 239 das ein Bleistift geführt war. Das Medium legte bloß seine Hände von außen auf den Kasten; wenige Minuten darauf blähte sich der Seidensack auf und der Bleistift begann zu schreiben. Unter den zahlreichen so erhaltenen Botschaften war auch die folgende in einer von der sonstigen völlig verschiedenen Handschrift: 'Ich danke dir für die Injektion, die du mir machtest, als ich auf dem Sterbebett lag. Du hast mir große Erleichterung verschafft. Carolina C.' - 'Ich fragte (berichtet Dr. U.), an wen sich diese Worte richteten. 'An dich', wurde erwidert. Darauf fragte ich: 'Wann geschah das alles? Und wer bist du?' Der Bleistift schrieb: 'Am 18. Sept. 1900, in der Lemberger Klinik.' In jenem Jahre war ich noch Student und praktisierte in der Klinik als Assistent. Das war alles, woran ich mich zur Sache erinnerte.' Einige Tage darauf in Lemberg, durchsuchte Dr. U. die Listen des Hospitals aus jenem Jahr und ermittelte eine 56jährige Frau obigen Namens, die daselbst an Magenkrebs verstorben war. (Die Bestätigung des Datums wird nicht ausdrücklich erwähnt.) Auf dem Polizeiamt erkundigte er sich nach Personen des Namens C. und erfuhr, daß es deren z. Zt. in Lemberg nur "ine gebe, eine Lehrerin. Diese besuchte er alsbald und hörte von ihr, daß sie ihre Mutter i. J. 1900 verloren habe (Todesursache und -ort werden leider wieder nicht ausdrücklich erwähnt). 'Ich zeigte ihr ohne weiteres die durch direkte Schrift erhaltene Botschaft. Zu ihrer großen Verwunderung erkannte sie sofort die sehr charakteristische Handschrift sowie die Unterschrift ihrer Mutter, und zeigte mir zum Beweise einige Briefe von der Hand der Toten. Aus der Vergleichung ergab sich über jede Möglichkeit eines Zweifels die Identität der beiden Handschriften. Sie gestattete mir liebenswürdigerweise, eine dieser Schriften zu behalten. Allerdings muß ich erklären, daß ich mich nicht erinnere, der Carolina C. eine Morphiumeinspritzung gemacht zu haben.'1 Dies Geständnis vermindert die Wahrscheinlichkeit einer kryptomnestischen' Deutung des Falles, also einer Erklärung durch 'vergessene Erinnerungen'. Eine solche hätte natürlich nahegelegen, wenn Dr. U. selbst die automatische Schrift erzeugt hätte. So aber müßte der Animist nicht nur annehmen, daß der Arzt in den Tiefen seiner Erinnerung ein Bild der irgendwann gesehenen Handschrift der Carolina C. bewahrte (was man ja schließlich vermuten mag), sondern daß sich dies Bild auch deutlich genug auf das Medium übertragen habe, um es zur 'telekinetischen' Erzeugung einer Scheinbotschaft in den Schriftzügen der Verstorbnen (und mit dramatisch-persönlichem Inhalt!) zu befähigen. Eine solche Deutung mutet um so gezwungener an, als Dr. U. offenbar eine wenig 'aktive' Erinnerung an den Krankheitsfall besaß (dies geht wohl aus seiner Unfähigkeit hervor, sich auf die Einspritzung zu besinnen, selbst nachdem diese von der Verstorbenen erwähnt worden war); um so gezwungener auch, als das Medium nahezu 1) PS Sept. 1906. Ich rückübersetze aus Bozzano, Casi 146 ff., da mir der Band eben unzugänglich ist. 240 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten Analphabetin war, also für die Auffassung und Nachahmung persönlich- typischer Schriftbilder wenig geeignet. Der zweite kurz anzuführende Fall zeigt als Antrieb und Inhalt der Fremdschrift einen Wunsch von der Art, wie wir ähnliche schon unter den Sinndeutungen des Spukens kennengelernt haben; er verknüpft also den Tatbestand der Xenographie mit einer Art spiritistischer Beweisführung, auf die ich durchweg besonderen Nachdruck legen muß: mit der Argumentation aus persönlich-psychologischer Natürlichkeit. In diesem von Mr. J. S. Shepard mitgeteilten Fall enthielt das in identifizierbarer Handschrift abgefaßte mediale Schriftstück das in der Ich-Form gehaltene Geständnis eines gewissen George Purday, früheren Sachwalters des Erzählers, diesen während vieler Jahre betrogen und übervorteilt zu haben; ein Geständnis, das die daraufhin angestellte Untersuchung vollkommen bestätigte. Die überlebende Frau des Purday und seine Erbin war mitschuldig; doch muß man bei der Frage, ob das 'Geständnis' etwa von ihr 'inspiriert' war, in Rechnung stellen, daß George Purday ausdrücklich angab, er habe schon während seiner letzten Krankheit alles gestehen wollen, sei aber von seiner stets anwesenden Frau daran verhindert worden. Das Medium, ein alter Mr. Stanford, war dem Erzähler völlig unbekannt. Von den Schriftzügen des Bekenntnisses sagt dieser: 'Die Handschrift, in welcher die Botschaft diktiert war, erwies sich als vollkommenes Ebenbild der sehr eigenartigen Purdays. Ich unterbreitete den Fall der Nachprüfung eines erfahrenen Sachverständigen, wobei ich Schriftproben des [lebenden] Purday beifügte, und er entschied, daß die beiden Schriftstücke von einer und derselben Person geschrieben seien . . . ' 1 Soviel über das Auftreten identifizierbarer Handschriften und seine Bedeutung für unser Problem. - Aus Gründen, die keiner Darlegung bedürfen, füge ich diesem Kapitel anhangsweise zwei Berichte an, die ich fast für die einzigen ihrer Art halten möchte. Beiden zufolge geschahen die Mitteilungen des angeblichen Verstorbenen - und das rückt sie in die Nähe der obigen Gruppe - in einer Form der Ausdrucksgebärde, worin jener zu Lebzeiten 'geübt' gewesen war: im ersten Falle handelt es sich um eine persönliche Geheimschrift (die überdies hier auf ungewöhnliche Art 'telekinetisch' erzeugt wird); im zweiten um den Gebrauch des sog. Taubstummenalphabets. Jener wurde von Dr. Hinkovic in Agram dem bekannten Forscher Charles de Vesme übersandt; ich gebe ihn leicht gekürzt wieder. Ein gewisser 'Vatroslavo' hatte sich schon mehrfach durch den Bleistift einer Frl. Tónica kundgegeben. Einige Zeit nach seinem Tode starb auch eine seiner Schwestern. Diese hatte mit ihrem Verlobten in Geheimschrift einen Briefwechsel unterhalten, welchen ihre Mutter nach ihrem Tode 1) Lt 1904 602 f. Schreibfähigkeit und Handschrift 241 auffand, aber nicht entziffern konnte. Während einer Sitzung im Hause des Dr. Hinkoviö äußerte 'Vatroslavo' die Absicht, einen Brief an seine abwesende Mutter zu schreiben. Tri. Tonica ergriff einen Bleistift, und während meine Frau, auf 'V.s' Wunsch, ihr den Arm festhielt, verharrte der Tisch (auf welchem ein Bogen Papier lag) in dauernder Erhebung und verschob sich derartig gegen die Spitze des Bleistifts, daß die seltsamsten eckigen Schriftzeichen entstanden. So wurde vor unsern Augen, in leidlichem Lichte, der Brief geschrieben, den wir, ohne ihn anzusehn, der Mutter Vatroslavos übersenden sollten. Am Tage darauf besuchte mich diese, das Gesicht vor Erregung strahlend, und berichtete mir, daß der Brief in Geheimschrift gehalten war und der Verfasser einen Schlüssel zu ihrer Entzifferung hinzugefügt hatte. In dem Brief erzählte 'Vatroslavo' seiner Mutter, daß der Geist seiner Schwester Lubica ihm das Geheimnis ihrer Geheimschrift anvertraut habe und daß vermittelst des nunmehr gelieferten Schlüssels die Mutter den Briefwechsel der beiden Verlobten werde entziffern können... Die Mutter Vatroslavos fügte hinzu, daß zweifellos [kein Unbeteiligter], am wenigsten Vatroslavo, zu Lebzeiten das Geheimnis dieser Schrift gekannt hatte.'1 Natürlich würde, auch wenn V. zu Lebzeiten in das Geheimnis eingeweiht worden wäre, der spiritistische Anschein des Hergangs sich nicht vermindern. Dagegen müssen wir wohl annehmen, daß der Bräutigam zur Zeit der beschriebenen Sitzungen noch lebte und somit als 'Quelle' in Betracht kam; - mit wieviel Wahrscheinlichkeit, mag der Leser selbst zu schätzen suchen. Der zweite Fall wird von Prof. Dr. C. Schäfer in Wandsbeck aus seinen Beobachtungen an einem Medium berichtet, das er bloß als Tri. G.' bezeichnet. - "Einmal erschien als Geistwesen eine Taubstumme, die sehr gewandt das Taubstummenalphabet anwandte, von dem das Mediinn nicht die geringste Ahnung hat. Auch keiner der Anwesenden konnte es verstehn, und wir baten deshalb das Geistwesen, das nächste Mal wieder zu erscheinen; wir wollten ein junges Mädchen mitbringen, das uns das Alphabet deuten könnte. In der nächsten Sitzung erschien die Taubstumme wieder. Das Medium machte so schnell und so gewandt die Alphabetzeichen, daß das junge Mädchen, welches uns die Taubstummensprache verdolmetschen sollte, Mühe hatte, ihr zu folgen. Wenn diese ein Wort falsch ausgelegt hatte, schüttelte das Medium den Kopf und wiederholte die Zeichen, bis sie richtig gedeutet wurden. [Dies scheint die innere Sinnlebendigkeit der Rede zu verbürgen.] Das junge Mädchen bestätigte, daß sie noch keine Taubstumme gesehen hätte, die so schnell und gewandt das Alphabet anwandte, als das Medium, das im Wachzustand überhaupt keine Ahnung von der Taubstummensprache hatte. Im Unterbewußtsein kann sie auch diese Fähigkeit nicht besitzen, da sie nie im Leben Gelegenheit gehabt hatte, die Zeichensprache der Taubstummen zu beobachten, viel weniger zu lernen.'8 I i RSP 1903 81 (Bozzano, aaO. 53 f.). 2) R B 1926 121. Vgl. Aksakow 648 ff. Ein Fall von Benutzung des nicht-gekannten telegraphischen Morse-Alphabets (teste Crookes!): PS 1874 209. U a t t i e s e n , Das persönliche Überleben 14 242 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten 2. Das Argument aus künstlerischen Leistungen Ich gehe nunmehr, im rückgreifenden Anschluß an die Tatsache des Schreibens Schreibunkundiger, zu Leistungen über, die gleichfalls das persönliche Können des Mediums übersteigen, aber nicht als allgemeine Mittel und Formen von 'Äußerungen' bezeichnet werden können und daher nur bedingt in unsern Zusammenhang gehören. Ich meine gewisse Fälle von automatischer oder Trans-Ausübung künstlerischer Fertigkeiten, besonders der Malerei.1 Diesen leidlich bekannten Leistungen2 gegenüber erhebt sich die Frage, ob sie jemals unbestreitbar über das hinausgehen, was wir der anerkannten Steigerung vieler Fähigkeiten in 'unterbewußten', also auch ungehemmteren seelischen Schichten zuschreiben dürfen, wo überdies eine 'Inkubation' oder 'Ausbrütung' solcher Gaben angenommen werden könnte, also ihr Heranreifen außerhalb aller bewußten Leistung; oder aber gar ihre 'Speicherung' auf Grund von Vererbung irgendwelcher Art - bis auf den Tag des plötzlichen Hervorbrechens. Diese Vorgänge, selbst wenn wir sie zugestehn, sind seltsam genug und bislang, wie mir scheint, mit den üblichen Begriffen der Psychologie noch nicht annähernd erklärt. Gleichwohl erscheint es mir noch ungewiß, ob spiritistische Annahmen diese Erklärung in allen oder den meisten Fällen wirklich fördern können, ungeachtet dessen, daß die betreffenden Personen fast immer eine spiritistische Deutung ihrer Leistungen soz. selbst erzeugen. Wir banalisieren die Tatsachen jedenfalls nicht, auch wenn wir eine solche einstweilen als unbewiesen ablehnen; fragt es sich doch, ob ihre wahre Erklärung dereinst nicht ebenso sehr über heutige Schulbegriffe hinausführen wird, wie eine spiritistische es täte. Es sei erlaubt, diese abstrakte Meinungsäußerung zunächst am Fall des Malmediums Le sag e zu erläutern. - Dieser einfache Grubenarbeiter, geb. am 9. Aug. 1876, von lauter Grubenarbeitern abstammend, hatte - nach Dr. Ostys gewissenhaften Feststellungen - keine weitere künstlerische Vorgeschichte, als einige 'seltene und ganz einfache Schulzeichnungen', bei denen 1 ) Ich übergehe Fälle entsprechenden Ausübens der 'Dichtkunst', da hier die Grenzen des ('unterbewußten') Könnens des Mediums offenbar kaum zu bestimmen sind; ebenso Fälle 'automatischer' Lösung rechnerischer Aufgaben durch Personen, die dessen bewußt traglos nicht fähig gewesen wären (s. z. B. Urysz in PS XXXIII 5241. 527), da auch hier die Beobachtungen an sog. 'Rechenwundem' (und 'rechnenden Tieren') die Betätigung 'unterbewußter' Fähigkeiten (bzw. telepathischer Beihilfe Anwesender?) so nahe legen, daß eine spiriUstische Deutung gar nicht erst in Frage kommt. Vgl. etwa Myers II 79 ft.; Pr VIII352 f.; Binet in RPh 1895; Scripture in Amer. Jo. of Psych. April 1891; Osty in RM 1927 394 fl. 2) Liste von Malmedien : Buchner 223. 233 ff. Über M. Gruzewski : Dr. Osty in RM 1928 85 fl. ; über Miss A.: Pr IX 74f.; über H. Nüßlein: Prof. Chr. Schröder in ZmpF 1932 107 fl.; über Frieda Gentes: MatUesen in JSPR 1914 210 ff. Vgl. temer PS XXXI 546 fl.; XXXIV 672. Künstlerische Leistungen 243 er nicht das mindeste Talent gezeigt hatte, und den einmaligen flüchtigen Besuch des Museums in Lille während seiner Dienstzeit, der auf ihn nicht den geringsten Eindruck machte und nie wiederholt wurde. Im Alter von 35 Jahren 'hörte' er eines Tages während der Arbeit eine 'sehr deutliche Stimme' sagen: 'Eines Tages wirst du Maler sein.' Dies wiederholte sich zu seinem Schrecken, und zwar ein einziges Mal, einige Tage später. Mehrere Monate danach hörte er im Kreise von Arbeitskameraden zum erstenmal von 'Spiritismus' sprechen und bildete mit einigen Genossen einen 'Zirkel'. Schon bei der zweiten Zusammenkunft drang der schwankende Tisch auf ihn ein, und er fühlte ein Zittern in der rechten Hand und den Drang zu schreiben. 'Heute sind wir glücklich, schrieb er, uns euch mitteilen zu können. Die Stimmen, die du gehört hast, sind Wirklichkeit. Eines Tages wirst du Maler sein. Gib genau acht auf unsre Ratschläge, so wirst du sehn, daß eines Tages alles wahr werden wird, wie wir es s a g e n . . . ' Von der nächsten Sitzung ab führte Lesages Hand jedesmal eine Zeichnung mit mehreren Farbstiften aus. Doch hatte dies bald ein Ende, die Hand versagte den Dienst und schrieb eine Botschaft, wonach er nun nicht mehr zeichnen, sondern malen werde; sein Werk werde der Wissenschaft unterbreitet werden; er solle in allem gehorchen, nichts zu verstehen suchen, seine Hand werde geführt werden, usw. Es wurde ihm befohlen, bei M. Poriche in Lillers alles Nötige zu beschaffen; die Namen der Farben wurden ihm angegeben (er hatte angeblich nie eine Tube gesehn), desgleichen die Nummern der Pinsel. Halb automatisch und in großer Verlegenheit vor den Fragen des Händlers machte er tatsächlich diese Einkäufe. Nachdem er sich zunächst auf vier Blättern Papier versucht hatte, befahl ihm die 'Hand' die Beschaffung von Leinwand, und zwar für den ersten Versuch eines Stückes von 3X3 m (!). 'Zerschneide die Leinwand nicht. Es wird sich machen. Alles wird vollbracht werden. Folge unsern Anweisungen . . . Mach dich ans Werk.' Und jeden Abend, nach der müden Heimkehr von der Arbeit, macht er sich nun, sogleich erfrischt (!), an die Arbeit, die sich soz. von selbst, ohne sein Zutun und Vorbedacht vollzieht, wobei er in der 'oberen Ecke rechts' beginnt. Inhaltlich bezeichnet gleich dieses e r s t e Bild den Höhepunkt von Lesages Schaffen. Die Leinwand ist bedeckt mit halb dekorativer, halb architektonischer Kleinmalerei in quasi-orientalischem Stil von außerordentlicher Feinheit der Ausführung, und man muß einem der vielen Berufsmaler, die das Bild gesehn, darin beistimmen: daß nichts an sich unwahrscheinlicher gewesen wäre, als daß ein völliger Neuling im Malen vor einer solchen Riesenfläche gerade auf diese kleinmalerische Art verfiele. Als Ganzes verrät es einen sicher zusammenfassenden Geschmack, und Lesages weitere Gemälde - einige Dutzende - sind (wie die Abbildungen in der Revue Metapsychique beweisen) von Fall zu Fall eigenartige Abwandlungen des gleichen Typs. Stilisierte menschliche Gesichter, 'heilige Vögel', 'gewisse mystische Tiere' und andre symbolische Bestandteile sind im Verlauf zunehmend aufgetreten, und Lesages 'Führer' haben ihm gesagt, daß sie den geheimnisvollen Sinn seiner Werke ihm später offenbaren würden. Die Eigenartigkeit, sinnreiche Durchbildung, Mannigfaltigkeit, Phantasie, 16* 244 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten farbige und handwerkliche Feinheit der Bilder, und vor a l l em des e r s t e n , 1 haben die einmütige Bewunderung zahlreicher Maler erregt. Aber niemand konnte ihren Stil in irgendeine Epoche antiker oder exotischer Kunst verweisen. Auch hat Lesages wachsende Bekanntschaft mit klassischer und moderner Malerei (er stellte sogar im 'Salon' aus!) keinerlei Einfluß auf sein Schaffen gehabt Er arbeitete einige Wochen lang im Inst. Internat. Metapsych. unter Dr. Ostys täglicher Beobachtung. Niemals wanderte bei der Ausführung großer symmetrischer Gebilde sein Blick nach der Seite der bereits ausgeführten Hälfte, die zuweilen einen Abstand von 150 cm hatte. Unterhaltung 'brach den Zauber' seines Schaffens. Im übrigen erschien er normal, versicherte aber stets, daß er alles unter Zwang ausführe, nichts plane, nichts voraussehe, weder das Ganze, noch das Einzelne. Die Entstehung der Bilder war eine soz. atomistische und jede Bewegung automatisch. Nur wenn er während der Arbeit ganz einsam war, fühlte er sich, halb ekstatisch, gleichsam in eine andre Umgebung versetzt, in der alles um ihn her Vibrierte', und hörte ferne Glocken. Lesage schrieb seine ersten automatischen Botschaften und Zeichnungen seiner im Alter von 3 Jahren verstorbenen Schwester zu, von der aber nur einzelne wirklich Hinterzeichnet' wurden. Seit Beginn der Ölmalerei war 'Lionardo da Vinci' sein Inspirator; seit 1925 ein der Kunstgeschichte unbekannter Maler 'Marius von Tyana'. Dr. Ostys Ansicht, daß der erstere seine Rolle der auch Ungebildeten bekanntgewordenen Entwendung der 'Mona Lisa' aus dem Louvre verdanke, der letztere dagegen eine Verballhornung des Apollonius v. Tyana sei, den Lesage sehr bald bei seiner okkultistischen Leserei entdeckt haben mag, - erscheint mir durchaus überzeugend. Für die wirkliche Beteiligung der verstorbenen Schwester spricht weniger als nichts, vielmehr treten schon hier die ersten automatischen Schriften im 'Wir'-Stil auf.2 Dem gegenüber ist freilich zuzugeben, daß für eine anderweitige psychologische Herleitung der Fähigkeit und der Leistungen Lesages auch nicht das allermindeste sich hat beibringen lassen. Die plötzliche und völlig fertige Geburt eines ebenso eigenartigen wie einheitlich-gleichbleibenden altertümlich-dekorativen Malstils in Kopf und Hand eines völlig Bildungs- und Talentlosen, der nach Erfahrungs-Maßstäben künstlerisch ein unbeschriebenes Blatt darstellte, gibt uns ein unerhörtes Rätsel auf. Wir können geltend machen, daß dieser Stil - bei aller Abweichung - eine gewisse Artverwandtschaft zeige mit demjenigen andrer Malmedien, wie etwa der Gentes (nicht die mindeste allerdings mit Nüßleins phantastisch-architektonischen Interieurs oder Gruzewskis ausdrucksschweren Menschengestalten); wohl auch mit einzelnen der durch Prinzhorn sehr bekannt gewordenen Malereien Irrer. 1) Die vorausgegangenen Farbstiftzeichungen und Malereien auf Papier sind gleichfalls durchaus 'dekorativ', lassen aber den miniaturistischen Überreichtum der Gemälde kaum von ferne anklingen. (S. Tafel I u. II.) 2) HM 1928 1 fl. Künstlerische Leistungen 245 Aber damit ist das Rätsel der Lösung nicht nähergebracht. Wir müßten, wie gesagt, einen seelischen Ort außerhalb aller bewußten Entwicklung der Persönlichkeit voraussetzen, wo sich ganz seihständig der Besitz einer Kunst und eines Stils heranbildet, deren letzte Herkunft wir nicht einmal erraten können und die sich eines Tages, in der Maske von Personen der unsichtbaren Welt, in das tagwache Leben hineindrängen. Solchen Vorgängen gegenüber reden wir vom 'Wesen des Genies', von 'Eingebungen des Unterbewußtseins', vom Ts' hinter dem Ich, vom Abreagieren verdrängter Spannungen usw.; aber auf dem Boden unsrer naturalistischen Psychologie sind dies bloße Redensarten ohne deutende Kraft; und wenn wir sie metaphysisch ausweiten, bis sie 'ein außerindividuelles Geistiges', das Unbewußte' in v. Hartmanns Sinn, das 'Absolute', den Allmächtigen, den Schöpfer, 'Gott', den Geist schlechthin bezeichnen,1 so betreten wir damit natürlich eine Ebene, auf der eine spiritistische Deutung oder die naiv-reinkarnationistische, auf die sich der gute Lesage später festzulegen suchte, beinahe als logische Sparsamkeit erscheinen. Von Nüßlein wird berichtet, daß seine Malereien deutlich hellseherische Fähigkeiten verraten, indem er z.B. durch Lesen von Gedichten oder 'durch Einstellung auf den Namen von Dichtern, Philosophen und andern Persönlichkeiten der Vergangenheit' befähigt werden soll, Köpfe zu malen, 'die beim späteren Vergleich mit den originalen Porträts vielfach eine verblüffende Ähnlichkeit aufweisen'; oder indem er 'nach einer Schriftprobe (oder nur Unterschrift) Lebender sog. Kontaktbilder' malt, die jene Lebenden ebenfalls 'nicht selten überraschend im Bilde treffen'.2 Solche Tatsachen, falls wirklich bewiesen, könnten erst recht den Ursprung des automatischen Malens mit jenem Bereich des Ubernormalen verknüpfen, dessen Verständnis unsrer physiologisch-parallelistischen Schulpsychologie verschlossen bleiben muß, während es der spiritistischen Theorie zum mindesten wesensverwandt ist. Dies darf uns aber nicht verführen, der spiritistischen Selbstauslegung, mit der die 'unterbewußte' Kunst gewöhnlich auftritt, mehr zu trauen, als so vielen andern spiritistischen Maskierungen des seelischen Randgebiets. Jedenfalls kenne ich bisher nur zwei Fälle, in denen der spiritistische Anspruch von besonnenen Kennern unsres Gebietes ernstlich erwogen werden konnte. Der erste ist der von Prof. Hyslop genau untersuchte und ausführlich dargestellte des Goldschmieds F. L. Thompson, der anscheinend von dem verstorbenen R. Swain Gifford, einem bekannten amerikanischen Maler, beeinflußt wurde. Thompson hatte keine Erfahrung in der Malerei, wurde 1) Schröder in MImpF 1932 104. 2) das. 108 f. 246 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten aber von Giiford beeindruckt, Bilder in seinem Stil zu entwerfen und zu malen, die sich entsprechend ihrer Vollendung gut verkauften. Der erste Antrieb zu diesen Malereien trat 1905, sechs Monate nach Giffords Tode auf, ehe Thompson diesen erfahren hatte, und zwar mit so überwältigender Kraft, daß Th. sein Gewerbe nicht länger betreiben konnte, das ihm auch nachgerade zuwider wurde. Er hatte wirklichkeitgetreue Gesichte von Landschaften in der Nachbarschaft von Giffords Landhaus, deren einige dieser zu Lebzeiten skizziert hatte; auch glaubte er zuweilen während des Malens Gifford selbst zu sein; dem er übrigens zu dessen Lebzeiten zwar begegnet war, aber ohne ihn irgend näher kennen zu lernen. - Hyslop begab sich mit Thompson zu drei Medien, von denen keines Thompson oder die Veranlassung zu seinem Besuche kannte; und jedes von diesen beschrieb den Verstorbenen (ohne ihn zu nennen) in den üblichen Formen, die wir bei der Besprechung anscheinend spiritistischer Transvorgänge kennenlernen werden.1 Noch eindrucksvoller in mehr als einer Hinsicht erscheint mir der zweite Fall: der des holländischen Malmediums Mansveld, über den der kritisch und animistisch denkende Dr. W. Kröner (homöop. Arzt in Berlin) das - freilich weit übertreibende - Urteil fällen konnte: die Spiritisten könnten diesen Fall 'vielleicht als das überzeugendste Phänomen, das jemals beobachtet wurde, buchen'! Mansveld ist ein Mann aus dem Handwerkerstande, 'der bis zu seinem 46. Lebensjahr nie den leisesten Mal- oder Zeichenversuch gemacht hat und auch heute noch nicht imstande ist, eine ihm vorgelegte einfache Vorlage nachzuzeichnen'. Seine Medialität entdeckte er während einer spiritistischen Sitzung, an der er teilnahm: es meldete sich nämlich der angebliche Geist des 1899 verstorbenen Jakob Maris, des bekannten holländischen Landschafters, und bat Mansveld, ihm seinen Arm zur Verfügung zu stellen. 'Nach wenigen Versuchen entstanden Bilder, die, wie behauptet wird, von einem echten Maris nicht zu unterscheiden sind und das charakteristische Signum des verstorbenen Meisters tragen.' Das Mansveld von andern Malmedien Unterscheidende nun ist, daß diesem ersten angeblichen Inspirator noch zahlreiche andre folgten, gleichfalls meist, aber nicht durchweg, bekannte jüngst-verstorbene Meister, deren Manier das Medium mit der gleichen Schärfe der Charakteristik traf; daneben freilich ein angeblich 'identifizierter', aber 'dem Medium unbekannter' Schweizer Arzt, Dr. Koch, der nicht malte, sondern nur längere Zeit hindurch als typischer 'Führer' die gesamten Leistungen überwachte. Dr. Kröner, der eine umfangreiche Ausstellung Mansveldischer Bilder studiert hat, bezeugt denn auch: 'man würde nicht im entferntesten annehmen, daß diese Bilder von ein und derselben Person herrühren, denn sie machen den Eindruck, als seien sie von mindestens 20 verschiedenen Künstlern gemalt, die weder in Auffassung und Technik, noch im Temperament, in den Motiven, in der 1) Hyslop, Contact 203 ff. Künstlerische Leistungen 247 Schulung, in ihrer künstlerischen Bedeutung, kurz in der ganzen Malweise etwas miteinander gemein haben...' 'Es erscheint unmöglich, daß selbst ein großer Künstler von äußerster Wandlungsfähigkeit oder ein Fälschergenie imstande wäre, derartig verschiedene künstlerische Handschriften zu schreiben... Die meisten Werke verraten den reifen Künstler, und ein großer Teil steht auf außerordentlicher künstlerischer und technischer Höhe.' - Mansveld malt in fast völligem Transzustand äußerst rasch und gewaltsam mit der linken Hand (er ist sonst Rechtser), zuweilen selbst im Dunkeln, und seine Mimik, Stimme, Sprache und Temperament verändern sich währenddessen entsprechend der jeweils malenden 'Persönlichkeit'.1 Hier spitzt sich in der Tat das spiritistische Problem der Transkunst unverkennbar zu. Dr. Kröners Bericht (der einzige, der mir zur Verfügung steht) ist leider zu kurz gehalten, um eine sichere Stellungnahme zu ermöglichen. Wieweit die Identifizierung des 'Dr. Koch' verlässig ist, wieweit diejenige andrer durch Mansveld sich kundgebender Persönlichkeiten, bleibt völlig im ungewissen. Schon daß Mansveld so 'vollkommen aus dem Rahmen aller bisher bekannten Malmedien herausfallen' soll (die auch Kröner durchweg für animistisch deutbar hält), verwirrt das Urteil in eigenartiger Weise. Auch die Frage, wieweit das Medium mit der Malweise der angeblich durch seinen Pinsel wirkenden Meister bekannt sei, bedürfte vertiefter Nachprüfung. Kröner gegenüber erklärte Mansveld, 'soweit es sich um Holländer handelte und diese Maler allgemein bekannt seien, habe er wohl die betreffenden Bilder gesehen, ohne daß sie aber besonders tiefen Eindruck hinterlassen hätten. Von der Mehrzahl der Künstler verneint er aufs entschiedenste, sie auch nur dem Namen nach gekannt zu haben.'2 - Angenommen nun aber, der spiritistische Anspruch dieser künstlerischen Leistungen ließe sich rechtfertigen, so würde gerade die einzigartige Massenhaftigkeit von Mal er-Kontrollen bei einem Medium es sehr wahrscheinlich machen, daß dieses, allem Anschein zum Trotz, doch eine unterbewußte Begabung (und eben darum spezifische Ausnutzbarkeit!) auf diesem Gebiet besitze. Damit aber würden wieder die Aussichten einer animistischen Ableitung seiner Leistungen steigen. So scheint gerade das Übermaß des spiritistischen Anscheins in diesem erstaunlichen Falle gegen den Zwang seiner spiritistischen Deutung zu streiten! Wir erfahren nun freilich Hoch etwas weiteres Merkwürdiges über Mansveld: während seines 'veränderten' Zustands beginnt er zuweilen 'geläufig in ihm vollständig fremden Sprachen zu sprechen und sich zu unterhalten, ja sogar Briefe mit fremder Handschrift zu schreiben; Mansveld spricht aber nachweislich nur holländisch und versteht kein Wort einer fremden Sprache'.3 Diese Tatsache, ihre Erwiesenheit vor- 1) Ok 1926 38 fl. 2) das. 4 4 f . 3) das. 45. 248 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten ausgesetzt, würde nun allerdings auch die übrigen Bestandteile des Problems Mansveld in ein ganz neues Licht rücken. Aber diese Tatsache erfordert eine Behandlung auf breiterer Grundlage, an die wir auch gleich herantreten wollen. - Vorher muß nur noch eine letzte Frage erwogen werden, die uns die meisten Malmedien aufdrängen, wenn auch vielleicht keins so nachdrücklich wie Mansveld. Ich meine die Frage, ob wir gegenüber Leistungen dieser Art - abgesehn von den erforderlichen 'seelischen' Fähigkeiten: Erfindungskraft, Formen- und Farbensinn usw. - beim Medium wirklich auch die rein technischmanuellen voraussetzen dürfen, ohne welche die Entstehung dieser oft äußerst feinen und verwickelten Schöpfungen (vollends erstmaliger!) nicht zu denken ist Wer Lesages erste Arbeit betrachtet oder von Mansvelds Arbeitsweise liest,1 wird das Peinliche dieser Frage empfinden. Für Kröner allerdings scheint sie kein Problem zu enthalten; denn er vertritt die Ansicht, daß 'das Genie und das Medium... so gut wie unabhängig von der mechanischen Erlernung des Technischen' seien. Technische Schulung nämlich sei überhaupt keine positive Leistung, vielmehr eine rein negative: sie bestehe in der Beseitigung der Oberbewußtseins- Hemmung, einer Art von TCanalisierung' des Oberbewußtseins, die den einigermaßen gleichmäßigen Abfluß der künstlerischen Spannung ermöglicht. Vom Standpunkt des Unterbewußtseins sei es also eigentlich der normale Fall, daß 'ohne vorhergegangene Schulung fertige Technik da ist', 'scheinbar aus dem Nichts entstanden oder wie vom Himmel gefallen'.2 - Eine Begründung dieser Lehre wird uns vorenthalten, und ich vermag nicht einzusehen, worin sie bestehen sollte. Meiner Überzeugung nach muß selbst das größte Genie sein technisches Können schrittweise erwerben; nur geschieht, entsprechend der überragenden Sonderveranlagung, die Erwerbung auch unvergleichbar rasch, und die Schritte gleichen zuweilen Sprüngen, zumal beim Genie das Überwiegen der 'unterbewußten' Seelenhaltung auch deren ganze Überlegenheit und Hemmungslosigkeit ins Spiel bringt. Anderseits erscheint es mir unter Voraussetzung echter 'Besessenheit' wohl denkbar, daß auch ein technisch völlig unvorbereitetes Wesen soz. aus blauem Himmel zu Mal-Leistungen von technischer Vollendung gezwungen werde. Seien nun auch die Grenzen schwer zu bestimmen, in denen die Stei- 1) Die Linke fährt, 'wie von einer fremden Kraft hin-und hergerissen', 'in weit ausfahrenden Bewegungen' auf der Fläche umher. 'Es wurde nichts entworfen,... der Stift fuhr wild und regellos auf dem Papier umher, sprang scheinbar sinnlos von einer Stelle, von einem Motiv zum andern... Mit gröQter Vehemenz schmiert die ganze Handfläche im Gemälde herum. ...Aber gerade dadurch kommt Weichheit und Perspektive in die Bilder.' (Dr. Kröners eigene Beobachtung: aaO. 45 f.) 2) aaO. 39 11. Künstlerische Leistungen 249 gerung und Beschleunigung aller Vorgänge im Unterbewußtsein die Erwerbung einer Technik beinahe verschleiern kann, so werden doch solche Grenzen stets vorhanden sein; ja man wird annehmen müssen, daß sie in gewissen Künsten sogar engere sind als in andern; daß es also Grade von technischer Besonderung und Verwicklung gibt, die einem völlig Ungeübten selbst unter dem stärksten Antrieb unterbewußter Eingebung durchaus unzugänglich wären. Ich denke hier vor allem an die Musik. Wir mögen uns wohl vorstellen, daß ein Durchbruch aus dem Unterbewußten' eine musikalische Empfindlichkeit und Erfindungskraft entbinden könnte, deren die Person sich nicht für fähig gehalten hätte. Können wir uns aber vorstellen, daß damit, ohne jede vorausgegangene Übung, auch die Fähigkeit zu verwickeiteren technischen Wiedergaben auf einem der 'höheren' Instrumente gegeben wäre? Die Frage scheint mir ein ziemlich bestimmtes Nein zu fordern. Und doch wird uns die anscheinende Unmöglichkeit als Tatsache berichtet. N. P. Tallmadge z. B., ehemals Gouverneur des nordamerikanischen Staates Wisconsin, behauptet, daß seine 13 jährige Tochter, 'die keine Note Musik kannte und nie in ihrem Leben ein Klavier berührt hatte', unter der Kontrolle eines Geistes 'Beethovens Großen Walzer und verschiedene Volkslieder' gespielt habe.1 Podmore, der dies zunächst ohne Randbemerkung erwähnt, scheint nachträglich den Bericht zu denen rechnen zu wollen, 'die in Betrug oder unbewußter Übertreibung eine ausreichende Erklärung finden.' 2 Es mag schwer zu entscheiden sein, ob wir einem amerikanischen 'Politiker' des mittleren Westens vor fast 100 Jahren soviel Gewissenhaftigkeit des Zeugnisses zumuten dürfen, daß die Behauptung der musikalischen Jungfräulichkeit seiner Tochter wörtlich zu nehmen wäre, und ich bin auch nicht imstande festzustellen, welches Musikstück er mit 'Beethovens Grand Waltz' bezeichnen will. Daß die Leistung der Miss Tallmadge, falls so verlaufen, wie berichtet, nur übernormal gedeutet werden könnte, erscheint klar; wir hätten nur allenfalls die Wahl zwischen 'motorischer Besessenheit' durch einen Verstorbenen oder - durch einen Lebenden,3 der in unserm Falle wohl anwesend zu denken wäre, auch wenn wir nichts davon erfahren; - eine Wahl, für die uns genauere Unterlagen fehlen. - Ed. v. Hartmann ist weiter gegangen und hat es für überhaupt unmöglich erklärt, daß selbst 'der mächtigste Geist vermittelst eines durch keine Übung vorbereiteten Nervensystems ein richtiges und sauberes Klavierspiel zutage fördere': 'selbst wenn er zu der Suggestion des Klanges die Suggestion der motorischen Ausführungsimpulse nach ihrer inneren Empfindungsbeschaffenheit hinzufügen wollte, so würde das in dem Medium 1) Tallmadge bei Linton 61. 2) Spir. I 281 f. 3) Vgl. o. S. 227. 250 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten nicht die entsprechenden Gruppen koordinierter Bewegungen auslösen, . . . denn es würde die Einübung der Nervenbahnen fehlen, welche zur Umsetzung relativ einfacher Innervationsimpulse in komplizierte Reihenfolgen von Bewegungsgruppen erforderlich ist.' Da dies für einen inkarnierten Geist genau so gut gelte, wie für einen entkörperten, so könne die 'Geisterhypothese' zur Erklärung eines Falles wie desjenigen der Miss Tallmadge nicht das geringste beitragen, und wegen dieser 'völligen Unbegreiflichkeit' müsse der Bericht als schlechthin unglaubwürdig angesehn werden.1 Ich möchte so weit nicht gehen. Wir werden später noch Tatsachen begegnen, die zwischen einer rein 'suggestiven' Beeinflussung des Mediums und einer gewissermaßen körperlichen Besitzergreifung von seinem Bewegungsapparat zu unterscheiden nötigen. So lange die Grenzen dieses letzteren Vorgangs nicht festgestellt sind, schwebt die Behauptung von Unmöglichkeiten in der Luft. Im übrigen steht Tallmadges Bericht nicht völlig vereinzelt da. Herr Julius Magnussen, ein dänischer Lustspieldichter, erzählt in einem 'Gottes Lächeln' betitelten Buche, daß er, selbst des Klavierspiels unkundig, seinem Bruder ein langes Stück aus dem Schlußakt der 'Hugenotten' vorgespielt habe, das er nie gehört hatte. Sein verstorbener Vater, ein sehr guter Klavierspieler, habe dies durch seine Hände getan, um dem andern Sohn das Stück vorzuführen, das er mit ihm zusammen einmal in der Stockholmer Oper gehört hatte.2 Dieser Bericht, falls in jeder Einzelheit ganz verlässig, würde natürlich denjenigen Tallmadges an Bedeutung noch überbieten, und wenn in Fällen wie diesem, oder Mansvelds und Thompsons, die identifizierenden Indizien noch an Gewicht und Sicherheit gewännen, so könnte die spiritistische Deutung 'inspirierter Technik' schließlich doch noch als bewiesen gelten. 3. Das Argument aus dem lebendigen Besitz von Fremdsprachen Unvergleichlich günstiger erscheinen die Aussichten spiritistischer Deutung gegenüber jener Art abnormen Fähigkeitsbesitzes, von der uns u. a. der Fall Mansveld eine Andeutung lieferte: ich meine die mündliche oder schriftliche Äußerung in einer Sprache, die dem Medium unbekannt ist. Damit uns dieser Tatbestand der 'Xenoglossie* zum echten Problem werde, müssen wir freilich in vielen Fällen erst die Gewißheit haben, daß das Medium die betreffende Sprache nicht nur 1) Hartmann, Geist. 34. 2) PS L 108. Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 251 nicht 'kenne', sondern auch nie gehört oder gelesen habe; denn die unbegrenzte Erinnerungsfähigkeit des 'Unterbewußtseins' hat ja oft genug zu umfangreichen 'Äußerungen' in einer Sprache geführt, die das Subjekt vor langer Zeit und völlig achtlos hatte sprechen hören,1 oder von der es geschriebne oder gedruckte Sätze soz. ahnungslos überblickt hatte. Außerdem wird natürlich vorausgesetzt, daß die 'fremde' Sprache wirklich eine bestimmte sei, und nicht nur ein Phantasieerzeugnis oder Kauderwelsch, das bloß für eine bestimmte Sprache gehalten wird. Unstreitig werden manche Berichte über Xenoglossie schon durch die angedeuteten Bedenken oder sonst welche Unbestimmtheiten von wissenschaftlicher Berücksichtigung ausgeschlossen.2 Zuweilen aber begegnen wir xenoglossischen Äußerungen, die zwar bei ihrer Dürftigkeit kaum Eindruck machen können, jedoch innerhalb eines Zusammenhangs spiritoiden Gepräges auftreten, der ihnen einiges Relief verleiht. Ich verweise etwa auf gewisse italienische Äußerungen der von Dr. Hodgson beschriebenen 'Mme Eliza Mannors' durch Mrs. Piper. Sie trat bei dem berühmten Medium zuerst am 17. Mai 1892 in Gegenwart ihrer Schwester auf, fast ein Jahr nach ihrem Tode, und 'Phinuit' (Mrs. Pipers 'Führer'), der zu wiederholen vorgab, was sie ihm 'sagte', beschrieb zutreffend die Ursache ihres Todes und gewisse Vorgänge an ihrem Sterbebett. 'Einiges Italienische wurde auf Wunsch geschrieben, da die Dame diese Sprache ebenso gut beherrscht hatte, wie das Englische, aber nur 2 oder 3 gewöhnliche Worte waren lesbar.' Mehrere 'sehr ungewöhnliche' Namen wurden richtig angegeben und mancherlei 'von höchst persönlichem Inhalt' geäußert, am Schluß der Sitzung aber das Italienische für 'Es ist gut; Geduld' vom Medium geflüstert. Doch auch in weiteren Sitzungen waren Versuche, Italienisch zu schreiben, 'nur zum Teil erfolgreich', und 'nicht viel [in dieser Sprache] wurde gesagt'. In allem, was 'E. M.' mit Dr. Hodgson sprach, glich sie, nach dessen Zeugnis, 'der Frau, die ich gekannt hatte'.3 Unter dem gleichen Gesichtspunkt mag noch der Fall des Hawaiers 'Kalua* (vom Okt. 1893) angeführt werden, den der Sitzer, Mr. L. V. Briggs, zehn Jahre zuvor aus Honolulu nach Boston mitgenommen hatte und der dort einige Zeit darauf durch einen rätselhaften Herzschuß ums Leben gekommen war. Ein schwedischer Matrose wurde verdächtigt, konnte aber nicht überführt werden. Durch 'Phinuit' behauptete Kalua, daß er im Streit nach einem Spiel, aber ohne eigentliche Absicht, erschossen worden sei. "Kalua' versuchte Hawaiisch zu schreiben, aber die einzigen 'gewöhnlichen' Worte, die sich entziffern ließen, waren lei ('Kränze', die er täglich für Mr. Briggs angefertigt hatte), welches [sehr bekannte] Wort deutlich und häufig geschrieben 1) Wie jene schon fast mythische, hebräisch redende Magd, die ehedem bei einem Pfarrer gedient hatte. Zur Frage der Glaublichkeit des Falles vgl. J S P R X116. 2) Vgl. z. B . ASP 1901 149 ff. (Richet 165 II.); Barrett, Threshold 174 Anm.; Flournoy 292 fr. und viele ältere Fälle bei du Prel, Entd. I 262 fT. 3) Pr X I I I 335 f. 252 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten wurde, und ein Versuch, aloha - Gruß - zu schreiben. Fhinuit versuchte eine Antwort auf die Frage nach dem Aufenthaltsort von Kaluas Vater zu erhalten, gelangte aber nicht weiter als Hiram'. Die Schrift aber lieferte die Antwort 'Hawaiische Inseln'. Auf die Frage, welche von diesen, wurde die Antwort 'Kawai' geschrieben, während Phinuit 'Tawai' sagte. Das Wort wird Kawai geschrieben, von den Eingeborenen der Insel selbst aber und auf der Insel, wo Kalua geboren war, Tawai ausgesprochen. Die Eingeborenen der andern Inseln nennen sie Kawai.'1 - Wie man sieht, geht das in beiden Fällen angewandte fremde Sprachgut kaum über das hinaus, was selbst eine Amerikanerin von Mrs. Pipers mittlerer Bildung allenfalls hätte kennen können. Seltsam nur ist das Doppelspiel von 'Kawai' und 'Tawai'; doch ist auch hier zu bedenken, daß wenigstens der anwesende Sitzer das entsprechende Wissen besaß. Der Zweifel, ob in diesen und ähnlichen Fällen die fremdsprachigen Bestandteile überhaupt eine übernormale Erklärung fordern, stützt sich großenteils auf die Tatsache, daß das so Geäußerte kaum irgendwo in einer eindeutigen und bestimmten Sinnbeziehung zum Inhalt sonstiger Äußerungen steht; daß es als ein zusammenhanglos Wiedergegebnes erscheinen kann, und nicht als zielstrebige Aussage; sodaß es denn auch nur zu erklären gilt, wie die xenoglossischen Brocken als solche ins Medium hineingeraten seien. Erst wenn dieser Tatbestand deutlich überschritten wird, geht uns,das Problem in seiner ganzen Schwere auf. Ein seltsam anregender Fall von solcher Überschreitung, also der Beimischung angepaßter, 'zielstrebiger' Äußerungen zu andern, die allenfalls als bloße Wiedergabe zu deuten sind, ist der bekannte der Mme X. (Mrs. Finch), über den Prof. Richet i. J. 1905 der engl. Ges. f. ps. Forsch, berichtete.1 Er ist leider ohne Weitläufigkeit nicht wiederzugeben oder gar zu erörtern, und wird auch schwerlich auf eine eindeutige Formel zu bringen sein. Ich begnüge mich daher mit einer bloßen Umrißzeichnung. Das Medium hatte zuerst im Nov. 1899, und danach öfter, die Vision eines glattrasierten alten Herrn, der ihr später seine Initialen - A. A. R. - oder seinen vollen Namen, Antoine Augustin Renouard, angab: den Namen von Prof. Richets Urgroßvater mütterlicherseits, eines gelehrten Bibliophilen. Da sie mit diesen Visionen von Anfang an die Vorstellung des Griechischen verband, kaufte sie sich bald darauf zwei gebrauchte griechische Schulbücher, die sie aber unbenutzt beiseite legte. - Am 7. Nov. fiel sie, in Gegenwart der drei bedeutenden Forscher Richet, Piddington und Myers, in Trans und schrieb mit geschlossenen Augen zwei griechische Sätze; bald darauf, auch noch im November, einen Satz, der einen Gruß enthielt und die Angabe, daß die Kontrolle AVTCOVIVOJ heiße. Bis zum Sommer 1900 folgten weitere Sätze, alle in Richets Gegenwart geschrieben; mehr aber erst i. J. 1904, dar- 1) das. 3361. Vgl. etwa noch Dahl 209. 2) Pr XIX, 162-194. Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 253 unter längere Niederschriften in Abwesenheit Richets, die ihm zugesandt wurden; endlich i. J. 1905 u. a. mehrere Stellen aus dem Neuen Testament. Zwischen diesen letzten Gruppen von Schriften wurde nun - auf seltsamen Umwegen - die Entdeckung gemacht, daß mit Ausnahme weniger, dem Platonischen 'Phaedrus', der 'Apologie' und dem Johannes-Evangelium entstammender Sätze fast alles Geschriebene an weit verstreuten Stellen eines vor 60 Jahren gedruckten Französisch-Neugriechischen Wörterbuchs von Byzanüos als Sprachbeispiele verwendet sich vorfand. Von diesem soz. verschollenen und äußerst seltenen Buche 1 stand ein Exemplar in der Pariser Nationalbibliothek, die Mme X., wie sich aus ihrem Tagebuch und dem Besucherkartenverzeichnis nachweisen ließ, nur ein einziges Mal betreten hatte, und zwar um einen englischen Autor (Mosley) über Diderot nachzuschlagen, und nie mehr seit dem Feb. 1899, also vor Beginn der Schriften. Den Inhalt derselben hier wiederzugeben, würde zu weit führen; eine Auswahl wird unten zu bestimmtem Zweck geliefert werden. Prof. Richets sehr eingehende Darstellung des Falles ist gefolgt von drei ausführlichen Beiträgen zu seiner Erörterung. Von diesen legt der dritte, von Mr. Feilding und Miss Johnson,2 mit größtem Scharfsinn alles dar, was zugunsten eines verwickelten und langwierigen Betrugs seitens des Mediums gedeutet werden könnte; wobei die Verfasser allerdings keinen Zweifel darüber lassen, daß sie dies negative Plaidoyer nur soz. grundsätzlich vorbringen und der Hoffnung seien, daß die Zukunft es widerlegen werde; denn Prof. Richet kann von Mme X. bezeugen: 'Ich kenne ihre über jeden Zweifel erhabene Ehrlichkeit und verbürge mich für sie, als handelte es sich um mich selbst.' - Auf der andern Seite fällt folgendes in die Waagschale: Mrs. Verrall, eine gelehrte Gräzistin, die einzige, die eine erschöpfende Untersuchung der Schriften und ihres Verhältnisses zu den Originalen - Piaton, Johannes-Evangelium und Byzantios - angestellt hat,3 kommt zu dem eindeutigen Schluß, daß die Schriften uns zwingen, zwei geistige Instanzen, ein Xj und ein X2 anzunehmen, von denen die eine - 'Urteilskraft und Kenntnis des Griechischen' beweist, der wir also den "Ursprung' der Schriften zuschreiben dürfen; die andre aber, ohne solche Kenntnis, für die zahlreichen Fehler in der Reproduktion der Vorlagen verantwortlich ist. Schon diese Feststellung beseitigt die Theorie einer bloßen Wiedergabe 'unbewußt' wahrgenommener gedruckter Sätze. Ebenso wenig könne 'eine Verquickung von Zufall, Betrug und Unkenntnis des Griechischen die Tatsachen erklären.' Auch die Betrugshypothese müßte also mindestens zwei Verbündete voraussetzen, von denen nur der eine das Griechische beherrschte, - wodurch natürlich die Gefahr einer Entdeckung sich sehr verstärkt hätte. Auch meint Mrs. Verrall, daß 'unter dieser Voraussetzung Xt nicht soviel Verstand zeige, als wir voraussetzen dürften.' Welches sind nun jene Anzeichen von Urteilskraft und Kenntnis des Griechischen? Zunächst finden sich Bestandteile der Schriften, deren Vorlagen- 1) Ein Pariser Buchhändler teilte Richet mit, er könne es nur aus Athen beschallen- 2) aaO. 245-261. 3) aaO. 205-244. 254 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten bisher nirgends haben entdeckt werden können, die also anscheinend selbständige Beiträge jenes darstellen. Ferner ist in einem der Zitate (was vielleicht nicht viel beweist, falls wir Mme X. eine Kenntnis wenigstens der griechischen Buchstaben zuschreiben) das Wort "EAAas " (Griechenland) sinnvoll durch das Wort rotAAia (Frankreich) ersetzt. Sodann wird eins der längeren Schriftstücke sinnvoll eingeleitet durch den neugriechischen Satz: 'Griechische Worte sind zu benutzen, wenn lateinische etwa nicht zur VerfOgung stehn,' - ein Satz, der in Byzantios' Wörterbuch nicht zusammen mit seiner französischen Übersetzung steht, sondern nur zusammen mit dem lateinischen Cicero-Zitat, dessen Übersetzung er darstellt; und dieses Cicero- Zitat zu verstehen - graecis licet utare, cum voles, si te latirme forte deficiant - setzt offenbar schon 'beträchtliche Kenntnis der Sprache voraus, während Mme X. nicht einmal die Anfangsgründe des Lateinischen kennt'. Endlich ist der zweite der beiden Piatons 'Apología' entnommenen Sätze nicht nur passend an seinem Ort verwendet, sondern auch in der Vorlage so sehr - nach Ort und Sinn - verborgen, daß an seine zufällig passende Auswahl durch einen des Griechischen nicht Kundigen gar nicht zu denken ist. (Er lautet: 'Aber jetzt ist die Zeit gekommen, zu gehen' und s c h l i e ß t die betreffende Schrift ab.) - Alle übrigen sinnvoll eingeführten Zitate - aus dem Byzantios und dem Johannes-Evangelium - beweisen natürlich eben durch diese Art der Einführung Verständnis, könnten aber, auf Grund der im Wörterbuch stehenden Übersetzung bezw. der Vergleichung mit einem französischen Neuen Testament, auch von einem des Griechischen Un- Jkundigen ausgesucht sein. Immerhin darf man nicht übersehen, daß einige dieser fremdsprachigen Zitate in durchaus passender Weise als Antworten auf Fragen auftraten (!), also gewissermaßen nicht nach freiem Belieben der schreibenden Instanz. Richets Frage nach einer Erklärung der Schriften z. B. förderte den Satz zutage: 'Die Kopie stimmt mit dem Original überein'; eine andre - die verständliche Antwort: 'Ich habe meine Anweisungen, von denen ich nicht abweichen kann.' Und als von dem damals im Gang befindlichen russisch-japanischen Kriege gesprochen wurde, erfolgte die neugriechische Äußerung: 'Dieser Krieg beschäftigt ganz Europa.' - Der Rest der griechischen Sätze ist dem Sinne nach indifferent; er könnte allenfalls bestimmt sein zu beweisen, daß die eingebende Instanz der Schriften das Griechische beherrsche (im Gegensatz zu Mme X.), bezw. daß sie imstande sei, in dem gleichsam verborgenen Buche des Byzantios zu lesen. Aber auch wenn wir unvoreingenommen den Schreib Vorgang selbst beobachten, gewinnen wir nicht den Eindruck, daß hier eine Betrügerin eingelernte Schriftzeichen wiedergebe; vielmehr den, daß ein völlig verständnisloses Subjekt Schriftzüge nachbilde, die, auf Grund sei es übernormaler Schau, sei es telepathischer Beeindruckung durch einen Wissenden, vor seinem inneren Auge auftauchen. Mme X. schrieb z. B. ihre ersten Sätze fast ohne Bewußtsein im Transzustande mit geschlossenen Augen; die nicht unter Aufsicht geschriebenen Sätze (falls wir ihr selber glauben wollen) 'wie im Traum gegen etwas ankämpfend'. Am 2. Mai 1904 schrieb sie in halbbewußtem Zu Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 255 stand 'langsam, als schriebe sie etwas ihr vor die Augen Gehaltenes ab, •während sie in Wahrheit ins Leere blickte und langsam und mühsam die Buchstaben formte.' In einer später veröffentlichten Selbstanalyse dieser Erfahrungen macht die hochgebildete Dame noch folgende psychologisch wertvolle Angaben: 'Während der Erzeugung [dieser Schriften] hatte ich stets eine Empfindung von Hitze und Spannung im Kopf, und an den vorausgehenden Tagen machte ich die Erfahrung einer andauernden, aber sehr schwachen Hellhörig- und Hellsichtigkeit, indem ich ununterbrochen ein rasches Flüstern in mir unbekannten Sprachen vernahm und hieroglyphische Schriftzüge vor dem inneren Auge erblickte, die aber zu rasch hinschwanden, •als daß ich sie hätte niederschreiben können. Dann schien sich das alles zu kristallisieren und... die Visionen nahmen eine Stetigkeit an, die mir das Kopieren der Buchstaben ermöglichte, die mir soz. vors Auge gehalten "wurden.'1 Wir scheinen somit die Wahl zu haben zwischen der Annahme hellsehenden Lesens in entfernten Büchern - und der Beeinflussung durch eine unabhängige Wesenheit. Zugunsten der ersteren ließe sich anführen, daß Mme X. überhaupt Beweise von der Gabe der Hellsichtigkeit geliefert hat;2 für die zweite Deutung scheint sich der Inhalt der Schriften selber einzusetzen. Nicht nur zeichnet 'A. A. R.' (A. A. Renouard) mehrmals einzelne von ihnen, wie insbesondere die letzte, und nennt sich in einer andern ziemlich unverblümt als den Urheber; sondern auch viele der Schriften sprechen für den, der mit dem Ausdrucksstil dieser vorgeblichen Experimente-aus-dem-Jenseits vertraut ist, fast unverkennbar von der Absicht eines solchen. Man erwäge unter solchem Gesichtspunkt etwa folgende Sätze: (1) Menschliche Weisheit hat wenig oder gar keinen Wert. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, zu gehen. (2) Sei gegrüßt. Ich bin einer namens Antonius. Gott sei bedankt. (3.4) Landsmann und Urgroßsohn. Ich bin dein Landsmann. (5.6) Nur wer den rechten Gebrauch von diesen Erinnerungen macht und so beständig die volle rituelle Einweihung empfängt, gelangt zur wirklichen Vollendung. Gruß. Habe ein wenig Geduld. Alles geht gut. Du wirst befriedigt werden. Wenn die Sonne aufgeht oder sinkt, dehnt sich der Schatten weit. (8) Erschöpfung. Vergieb. (9-15) Erinnere dies; erinnere es bestimmt. (Append. 1-12) S. Joh. 4,48; 14, 12.19. Ich kann nicht mehr; einer, der sein Werk beendet hat. Schluß. Byzantios. A. A. R. Dies aUes - freilich ein Auszug ad hoc - klingt für den Kundigen seltsam genug. Noch seltsamer, wenn wir lesen, daß Prof. Richet, der entschiedene Antispiritist, auch ganz außerhalb dieses Falles von Xenoglossie nach eigenem Zeugnis anscheinende Kundgebungen seines Urgroßvaters erhalten hat, die eine überraschende'Kenntnis von Familienangelegenheiten'verrieten.3 - Indessen stößt die Deutung, die sich hier nahezulegen scheint, alsbald auf Schwierigkeiten. A. A. Renouard war, wie uns sein Urgroßsohn versichert, 'kein Hellenist im eigentlichen Sinn' gewesen. Er war Drucker und Bibliophile, aber 'seine Kenntnis des Griechischen war nicht außergewöhnlich, und 1) Lt 1907 283. 2) Pr X I X 195 f . ; APS 1905 130 f. 3) Pr X I X 188. 203. 256 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten er kannte wahrscheinlich nicht das moderne Griechisch.' Byzantios' Wörterbuch wurde 1846 gedruckt; A. Renouard starb 1853. Dies sind Angaben, die für eine spiritistische Auslegung wohl unbequem sein dttrften, wennschon nicht eigentlich vernichtend. Indessen - soll denn dem alten Renouard eine den Tod überdauernde Erinnerung an Dutzende von Beispielsätzen, verstreut über ebenso viele Seiten eines vielleicht gelegentlich von ihm benutzten Wörterbuches, zugeschrieben werden? Alle Beurteiler des Falles sind sich darin einig, daß eine Deutung durch 'unterbewußte Erinnerung* der Mme X. gar nicht in Frage komme. Was wir aber dem Unterbewußtsein der Lebenden, also nach spiritistischer Auffassung dem 'Geiste' im Menschen, nicht zuzuschreiben wagen, dürfen wir es dem reinen Geiste eher zuschreiben? Nein, auch A. Renouard, falls er wirklich an der xenoglossischen Leistung beteiligt war, hätte wohl den größten Teil der Texte zunächst aus gedruckten Quellen sich 'zusammenlesen' müssen (und hätte es sinnvoll tun können, weil er Griechisch verstand), um sie dann dem Medium, das nicht einmal die griechischen Schriftzeichen kannte, 'zum Kopieren bildhaft vorzuhalten', - ein Vorgang, dem wir noch vielfach begegnen werden. Wird der Leser eine solche Auslegung für eine willkürliche Verwicklung der Theorie erklären, verglichen mit den beiden scheinbar natürlichsten Annahmen: bloßem Erinnern eines verstorbenen Gräzisten, - oder Hellsehen des Mediums selber? Nun, wer so denkt, wird bald eines besseren belehrt werden. Man muß bedauern, daß zur Zeit, da Richet seinen Fall veröffentlichte, die heute massenhaft beobachteten "Bücher- und Zeitungsteste' fast unbekannt waren und daher von keinem der Verfasser der gedruckten Erörterung des Falls als klärender Vergleich verwendet werden konnten.1 Sir Oliver Lodge kommt ihm am nächsten in einigen ahnungsvollen Bemerkungen seines Beitrags zu dieser Erörterung: Nachdem er ausgeführt hat, daß zur Ermöglichung der Leistung der Text dem Medium zum buchstabenweisen Kopieren soz. vorgehalten, also ihr Unterbewußtsein genau so beeinflußt werden mußte, wie der 'Kristallschauer' beeinflußt wird, indem ein Buchstabe oder ein Wort zur Zeit ihm dargeboten wird, - fährt er folgendermaßen fort: 'Warum es leichter sein soll, in dieser Weise einen Eindruck von Worten zu vermitteln, wenn diese bereits tatsächlich geschrieben oder gedruckt sind, ist mir keineswegs klar; aber die Erfahrung zeigt uns in einer ständig wachsenden Zahl von Fällen, daß dem so ist und daß das Vorhandensein einer Urkunde in der Nähe des Hellsehers die Erfassung des darin enthaltenen Sinnes erleichtert.' 2 Mit andern Worten und zusammenfassend: Es wäre - aus rätselhaften Gründen - auch einem entkörperten Geiste l e i c h t e r gewesen, dem Medium die ihm fremden Schriftzüge zwecks Kopierung vor das innere Auge zu zaubern, falls er sie einer gedruckten Quelle entnahm. Als solche Quelle aber mußte sich ihm ein seltenes Buch empfehlen, von dem nicht anzunehmen war, es sei dem Medium je vor Augen gekommen. Daß aber dieses hellsichtige 'Lesen' wirklich von dem angeblichen Eingeber der Schriften ausgeübt 1) Ich behandle sie im später zu veröfl. Ergänzungsbande dieses Buches. 2) aaO. 202. Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 257 wurde, und nicht vom Medium selbst, das deutet sich in jenen sinngetragenen Stücken der Schriften an, auf Grund deren wir ihrem Eingeber eine Kenntnis des Griechischen zuschreiben mflssen, - eine Kenntnis, die dem Medium sicherlich völlig fehlte.1 - Suchen wir über die hier erreichte Stufe hinauszugelangen, so liegt es auf der Hand, welchen Beweis für die wirkliche Lebendigkeit des fremden Sprachguts wir fordern müssen, also dafür, daß es nicht - unbewußt-normal oder hellseherisch - als toter Stoff von irgendwoher aufgenommen sei. Die fremde Sprache muß von der redenden oder schreibenden Stelle so beherrscht werden, daß sie sich äußeren Bedingungen der Äußerung anpassen kann. Im Falle der Mrs. Finch deutete sich dies in einigen Sätzen an, die man als Antworten auf Fragen auffassen konnte. Immerhin handelte es sich dabei um Zitate. Ganz anders läge die Sache, wenn sich die fremdsprachige Stelle auf eine regelrechte Unterhaltung einließe, also eine Wechselrede, deren Bedarf an Sprachkenntnis sich nicht voraussehen läßt. - Die Tatsache einer solchen 'lebendigen' Xenoglossie zieht sich durch das Schrifttum unsres Gebiets von seiner Frühzeit bis auf den heutigen Tag. So berichtete schon vor 80 Jahren John Worth Edmonds, Mitglied des Obersten Gerichtshofes der Verein. Staaten und Senator des Staates New York, von der Xenoglossie der Mrs. Young und der Miss Scongall in Chicago, deren erstere in einem Zirkel, in welchem niemand Deutsch reden konnte, unter der angeblichen Kontrolle deutscher Geister deutsch sprach und sang. 'Ich bat', schreibt Mr. Young im April 1859, 'einen deutschen Arzt, Dr. Euler, an einer unsrer Sitzungen teilzunehmen. Er kam an zwei Abenden hintereinander und unterhielt sich bei jedem Besuch bis zu einer halben Stunde mit beiden Medien in seiner Muttersprache.' Bei andren Gelegenheiten sprach Mrs. Young Spanisch und Italienisch. Sie war eine Arbeiterin, die nur Volksschulbildung genossen hatte.2 Aksakows etwas angestaubte Schatzkammer enthält noch eine große Anzahl verwandter Fälle, in der Mehrzahl dem 10. von Edmonds' Spiritual Tracts, aber auch andern älteren Quellen entnommen, von denen ich einige kurz zusammenfassend mitteilen will. So erzählt Mrs. Eliza L. Turner aus Montpelier (Vermont) i. J. 1885, daß ihr seit zwei Jahren bettlägeriger Gatte, Curtis M. Turner, i. J. 1860, als sie es in ihrer Not mit einer 'Sitzung' versuchten, in Trans fiel und die durch seinen Mund redende Persönlichkeit in gebrochenem Englisch nach einem echten Franzosen - a France Frenchman (!) - verlangte. 'Dr. Prevo, ein Franzose (berichtet Mrs. Turner), wurde herbeigerufen, und mein Gatte unterhielt sich mit ihm, als wäre er des Französischen mächtig [das er aber nicht kannte, wie uns versichert wird].' Die 'Kontrolle' bezeichnete sich als einen Arzt, und 1) Vgl. hier etwa noch die Fälle PsSc VII 146 fl. (dazu VIII 41 IT.) und Pr I X 126 2) Aksakow 436 f. M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben 17 258 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten Dr. Prevo prüfte diesen bei nächster Gelegenheit durch eine anatomische 'Karte', auf welcher jener 'alle einzelnen Muskeln und Nerven aufzeigte und ihre lateinischen und französischen Namen ebenso gut nannte, wie Dr. Prevo dies konnte, der ein studierter Arzt ist.' Mr. Turner wurde 'binnen zehn Tagen geheilt, wie ihm der unsichtbare Arzt versprochen hatte.' Der Herausgeber der Zeitschrift, in der dieser Bericht erschien, fügt hinzu, daß Dr. Prevo öffentlich einen völlig übereinstimmenden Bericht über diese Vorgänge geliefert habe.1 Der oben schon zu Wort gekommene John B. Young in Chicago berichtet außerdem noch, daß in einem Zirkel im Hause eines gewissen Rudd seine (Youngs) Frau, die erwähnte Miss Scongall und ein beiden fremder Knabe anfingen, 'fließend Spanisch miteinander zu sprechen. Nach 15 Minuten solcher inspirierten Unterhaltung erhoben sich die drei und begannen, ein spanisches Musikstück mit verteilten Rollen und vollendeter Übereinstimmung zu singen,' ja schließlich 'ein Dutzend Stücke'. 'Zwischen je zwei Stücken unterhielten sie sich lebhaft über das demnächst zu singende . . . ' Nach einer später erfolgten Mitteilung waren die dabei wirksamen Kontrollen - Spanier, ein Bruder und seine drei Schwestern, die zu Lebzeiten als Berufssänger ihren Unterhalt verdient hatten. 'Es läßt sich (schreibt Mr. Young) über jeden Zweifel beweisen, daß keins der genannten Medien unbeeinflußt irgendeiner andern als seiner Muttersprache mächtig war.' 2 Mr. Nelson Learned berichtete (erster Hand und ein Jahr nach der Beobachtung) dem Richter Edmonds, daß er Mrs. Sarah P. Paine in Leicester (Vermont) im Feb. 1858 in Gegenwart zahlreicher Personen mit einem zugereisten Franzosen sich habe französisch unterhalten hören, 'sodaß dieser sie vollkommen verstand. [Sie kannte nur ihre englische Muttersprache.] Er und das Medium redeten beträchtliche Zeit miteinander; niemand im Zimmer verstand sie, außer ihnen selbst.' Auf seine Bitte schrieb sie seinen sowie seiner beiden verstorbenen Eltern Namen auf französisch, Namen, die - wie er angab - außer ihm niemand in den Ver. Staaten kannte. 'Das Medium hatte den Mann wohl nie zuvor gesehn.' 3 Solche ältere und meist in Form knapper Erzählungen niedergelegte Berichte mögen dem kritischen Wissenschafter unsrer Tage wenig Gewicht zu haben scheinen. Ich finde, daß sie in ihrer Häufung durchaus Eindruck machen. Indessen bilden sie, wie jeder Belesene weiß, nur soz. den Meteoritenschwarm, der ein Gestirn von sehr viel größerer Beständigkeit umschwirrt: die fast berühmt zu nennende Darstellung, welche Edmonds, unstreitig ein Zeuge höchsten Ranges,4 von den xenoglossischen Leistungen seiner Tochter Laura hinterlassen hat. Ich darf 1) aaO. 647 f. (aus Facts, Boston, Feb. 1885). 2) das. 435 f. Vgl. noch die Berichte von W. B. Brittingham und A. Putnam das. 439 f. 3) Ist das sicher? - Das. 430 f. 4) Podmore (Spir. I 224) sucht ihn dadurch zu verdächtigen, daß er in einer Zeit 'starker Niedergeschlagenheit' seine spiritistischen Forschungen begonnen habe. Diese erstreckten sich aber über viele Jahre, und es ist gleichgültig, ob jemand darauf gebracht wird durch Nachdenken 'über das Schicksal nach dem Tode' oder durch sonst etwas. Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 259 keine Bedenken tragen, das Wesentlichste dieses allbekannten Berichts meiner Erörterung einzuflechten. Laura Edmonds hatte, als fromme Katholikin, von Anfang an jeder Beschäftigung oder auch nur Bekanntschaft mit dem Spiritismus Widerstand geleistet. Erst als es in ihrem eigenen Hause zu spuken begann, wandte sie sich diesen Fragen zu und entwickelte bald selbst mediale Fähigkeiten: automatisches Schreiben bei vollem Bewußtsein, vor allem aber Xenoglossie. 'Sie kennt', schreibt ihr Vater, 'keine andere Sprache als ihre eigene und ein wenig Geplapper in Mädchenschul-Französisch. Dennoch hat sie in 9 oder 10 verschiedenen Sprachen geredet [und gesungen], zuweilen eine Stunde lang, mit der Leichtigkeit und fließenden Fertigkeit eines seine Muttersprache Redenden. Es geschieht nicht selten, daß Fremde in ihrer eigenen Sprache mit ihren Geisterfreunden durch Laura verkehren.' Das bekannteste Beispiel dieser Leistungen sind ihre mehrmaligen Unterredungen mit Herrn Evangelides, einem Griechen, der eines Abends durch E. D. Green bei Edmonds eingeführt wurde. 'Er sprach gebrochen englisch und fließend neugriechisch. Nach kurzer Zeit sprach ein Geist auf englisch zu ihm durch Laura und erwähnte ihm gegenüber Einzelheiten, durch die er als ein Freund [namens Bozzaris] identifiziert werden konnte, der einige Jahre zuvor in Evangelides' Hause gestorben war, von dem aber keiner von uns je etwas gehört hatte. Ab und zu sprach der Geist durch Laura einen Satz oder ein Wort auf griechisch, bis Herr Evangelides fragte, ob er verstanden werden könnte, falls er griechisch spräche. Der Rest der Unterhaltung, länger als eine Stunde, wurde von seiner Seite ausschließlich griechisch geführt, und von ihrer zuweilen griechisch und zuweilen englisch. Mitunter konnte Laura nicht die Gedanken verstehen, die von ihr oder von ihm geäußert wurden. Dann wieder verstand sie ihn, obgleich er griechisch sprach, und sich selbst, wenn sie griechische Worte äußerte. [Herr Evangelides] legte tiefe Erregung an den T a g , . . . so daß einige [von den 12-15 Anwesenden, darunter Bankpräsidenten, der Gouverneur Talmadge, ein Bürgermeister und zwei Eisenbahnkönige] ihn um Auskunft über den Grund derselben baten. Er lehnte zunächst jede Mitteilung ab; als aber die Unterredung beendet war, berichtete er uns, daß er nie zuvor Zeuge spiritistischer Kundgebungen gewesen sei, jetzt aber während der Unterhaltung Versuche angestellt h a b e . . . , indem er über Dinge sprach, von denen er bestimmt wußte, daß sie Laura fremd seien, und seine Rede plötzlich von häuslichen auf politische Angelegenheiten, von philosophischen auf theologische Fragen hinüberspielen l i e ß . . . Er versicherte uns, daß sein Griechisch verstanden worden sein müsse und daß ihr Griechisch einwandfrei gewesen sei. - Danach hatte er noch viele weitere Zusammenkünfte [mit Laura], in denen er sich auf griechisch mit ihr unterhielt.' (Es folgen Angaben über den gelegentlichen Gebrauch des Italienischen durch Edmonds' Nichte, Jennie Kayes, des Spanischen durch sie und Laura, und zweier indianischer Mundarten, die Edmonds von früher her bekannt waren, durch Laura.) 1 1) Edmonds 110 It.; Aksakow 425 f. Auszugsweise bei Podmore, Spir. I 258 f. 17* 260 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten Wie verhält sich die 'große' Kritik einem solchen Fall gegenüber? Nehmen •wir wiederum Podmore als ihren Vertreter. Er gibt Edmonds' Bericht zwar wieder, kürzt ihn aber um jene Absätze, aus denen eindeutig hervorgeht, daß Lauras großenteils griechisch geführtes Gespräch tatsächlich nicht nur ein Wortgestammel war, sondern aus zusammenhängenden Reden über vielerlei Dinge bestand, und daß der Versuch vielmals wiederholt wurde. Im einzelnen wendet er dann ein, daß hinsichtlich Lauras Spanisch und Indianisch Richter Edmonds nicht angebe, wieweit seine eigene Kenntnis dieser Sprachen gereicht habe (womit also ein Zweifel an seinem Erkennen derselben in Lauras Munde angedeutet sein soll); daß er nicht einzelne gesprochene Sätze anführe, noch einen Beweis dafür, daß die junge Dame nichts von der fremden Sprache verstand, die sie sprach; daß er die D&ten der einzelnen Beobachtungen nicht angebe (ein besonders scharfsinniger Einwand; wer wird mir glauben, daß ich ein Bein gebrochen habe, wenn ich nicht sage, daß es am 17. Juni war?); endlich, daß er keine 'Bestätigung' seitens der Medien selber oder dritter Personen beibringe. Daß Medien, also die stets Verdächtigten, berufen seien, die Angaben Andrer über sie zu bestätigen, ist ein bei Podmore doppelt überraschender Gedanke; und was die sonstigen Zeugen betrifft, so nennt wenigstens Edmonds - aber nicht unser Kritiker - fünf mit Namen. Aber nun der Grieche? Was wird Mr. Podmore über den Griechen sagen, nachdem er so viel über das von Edmonds nur knapp erwähnte Reden in anderen Sprachen gesagt hat? Die Unterredung mit Hrn. Evangelides fand i. J. 1854 statt, und Podmore bemerkt, daß der obige Bericht, der einzige ausführliche, den er kennt, 'etwa 3 Jahre später niedergeschrieben worden ist.'1 Will er damit sagen, daß der Bericht nicht glaubwürdig sei, trotz der kaum überbietbaren Massigkeit und folglich Erinnerbarkeit der Tatsachen? Jedenfalls sagt er das nicht. Er sagt überhaupt garnichts. Er erwähnt nur den Zeitabstand und hofft, daß diese andeutungsvolle Erwähnung in der Seele des Lesers reiche Frucht tragen werde. Er wußte natürlich, daß Edmonds uns einen andern, wenngleich kürzeren Bericht hinterlassen hat, den er niederschrieb, als es 'ungefähr ein Jahr' her war, daß Laura sich zum Medium entwickelte, und höchstens einige Monate nach dem Besuch des Griechen - 'neulich', sagt Edmonds! -; Podmore wußte natürlich ferner, daß schon in diesem Bericht gesagt wird, der 'vornehme Grieche' habe 'mehrere Zusammenkünfte' mit Laura gehabt, habe 'einige Male stundenlang seinen Anteil an der Unterhaltung griechisch geführt und seine Antworten zuweilen in dieser Sprache... erhalten; und doch habe Laura bis dahin nie ein Wort modernes Griechisch sprechen gehört.'2 Der ältere Bericht enthält also alles Wesentliche des späteren. Dies alles wußte Mr. Podmore fraglos, verschwieg es aber; und es gibt ihm natürlich das Ansehn der Gewissenhaftigkeit, daß er allein den 'einzigen ausführlichen' Bericht ins Treffen führt, - wenn dies auch sehr bedauerlicherweise der wesentlich spätere ist. 1) aaO. 259. 2) Aus Edmonds, Spir. II 45 bei Aksakow 423. Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 261 Die gleiche sich wissenschaftlich gebärdende Advokatenlogik - ein hilfloses Mäkeln, wo die Tatsachen jede ehrliche Kritik ausschließen - verwendet Podmore dann noch auf eine Reihe weiterer Fälle, an denen seine reiche Belesenheit ihm nicht gestatten will, schweigend vorüberzugleiten. 'Wir besitzen (schreibt er) vorzügliche Zeugnisse dafür, daß Mr. Ruggles [im Trans] Französisch gesprochen habe, eine Sprache, die er seiner eignen Angabe nach nicht verstand.' Die Zeugnisse für ähnliche Leistungen der Damen Thompson und Hersley sind 'ziemlich gut'. Die Beweise, daß die Herren Ruggies und Mansfield in Sprachen geschrieben haben, die ihnen unbekannt waren, seien 'in den meisten Beziehungen unantastbar': eine Mehrheit von Zeugen trete dafür ein, die Zeugnisse seien frisch, die Schriften - in französischer, deutscher, lateinischer, griechischer, gälischer, chinesischer und andern Sprachen - liegen vor; nur der 'steifnackigste Ungläubige' könne auf noch strengeren Beweisen dafür bestehen, daß die genannten Medien wirklich gar keine Kenntnis der betreffenden Sprachen besaßen. Über Mansfield besitzen wir sogar das ausgezeichnete Zeugnis des Dr. N. B. Wolfe dafür, daß er mit beiden Händen gleichzeitig in zwei ihm fremden Sprachen geschrieben habe, während er sich mit Dr. W. über geschäftliche Angelegenheiten unterhielt oder eine dritte 'Geisterbotschaft' durch Hellsehen und -hören entgegennahm.1 Indessen will ich nicht auf Einzelheiten dieser Fälle, noch auf weitere Künste unsres Kritikers eingehn. Es wird besser sein, dies ganze Spinnengewebe ohnmächtiger Nörgeleien beiseitezuwischen mit der Anführung eines neuesten Falles, der als Beispiel einer Unterhaltung in fremder Sprache dem Fall des Hrn. Evangelides mindestens gleichwertig ist, überdies aber von einem Manne wissenschaftlicher Schulung beobachtet und bald danach berichtet worden ist vor dem strengsten Forum, das die Welt in diesen Fragen kennt: der Londoner Ges. f. psych. Forsch.2 Dieser Beobachter und Zeuge ist Dr. Whymant, ein Sinologe von Rang; das Medium ist George Valiantine. Dr. Neville Whymant ist nicht Spiritist und hatte vor den zu beschreibenden Beobachtungen nichts mit der Metapsychik zu tun gehabt. Er spricht außer dem Chinesischen noch viele Sprachen und wurde zur Teilnahme an einem New Yorker Privatzirkel eingeladen, um für eine dort auftretende sizilianisch-italienische 'Stimme' als Dolmetsch zu dienen. (Dies ist wichtig, weil es die Frage der Vorbereitung eines Betruges doppelt zu verneinen gestattet: wir dürfen annehmen, daß Valiantine nichts von Dr. Whymant wußte.) Nachdem dieser dem 'Sizilianer' geholfen hatte, eine Klage gegen die Gastgeberin des Zirkels zu erheben, hörte er die Töne einer seltsamen Flöte, die ihn sofort an China erinnerten, und gleich darauf Worte die 1) Spir. I 257 n.; Wolfe 48. 2) Ausführlicher Bericht in PsSc VI 223 fl.; ein kürzerer in JSPR XXIV 111 f. Vgl. auch B J PR März/April 1928 (ref. ZP 1928 373 f.); Lt 1928 141. 262 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten er augenblicklich als Chinesisch erkannte. Er und die 'Kontrolle' tauschten nun die umständlichen Höflichkeitsiormeln aus, die in China bei der Begegnung mit einem Unbekannten üblich sind, und unterhielten sich eine Weile. Während dieser und einiger weiterer Sitzungen wurde die Unterhaltung in modernem Chinesisch geführt, bis Dr. Whymant zu verstehen glaubte, daß sich die Kontrolle als 'Konfuzius' bezeichnete, worauf diese in altertümliches Chinesisch überging.1 'Die echte Aussprache und 'Intonation', die Konfuzius selbst (f 478 v. Chr.) gebrauchte, sind natürlich nicht bekannt..., aber eine Art, seine Schriften auszusprechen, ist vor einigen Jahrhunderten festgelegt worden und wird von Gelehrten gepflegt. Einer der merkwürdigsten Vorgänge war, daß die Kontrolle nicht nur ein dunkles und wenig gelesenes Gedicht aus einer Anthologie des Konfuzius2 zu Ende führte [nachdem Dr. Whymant die erste Zeile angeführt hatte, das einzige, was er auswendig wußte], sondern auch für eine Stelle desselben eine einleuchtende Erklärung lieferte, die dem Dr. Whymant neu war.' Die Stimme zitierte dabei einen ganzen Satz des fraglichen Gedichts, der die Dunkelheit enthielt, und zwar in der Form, wie er in den Werken des Konfuzius überliefert ist, und gab sodann an [durch veränderte Äußerung der gleichen Zeile], welcher Irrtum die Dunkelheit bewirkt habe. 'So gelesen', fügte sie bei, 'wird der Sinn doch wohl klar.' Dies alles wurde dann nochmals und langsamer wiederholt, da Whymant den Wunsch aussprach, die Lesart aufzuschreiben.9 Daß die Selbstbenennung der Kontrolle als Konfuzius übrigens nur eine Maske war, geht schon daraus hervor, daß sie) während einer Sitzung, von der Dr. Wh. hatte fernbleiben müssen, in 'stockendem, schulmeisterlichem und stelzigem Englisch' sich darüber beklagte. Auch wurde bei dieser Gelegenheit wiederum Chinesisch gesprochen (also in Abwesenheit jedes lebenden Kenners der Sprache) und phonographisch aufgenommen, so daß Dr. Whymant es nachträglich begutachten konnte. Jenes klassische Gedicht behandelte seltsamerweise eine parapsychische Frage(!), und seine Übersetzung mußte europäischen Gelehrten Schwierigkeiten bereiten, weil sie dergleichen Dinge nicht kennen. Dr. Whymant hielt es für 'gänzlich ausgeschlossen', daß das Medium auf irgendeine Weise dieses abgelegene Wissen erlangt habe. Auch die Schwierigkeiten der Intonation seien für jeden Engländer sehr bedeutend, der nicht Jahre des Lernens auf sie verwandt habe.4 Im übrigen ist Chinesisch - modernes oder altertümliches - nicht die einzige Fremdsprache, in welcher Valiantines Stimmen Unterhaltungen geführt haben. Die eingehenden Berichte H.D.Bradleys z.B. fügen noch mehrere hinzu.5 1) So in JSPR. Nach dem Bericht über Dr. W.'s Vortrag vor der SPR. in PsSc sprach die Kontrolle von Anfang an und durchweg altes Chinesisch, Dr. W. aber heutiges. 2) oder doch aus seiner Zeit. 3) Nach einer mir unzugänglichen Schrift Dr. Whyraants (Psychic Adventure in New York) hätte sich dieser Vorgang sogar auf zwei Sitzungen erstreckt, indem die Stimme in der zweiten völlig von sich aus (und in sehr chinesischer Ausdrucksweise!) einen Ihr untergelaufenen Irrtum verbesserte. 4) Eine durchaus 'Podmorische* Kritik des Falles durch Mr. Saltmarsh s. Pr XL 406 f. 5) Vgl. auch Lord Ch. Hope In Pr Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 263 Nach der Sitzung vom 17. Juni 1923 berichtet dieser von einer Unterredung der Anita Ripoll, der Köchin seines Freundes, des Herrn de Wyckoff, mit ihrem sechs Monate zuvor verstorbenen Gatten in spanischer Sprache. 'Als der [umherfliegende] Schalltrichter die Ripoll berührte, stieß sie einen Schrei aus. Sogleich drang aus ihm eine schnelle, besorgte Stimme hervor, die 'Anita, Anita' sagte. 'Si, si', erwiderte diese erregt. Darauf rasch auf spanisch: 'Ich bin hier, ich bin h i e r ' . . . Dann folgte - hastig, geläufig, südlich in Ausdruck und Leidenschaft - eine Unterredung zwischen Mann und Weib... Die Worte überstürzten sich. Sätze verschlangen und überschnitten einander in romanischer Erregtheit. Weder er noch sie schienen sich über ihre übernatürliche Begegnung zu wundern... Sie sprachen über ihr Zusammenleben auf Erden, ihre häuslichen Angelegenheiten, seine Empfindungen nach dem Tode, ihre Gefühle und ihr Leben nach seinem Hinscheiden. de Wyckoff verfolgte die Unterhaltung Wort für Wort und konnte nicht umhin, sich [zuweilen] einzumischen und mit José (dem Gatten) zu sprechen. Bald gingen Anita und ihr Gatte unwillkürlich in eine Mundart über, die de Wyckoff nachher als eine Mischung von Baskisch und verdorbenem Spanisch bezeichnete.1 Es ergab sich, daß die beiden im Leben stets diese Mundart in ihrem spanischen Heimatdorf gesprochen hatten... In dieser Sitzung sprach José gutes Spanisch, so oft er sich an de Wyckoff wandte; wenn er mit Anita sprach, fiel er sofort in die vertrautere Mundart. Er dankte de W. dafür, daß er Anita nach seinem (Joses) Tode in seinen Diensten behalten hatte, und bat ihn, seiner Witwe beizustehen, damit sie ihre beiden kleinen Kinder aus Spanien nach Amerika bringen könne. Dabei spielte er auf eine Unterhaltung an, die er mit de W. ein Jahr zuvor geführt hatte, worin er [gewisse Schwierigkeiten im Zusammenhang mit den Einwanderungsgesetzen besprochen hatte]. Die Unterhaltung dauerte 10-12 Minuten.'2 - 'Solch ein Auftritt', sagt Bradley, 'könnte nie auf Schauspielerei beruhen.' Ich füge hinzu: er kann auch seinem wesentlichen Bestand nach nicht falsch berichtet sein. Hr. Josef de Wyckoff, ein geborener Russe, hat über 30 Jahre in Amerika gelebt. 'Er ist Geistesarbeiter: begabt und von kritischem Scharfsinn.' Als Rechtsanwalt hat er große Reichtümer erworben.3 Sein 'frisches' Zeugnis, wenn auch aus zweiter Hand überliefert, kann nicht einfach beiseitegeschoben werden. Am 27. Febr. 1924 hörte Mr. Caradoc Evans, ein namhafter Waliser Novellist und Dramenschreiber, in einer Valiantine-Sitzung in Bradleys Hause eine Stimme, die sich als die seines Vaters bezeichnete. Mr. Evans jun. erwiderte, das könne nicht sein:-'Woher weißt du, daß ich hier bin? Wer hat es dir gesagt?' Die Stimme nannte Edward Wright, einen Freund Evans', der zuvor 'gesprochen' hatte. 'Nun wohl', sagte der Sohn, 'wenn du mein XL 4141. - Gegen Bradley als Zeugen könnte man sein erregbares Temperament geltend machen; doch machte er sich offenbar laufend ausführliche Notizen über seine Beobachtungen, die vielfach äußerst 'kompakte', umfangreiche und leicht erinnerbare Vorgänge betreffen. 1) Bozzano (Xen. 138 f.) vermutet den Wunsch 'Ripolls', dem peinlichen Abhören der Unterhaltung durch de Wyckofl ein Ende zu machen! 2) Bradley, Stars 32 f. 3) das. 5. 264 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten Vater bist, siaradwch a fy yn eich iaith', das heißt auf Walisisch: 'Sprich zu mir in deiner Muttersprache.' Die Stimme: 'Beth i chwi am i fy ddweyd?' (Was willst du, daß ich sagen soll?) Mr. Evans forschte nun, immer walisisch redend, nach Namen und Todesort des Vaters und der Lage seines Hauses, und zumal die letzte Frage rief eine längere Antwort - 34 Worte in walisischer Sprache - hervor.1 Am 25. Febr. 1925 nahm die asiatische Gräfin Tyong Oeitiongham (so von Bradley geschrieben) an einer Sitzung teil, und eine gute Stunde nach Beginn derselben wurde sie von einer Stimme in fremder Sprache angeredet, die aber erst nach längeren vergeblichen Versuchen volle Deutlichkeit gewann, worauf 'eine kurze Unterhaltung in chinesischer Sprache zwischen ihnen stattfand. Unmittelbar nachdem der Geist sich entfernt hatte, fragte ich die Gräfin: 'Haben Sie irgendwelche Mitteilungen von Bedeutung erhalten?' Sie erwiderte: 'Was er sagte, könnte von höchstem Werte sein.' Sie ziehe aber vor, es nicht mitzuteilen. Eine andere, fast regelmäßig auftretende Stimme ('Dr. Barnett') gab bekannt, es sei der Vater der Gräfin gewesen, der gesprochen habe, um ihrer Mutter eine Botschaft zu senden. Die Gräfin *bestätigte, daß ihr Vater tot und ihre Mutter am Leben sei. Niemand befand sich im Zirkel, der Chinesisch sprechen konnte', und die Gräfin gab nach der Sitzung an, 'daß die Stimme zu ihr in einer Mischung zweier Mundarten gesprochen habe', wie kein Europäer, selbst wenn er des Chinesischen mächtig wäre, es hätte tun können. Einer dieser Dialekte2 war der, in welchem ihr Vater zu ihr zu sprechen pflegte, als sie noch Kind war, der andere einer, in dem sie stets miteinander sprachen, nachdem sie erwachsen war.'3 Die ganze Theorie der Xenoglossie muß, wie mir scheint, beherrscht sein von jener Einteilung der beobachteten Leistungen, die schon der vorstehenden Tatsachenschau zugrunde gelegt wurde: der Unterscheidung zwischen totem und lebendigem Besitz der Fremdsprache, und ich kann gleich meine Überzeugung hinzufügen, daß schon unser heutiges Wissen gestattet, bei Fällen der ersteren Gattung eine spiritistische Deutung beiseitezusetzen. Wir wissen, wie schon angedeutet, genug von der möglichen Ausdehnung des Hellsehaktes, um die Äußerung 'unpersönlicher' fremdsprachiger Texte für eine mögliche Leistung des Mediums selbst zu erklären, auch wenn jede frühere normale Aufnahme des Textes, also jede 'Kryptomnesie' sich ausschließen läßt. Bestände die Leistung der Mme X. nur in der Niederschrift von Texten, die irgendwo gedruckt vorlagen, so wären wir heute berechtigt, augenloses Lesen dieser Urkunden auch auf Entfernung anzunehmen. Erst der 1) das. 210 f. 2) deren es mindestens 20 in China gebe. 3) Bradley, Wisd. 220 f. Vgl. 275 (Japanisch); 276. 389 und Stars 217 (russisch); 218 und Wisd. 368 (italienisch). Weitere Fälle bei andern Medien: Aksakow 424. 427 f. 441; Nielsson 17 ff.; Hegy 36; ZpF 1929 125; Pr XL 421 f. Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 265 Hinzutritt ' p e r s ö n l i c h ' anmutender Zusätze ließ an dieser Deutung Zweifel aufkommen. Aber wir müssen vielleicht noch weiter gehen; die Tatsachen selbst scheinen es zu fordern. Es gibt Fälle von unbestreitbarer Xenoglossie der 'leblosen' Art, in denen gedruckte oder geschriebene Quellen nicht wohl vorauszusetzen sind, und dennoch auch jedes Kennzeichen spiritistischen Ursprungs fehlt. Ich brauche nur an die berühmt gewordenen Leistungen der Therese Neumann zu erinnern. Diese einfache Bäuerin eines entlegenen Dorfes, die fraglos außer ihrem bayrischen Provinzdialekt und etwa einigen Brocken Kirchenlatein keinerlei Sprachgut besaß, sah bekanntlich in ihren Ekstasen lebende Bilder aus dem Leben Jesu, die den Archäologen geschichtlich richtig erschienen, und 'hörte' die handelnden Personen Worte äußern, die sie in dem der Ekstase folgenden Zwischenzustande wenigstens teilweise erinnerte. Ihre Angaben darüber wurden von Dr. Gerling (damals Chefredakteur der Münch. N. N.), Prof. Dr. Franz Wutz, dem Orientalisten der philos.-theol. Hochschule in Eichstädt, und Prof. D. J. Bauer-Halle genau geprüft und erwiesen die gehörten Worte als korrektes Aramäisch, also jene Sprache, deren sich Jesus und andre Personen der Passionsgeschichte bedient haben. Während z. B. in der Vision der Naumann die Jünger Jesu den Verräter Judas nahen sehen, rufen sie entrüstet und aufgeregt: Magera baisebua gannaha, gannaha magera baisebua. Dieser Satz ist zwar bisher von den Gelehrten nicht verstanden worden; doch ist magera fraglos eins der vielen griechischen Lehnwörter des Aramäischen (uccxoclpa, s. Lk 22, 49; der Verlust der Aspiration - ch = g - ist regelmäßig!). Die Schergen fragen nunmehr nach 'Jeschua Nasarija'. Jesus antwortet: 'Ana' (d.i. aramäisch 'ich', hebräisch würde es 'anochi' lauten); dann sagt er, zu den Jüngern gewendet: 'Komu' (Auf!), und während er abgeführt wird, rufen die Leute auf der Straße 'Ma hoda?' (nur auf aramäisch verständlich; es bedeutet 'Was ist das?'). - Von den Kreuzes Worten aus dem Munde der Neumann entspricht das 'Ela(h)i, Ela(h)i lema schebaktani' wenigstens annähernd (!) den Berichten bei Mt (27, 46) und Mk (15, 34). Ferner hört sie 'äs-che', ich dürste, in richtigem Aramäisch, während die übliche gelehrte Rekonstruktion des 6uvf& ar. 'sachena' lautet. Ebenso werden, neben anderen, das 'Vater vergib ihnen', die Worte an den Schächer, das 'Es ist vollbracht' und das 'In deine Hände . . . ' in völlig korrektem Aramäisch wiedergegeben. 'Die Tatsache des Aramäischen', urteilt Dr. Wessely, der namhafte Orientalist der Wiener Universität, 'steht fest. Therese Neumanns Angaben sind in grammatischer Hinsicht durchaus stichhaltig, sie bestehen in beachtenswerter Weise auch scharfe Prüfungen im einzelnen. Diese sind von verschiedenen Personen unabhängig von einander vorgenommen worden. Die Hypothese, es liege eine von dem Spezialisten im Aramäischen, Prof. Wutz, ausgehende unbewußte Suggestion vor, ist hinfällig, da auch in Abwesenheit von Wutz und vor der Bekanntschaft mit ihm die Worte von anderen 266 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten gehört wurden. Nimmt man die Hypothese des Gedankenlesens zu Hilfe, so bleibt es unerklärlich, daß Therese einen richtigen Satz spricht, der aber den Forschern bis jetzt unverständlich war, ferner, daß sie eine aramäische Wortform gebraucht, welche die Forscher nicht vermuteten, die aber trotzdem richtig ist...'1 . Schließen wir also, wie billig, diese beiden Deutungen aus, welche bleiben uns, soweit wir heute urteilen können? Dem, der die evangelischen Berichte für bloße M-, ¿hen hält, m. E. überhaupt keine, es sei denn die verzweifelte Ausflucht: irgendein des Aramäischen mächtiges Wesen habe der Neumann Gesichts- und Klangbilder telepathisch suggeriert, die seiner Vorstellung von den überlieferten Vorgängen entsprachen. Sehen wir dagegen in den biblischen Berichten echte Urkunden, so könnten wir uns in die schon ziemlich landläufige Theorie des 'kosmischen Gedächtnisses', der 'Akasha-Chronik', der 'astralen Bildergalerie' flüchten, der wir ja nicht bloß Visionen, sondern auch 'Auditionen' entstammen lassen dürfen. Die Theorie einer Beeindruckung der Neumann durch einen 'überlebenden' Augenzeugen der Leidensgeschichte wäre an sich natürlich denkbar; es fällt aber auf, daß die Visionen nichts von jenen Merkmalen 'persönlicher' Darbietung enthalten, die sonst die anscheinend spiritistische Wissensübermittlung durch 'Bilder' auszeichnen, - wie wir des näheren noch hören werden. Alles macht vielmehr den Eindruck, als 'wohne' die Neumann schauend einem wirklichen Ablauf 'bei', der nur eben - rund 1900 Jahre zeitlich zurückliegt, - wie das in so vielen psychometrischen Visionen geschichtlichen Inhalts der Fall ist. Dementsprechend ist auch der fremdsprachige Bestandteil dieser ekstatischen Schauung völlig 'rezeptiv', starr von außen gegeben, und erinnert in keiner Hinsicht an eine personhafte Leistung des Mediums oder durch das Medium. Wir schließen also aus dem berühmten Fall, daß selbst da, wo eine hellseherische Erfassung einer geschriebnen oder gedruckten Quelle des unlebendig vorgebrachten Sprachguts nicht vorauszusetzen ist, eine spiritistische Deutung noch nicht den einzigen Ausweg darstellt, vielmehr abstraktere Möglichkeiten der Erlangung vermutungsweise zuzulassen sind. Erst wenn das erzeugte Sprachgut die Form der sinnvoll gelenkten und lebendig angepaßten Äußerung, vor allem also des Gespräches annimmt, verändert sich die Problemlage von Grund aus. Die Frage, wie man diesen Tatbestand ohne spiritistische Annahme erklären könne, nötigt nunmehr zu wesentlich konkreteren Begriffen. Und zwar vermag ich selbst für die Mehrzahl der xenoglossi- 1) Vortrag vor der Leo-Gesellschaft, ref. ZP 1929 1711. Vgl. Dr. Joh. Bauer, Prot, der semit. Philologie in Halle: ZP 1928 426 ff. "Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 267 sehen Gesprächsführungen nur noch folgende animistische Deutungsformen zu erdenken: Entweder 'schöpft' das Medium die Fähigkeit, die fremde Sprache in Schrift oder Rede lebendig zu gebrauchen, aus einer außer ihm gelegenen 'Quelle', und zwar einer unpersönlich-überpersönlichen, oder einer persönlichen, also dem geistigen Besitz eines Lebenden; oder aber es wird von einer dieser beiden Arten von Quellen 'kontrolliert', also irgendwie gezwungen, sich der fraglichen Sprache zu bedienen.1 Die erste dieser vier Möglichkeiten erscheint mir wenig aussichtsvoll. Es handelt sich ja doch nunmehr um die Erlangung nicht etwa fremder 'Sprachbestandteile', sondern - was etwas anderes ist - der Fähigkeit, eine fremde Sprache lebendig zu benutzen. Diese Fähigkeit in irgendeiner un- oder überpersönlichen Quelle 'enthalten' zu denken, meinetwegen in einem 'Erdgeist', der allen geistigen Besitz aller Erdbewohner (als seiner Spalt-Iche!) und darunter ihren lebendigen Sprachschatz auch seinerseits innehätte, - das ist vielleicht kein unmöglicher Gedanke. Viel fragwürdiger aber erscheint mir seine uns zugemutete Ergänzung: daß nämlich der fremdsprachig Redende während seiner Leistung ein laufend wählendes 'Schöpfen' aus jenem Übergeist vollbrächte, gewissermaßen ein sinnvoll geregeltes Saugen von höchster Verwickeltheit. Wie sollte denn das Medium, dem die fragliche Hypothese ja doch die tätige Rolle zuschiebt, zum Zweck seines 'laufend wählenden Schöpfens' in jenem Sprachbesitz des Übergeistes 'sich zurechtfinden'? Gerade wegen seiner völligen Unkenntnis der benutzten Fremdsprache stände ihm keinerlei 'Wegweiser' dafür zur Verfügung. Der Sprachbesitz des Übergeistes wäre für die Auffassung des Mediums eine weglose Wirrais ohne Eingang. Die gleichen Schwierigkeiten aber müssen offenbar auch die entsprechende Benutzung einer persönlichen Quelle ausschließen. T)er lebendige Bau einer Sprache ist eine reine Abstraktion, die man also weder sehen, noch sonstwie wahrnehmen kann - im Gehirn der Andern', schreibt Bozzano2 im Hinblick auf diese zweite, engere Fassung unsrer Hypothese. Das ist an sich einleuchtend genug; aber vielleicht wird der Animist in eine mehr psychologische Auffassung des Sprachbesitzes flüchten wollen: die Sprache werde nicht bloß in 'nervösen Spuren' besessen, sondern auch als ein Zusammenhang rein vorstellungsmäßigen Könnens, als 'geordnete Potentialität des sinnvollen 1) Ich übergehe die gelegentlich vorgebrachte Deutung durch (von Vorfahren) ererbte Erinnerung: die 'ethnologische Entlegenheit' des xenoglossischen Sprachguts widerlegt diesen Gedanken ohne weiteres. - Mit der Annahme von Erinnerung an Sprachbesitz in ' e i g e n e n ' früheren Leben (auf Grund soz. 'internationaler Reinkamation') ständen wir mitten im Spiritismus. 2) A prop. 116; vgl. Xen. 154. 268 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten Ablaufs von Sprachvorstellungen' (oder wie sonst man es fassen mag). Natürlich hätte er damit die stärksten Anreize zu seinem animistischen Widerstande bereits aufgegeben. Aber sei es; auch dann noch müßte die Hypothese undurchführbar erscheinen: wir mögen aktives Schöpfen bestimmter Vorstellungen oder assoziativer Vorstellungszusammenhänge aus dem Unterbewußtsein eines Andern, selbst eines Fremden, für noch so gut bewiesen halten: der Besitz einer Sprache ist eben mehr als ein konkreter assoziativer Vorstellungszusammenhang in diesem Sinne: er ist, vor allem in grammatikalischem Betracht, ein Gefüge von Formen und Mustern, ein Aufbau-Grundriß, durch den der gespeicherte Wortschatz erst das Gepräge der'Sprache' gewinnt; und ich vermag keinen Sinn mit der Behauptung zu verbinden, daß das Medium ein so gefaßtes Sprachkönnen zu eigener freier Verwendung aus dem Unterbewußtsein eines Andern schöpfe. In jedem Falle würde ein solches 'abstraktes' Gedankenlesen weit über jenen Begriff vibratorischer Telepathie hinausgehn, dessen Alleinherrschaft dem Animisten im höchsten Grade wünschenswert sein muß. Aussichtsreicher erscheinen mir die beiden entsprechenden Annahmen mit dem umgekehrten Vorzeichen: bei denen also eine aktive Beherrschung oder 'Kontrolle' des Mediums seitens der sprachbeherrschenden 'Quelle' angenommen würde, - sei diese nun eine persönliche oder überpersönliche. Es treten hier ähnliche Gedankengänge ins Spiel, wie sie uns schon die Ausübung anderer nicht-besessener 'Fähigkeiten' nahelegte. Auch der Spiritist ja müßte, um die Tatsache der Xenoglossie in seinem Sinne zu deuten, eine gewisse Benutzung des Sprachapparats des Mediums durch einen die Sprache beherrschenden Abgeschiedenen annehmen, und diese Annahme dürfte eigentlich nicht schwieriger erscheinen im Falle eines Lebenden oder gar einer Überpersönlichkeit, - sagen wir meinetwegen wieder: des Erdgeistes. Denn der 'Geist' - im Sinne von 'Abgeschiedener' - steckt ja bereits im Lebenden, und alle Geister würden, der Voraussetzung nach, im Erdgeist enthalten sein. Welche dieser beiden Fassungen der Theorie den Vorzug verdient, mag nicht leicht zu entscheiden sein. Daß ein übermenschlicher Geist von der Theorie bemüht werden kann, die Rolle oder Maske eines Abgeschiednen zu übernehmen, das wissen wir schon aus früherem. Es mag im höchsten Grade gezwungen erscheinen, einen 'Erdgeist' um der Kleinigkeiten einer oft sehr menschlichen Unterhaltung willen aufzurufen; aber was tut man nicht, um einem verhaßten Gedanken auszuweichen? Lieber soll der Herrgott selbst mit Hrn. de Wyckoffs Köchin Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 269 über ihre in Spanien verbliebenen Kinder plaudern, ehe wir zugeben, daß ein menschliches Ich den Tod überdauert.1 Immerhin wird man es wohl vorziehn, die Quelle der sprachlichen 'Kontrolle' in einem einzelnen Lebenden zu suchen. Hier hätten wir doch ein Wesen, dem die Führung eines Gesprächs in einer ihm vertrauten Sprache etwas Gewohntes und Natürliches ist. Vorausgesetzt also, daß sprachliche 'Vorstellungen' - Fragen oder Antworten - nicht nur im Vorstellenden selbst, sondern auch in Andern zu entsprechenden sprachmotorischen Leistungen führen können, hätten wir damit ein mächtiges Mittel in der Hand, die spiritistische Deutung xenoglossischer Vorgänge zu umgehen. So außerordentlich eine solche Voraussetzung auch wäre, so müssen wir uns, wie gesagt, doch fragen, ob sie wirklich mehr enthielte, als was im Falle der 'Sprachbesessenheit' durch einen Abgeschiednen ebenfalls anzunehmen wäre. Diese Frage ließe sich natürlich ausreichend nur beantworten, wenn wir überhaupt eine klare Vorstellung davon hätten, wie Besessenheit durch einen Andern etwa zustande kommt und welche Bedingungen sie als erfüllt voraussetzt. Bozzano hat gegen ihre Annahme in unsrem Falle geltend gemacht, daß sie eine Hinausversetzung des Astralleibes, diese aber einen Transzustand des Betreffenden voraussetzen würde.2 Mir scheint, daß der große Theoretiker damit zu eilig vorgeht. Selbst wenn wir die letztere Folgerung gelten lassen, bliebe die erste doch noch zu beweisen. Da wir nichts in diesen Dingen wissen, mögen wir an eine mehr 'psychische' Einwirkung auf den 'Besessenen' denken, die auch ohne Störung des Wachseins des tätigen Partners aus dessen Unterbewußtsein heraus wirksam würde. Schon Aksakow verwies auf einen Fall der Äußerung einer - sogar sehr weit entfernt - Lebenden durch ein Medium in einer Sprache, die diesem fremd war, und wir wollen den nichts weniger als gut bezeugten Fall dem Gegner zu Liebe gelten lassen. Die Inspiratorin befand sich hier nun tatsächlich in 'Lethargie' und behauptete, aus dieser erwachend, mit der fernen Tochter gesprochen zu haben.(r) Ich möchte aber auch aus diesem (dem einzigen mir bekannten) Falle xenoglossischer Äußerungen eines Lebenden nicht schließen, daß ein solcher abnormer Zustand ihre ganz unerläßliche Vorbedingung sei. Jedenfalls fähren wir theoretisch sicherer, wenn wir die xenoglossische Besitzergreifung auch durch einen Wachen für möglich erklären und damit der Suche nach dem Inspirator den denkbar weitesten Spielraum sichern. Seine Ausfindigmachung wäre dann 1) Vgl. die feinen Ausführungen von Prof. Schiller-Oxford über jene Art der Deutung anläßlich des höchst merkwürdigen Falles der 'Patience Worth': Pr XXXVI 575 f., und Bozzano, Xen. 18611. 2) Xen. 154 f. 3) Aksakow 581 f. (Frau Braut in Deutschland, deutsch redend durch ein nichtberufl. Medium in Memphis, USA.) 270 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten aber immer noch das entscheidende Problem, an dem die animistische Theorie sich hier erproben müßte. Nun zeigt uns ja das durchschnittliche Bild der xenoglossischen Unterredung einen der Fremdsprache Mächtigen in unmittelbarer Nähe des Mediums; und in allen Fällen mündlicher Xenoglossie muß es ohnehin fraglich erscheinen, ob ohne die Anwesenheit eines solchen die fremde Sprache überhaupt als echte Sprache identifiziert werden könnte. Auch im Falle solcher Anwesenheit aber fragt es sich doch noch, ob wir wirklich in dem anwesenden Sprachkundigen die Quelle für den fremdsprachigen Unterredungsanteil des Mediums suchen dürfen. Dazu müßten wir ja doch annehmen, daß bei jedem einzelnen Eingriff des Mediums ins Gespräch sein Unterredner von ihm 'Besitz ergriffe' und sich die Antwort durch des Mediums Mund buchstäblich selbst erteilte (denn eine 'Abfassung' dieser Antwort durch deis Medium würde ja wieder Entnahme der Sprachfähigkeit aus seinem Unterredner voraussetzen). Die fragliche Deutung würde also fast unfehlbar zur Annahme zwingen, daß in allen solchen Fällen der Unterredner des Mediums sich mit sich selber u n t e r h a l t e , sich also etwa auch die Komödie des Gesprächs mit einem Verstorbenen vorspiele; wobei überdies sein 'eigener' Anteil in sein Wachbewußtsein zu verlegen wäre, der 'vorgespielte' Anteil in einen abgelegenen seelischen Bezirk. Der Gedanke nun eines solchen Selbstgesprächs des anwesenden Unterredners mit verteilten Rollen braucht im einzelnen Falle nicht allzu weit hergeholt zu erscheinen. Ich erinnere etwa an Mr. Learned's Bericht über die Unterredung der Mrs. Paine mit einem Franzosen, oder an gewisse kleine xenoglossische Unterredungen mit Valiantine: den Fall des Mr. Caradoc Evans oder der Gräfin Tyong.1 Es mag uns seltsam erscheinen, daß z. B. Herr Evangelides sich über eine Stunde lang eine solche Komödie vorspielt, die ihn 'tief erregt', während er darüber lachen müßte, wenn die Geheimnisse seines Unterbewußtseins nur halbwegs 'nach oben' durchsickerten; seltsam auch, daß Anita Ripoll sich in einem Schwall des Gesprächs mit ihrem toten Gatten ergeht, um sich auf dem Umweg über dessen angeblichen Mund ihre unvermuteten Gedanken über 'Gefühle im Jenseits' vortragen zu lassen; seltsam auch, daß Dr. Prévo sich selbst durch den Mund des Mr. Turner das eigene anatomische Wissen abfragt und eine Diagnose stellt, von der er anscheinend bewußt garnichts weiß; wobei wir ganz davon absehn, daß dieses 'andre Ich' des Dr. Prévo schon vor dessen Erscheinen - nicht 1) Da die Erzeugung der Stimme als solcher hier wohl dem Medium zuzuschreiben wäre, so müßte man noch eine 'Umschaltung' der 'primären' Besessenheit annehmen. Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 271 etwa nach Dr. Prevo, sondern nur nach einem 'echten Franzosen' verlangt hatte, um seine erfolgreiche Behandlung an Mr. Turner durchführen zu können! Noch seltsamer mag es anmuten, daß, wie im Falle des Mr. J. B. Young, ein Lebender, dem wir übrigens die nötige Sprachkenntnis ziemlich willkürlich erst zuschreiben müßten, gleich drei Medien in einer fremdsprachigen Unterhaltung an den Zauberfäden seines Unterbewußtseins tanzen läßt. Aber am unglaublichsten muß es uns erscheinen, daß so viele harmlose Sterbliche überhaupt, sobald sie in die Nähe eines Mediums kommen, die erstaunliche Gabe der motorischen Fernkontrolle entwickeln. Gewiß: die Fähigkeiten des Abgeschiednen müssen auch im Lebenden schon schlummern. Und doch machen wir mit Recht einen großen Unterschied zwischen Menschen, in denen diese Fähigkeiten so tief versteckt sind, daß sie nachgerade zu fehlen scheinen, und solchen, in denen sie so offen zutage liegen, daß sie eine besondre Gattung 'medial Veranlagter' begründen. Die Unterredner xenoglossischer Medien nun sind in den meisten Fällen augenscheinlich Nicht-Medien im schärfsten Sinn; sie stellen darin den äußersten Gegensatz dar zu jenen, bei denen voraussetzungsgemäß mediale Fähigkeiten zur eigentlichen Natur gehören würden: zu den Abgeschiedenen. Und doch will der Animist eine Leistung, die nicht nur von diesen auszugehen vorgibt, sondern diesen auch besonders leicht fallen müßte, auf Grund verwickeltster psychologischer Vorannahmen (nämlich der dramatischen Ich-Spaltung) Menschen zuschreiben, die außerhalb dieser vereinzelten Leistung den Besitz der erforderlichen Fähigkeiten durch nichts verraten! Die Schwierigkeiten wachsen sehr beträchtlich, wenn die bisherige Voraussetzung der Anwesenheit eines Sprachkundigen nicht mehr erfüllt ist. Nicht daß wir angeben könnten, in welchen räumlichen Grenzen Besessenheit-durch-einen-Lebenden möglich sei. Dagegen gewinnt der Anwesende eben durch seine Nähe den natürlichen Anschluß an das Gespräch: er weiß vor allem, wann die Antworten oder Fragen seines Unterredners (d. h. des eignen Unterbewußtseins!) fällig sind. Der räumlich Entfernte müßte zu dieser natürlichen Anpassung erst noch besonders durch Telepathie oder Gedankenlesen befähigt werden; seine so merkwürdig selten und gelegen auftretende mediale Betätigung würde sich damit noch wesentlich verwickeln; und so muß das Vorurteil des Animisten eine Hilfsannahme auf die andre türmen, um der nächstliegenden Deutung zu entrinnen. Gibt es nun unbezweifelbare Fälle von Xenoglossie in Abwesenheit von Kennern der betreffenden Sprache? Alles bisher Vorgelegte - so 272 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten weit es eindeutig war - hat diesen Tatbestand doch nur erst angedeutet. Der Fall eines Griechisch schreibenden Phantoms, dessen Botschaft kein Anwesender übersetzen konnte, ließe sich anführen, wenn wir dergleichen Dinge nicht einstweilen von ausführlicher Behandlung ausgeschlossen hätten. Hier würde sich der Einfluß eines Entfernten sehr unbequem mit der Materialisationsleistung des Mediums verkoppeln müssen (die wir ja nicht auch noch jenem Entfernten aufbürden dürften!). Indessen: auch jenes Phantom lieferte keine Unterredung, und so bleibt der Fall hinter dem vollproblematischen Tatbestande zurück. - Restlos verwirklicht dagegen finden wir diesen in gewissen Beobachtungen, die der bekannte Geigenkünstler F. v. Reuter berichtet hat. Seine Mutter förderte wiederholt xenoglossische Äußerungen durch ein automatisches Buchstabierinstrument1 zutage (mit dessen Beschreibung wir uns aber nicht aufzuhalten brauchen). Am 14. Feb. 1927, 7 Uhr abends, trat eine Persönlichkeit mit den (englischen) Worten auf: 'Ich kann eine Sprache schreiben, die Sie nicht kennen.' Worauf einige fremdartige Worte geliefert wurden, unter denen nur 'Sahib' v. R. als Hindustani bekannt war, welche Sprache er daher auch in den übrigen vermutete. Um sich Zeugen für einen so wichtigen Vorgang zu sichern - denn Hindustani war eine Sprache, 'mit der wir [v. R. und seine Mutter] nie die geringste Berührung gehabt hatten' 2 -, bat er den Kommunikator, um 1/210 Uhr wiederzukommen, und zog inzwischen die Gräfin P. und Baron v. König-Warthausen zu. Am Abend darauf schrieb die gleiche Persönlichkeit abermals in der fremden Sprache, fügte dann aber auf französisch hinzu: 'Ich bin Franzose. Als Sie mich kannten, hieß ich Pierre.' Hieraus glaubte v. R. nur auf Pierre Loti schließen zu können, den er in seiner Wunderkind-Zeit in Konstantinopel 'gut gekannt' und der ja auf seinen Reisen im Orient manche Sprachen kennengelernt hatte. - Um die fremde Sprache genauer zu bestimmen, schickte v. R. die Niederschriften an Sir Arthur Conan Doyle. Einige Tage, ehe er von diesem eine durchaus unbestimmte Antwort erhielt, träumte er, daß ein Perser die Schrift prüfte und für Persisch erklärte. Und einen Tag nach Empfang der Antwort schrieb der 'Additor' durch seine Hand auf französisch: 'Fragen Sie das Persische Konsulat in Berlin', zeichnete wiederum 'Pierre' und fügte hinzu: 'Sahib ist auch ein persisches Wort [dies also, wie um v. R.s anfängliche Annahme zu berichtigen]. Ich kenne die Sprache nicht vollständig, da ich sie mir nur als Reisender oberflächlich angeeignet habe.' Worauf eine freundschaftliche Unterhaltung mit 'Pierre Loti' folgte, die uns hier aber nicht angeht. Bald darauf traf eine Auskunft von einem gleichfalls befragten Ubersetzungsbüro in Berlin ein: 'Die Sprache ist Persisch, aber Persisch, wie es in Indien gesprochen wird.' Eine vollständige Übersetzung der Niederschrift lag bei, die später vom Konsulat durchaus bestätigt wurde, 1) Den *Hesperus Additor'. 2) "Weder meine Mutter noch ich sind Je in Indien oder Persien gewesen, noch sind wir je mit irgend jemand aus jenen Ländern bekannt gewesen'. Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 273 'mit Ausnahme gewisser Worte, die das Konsulat nicht entziffern konnte [sie], vermutlich weil diese Sprache eine Mischung von Hindustani1 und Persisch enthält'. 'Pierre Loti' bemängelte nachher die Übersetzung des Konsulats, lieferte selbst eine genauere (die dann ihrerseits vom Übersetzungsbüro bestätigt wurde) und fügte einige weitere persische Worte hinzu, die sich gleichfalls als echt erwiesen. Es ist nicht nötig, die Schriften hier vollständig wiederzugeben; doch mögen einige Proben eine Vorstellung von der gesprächhaften Form ihres Inhalts vermitteln. 14. Feb. 1927, 7 Uhr abds.: Assalemaleikum, sahib (der bekannte Gruß, der natürlich nichts beweist). - 'Ist das Hindustani?' - Nachar bi choda (Nein, bei Gott). - 'Kannten wir Sie im Leben?' - Muddati ast (Vor langer Zeit). - [Auf die Bitte, mehr zu schreiben:] Salem modar salem pisar (Ich grüße die Mutter, ich grüße den Sohn). Bas (genug). [Schluß der Kundgebung.] 15. Feb. 7 Uhr abds.: Selam batscham (Guten Tag, mein Kind). Banda tschi bajad bikunam (Was wollt ihr, daß ich tue?) Bibin tschi bajad tschi basir kun. (Befasse dich mit dem, was neu ist.) [Ein Hinweis auf die Neuheit des Phänomens? - Auf die Versicherung, daß man große Freude über die Schrift habe:] Chaili mimrmm i schuma hastan (Ausdruck der Dankbarkeit). - V.R.: 'Ich danke Ihnen.' - Tschisi nist (für nichts [zu danken]). - V.R.: 'Wollen Sie uns das Wort für 'danke' geben?' - Das habe ich getan (!). [Dann:] Sal gunaschta [falsch für guzaschta] hat [später in hal verbessert] gunaschta. (Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Zustände.) - "Was das sei?' - Ein Ausspruch. - Frau V.R.: 'Ein Sprichwort?' - Bali, memsahib (Ja, gnädige Frau). [Das 'Sprichwort' hätte aber, von einem Verstorbenen verwendet, besondren Sinn!] Rast nabajad randschim (Verüble nie eine Wahrheit). - [Auf die Bitte, mehr zu schreiben:] Bas ast fursat nadaram (Es ist genug; ich habe keine Zeit mehr) . . . choda hafis schab bicheir (Gott schütze euch. Gute Nacht). Sahib iltifat schuma (idiomatisch für: Bleiben Sie mir gewogen, Herr; oder: mögen Ihre Segnungen sich mehren).2 Aus den zahlreichen Kundgebungen durch Frau v. Reuter in Sprachen, die weder sie noch ihr Sohn kannten, wähle ich zunächst noch folgendes Bruchstück, welches aus lautgerecht geschriebenem Russisch in der unverkennbaren Form einer Unterhaltung besteht. Von zwei mitanwesenden Damen war die eine, Frl. Dorothea Schapira, in Rußland geboren, aber als 2 jähriges Kind mit ihrer Familie nach Amerika ausgewandert, wo sie zu Hause nur Hebräisch (vermutlich 'Jiddisch') und Englisch hatte sprechen hören. Ihr Vater war einige Jahre zuvor gestorben. Auf die Frage, wer da sei, gab der Apparat die Antwort: Ja etah (Ich bin es). - 'Wer bist du?' - Ja ahtayts (Ich bin Vater). - 'Zu wem er 1) Sollte 'Hindi' heißen. 2) Reuter 256 tt. Vgl. die arabischen Leistungen "Pierre Lotls' das. 317 f. Ma t t i e s e n , Das persönliche Überleben 18 274 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten sprechen wolle?' - Dahch mne (Meine Tochter). - 'Welche Sprache er spreche? Russisch?' [Man bedenke, daß eine Übersetzung erst später beschafft wurde; doch mag die Anwesenheit von Personen mit russischer Vergangenheit oder auch eine aufdämmernde Spracherinnerung in Frl. Schapira die genauere Frage veranlaßt haben.] - Da. Etah menyah oshen rohdooyet. Kak ya schahsleep (Ja, dies freut mich sehr. Wie glücklich bin ich!) - 'Bist du Bruder Stanislaw?' - Nett (nein). - Wir verstehen kein Russisch.' - Neechevo (Macht nichts). [Dieses Wortes entsann sich Frl. Sch.; es ist ja auch allgemein verständlich.] - 'Wer bist du?' - Ahtayts (Vater. - Von niemandem begriffen). - 'Bist du echt?' - Da. Ya preeshol skasaht vam. (Ja; ich kam, es euch zu sagen.) Pahnemayen? (Versteht ihr?) [Auch dies Wort war Frl. Sch. verständlich.] - 'Bist du ein Verwandter von Frl. Schapira?' - Ahtayts. Dahch mne. Prashchaite. (Vater. [Sie ist] meine Tochter. Lebt wohl.) - Hierauf wurde auf englisch geschrieben; Ich denke, ich habe euch [jetzt] genug durcheinandergebracht. - 'Wer er sei?' - Ich schrieb es schon zweimal [Die Angabe 'Vater' war ja wirklich schon zweimal erfolgt.] Dorothee soll dies nach Hause nehmen und übersetzen. Mama kann e s . . . - 'Wer bist du denn?' - Erinnerst du dich nicht des Wortes für Vater?1 Da Frl. Schapira zwei von den russischen Worten verstand, so drängt sich der Verdacht auf, daß ihr Unterbewußtsein' immerhin mehr von dieser Sprache gekannt habe, als sie selber glaubte. Setzen wir diesen Verdacht beiseite (denn Xenoglossie in Abwesenheit aller Sprachkundigen ist nun einmal erweisbar), so stellt sich die Unterhaltung allerdings natürlich genug dar. Der verstorbene Vater, der nach Frl. Sch.s Angabe überhaupt zu Scherz geneigt gewesen war, 'bringt' die Anwesenden zunächst 'durcheinander', indem er sie in einer Sprache anredet, von der er weiß, daß sie ihnen unverständlich ist, während er, als langjähriger 'Amerikaner', ihre Fragen natürlich versteht. Dabei kann er nicht umhin, seine Freude über die unverhoffte Begegnung mit der Tochter auszudrücken. - Die Schreibung des Russischen ist, wie jeder Kenner der Sprache sofort feststellen wird, zwar reich an Ungenauigkeiten und Fehlern,2 aber eindeutig verständlich; wie sie etwa ausfallen würde, wenn ein der Sprache gänzlich Unkundiger die Worte hörte und nach englischer Art zu buchstabieren versuchte. Eine andre von F. v. Reuter berichtete Beobachtung dieser Art ist in gewisser Hinsicht noch merkwürdiger: hier nämlich wird das allen fremde Sprachgut nicht unmittelbar von der angeblichen Persönlichkeit des Sprachkundigen geliefert, sondern durch Vermittlung einer zweiten vom Medium angeblich gesonderten 'Persönlichkeit' - 'Hattie' -, welche die fremdsprachigen Äußerungen von jener ersten in gehörter Form 1) Das. 234 f. 2) Z. B. ahtayts statt ahtyets, oshen statt ochen, rohdooyet statt rahdooyet, schahsleep statt chahsUeev u. a. Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 275 übernimmt, sie selbst aber auch nicht versteht; diese vermittelnde Persönlichkeit hat sich überdies (was uns aber hier noch nicht angeht) durch 'Hunderte von Mitteilungen' aus ihrem Leben identifiziert, die größtenteils allen Anwesenden und oft auch Abwesenden Unbekanntes betrafen. Diese Dramatik des Transgeschehens verstärkt (wie wir später noch besser verstehen werden) den spiritistischen Anschein der Leistung sehr bedeutend; während sie zugleich die Deutung des Animisten (unter Bemühung eines 'entfernten lebenden Sprachkundigen') außerordentlich verwickelt. Wahrend einer Sitzung am Abend des 22. Juli 1928 in Ipswich in Gegenwart von Mitgliedern der Ges. f. ps. F. (u. a. Major Barnes und Mr. Bradbrook) schrieb 'Hattie Jordan', jene vermittelnde Persönlichkeit: Hier ist ein Mann, der eine Menge Kauderwelsch redet. Niemand [hier bei uns] versteht ihn. Er sagt 'Prasau tamsta'. Er scheint um etwas zu bitten. Wir können ihn nicht verstehn. Ich kann nicht viel [von dem, was er sagt,] erfassen. Er sagt 'Laba diena' in zwei Worten; dann etwas wie 'zupones ir', dann *ponai', ein Wort. Er sagt 'Ne ist nein, taip ist ja.' - Unsre Bemühungen (schreibt V.R.), die Sprache zu bestimmen, waren ergebnislos.' In einer Mittagssitzung am nächsten Tage behauptete Hattie' wiederum die Anwesenheit des Fremden und glaubte das Wort 'Surasykite' zu verstehn, welches v. Reuter (durchaus verständlicherweise) für Japanisch zu halten geneigt war. Doch erwiderte Hattie' auf seine entsprechende Frage, der Fremde sehe nicht wie ein Japaner aus (!). 'Er sagt Tesupratau'. Jetzt sagt er 'Pratau'. Er sagt 'labu diena labu makara'. Jetzt will er sagen labu makara' und schüttelt den Kopf bei 'diena'. Er sagt labai molonu' und lächelt. Er nickt. Wenn ich ihn frage, was er will, sagt er 'nesu pratau'. Er deutet auf den Herrn [v. Reuter oder Major Barnes?] und sagt 'miels drauge surasykite'. Er deutet auf mich und sagt 'kaip tamstai' - das ist noch nicht alles, warten Sie - (still!) - 'sekasi'. Er ist zufrieden und sagt zu mir 'aciu'. Zuweilen sagt er 'aciu tamsta'. Jetzt sagt er 'Zupones ir pona i duckite. Labu dienu visiems' (das kommt alles zusammen). Duckite gehört zu labu. Duckite labu dienu visiems. Er nickt und sagt aciu.' Nach mehreren vergeblichen Versuchen, die ihm völlig fremde Sprache zu enträtseln, legte v. R. die empfangenen Sätze Hrn. Prof. Driesch vor. Dieser gab sie an seinen philologischen Kollegen Prof. Junker weiter, der eine 'baltische Sprache' zu erkennen glaubte, aber nichts Bestimmteres angeben konnte. Erst der dann zu Rate gezogene Fachmann Prof. Gerullis erkannte die Sätze 'sofort' als -'sehr gutes, ganz lautgerecht geschriebenes Litauisch aus der Zeit vor 20-50 Jahren (I), fehlerfrei in phonetischer1 und idiomatischer Hinsicht.' Um den wiederum sachlagemäßen und teilweise auch gesprächartigen Charakter der fremdsprachigen Äußerungen hervortreten zu lassen, füge ich die von Prof. Gerullis gelieferte Übersetzung der wichtigsten Stellen bei: 1) im Text 'synthetischer' (?). 18" 276 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten Prasau tamsta, laba diena, zupones ir, ponai - Ich bitte Ew. Gnaden, guten Tag der Dame, dem Herrn. Labu makara [statt laba vakara, eine nur dem Litauer verständliche Lautänderung] - Guten Abend. (Das 'Kopfschütteln' sollte wohl bedeuten, meint v. Reuter, daß es bei der Mittagssitzung sinnlos sei, 'guten Abend' zu wünschen; es müsse 'Tag' - diena - heißen.) labai molonu [statt malonu] - sehr angenehm. (Auf 'Hatties' Frage, was er wolle:) Nesu pratau - ich verstehe nicht. (Auf den Herrn zeigend) Miels drauge surasykite - Guter Freund, schreiben Sie es nieder. Kaip tamstai sekasi - Wie geht es Euer Gnaden? Aciu - Danke. Zupones ir pona i duckite. Labu diena visiems - Meine Damen und Herren. Besten Gruß an [Sie] alle.1 Man könnte nun geltend machen, daß die Art dieser Äußerungen an Sätze in Sprachführern und Wörterbüchern erinnere, und den Fall deshalb doch wieder auf hellsichtiges Schöpfen aus Büchern zurückführen. (Denn was normale Kenntnisse des Mediums anlangt, so versichert Hr. v. Reuter, er und seine Mutter 'seien nie mit der litauischen Sprache in Berührung gekommen, ja nicht einmal darüber im klaren gewesen, daß es eine solche Sprache gebe'. - Trotz des Versailler Friedens?) Auf der andern Seite unterstreichen v. R. und nach ihm Bozzano gewisse Einzelheiten, die mehr oder minder jener Deutung widersprechen: 1) die veraltete Natur gewisser Ausdrücke, die darauf deuten soll, daß es sich um einen schon lange Verstorbenen handle (könnte sie nicht auch auf eine ältere 'Lesequelle' deuten?); 2) die (nach Gerullis) 'ausgezeichnete phonetische Wiedergabe der litauischen Sätze, wie sie einem Deutschen oder Engländer fast unmöglich gewesen wäre', und die 'Ersetzung eines v durch ein m im Worte makara, die nur einem Litauer verständlich ist'; 3) den Gebrauch der Worte 'Lieber Freund, schreiben Sie das nieder'. Hierin sehen beide Forscher den Beweis dafür, daß die gesamte Schrift ein bewußtes Experiment 'von drüben her' darstellte. Gegen den Verdacht, daß auch diese Worte eine belanglose Sprachführerphrase seien, könnte allerdings ihre zweimalige Verwendung sprechen. Man müßte sich also etwa denken, daß ein des Litauischen mächtiger Abgeschiedener zunächst bloß Fremdsprachigesan- sich zu liefern bestrebt ist und in diesem Verlangen auf leidlich alltägliche Redensarten verfällt; denn die von Reuter betonte Schwierigkeit für 'Hattie', die lautgerechte Schreibung der Worte zu übermitteln, 1) Bei Bozzano, Xen. 114 fl. - Nach dem 'Sprachführer' schmecken z. B. auch die Fälle Reuter 246 i. (Holländisch), 248 II. (Türkisch). 'Lebendigere' Fälle s. das. 108 f. 116 f. 149 a. 229 fr.; Pr XVII110 f. (Mrs. Thompson). Andeutungsweise bei Mrs. Piper: Pr XIV 45 ff. Lebendiger Besitz von Fremdsprachen 277 hätte sicherlich auch noch persönlichere und geistvollere Äußerungen zugelassen. Immerhin scheint mir, daß ohne 'Hatties' reichliche Identifizierung und andre mehr gesprächsmäßige xenoglossische Leistungen der Frau v. Reuter - selbst eine kryptomnestische Deutung des Falles durchaus erwägenswert wäre; und ich werde darin bestärkt durch die Tatsache, daß Frau v. Reuters xenoglossische Kundgebungen auch in andern (hier nicht erwähnten) Fällen durchaus den 'Sprachführer- Typ' erkennen ließen. Ich wünsche daraus keineswegs ohne weiteres eine 'grobe' Verdächtigung der Dame abzuleiten - unser Wissen über 'Bücherteste' kann uns einen Ausweg davor zeigen -; ich vermag aber auch nicht der starken Betonung zuzustimmen, die Bozzano dieser Gruppe von Leistungen zuteil werden läßt. Immerhin möchte ich zusammenfassend sagen, daß die gewichtigeren unter den letzten Fällen uns den Tatbestand der fremdsprachigen Unterhaltung in Abwesenheit jedes Sprachkundigen leidlich verbürgen und damit, angesichts der unerhörten Künstlichkeit ihrer animistischen Deutung, ein starkes spiritistisches Argument liefern. Hierzu tritt nun aber eine weitere Verwicklung in den Fällen, wo der fremdsprachige Gesprächsanteil echte Mitteilungen macht, die dem lebenden Unterredner Unbekanntes enthalten, also nicht ihm entstammen können. Wir fanden diesen Tatbestand schon in Dr. Whymants Falle angedeutet, indem die Verserklärung des angeblichen "Konfuzius' dem Gelehrten ja neu war (und wohl nur willkürlich als bereits gegebene Errungenschaft seines 'Unterbewußtseins' gedeutet werden könnte). Hier ist ein deutlicherer Fall dieser Art: Hr. v. Reuter erzählt aus der Zeit seiner Reise in Island im Frühling 1929 von Kundgebungen durch seinen Apparat in der Landessprache, von der natürlich weder seine Mutter noch er selbst soz. ein Wort kannten. Unter vielen andern lieferte der verstorbene Gelehrte und Spiritist Haraldur Nielsson im ganzen vier Botschaften. Die eine lautete, in korrektem Isländisch: 'Es freut mich unendlich, hier bei meinen lieben alten Freunden zu sein. Ich bin sehr oft bei euch. Ich möchte Beweise geben. Grfißt Adalbjorg Sigurdurs dottir von mir [ = die Tochter des Sigurdur. In Island vertreten bekanntlich Patronyme die Familiennamen]. Sagt ihr, daß ich hier bin. Grüßt auch Svein Sveinsson.' In diesem Augenblick unterbrach der 'Kontrollgeist' mit den englischen Worten: 'Er sagt: 'Denkt an ein Spital.' Er will eine Fernsprechnummer geben, die damit in Verbindung steht. Nein, er möchte zwei Nummern geben. Die eine hat drei Zahlen und sieht wie 2-3-4 aus. Die andre Nummer ist länger. Sie beginnt mit 16-, doch sind die beiden andern Zahlen etwas verwischt.' Hier nahm wieder 'Nielsson' die Führung und schrieb auf isländisch: 'Die richtige Nummer ist 1650.' - Nachträgl i ch wurde f e s t g e s t e l l t , daß Nielssons Witwe Adalbjorg Sigurdurs dottir heißt; Svein Sveinsson ist sein Schwiegersohn, er selber war in seinen letzten 278 Argumente aus dem Besitz persönlicher Fähigkeiten Jahren Kaplan in einem Spital für Aussätzige; seine Privat-Fernsprechnummer war 1650, die Nummer seines Schwiegersohns 224 (statt 234).' Hr. v. Reuter fügt, zum Nutzen des Zweiflers, hinzu, daß infolge Fehlens von Familiennamen der Fremde, der nicht die Namen der Eltern des Gesuchten kennt, es ganz unmöglich finde, näheres Ober jemand aus dem Telephonbuch zu erfahren.1 Natürlich fehlt es dem Animisten auch solchen Verwicklungen gegenüber nicht an einem Auskunftsmittel: er braucht nur mit der Beschaffung einer Fremdsprache und ihres lebendigen Gebrauchs die übernormale Beschaffung unbekannter Tatsachen zu verknüpfen. Indessen ist es klar, daß wir mit solchen Überlegungen die Grenzen des augenblicklichen Problems bereits überschreiten. Wir wollen uns also damit begnügen, die Erschwerung festzustellen, welche den an sich schon ungeheuerlichen Voraussetzungen des Animisten zur Deutung der Xenoglossie hiermit erwächst, im übrigen aber das Neue der letzten Verwicklung den nunmehr folgenden Erwägungen anheimstellen. 1) ZP 1930 359. D r i t t e r A b s c h n i t t Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen i. Vorbereitende Tatsachenschau Wenn wir uns also nunmehr ganz der inhaltlichen Seite des Mitteilungsvorgangs zuwenden, so betreten wir eins der wenigen soz. klassischen Gebiete spiritistischer Argumentation. Die Tatsache, daß dem Anschein nach ein Verstorbener etwas äußert, was er allein wissen kann, oder doch: was am natürlichsten als Bestandteil seiner Erinnerung aufzufassen ist, hat von jeher besonders häufig als Beweis des persönlichen Überlebens dienen müssen. Auch dieser Beweis hat mit der Zeit freilich viel von seiner Bündigkeit oder doch Einfachheit eingebüßt, infolge einer Ausweitung der Grundlagen, auf denen man andersartige Deutungen zu errichten suchte, und einer zunehmend verfeinerten Ausarbeitung solcher Deutungen. Wir werden diese sehr genau durchdenken müssen: können aber natürlich auch hier zu einer Entscheidung gelangen nur auf Grund sorgfältigster Zergliederung der Tatsachen, nicht bloß abstrakter Aufstellung theoretischer Möglichkeiten. Die Tatsachen sind es denn auch vor allem, mit deren lebendiger Anschauung wir uns erfüllen müssen, ehe wü uns aufs Meer der Spekulation hinausbegeben. Mit der Darbietung eines gewissen Grundbestandes von Tatsachen will ich denn auch beginnen; Tatsachen von der Art, auf die sich der klassische 'Identitätsbeweis' der Spiritisten stets vor allem gestützt hat. Ich greife sie aus einer wahrhaft unabsehbaren Masse bereitliegender heraus. Zum Teil sind es bekannte Paradefälle, die doch auch in einer kurzen Überschau nicht wohl zu entbehren sind und die der erfahrenere Leser überschlagen mag; zum großen Teil freilich Fälle von nicht geringerer Bedeutsamkeit, die noch keineswegs im verdienten Maße bekannt sind. Für sie alle bitte ich um geduldige und aufmerksam-nachdenkliche Entgegennahme. Je mehr der Leser soz. den Ballast reiner Tatsachenkenntnis geladen hat, desto sicherer wird er 280 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen fahren, wenn wir aus dem ruhigen Stausee der Betrachtung in die Stromschnellen der Erörterung übergehen. Überdies: auch die Logik hat ihre psychologische Seite, und Überzeugungen beruhen nicht bloß auf Argumenten, sondern zugleich auf der sich häufenden, der 'kumulativen' Wirkung gewisser Eindrücke. Endlich aber wird es auch jene später vorzubringenden Argumente entlasten und beschleunigen, wenn wir nicht jeden Beleg ihnen einzuflechten brauchen, sondern auf früher Dargebotenes zurückblicken können. - Ich beginne mit der Wiedergabe von Fällen, die sich, was die mitgeteilten Inhalte anlangt, in engeren Grenzen halten, - gewissermaßen kleinrahmigen Bildern aus der Identitätsforschung. Die Ordnung, in der ich sie vorführe, ist eine leidlich lose, aber doch nicht ganz willkürliche. Ohne schon hier einen logischen Aufbau zu erstreben, sondre ich den Stoff doch dergestalt in Gruppen, daß er bei den späteren Erörterungen erhöhte Fruchtbarkeit entfalten kann. - Aber auch abgesehen davon wünsche ich nicht, daß der Leser die folgende Tatsachenschau ganz ohne Hintergedanken auf sich wirken lasse. Vielmehr möchte ich sein Augenmerk schon jetzt auf gewisse Fragen lenken, die er dabei mit Vorteil ständig im Auge behalten würde. So sollte z. B. die Art der Darbietung von Wissensinhalten wohl beachtet werden; sie ist höchst mannigfaltig und - wie wir später finden werden - in mancher Hinsicht aufschlußreich. Ein anderer Gesichtspunkt betrifft die leichtere oder schwierigere Auffindbarkeit von lebenden Mitwissern derjenigen Inhalte, durch deren Äußerung der angebliche Verstorbne sich identifizieren läßt, oder gar dem Anschein nach sich selbst zu identifizieren wünscht. Und dies führt dann auf eine weitere Frage, die der Leser sich ständig gegenwärtig halten sollte: die Frage nach irgendwelchen Anzeichen dafür, daß die Mitteilung wirklich von ihrem angeblichen Urheber ausgeht; sei es, daß sich dessen Aktivität dabei irgendwie zu verraten scheint - auch etwa in der Form der Mitteilungen -; oder daß ihm an der Mitteilung besonders gelegen sein muß; oder daß die Auswahl des Geäußerten bezw. seine bestimmte Fassung im Munde gerade des angeblich Redenden besonders natürlich erscheint; und was dergleichen mehr sein mag. Ein solches ständiges 'Lesen zwischen den Zeilen', ein aufmerksames Achten auf das ganze T)rum und Dran' der Inhaltsäußerung würde eine wertvolle Vorbereitung auf unsre späteren gemeinsamen Überlegungen bilden. In einer ersten Gruppe vereinige ich Fälle, in denen der durch das Medium sich Äußernde allen Anwesenden, soweit sich feststellen läßt, völlig unbekannt ist, aber Angaben macht, die zwar eben darum den Anwesenden gleichfalls unbekannt sind, sich aber nachprüfen Vorbereitende Tatsachenschau 281 lassen und damit zu einer Identifizierung des Verstorbenen führen. Den allgemeinen Typ dieses Vorgangs mögen zunächst folgende Angaben der Mrs. Holland umreißen, einer sehr gebildeten und vertrauenswürdigen Dame, die der Ges. f. ps. F. durch ihre mediale Veranlagung wertvollste Dienste geleistet hat. 'Einmal, wahrend der erhöhten Sensitivität nach einer Krankheit, machte ich die Erfahrung einer neuen Form des automatischen Schreibens in Gestalt von Briefen, die meine Hand an eine Bekannte zu schreiben gezwungen wurde. Der erste dieser Briefe begann mit einem Kosenamen, den ich nicht kannte, und war mit dem vollen Namen einer Person unterzeichnet, von der ich nie gehört hatte und von der ich später erfuhr, daß sie vor einigen Jahren gestorben war. Ich empfing einen klaren 'Eindruck', für wen der Brief bestimmt war, aber da ich in der Sache nur eine ungesunde Phantasieleistung erblicken zu müssen glaubte, vernichtete ich ihn. Daffir wurde ich mit einem entsetzlichen Kopfschmerz bestraft, und der Brief wurde wiederholt (!), bis ich, um mich zu retten, ihn und die ihm folgenden an ihre Adresse beförderte. Sie kamen gewöhnlich, wenn ich eigene Briefe schreiben wollte; nie 'saß' ich für sie besonders oder begünstigte sie irgendwie. Ich las sie auch nie nochmals durch, da ich fühlte, daß sie nicht für mich bestimmt waren, und die Empfängerin wünschte nachher die Sache auch nicht zu erörtern, sondern beschränkte sich darauf, mir zu sagen, daß die Briefe von Dingen handelten, die nur jener verstorbenen Person bekannt waren, und daß die Handschrift, besonders die Unterschrift derjenigen jener Person stark ähnelte. Ich hatte niemals Proben dieser Handschrift gesehen. Als ich völlig genas, versuchte ich mich von diesem Einfluß zu befreien, denn er verursachte mir grausige Kopfschmerzen und erschöpfte mich sehr . . . Wenn meine Hand zu solchen Zeiten nicht tätig beschäftigt war, so krampfte sie sich zusammen und machte die Bewegung des Schreibens in der Luft. - Seitdem habe ich bei drei andren Gelegenheiten das Gefühl gehabt, daß eine ungesehene, aber sehr gegenwärtige Persönlichkeit durch mich eine Botschaft an ein geliebtes Wesen zu senden strebte. In keinem Falle war die Kundgebung im mindesten von mir gesucht worden, und stets war sie für den Empfänger völlig überraschend, dessen Bekanntschaft ich auch immer erst kürzlich gemacht hatte, der also nie zu meinen Freunden zählte.'1 Gehen wir indessen zu einzelnen Beispielen über. - Mr. A. W. Orr, Vorsitzender der Ges. f. ps. F. in Manchester, erzielte in Gemeinschaft mit einem Andern die fragliche Mitteilung vermittels eines der bekannten Buchstabierapparate. Nach der ersten, an sich unpersönlichen Äußerung entspann sich folgende Unterhaltung: Kennst du einen von uns? - 'Nein.' - Willst du sagen, wer du bist? - 'William Hodson; London-Road-Bahnhof.' - Soll das heißen, daß du das Opfer eines dort geschehenen Unfalls geworden bist? - 1) Pr XXI 1731. 282 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen "Nein.' - Bist du auf jenem Bahnhof gestorben? - 'Ja.' - An welcher Krankheit? - 'Herzübel.' - Warst du Eisenbahnangestellter? - 'Nein.' - Fahrgast? - 'Nein.' - Wie kam es dann zu deinem Tode? - 'Ursache war das Gepäck eines Reisenden; ich war im Hotel Mosley.' - In welcher Eigenschaft? - 'Ich putzte die Stiefel.' - Wieviel Jahre ist das her? - "24 oder 25.' - Hast du dich schon einmal kundgegeben? - 'Nie.' - Wohntest du im Hotel? - 'Nein.' - Kannst du uns deine Adresse angeben? - 'Ardwick, Tippingstraße.' - Ist niemand in Manchester, der dich kennt? - 'Viele.' - Damit schlössen die Mitteilungen. Mr. Orr gelang es, im Hotel Mosley einen Kellner zu entdecken, der genügend lange dort angestellt war, um William Hodson gekannt zu haben. Auf die Frage, was dessen Dienst gewesen war, erwiderte er: Er putzte die Stiefel. - Wo starb er? - Auf dem London- Road-Bahnhof. - Auf welche Art? - Es war der Tag des St. Leger [eines der volkstümlichsten englischen Rennen]; er hatte Gepäck aufzugeben, und ich sah ihn damit zu den Bahnsteigen hinuntergehen. Es gab Verzögerung bei der Unterbringung im Zuge, und das brachte ihn in Zorn, so daß er schrie, er werde sich beim Bahnhofsvorstand beschweren; dabei brach er vom Schlag getroffen zusammen. - Wie lange das her sei? - Mehr als 20 Jahre. - Wo er wohnte? - In der Tippingstraße.1 Den folgenden ähnlichen Fall berichtete M. P. Bossan, 'Kontrolleur' im Telegraphenamt von Grenoble, am 28. Juli 1920 dem uns bekannten Pariser Astronomen Flammarion, mit der Versicherung 'gewissenhaftester Wahrhaftigkeit in cillen Einzelheiten'. In einer Sitzung der Société d'études psychiques de Nancy vom 29. Jan. 1913, über die ein urkundlicher Bericht vorliegt, wurde durch den Tisch der Name Albert Revol diktiert, gestorben (nach der gleichartigen Aussage) vor 2 Jahren im Alter von 54 Jahren; er habe als Schneidermeister in Pontcharra (Isère) in der Grande-Rue gewohnt, sei verheiratet und Vater von 3 Kindern gewesen, von denen ein Sohn, Eugène, 20 Jahre alt, dem Gewerbe des Vaters gefolgt sei. - Hierzu bemerkt der Sitzungssekretär, daß keiner der Anwesenden die Dauphiné, von der das Département Isère ein Teil ist, kannte, nur einer es vor sehr langer Zeit in der Bahn durchfahren, aber ebensowenig wie die übrigen von einem Orte Pontcharra gehört hatte,2 und noch viel weniger von einer Familie Revol. - 'Ich bin plötzlich gestorben,' fuhr der angebliche Revol fort, 'und bin noch in Unruhe... Ich habe zwei Töchter, Hélène und Henriette. Ich bin nicht dort beerdigt. Meine sterblichen Reste liegen in Grignon. Das war meine Heimat.' - Wir kannten nur ein Grignon, bemerkt dazu der Bericht, im Département Seine-et-Oise. Wir sagten Revol denn auch, daß diese Gegend doch recht weit von Pontcharra abliege. - 'Nein,' erwiderte er, 'das ist ganz nahe; ich habe dort noch meine Mutter. Sie wohnt in unserer Nähe in Grignon. [Dies erschien den Sitzern ganz unwahrscheinlich. Man fragte, wo man sich nach der Wahrheit seiner Angaben erkundigen könne.] 'Schreiben Sie an Mme Goudon,' war die Antwort, und 1) Lt 1907 122; 1908 43; Bozzano, Casi 270 H. 2) soupçonnait! Vorbereitende Tatsachenschau 283 dann: 'Nein, ich fürchte Klatschereien; schreiben sie lieber an den Curé, er kennt mich; man muß ihm keinen Grund angeben, auch nichts von Geistern sagen. Sprechen Sie von der Familie.' Alle zweckdienlichen Anfragen wurden nunmehr brieflich an den Sekretär der Mairie von Pontcharra gerichtet. Die Antwort, in Form eines amtlichen Totenscheins, wird von Flammarion abgedruckt: sie bestätigt die Namensangabe des Kommunikators (setzt nur Albin für Albert, welch letzteres zur Hälfte durch die ungeduldigen Tischrücker 'ergänzt' worden sein mag); gibt (Philoméne-Léontine) Goudon als Namen der zweiten Frau Revols und verlegt dessen Tod übereinstimmend fast zwei Jahre vor den Tag der Sitzung. Ein den Totenschein begleitender Brief der Mairie vom 4. Febr. 1913 (gleichfalls wörtlich abgedruckt) berichtet von einem 'plötzlichen' Tode A. Revols (an Herzembolie), von seinem Schneiderhandwerk und von seinen drei Kindern, die Angaben der Sitzung über deren Geschlecht und Namen durchweg bestätigend. - Auf eine weitere Anfrage an den Sekretär der Mairie betr. des von Revol erreichten Alters, seiner Adresse und des zweifelhaften 'Grignon* erwiderte der Sekretär, M. Fautier, am 19. Febr. 1913: daß M. Revol mit 54 Jahren gestorben sei, daß er in der Grande-Rue von Pontcharra gewohnt habe und auf dem Friedhof der Pfarrei von Grignon, eines Teils der Gemeinde von Pontcharra, beerdigt sei.1 - Wie man sieht, entbehren Revols Äußerungen nicht ganz der persönlichen Note: der Mann ist 'in Unruhe', und man gewinnt fast den Eindruck, als habe er noch etwas vorbringen wollen, sei aber nicht dazu gekommen über der umständlichen Bemühung, sich zunächst einmal glaubhaft zu machen. Den folgenden Fall entnehme ich - in starker Kürzung - den äußerst gewissenhaften Berichten J. A. Hills, eines erfahrenen Forschers auf diesem besondren Gebiete. In einer Sitzung mit dem Medium A. Wilkinson am 21. Juli 1914 'empfing* dieser den Namen eines Dr. med. Dunlop,2 der 'alten Zeiten angehören* sollte (was alles richtig, aber nicht beweisend in irgendwelcher Hinsicht war), und danach den Namen 'Leather' (den das Medium 'nie gehört' hatte), dessen Träger er als 'alten Mann, sehr gentlemanlike und zurückhaltend' bezeichnete. Mr. Hill hatte einen solchen einige Jahre zuvor gut gekannt; dieser hatte 1 km von seinem Hause entfernt gewohnt und war i. J. 1909, 84 Jahre alt, gestorben. Alle Angaben über ihn waren völlig zutreffend. Hill hatte ihn in dem sehr viel früher Dr. Dunlop gehörigen Hause bei einem gemeinsamen Freunde in den Jahren 1893-95 öfters beim Whist getroffen. Es ist so gut wie sicher, daß selbst örtliche Nachforschungen des Mediums nichts über Zusammenhänge zwischen Hill, Mr. Leather und Dunlop-Haus hätten zutage fördern können. Mitte November 'empfing' das Medium, zur Zeit in Bournemouth, die Namen 'Parrbury oder so ähnlich' und 'Robert'. (Ersterer erschien ihm ganz 'ungewöhnlich'.) 'Er interessiert sich offenbar stark für Sie', schrieb Wilkin- 1) Flammarion III 37 II. 2) Man könnte auch sagen: der Name 'kam ihm in den Sinn'. 284 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen son an Hill. Dieser konnte sich nichts dabei denken, hörte aber auf Erkundigungen hin von seiner Schwester, daß Robert Parrbury oder Parberry (die Aussprache ist ja die gleiche) Mr. Leather's Vornamen gewesen seien; auf den zweiten konnte Hill sich auch jetzt durchaus nicht besinnen. - In einer Sitzung am 15. Jan. 1915 sah Wilkinson (seiner Gewohnheit nach) einen weiteren hierher gehörigen Geist im Zimmer stehen; einen 'sehr alten Mann', den er genau beschrieb: 'Elias Sidney'. Er sei ein politisch sehr interessierter Radikaler oder 'strenger Liberaler' gewesen und vor einiger Zeit gestorben. Jemand stehe hinter ihm, beschatte ihn, habe ihn hergebracht; jemand, der sich schon zuvor hier kundgegeben habe. 'Alles dies', schreibt Hill, Svar ohne jeden Sinn für mich. Ich hatte nie von irgendeinem Elias Siclney gehört.' Es erschien dann 'ganz unerwartet' ein gewisser 'Moses Young', ein vor etwa 24 Jahren verstorbener Bekannter, an den Hill 'jahrelang nicht gedacht hatte' und dessen Vornamen er nicht erinnerte, durch Erkundigungen aber als Moses feststellte. Danach kehrte 'Sidney' zurück, ging und kam wieder. Endlich sagte Wilkinson: 'Sie entsinnen sich, daß ich hier schon früher einen alten Mann sah. Ich kann nicht auf seinen Namen kommen.' 'Vielleicht Mr. Leather?' 'Ja, Leather. Es ist Mr. Leather, der Elias Sidney hergebracht hat. Sie waren gute Freunde. Sidney ist schon länger tot, als Mr. Leather.' Hill erkundigte sich nun bei mehreren örtlichen Liberalen, die Mr. Leather gekannt haften, ob sie je von einem Elias Sidney gehört hätten. Alle verneinten, und Hill begann zu glauben, das Medium sei hier völlig 'abgeirrt'. 'Aber einer von den Gefragten kannte zufällig einen etliche Meilen entfernt lebenden alten Herrn, der sehr viel in politischen Kreisen herumgekommen war und auf Befragen angab, er habe Elias Sidney sehr gut gekannt. *Er starb vor 8 oder 9 Jahren, hatte sich aber schon viel früher vom politischen Leben zurückgezogen, da er sehr alt war. Er gehörte einem Kreise von Freunden an, lauter kernhaften Liberalen. Ich war einer von ihnen, Mr. Leather auch." Weitere Nachforschungen ergaben, daß Mr. Sidney im Januar 1909, 7 Wochen vor Mr. Leather, im Alter von 83 Jahren gestorben war. Alle Angaben über ihn und die Beschreibung seines Äußeren stimmten; ein aufgetriebenes Lichtbild bestätigte sie des weiteren. Sidney und Leather hatten dem gleichen politischen Klub angehört. Sidney hatte sehr zurückgezogen gelebt, wenigstens während seines Lebensabends; fast niemand kannte ihn; das 18 km entfernt wohnende Medium sicherlich nicht, meint Hill, der überdies Wilkinson nach 10 jähriger Bekanntschaft das denkbar beste Leumundszeugnis ausstellt. Mr. Leather hatte zu Lebzeiten warme Freundschaft für Hill empfunden; es erscheint diesem daher natürlich, daß gerade Leather die ihm weniger Bekannten oder ganz Unbekannten 'herangebracht' haben wollte.1 Hier schalte ich einen Fall ein, der - wie der Leser noch ersehen wird - einen schicklichen Übergang von der vorstehenden zur nachfol- 1) Hill, Invest. 23-37. - Vgl. ferner die Fälle Pr X I I I 416; PsSc VII 70 f.; ZP 1928 255; Appleyard 1041. 110 ff. Vorbereitende Talsachenschau 285 genden Gruppe bildet. Der 'Kommunikator' war zwar früher mit dem Sitzer einige Zeit hindurch in Berührung gewesen, aber von diesem nicht nur völlig vergessen, sondern ihm möglicherweise auch nie dem Namen nach bekannt gewesen. Der Bericht findet sich in Findlays Buch über seine Sitzungen mit dem Stimmenmedium Sloan und beruht auf gleichzeitigen Aufzeichnungen des Erzählers. 'Ich nahm', schreibt er, 'meinen Bruder kurz nach seiner Entlassung aus der Armee im Jahre 1919 mit zu Sloan. Er kannte niemand von den Anwesenden und wurde nicht vorgestellt. Ich allein wußte, daß er in der Armee gedient hatte. Niemand von den Anwesenden wußte, wo er während seiner Dienstzeit gewesen war [nämlich nicht an der Front, sondern in Kessingland, einem kleinen Dorf in der Nähe von Lowestoft (1917) und in Lowestoft selbst, wo er Kanoniere auszubilden hatte].' Tlötzlich berührte der [im Zimmer umherfliegende Schalltrichter] meinen Bruder am rechten Knie, und eine Stimme dicht vor ihm sagte: 'Eric Saunders'..., worauf er bemerkte, es mflsse ein Irrtum vorliegen, da er nie jemand dieses Namens gekannt hätte. [Der Schalltrichter setzte aber sein Klopfen so dringend fort, daß mein Bruder] nochmals fragte, wer da sei, worauf die Stimme, und zwar viel kräftiger, wiederholte: 'Eric Saunders.' Abermals sagte mein Bruder, daß er niemanden dieses Namens je gekannt hätte, und fragte, wo er dem Betreffenden begegnet wäre. Als Antwort erfolgte: 'Bei der Truppe.' Mein Bruder zählte eine Reihe von Orten und Gegenden auf, wie z. B. Aldershot, Bislay, Frankreich, Palästina usw., vermied aber ausdrücklich Lowestoft... Die Stimme erwiderte: 'Nein, nicht da. Ich kannte Sie, als Sie in der Nähe von Lowestoft waren.' Mein Bruder fragte: warum er ' i n der Nähe von L.' sage, und die Stimme erwiderte: 'Sie waren damals nicht in Lowestoft, sondern in Kessingland.' . . . Mein Bruder fragte dann, in welcher Kompanie er gestanden, und da er nicht hören konnte, ob die Antwort B oder C lautete, fragte er nach dem Namen des Kompanieführers, worauf als Antwort 'MacNamara' erfolgte. Dies war damals der Name des Kommandierenden der B-Kompanie gewesen. Um den Unterredner zu prüfen, gab mein Bruder vor, sich seiner zu erinnern, und sagte: 'Ach so, Sie waren einer von meinen Lewis-Kanonieren, nicht wahr?' Die Antwort lautete: 'Nein, Sie hatten damals nicht Lewis-, sondern Hotchkiss-Kanonen.' Dies war völlig richtig, denn die Lewis-Geschütze wurden ihnen im April 1917 genommen und durch Hotchkiss-Geschütze ersetzt. [Nach weiteren richtigen Antworten] bemerkte 'Saunders': 'Es war eine feine Zeit damals; erinnern Sie sich der Musterung durch den General?' Mein Bruder lachte und sagte, sie wären beständig von Generalen gemustert worden, welchen er denn meine; und er antwortete: 'Den Tag, wo der General uns alle mit den Geschützen herumjagen ließ.' Mein Bruder entsann sich dieses Vorfalls sehr genau; er hatte damals viel Gelächter unter den Leuten verursacht. 'Saunders' teilte meinem Bruder mit, daß er in Frankreich gefallen sei, und mein Bruder fragte ihn nach dem Zeitpunkt seines Abgangs zur Front. Er antwortete: 'Mit der großen Aushebung im August 1917.' Mein Bruder fragte, warum er es die große Aushebung nenne, 236 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen und er erwiderte: 'Erinnern Sie sich nicht der großen Aushebung, als der Oberst aufs Paradefeld kam und eine Rede hielt?' [Dies stimmte wieder; es war, soweit sich mein Bruder entsann, die einzige Gelegenheit, bei welcher der Oberst je persönlich den Truppen Lebewohl gesagt hatte.] . . . Mein Bruder fragte dann, warum er Oberhaupt gekommen sei, zu ihm zu sprechen, und er sagte: 'Weil ich nie vergessen habe, daß Sie mir einmal einen guten Dienst erwiesen.' Mein Bruder entsinnt sich dunkel, einem der Kanoniere Urlaub verschafft zu haben; aber ob dessen Name Saunders gewesen, vermag er nicht zu sagen... Er hatte fast 2 Jahre lang Kanoniere ausgebildet, etwa ein Dutzend alle 14 Tage, . . . kam aber nie genügend in persönliche Berührung mit ihnen, um sich viele von den Namen einzuprägen.'1 Sechs Monate nach der Sitzung traf er sich verabredetermaßen in London mit einem Korporal, der in der Kriegszeit sein Gehilfe gewesen und mehr mit den Leuten zusammengekommen war: auch dieser entsann sich keines Saunders, fand aber in einem alten Taschenbuch eine Namenliste u. a. auch der B-Kompanie des Jahres 1917, und in dieser Liste die Eintragung: 'Eric Saunders, voll ausgebildet, August 1917', mit roter Tinte durchstrichen, was anzeigen sollte, daß der Mann im August 1917 an die Front gekommen w a r . . . Mein Bruder, versichert Findlay, kann sich auch heute noch nicht des Mannes erinnern.' Vom Kriegsministerium war eine Bestätigung des Todesfalls nicht zu erhalten, da man Saunders nicht nach seinem Frontregiment befragt hatte; es waren aber mehr als 4000 Saunders während des Krieges gefallen. - 'Anwesende Hellseher,' bemerkt übrigens Findlay zum Schluß, 'beschrieben Saunders als vor uns stehend, während er sprach.'2 In der nunmehr folgenden Gruppe verlagert sich das Interesse von der Person des Kommunikators auf den Inhalt des Geäußerten: jener ist den Sitzern an sich zwar bekannt, in vielen Fällen sogar genau bekannt, etwa als naher Verwandter; aber die Inhalte, die er mitteilt, sind den Anwesenden mehr oder weniger unbekannt: entweder waren sie ihnen 'vielleicht' oder vermutlich früher einmal bekannt, sind aber inzwischen 'völlig vergessen' worden; oder sie sind ihnen, soweit sich feststellen läßt, nie zu Bewußtsein gekommen. Im letzteren Falle leben aber (wenigstens meist) in der Ferne irgendwelche Personen, welche von jenen Tatsachen wußten, - ein Umstand, der in der Theorie dieser Vorgänge keine geringe Rolle spielen wird. - Ich gebe zunächst ein Beispiel der ersteren Art und überlasse es dem Leser zu bestimmen, wieweit die Möglichkeit, daß ein Anwesender je um das Mitgeteilte gewußt habe, den spiritistischen Anschein vermindere. Hier findet überdies die nachträgliche Identifizierung des Kommunikators auf eine besondere und eindrucksvolle Art statt. 1) to get to know - eigentlich: 'zu erfahren'. Später heißt es: he never had an opportunity to know them lndlvidually! 2) Findlay 92 ff. Auch die anschließend mitgeteilten Fälle •ind sehr beachtenswert. Vorbereitende Tatsachenschau 287 Die Fürstin Karadja berichtet, daß im Sommer 1903, während das bekannte englische Medium Peters als Gast auf ihrem belgischen Schlosse weilte, eines Tages um die Mittagszeit M. Jacques Fouccrolle, Hauptschriftleiter des Lütticher 'Messager', mit seiner Tochter ihr einen Besuch machte. Sie hatte ihn erst ein einziges Mal gesprochen und besaß nicht die geringste Kenntnis seiner Familienangelegenheiten. Da der nächste Zug erst um 5 Uhr ging, behielt sie ihn zu Tische und stellte ihm Mr. Peters vor. Während die Gesellschaft den Kaffee trank, rief Peters plötzlich aus, er sehe einen Geist hinter M. Fouccrolle stehen, der dessen Schulter berühre: er habe angegraute Haare, eine kahle Stirn und einen Kinnbart. 'Fouccrolle bemerkte: 'Wahrscheinlich ist es mein Vetter Leo, der vor einigen Wochen starb.' - 'Durchaus nicht', erwiderte Peters sofort, 'er sagt, er sei vor mehreren Jahren verstorben und mit Ihnen gar nicht verwandt. Es ist schon lange her, daß Sie mit ihm zusammentrafen. Er war Ihr Mitschüler. Er sagt, sein Name sei Martin gewesen.' M. Fouccrolle schüttelte nachdenklich den Kopf: er könne sich einer solchen Person nicht entsinnen, und fragte nach dem Taufnamen des Geistes. 'Ich kann ihn nicht erlangen', erwiderte Peters, 'aber er sagt mir, daß Sie ein Bild von ihm besitzen. Er zeigt mir da" Album. Ich blättre es durch - 1, 2, 3, 4, 5, 6 . . . er zeigt mit dem Finger auf die 6. Seite. Das Bild ist zur Linken, gegenüber dem einer Dame in Krinoline.' 'Ich besitze in der Tat ein solches Album', antwortete M. Fouccrolle zögernd, 'aber es befindet sich schon seit einigen Jahren auf dem Boden meines Hauses. Ich werde es heraussuchen und zusehen, wer die beschriebene Person sein mag.' Peters teilte dann eine Botschaft mit, die der Geist zu übermitteln wünsche, und bald darauf empfahlen sich die Gäste. Zwei Tage darauf teilten sie mir brieflich mit, daß die von Peters gelieferte Beschreibung in jeder Einzelheit zutreffe. Genau oben links auf der 6. Seite des Albums befand sich das Bild eines Herrn namens Martin, der ein Mitschüler Fouccrolles gewesen war. Seinem verblichenen Porträt gegenüber befand sich das einer Dame in elegantem Reifrock.'1 Die weiteren Beispiele gehören bereits jenem Typ an, der uns einen um die mitgeteilten Tatsachen Wissenden allenfalls 'in der Ferne' zeigt. - Ich entnehme die zwei ersten den umfangreichen Berichten des Rev. Ch. D. Thomas, eines sehr erfahrnen und kritischen Forschers, über den Verkehr mit seinem verstorbenen Vater und seiner Schwester Etta. Wobei ich daran erinnern möchte, daß überhaupt viele der hier mitgeteilten Beobachtungen aus solchen Sammelurkunden über einen bestimmten Kommunikator entnommen sind; eine Herauslösung, die ihnen viel von der Eindruckskraft nimmt, die der Häufung und dem innern Zusammenhang eines verwickelten Ganzen entstammt. Der Brocken mag schmecken wie das ganze Brot auch; aber er kann nicht im gleichen Maße sättigen. - Die erste der hier ausgezogenen Einzelheiten stellt 1) RSP 1904 138; Bozzano, Casi 27 f. Vgl. die beiden Fälle Keene 30. 41. 288 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen am ehesten den eben bezeichneten Typ dar; die zweite führt schon fast über ihn hinaus, indem man vermuten möchte, daß das Aussehn der beschriebnen Börse in solcher Genauigkeit nur dem Verstorbnen bekannt war. Am 14. Juni 1917, als Rev. Thomas jun. eine Londoner Mission erwähnte, die von ehemaligen Zöglingen der Leys School in Cambridge gegründet worden war, machte sein 'Vater' folgende Bemerkungen: 'Da war ein gewisser R.,1 der sich sehr für diese Schule interessierte, auch ein P.' 'Nun war', schreibt Thomas, 'diese Schule gegründet worden, als ich noch Kind war, und ich kannte nur zwei Namen aus der Zahl derer, die sich um ihre Errichtung bemüht hatten, und keiner von diesen begann mit R oder P. Nach vergeblichen Nachforschungen unter denen, die es hätten wissen können, verschaffte ich mir schließlich ein Exemplar des Adreßbuchs der Schule: daraus ersah ich, daß zwei Geistliche mit ihrer Eröffnung verknüpft waren, nämlich Morley Punshon und Dr. Rigg. Beide hatten hei> vorragenden Anteil an den Eröffnungsgottesdiensten und den ersten Schulschlußfeiern genommen. Mein Vater hatte stets eine besondere Vorliebe für derlei Ereignisse gehabt, und seine Erinnerung an die Rolle, die diese beiden in den Angelegenheiten der Schule gespielt hatten, erscheint sehr natürlich, denn er hatte sie beide besonders bewundert.'2 Ist einer Sitzung des Jahres 1924 sagte Teda', die 'Transpersönlichkeit' des berühmten Mediums Mrs. Leonard: 'Es ist da eine Geldbörse, die er in Benutzung hatte, und Ihre Mutter hat sie aufbewahrt. Er zeigt sie mir,3 es scheint eine alte Lederbörse zu sein, eine ziemlich große; sie ist nicht viereckig geformt; sie ist am Boden etwas breiter... Sie war viel sauberer und besser in der Farbe auf einer Seite, als auf der anderen. Sie ist sehr glatt, grünes Leder von ziemlich grober Narbe, oder aber künstlich genarbt, um ein Muster zu bilden. Es war eine durchaus gute Börse, nur wo man sie öffnet, war die Naht, nicht das Leder selbst, etwa 1/2 Zoll weit aufgegangen. Etta hat sie auch gesehen. Ihr Vater meint, daß diese Börse leicht gefunden werden kann, und er ist ganz sicher, daß sie genau so aussieht, wie er sagt...' Die Verschiedenheit der ursprünglich gleichen Färbung auf beiden Seiten wurde noch besonders betont. - 'Meine Mutter, schreibt Thomas jun., behauptete, daß sie keine solche Börse habe. Ich meinerseits konnte mich ihrer nicht entsinnen. In meiner nächsten Sitzung sagte ich, daß keine Börse zu finden seij worauf mein Vater wiederholte, daß er dessen ganz sicher sei und daß sie gefunden werden könne.' Der Sohn schrieb nochmals ein die Mutter, und es wurden nun 2 Börsen des Vaters gefunden, von denen die eine genau der gegebenen Beschreibung entsprach; nur die Narbe des Leders war 'kaum noch wahrnehmbar'.4 (Vielleicht also erinnerte sich hier der Kommunikator an einen früheren Zustand, als den zur Zeit beobachtbaren?) 1) 'Schwierigkeiten' bei Namen, 'Erlangen' zunächst nur des Anfangsbuchstabens sind typisch; vgl. u. m. 2) Thomas, Life 33. 3) Eigentlich: "Feda*. F. spricht - kindlich - von sich in der 3. Person. 4) aaO. 71 f. Vorbereitende Tatsachenschau 289 An diese 'Brocken' aus einem sehr umfangreichen Ganzen schließe ich ein Körnlein aus einem andren weitversponnenen Falle: den Kundgebungen der als 'A. V. B.' bekannten Kommunikatorin, der verstorbenen Freundin zweier ausgezeichneter Forscherinnen, Una Lady Troubridge und Mary Radclyffe-Hall. In einer Leonard-Sitzung am 25. Okt. 1916 kam 'Feda' als Dolmetsch der Abgeschiedenen auf einen Spazierstock zu sprechen, den diese im Gebrauch gehabt hätte. 'Sie sagt, erinnern Sie sich, daß sie einen hatte, der ihrer Hand weh tat? Er war nicht bequem, - er strengte ihre Hand an.' Ich stellte (schreibt Miss Radclyffe-Hall) alle Kenntnis hiervon in Abrede, aber 'A. V. B.s Beschreibung wurde später, 10 Monate nach der Sitzung, auf ziemlich unerwartete Weise bestätigt. Lady Troubridge war zu Besuch bei A.V.B.s Tochter, und vor einem ländlichen Spaziergang wurde sie aufgefordert, einen Stock aus einem Ständer in der Halle zu wählen. Sie . . . war im Begriff, einen zu ergreifen, als A.V.B.s Großtochter... ausrief: 'O nehmen Sie nicht diesen, er hat einen so unbequemen Handgriff, er strengt die Hand an." Dies weckte eine Erinnerung an die Sitzung, und auf ihre Frage erhielt Lady T. von der Tochter und der Großtochter der Verstorbenen die Auskunft, daß der Stock dieser gehört hatte.1 Sehr bekannt als vielgliedriger Fall sind auch die Berichte Sir Oliver Lodges über seinen und der Seinen Verkehr mit dem im Kriege gefallenen jungen Raymond Lodge. Ich will auch aus dieser Schatzkammer hier nur einen winzigen Brocken mitteilen, zugleich als Beispiel experimenteller Hervorlockung von Angaben der hier fraglichen Art. Prof. Lodge's Söhne ließen gelegentlich durch ihren Vater dem Verstorbenen wohlüberlegte Fragen betr. gleichgültiger Ereignisse vorlegen, auf welche beide Eltern die Antworten nicht kannten, während Raymond sie kennen mußte. Am 12. Okt. 1915 brachte Sir Oliver in einer Tischsitzung mit Mrs. Leonard 5 derartige Fragen vor, nachdem er Raymond deren Art und Zweck auseinandergesetzt und von diesem die Versicherung des Verständnisses erhalten hatte. Drei von den Worten, welche die Fragen darstellten, 2 'schienen keine Erinnerungen wachzurufen', was ja auch unter spiritistischen Voraussetzungen nicht wunderzunehmen braucht. Ein viertes rief sehr bemerkenswerte, aber nicht ohne Weitschweifigkeit zu berichtende Antworten hervor. Das fünfte führte zu einer schlagend kurzen und eindeutigen Äußerung: 'Erinnerst du dich', fragte Lodge, 'an irgend etwas bezüglich 'Argonauten'?' (Kurzes Schweigen.) Lodge: 'Argonauten ist das Wort. Hat es für dich irgendeine Bedeutung? Nimm dir Zeit.' - 'Ja.' - Dann, bei dem umständlichen Buchstabierverfahren des Tischrückens natürlich so kurz als möglich, kam die Antwort: 'Telegramm'. - Lodge: 'Ist das die ganze Antwort?' - 'Ja.' - Diese Antwort, obgleich nicht die von den Brüdern erwartete, hatte einen guten Sinn. Im Jahre zuvor, 1 ) Pr X X X 389. Vgl. den Fall X X X V I 286 n. 2) Sie lauteten: Evinrude. - O.B.P. - Schwester des Kaisers. M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben 10 290 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen während das E h e p a a r Lodge v e r r e i s t war, fuhren die Söhne im Auto nach Devonshire hinein, und von Townton aus (wie sie meinen) hatte Raymond ein Telegramm nach Hause geschickt, daß alles wohlauf sei, welches er 'die Argonauten' unterzeichnete. Gerade die Schwestern erinnerten dies genau, die Söhne - also die eigentlichen Planer des Versuches - weniger.1 - Man wird zugeben, daß das Stichwort 'Argonauten' an sich und ohne die Voraussetzung besonderer Erinnerungen nicht wohl die Reaktion 'Telegramm' aufrufen konnte. Aus den zahlreichen, sehr bemerkenswerten Kundgebungen der angeblichen Gattin des Mr. John F. Thomas - durch 17 Medien, davon 16 in England! - sei hier folgende Probe ausgewählt: Bei einer Gelegenheit (10. Jan. 1927) erwähnte die Verstorbene ein Tagebuch, das sie geführt habe. 'Ich führte es aber nicht fort; doch denk' ich, unter meinen alten Sachen könntest du darauf stoßen. Es war nicht sehr groß und von Leder und hatte einige ganz vollgeschriebene Tage und dann einige übersprungene. Und dann wurden die Eintragungen weniger und weniger, und ich glaube, das letzte ausgefüllte Datum war 17. Ich bin nicht ganz sicher, glaube aber, es war so.' (Am 6. Juli kam sie kurz darauf zurück.) Hiervon wußte die Familie nichts zu erinnern. Man suchte und fand schließlich ein Tagebuch, das einzige, das Mrs. Th. je geführt hatte, soweit sich feststellen ließ, - 'eng gestopft' in einem eingebauten Bücherschrank unter alten Jahrbüchern eines Frauenklubs. Es war ein kleines Tagebuch mit Goldschnitt und dunkelgrünem, biegsamem Ledereinband. Die Eintragungen setzten mit dem 7. Jan. 1917 ein, waren aber nicht lange fortgeführt. Die letzte steht unter dem vorgedruckten Datum des 15. Jan. 1917. Jede Seite hat etwa 12 Linien, und die ersten Seiten sind ganz vollgeschrieben, dann sind einige teilweise gefüllt, und der 12. Januar ist ganz ohne Eintragung. Manches von diesen Einzelheiten wäre vielleicht zu erraten gewesen; die mengenmäßige Verteilung der Eintragungen wohl am wenigsten.2 Ich habe oben Kundgebungen 'Oscar Wildes' durch Mrs. Travers- Smith unter dem Gesichtspunkt identifizierender Handschrift angeführt. Ich darf jetzt nachtragen, daß der angebliche Dichter zu seiner Beglaubigung auch Tatsachen aus seinem verflossenen Leben erwähnte, die keinem der die Schrift Erzeugenden bekannt waren. Am 19. Juli 1923 z.B. schrieb er: 'Es ist so schwierig, die Vergangenheit aus der Erinnerung dunkler Höhle hervorzuziehn. Eine meiner frühesten Erinnerungen bezog sich auf eine kleine Farm in Irland bei McCree . . . Cree . . . Nein, das ist nicht der Name . . . Glencree? . . . wo wir mit Willie und Iso uns aufhielten . . . Und da war ein guter alter Mann . . . beaufsichtigte uns beim Lernen . . . ein Priester . . . Pater . . . Prid . . . Prideau? Ein 1) Lodge 91 f. Vgl. den Fall 126 f. Den sehr bekannten Fall der Gruppenphotographie Ubergehe ich als nicht zwingend. 2) Thomas, J. F., Stud. 59 f. Vgl. 58 f. Vorbereitende Tatsachenschau 291 schöner Strom war nahe der Farm . . . Andre Erinnerungen . . . Zum Diner mit Arnold und Pater1 nahe Hyde Park. Zum Lunch mit Margot Tennant, Mrs. Fox Blunt und andern in London. Asquith war wie ein Fisch auf dem Trocknen. Ich führte die Unterhaltung, und nachher erzählte ich Margot Geschichten. Blieb länger als die andern.' Hierzu bemerkt Mrs. Travers-Smith: 'Ich wußte - während Mr. V. es nicht wissen konnte, da er nie in Irland gewesen ist -, daß hoch in den Bergen, 12 Meilen von Dublin, ein einsames Glencree genanntes Tal liegt... Ich wußte natürlich, daß Willie sein Bruder sein müsse, aber ich hatte nie gehört, daß er eine Schwester hatte. Ich entdeckte jetzt, daß Oscar sehr an seiner einzigen Schwester hing, 'Isola', die im Alter von 8 Jahren starb. £Wegen des Paters Priedeau] schrieb ich nach Glencree an die Reformatory School und stellte durch die Liebenswürdigkeit des Paters Foley fest, daß vor 60 Jahren Pater Prideau Fox Vorsteher jener Schule in Glencree war.' - Auch das vom Lunch Gesagte war keinem der Anwesenden bekannt. Es fand sich aber später eine Stelle in den veröffentlichten Tagebüchern des Mr. Wilfred Scawen Blunt, wo unterm 17. Juli auf S. 178 f. ein 'glänzendes Luncheon mit Margot und ihrem Gatten' erwähnt und unter andern Gästen auch Wilde genannt wird. 'Asquith allein nicht recht dabei. Nachdem die übrigen gegangen waren, blieb Oscar zurück und erzählte mir und Margot Geschichten.' Die Schrift vom 19. Juli fuhr fort: 'Einer meiner wenigen glücklichen Augenblicke nach dem Verlassen des Gefängnisses war es, als ich die kleinen Schulkinder in dem kleinen Dorf bei Berneval bewirtete... Natürlich war ich M. Sebastian Melnotte in jenen Tagen... Melmoth nach einem meiner Vorfahren, Sebastian im Gedenken an die furchtbaren Pfeile. Jean... Dupré . . . kannte ich in einem Pariser Café. Alles ist verwirrt und ich bringe die Ereignisse zeitlich durcheinander.' Zu Berneval (richtiger Bernaval) bemerkt Mrs. Travers-Smith, weder sie noch Mr. V. noch auch ihre Tochter, die z. Zt. ihre Hand auf Mr. V.s die Planchette führender Hand hielt, habe gewußt, daß Wilde nach seiner Gefängniszeit sich in Bernaval aufgehalten. 'Melmoth' war der von Wilde nach der Gefangenschaft angenommene Name. Seine Erwähnung wurde von Dritten sehr bestimmt auf Mrs. Travers-Smiths vergessene Erinnerungen zurückgeführt. Doch fiel ihr auf, daß der Name zuerst in der abweichenden Form 'Melnotte' erschienen war. Einige Wochen nun nach Empfang der Schrift sah Mrs. Travers-Smith in den 'Times' die Anzeige einer Versteigerung Wildescher Briefe. Unter diesen war einer, worin Wilde bittet, die Antwort an M. Sebastian Melnotte zu adressieren; er sagt in dem Briefe, er werde die Änderung später erklären. 'Keiner von uns', schreibt Mrs. Travers-Smith, 'kannte bewußt den Namen, den Wilde angenommen hatte, und sicherlich wußten wir nicht, daß er zwei verschiedene Formen dieses Namens benutzt hatte.'2 - 1) Matthew Arnold, dem Dichter, und Walter Pater, dem Kunstgeschichtler. 2) Travers- Smith, Wilde 65 ff. t i l i . 126 f. - Eine wenig befriedigende Kritik der biographischen Ausjagen: JSPR XXIII 111 f. 19* 292 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen Nunmehr zu enger begrenzten Einzelbeobachtungen übergehend, erwähne ich zunächst eine von E. M. berichtete aus einer Sitzung mit dem Medium Mr. Botham vom 5. Nov. 1924. Dieser beschrieb ein von ihm 'geschautes' löjähriges Mädchen und fügte hinzu: 'Ich sehe einen kleinen Stoß von Büchern oder Papieren.. -1 Sie sagt mir, daß ich das vierte von oben abzählen solle und daß dann diese oder ä h n l i c h e Worte gefunden werden würden: Was ihr hingebt, das nehmt ihr mit euch, und was ihr für euch behaltet, das laßt ihr zurück.' Der Sitzer erkannte das Mädchen, vermutete aber in dem Spruch ein Phantasieerzeugnis des Mediums. Doch teilte ihm die Mutter der Verstorbenen auf Befragen mit, daß ihre Tochter die Gewohnheit gehabt, Verse oder Sprüche, die auf sie Eindruck gemacht hatten, abzuschreiben. Tags darauf brachte sie ein Päckchen von 5 kleinen Büchern, das unterste davon war ein Schulgesangbuch, in welchem 5 Karten mit Sinnsprüchen oder 'Entschließungen' lagen. Die vierte von oben enthielt folgende Worte: 'Gib, aber gib mit dem Herzen, denn was du widerwillig gibst, gibst du vergeblich. Gib als Opfer, so gibst du mit Gewinn; gib, was du kannst, denn was du gibst, gewinnst du; was du zurücklassest, ist nur verloren.'2 - In den Schlußworten dieses frommen Spruchs erkennen wir ohne weiteres das Zitat der Sitzung wieder, und gerade daß sie diesem nur ä h n l i c h sind, erhöht den Eindruck, daß hier aus der Erinnerung angeführt, aber weder vorbereiteter Betrug, noch übernormales Erfassen der wirklichen Worte ausgeübt wird. Auch die folgenden Beobachtungen fielen in den knappen Umfang ganz weniger, dicht aufeinander folgender Sitzungen. Prof. Hyslop erhielt eines Tages aus Deutschland von einer ihm gänzlich unbekannten, soeben verwitweten Frau Tausch die Anfrage wegen eines Mediums. Als er ihr nur Mrs. Chenoweth (Mrs. Soule) in Amerika zu nennen wußte, schlug die Dame ihre in Boston lebende, aber einen andren Namen tragende Schwester als ihre Stellvertreterin vor. Diese brachte Hyslop denn auch mit Mrs. Chenoweth zusammen, ohne aber die beiden einander vorzustellen, vielmehr erst nachdem das Medium bereits im Trans war, das nicht einmal wußte, ob sie eine Frau oder einen Mann als Besucher vor sich habe. - Die Transpersönlichkeit gab durch Schrift an, 'daß ein Herr anwesend sei, der dringend seiner Frau von seinem Fortleben Kunde zu geben wünsche; daß er ein Philosoph und Freund des verstorbenen Prof. William James von der Harvard-Universität sei; daß seine Mutter verstorben sei und daß er, um seine Identität zu beweisen, auf die Höhlung eines ausgezogenen Zahnes in seinem Munde hinweise.' (Alle diese Aussagen, für Prof. Hyslop natürlich völlig neu, wurden von Frau Tausch auf briefliche Anfrage hin richtig befunden.) 'Herr Tausch' sagte ferner aus, daß er unmittelbar vor seinem Tode starke Schmerzen im Kopf gehabt, verwirrt gewesen sei und sich sehr nach Hause gesehnt habe; er sei bei seinem Tode nicht von Hause 1) Der Abgeschiedene 'zeigt' diese dem Medium als übertragene 'Bilder'. Mehr darüber s. u. 2) PsSc VI 58 f. Vorbereitende Tatsachenschau 293 fort, es sei aber auch nicht 'wie sein Heim' gewesen. (Auch dies alles erwies sich als richtig: er starb in seinem alten Heim in Deutschland und nicht in dem in Amerika.) Ferner gab er an, daß er sich sehr für gewisse Aufzeichnungen interessiert habe, die ihm sein Freund James geliehen hätte. (Es handelte sich um Sitzungsberichte, die Prof. James ihm als besonders eindrucksvoll zugestellt hatte.) 'Alle an der Sitzung Teilnehmenden wußten natürlich nichts von all diesen Dingen, die erst von der Witwe in Deutschland erfragt werden mußten.' Endlich wurde ausgesagt, daß der Verstorbene eine große Vorliebe für das Richtigstellen von Uhren gehabt, sowie die Angewohnheit, seine Bücher mit Randbemerkungen zu versehen (richtig); daß er einen kleinen Koffer mit sich zu führen pflegte, der seine Handschriften und Brille enthielt, und daß er kurz vor seinem Tode eine lange Eisenbahnfahrt gemacht habe (gleichfalls richtig). Seinen Namen schrieb er durch Mrs. Chenoweth in verschiedenen Formen: T h; Taussh, Tauch, Taush. Als Prof. Hyslop ihn auf deutsch anredete, erhielt er deutsche Antworten, und die Sitzerin wurde als sein 'Geschwister' bezeichnet. Zwischen der ersten und der letzten Sitzung dieser Reihe lagen nur 36 Stunden; niemand in Amerika wußte von diesen Tatsachen, und Prof. Hyslop kannte nur den Namen des Kommunikators. Keine Aussagen gleichen Inhalts sind in irgendeiner Sitzung Prof. Hyslops mit Mrs. Chenoweth zutagegetreten.1 Der nächste Fall entstammt der Feder Miss E. Katherine Bates', die als Zeugin von hoher Bildung und sehr ausgedehnter Erfahrung gelten darf. Während ihres zweiten Aufenthalts in Amerika i. J. 1897 hatte sie in Boston einige Sitzungen mit der berühmten Mrs. Piper, in denen sie anscheinend mit dem 6 Jahre zuvor verstorbenen W. Stainton Moses in Verkehr kam, der ihr gegenüber mancherlei erwähnte, was sich erst nachträglich bestätigen ließ. Die merkwürdigsten Äußerungen des Kommunikators bei dieser Gelegenheit bezogen sich auf eine Mrs. Lane, mit welcher Moses zur Zeit seines Todes verlobt gewesen war. 'Sehr wenige unter seinen Freunden, selbst in England, wußten von dieser Verlobung. Dr. Hodgson [der damals die Leitung der Piper-Sitzungen innehatte] war Stainton Moses nie zu dessen Lebzeiten begegnet und hatte natürlich nichts davon gehört. Ich selber wußte nur zufällig von der Sache, indem ich die Dame einmal nach Moses' Tode im Hause der Mrs. Stratton [einer gemeinsamen Londoner Bekannten] getroffen hatte. Bei dieser Gelegenheit hatte Mrs. Lane eine junge Tochter bei sich; von irgendwelchen andern Angehörigen wußte ich nichts. Diese nur noch dunkel erinnerte Begegnung erwähnte ich während meiner zweiten Sitzung mit Mrs. Piper, und die [Moses-Persönlichkeit] fragte sofort, ob ich auch eine Schwester kennengelernt hätte. Ich antwortete: Nein, und fügte hinzu, daß eine junge Tochter die Dame begleitet gehabt hätte. Die Transschrift fuhr sogleich mit diesen Worten fort: 'Schön, schön, so will ich Ihnen dies als einen Beweis geben: sie hat eine Schwester, und zwar eine, 1) Barrett, Threshold 225 ff. 294 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen die ihr den tiefsten Schmerz ihres Lebens zugefügt hat. Sie werden dies bestätigt finden, wenn Sie nach England zurückkehren." - Als Miss Bates, wieder in London, ihre Freundin Mrs. Stratton, bei der auch St. Moses sehr vertraut verkehrt hatte, nach Mrs. Lanes Schwester befragte, erwiderte jene: 'Ich bin mit Mrs. Lane seit Ihrer hiesigen Begegnung mit ihr sehr vertraut geworden. Ich glaube nicht, daß sie eine Schwester hat; jedenfalls bin ich ganz gewiß, daß sie es mir gesagt haben würde, falls eine Schwester ihr einen solchen Kummer verursacht hätte.' Miss Bates schrieb nunmehr an Mrs. Lane selber ('eine fast völlig Fremde'; sie hatte sie ja nur einmal am dritten Ort getroffen) und lud sie zu sich ein, um ihr, wie sie schrieb, die Aufzeichnungen ihrer Piper-Sitzungen vorzulegen. Dies geschah, und bei den Worten, die von der angeblichen Schwester handelten, 'bemerkte ich zu meiner großen Überraschung, daß ihre Augen sich plötzlich mit Tränen füllten und ihre Erregung sie buchstäblich am Reden verhinderte.' Schließlich sagte sie: 'Das ist der überzeugendste Beweis, den er mir hätte liefern können. Nein, ich habe jene Schwester nie erwähnt, nicht einmal Mrs. Stratton gegenüber, so lieb und gut sie zu mir gewesen i s t . . . Ich konnte von ihr zu niemandem sprechen. Sie war die Ursache des größten Schmerzes in meinem Leben; aber niemand auf Erden wußte das, außer Mr. Stainton M o s e s . . 1 In den beiden folgenden Beispielen beziehen sich die geäußerten Erinnerungen des Kommunikators auf Erlebnisse innerlichster Art, die überdies in eine Stunde fielen, deren sich zu erinnern und auf welche anzuspielen dem Verstorbenen besonders naheliegen mochte: nämlich die Sterbestunde. - Deis erste wird von Mr. S. C. Hall berichtet, einem der namhaftesten englischen Spiritisten der älteren Zeit, und zwar aus erster Hand. 'Durch das Medium Home erhielt ich eine Botschaft, die von einer Tochter Robert Chambers' [des bekannten englischen Schriftstellers, Herausgebers von Chambers' Journal] auszugehen vorgab und eine Familienangelegenheit von großer Verfänglichkeit betraf. Als ich gebeten wurde, sie meinem verehrten Freunde mitzuteilen, weigerte ich mich, es zu tun, wenn ich nicht einen Beweis erhielte, der ihn überzeugen könnte, daß es wirklich seiner Tochter Geist sei, der bei mir gewesen. Der Geist sprach: 'Sagen Sie ihm 'Pa love' [also etwa: 'Papa lieben', in kindlicher oder angenommen kindlicher Sprechweise]. Ich fragte R. Chambers, ob er wisse, was das bedeute? Er sagte, es seien die letzten Worte gewesen, die sein sterbendes Kind auf Erden äußerte, als er dessen Kopf über dem Kissen hielt. Daraufhin hielt ich mich für berechtigt, die mir zur Bestellung an ihn anvertraute Botschaft zu übergeben.'2 - Der hohe geistige Rang der beiden Nächstbeteiligten macht den Bericht unbedingt vertrauenswürdig; überdies besitzen wir ein unabhängiges Zeugnis über den Hergang von einem andern Teilnehmer an jener Sitzung, Mr. H. T. Humphreys.3 Auch die angeführten 'letzten Worte' 1) Bates 199 f. 2) Lt 1883 437. 3) Das. 563. Vorbereitende Tatsachenschau 295 erscheinen mir gerade in ihrer fehlerhaften Sprachform ungewöhnlich genug, um die Vermutung eines glücklichen Zufallstreffers auszuschließen. Man könnte höchstens den weiteren Nachweis fordern, daß sie dem Medium gegenüber nie erwähnt worden waren; was aber angesichts ihrer vertraulichen Natur wenig wahrscheinlich ist. Das zweite Beispiel wurde in der Zeitschrift 'Light' von Mrs. Mary Mack Hall veröffentlicht. Diese erhielt in einer Sitzung mit dem Medium Mrs. Brenchley Mitteilungen eines verstorbenen Verwandten identifizierenden Inhalts und in charakteristischer Ausdrucksweise, die ihr aber durchweg bekannt waren, so daß sie Gedankenübertragung anzunehmen geneigt war. Nur eine immer wiederkehrende Wendung schien ihr so sehr der gebildeten und zurückhaltenden Art des Verstorbenen zu widersprechen, daß sie sie für ein 'unterbewußtes' Einschiebsel des Mediums hielt; nämlich die Worte: 'Gelobt sei Gott, von dem uns alles Gute kommt.' - Etwa eine Woche später wurde sie von einer entfernten Kusine besucht, die den Verstorbenen eine Zeitlang während seiner letzten Krankheit gepflegt hatte und der sie die Aufzeichnungen ihrer Sitzung vorlas. Jene hörte sie schweigend an, und erst bei den angeführten Worten rief sie aus: 'O, das war der Satz, der Eindruck auf ihn zu machen schien', und berichtete auf Befragen, daß sie eines Abends den Kranken, 'der sich unruhig und reizbar verhielt, durch das Anstimmen geistlicher Lieder zu beruhigen versucht hatte, auf die er aber nicht acht zu geben schien, bis sie an den Schlußvers der Abendhymne gelangte: Gelobt sei Gott, von dem uns alles Gute kommt. Von diesem Punkt an hatte er am Gesang teilgenommen und den Vers mit ihr zusammen wiederholt... Ich will hinzufügen, daß meine Kusine gute Gründe hatte, mir den Vorgang zu verschweigen, da unsere religiösen Ansichten von einander abwichen, so daß sie annehmen mußte, daß ihr Verfahren mir nicht sonderlich behagen würde; worin sie übrigens irrte.'1 Ich beschließe diese Gruppe mit einem Fall, den man in mehr als einer Hinsicht zu den bemerkenswertesten zählen darf. Er zeigt uns die zuvor belegte Tatsache des Auftretens eines allen Sitzern unbekannten Kommunikators, verknüpft mit einer ganz ungewöhnlichen Massenhaftigkeit von Aussagen, deren Richtigkeit sich erst durch Nachforschungen feststellen ließ. Es fällt außerdem auf, daß der so reichlich identifizierte Unbekannte angeblich von einem D r i t t e n , den Sitzern vermutlich Bekannten, aus dem Jenseits ' h e r a n g e b r a c h t ' wird zum Zweck der Erbringung eines Beweises, der einen Vierten, Lebenden, beeinflussen soll. Anderseits wird der unhaltbare Verdacht, das (nicht berufsmäßige!) Medium habe das Ganze der Äußerungen betrügerisch vorbereitet, auch noch durch Einzelheiten derselben beseitigt, die herauszufinden einstweilen dem Leser überlassen sei, - bis ich in späterem Zusammenhang z. T. auf sie zu sprechen komme. 1) Lt 1900 24. - Vgl. ferner Stead bei Lombroso284 f.; J S P R 1902 204 ff.; ZpF 1929 183 f.; Bradley, Wisd. 419; Mansford 86; Swafler 254 fl. 296 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen Während einer Sitzung mit dem (sonst unbekannten) Medium Brown innerhalb der Sheffielder Ges. f. ps. Forsch, bekundete sich die Persönlichkeit des Rev. F. Calder, ehemaligen Lehrers eines dem Spiritismus feindlich gesinnten englischen Bischofs. 'Calder' machte sich anheischig, zur Aufklärung seines Schülers und der Welt im allgemeinen, unwiderlegliche Beweise für das Überleben zu erbringen durch Herbeischaffen des Geistes eines allen Anwesenden Unbekannten. Am 6. Feb. 1922, 7 Uhr abds., kündigte einer der 'Führer' des Mediums die Anwesenheit eines ihm persönlich unbekannten Verstorbenen an, der sich zu äußern wünsche: 'John Hacking', eines vor 45 Jahren verstorbenen Wesleyaners. Sehr bald erblickte denn auch das Medium hellsichtig das Phantom eines Mannes von hohem Wuchs, ältlich, völlig kahlköpfig, mit Backen- und Kinnbart, in einem schwarzen Überzieher, den er gelegentlich öffnete, um dem Medium zu zeigen, daß seine Beine, besonders das eine, gekrümmt seien. Gleich darauf fiel Brown in Trans und 'Hacking' sprach durch seinen Mund. Er habe in Bury in Lancashire gelebt, als Hauptlehrer an der Wesleyanischen Schule in der Clerkstraße. Er beschrieb eingehend seine Obliegenheiten an dieser Schule und ihre Räumlichkeiten, seinen Amtsnachfolger, einen gewissen Marsden, einige Straßen und Kirchen der Stadt. Der an der Sitzung teilnehmende Rev. B., der einzige der Anwesenden, der je in Bury gewesen war, der aber auch den Namen Hackings nie gehört hatte, versprach diesem auf seine Bitte eine Nachprüfung der Richtigkeit seiner Angaben. Schon in der Sitzung vom 24. Feb. konnte B. dem Kommunikator mitteilen, daß zwölf seiner Aussagen von einem in Bury lebenden Freunde B.s bestätigt worden seien. - In weiteren Sitzungen vermehrte 'Hacking' seine Angaben bedeutend. - Am 8. Juli traf Mr. Barwell, der Herausgeber des gedruckten Berichts über diese Vorgänge, zufällig auf der Straße den Major P. und seine Gattin, von denen er erfuhr, daß sie Bury, die Geburtsstadt der Mrs. P., genau kennten; worauf Barwell sie zu weiteren Sitzungen einlud. 'Hacking' äußerte große Freude über das unerwartete Zusammentreffen mit Eingebornen seiner Vaterstadt, und es entspann sich zwischen ihnen ein lebhafter Erinnerungsaustausch über Bury. 'Hacking' nannte mehrere Personen, besonders Ladeninhaber, und ihre Adressen, diese aber nicht, wie Mrs. P. sie kannte, sondern wie sie zu seiner Zeit gelautet hatten. Auf verwandte Fragen der Mrs. P. gab Hacking ausführlichen und richtigen Bescheid. Eine dieser Fragen bezog sich auf eine gewisse Mädchenschule. 'Hacking' entsann sich zweier Mädchenschulen in der Nähe des Belvedere; Mrs. P. bestätigte, daß diese existiert hätten; sie selbst habe aber an eine andre gedacht. Nach kurzem Nachsinnen rief 'Hacking' aus: 'Jetzt erinnere ich mich, Sie meinen die Schule des Mr. X . . . ' Er fragte dann Mrs. P., ob sie mit dem Huthändler Athworth in der Silberstr. verwandt sei. Sie verneinte, und Hacking fügte hinzu: 'Gegenüber seinein Laden lag das Seidenwarengeschäft von Giles Hewart. Haben Sie', fragte er dann, 'den Col. Hutchinson gekannt, der an der Ecke der Moosstr. wohnte und so häufig ausritt?' Sie bejahte, und Hacking meinte: 'Wie schön ist es doch, mit Leuten zu plaudern, die unsre Bekannten der alten Zeit kennen.' Er Vorbereitende Tatsachenschau 297 fragte ferner, ob Mrs. P. den reichen Mr. Clarkson Hay gekannt habe, oder Mr. Probert, den Postmeister (Mrs. P. hatte sie nennen hören), oder Balliwell, den dicken Kohlenhändler? Und ob sie einen Bruder gehabt, der eine Brille trug? 'Ich sah ihn zuweilen vor der Ladentür Ihres Vaters.' Mrs. P. verneinte, konnte aber den jungen Mann mit der Brille anderweitig identifizieren. Mehrfach in diesen immer weiter ausgedehnten Fragen und Antworten erwies sich Hacking als der besser unterrichtete, und was Mrs. P. nicht gleich bestätigen konnte, wurde durch nachträgliche Erkundigungen als richtig erwiesen. - Von seinen Äußerungen sei noch ein Fall ausführlicher wiedergegeben. Nach der ersten Veröffentlichung über die Sitzungen erhielt Mrs. P. einen Brief von einer ehemaligen Bekannten, Mrs. Hodson, die in ihrer Kindheit in Bury gelebt hatte und nun erzählte, daß sie und ihre beiden Brüder die Schule des Mr. Hacking besucht hätten und daß Miss Hewitt (die der Verstorbene erwähnt hatte) ihre Lehrerin gewesen sei. Als dieser Brief dem Kommunikator vorgelesen wurde, sagte er: 'Viel Zeit ist verflossen; doch erinnere ich mich, auch ihre Schwester Harriet gekannt zu haben, 10 oder 12 Jahre älter als sie (dies war richtig, der Name aber ein Irrtum). Sie besaßen eine kleine Stute, die sie in einem Stall in der Breiten Straße hielten, gegenüber der Post, und die, als Mrs. Hodson noch Kind war, ein schönes Füllen zur Welt brachte. Beide Tiere wurden auf eine Wiese bei Buckley Wells zur Weide geschickt. Ich habe Mrs. Hodsons Vater gekannt und entsinne mich sehr wohl ihrer beiden Brüder, die ich morgens zu sehen pflegte, wenn sie ihren Laden öffneten. Wenn man in diesen eintrat, sah man zur Rechten eine Kristallschale mit goldnen Herrenringen. Der Laden war etwa 20 m lang, und die (zum Verkauf gestellten) Möbelwaren zu beiden Seiten des Mittelganges angeordnet. Ich entsinne mich, daß Mrs. Hodson eine Freundin namens Clara Hay hatte, von der sie unzertrennlich war. Die Eltern dieser letzteren besaßen einen Lebensmittelladen gegenüber demjenigen der Counts, nahe der Bank für Handel. Es war der erste Laden von der Bank aus. Sie hatten eine andre Tochter namens Alice, gleichaltrig mit Harriet Count, und zwei Kinder, Johnny Hay und Walson Hay... Fragen Sie doch Mrs. Hodson, ob sie sich Polly Inghams erinnert. Fragen Sie sie, ob sie die alte Sarah vom Restaurant Royal gekannt hat, gerade gegenüber ihrem Geschäft. Sie müßte sich dann auch an Mrs. Hardman, die Bäckerin, erinnern: eine kleine, saubere Frau mit blonden Haaren . . . ' Diese Aussagen wurden Mrs. Hodson brieflich mitgeteilt, und sie bestätigte in ihrer Antwort die Richtigkeit sämtlicher Angaben in allen Einzelheiten, mit zwei geringfügigen Ausnahmen, deren eine bereits oben erwähnt wurde; auch entsann sie sich der von 'Hacking' erwähnten Personen. Die von ihm selbst gegebene Beschreibung seines Äußern bestätigte sie in jedem Punkt. Im ganzen wurden über 300 Aussagen des Verstorbenen nachgeprüft und bestätigt.1 Manche der vorstehenden Fälle ließen den etwaigen 'Mitwisser' der vom Medium geäußerten und den Anwesenden unbekannten Inhalte 1) Nach TW und Barwell ref. von Bozzano in RS 1927 49 II. 101 II. 298 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen so Verborgen' oder 'entlegen' erscheinen, daß seine Beteiligung an der Beschaffung dieses Wissens dem unbefangenen Urteil durchaus fraglich oder gar ausgeschlossen erscheinen muß. Dieser Tatbestand der Verborgenheit des lebenden Mitwisser s spitzt sich nun zuweilen so weit zu, daß selbst sein Vorhandensein überhaupt als unwahrscheinlich oder geradezu ausgeschlossen gelten darf. Mancher Verstorbne hinterläßt irgendetwas, worum bis zu seinem Tode - gerade infolge der besondern Umstände des Hinterlassens - kein Lebender wissen konnte; und er hat dann besondre Gelegenheit zu Beweisen des Fortlebens, etwa indem er selbst durch ausdrückliche Angaben die Entdeckung des Hinterlassenen und die Bestätigung seiner Angaben darüber herbeiführt. - Ich stelle einige Fälle zusammen, in denen dieser Tatbestand der 'Alleinwisserschaft' des Abgeschiednen sich mehr oder minder deutlich ausprägt. Im ersten handelt es sich um den Aufbewahrungsort eines Gegenstandes, von dessen Vorhandensein an sich die Überlebenden wußten; in den zwei folgenden aber um einen Gegenstand und seinen Aufbewahrungsort, welche beide anscheinend allen Lebenden unbekannt waren. Frau Major L. B. in Savannah (Georgia) berichtet am 16. Sept. 1888, daß sie nach dem Tode ihres Gatten, der am 1. April desselben Jahres erfolgt war, eine fällige Schuldverschreibung des Richters H. W. Hopkins nicht habe finden können und in der zweiten Hälfte des Mai den Versuch machte, vermittelst eines Buchstabierapparats mit dem Verstorbenen in Verkehr zu kommen. 'Wir legten unsre Hände auf den Zeiger, und er buchstabierte ohne weiteres: 'Sieh in meinem langen Schubfach nach und suche Willie [Hopkins] auf.' - Ich wurde aufgeregt, lief zum Schreibtisch und zog das unterste Schubfach heraus, [das der Major immer das 'lange' genannt hatte und] wo seine Unterwäsche aufbewahrt wurde, schüttete den Inhalt auf den Fußboden und begann zu suchen. Unter all den Sachen war eine Weste; in ihrer kleinen Brusttasche war der Schein... Es war die Weste, die man ihm am Tage seiner Erkrankung abgezogen hatte. Er war am ersten Tage seiner Krankheit bewußtlos. Die Weste war nach oder während seiner Krankheit durch einen Freund in das Schubfach gelegt worden... Dieses war unsres Wissens nicht geöffnet worden, nachdem er uns verlassen, bis zur Entdeckung des Scheines . . . Ich hatte angeordnet, daß das unterste Schubfach nicht angerührt werden s o l l t e . . . ' Mutter und Tochter versichern auf das bestimmteste, daß sie weder selbst die Weste hineingelegt, noch auch für möglich gehalten hätten, daß ein so wichtiges Papier sich in dieser Weste und an diesem Orte befinde.1 In den beiden Fällen gänzlicher Unbekanntheit von Ding und Ort geht die Bezugnahme darauf natürlich von Anfang an vom Abgeschiedenen aus. Sie geschah im ersten derselben durch das sog. Ouija, einert 1) Pr VIII 248 n. (ausführlich beurkundet). Vgl. den Fall JSPR VII188. Vorbereitende Tatsachenschau 299 Buchstabierapparat, und die leicht durchschaubare Verstümmelung einzelner Worte der Kundgebung erklärt sich ohne weiteres durch Verwechslung benachbarter Buchstaben. Der Apparat wurde bedient von zwei englischen Offizierswitwen, Mrs. Ellis und Mrs. Dixon (beide pseud.), während ein Mr. Kimber die bezeichneten Buchstaben aufschrieb. Mrs. Ellis' Gatte, Oberst E., der öfter in diesen Sitzungen unter seinem Rufnamen Bob auftrat, 'diktierte' am 3. März 1921 das folgende: ALL BOX LDUBRS [ = LETERS] RBPORTS COLLGEGD WORK HDBRD BOB (Alle Schatulle Briefe Berichte College Arbeit (?) Bob) Mrs. Ellis: Ist dies Bob? YES BOX LDTTERS STABF COLLEGE Mrs. E.: Welches College meinst du? STAFF Meinst du meine Briefe? YES MY REPORT Ist dein Stabs-College-Report in der Schatulle mit meinen Briefen? YES In welcher Schatulle? TIN ONE (zinnerne) Hierzu die Erklärung Mr. Kimbers: 'Diese Privat-Schatulle des Obersten Ellis war von seiner Eltern Heim in Herefordshire an Mrs. Ellis weiterbefördert worden. Mrs. Ellis konnte sie nicht öffnen, da der Schlüssel fehlte. Etwa eine Woche vor dieser Sitzung ließ sie einen Schlüssel anfertigen und fand bei der Einsichtnahme1 die Schatulle gefüllt mit Paketen ihrer Briefe an Col. Ellis. Da sie nicht wußte, was sie mit ihnen anfangen sollte, verschloß sie die Schatulle, ohne ihren Inhalt zu untersuchen.2 Bei ihrer Heimkehr von der Sitzung durchsuchte sie die Schatulle zweimal, ohne den 'Report' zu finden. Gelegentlich einer dritten Durchsuchung zwei Tage später fand Mrs. Ellis, zusammengefaltet [oder eingeschlagen]3 mit andern Papieren auf dem Boden der Schatulle, Col. Ellis' Staff College Report.1 Sie hatte diesen Report nie zuvor gesehn und wußte tatsächlich nicht, daß ihr Gatte ihn besaß. Nach möglichst sorgfältigen Nachforschungen glauben wir nicht, daß das Vorhandensein des Reports an der angegebenen Stelle von irgendeinem Lebenden gewußt wurde.'5 Der andre, leidlich bekannte Fall hat gleich den vorigen den Vorzug, durch das kritische Filter der Ges. f. ps. F. gegangen zu sein. Am 19. März 1917 hatte Mrs. Hugh Talbot ihre erste Sitzung mit Mrs. Leonard (ja ihre erste Sitzung überhaupt), und das Medium kannte damals weder ihren Namen, noch ihre Anschrift. Während der Sitzung gab Feda eine 1) looking into. 2) examine. 3) folded in. 4) Ich vermute: ein Zeugnis des Offiziers über seine Leistungen am Stabs-College. 5) being in any living mind. - J S PR XX 194 I. 300 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen 'sehr genaue Beschreibung' der äußeren Erscheinung des verstorbenen Mr. Talbot, der dann selbst (durch Feda) zu sprechen schien und, nach dem Zeugnis der Gattin, 'durch jedes Mittel in seiner Macht mir seine Identität zu beweisen suchte . . . Alles, was er sagte (oder richtiger Feda für ihn), war klar und deutlich verständlich. Vergangene Ereignisse, von denen nur er und ich wußten, an sich belanglose Dinge, die aber, wie ich wußte, für ihn besondere persönliche Bedeutung hatten, wurden genau und korrekt beschrieben, und er fragte mich, ob ich sie noch besäße. Auch fragte er mich wiederholt, ob ich glaubte, daß er es selber sei, der spreche, und versicherte, daß der Tod in Wahrheit kein Tod sei, daß das Leben gar nicht so unähnlich diesem Leben fortgehe und er sich keineswegs verändert fühle . . . Plötzlich begann Feda die ermüdende Beschreibung eines Buches; sie sagte, es sei in Leder gebunden und dunkel, und suchte mir seine Größe anzuzeigen (8-10X4-5")- 'Es ist nicht gedruckt, . . . es hat Schrift innen." Mrs. Talbot glaubte schließlich auf ein gewisses r o t e s Buch raten zu müssen, aber ihr Gatte meinte, es sei dunkler. Die langwierige Beschreibung wurde wiederholt und die Aufforderung beigefügt, die 12. oder 13. Seite des Buches aufzuschlagen, wo etwas geschrieben stände, was im Sinne dieser Unterhaltung bedeutsam sein würde. Mrs. Talbot, die immerzu ihr 'rotes' Buch im Sinne hatte, dessen Inhalt sie leidlich kannte, das sie aber für unauffindbar halten mußte, konnte sich wenig für alle diese Aufforderungen erwärmen. Der Kommunikator l i e ß a b e r n i c h t nach und gab als weiteres Merkmal an, daß in dem Buch am Anfang ein 'Sprachen-Diagramm' enthalten sei - der indoeuropäischen, arischen, arabischen und semitischen Sprachen, durchsetzt mit Linien, die von einem Mittelpunkt ausgehn, was Feda mit den Händen zeichnete. Auch dies wurde mehrmals eindringlich wiederholt, aber Mrs. Talboi hielt es trotzdem für völligen Unsinn und suchte die Transpersönlichkeit durch unaufrichtige Versprechungen von der Sache abzubringen; doch schloß die Sitzung bald darauf. Heimgekehrt, ließ sie sich aber doch von ihrer Schwester und ihrer Nichte, denen ihr Bericht Eindruck machte, zu einer nachdrücklichen Suche bestimmen und fand schließlich auf 'dem' Bücherregal im Speisezimmer, ganz hinten auf der obersten Borte, ein oder zwei alte Notizbücher ihres Gatten, 'die mich nie zu öffnen verlangt hatte. Eins, in schäbigem schwarzem Leder [das ich nie aufgeschlagen hatte], entsprach in seiner Größe Fedas Beschreibung, und ich öffnete es z e r s t r e u t . . . Zu meinem äußersten Staunen fielen meine Augen auf die Worte: Tabelle der semitischen oder syro-arabischen Sprachen, und als ich das Blatt aufschlug, welches zusammengefaltet und eingeklebt war, sah ich auf der andern Seite: 'Allgemeine Tabelle der arischen und indo-europäischen Sprachen'... [worin auch die von Feda beschriebenen 'Linien' sich fanden!] Ich war so verblüfft, daß ich einige Minuten lang nicht daran dachte, nach dem andern [von Feda bezeichneten] Geschriebenen zu suchen. Als ich dies tat, fand ich es auf S. 13 . . . ' : es war ein Auszug aus einem anonymen Buche v. J. 1881, betitelt'Post mortem,'' der die Empfindungen eines Sterbenden oder eben Gestorbenen in der Ich-Form beschrieb, von Vorbereitende Tatsachenschau 301 dem man also sehr wohl sagen konnte, daß er 'im Sinne der Unterhaltung [durch das Medium] bedeutsam sein würde.'1 Dieser Tatbestand des Alleinwissens des Abgeschiedenen ist gelegentlich auch zum Gegenstande des Experiments gemacht worden: d. h. der Kommunikator hat irgendetwas Gegenständliches oder Geschriebenes so hinterlassen, daß es allen Lebenden unbekannt bleiben mußte, in der bewußten Absicht, durch Bekanntgabe nach seinem Tode einen Beweis seines Fortlebens zu liefern. Mrs. W. A. Finney in Rockland (Massachusetts) berichtet, daß ihr Bruder einige Zeit vor seinem Tode einen Ziegelstein in zwei Stücke brach, deren jedes er mit Tinte bezeichnete und deren eines er ihr übergab mit der Bitte, es wohl aufzuheben, während er selbst das andere verstecken wolle, sodaß niemand außer ihm den Ort kenne, den er nach seinem Tode zum Beweise seines Fortlebens offenbaren wolle. - Einige Monate nach seinem Hinscheiden 'begannen wir (meine Mutter und ich) zu Hause mit Tischsitzungen, . . . schließlich fing dieser an sich zu neigen, und mittelst Hersagens des ABC buchstabierte er hervor: ' . . . I h r werdet das Stück Ziegelstein im Schrank unter dem Tomahawk finden. Benja.' Ich ging in das betreffende Zimmer . . . und schloß den Schrank auf, der von niemandem berührt worden war, seitdem er ihn verschlossen und den Schlüssel beiseitegelegt hatte. Dort fand ich das Stück Ziegelstein genau [der Angabe entsprechend] . . . Es war in ein Stück Papier eingewickelt [das mit Leim verklebt war], in [das Innerste einer] Muschel gestopft [worüber noch ein Papier geklebt war, sodaß außerhalb der Muschel nichts zu sehen war] und auf den Boden des Schranks genau unter den Tomahawk gelegt.'2 Der besonders naheliegende Gedanke, etwas Geschriebenes in verschlossenem (und etwa noch allgemein unzugänglich niedergelegtem) Umschlag zu hinterlassen, um nach dem Tode seinen Inhalt mitzuteilen, ist bekanntlich gleichfalls mehrfach ausgeführt worden; und es ist den Gegnern des Spiritismus sehr zugute gekommen, daß solche Mitteilungen entweder ausgeblieben oder - was schlimmer ist - fehlgegangen sind. Von diesen negativen Fällen und ihrer Deutung wird noch zu sprechen sein. Ein gelungener Versuch dieser Art dagegen ist mir z. Zt. nicht gegenwärtig. Der Fall Houdini, der manchem hier einfallen mag, gehört ja nicht eigentlich unserm Schema an. Der bekannte Taschenspieler (und Okkultismus-Gegner!) hatte mit seiner Frau gewisse Stichworte verabredet, die er nach seinem Tode mitteilen 1) Pr X X X I 253 fl. Der Bericht ist am 29. Dez. des gleichen Jahres niedergeschrieben, wird aber bestätigt durch ausführliche Zeugnisse der Schwester und Nichte, denen die Erlebnisse der Sitzung sofort mitgeteilt worden und die bei der Suche nach dem Buch und bei den darin gemachten Entdeckungen zugegen waren. Auf Baerwalds Kritik (Phän. 329) komme ich später zu sprechen. - Vgl. Soals Fall der vergrabenen Medaille: Pr XXXV 511 lt.; den Fall J S P R X X I I 118 und McNish bei Lombroso 277. 2) Pr VIII 248 ff. (gut bezeugt). Vgl. den Fall Roßberg: PS XLV 301 f. 302 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen -wollte, und nur der von ihm zu benutzende Buchstabier-Schlüssel war in versiegeltem Umschlag bei einer New Yorker Bank hinterlegt worden: es l e b t e also eine Mitwisserin um die verabredeten Inhalte. Houdini hat dann durch Dr. Arthur Ford als Medium das Stichwort 'Glaube!' - im Englischen (believe) siebenbuchstabig - durch die entsprechenden Schlüsselworte bekanntgegeben. 1 Das Merkwürdigste des Falles freilich liegt darin, daß nach der Selbstdarstellung der Vorgänge 'von drüben her' das fragliche Wissen garnicht von 'Houdini' selbst geäußert wurde, sondern von einer dritten Persönlichkeit, der 'Kontrolle' des Mediums Ford, die überdies vorgab, mit Houdinis verstorbener Mutter zusammenzuarbeiten, um die fraglichen Inhalte aus ihrem Sohn 'herauszubekommen', was infolge von dessen 'Zustand' sehr schwierig wäre. Doch gehört diese sonderbare Behauptung erst recht noch nicht in diesen Zusammenhang. Eine Gruppe von Mitteilungen möchte ich hier besonders aufstellen: die Ankündigung des eigenen Todes durch Abgeschiedene. Sie findet am häufigsten mehr oder minder bald nach erfolgtem Ableben statt, und wir werden die Natürlichkeit gerade dieser Fälle später zu erwägen haben; zuweilen aber - und auch diese Fälle geben zu denken - in beträchtlichem Zeitabstand vom Tode. - Ich scheide die vorzulegenden Beispiele in solche, die den Tod eines den Empfängern der Mitteilung Bekannten, und solche, die den eines den Sitzern völlig Unbekannten betreffen. Prof. Guglielmo Botti berichtet, daß er am 22. Juni 1898 während einer Tischsitzung in Gemeinschaft mit Virginia Botti, Ida Botti und Cesira Fabbro folgende Mitteilung erhielt: "Ich bin dell'Acqua Giusti.' - Wer? der Professor? fragte ich. - 'Ja'. - Wie? Sind Sie gestorben? und wann? - 'Ich bin vor 13 Monaten gestorben aus Altersschwäche.' - Der Dr. Antonio dell'Acqua Giusti war mein Kollege als Professor der Kunstgeschichte an der Kgl. Akademie der schönen Künste in Venedig gewesen; ein Gelehrter in seinem Fache. Nun traf es sich, daß gerade am Tage darauf, dem 23. Juni, der Schreiber jener Akademie, ein gewisser F. Socal, in Turin eintraf, der mich aufsuchte und mir viel von Angelegenheiten dieser Anstalt erzählte.' Auf eine Frage Bottis nach dem alten Professor dell'Acqua erwiderte er: 'Der Arme ist gestorben, von Alter und Krankheit hingerafft, es ist jetzt 13 Monate her.'2 Ein ähnlicher Vorgang wurde von den Herren Dr. Egbert Müller und Ernst Henning mitgeteilt. Am 13. Dez. 1899 gab sich in einer Sitzung die in Stralsund lebende Tante der Gattin des letzteren, Cecilie Burmeister, kund, sprach ihm Mut zu anläßlich einer ihm bevorstehenden Augenoperation und erwiderte auf eine entsprechende Frage, daß sie 4 Tage zuvor gestorben sei. 1) ZP 1929 540 f. 2) Aus RSP 1899 383 bei Bozzano, Casi 46 I. Vorbereitende Tatsachenschau 303 'Nun wußten wir, daß die alte, fast 70 jährige Dame unpäßlich war, aber die Sache hatte uns nicht weiter beschäftigt, da wir erst vor 14 Tagen eine Postkarte Von ihr erhalten hatten, in der es hieß: 'Beunruhigt euch meinetwegen nicht, denn meine Stunde ist noch nicht gekommen.' Wir nahmen denn auch die mediale Botschaft nicht ernst und schickten der Tante in gewohnter Weise Glückwünsche zu ihrem Geburtstag, nebst einer von meiner Tochter angefertigten Stickerei... Aber zu Beginn des neuen Jahres wurde mir die Glückwunschkarte zurückgesandt mit dem Vermerk 'Adressatin verstorben'. Erkundigungen bei gemeinsamen Bekannten ergaben nunmehr, daß die Tante am 9. Dez. 1899 verschieden war, also genau '4 Tage' vor jener Sitzung. Das Ausbleiben aller Nachrichten über ihren Zustand erklärte sich dadurch, daß die alte Dame eine Woche vor ihrem Tode auf dem Weg ins Krankenhaus von einem Schlaganfall heimgesucht worden war, der sie der Sprache und des Bewußtseins beraubte, das sie auch bis zu ihrem Tode nicht wiedererlangte.' 1 Eine verwandte Beobachtung, die der Rev. V. G. Duncan berichtet, zeigt die Eigentümlichkeit, daß die völlig zutreffende Todankündigung eines guten Bekannten von ihrem Empfänger infolge irrtümlicher Deutung des angegebenen Namens nicht verstanden wurde, - ein Umstand von unverkennbarer theoretischer Bedeutsamkeit. Der Tührer' der Misses Moore, Medien für 'direkte Stimmen', hatte in einer Sitzung Ende September 1929 den Namen eines angeblich anwesenden Verstorbenen als Dan angegeben (die gebräuchliche englische Abkürzung für Daniel), was Duncan nur auf einen vor sehr langem verstorbenen entfernten Verwandten glaubte beziehen zu können. Dem widersprach aber der Tührer' mit der Versicherung, es handle sich um jemand, den Duncan 'in Edinburgh sehr gut gekannt' habe und der 'sehr dringend wünsche, sich kundzugeben'. 'Er sagt, Sie kennen ihn ganz genau; er ist sehr oft mit Ihnen zusammen gewesen. Sie kennen seine Frau und seinen Sohn. Diese lebten in Ihrer Nähe.' Duncan konnte sich schlechterdings nichts bei alledem denken. Erst im Dezember stieß er beim Durchblättern einer eben erhaltenen Nummer eines Kirchenblattes auf die Todesanzeige des am 14. Sept. - also zwei Wochen vor jener Sitzung - verstorbenen Mr. William Dann, Kassenführers der schottischen Karchenbehörde. 'Ich hatte nicht einmal von seiner Krankheit eine Ahnung gehabt. Fast alle 14 Tage . . . waren wir beisammen gewesen und hatten über metapsychische Fragen gesprochen, in denen er theoretisch und praktisch wohlbeschlagen war. Nichts könnte gewisser sein, als daß er jede sich bietende Gelegenheit ergriffen haben würde, sein Überleben zu beweisen, und ich bin überzeugt, daß er es an jenem Nachmittag in Hamble getan hat. Ich war nur eben ganz erfüllt von der Vorstellung, daß Dan ein Taufname sein sollte; auch kam es mir im Traum nicht bei, daß mein Freund Dann diese Welt verlassen hatte.'2 In den beiden folgenden Fällen wird nicht nur die Tatsache und etwa 1) Rückübersetzt aus Bozzano, Casi 45 t. 2) Duncan 117 f. 304 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen die Zeit, sondern auch die Art und U r s a c h e des Todes angegeben. Der bekannte W. St. Moses hat ein Erlebnis dieser Art gehabt, das hier mitgeteilt sei. Eines Tages mit einem Bekannten unterwegs vom Regen überrascht, suchte er in einem Gasthause (der 'Britannia' in der Belsize Road) bei einer Partie Billard Schutz. Der Wirt, Mr. Rowbotham, war dabei zugegen und hörte gespannt dem Gespräch über Spiritismus zu, das die beiden Herren während des Spieles iflhrten. 'Er war Weinhandler und gab mir, als ich fortging, seine Geschäftskarte, indem er um meine Kundschaft bat. Von Zeit zu Zeit kaufte ich ihm etwas ab, und etwa ein halbes Dutzend Male wechselte ich dabei einige Worte mit ihm. Jedesmal stellte er Fragen über den Spiritismus. Als ich ihn zum letzten Male sah, war er leidend und sagte mir, daß er in Behandlung eines Arztes sei und rasche Fortschritte in der Besserung mache. Ich sah ihn nicht wieder, bis [eines Tages], als ich am frühen Morgen meiner Gewohnheit nach allein in meinem Arbeitszimmer saß, Mr. Rowbotham vor meinen hellsehenden Augen erschien [was Moses für den Doppelgänger des Lebenden hielt]. Eine Zeitlang konnte er nicht sprechen; aber als es ihm gelang, sich mir vernehmbar zu machen, grüßte er mich, wie er im Fleische getan haben würde, wobei er mich Mr. - nannte, e i n Name, d e n er meinen F r e u n d hatte g e b r a u c h e n hören, als wir zusammen in seinem B i l l a r d z i m m e r waren. Schließlich fragte ich, was ihn herführe, und erfuhr, daß er 'gekommen sei, mich zu sehen'. Er sei tot, sei vor etwa 2 Monaten gestorben, wobei er mir Ort und Adresse angab. Er nannte mir auch seinen vollen Namen, die Krankheit, die ihn hingerafft [Diabetes], und den Tag seines Todes. Alle diese Tatsachen lagen völlig außerhalb meiner Kenntnis. Er war in einem weit entfernten Badeort [Torquay] gestorben... Ich und einige Freunde prüften alle Angaben nach und fanden, daß sie buchstäblich richtig waren. Und doch schien er keinen besonderen Grund für sein Kommen zu haben, es sei denn, er wollte seinen Stein zu der Anhäufung von Beweisen beitragen... ' 1 Im folgenden Fall ist die Tatsache des Todes der Sitzerin zwar bekannt, aber der Verstorbne gibt wieder Einzelheiten des Sterbevorgangs an, die jener unbekannt waren und erst auf beträchtlichen Umwegen ihre Bestätigung fanden. Mrs. Barker (pseud.), die Witwe des Kommunikators, wird von der Herausgeberin des Journal S. P. R. als eine äußerst genaue und vertrauenswürdige Berichterstatterin bezeichnet, von Mrs. Sidgwick als 'eine ausgezeichnete Zeugin, - sorgfältig, genau und mit klarem Verständnis für das Wesen guter Beweise'. Sie verlor ihren Gatten, einen Oberst, im letzten Kriege in Mesopotamien. Die telegraphische Liste der Gefallenen erwähnte bloß seinen Tod, und eine telegraphische Anfrage der Witwe betr. Einzelheiten blieb wochenlang in 1) Moses 94 ff. Auch Pr XI 102. Vgl. d. Fälle PS 1888 352 ff. (aus Lt 1884 448) und JSPR IX 65 ff. (auch Myers I I 478 fr.). Vorbereitende Tatsachenschau 305 Basra liegen und gelangte nicht ans Regiment, sodaß bis zum Eintreffen der ersten Post aus Mesopotamien niemand in England mehr als eben den Tod des Colonel B. wissen konnte. Vor Eintreffen dieser Post besuchte Mrs. B. die damals noch wenig bekannte Mrs. Leonard, und zwar ohne ihren Namen zu nennen und ohne jede vorherige Verabredimg. Sie hatte, wie sie sagte, 'eine wunderbar lebendige Sitzung, worin eine Menge vertraulicher Mitteilungen erfolgte, deren Inhalt nur [ihr] bekannt war.' 'Feda' gab die Initialen des Col. B. richtig an und sagte: 'Er wünscht dringend, Sie wissen zu lassen, daß er nicht gelitten hat. Er wurde nicht sofort getötet, sondern starb etwa s/i Stunden nach der Verletzung. Aber er war 'bewußtlos', so daß er nicht litt. Er sagt, Sie werden eine Bestätigung erhalten, denn er wurde hinter die Front getragen und beerdigt. Er wurde nicht 'vermißt' oder gefangen genommen. Sie werden seine Sachen zugesandt erhalten, seine Uhr und was er bei sich trug.' Dies traf ein, und alle vorstehenden Angaben wurden bestätigt durch einen Brief des Generals, der zugegen war, als Oberst B. eingeliefert wurde. In der nächsten Sitzung wiederholte 'Feda' einiges von diesen Angaben und fügte hinzu, 'er sage', er habe zwei Verwundungen empfangen, eine in der Brust und eine in der Kehle; 'aber es war die Brustwunde, die ihn tötete, der Schuß ging durch die Lunge'. Auch dies wurde durch den Bericht eines andren Offiziers jenes Regiments an einen Freund bestätigt. Mrs. B. bat 'Feda' um Auskunft darüber, ob er Zeit gehabt habe, die Tödlichkeit seiner Wunde zu erfassen, ehe er das Bewußtsein verlor, worauf "Feda' sagte: 'Er hatte nur Zeit zu fühlen, daß ihn etwas wie ein Schlag umwarf, und sagte nur zu sich selbst: Hallo, da hab' ich's. Er sagt ein fremdländisches Wort, 'Kismet'. Er sagt 'Kismet'.' - Drei Jahre später kam einer der Offiziere des Regiments zum erstenmal während des Krieges auf Urlaub. Als er Mrs. B. besuchte, stellte sie auch an ihn die obige Frage. 'Der Offizier, Oberst B., erwiderte, daß, als mein Gatte fiel, ein eingeborener Offiziersbursche zu ihm heranlief. Oberst B. befragte den Mann später (das Regiment war im Vorrücken, so daß kein Offizier im Augenblick bei dem Gefallenen verweilen konnte). Die Ordonnanz sagte, der Oberst habe nur aufgeblickt und gesagt: 'Kismet, trag mich nach hinten', und dann das Bewußtsein verloren.' - Miss B., die Schwägerin der Berichterstatterin, bezeugt schriftlich, daß die entsprechende Angabe durch 'Feda' ihr von Mrs. B. genau so erzählt worden sei vor Eintreffen der Bestätigung. Außerdem verdient erwähnt zu werden, daß Oberst Barker sich überhaupt als ein 'ungewöhnlich erfolgreicher Kommunikator' erwiesen hat.1 Der nachstehende merkwürdige Fall mag den Übergang vermitteln zu Todankündigungen Unbekannter. Die sich hier meldende kürzlich Verstorbene ist dem Medium völlig, der Sitzerin so gut wie unbekannt und muß sich zum Zweck ihrer Identifizierung erst auf eine dritte, der Sitzerin vertraute Person, also eine gemeinsame Bekannte, berufen. Der Leser wird zum Nutzen späterer Überlegungen gut tun, auch solche 1) J S P R X X 394 fl. Vgl. d. Fall der Kate McGuire: J S P R VIII 278 fl. M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben 20 306 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen Fälle von vornherein nicht ohne eigenes Nachdenken zur Kenntnis zu nehmen. - Der Fall wurde von der Sitzerin, Mrs. J. Beadon, der Ges. f. ps. F., deren Mitglied sie ist, eingesandt. In einer ihrer Sitzungen mit Mrs. Leonard (am 30. Nov. 1918) u n t e r - b r a c h diese (was sehr bemerkenswert ist) in erregter Weise die im Gang befindliche Kundgebung: es sei ein Geist zugegen, der dringend sich zu äußern wünsche; er sehe etwa 35 Jahre alt aus, sei von mittlerem Wuchs, derbem Gesicht, guten Zügen mittlerer Färbung. 'Ging hinüber nach Influenza', sagte 'Feda' und fügte hinzu, als Mrs. B. den Geist nicht zu erkennen behauptete, da sie niemand wisse, der an Influenza gestorben sei: 'Nicht gewiß, ob Sie schon davon gehört haben, [starb] vor etwa 10 Tagen.' Auf die Frage nach dem Namen gab 'Feda' ein S an ('ähnlich einem J', - das ja von Engländern oft fast gleich geschrieben wird) und ein P, 'sehr deutlich'. Und als Mrs. B. noch immer niemand erkennen konnte: 'Kitty [pseud.]. Das gibt er als Anhaltspunkt - Kitty wird es wissen. Stevenson [pseud.] - hilft. Stevenson - fragen Sie Kitty Stevenson.' Ob eine Botschaft für Kitty Stevenson vorhege? - 'Es ist zu früh für Botschaften. Machen Sie erst ausfindig, wer es ist.' Mrs. Beadon 'ahnte nicht', wer S. P. sei, hatte aber tatsächlich eine Freundin Kitty Stevenson. Diese suchte sie am zweiten Tage nach der Sitzung auf, traf sie bettlägerig nach überstandener Influenza an und fragte sie, ob sie durch die zur Zeit herrschende Seuche jemand verloren habe, was K. St. verneinte. Mrs. B. hielt daher die angebliche Botschaft für irrig. - Einige Tage danach erfuhr sie soz. zufällig, daß Kitty Stevenson soeben vom Tode einer nahen Freundin Sylvia Parkinson [pseud.] an Influenza gehört habe; sie sei besonders tief erregt, weil der Tod schon vor fast 14 Tagen erfolgt sei, ohne daß sie davon gehört. 'Ich kannte Mrs. Parkinson nicht', schreibt Mrs. Beadon, 'obwohl ich glaube, daß ich sie vor etwa 25 Jahren bei Mrs. Stevenson vor deren Heirat getroffen habe. Eine deutliche Erinnerung an sie habe ich nicht. Ihr Name war damals Miss O.' - Es folgen bestätigende Zeugnisse von Mrs. Stevenson und ihrem Gatten.1 Nunmehr zu Todankündigungen z w e i f e l l o s Unbekannter übergehend, beginne ich mit einem Falle, in dem die erregende Todesart - Selbstmord - den Wunsch, sich irgendwo zu 'melden', besonders natürlich erscheinen läßt. Auch nehmen die Äußerungen der Verstorbnen in unverkennbarer Weise eben darauf Bezug. Die Vorgänge, von Aksakow in reichlicher Beurkundung der Ges. f. ps. F. bekanntgegeben, werden bezeugt von den vier Teilnehmern der betr. Sitzung, u. a. dem Gutsbesitzer A. Narzew und dem Tambowschen Stadtarzt Tuluschew. In dieser Sitzung (am 18. Nov. 1887) in Hrn. Narzews Hause in Tambow ließen sich scharfe Klopflaute im Fußboden, darauf in der Wand und Decke, 1) JSPR XIX 227 n. Vorbereitende Tatsachenschau 307 schließlich in der Mitte des Tisches hören, durch die vermittelst des hergesagten ABC nach einigen Vorfragen der Name 'Anastasia Pereligin' sowie das Folgende hervorbuchstabiert wurde: 'Ich bin ein unglückliches Weib. Betet für mich. Gestern im Laufe des Tages starb ich im Hospital. Vorgestern vergiftete ich mich mit Streichhölzern.' - Weshalb? - 'Ich will es nicht sagen. Ich will nichts weiter sagen.' - Die vier Teilnehmer bezeugen urkundlich, daß sie von dem Dasein und Ableben der A. P. nichts gewußt hätten. Dr. Tuluschew erklärt, daß er der Mitteilung anfangs keinen Glauben schenkte, weil die Polizei ihm als Stadtarzt jeden Selbstmord sofort hätte anzeigen müssen. Aber auf die Angabe der A. P. hin, daß sie im Hospital gestorben sei, wandte er sich an Dr. Sundblatt, den Arzt des einzigen in Tambow bestehenden Krankenhauses, das seiner Amtstätigkeit gänzlich entzogen war, ohne Angabe von Gründen mit der Frage, ob ein frischer Fall von Selbstmord eingeliefert worden sei. Der im Druck vorliegende Brief des Dr. Sundblatt bestätigt die Angaben der Anastasia Pereligin in j e d e r Einzelheit. Auch im Krankenhause hatte sie sich vor ihrem Tode geweigert, die Gründe ihrer Tat anzugeben. Dies Hospital liegt etwa 5 km vom Hause des Hrn. Narzew entfernt.1 Der nachstehende Fall, größtenteils von zweien der bedeutendsten italienischen Forscher, Peretti und Bozzano, persönlich beobachtet, weicht vom üblichen schlichten Typ darin ab, daß der sprachlichen Mitteilung eine Erscheinung vorausging, die sich auf die Angabe eines Namens beschränkte. Sig. G. B., Kapitän der italienischen Marine, erzählt, daß er am 9. Nov. 1908, 11,45 Uhr nachts, ruhigen Gemütes und in vollkommener Gesundheit heimkehrend und im Begriff sich niederzulegen, etwas Weißliches auf seinem dunkel zugedeckten Bette wahrnahm, das er zunächst für ein Handtuch hielt, das aber, als er danach greifen wollte, die Gestalt eines Mädchens von 10-11 Jahren in hochgerafftem grobem Hemde annahm, mit braunen Haaren, schwarzen Augen, fahlem, krampfverzerrtem Gesicht, hochgezogenen Knien und wie im Schmerz auf den Unterleib gelegten Händen. Der Unterleib wies eine ausgedehnte und tiefe Wunde auf. .Als sich B. überzeugt hatte, daß es sich nicht um eine Gesichtstäuschung handle, fragte er die Erscheinung, wer sie sei, und hörte eine 'verschleierte und schwache Stimme' antworten: 'Adele'. Die Erscheinung, die etwa eine Minute lang sichtbar gewesen war, löste sich dann in 'eine leichte Rauchwolke' auf. Als B. am Tage darauf Peretti einen schriftlichen Bericht über sein Erlebnis einhändigte, veranlaßte dieser ihn, da er von der medialen Veranlagung des Kapitäns wußte, zu einem Schreibversuch, bei welchem dessen 'Führer' erklärte, er habe die Vision verursacht, um einen Beweis des Überlebens zu liefern. Adele sei ein Kind von 11 Jahren und an Gift gestorben. In einer Sitzung am nächsten Freitag, 13. Nov., werde sie alles selbst erzählen. In dieser Sitzung, die in Anwesenheit Bozzanos und Ed. Lanfrancos im 1) Pr VI 355 ff. Vgl. d. Fälle Bradley, Stars 19 und Joire 189 IT. 20* 308 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen Hause Perettís stattfand, schrieb die Hand des Mediums, einer Beamtin von 'unantastbarer Ehrenhaftigkeit', u.a. folgendes: 'Ich bin Adele Milani aus Mailand. Ich war, als ich starb, 11 Jahre alt und bin vergiftet worden.' Als einer der Anwesenden etwas fragen wollte, fuhr die Schrift mit Heftigkeit dazwischen: 'Laß mich reden. Dein Führer hat mir gesagt, ich solle angeben, wie ich gestorben bin und wann und wo ich lebte. Nun denn, ich lebte in Mailand, Via Magolfa, bei der Porta Ticinese. Ich hatte 4 Schwestern und einen kleinen Bruder. Papa hieß Fiorenzo oder Fiorenzin, und Mama Teresa; sie ist Wäscherin und Papa Arbeiter an der Gasanstalt. (Auf eine Unterbrechung hin abermals: Schweige!) Also, es war am Sonntag, dem 25. Sept. 1904 [mithin mehr als 4 Jahre vor dem Datum der Sitzung]; Papa hatte Kutteln gekauft und wir haben alle acht davon gegessen. Tags darauf bekam ich Kopf- und Leibschmerzen und dann Fieber. Meine Schwester Giuseppa starb am Mittwoch früh und ich in der Nacht vom 29. auf den 30., vom Donnerstag auf den Freitag. Man trug mich zum Musocco [ein Friedhof am Platze gleichen Namens] und schnitt mich auf, während ich noch lebte. Denk dir, der Arzt sagte, ich hätte Meningitis gehabt; ja, es sind Esel und sie haben mir weh getan. Erst als sie in meinem Bauche in die Eingeweide blickten, sahen sie, daß es Kutteln waren . . . (Wieso sie denn lebend geöffnet worden sei?) Weil ich noch mit dem Geist im Leibe war und man mich ohne weiteres aufschnitt. (Es folgten dann auf Befragen genaueste Angaben über die Namen der Eltern und sämtlicher Geschwister sowie deren Alter. - Warum nach ihrer Aussage nur drei gestorben seien?) Papa ging zur Gasanstalt und erbrach sich, Mama hatte nur wenig gegessen und wurde krank; die andern erbrachen sich alle und waren krank. (Nach ihrer Hausnummer gefragt:) Ich weiß sie nicht, sieh nach. Es wohnt eine Obsthändlerin in der Nähe unsrer Tür.' Allen diesen Angaben wurde nachgegangen. Die Familie lebte, wie man feststellte, in der Via Magolfo Nr. 29 in einem Zimmer. Eine Obsthändlerin wohnte am Eingang der Straße. Der Vater, Arbeiter an der Gasanstalt, hieß Florent Milani, die Mutter Teresa Santagostino. Das Aussehn Adeles auf einem Bilde erhärtete die Ähnlichkeit der Erscheinung. Der Vater bestätigte, daß er im Sept. 1904 auf dem Corso Gottardo für 95 Centesimi Kutteln gekauft hatte, nach deren Genuß drei Kinder gestorben waren. Alle hatten sich erbrochen, auch der Vater. Der herbeigerufene Arzt, namens Rossi, hatte Öffnung der Leichen angeordnet, die auf den Friedhof Musocco verbracht waren. Der Kuttelnhändler auf dem Corso Gottardo hatte sich herauszureden versucht. Die 11jährige Tochter war in der Totenliste unter dem Namen Francesca als am 29. Sept. 1904 verstorben eingetragen; man hatte sie aber zu Hause und in der ganzen Nachbarschaft Adele genannt. Die Angaben über Namen und Alter sämtlicher Geschwister erwiesen sich gleichfalls als richtig.1 Ich will, obgleich es sich jetzt wesentlich nur um die Darstellung von Tatsachen handelt, doch die Bemerkung einflechten, daß hier eine 1) LO Jan./Feb. 1909; ref. RB 1926 111 fl. Vorbereitende Tatsachenschau 309 Ableitung des vom Medium geäußerten Wissens aus gelesenen und vergessenen Pressemeldungen oder dergl. offenbar nicht in Frage kommt, indem weit mehr geäußert wird, als eine Zeitungsnachricht über solche Arme(!) enthalten hätte, falls eine überhaupt erschien. Daß 'Adele' ihre Hausnummer nicht kennt, wohl aber sich erinnert, neben einer Obsthändlerin gewohnt zu haben, ist ein ebenso bezeichnender Zug, wie ihr zweimaliges 'Schweige!' Aber Kleinigkeiten dieser Art werden uns, wie gesagt, erst in späterem Zusammenhang beschäftigen, und ich hebe sie gelegentlich hervor, nur um die Aufmerksamkeit des Lesers für solche Dinge auch in den hier gesammelten Berichten anzustacheln. Ein weiteres Beispiel, das man zu den bekannten Paradestücken zählen muß, geht über den Bestand des letzten noch hinaus. Die Selbstbekundungen des unbekannten Verstorbnen umfassen hier eine kurze automatische Niederschrift durch ein Medium, ausführlichere Angaben durch dessen Transpersönlichkeit während einer Materialisationssitzung, sowie eine Erscheinung des Verstorbnen als photographierbares Phantom. Dabei ist die normale Erlangung des zutagegeförderten Wissens restlos ausgeschlossen. Während Mrs. d'Espérance1 am 3. April 1890, 10 Uhr vorm. in Gotenburg im Büro des Hrn. Matth. Fidler einen Geschäftsbrief verfaßte, schrieb ihre Hand automatisch und in großen Buchstaben den Namen eines ihr Unbekannten: 'Sven Stromberg', so daß sie zu ihrem Ärger einen neuen Bogen nehmen mußte. (Der erste Bogen ist erhalten geblieben.) Eine Umfrage bei den Angestellten des Fidlerschen Büros ergab, daß auch diese von einem Sven Stromberg nichts wußten. Zwei Monate später trafen sich Staatsrat A. Aksakow, Prof. Butlerow, Herr Fidler u. a. bei ihr zum Zwecke von photographischen Materialisationssitzungen, und im Verlaufe einer der ersten erklärte der Führer 'Walter': 'Es war ein Geist hier, der sich Stromberg nannte und den Wunsch hatte, daß seine Eltern von seinem Ableben benachrichtigt würden. Ich vergaß, es euch früher zu sagen. Er sagte, glaub' ich, daß er im Staate Wisconsin am 13. März gestorben und in Jemtland geboren sei. Gibt es solch ein Land ? . . . Er war verheiratet und hatte ein Dutzend Kinder.' Herr Fidler war der einzige, der diese Botschaft mit jener Namensniederschrift im Geschäftsbrief in Verbindung brachte; er bat um die Anschrift der Eltern. Am Tage darauf, als Mrs. d'Espérance im Dunkeln vor der Kamera Platz genommen hatte, fühlte sie deutlich eine Berührung ihres Kopfes, und nachdem das Magnesiumlicht aufgeflammt war, gaben die anwesenden Herren übereinstimmend an, daß sie hinter dem Medium einen Mann hatten stehen sehn. In der Tat erschien auf der entwickelten Platte hinter dem Medium ein Männerkopf von ruhig-heitrem Gesichtsausdruck (ganz im Gegensatz 1) Hin besonders durch Materialisationen namhaftes Medium. 310 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen zu dem erschreckten Blitzlichtgesicht des Mediums). 'Walter' gab an, daß dies jener Stromberg sei und daß er nicht im Staate Wisconsin, sondern in Neu-Stockholm verstorben sei, und zwar am 31., nicht am 13. März: er habe bei der ersten Mitteilung die beiden Ziffern vertauscht. Strombergs Eltern, sagte er, lebten in Strom Stocking ('oder so ähnlich') in der Provinz Jemtland. Er scheine gesagt zu haben, daß er im Jahre 1886 ausgewandert sei, daß er sich verheiratet und 3, nicht 6 Söhne gehabt habe. Als er starb, hätten alle ihn geliebt und beweint. - Ob man das der Witwe mitteilen solle? - Nicht der Witwe, erwiderte 'Walter', sondern den Eltern in Jemtland, und daß er von allen geliebt und beweint gestorben sei. Alle Welt habe ihn in seiner Heimat gekannt; man solle nur einen Abzug der Photographie hinschicken, so werde man schon zum Ziele kommen. Auf diese Aussagen hin schrieb Herr Fidler an den Pastor von Strom in Jemtland und bat unter Angabe der erhaltenen Auskünfte um Mitteilung der Adresse der Eltern. Neu-Stockholm auf der Karte zu finden, gelang ihm aber ebensowenig, wie durch die Auswanderungsgesellschaften Näheres zu erfahren; doch schrieb er wegen jenes Ortes noch an einen schwedischcn Freund in Winnipeg (Kanada), den Vizekonsul Olsen. Auch die Antwort des Predigers von Strom fiel negativ aus: nur ein Sven Ersson habe sich um die angegebene Zeit verheiratet und sei nach Amerika ausgewandert. Im übrigen gebe es natürlich viele Svens, aber keiner trage den Namen Stromberg. Man hielt sich infolgedessen für getäuscht. Ein Zufall führte Hrn. Fidler einen aus New Stockholm datierten Aufsatz in einer kanadischen Zeitung unter die Augen, gezeichnet von einem Herrn A. S., an den sich Herr Fidler alsbald durch Vermittlung der Schriftleitung um Auskunft über Sven Stromberg wandte. Hierdurch sowie durch weitere Nachforschungen des Vizekonsuls Olsen kam nunmehr ans Licht, daß Sven Ersson, geb. in Strom Stocken in Jemtland, verehelicht mit Sara Kaiser, nach Kanada ausgewandert war und dort den Familiennamen Stromberg angenommen hatte (ein ziemlich gewöhnlicher Vorgang unter1 den Amerika-Schweden, die von Hause meist nur ihren Vornamen und ihr Patronym mitbringen); daß er Land erworben in einer Ortschaft, die nachmals (1887) New Stockholm genannt wurde; daß er drei Söhne hatte und in der Nacht des 31. März 1890 gestorben war. Von seiner Frau und seinem Geistlichen erfuhr man, daß es einer seiner l e t z t e n Wünsche gewesen war, seinen E l t e r n und Freunden in Schweden die Nachricht von seinem Tode zukommen zu l a s s e n ; doch unterblieb die Absendung eines bereits geschriebenen Briefes wegen der großen Entfernung des nächsten Postamts: 36 km. Die Aufsehen erregenden Nachforschungen in New Stockholm veranlaßten aber die Witwe, jenen Brief nun doch noch zur Post in Whitewood zu schaffen, worauf Herr Fidler durch den Pastor von Strom die gleichen Auskünfte erhielt, die ihm bereits zuvor Herr Olsen, der kanadische Pastor und der Verfasser jenes Zeitungsaufsatzes verschafft hatten. Auch die mediale Photographie des Sven Stromberg wurde von zahlreichen Einwohnern von Strom identifiziert und in aller Form als die seine be Vorbereitende Tatsachenschau 311 glaubigt. Diese ganze Untersuchung hatte ein volles Jahr beansprucht. Das Fehlen von Telegraph und Eisenbahnen in der fraglichen Gegend Kanadas um 1890 läßt es ausgeschlossen erscheinen, daß in der Zeit zwischen dem Tode Strombergs und der ersten medialen Botschaft - d.i. in etwa 60 Stunden - die Nachricht von seinem Ableben auf normalem Wege nach Schweden gelangt wäre.1 - Todesankündigungen Unbekannter in Sitzungen sind übrigens in solcher Massenhaftigkeit erfolgt, daß eine der verbreitetsten spiritistischen Wochenschriften in Amerika, das Bostoner 'Banner of Light', jahrzehntelang eine ständige Spalte für deren Bekanntgabe unterhielt, was in den weitaus meisten Fällen - in 'Tausenden', sagt die Schriftleitung - zur Identifizierung der sich Meldenden durch entfernte Verwandte oder Freunde führte, - wie aus einer andern ständigen Spalte des Blattes zu ersehen ist. - Prof. Gunning, ein Geologe, der an der Echtheit dieser Veröffentlichungen zweifelte und die Schriftleitung besuchte, um Beweise zu fordern, wählte aus der Fülle der abgedruckten Anmeldungen eine aus, die von dem angeblichen Geiste eines Schotten an seine in Glasgow wohnende Gattin gerichtet war, und beschloß, die Sache um den Preis einer Reise nach Schottland selbst zu prüfen, im Fall einer Enttäuschung aber die ganze Einrichtung als Schwindel bloßzustellen. 'Einige Monate später fand er sich wieder bei der Schriftleitung ein und berichtete von seiner Zusammenkunft mit der Witwe, welche die Botschaft in vollem Umfang bestätigt habe.'2 Es wurden schon im Vorstehenden einige Kundgebungen Verstorbener angeführt, von ~3enen ich sagte, daß sie 'Brocken' aus sehr umfangreichen Sammelurkunden dieser Art darstellten. Ich möchte diese vorläufige Tatsachenschau beschließen mit kurzen Auszügen aus einigen dieser umfassenden Fälle; ich hoffe dabei, daß die Geduld des Lesers sich belohnt finden werde durch die vermehrte und vertiefte Anschauung, die ihm auch dieser Teil allgemeiner Übersicht für die nachfolgenden, mehr ins einzelne dringenden Überlegungen vermitteln soll. Solche umfangreiche Sammelurkunden hat uns auf diesem Gebiet die vorgeschrittene und methodisch mustergültige angelsächsische Forschung in ziemlicher Zahl beschert. Und zwar erstreckt sich ihre Umfänglichkeit soz. in zwei Richtungen. Entweder wird der Mitteilungsvorgang als Leistung an einem Medium erschöpfend untersucht, also im Zusammenhang mit einer großen Zahl von Sitzern sowie mit einer großen Zahl sich kundgebender Persönlichkeiten oder 'Kommunikatoren'. Oder aber es werden die Äußerungen eines Kommunikators, etwa auch durch mehrere Medien, als zu erforschende Einheit gefaßt; und im letztern Fall überwiegt offenbar von vornherein die spiritistische Fragestellung. In beiden Gattungen ist die heute vorliegende Fülle des 1) d'Espérance 317 ÎT.; Lt 1905 43 IT.; Bozzano, A prop. 194 ff. u. ö. 2) Aksakow 5211. S. aber Myers' einschränkende Kritik: Pr VI 673. 312 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen Stoffes bereits erdrückend; in beiden ist seine Darbietung, die bis ins Letzte stenographisch - fast möchte man sagen: phonographisch - genaue Beurkundung des Geäußerten schlechterdings einwandfrei. Die Akten der Medien Piper, Thompson, Soule, Verrall, Leonard u. a. m., die Akten anderseits über die Selbstbekundungen der 'Dr. Allison', des Hev. Thomas sen.', der 'Mrs. John T. Thomas', des 'Dr. Hodgson' u. a. m. stellen eine psychologische Stoffsammlung dar, an der noch Geschlechter von Forschern ihren Scharfsinn üben werden, nachdem einmal die überragend aufschlußreiche Natur dieser Tatsachen allgemein begriffen sein wird.1 - Aus dem Meere dieser angehäuften Urkunden wähle ich natürlich wieder nur einige Tropfen aus, aber doch dabei - wie gesagt - ein wenig mehr ins Breite gehend, als bei den bisher vorgelegten Einzelbeobachtungen. Die großen Paradefälle aus den unabsehbaren Piper-Akten sind oft genug dargestellt worden. Als echte Paradefälle kann ich sie hier nicht ganz übergehen; als häufig dargestellte möchte ich sie so kurz als möglich behandeln, schon um Raum für weniger bekannte Beispiele zu ersparen. - An die Spitze ist wohl 'George Pelham'2 zu stellen, der seit dem März 1892 einen Teil der Führung des Mediums den Händen 'Phinuits' entriß und eine entschiedne Verbesserung der Ergebnisse bewirkte. 'G. P.' gehörte einer namhaften Familie Neu-Englands an. Er hatte die Rechte studiert und dann durch schriftstellerische und philosophische Arbeiten sich früh einen Namen gemacht, als er im Februar 1892 durch einen Sturz vom Pferde einen plötzlichen Tod fand. Mit Dr. Hodgson, dem bedeutendsten Erforscher des Piper-Trans, hatte er - ungläubig, aber interessiert - die Frage des Fortlebens eifrig erörtert, wobei er seinem Zweifel doch wenigstens die Zusicherung abgewann: er werde bemüht sein wiederzukehren, falls er sich nach dem Tode noch lebend fände. Es könnte daher natürlich erscheinen, daß gerade er Dr. Hodgsons Forschungen durch eigenes Eingreifen zu fördern suchte, und zwar eben durch Mrs. Piper, der er übrigens zu Lebzeiten nur ein einziges Mal unter falschem Namen gegenübergestanden hatte. Er tat es nun meist durch Mrs. Pipers schreibende Hand, während 'Phinuit' an der mündlichen Rede festhielt. Nach seinem ersten Auftreten äußerte G.P. den Wunsch, seinen Vater über persönliche Angelegenheiten zu sprechen. Dieser, ein Zweifler in der Frage des Fortlebens, erschien mit seiner Frau zur Sitzung und wurde unter falschem Namen eingeführt. G.P. erkannte die Eltern sofort ausdrücklich als solche - 'ich bin es, George' - und machte Mitteilungen, wie Mr. Pelham sen. sie von seinem Sohn erwartet hätte. i ) Mrs. Sidgwick füllte einen bewundernswürdigen Band von 652 Seiten (Pr XXVIII) nur mit einer Analyse der Transvorgänge bei Mrs. Piper. 2) Pseud. lür Pellew. Vorbereitende Tatsachenschau 313 Nach etwa 2 Wochen hatten dann die Howards, seine nächsten Freunde, eine Sitzung mit Mrs. Piper, und diesen gegenüber - ich führe Dr. Hodgsons Zusammenfassung vom Jahre 1897 auszugsweise an - 'zeigte er, indem er sich unmittelbar der Stimme des Mediums bediente, eine solche Fülle persönlichster Erinnerungen und eigentümlichsten Wissens und für G. P. kennzeichnender geistiger und gefühlsmäßiger Besonderheiten, daß sie, obgleich zuvor ohne Sinn für irgendwelche Art der übersinnlichen Forschung, der Überzeugung nicht widerstehen konnten, daß sie in der Tat mit ihrem alten G. P. sich unterhielten. Und diese Überzeugung wurde verstärkt durch spätere Erfahrungen. Nicht am wenigsten bedeutsam war zu jener Zeit seine Sorge wegen der Verfügung über ein gewisses Buch und gewisse, genau bezeichnete Briefe, deren Inhalt zu geheimer Natur ist, um erwähnt zu werden... Noch später, während einer Sitzung mit seinen Eltern in New York, zeigte er weitere genaue Kenntnis vertraulicher Familienangelegenheiten . . . , und in mehreren Sitzungen der Howards wurden passende Bemerkungen gemacht über verschiedene dem Medium überreichte Gegenstände, die dem lebenden G. P. gehört hatten oder ihm vertraut gewesen waren; er fragte nach anderen persönlichen Eigentumsgegenständen, die in den Sitzungen nicht vorgelegt wurden, und bewies genaue und ins •einzelne gehende Erinnerungen an Ereignisse, die mit ihnen zusammenhingen. In Fragen, die das Wiedererkennen von Gegenständen und ihre persönlichen Assoziationen betrafen, hat der sich kundgebende G. P v soweit mein Wissen reicht [und Dr. Hodgson war natürlich der genaueste Kenner der Piper-Urkunden überhaupt], sich nie geirrt . . . Endlich sind die Äußerungen dieses G. P. nicht launischer oder wechselvoller Art gewesen; sie haben vielmehr alle Anzeichen einer in sich geschlossenen, lebenden und fortbestehenden Persönlichkeit offenbart, die sich eine Reihe von Jahren hindurch kundgab und dieselben Eigentümlichkeiten eines selbständigen vernünftigen Wesens zeigte, gleichgültig ob Freunde von G. P. bei den Sitzungen zugegen waren, oder nicht.' Einige wenige Einzelheiten aus den Äußerungen den Howards gegenüber mögen noch erwähnt werden. - Es hatte G. P., der lange bei seinen Freunden gewohnt hatte, oft geärgert, wenn Katherine, die Tochter, auf der Geige übte. Jetzt fragte er gelegentlich: 'Was macht die Geige, Katherine?' und fügte, anscheinend scherzend, hinzu: 'Schrecklich, schrecklich, deinem Spiele zuzuhören.' 'Gewiß, George', warf Mrs. Howard ein, 'aber siehst du denn nicht ein, daß sie i h r e Musik mag, weil sie keine andere hat?' - G. P.: 'Gewiß, das habe ich ihr ja auch stets gesagt.' G. P. erkannte ein Bild des Sommerhauses der Howards, fragte aber nach einem kleinen Anbau, einem Hühnerhause, das auf dem Lichtbild nicht zu sehen war. - Als ihm ein gewisses Buch vorgelegt wurde, aber so, daß Mrs. Piper es nicht sehen konnte, bemerkte er richtig: 'Dies sind meine Lyriques françaises.' Evelyn Howard, die zweite Tochter, wurde von G. P. gefragt, ob sie das Buch noch besitze, das er ihr geschenkt habe. Sie war eine schlechte Ma 314 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen thematikerin gewesen, und der lebende G. P. hatte viel an ihr herumgetadelt. 'Ich will jetzt nicht mehr an dir herumnörgeln', sagte er nun, verspottete sie dann aber doch wegen ihres schlechten Rechnens: 'Evelyn kann uns jederzeit sagen, wieviel 2 x 2 ist . . . Das hast du wohl eben erst gelernt?' Bei einer Gelegenheit, während Dr. Hodgson mitlas, was die Hand der wie leblos daliegenden Mrs. Piper zu Papier brachte, schrieb diese plötzlich das Wort 'Vertraulich' und schob Hodgson mit sanftem Nachdruck beiseite. 'Ich zog mich auf die andere Seite des Zimmers zurück', sagt Dr. H., 'und Mr. Howard nahm meinen Platz bei der Hand ein, wo er das Geschriebene lesen konnte. Natürlich las er es nicht laut. So oft die Hand das Ende eines Blattes erreichte, riß sie es vom Schreibblock ab, schob es ungestüm Mr. Howard hin und fuhr dann fort zu schreiben. Die so berichteten Tatsachen enthielten, wie Mr. H. mir mitteilte, genau die Art von Beweisen, um die er gebeten hatte, und er sagte, er sei 'vollkommen befriedigt, vollkommen."1 Unter den sehr bekannten Kommunikatoren der Mrs. Piper wäre demnächst etwa der 'Uncle Jerry' (Jeremias) des bekannten Physikers Prof. Oliver Lodge zu nennen, über den wir von diesem selbst einen zusammenfassenden Bericht besitzen, der hier in leichter Kürzung wiedergegeben sei. Jener Onkel war reichlich 20 Jahre vor Lodges Sitzungen mit Mrs. Piper gestorben. Lodge verschaffte sich von einem überlebenden Zwillingsbruder, Robert, eine goldene Uhr des Verstorbenen, die er noch am selben Tage Mrs. Piper, als sie im Trans lag, einhändigte. Sofort setzten richtige Angaben 'Phinuits' über die Uhr und ihren Besitzer ein, dessen Name, Jerry, genannt wurde und der dann angeblich selber sagte: 'Dies ist meine Uhr, und Robert ist mein Bruder, und ich bin hier. Uncle Jerry, meine Uhr.' Lodge, der diesen Onkel nur 'flüchtig' als alten Mann gekannt hatte, aber von seinen früheren Jahren 'nichts wußte', bat nun zum Besten des Onkels Robert um Angaben 'gleichgültiger Einzelheiten aus ihrer gemeinsamen Jugend', die er diesem übermitteln wolle. Onkel Jerry 'verstand mich sehr gut und ging nun daran, während mehrerer aufeinanderfolgender Sitzungen anscheinend 'Dr. Phinuit' anzuweisen, eine Anzahl geringfügiger Begebenheiten zu erwähnen, an denen sein Bruder ihn erkennen könnte. Erwähnungen seiner Blindheit, Krankheit und von Haupttatsachen seines Lebens waren verhältnismäßig unbrauchbar von meinem Gesichtspunkt aus; aber gewisse Einzelheiten aus der Knabenzeit, die 2/s Jahrhunderte zurückreichten, lagen schlechterdings außerhalb meines Wissens. Mein Vater war einer der jüngeren der Familie und kannte jene Brüder nur als Männer. Onkel Jerry erinnerte sich an Ereignisse wie das Durchschwimmen eine" kleinen Flusses, als sie beide noch Knaben waren und fast ertranken; das Töten einer Katze auf dem einem gewissen Smith gehörenden Felde; den Besitz einer kleinen Flinte und einer langen merkwürdigen Haut, ähnlich 1) Pr X I I I 297 fl. Vorbereitende Tatsachenschau 315 einer Schlangenhaut, die, wie er glaubte, jetzt im Besitze Onkel Roberts wäre. - Alle diese Aussagen sind mehr oder weniger vollständig bestätigt worden. Aber das Merkwürdige dabei ist, daß sein Zwillingsbruder, von dem ich die Uhr empfangen hatte und mit dem ich somit in einer Art von Verbindung stand, sich nicht auf a l l e besinnen konnte. Er erinnerte etwas vom Durchschwimmen eines kleinen Flusses, obgleich er selbst dabei nur Zuschauer gewesen war. Er hatte eine deutliche Erinnerung an den Besitz einer Schlangenhaut und die Schachtel, in der sie aufbewahrt wurde, weiß aber nicht, wo sie sich jetzt befindet. Dagegen stellte er durchaus das Töten der Katze in Abrede und konnte sich nicht auf Smith's Feld besinnen. Doch läßt sein Gedächtnis gegenwärtig entschieden nach, und er war daher so freundlich, an einen anderen Bruder, Frank, zu schreiben, der in Cornwall lebt, einen alten Seekapitän... Das Ergebnis dieser Anfrage war eine siegreiche Verteidigung der Existenz von Smith's Feld als eines gewohnten Spielplatzes in der Nähe ihres ehemaligen Heims in Barking, Essex; auch die Tötung einer Katze durch einen anderen Bruder wurde erinnert, und von der Durchschwimmung eines Flusses nahe einem Mühlgraben wurden genaue Einzelheiten geliefert, nebst der Angabe, daß Frank und Jerry die Helden dieses tollkühnen Streichs gewesen waren... 'Phinuit' forderte mich auf, die Uhr aus ihrem Behälter zu nehmen und später bei gutem Licht zu untersuchen: ich würde dann nahe dem Griff einige Einkerbungen finden, von denen Jerry sagte, daß er sie mit seinem Messer eingeschnitten habe. Einige schwache Kerben sind dort in der Tat zu sehen. Ich hatte die Uhr nie zuvor aus ihrem Überzug herausgenommen gehabt, da ich darauf bedacht war, sie nicht selbst zu berühren oder von sonst jemandem berühren zu lassen. Auch Mrs. Piper ließ ich nie in ihrem wachen Zustande die Uhr sehen . . . ' 1 - Übrigens lernte Lodge 30 Jahre später einen Vetter kennen, der, in Südamerika lebend, die Britische Naturforscherversammlung des Jahres 1919 in Bournemouth besuchte und ihm erzählte, daß er zugegen gewesen war, als der blinde Onkel Jerry mit seinem Taschenmesser die Kerben in die goldne Uhr schnitt, um - wie er sagte - sie durch den Tastsinn allein als die seine zu erkennen.2 Als letzter Piper-Kommunikator großen Formats soll hier 'Mr. Hyslop sen.' kurz vorgeführt werden, der Vater James Hyslops, langjährigen Professors der Philosophie und Ethik an der Columbia-Universität in New York. Prof. Hyslop trat Mrs. Piper (die er nur einmal vor 6 Jahren getroffen hatte) als 'Mr. Smith' mit einer Gesichtsmaske gegenüber, die er erst ablegte, nachdem sein Name durch das Medium im Trans genannt worden war, und während 17 Sitzungen hörte sie nur zweimal seine verstellte Stimme je einen Satz sprechen. Er saß stets hinter ihrer rechten Schulter versteckt. Nach mehrfachen bedeutsamen Äußerungen schon während der ersten Sitzung begannen in der zweiten die Kundgebungen seines 2 Jahre zuvor verstorbenen 1) Pr VI 458 IT. 2) S. dessen schriftliches Zeugnis: P r X X X I 104. - Andrew Längs ganz vage Kritik (XV 41) wird demnach noch hinfälliger. 316 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen Vaters, von denen ich hier einige Bestandteile in knappster Form nach der natürlich maßgebenden Zusammenfassung Prof. Hyslops selber wiedergebe. 'James, James, sprich zu mir', sagte der angebliche Hyslop sen., machte mehrere sinnvolle Angaben, und in der wichtigen Übergangsphase am Ende des Trans sprach Mrs. Piper den Namen 'Hyslop' aus und fügte hinzu: 'Sagen Sie ihm, ich bin sein Vater.' In der dritten Sitzung begann 'Hyslop sen.' von seinem zu Lebzeiten gegebenen Versprechen der Wiederkehr nach dem Tode zu reden und erinnerte an seine Gespräche mit dem Sohn über Fragen des Lebens nach dem Tode. In der vierten fragte er abermals: 'Was erinnerst du, James, von unsrem Gespräch über Swedenborg? Entsinnst du dich, daß wir eines abends in der Bücherei übe? seine Beschreibung der Bibel sprachen?' Dergleichen Bemerkungen und Fragen kehrten mehrfach wieder (auch wenn Prof. Hyslop gar nicht zugegen war und Dr. Hodgson ihn vertrat); 'Hyslop sen.' erinnerte zutreffend an verwandte Gespräche besonders während des letzten Besuchs seines Sohnes bei ihm in einem der westlicheren Staaten. Er wurde gefragt, ob er wisse, was der Sohn kurz vor jenem Besuch getan? 'Ja, ich glaube, du hast in diesen Dingen experimentiert, und ich erinnere mich, daß du mir irgendetwas von Hypnotismus erzähltest. Und was sagtest du mir über irgendeine Art von Kundgebung, an der du zweifeltest?' ('Es war betr. Erscheinungen kurz vor dem Tode.') [Erregung in der schreibenden Hand] 'O ja, in der Tat, ich erinnere es sehr gut, und du erzähltest mir von einer jungen Frau, die einige Erfahrungen in Träumen gehabt hatte.' Am nächsten Tage fragte Hyslop sen., ob der Sohn sich entsinne, was er, der Vater, gesagt habe, als jener ihm von Träumen gesprochen. Alle diese Äußerungen bezogen sich in völlig richtiger Weise auf die Unterhaltungen des gelehrten Sohnes mit dem bildungsmäßig schlichteren Vater während ihres letzten Beisammenseins anläßlich einer Vortragsreise des ersteren nach Indianapolis. Prof. Hyslop vertrat damals noch den Standpunkt, daß die scheinbar spiritistischen Transleistungen durch Gedankenübertragung zu erklären seien, und es ist merkwürdig, daß sein Vater ihm jetzt durch Mrs. Piper riet, 'die Gedankentheorie aufzugeben'. Daß sie von Swedenborg gesprochen, war ihm sogar völlig entfallen, und seine Stiefmutter mußte es ihm ins Gedächtnis zurückrufen, die sich dieses Umstands genau entsann, da sie nach der Abreise des Sohnes ihren Gatten hatte fragen müssen, wer Swedenborg sei. 'Hyslop sen.' sprach dann von Sterbebett-Erinnerungen und behauptete, daß des Sohnes Stimme die letzte gewesen sei, die er gehört habe (richtig). Auf die Frage, welche Arznei der Sohn ihm aus New York besorgt habe (es •war Hyomei), kam mit einiger Mühe das Wort 'Himi' zum Vorschein und eine Erwähnung von Strychnin. Dies hatte der Sohn ihm nicht besorgt; doch erfuhr er jetzt von Verwandten, daß der Vater zugleich mit dem Hyomei auch Strychnin eingenommen hatte. Dieser erwähnte ferner ein schwarzes Käppchen, das ihm 'Hetties Mutter' - d. h. die Mutter von Hyslops Stiefschwester Hettie - angefertigt hatte (richtig). 'Die Namen der Familienmitglieder wurden angegeben in der Form, wie sie zu Lebzeiten in Gebrauch Vorbereitende Tatsachenschau 317 gewesen waren, und viele Ereignisse im Zusammenhang mit ihnen erwähnt. So wurde eine Schwester Lida in Verbindung mit einer Orgel genannt und behauptet, daß er, mein Vater, gewünscht habe, sie solle singen lernen. In der Tat hatte mein Vater eine Orgel gekauft und gewünscht, daß mittels ihrer meine Schwester singen und spielen lerne.' - Während 5 Sitzungen, in denen Dr. Hodgson den Professor vertrat, wurden u. a., auf eine Frage nach den gemeinsamen Kirchenbesuchen von Vater und Sohn, die 'schlechten Landstraßen' im Staate Ohio erwähnt; diese hatten in der Tat eine Erschwerung des Kirchenbesuchs gebildet, an die Prof. Hyslop bei der Absendung seiner Frage an Hodgson auch besonders gedacht hatte. - Gleich darauf sprach 'Hyslop sen.' aus eigenem A n t r i e b von einer Unterhaltung, die er mit dem Schulvorsteher über seinen Sohn George gehabt habe, und erwähnte gewisse Sorgen, die er, seine Schwester Nannie und der Professor betr. dieses George empfunden hätten. Dies alles war "hervorragend richtig'. Eine Anspielung des Verstorbenen auf einen bestimmten Choral wurde erst nach Erkundigungen als 'sehr sinnvoll' erkannt. 'Hyslop sen.' fragte ganz unerwartet nach 'Tom... ich meine das Pferd', nachdem er eben zuvor nochmals vom Sohne George gesprochen. Prof. H. erfuhr erst nachträglich, daß George das Pferd Tom begraben hatte, daß also eine natürliche Gedankenverbindung den Kommunikator von dem einen auf das andere geführt haben konnte. Ferner sprach der 'Vater' von seinen Steuern und erwähnte, daß sein Sohn ihm einmal bei deren Bezahlung beigestanden habe, was diesem entfallen war, was er aber aus Briefen wahrscheinlich machen konnte. - Während des Verlaufs dieser Sitzungen starb ein Onkel Prof. Hyslops, namens John McClellan. Ohne Dr. Hodgson etwas davon zu sagen, bat er ihn, in seiner (Hyslops) Abwesenheit den Vater zu fragen, 'ob etwas kürzlich geschehen sei, was er mir zu sagen wünsche', und in wenigen Minuten kam die Antwort, daß John McClellan angelangt sei und daß er der Bruder von James McClellan sei. (Richtig.) Persönlich fragte Prof. H. den Kommunikator, ob er einen gewissen Steele Perry erinnere, und jener erkannte den Namen und sagte, daß die Familie nach dem Westen verzogen sei (wahrscheinlich noch vor 1860), was H. nicht wußte und erst von einer Tante erfragen mußte. - 'Hyslop sen.' erwähnte einen Degen, den er ums Jahr 1845 als Quartiermeister in der Armee getragen, und den Ort, wo er aufbewahrt wurde. Der Degen war verloren gegangen, ehe Hyslop jun. alt genug war, dies zu erinnern. - Ferner erwähnte der Vater seine zweite Frau und sagte, daß sie damals an Rheumatismus gelitten habe, was der Sohn nicht wußte; eine Nachfrage ergab Neuralgie. Auch andere zutreffende Erwähnungen - eines Sturzes jener zweiten Frau sowie vorübergehender Rückenschmerzen und Lahmheit - waren dem Sohne inhaltlich neu. Während einer Sitzung sagte 'Hyslop sen.', daß er auf seinem Schreibtisch immer zwei Fläschchen gehabt habe, davon das eine rund, das andere viereckig. Prof. H. wußte nichts dergleichen, und selbst seine Stiefmutter, bei der 318 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen er anfragte, besann sich erst mit einiger Mühe darauf, was nur ihrem Bruder sogleich einfiel, daß ein rundes Fläschchen Tinte, ein viereckiges Leim enthalten hatte. Ein andermal fragte der 'Vater' nach einem Federmesser, mit dem er seine Nägel geputzt habe. Prof. H. wußte wiederum von nichts. 'Das kleine Messer mit dem schwarzen Griff, das ich anfangs in meine Westentasche, dann in die Rocktasche zu stecken pflegte; du mußt dich doch erinnern.' 'War das schon, ehe du nach dem Westen übersiedeltest?' 'Ja.' Prof. H. fragte bei drei Personen wegen des Messers an: seiner Stiefmutter, seinem Bruder und seiner Schwester. Alle drei erwiderten, ein solches Messer, womit der Vater seine Nägel gereinigt, sei noch vorhanden. Nur sollte Hyslop sen. es in der Hosentasche getragen haben.1 Soviel von Mrs. Pipers Leistungen. Ich lasse nun noch einige Kommunikatoren als solche zu Worte kommen, auch soweit sie sich durch mehrere Medien kundgetan haben. - Unter den in jüngerer Zeit veröffentlichten 'monographischen' Berichten über solche verdanken wir die bedeutendsten wohl der Bostoner Ges. f. ps. F. Ich denke vor allem an die vorzügliche Arbeit der Mrs. Lydia W. Allison, die gleich bedeutende des Dr. Walter F. Prince und die des Mr. John F. Thomas über ihre verstorbenen Ehegatten. Die Fülle der anscheinend von diesen Verstorbenen durch mehrere Medien bekundeten Erinnerungen ist erstaunlich, und die bis ins Kleinste sorgfältig 'edierten' und erläuterten Berichte verdienen das eindringlichste Studium aller an unserer Fragestellung Beteiligten. Ich werde mich in den späteren Erörterungen noch oft auf diese wissenschaftlich mustergültigen Arbeiten beziehen, beschränke mich aber hier zunächst wieder auf kürzeste Auszüge, und zwar aus Dr. Princes Darstellungen. - Bei den lang ausgesponnenen Kundgebungen der verstorbenen Mrs. Prince durch das bedeutende Medium Mrs. Soule waren ihr Gatte und ihre Pflegetochter die hauptsächlichen Sitzer, einzeln oder zu zweit, während Mrs. C. B. Guinan als Sekretärin diente. (Miss Theodosia Prince ist übrigens mit der psychologisch berühmten 'Doris Fischer' identisch.) In einer Sitzung am 6. Aug. 1925, bei der nur die beiden Damen zugegen •waren, schrieb die Kommunikatorin u. a.: 'Liebe Tochter [das letzte Wort sehr langsam geschrieben]. Sieh, wie ich das Wort liebe.' - Hierzu erfahren wir von Miss Prince, daß ihre Adoptivmutter ihr gegenüber fast nie ihre angeborene Zurückhaltung hatte überwinden können; nur dreimal hatte sie das angenommene Kind 'meine Liebe' genannt und war dann gleich darüber verlegen geworden. Sie will das jetzt anscheinend 'gutmachen'. - 'Da ist noch eine Sache, von der ich versuchen muß zu schreiben. Es ist ein Manuskript, •das im Entstehen war, als ich starb... Einiges davon war sehr wichtig in meinen Erfahrungen, aber dies war nicht mein Manuskript, seins.' [Der 1 ) Hyslop, Science 216 IT.; Sag" 54 fl.; Pr XVI. Vorbereitende Tatsachenschau 319 größte Teil von Dr. Princes Buch 'The Psychic in the House' lag im Ms. vor, als Mrs. P. starb. Mehrere sog. spontane Erlebnisse der Mrs. P. waren darin aufgezeichnet.] Das Medium 'hörte' und 'sah' darauf immerzu N Y und New- York. [Mrs. P. starb im New York Hospital in New York City.] 1 'Sie hatte (hieß es weiter) ihren Mund zu halten in gar manchen Dingen, die sie gern gesagt hätte. Sie wünschte zu sagen, was sie dachte, und natürlich konnte sie es nicht.' ['Dies ist richtig', schreibt Dr. P., 'in beinahe komischem Grade. Es klingt, als drückte sie selber endlich einmal ihre Gefühle in der dritten Person a u s . . . Sie erzog sich selbst zu 'politischem' Schweigen.'] 'Sie muß Braun [als Kleiderfarbe] besonders in ihren jüngeren Tagen gemocht haben.' (Richtig.) - Es folgten ferner in dieser Sitzung auffallend zutreffende Angaben über Mrs. Princes Art zu kochen, ihre Gewürzhonigkuchen, ihre Gewohnheit, Schwellungen an Fuß und Knie zu reiben, u. a. m. 2 In der Sitzung v. 12. Aug. 1925 waren Miss P., Dr. P. und Mrs. Guinan anwesend. Die Transpersönlichkeit ('Sunbeam') sagte nach längerem Schweigen wiederholt 'Kit, Kitty und Teddy' und behauptete, Kitty sei eine Katze. Dann schrieb sie u. a.: 'Sie [die Kommunikatorin] zeigte auf eine K a t z e . . . Es ist eine Katze mit einem sonderbaren Namen. Es klingt wie ein fremdländischer Name, als wenn es ein .sehr langer wäre, wie ein geschichtlicher Name . . . Ist es ein griechischer Name?... Wie konnten Sie einer Katze d e n Namen g e b e n ? . . . ' Bei diesen Worten blitzte in Dr. P.s Bewußtsein die Erinnerung an die letzte Katze auf, die er - vor 30 J a h r e n - besessen hatte: 'Es ist wahrscheinlich, daß ich an diese Katze seit 20 Jahren nicht mehr gedacht habe . . . Teddy war der Name des einzigen Hundes, der, außer dem gegenwärtigen, je in unserer Familie gewesen war, ein Hund, an dem meine Frau sehr gehangen h a t t e . . . ' Am 11. Nov. sagte die Transpersönlichkeit, sie glaube, sie (d. h. the communicator, - dieses geschlechtslose Wort hatte Dr. Prince bisher allein gebraucht) erinnere nun den Namen der Katze (nach welchem Dr. Prince gefragt hatte). Und am Tage darauf sagte Mrs. Soule, während sie in Trans fiel und ehe die Princes im Zimmer waren, zur Stenographin: 'Es ist, als hörte ich, wie jemand versucht, 'Mephistopheles' zu sagen.' Mephistopheles war der Name der Katze gewesen.3 Am 17. Sept. 1925 sprach die Verstorbene u. a. ausführlich von den Leiden, die ihr während der letzten Krankheit die Notwendigkeit, ständig auf dem Rücken zu liegen, bereitet, von Gerichten, die man ihr im Krankenhaus gebracht hatte, u. a. m. Dann redete sie von einem Weisheitszahn, den sie als letzten und zu einer Zeit gehabt, wo man gewöhnlich schon alle verloren hat: 'Sie hatte allerhand Jahre auf dem Buckel, ehe dieser Weisheitszahn herausgenommen wurde, aber schließlich geschah es doch.' [Dieser Zahn war spät gewachsen und verursachte ihr viele Beschwerden, besonders als sie künstliche Zähne zu tragen begann. Er wurde etwa ein halbes Jahr vor ihrem Tode gezogen.] Auch wurde gleich darauf von ihren künstlichen Zähnen ge- 1) Die Äußerungen des Mediums erfolgen z. T. unmittelbar im Namen der Verstorbenen, zuweilen dagegen spricht die Transpersönlichkeit des Mediums von sich aus. 2) Allison 237 IT. 3) Das. 247 ff. 320 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen sprachen. - Gegen Schluß der Sitzung behauptete die Kommunikatoriii durch die 'Kontrolle', daß der Mann, 'dem ich die Botschaft schicke', sich sehr für Henry Ward Beecher (den berühmten amerikanischen Prediger und Temperenzler) interessiere. Hierzu schreibt Dr. P.: "Beecher ist einer von dem halben Dutzend amerikanischer geschichtlicher Größen, die mich am stärksten interessieren Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Lebenden, die den Riesen-Bericht über sein sechsmonatiges Verhör durchgearbeitet haben . . . Ich besitze seine Lebensbeschreibung, seine Predigten, seltene Broschüren über i h n . . . ' Niemand in Boston, am wenigsten das Medium, konnte dies gewußt haben. - Schließlich folgten sehr bezeichnende Äußerungen über den Abscheu der Verstorbenen vor dem starken Pudern der Mädchen, ihrem Anmalen, dem übertriebenen Parfümieren usw.1 In der Sitzung vom 6. Okt. 1925, bei der beide Princes und Mrs. Guinan anwesend waren, erfolgten u. a. folgende Äußerungen: 'Ich will . . . heute von einigen Dingen schreiben, die ohne Bedeutung sind, außer als kleine Einzelheiten unseres täglichen Lebens, denn Dinge, aus denen man sich nicht viel machte, haben die größte Bedeutung in dieser Forschung. Erinnerst du dich wohl zweier Lampen, Petroleumlampen, die vor langer Zeit gebraucht wurden? Ich denke an eine Wohnzimmerlampe, die ganz alt war und herabhängende Prismen hatte, und eine runde Glaskuppel mit einem Muster darauf, wie eine Weinranke. Sie stand auf dem Tisch, und die Kuppel war aus geschliffenem Glase mit dem glatten Streifen in der Mitte, mit dem Weinmuster darauf; sie wurde nicht oft benutzt, sondern war ein Schmuckstück, und die andere Lampe war hoch, und was ich dabei besonders betone, war das Rote im ö l , ein Stück rotes Flanell. Nur der Farbe wegen. Es hatte nichts mit dem Licht zu tun, glaub' ich. Aber es mag an den Docht angeheftet gewesen s e i n . . . ' [Dies alles, sowie eine hier fortgelassene eingehende Schilderung der Lampenunterlage, war bis ins kleinste richtig.] - Nachher wurde über Kochangelegenheiten gesprochen und dabei ein oft von der Mutter gebrauchter Satz in genauem Wortlaut angeführt: 'Ich muß rasch ein paar Biscuits zusammenpanschen.'2 - In der Sitzung vom 7. Okt. wurde u. a. eine Brille der Verstorbenen mit achteckigen (!) grünen Gläsern und silberfarbigen Haltern beschrieben.3 In der vom 24. Nov. 1925 begannen Mrs. Soule's Aussagen über einen gewissen Stephen (Pseud.), die angeblich in Dr. P.s Vater ihre Quelle hatten und hier anhangsweise erwähnt werden mögen. Dieser ausführlich geschilderte Stephen sollte ein Nachbar von Dr. Princes Vater in älterer Zeit gewesen sein, 'kein wichtiger' Mensch, einer, der alles wissen wollte - 'kommt herein und sagt etwas und niemand achtet darauf, was er sagt, weil er spricht und spricht und es doch nichts bedeutet' -, den jeder kannte und jeder verlachte und niemand ernst nahm. Ein Wichtigtuer, der ohne Not große Worte gebrauchte. Im übrigen kein schlimmer Mensch, und bald fleißig, bald faul, nicht reich, und doch alles in allem eine 'Type'. [Dies alles war vorzüglich zutreffend.] Stephens ländliche Kleidung wurde genau geschildert, der zer- 1) 276 ff. 2 ) 289fl. 3) 294 f. Vorbereitende Tatsachenschau 321 knitterte Hut, die eine im Schaftstiefel steckende Hose, während die andere 'irgendwie' herunterhing, - 'ein schmutziger alter Kerl', der sich 'wohl nie im Leben gebadet hat'. Man habe ihn von weitem schon am Gang erkannt. 'Ehr Vater zeigt das Bild, wie er es erinnert, und während er das tut, sagt er: Du würdest keinen zweiten ihm ähnlich auf 100 Meilen finden. Er war einzig - darum hat er ihn hier zur Sprache gebracht.' In Verbindung mit diesem Stephen nun wurde in nachfolgenden Sitzungen (3., 8. u. 9. Dez.) ein Jugenderlebnis Dr. Princes in vielfach umständlich umschreibenden, sich herantastenden Ausdrücken, aber völlig unverkennbar beschrieben. Stephen hatte den Knaben Prince bei dessen Vater verklagt: er habe ihn beschimpft und Steine nach ihm geworfen. Der Knabe, vom Vater zur Rede gestellt, fühlte sich schuldlos, konnte sich wenigstens auf nichts derartiges besinnen, wurde aber trotzdem bestraft, was einen unauslöschlichen Eindruck bei ihm hinterließ. Erst 10 Jahre später sprachen sich Vater und Sohn über diese Sache aus. Die Äußerungen des angeblichen 'Prince sen.' durch das Medium bezichtigten Stephen der Lüge, deuteten aber im übrigen mehr die allgemeine Art der einzelnen Vorgänge und Tatbestände des Dramas an, z.T. in leicht entstellender Weise, z.T. mit überraschendem Treffen des Bezeichnenden. Z.B.: 'Das war es, was so sehr verletzte: die Haltung des Vaters, denn der Knabe wünschte, daß Ihr Vater die Wahrheit erfahre und ihm glaube. Sein Geist lehnte sich auf, und er hat nie seitdem an den Vorfall gedacht ohne das Gefühl eines ihm damals geschehenen Unrechts. Es ist lange her, aber die Säure des dem Knaben von jenem 'halbentwickelten' Stephen angetanen Unrechts fraß sich in den Seelenfrieden des Knaben e i n . . . " Oder (am 9. Dez.): 'Als du zurückkamst und leugnetest, es getan zu haben, und die - ich war eben im Begriff, "Beweise' zu schreiben, aber da waren keine Beweise. Es war nur eine Anklage und hing von der Wahrhaftigkeit des Anklägers ab, und der Angeklagte . . . hatte ein Recht auf Vertrauen ebenso gut wie er. Das Schlimme war, daß ich nicht begreifen konnte, warum Stephen solch eine Geschichte hätte erfinden sollen . . . Denn du hattest ihm nie etwas Böses zugefügt, oder sonst einem Nachbar. Es scheint, er muß sich eingebildet haben, er habe Grund, sich über etwas zu beschweren. Aber selbst das erklärt es nicht. Und wenn ich dir eine Abbitte schulde, mein Sohn, so habe ich nur dies zu sagen, daß ich verwirrt war und das Unrecht nicht völlig begriff, dich auch nur über die Sache zu befragen.' Der Vater lieferte auch eine Schilderung der 'Aussprache' zwischen ihm und Stephen, also einer Szene, bei der der Knabe Prince jedenfalls nicht zugegen gewesen war; er sagte gelegentlich: 'Ich will fortfahren, bis ich die Sache durchbekomme', und schließlich hieß es: "Und jetzt sagt er: laß uns Stephen begraben und damit Schluß. Lebewohl.'1 Von den großen Forschern unsres Gebiets, die selbst aus diesem Leben geschieden, durfte man erwarten, daß sie sich 'von drüben her' bemerkbar machen würden, falls sie sich weiterlebend und einen Weg 1) 334 ff. - Hier, wie in manchen andern Urkunden dieser Art, habe ich die im Original last völlig fehlenden Satzzeichen ergänzt. M a t t i e s e n Das persönliche Überleben 21 322 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen zur Mitteilung offen fänden. Bekanntlich hat sich diese Erwartung bei mehreren von ihnen erfüllt Einer der wichtigsten dieser Fälle - F. W. H. Myers - wird uns in einem späteren Zusammenhang noch beschäftigen. Ein anderer - Henry Sidgwicks Handschrift - ist bereits oben berührt worden und wird gleichfalls noch zur Sprache kommen. Aus den Äußerungen eines dritten dieser 'jenseitigen Fachmänner', Richard Hodgson, durch mehrere Medien seien hier einige kurze Bruchstücke mitgeteilt; Bruchstücke, die den hier fraglichen Tatbestand der persönlichen Erinnerungsäußerung Verstorbener zu belegen scheinen, von denen aber gleich betont sei, daß sie auch in dieser ihrer Eigenart nur Bruchstücke sind, d. h. nicht typisch für die Gesamtheit angeblicher Hodgson-Äußerungen, die daneben vieles enthalten, was keineswegs als Aussage des Verstorbnen gelten kann. Doch kann die Tatsache solcher Mischung von Wahr und Falsch, von Sinnvoll und Sinnlos in den Kundgebungen Verstorbner erst besprochen werden, wenn wir zur letzten Abrundung unsrer Ansichten gelangen. Ich berichte also eine Anzahl von 'wahren' Aussagen 'Hodgsons', und füge einer jeden die notwendige Erläuterung gleich bei. Am 9.Febr. 1906 schrieb Mrs. Holland u. a.: 'Sjdibse Ipehtpo - Nur einen Buchstaben weiter - [dann in zwei senkrechten Reihen die Zahlen:] 18 9 3 8 1 18 4 - 8 15 4 7 19 15 14 es sind nicht zufällige Zahlen lesen Sie sie als Buchstaben . . . K. 57. (folgt ein weiblicher Taufname). Eine goldene Uhrkette mit einem Zigarrenabschneider in Hufeisenform daran - ein altes Siegel, nicht seine eigenen Initialen . . . ' Die beiden ersten Worte und die Zahlenreihe bilden, wie man auf einen Blick sieht, 'Kryptogramme' des Namens Richard Hodgson, und die Vorschrift für ihre Entzifferung wird in jedem Falle ausdrücklich gegeben. Mit der ersteren Art der Geheimschrift hatte Mrs. Holland als Kind sich spielerisch beschäftigt, mit der zweiten nie. Doch liegen solche Künste dem spielenden Unterbewußtsein ja überhaupt nicht fern. Immerhin hatte Hodgson zu Lebzeiten auch die zweite Art eifrig geübt; Mr. Piddington, der seinen Nachlaß durchforschte, fand gerade diese Kryptogramme 'im höchsten Grade bezeichnend für Hodgson'. - Zu K. 57: 'Solche Chiffern, nicht ganz klaren Zweckes, aber wohl jedenfalls auf Hodgsons Forschungen sich beziehend, fanden sich zahlreich in den hinterlassenen Notizbüchern, und zwar stets aus einem K nebst einer Zahl bestehend.' - Der (nicht bekanntgegebene) weibliche Taufname war der einer 1879 gestorbenen Dame, die in Hodgsons Bericht über seine Sitzungen mit Mrs. Piper erwähnt wird und auch sonst bei Mrs. Holland vorkommt (welche jene Bände der 'Proceedings' nie gesehen hatte). Wir erhalten aber nur Andeutungen, daß das Auftauchen des Namens nicht bedeutungslos sei. - Dr. Hodgson trug eine goldene Uhrkette mit Zigarrenabschneider; dieser hatte aber nicht Hufeisenform. Ein 'altes Siegel' fand sich auch, mit gebrochenem Stein, der eine eingeschnittene weibliche Gestalt zeigte, also jedenfalls 'nicht seine eigenen Initialen'. Vorbereitende Tatsachenschau 323 Am 28. Febr. 1906: Auf ein neues kalauerndes Kryptogramm des Namens Richard Hodgson folgte eine Beschreibung seines Äußeren, die Miss Johnson als 'charakteristisch' bezeichnete, während Mrs. Holland 'nie ein Bild von ihm gesehen zu haben' glaubt. Immerhin waren solche gelegentlich in illustrierten Zeitschriften veröffentlicht worden. Daran schloß sich der gleiche weibliche Taufname, nebst einer Bemerkung über den weit zurückliegenden Tod der Dame. Am 7. März 1906: Einige vergebliche Annäherungen an den Namen Hugo Münsterberg, und dann derselbe deutlich erkennbar: 'Hugo - H. M. - Minster Berg. Hugo. Wußte er nicht? R. Warum sind sie so grausam verbohrt? H. Ich war stets hitziger Natur.' Prof. Hugo Münsterberg, zu jener Zeit an der Harvard-Universität in Amerika lehrend, war ein Gegner der Metapsychologie, und gewisse Ausführungen in seinem Buch 'The Eternal Life' hatten Hodgsons Unwillen in hohem Grade erregt. Unter seinen nachgelassenen Papieren fanden sich Aufzeichnungen zu einer streitbaren Erwiderung. Die Ausdrucksweise hier ist sehr in der Art von Hodgsons Äußerungen durch Mrs. Piper, die Mrs. Holland nicht kannte. Auch hatte diese 'nie von Prof. Münsterberg gehört'. 1 Diesen Hogdson-Äußerungen durch Mrs. Hollands Hand füge ich einige weitere durch Mrs. Piper erfolgte bei. 1. Während Dr. Hodgsons Forschungsarbeit in Amerika entstand die Frage seiner Vergütung, indem H. letztere nicht der Muttergesellschaft in England aufbürden mochte, während die amerikanische Zweiggesellschaft sie anscheinend nicht tragen konnte. Es fand sich dann durch Vermittlung des Herrn Dorr ein reicher Geldgeber, der den Fehlbetrag deckte, aber streng ungenannt zu bleiben wünschte. Hodgson durfte abmachungsgemäß nicht fragen, wer es sei, dürfte es aber, nach dem Urteil nahe Beteiligter, erraten haben. Selbst Prof. James, stellv. Vorsitzender der amerikanischen Tochtergesellschaft, glaubte fälschlich, es handle sich um mehrere Geldgeber. Mrs. Piper also wußte bestimmt normalerweise nichts von der ganzen Sache. - In der ersten Sitzung, die jener Geldgeber nach Hodgsons Tode mit Mrs. Piper hatte, 'sprach Hodgson sofort von der Angelegenheit und dankte dem Sitzer warm für die geleistete Unterstützung.'2 2. In einer Piper-Sitzung der Frau Prof. James und Miss Putnam am 12. Juni 1906 fragte erstere den Kommunikator Hodgson: Erinnern Sie sich, was in unsrem Bücherzimmer eines Abends vorfiel, als Sie mit Margie [Mrs. James' Schwester] hin- und. herstritten? 'Ich hatte kaum gesagt 'Erinnern Sie sich...', als der Arm des Mediums ausgestreckt und die Faust drohend geschüttelt wurde', worauf die folgenden Worte kamen: 'Ja, ich machte so ihr ins Gesicht. Ich konnte nicht umhin. Es war so unmöglich, sie herumzukriegen. Es war unrecht von mir, aber ich konnte nicht anders.' - 'Ich selbst', bemerkt hierzu Prof. James, 'entsinne mich sehr wohl dieses Vorfalls mit dem Faustschütteln, und wie wir andern darüber lachten, nachdem Hodg- 1) Pr XXI 304 ff. 2) Pr X X I I I 27. 21* 324 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen son sich verabschiedet hatte. Was ihn so geärgert hatte, war die Verteidigung gewisser 'Tafelschrift'-Versuche durch meine Schwägerin, die sie in Kalifornien gesehen hatte.'1 - Wobei man wissen muß, daß Dr. Hodgson gemeinsam mit S. J. Davey schwerwiegende Tatsachen zur Verdächtigung dieser Form übernormaler Leistungen beigebracht hatte.2 3. In einer Sitzung des Prof. Will. James selbst am 29. Juli 1907 kam die Rede auf die Handschrift des Verstorbenen, die sich inzwischen verschlechtert habe. 'Ich hatte keine zu verlieren', sagte 'Hodgson', und auf ein ironisches Lob einer Sitzerin: 'Hm, hm! William, erinnerst du dich, wie ich dir einmal einen langen Brief schrieb, als du krank warst? Du mußtest dir von Margaret [Miss James] beim Lesen helfen lassen, und du schriebst mir, es sei eine ganz niederträchtige Schrift, und du hofftest, ich würde das nächste Mal mich bemühen, einem kranken Freunde deutlicher zu schreiben... Frage Margaret, ob sie es erinnert.' 'Sehr genau', bemerkt diese dazu, 'es war in London.' 4. In einer Sitzung der Miss Pope am 7. Feb. 1906 fragte 'Hodgson', ob sie sich entsinne, was er versprochen hatte zu tun, wenn er als erster 'hinüberkäme'? 'Ich sagte, wenn ich es nicht besser machen könnte, als manche von ihnen, so wäre ich im Irrtum... Und wenn ich mein Urteil auf das gründete, was sie zu geben versuchten, so würde ich erwarten, daß man mir nachsagte, ich spielte mit ihnen unter einer Decke. Erinnern Sie sich? (Zustimmung der Sitzerin.) Erinnern Sie sich einer Geschichte, die ich Ihnen von meinem alten Freunde Sidgwick erzählte? Entsinnen Sie sich, wie ich ihn nachahmte? . . . (Sitz.: Was taten Sie?) Ich sagte: w-w-würde m-m-mit ihnen unter einer D-e-c-k-e spielen . . . Kein Lebender kann dies wissen, außer Ihnen und Mary Bergman.' - Bei diesem nachgeahmten Stottern der Hand 'kam mir (schreibt Miss Pope) wie ein Blitz die Erinnerung an etwas, was er einmal Mary und mir von Sidgwick erzählt hatte, wobei er Sidgwicks Stottern nachgeahmt hatte: 'H-Hodgson, wenn Sie daran g-g-glauben, w-wird man sagen, Sie sp-pielen mit ihnen unter einer D-decke.' Ich kann die genauen Worte nicht wiedergeben, aber dies sind fast genau wörtlich die seinen.' - Sidgwick hatte gemeint, man würde Hodgson für einen Mitverschworenen der Mrs. Piper halten, wenn er seinen Glauben bekännte, daß er durch sie mit Abgeschiedenen in Verkehr stehe. 5. Am 30. Jan. 1906 fragte die Sitzerin, Mrs. M., den Piper-Hodgson: ob er sich ihrer letzten Unterhaltungen, u. a. über 'das Werk' (der metapsychischen Forschung) entsinne, was er bejahte. Mrs. M.: 'Und ich sagte, wenn wir 100000 Dollar hätten -' 'Hodgson': 'Kauften wir uns Billy!!' - Mrs.M.: 'Ja, Dick, das war es - kauften wir uns Billy.' - H.: 'Kauften wir nur Billy?' - Mrs.M.: 'O nein, ich wollte auch Schiller haben. Wie gut Sie sich erinnern!' - Mrs.M. hatte, vor Dr. Hodgsons Tode, von einer Erweiterung der Arbeit des amerikanischen Zweiges der S. P. R. auf Grund einer Stiftung geträumt, wobei, wenn möglich, Prof. Newbold ['Billy'] und Dr. [I'\ C. S.] Schiller zur Mitarbeit herangezogen werden sollten.3 - 1) Das. 109. 2) Pr IV 405 ff. 3) X X I I I 110 fl. Vorbereitende Tatsachenschau 325 Ich brauche selbst für den mäßig Belesenen nicht zu betonen, daß die vorstehenden Beispiele keineswegs seltene Fälle des Gelungenen aus einer Masse des Belanglosen darstellen, vielmehr kärgliche Proben aus einer Fülle des Gleichwertigen, womit ich ohne Mühe einen Band wie diesen hätte füllen können. Es ist denn auch verständlich, wenn das von theoretischen Skrupeln unbeschwerte Urteil in Kundgebungen dieser Art einen völlig ausreichenden Beweis für das persönliche Fortleben erblickt: der Spiritismus der Vielen beruft sich ganz überwiegend auf diese Art des anscheinenden Umgangs mit den Abgeschiednen. Er stützt sich dabei auch kaum auf den Nachweis, daß dem Medium sein geäußertes Wissen auf keinem anderen Wege gekommen sein könne; vielmehr hauptsächlich auf den unmittelbaren Eindruck, den die sich äußernde 'Persönlichkeit' dadurch erweckt, daß sie eben das weiß, was der Verstorbne, falls er fortlebt, wissen müßte. Dieser Eindruck ist natürlich um so mächtiger, je länger der Verkehr mit dem Verstorbenen sich hinspinnt, je reicher also das bewiesene Wissen ist, und darum stehen umfangreiche Fälle, wie die zuletzt berührten, in der Schätzung des Spiritisten natürlich höher, als eng umschriebne oder einmalige Kundgebungen. Jene vor allem geben dem Kommunikator ja auch Gelegenheit, den Eindruck seiner lebendigen Persönlichk eit bis zur äußersten Abrundung und Schärfe zu steigern. Dieses entscheidende Relief des spiritistischen Eindrucks aber entsteht durch zweierlei: einmal durch das Eingehn des Kommunikators auf Geheimstes, was je zwischen ihm und dem Sitzer sich abgespielt hat; sodann aber durch jene Unwägbarkeiten des Wie seiner Selbstdarstellung, die zwischen und über dem Was des Geäußerten schweben: die persönliche Eigenart des Auftretens, den Stil der Äußerung, u. dgl. m. Beide Eigentümlichkeiten von Kundgebungen sind im vorstehenden schon mehrfach angeklungen; es lohnt aber doch, durch einige Belege besonders auf sie hinzuweisen. Jeder Belesene weiß zunächst, wie häufig die Sitzungsberichte gewisse Äußerungen des Kommunikators übergehen, weil sie für die Öffentlichkeit zu vertraulicher Natur gewesen seien. Ich führte bereits die Beschreibung an, wonach in einer der Howard-Sitzungen, nachdem Dr. Hodgson mehrere Äußerungen 'George Pelhams' dem Sitzer laufend vorgelesen und dessen Zustimmung erhalten, die Hand plötzlich fortfuhr: 'Privat' und den Sitzungsleiter 'sanft beiseiteschob', worauf Äußerungen erfolgten, in denen Mr. Howard einen 'restlos befriedigenden Beweis' erblickte. Hier ist ein andres Beispiel. Von den 'erfolgreichsten und überzeugendsten' Piper-Sitzungen in England im Winter 1889/90, denen der Miss Goodrich-Freer, heißt es ähnlich, 326 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen daß die richtigen Aussagen des Mediums 'fast in allen Fällen von so vertraulicher und persönlicher Natur gewesen seien, daß es unmöglich ist, sie zu veröffentlichen.'1 - Auch Mrs. Allison war gelegentlich genötigt, in ihren eingehend erläuterten stenographischen Sitzungsberichten 'eine Anzahl von Sätzen auszulassen, weil sie sehr persönliche und mit großer Stärke des Fohlens vorgebrachte' Äußerungen enthielten, die sich auf den Hochzeitstag des Ehepaares bezogen.2 Ja einmal war sie genötigt, '20 Worte zu übergehen, die eine sehr persönliche und passende Botschaft E. W. A.s an mich darstellten, genau das ausdrückend, was seine Einstellung3 gewesen wäre, unter der Voraussetzung der Echtheit der Kundgebung.'* Gerade die gebildetsten und zugleich kritisch besonnensten Sitzer und Forscher haben betont, daß damit nicht nur gewisse Einzelheiten den Urkunden entzogen werden, sondern auch die Berichte viel von ihrer besten Überzeugungskraft einbüßen. T)ie den Lesern vorgelegten Beweise für das Fortleben', meint Mrs. Travers Smith, 'sind im besten Fall nur ein kleiner Bruchteil dessen, was wir zur Verfügung haben. Gerade die private und vertrauliche Natur der meisten empfangenen Kundgebungen macht es unmöglich, den wirklich überzeugenden Anteil den Blicken der Öffentlichkeit bloßzulegen; . . . wir haben nicht das Herz, das Wort zu sprechen, das den Zweifler zum Schweigen bringen würde.'6 Wichtiger freilich für die Theorie dieser Dinge erscheint mir jene andre Begründung des spiritistischen Eindrucks von Kundgebungen: die überzeugende Darstellung der fraglichen Person nach ihrer charakterlichen Eigenart, nach ihrem Persönlichkeitsstil in jedem Sinne des Wortes, vor allem auch im sprachlichen. Man kann wohl sagen: So oft der betreffende Abgeschiedne zu Lebzeiten einen sehr 'ausgesprochnen', also eindeutig feststellbaren Stil der mündlichen oder schriftlichen Äußerung gehabt hat, so oft dann seine Äußerung durch das Medium ungehemmt und ohne Zwischenschaltung fremder Instanzen erfolgt, - so oft hat auch der Stil der Äußerung als wichtiges Material der Identifizierung dienen können. - Ich gebe zunächst ein Beispiel, das sich auf engumschriebene Einzelheiten der sprachlichen Gewöhnung bezieht. 'A. V. B.', die durch Mrs. Leonard sich kundgebende verstorbene Freundin der Damen Radclyffe-Hall und Lady Troubridge, hatte zu Lebzeiten die Gewohnheit gehabt, bei gewisseri Gelegenheiten, z.B. wenn sie auf irgendeine Kleinigkeit versessen war, Redensarten wie 'das will ich', 'das werde ich' oder 'das mag ich' in so humorvoller Weise immerfort zu wiederholen, daß jeder Widerstand verstummte. Diese Eigentümlichkeit nun fand sich 1) VI 629. 2) Allison 45; vgl. 25. 3) attitude of mind. 4) Das. 13. Vgl. Pr XXIII 109 o.; XXVIII 4; Aksakow 673. 5) Travers Smith 74f. Vgl. Prof. W. James in Pr XXIII 32 f. Vorbereitende Tatsachenschau 327 auch in den medialen Äußerungen 'A. V.B.s' in durchaus passender Verwendung. In der Sitzung vom 6. Juli 1917 z. B., als 'Fedas' Geduld gelobt worden war, sagte diese: 'O, o, aber Feda mag das. Ladye1 sagt: sie mag das, sie mag, das, sie mag das.' - Sagt sie das, Feda? - F.: 'Ja, wissen Sie, sie wiederholt zuweilen Worte in dieser Art.' - Wie meinst du das, Feda? - F.: 'O, zuweilen erwischt Feda sie dabei, wie sie ein oder zwei Worte in dieser Weise immer wieder sagt; zuweilen sagt sie kleine Worte zu sich selbst auf eine komische Art, anders als sonst die Leute tun.' - In derselben Sitzung aber kontrollierte A. V. B. gegen Schluß auch unmittelbar, und als die Sitzerin einer Äußerung derselben widersprach (die sich jedoch nachher als richtig erwies), sagte A.V.B.: 'Ich weiß es, ich weiß es, ich weiß es.' Ein ähnlicher Vorgang ereignete sich am 6. August 1917 während einer unmittelbaren Kontrolle A. V.B.s. Diese hatte eben die Absicht geäußert, eine schwierige Leistung auf dem Gebiete der Mitteilung zu vollbringen, und als Lady Troubridge die Möglichkeit bezweifelte, entgegnete A.V.B.: 'Ich will es, ich will es, ich will es, ich will es!' In diesem Zusammenhang mag auch auf die während der Sitzungen häufig von A. V. B. gebrauchte Abschiedsformel 'Bless you' oder 'bless you both'2 verwiesen werden, die für die lebende A.V.B, höchst kennzeichnend gewesen war, sonst aber keineswegs als im Englischen besonders üblich bezeichnet werden kann. Auch dies wurde von 'Feda' ausdrücklich als Äußerung der Kommunikatorin bezeugt: 'Sie sagt: bless you both'. - Am 5. Aug. 1917, während einer direkten A. V. B.-Kontrolle, gebrauchte eine der Sitzerinnen, Lady Troubridge, zum erstenmal diesen Ausdruck. 'A. V. B. sah einige Augenblicke verdutzt aus, und bemerkte dann nach einer Pause: 'Ich pflegte auch 'bless you both' zu sagen.' Es war, als hätte sie in ihrer Erinnerung nach Assoziationen gesucht, die diese Worte aufriefen, und als wäre ihr dabei eingefallen, daß der Gebrauch dieser Worte ihr selbst gewohnt gewesen war.'3 Indessen geht die sprachstilistische Kennzeichnung des Abgeschiednen oft genug weit über solche Kleinigkeiten hinaus, indem sie seine gesamte Äußerungsweise umfaßt, seinen Stil in jenem Sinn, in welchem er nachgerade mit seiner Art zu denken, seinen Geschmacksneigungen und seinem Lebensgefühl zusammenfällt. Ich habe oben der Selbstidentifizierungen gedacht, welche die Persönlichkeit 'Oscar Wilde' durch Wiedergabe seiner Handschrift und gewisser Erinnerungen aus seinem Leben lieferte. Wilde war bekanntlich ein Schriftsteller, dessen Schreibart in ungewöhnlichem Grade als 'unverkennbar' bezeichnet 1) Fedas 'Spitzname' für A.V.B. 2) Etwa: 'Gott mit euch (beiden)'. 3) Pr X X X 478 ff. Vgl. über 'T.': Pr VIII 30, und die äußerst lehrreichen und feinsinnigen, aber ihres Umfangs wegen nicht wiederzugebenden Ausführungen M. A. Bayfields über Feinheiten im Äußerungsstil des 'Prof. VerraH': Pr XXVII 246 ff. (Sie trugen zu B.s Bekehrung zum Spiritismus bei.) 328 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen werden darf, und ich möchte hier hervorheben, daß auch diese Seite seines Wesens in den fraglichen Äußerungen durch Mrs. Travers- Smith's Ouija und durch die Hand des Mr. Soal eindeutig zutage trat. Daß der Stil dieser Schriften, im Sprachlichen wie im Gedanklichen, sowohl Oscar Wildes mehr geziert-lyrische, als auch vor allem seine blasiertboshafte und paradoxe Manier in erstaunlichem Maße widergibt, ist unbestreitbar, wiewohl man leichte und u n t e r jeder Voraussetzung leicht erklärbare Beeinträchtigungen dieser Gleichheit wohl zugestehen mag, - die denn auch von der gegnerischen Kritik mit starker Übertreibung unterstrichen worden sind.1 Wer einigermaßen in Wilde belesen ist, kann sich seitenlang kaum dem Zwang der Vorstellung entziehen, daß er echte Äußerungen dieses Schriftstellers vor sich habe. Um wenigstens eine knappe Probe von der Art dieses automatistischen Wilde-Stils zu geben, übersetze ich - so gut es gehen will! - einiges aus der Sitzung vom 18. Juni 1923, bei der u. a. Mr. Dingwall, der überkritische Forschungsbeamte der S.P.R., anwesend war. - 'Oscar Wilde. Tot sein ist die am gründlichsten ödende Erfahrung im Leben; das heißt, wenn wir zweierlei ausnehmen: verheiratetsein und mit einem Oberlehrer zu Tische sitzen. Zweifeln Sie an meiner Identität? Es sollte mich nicht wundern, denn ich bezweifle mich selbst zuweilen. Ich könnte Vergeltung üben, indem ich die Ihrige bezweifle. Ich habe stets die Ges. f. ps. F. bewundert. Das sind die großartigsten Zweifler der Welt. Sie sind nicht eher glücklich, als bis sie ihre Gespenster forterklärt haben. Und man möchte meinen, ein echter Geist würde ihnen ein erlesenes Unbehagen verursachen. Ich habe zuweilen daran gedacht, eine Akademie himmlischer Zweifler zu gründen . . . , eine Art S. P. R. unter den Lebenden. Niemand unter 60 dürfte ihr beitreten, und wir würden uns die Gesellschaft der überalterten Schatten nennen. Unser erstes Ziel wäre es, sofort die Frage der Existenz - sagen wir - von Mr. Dingwall zu untersuchen. Mr. Dingwall - ist er Phantasie oder Wirklichkeit? Tatsache oder Erfindung? Sollte die Entscheidung zugunsten seiner Existenz ausfallen, würden wir ihn natürlich mit mannhaftem Nachdruck bezweifeln. Zum Glück gibt es hier drüben keine Tatsachen [!]. Auf Erden konnten wir ihnen kaum entrinnen. Ihre toten Leichname waren allenthalben auf dem Rosenpfade des Lebens verstreut. Man konnte kein Zeitungsblatt in die Hand nehmen, ohne etwas Nützliches zu erfahren . . . Entwürdigen Sie mich nicht, indem Sie Tatsachen von mir fordern.'(r) Was nun die Wilde-Kenntnis der beiden Schreibenden anlangt, so erfahren wir, daß 'keiner von ihnen ein besonderes Interesse für den Dichter hatte.' Mr. V., Mathematiker und Musiker, hatte nur den 'Dorian Gray', 'De profundis' und die 'Ballade vom Zuchthaus in Reading' gelesen, und zwar vor dem Kriege. Mrs. Travers Smith hatte mehr gelesen und sich auch für die Theaterstücke 'interessiert', aber außer 'Salome' seit 20 Jahren keine Seite von Wildes Werken gelesen.3 Sie bezeugt überdies das 'instinktive !.) Travers Smith, Wilde 148 D. 2) Das. 9 f. 3) 78. 85 f. Vorbereitende Tatsachenschau 329 Gefühl', daß es sich nicht um 'Plagiate aus versunkenen Erinnerungen heraus' gehandelt habe.1 Vor allem betont sie, daß die zahlreichen und sehr boshaften literaturkritischen Äußerungen des angeblichen Wilde über frühere und zeitgenössische englische Autoren keineswegs mit ihren Ansichten übereinstimmten. 'Die kritischen Äußerungen der Schrift über moderne Schriftsteller, schreibt sie, entsprechen nicht meinen bewußten Ansichten, das kann ich mit Bestimmtheit sagen. Ich kann für mein Unterbewußtsein nicht verantworten, aber ich kann mir auch kaum vorstellen, daß irgendein Teil meines Geistes sprechen könnte, wie Wilde hier spricht.' Über G. H. Wells, den sie von allen Erwähnten am meisten gelesen hatte, wurde sehr wenig gesagt; viel mehr über A. Bennett, den beide Schreibenden weit weniger kannten. Von Eden Philpotts, über den 'Oscar Wildes' erster 'Essay' sich gleichfalls äußerte, kannten beide keine Zeile. Von Joyce's 'Ulysses' hatte Mrs. Travers Smith nur wenige Seiten gelesen und keinerlei Besprechungen, und gerade über diesen äußerte sich die Wilde-Persönlichkeit ausführlich und höchst abweisend. Nur betreffs Galsworthy waren sie und er teilweise einverstanden. (Wir müssen freilich hier die Behauptung 'Wildes' hinnehmen, daß er Schriftsteller, die erst nach seinem Tode zu Ruf gelangten, kennen gelernt habe, indem er sich 'in sie hineinversetzte'.) Auch die anscheinende Tatsache, daß solche literarische Urteile nur durch Mrs. Travers Smiths Hand zur Äußerung kamen,2 erscheint mir nicht entscheidend, so oder so. 'Wilde' selber sagte: 'Sie haben Sinn für Stil, und dies hilft mir, meine armseligen Gedanken Ihnen vorzulegen.' - Als Ergänzung des Gesagten mag es wichtig erscheinen, daß Mrs. Travers Smith wiederholt versuchte, Wilde über musikalische Fragen anzuzapfen; aber ohne Erfolg, - 'obgleich Musik mein eigenstes Gebiet ist'.3 - Schließlich mag auch noch auf das seltsame Einsetzen der ganzen Wilde-Personation hingewiesen werden. Ein anderer Kommunikator hatte durch Mr. V. geschrieben, u. a.: 'Ich suche meine Tochter Lily, meine kleine Lily.' 'Als das Wort Lily geschrieben wurde', sagt Mrs. Travers Smith, 'fühlte ich eine Unterbrechung; ich spürte instinktiv, daß der Kommunikator gewechselt hatte. Ich fragte, wer spräche; sofort wurde 'Oscar Wilde' geschrieben, und die Botschaft ging mit zunehmender Geschwindigkeit weiter.. Dies alles ist merkwürdig genug und wird noch merkwürdiger, wenn man bedenkt, daß 'Wilde' ja gleichzeitig seine Handschrift erzeugte und Angaben über sein Leben machte, welche beide dem Medium so gut wie sicherlich unbekannt waren. Abgesehen davon ist es freilich eine bedeutende Schwäche des Fidles, daß Wildes Stil den Schreibenden eben doch zu einer Zeit ihres Lebens bekannt geworden war, sodaß ein unterbewußtes Keimen seines Tersönlichkeitsbildes' nicht ausgeschlossen erscheint. Mr. Soal5 hat später - in Gemeinschaft mit einer anderen Dame - eine 1) 108. 114. 2) 90. 3) 101. 4) 80. Vgl. 5. 5) Wie schon erwähnt, mit 'Mr. V.' identisch. 330 Argumente aus der Bekundung persönlicher Erinnerungen weitere sehr seltsame literarische' Personation geliefert, nämlich die einer 40 Jahre zuvor verstorbenen und inzwischen leidlich vergessenen Schriftstellerin Margaret Veley, von der er nur einmal ein Gedicht ohne Unterschrift in einer Zeitschrift gelesen hatte. 'Margaret Veley' lieferte sehr viel mehr richtige Angaben über ihr Leben als Wilde, die dem Schreibenden sicherlich unbekannt waren; aber weder ihre prosaischen noch ihre poetischen Kundgebungen wiesen die gleiche Identität des Stiles auf, wie im Falle Wilde. Die Geschichte der 'Margaret Veley', ohne Weitläufigkeit nicht wiederzugeben, gehört fraglos zu den seltsamsten unseres Schrifttums und verdient zusamt der scharfsinnigen Analyse des hochgebildeten Mediums selbst das aufmerksamste Studium.1 Aber als Beleg für den hier fraglichen Tatbestand kann sie nicht dienen; und - wie gesagt - vielleicht die Geschichte des Soalschen 'Oscar Wilde' auch nicht.2 Die großen Medien der Ges. f. ps. F. haben noch andre verstorbene Dichter und Schriftsteller in sehr bemerkenswerten 'Personationen' hervortreten lassen, wie z.B. Frederic Myers3 und Roden Noel;4 doch bestanden hier die identifizierenden Inhalte weit mehr in der Bezugnahme auf Ansichten, Kenntnisse und Erlebnisse der Betreffenden, als in einer Nachbildung ihres Sprachstils, der ohnehin mehr dem des Engländers von hoher Geistesbildung überhaupt glich, als einer ganz persönlichen Manier, wie im Falle Wildes. Manchem mag in diesem Zusammenhang auch der verblüffende Fall der 'Patience Worth' einfallen, jener angeblichen Bäuerin des 17. Jahrhunderts, die dem Medium Mrs. Curran mehrere Romane sowie eine Versdichtung von etwa 70000 Worten, betitelt 'Telka' (letztere in insgesamt 35 Stunden), teils durch das Ouija, teils durch Hellhören 'diktierte', in einer altertümlichen Sprache (mit einem Gehalt von 90v. Ch. Tweedale, "bekundete sich meiner Frau und mir [und offenbar d u r c h Mrs. Tweedale] eine Persönlichkeit, die den Namen meiner vor 17 Jahren verstorbenen Tante 1) Nielsson 37 f. 2) Der Ausdruck bei Baerwald, Okk. 259. Entsprechung von Kundgebungen an mehr als einer Stelle 91 Esther angab, und teilte uns mit, daß ihr Gatte Josua bald hinübergehen und sie dann beide zusammen im Jenseits sein würden. Diese Persönlichkeit hatte uns nie zuvor aufgesucht. Ich schrieb sofort einen Bericht hierüber in einem Kartenbrief nieder, den ich versiegelte und mit Marke und Adresse auf dem Briefpapier selbst versah, damit er das dienstliche Datum der Postaufgabe trage, und schickte ihn mit einem Begleitbrief an meine Kusine, wobei ich ihr auftrug, den versiegelten Brief nicht zu öffnen, ehe ich ihr Erlaubnis gäbe. Drei Wochen danach (am 6. Febr.) erhielt ich [von ihr] eine eilige Postkarte mit der Nachricht, daß mein Onkel, ihr Vater, ernstlich erkrankt sei. Ich schrieb mit nächster Post, sie solle den versiegelten Brief öffnen. In ihrer Antwort teilte sie mir mit, daß sie es getan und den Inhalt zur Kenntnis genommen, ihrem Vater aber nichts davon gesagt habe, da der Arzt ihm jede Erregung verboten hatte. Sie teilte ferner mit, daß etwas Außergewöhnliches am Nachmittag ihres Schreibens sich ereignet habe. Während sie am Fuße seines Bettes stand, rief er plötzlich aus, daß er seine Frau sehe, und beschrieb ihr Aussehen, wie es vor 20 Jahren gewesen war. Er machte meine Kusine auf die Erscheinung aufmerksam und fragte, ob sie sie nicht auch sehen könne. Sie sah aber nichts. Am 24. Febr. gab sich Tante Esther wiederum uns beiden kund und sagte: 'Fr'eitag ist der Tag.' Ich übersandte auch diese Botschaft in einem Kartenbriefe mit Marke und Dienststempel auf der Rückseite. Am folgenden Freitag trat Wassersucht ein, und Onkel begann rasch zu verfallen; er starb in der Nacht des folgenden Freitag.. Hier müßte eine animistische Deutung wohl annehmen, daß Mrs. Tweedale - offenbar die medial Begabteste von allen Beteiligten - den Todesfall, zunächst im allgemeinen, sodann 'auf den Tag' vorausgesehen und im Namen einer Pseudopersonation bekanntgegeben habe. Daß diese eine ihr völlig ungewohnte, erstmalige war, braucht nicht einmal Schwierigkeiten zu bereiten; stellte sie doch die nächste Angehörige des Onkels dar. Die Halluzination' des Kranken wäre entweder eine völlig selbsterzeugte und subjektive, oder telepathisch seitens des Neffen bzw. seiner Gattin angeregte, nachdem einmal diese ihr Vorwissen um den Tod mit eben dieser Verstorbnen in Verbindung gebracht hatten. - Das wäre wieder die logisch zulässige Konstruktion' des nie verlegenen Animisten. Wer einen weiteren Zusammenhang von Tatsachen überschaut, dem mag freilich ihre geschickte Glätte wenig behagen. Wir wissen aus Früherem, daß Erscheinungen Verstorbener an Sterbebetten ein typisches Geschehen bilden, dem wahrscheinlich eine Bedeutung innewohnt, die sie als Autophanien aufzufassen empfiehlt. Wir wissen ferner, daß 'Ansagen' eines Todesfalls 'durch' einen abgeschiednen Nächsten gleichfalls etwas Typisches sind und als solches genau die gleiche Anteilnahme an Hinterbliebenen 1) Tweedale 203. Alle iragl. Urkunden alnd vorhanden, nebst einem schrlftl. Zeugnis der Kusine. 92 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung verraten, wie die Sterbebett-Visionen, nämlich ein Wissen um die bevorstehende Wiedervereinigung. Von hier aus aber fällt ein Anschein der Natürlichkeit auf die Tatsache, daß der Tod von Tweedales Onkel auf beiderlei Wegen vorverkündigt wird, und das Fehlen jeder ausdrücklichen Bezugnahme erscheint beinahe als Ausdruck harmloser Unbekümmertheit der Erscheinenden, die an nichts anderes denkt, als an die Wiedervereinigung mit "ihrem Gatten, und dies auf jedem Wege, der sich ihr offen zeigt, auch zu erkennen gibt. Da wir aber hiermit auf Sterbebett-Gesichte zu sprechen gekommen sind, möchte ich den Leser daran erinnern, daß bei der Erörterung dieser Tatsache auch schon zwei Fälle angeführt wurden, in denen die Erscheinung den Gegenstand von Aussagen an anderer Stelle bildete.1 In dem ersten derselben wurden durch Mrs. Piper sogar die Worte eingegeben, welche die Kommunikatorin zum Sterbenden gesprochen haben sollte; und eben diese Worte hatte letzterer vor seinem Tode als Äußerungen der Geschauten berichtet. - Im zweiten jener Fälle war nicht nur (wie oben) der Tod einer Kranken als nahe bevorstehend vorausgesagt, sondern es war auch die Erscheinung der Voraussagenden selbst am Bette der Kranken, ja sogar das 'Mitbringen' einer andern Verstorbnen versprochen worden, die dann auch beide zur angegebenen Zeit - innerhalb dreier Tage - von der Kranken gesehen wurden. Endlich war eine zweite Erscheinung angesagt worden, welche dem Sterben der Kranken unmittelbar vorausgehn sollte, und auch diese Angabe verwirklichte sich aufs genaueste. Ich versage mir gern, auch hier die animistischen Begriffe durchzusprechen, die solchen Vorgängen gerecht werden könnten; der Leser spürt sogleich, daß sie sich gegen die früheren noch weiter verwickeln müßten. Käme man doch im letzten Falle schwerlich ohne die verzweifelt geschraubte Annahme aus, das ferne Medium habe den wirklich 'tödlichen' Zustand der Kranken hellsichtig durchschaut, ehe es das unmittelbar todkündende Gesicht telepathisch bewirkte; wobei noch erschwerend ins Gewicht fällt, daß - wie aus dem Bericht hervorgeht - Medium und Sterbende einander völlig fremd waren.2 In den nächsten beiden Beobachtungen verwickelt sich unser Vorgang noch weiter und verstärkt sich in gleichem Maße die spiritistisch-pluralistische Natürlichkeit. Beide zeigen uns Zusammenhänge von im ganzen drei Kundgebungen. Im ersten Falle handelt es sich um drei Erscheinungen, und bei zweien von diesen findet eine ausdrückliche Bezugnahme auf die jeweils vorausgegangene statt. Im zweiten Falle steht eine Erscheinung zwischen zwei 'Äußerungen' am zweiten Ort, die 1) Bd. I S. 98 f. 2) Vgl. auch noch Wedel 74; JAmSPR 1907 49; Lt 1912 452. Entsprechung von Kundgebungen an mehr als einer Stelle 93 sich beide ausdrücklich auf jene Erscheinung beziehen, indem die erste sie ankündigt, die zweite sie als stattgehabt berichtet. Den ersten Fall berichtet Cromwell Varley, der jedem Spiritisten bekannte namhafte Elektroingenieur. Während eines Aufenthalts in Beckenham im Winter 1864/5 erblickte er eines Nachts, durch Klopflaute aufmerksam gemacht, ein Phantom in soldatischer Kleidung, das sich als der dem Perzipienten unbekannte Bruder eines Mitarbeiters Varleys zu erkennen gab, den dieser z. Zt. in Birmingham zurückgelassen hatte. Der Erscheinende behauptete dann durch Mrs. Varley als Medium, seinen Bruder besucht zu haben, der aber seine bezweckte Mitteilung nicht verstanden habe. Diese bat er Varley nunmehr brieflich an den Bruder gelangen zu lassen, was Varley dann auch tat. In der Antwort des Mitarbeiters aus Birmingham hieß es: 'Ja, ich weiß, daß mein Bruder Sie besucht hat, denn er kam [nochmals] zu mir und war imstande, mir wenigstens dies zu berichten.' 'Der Geist,' fügt Varley hinzu, liatte mir mitgeteilt, daß er in Frankreich, wo er die Schule besuchte, erstochen worden sei, was aber nur seinem überlebenden Bruder und seiner Mutter bekannt, dem kränklichen Vater aber verheimlicht worden sei. Als ich dies dem Überlebenden erzählte, erbleichte er und bestätigte es.'1 Hier müßte der Animist zunächst annehmen, daß das Unterbewußtsein des 'Mitarbeiters' außerstande gewesen sei, sich dessen eigenem 'Bewußtsein' verständlich zu machen, während ihm dies der fernen Fremden (Mrs. Varley) gegenüber ohne weiteres gelang; ohne Frage eine sehr gewaltsame Annahme gegen alle psychologische Wahrscheinlichkeit. Diese Mitteilung an die Entfernte wäre sonderbarerweise zusammengefallen mit dem Schauen ihres angeblichen Urhebers - eines Unbekannten! - seitens eines Dritten, vielleicht gar mit einer kollektiven Schauung gleicher Art! Und bei alledem wäre noch übersehen, daß es bei der mißlungenen Verständigung zwischen Unter- und Oberbewußtsein des Herrn in Birmingham sich um eine Mitteilung handelte, die anscheinend Sinn hatte als Botschaft eben des Verstorbenen an seinen Bruder. Wir erfahren ihren Inhalt leider nicht. Aber der Kommunikator scheint versucht zu haben, ihr Nachdruck zu geben durch Mitteilung eines Familiengeheimnisses, dessen Preisgilbe durch das Unterbewußtsein des Mitarbeiters an einen Fremden wiederum höchst seltsam erscheinen müßte (denn als das 'Oberbewußtsein' davon erfuhr, 'erbleichte' der oberbewußte Herr). Will also der Animist behaupten, dieser Herr habe sich selbst etwas 'mitteilen' wollen, es sei ihm mißlungen, und er habe darauf durch das Ehepaar Varley - auf zwei Sinneswegen - zu sich selbst gesprochen? Der zweite Fall, auf den ich schon früher kurz angespielt habe, führt 1) Aus Ber. Dial. Ges. bei Perty, Spir. 302. 94 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung außer der bezeichneten Umrahmung einer Erscheinung durch zwei 'Äußerungen' - noch eine besondere Verwicklung mit sich: er rollt nämlich das Problem eines 'Führers' auf (das hier ja keineswegs besprochen werden kann). Doch scheue ich mich nicht zu bekennen, daß mir die zu berichtenden Tatsachen weit eher ein weiteres Argument zugunsten der Rehabilitierung 'Phinuits' zu liefern scheinen (denn dieser ist hier das Subjekt der Entsprechung), als - umgekehrt - ein Argument zugunsten der animistischen Deutung anderer ähnlicher Vorgänge. Mr. M. N. berichtet am 5. April 1889 von zwei Voraussagungen Phinuits Ende März 1888 in Amerika bezüglich des bevorstehenden Todes seines Vaters 'innerhalb etwa 6 Wochen', was zu M. N.s geldlichem Vorteil gereichen werde. Mr. N. sen. 'starb plötzlich Mitte Mai in London an Herzschwäche während der Besserung nach einer leichten Bronchitis, am gleichen Tage, an dem der Arzt jede Gefahr für beseitigt erklärt hatte. Vorher hatte mir Mrs. Piper (als Dr. Phinuit) gesagt, daß sie versuchen werde, meinen Vater vor seinem Ableben bezüglich gewisser letztwilliger Angelegenheiten zu beeinflussen. Zwei Tage, nachdem ich die Kabelnachricht von seinem Tode erhalten hatte, besuchten meine Frau und ich Mrs. Piper und [Phinuit] sprach von meines Vaters Anwesenheit und plötzlicher Ankunft in der Geisterweit und sagte, daß er (Dr. Phinuit) versucht habe, meinen Vater während seiner Krankheit in jenen Angelegenheiten zu überreden. Dr. Phinuit schilderte mir das Testament, beschrieb den Testamentsvollstrecker und sagte, daß dieser eine gewisse Verfügung zu meinen Gunsten treffen werde..., wenn ich nach London käme. Drei Wochen später traf ich in London ein und erkannte in dem Hauptvollstrecker den Mann, den Dr. Phinuit beschrieben hatte. Das Testament lautete im wesentlichen so, wie er behauptet hatte. Jene Verfügung zu meinen Gunsten wurde getroffen, und meine Schwester, die am meisten während der letzten Lebenstage meines Vaters an seinem Krankenbett gewesen war, sagte mir, daß er sich wiederholt über die Anwesenheit eines alten Mannes am Fußende seines Bettes beklagt habe, der ihn belästige, indem er seine persönlichen Angelegenheiten erörtere.1 Es ist zu bedauern, daß wir über das wirkliche Ausmaß dieser Gehörseindrücke des Sterbenden keine genügende Auskunft erhalten, wie denn auch der Umstand, daß das 'belästigende Wesen' weder genau beschrieben wurde,2 noch auch natürlich mit dem Aussehn eines wirklichen Dr. Phinuit verglichen werden kann, uns schließlich noch im Zweifel läßt, ob jener 'alte Mann' am Sterbebett auch nur mit T)r. Phinuit* identisch gewesen sei, und nicht eine subjektive Verbildlichung von Erblasser-Bedenken, zu denen der Sterbende anscheinend Veranlassung hatte. Lassen wir aber nicht T)r. Phinuit' als Urheber sowohl der beiden medialen Äußerungen, als auch der Sterbebett-Erschei- 1) Pr VIII 1201. 2) an old man. Entsprechung von Kundgebungen an mehr als einer Stelle 95 nungen gelten, so kommen wir nicht um die verzweifelte Annahme herum, Mrs. Pipers Transpersönlichkeit habe jene Erscheinungen (nebst 'überredenden' Worten!) zunächst geplant, den Versuch ihrer Bewirkung versprochen, sie dann in England tatsächlich bewirkt, ihren Erfolg beobachtet, und schließlich von diesem in Amerika berichtet. Ich beschließe diese Gruppe mit einem Beispiel, das noch eine letzte natürliche Besonderheit unsrem Grundriß einfügt: nämlich eine Entsprechung zwischen der Erscheinung selbst und dem gleichzeitigen angeblichen 'Sichfortbegeben' des Erscheinenden von einem andern Orte, als dem der Erscheinung. 'Am 27. Nov. 1887, während eines Aufenthalts in der Nähe von Melbourne (Australien), machte Miss E. K. Bates die Bekanntschaft einer Dame, Miss L. T., welche die Fähigkeit besaß, mit der Planchette zu schreiben. Eine durch sie gelieferte und mit dem Namen der bekannten Schriftstellerin George Eliot gezeichnete Schrift behauptete, daß 'vor Ablauf eines weiteren Jahres Miss B. eine gewisse Gabe geistiger Kraft erlangen würde'. Miss B. reiste später nach Otago und wurde am Abend des 31. Dez. 1887 von Freunden, bei denen sie wohnte, überredet, Versuche mit dem kippenden Tisch zu machen. Miss B., der die durch Miss T.s Planchette gemachte Voraussagung einfiel, wünschte der Sache weiter nachzugehen, und da der Tisch 'George Eliots' Anwesenheit behauptete, fragte sie, wann und in welcher Form sie die 'Gabe* erlangen würde. Der Tisch erwiderte, daß George Eliot imstande sein werde, sich noch in der gleichen Nacht Miss B. sichtbar zu machen.1 Dies war um 10 Uhr abends. Miss B. gibt an, daß [die Antwort des Tisches] keinerlei Eindruck auf sie machte und daß sie zu Bett ging und einschlief, ohne daran zu denken. Mitten in der Nacht wurde sie plötzlich und vollkommen wach, mit einem seltsamen Gefühl, das sie als 'innerliches Schaudern' beschreibt; das Zimmer war ganz dunkel, und sie erblickte eine hohe weiße, weibliche Gestalt mit auf sie zugestrecktcn Armen zwischen der Wand und ihrem Bett. Sie wandte sich ab und sah das gleiche, als sie sich zurückkehrte; dann schien es langsam in den Fußboden hinein zu verschwinden. Nach einigen Minuten blickte sie auf ihre Uhr und las 2,25 ab. Am Morgen erzählte sie alles ihrer Gastgeberin, die ihren Bericht bestätigt. Sechs Wochen danach hörte Miss B. von Miss L. T., daß diese mit einer Freundin in Melbourne am 31. Dez. 1887 [also am Abend der obigen Geschehnisse] Planchette geschrieben habe. 'George Eliot' hatte sich kundgegeben, aber um 12,30 gesagt, daß sie [einem Versprechen gemäß] zu Miss B. 'gehen müsse'. Diese Zeit in Melbourne entspricht etwa 2,15 in Otago, der Zeit, zu der Miss B. die Erscheinung sah.' - Miss L.T. lieferte am 1) Nach Miss Bates' ausführlicherer Darstellung wurde zwar Jetzt 'clairvoyanoe' als die 'Gabe' angesagt, aber nicht für die folgende Nacht. Diese Schlußfolgerung zog nur ein Mitanwesender. 96 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung 7. Juli 1889 einen Bericht über ihr Planchetteschreiben, der Miss B.s Angaben bestätigt.1 Hier entsprechen der Erscheinung 'George Eliots' im ganzen wohl drei, zum mindesten aber zwei Äußerungen derselben Persönlichkeit Die mittlere derselben: die Ankündigung der nächtlichen Erscheinung durch das ungenannte Medium in Otago, wären wir ohne weiteres berechtigt, als suggestiven Anlaß der Erscheinung, die letztere also als Erwartungshalluzination zu deuten (unbeschadet Miss Bates' Versicherung, daß die Ankündigung keinen Eindruck auf sie gemacht habe), - falls diese Versicherung allein stände. Sie verwickelt sich aber - und damit die Erscheinung selbst - mit der kurz vor dieser erfolgten Angabe 'George Eliots' am dritten Ort: sie müsse jetzt zu Miss B. gehen; und zwischen dieser Angabe und der unmittelbar folgenden Erscheinung besteht offenbar ein natürlicher Zusammenhang, den wir nicht als Zufall beiseiteschieben können. Sollen wir versuchen, diesen natürlichen Zusammenhang als einen bloß telepathischen zwischen zwei Lebenden aufzufassen, Miss T. in Melbourne und Miss B. in Otago? Dagegen streitet der Umstand, daß die Erscheinung ja auch in Otago selbst - einige Stunden vor der Angabe in Melbourne - vorausgesagt worden war. Wir müßten also mindestens noch annehmen, daß diese zeitlich erste Voraussagung in Otago den Zirkel in Melbourne telepathisch zur Angabe veranlaßt habe: jetzt gehe 'George Eliots' zu Miss B.; woraus dann die Halluzination gefolgt sei, die also jeden direkten Zusammenhang mit der Voraussagung in Otago verlieren würde, da ein solcher ja nicht das zeitliche Zusammentreffen der Angabe in Melbourne und der Erscheinung in Otago erklären könnte. Das im November empfangene Versprechen einer 'Gabe geistiger Kraft' könnte man dann als weitere Vorstufe der Voraussagimg in Otago ansehen; oder man könnte es als mehrdeutig bezeichnen und jeden Zusammenhang desselben mit den Vorgängen vom 31. Dezember bestreiten. - Damit hätten wir wieder einen jener wunderbaren Gedankenbauten unsres Gegners, vergleichbar den verzwickten "Epizyklen', mit deren Hilfe vor-kopernikanische Himmelsforscher - einer großen neuen Erkenntnis auswichen. e. Entsprechungen zwischen Aussagen und objektiven Phänomenen In den abschließenden Gruppen verändert sich die Problemlage nicht unbeträchtlich. Denn hier wird das eine Glied der Entsprechung durch 'objektive Phänomene' gebildet - entweder sog. metaphysikalische 1) Pr X 175 und Bates 55 H. (In Pr X erscheint *G. Elliot' als 'M. N.\) Entsprechung von Kundgebungen an mehr als einer Stelle 97 Leistungen, oder aber Materialisationen; also Tatsachen, bei denen wir weder mit der vergleichsweise billigen Berufung auf telepathische und ähnliche Vorgänge ausreichen, noch auch ohne weiteres eine entsprechende Leistungsfähigkeit des zweiten Perzipienten voraussetzen dürfen. Das Gewicht dieser abstrakt gefaßten Bedenken werden uns die Beispiele sogleich erkennen lassen. Freilich muß der Leser bereit sein, die darin enthaltenen Phänomene an sich 'einstweilen' als möglich hinzunehmen. Ich sagte schon, daß ich ihre Beglaubigung erst in einem späteren Bande nachliefern kann. Der erste Fall zeigt die fragliche Entsprechung eingebettet in ein Gewebe anderwärtiger Kundgebungen der gleichen Abgeschiedenen, und da dies Ineinander den spiritistischen Eindruck nicht wenig verstärkt, berücksichtige ich es zum Teil bei der folgenden kurzen Wiedergabe. Dr. H. Draper Speakman hatte in Pau in Frankreich, wo er sich mit seiner Gattin aufhielt, die Bekanntschaft zweier medial veranlagter englischer Damen, Miss Dobson und Miss McCance, gemacht, mit denen er am 8. April 1905 eine erste Planchette-Sitzung veranstaltete. Dr. Speakman legte dabei auf den Tisch einen im Umschlag steckenden Brief eines 120 km entfernt lebenden Freundes, abgeschickt am 3. April, d.i. einen Tag vor dem Tode der Gattin dieses Freundes, welche selbst am Schluß des Briefes mit Bleistift die Worte beigefügt hatte: 'Auf Wiedersehen. Sara Lancy.' Diese äußerte sich nun selbst durch die Planchette und begann eine Unterhaltung mit der anwesenden Mrs. Speakman, worin sie Einzelheiten einflocht, die nur ihr und ihrem Gatten bekannt waren. In einer weiteren Sitzung am 15. April gab 'Sara Lancy' u. a. an, eine in Aussicht gestellte Reise ihres Gatten zu den Freunden in Pau werde durch Streitigkeiten mit seinem Notar in Familienangelegenheiten wider Torwarten sich verzögern. Auf die Frage, ob er ihre Nähe verspürt habe, sagte sie: 'Ich habe mich ihm zweimal bemerklich gemacht, aber er vermochte sich selbst nicht zu glauben. Das eine Mal war er mit dem Kinde und meiner Mutter zusammen. [Das andere Mal] war er allein in seinem Zimmer, und das geschah vor mehr als einer Woche.' Hierzu schrieb Mr. Lancy, als diese Aussagen ihm mitgeteilt wurden: 'Sie schien mir ihre Gegenwart mehrere Male anzuzeigen, und etwa eine Woche nach ihrem Tode erzeugten sich Klopftöne in meinem Zimmer, die, wie ich annehme, von ihr verursacht wurden; fragen Sie sie gefälligst, an welcher genauen Stelle diese erzeugt wurden.' Die Voraussagung bezüglich der Streitigkeiten mit dem Notar erklärte er für einen Irrtum, dergleichen habe er nicht zu befürchten. Zwei Tage nach Empfang dieses Briefes wurde die Frage bez. der Klopftöne an 'Sara Lancy' gestellt. Ihre Antwort lautete: '[Ich erzeugte sie] zu wiederholten Malen am Bette.' (An welchem Teil desselben?) 'Am Kopfende, und zwar oben.' (Ob immer an der gleichen Stelle?) 'Ja, beinahe. Binnen kurzem werde ich mich ihm noch häufiger kundgeben.' Auf Vorhaltungen betr. der Angelegenheit des Notars verharrte 'Sara L.' bei ihrer M a t t i e s e n , Das persönliche Uberleben 11 7 98 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Aussage: der Notar befasse sich bereits mit der Sache; sie sehe weiter als ihr Mann. Am 3. Juni trat 'S. L.' wiederum auf, machte verschiedene Angaben über das gleichzeitige Tun und Lassen ihrer Mutter und ihres Gatten, die z.T. unwahrscheinlich klangen, sich aber nachträglich bestätigten, und erwiderte auf die Frage, ob sie außer am Bette noch anderswo Klopftöne erzeugt habe: Tragt ihn, ob er mich am Schreibtisch klopfen gehört hat.' - Hierzu bemerkte Mr. Lancy unterm 8. Juni: 'Klopftöne am Schreibtisch habe ich nicht beobachtet... Die, welche ich wahrnahm, erklangen am Kopfende des Bettes und waren deutlich, stark und zahlreich.' Gleichzeitig berichtete er von völlig unerwarteten Schwierigkeiten, die 'dieser Trottel von Notar* wegen der Hinterlassenschaft seiner Frau zu machen beginne und die ihn von der Reise zu den Freunden einstweilen abhielten. Doch brauchen Einzelheiten hier nicht mitgeteilt zu werden.1 Hier scheint mir die Übereinstimmung zwischen den Aussagen der Kommunikatorin bez. der Klopftöne und den entsprechenden Wahrnehmungen des Witwers durch den geringen Widerspruch zwischen ihnen eher unterstrichen als eingeschränkt zu werden. Nehmen wir an, der Witwer selbst sei der Urheber des doch tatsächlich gehörten Klopfens gewesen, und die Aussagen der Planchette darüber seien durch Hellsehn oder telepathische Belehrung der Medien zu erklären, so hätten wir, wie mir scheint, mehr Grund, eine genaue Übereinstimmung zu erwarten, als wenn wir die Erzeugung einem Wesen zuschreiben, das in seinem veränderten Zustand sehr leicht im Unklaren darüber sein konnte, ob sein Versuch, sich durch Töne' bemerkbar zu machen, nach der objektiven wie nach der subjektiven Seite hin gelungen sei. Freilich könnte der Animist behaupten, die Frage der Kommunikatorin, ob der Witwer auch die Töne am Schreibtisch gehört habe, sei ein bloßer 'Schuß ins Blaue', veranlaßt durch die Frage der Sitzer an 'Sara Lancy', ob sie auch wo anders, als am Bette, geklopft habe. Doch müßte sich der Animist auch dann noch mit der Schwierigkeit abfinden, daß der Witwer, der schwerlich mediale Gaben besaß (da er sonst wohl selbst 'gesessen' hätte), bei dieser einzigen Gelegenheit sich als lüopfmedium' betätigt haben sollte. Einem 'Geiste' glaubt man die übernormale Leistung von vornherein doch eher zuschreiben zu dürfen. Die folgende Beobachtung fügt sich hier unmittelbar ein; auch in diesem Fall erfolgten die Aussagen über die verrichtete objektive Leistung am zweiten Ort gegenüber vollkommen Unbeteiligten. Während einer Leonard-Sitzung der Miss N. Walker am 13. Juni 1921 behauptete *Gwyther White' durch Feda, daß er 'vor eins, zwei, drei Aben- 1) Bozzano, Casi 113 H.; ASP X I X 330. Vgl. ZpF 1928 96; Thomas, New Evid. 15 Í. Entsprechung von Kundgebungen an mehr als einer Stelle 99 den ganz besonders bei jemand auf der Erde gewesen sei, bei der Dame, die er liebt. Freitag Abend. Und er glaubt, sie wußte, daß er da war. Aber vorher hatte sie nach etwas gesucht, das sie - meint er - lesen wollte . . . , etwas Besonderes... Und während sie suchte, hatte er einen Ton erzeugt, den sie hörte, wie er glaubt. Nun, es ist nicht gerade ein Klopfton,1 was er Feda hören zu lassen sucht; dazu ist es zu scharf. Es ist fast mehr ein Klopfen auf etwas, das einen Krach oder Knall' von sich gibt. Etwas zu dünn und scharf, als daß man es mit jenen hübschen dumpfen Klopftönen vergleichen könnte . . . ' Beide Angaben konnten durch Gwyther Whites Witwe bestätigt werden. Unterm 10. Juni, also 'drei Abende' vor der Sitzung am 'Freitag', wo der Kommunikator 'ganz besonders bei' ihr gewesen sein wollte, bezeugt sie 'eine Vision', die voller Bezug auf ihren Gatten ist; und bezüglich des Donnerstag, also 'vorher', schreibt sie: 'Ich suchte nach etwas, was ich in dem Briefe an Gwyther sagen könnte, den Miss Walker ihm in der Sitzung vorlesen sollte... Während dessen . . . ertönten deutlich zwei laute Krache,3 die anscheinend von einem Schreibpult herkamen, in dessen Nähe ich saß. Ich beachtete sie nicht weiter, wunderte mich nur über die Schärfe des Tons und brachte sie in keiner Weise mit Gwyther in Verbindung.' 1 Dieser letzte Umstand ist offenbar nicht bedeutungslos: je tiefer der Eindruck der 'Krache' auf Mrs. White gewesen wäre, je bestimmter diese sie auf ihren Gatten bezogen hätte, desto wahrscheinlicher wäre auch eine Übertragung des Erlebnisses auf Mrs. Leonards Transpersönlichkeit gewesen. Während aber die Witwe jene Töne kaum beachtet, liefert ihr 'Gatte' eine sehr genaue Beschreibung derselben und gibt sich offenbar die größte Mühe, um Feda zu möglichst treffenden Aussagen über das zu bewegen, was er am fernen Ort als Ergebnis seines Versuchs einer Kundgebung beobachtet hat. So von innen betrachtet, besitzt der ganze Vorgang große sachliche Geschlossenheit und dramatische Natürlichkeit, die sich ins Gegenteil verkehren, sobald der Animist sein künstliches Gewebe von Hilfsannahmen zu spinnen beginnt. Im folgenden älteren Falle verwickelt sich unser Tatbestand noch insofern, als ein negativer Hinweis in seltsamer Weise die positiven der Entsprechung ergänzt. 'Am 14. Juni 1852 verlangte das Medium Miss Mary Banning im Hause des Mr. Moore in Winchester, Conn., nach dem Geiste ihres Bruders Josiah Banning, aber entgegen seiner sonstigen Gewohnheit s t e l l t e er sich nicht ein. Die Aufforderung wurde während des Abends wiederholt, aber wieder ohne Erfolg. Endlich zu später Stunde, als die Ver- 1) rap. 2) crack. 3) cracks. 4) Walker 112. Vgl. Home'" Fall bei Perty, Spir. 103, und den besonders verwickelten: Bates 255 IT. 7 * 100 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung sammelten im Begriff waren, auseinanderzugehen, wurde unerwartet 'Josiah Bönnings' Anwesenheit angekündigt. Als Grund für sein Ausbleiben während der ersten Stunden des Abends gab er an, er 'sei den ganzen Tag über bei seiner Schwester Edith' gewesen. Diese befand sich z. Zt. in Hartland, Conn., etwa 24 km entfernt, wo sie unterrichtete. Sehr bald danach erhielt Miss Mary Banning von Edith einen Brief, der am Morgen nach der Sitzung in Mr. Moores Hause geschrieben war und worin Edith mitteilte, daß 'Josiah' den ganzen vorausgegangenen Tag über bei ihr gewesen sei und sie sogar während der Nacht durch seine Gegenwart wachgehalten habe. Seine Kundgebungen in Hartland waren durch [Klopf] töne erfolgt, die an und rings um die Person der Miss [Edith] Banning zu hören gewesen waren.'3 Ich möchte diesem Bericht auch im einzelnen Vertrauen schenken, denn er ist, wie ein Vergleich des Datums der Sitzung mit dem der Herausgabe des Brittan'schen Buches beweist, mindestens leidlich frisch aufgezeichnet worden, und die beschriebenen Tatsachen sind durchweg grobschlächtiger Natur; ihre Pointe beruht nicht auf leicht zu entstellenden Kleinigkeiten. Im übrigen brauche ich die besondre Natürlichkeit dieser im Grunde dreigliedrigen Entsprechung kaum hervorzuheben. 'Josiah B.' wird 'gerufen', und zwar von dem Medium, bei welchem er gewohnheitsmäßig auftritt; er wird wiederholt gerufen - und kommt nicht. Dies ist an sich schon ein Vorgang, der unter animistischen Voraussetzungen verwundern muß. Der Gerufene tritt aber nachträglich auf, als er nicht mehr erwartet wird, und gibt jetzt einen Grund für sein vorheriges Versagen an. Dieser Angabe entspricht die offenbar von selbst und nicht auf Anfrage erfolgte Aussage einer dritten Person in ansehnlicher Entfernung; und gerade diese Aussage läßt das anfängliche Nicht-Auftreten am ersten Orte natürlich erscheinen unter der Annahme eines unabhängigen und unsichtbaren Wesens. Um diese spiritistische Deutung zu umgehen, müßte man zunächst annehmen, daß Edith B. die durch selbsterzeugtes Klopfen vorgetäuschte 'Anwesenheit' ihres verstorbenen Bruders der Schwester telepathisch zu wissen gegeben habe; diese hätte dann trotzdem den Bruder 'aufgerufen' - wenn nicht gerade deshalb: nämlich um ihn trotzdem nicht auftreten zu lassen und damit einen spiritistischen Beweis zurecht zu zimmern! Denn wer will bezweifeln, daß wenigstens die 'Unterbewußtseine' schon in jenen frühen Zeiten sich über den Wert von 'Entsprechungen' klar gewesen seien? In den Bereich etwas gröberer 'physikalischer Phänomene' führt uns ein Bericht, der in Bradley's Niederschrift seiner ersten Sitzung mit Mrs. Leonard (am 28. Aug. 1923) enthalten ist. 3) Aksakow 453 (aus Britten). Entsprechung von Kundgebungen an mehr als einer Stelle 101 Der Kommunikator 'A. W.' (ein aus Familienrücksichten namenlos gelassener naher Verwandter der Mrs. Bradley) hatte bereits eine Anzahl identifizierender Angaben gemacht, als er von seinen wiederholten Versuchen zu sprechen begann, sich nach seinem Tode durch Klopftöne und T ü r e n ö f f n e n bemerklich zu machen. 'Bei einer Gelegenheit versuchte ich Mabel [Mrs. Bradley] dadurch zu wecken, daß ich die Tür des Zimmers, in welchem sie schlief, öffnete; aber dann kam mir der Gedanke, wie töricht ich gewesen war, weil sie mich für einen Einbrecher hätte halten können.' - Hierzu bemerkt Bradley: 'Kurz nach A. W.s Tode schlief meine Frau neben dem Zimmer, in welchem sein Leichnam aufgebahrt lag. Mitten in der Nacht sprang die Tür ihres Zimmers plötzlich auf.1 Sie erhob sich und schloß sie sorgfältig. Bald danach sprang die Tür ein zweites Mal auf. Meine Frau schloß sie wieder, rüttelte an ihr, um sich zu vergewissern, daß der Klinkhaken eingeschnappt war, und ließ, da sie nervös geworden war, die Lichter brennen. Aber die Tür sprang wieder auf, diesmal bei hellem Licht. Nur mit Mühe brachte meine Frau den Mut auf, die Tür ein drittes Mal zu schließen.'2 Da hier verschiedene Einzelheiten die Beweislast tragen, bedauert man, nur einen späten Bericht aus zweiter Hand zu erhalten. Auch ist nicht zu übersehen, daß Mrs. Bradley anscheinend selbst medial veranlagt war, also schließlich von sich aus das Phänomen verursacht und seine spätere Beschreibung eingegeben haben - 'könnte'. Der gipfelnde Tatbestand dieser letzten Gruppe wäre natürlich dann gegeben, wenn eine i d e n t i f i z i e r b a r e M a t e r i a l i s a t i o n an einer zweiten Stelle nachträglich als stattgehabt, oder gar vorher als beabsichtigt bezeichnet würde. Dabei wäre offenbar das letztere Verhältnis das bedeutsamere; denn es ist an sich leichter, einem Medium ein vergangenes Geschehen lediglich übernormal bekanntzugeben, als das Versprechen einer der seltensten und gewaltigsten übernormalen Leistungen zur Erfüllung zu bringen. - Das erstere Verhältnis belegt ein Bericht des norwegischen Richters Dahl über eine Sitzung mit dem Materialisationsmedium Einar Nielsen im Hause des Hrn. H. E. Bonne nahe Kopenhagen. 'Ohne daß sich der Vorhang [des Kabinetts] irgendwo öffnete, sickerte eine dunstige, seibstleuchtende weiße Masse aus diesem hervor, die sich zusammenballte und vom Fußboden aufstieg, eine Art von Nebelsäule bildend. Diese nahm allmählich schärfere Umrisse an, bis sie ein halbmenschenähnliches Phantom wurde, das sich auf einen der Anwesenden zu bewegte, der mit dem Phantom eine Unterhaltung führte. Ich konnte selbst nicht verstehen, was gesagt wurde, aber es war klar, daß das Phantom von dem Betreffenden als eine verstorbene Verwandte erkannt wurde. Dann löste 1) burst open. 2) Bradley, Slars 53: vgl. Wisdom 325, APS III 52; Harrison 2021. und Lombroso 330. 102 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung es sich auf und verschwand, und ein neues nahm in derselben Weise Form an. So in etwa zehn Fällen. Aber meine Söhne erschienen nicht [!]. Aus dem Kabinett, wo das Medium in tiefem Trans lag, ließ sich während der Materialisationen das Sprechen der 'Kontrolle' vernehmen. Unter anderem wurde gesagt, daß zwei Söhne des norwegischen Gastes [also des Berichterstatters] anwesend seien, an diesem Abend aber nicht imstande sein würden, zu erscheinen. Dagegen bildete sich vor mir eine deutlich geformte weibliche Gestalt, die mich grüßte, ohne einen Laut von sich zu geben. Es wurde mir sogleich klar, daß da meine 1919 verstorbene Schwester vor mir stand. Doch äußerte ich diese Annahme weder meinem Gastgeber noch brieflich meiner Frau gegenüber. Von ihr aber wurde mir mitgeteilt, daß 'die Jungen' in einer Sitzung zu Hause in Frederiksstad eine Mitteilung gemacht hatten, wonach sie [während der Nielsen-Sitzung] anwesend gewesen wären, ohne sichtbar zu erscheinen, daß dagegen Tante Honoria sich mir gezeigt hatte. Sie hätte sehr gerne gesprochen, aber alle ihre Kraft aufwenden müssen, um ihre Gestalt zu erhalten. - Mein Gastgeber . . . hielt drei Tage später eine neue Sitzung ab . . . [In dieser] nahmen meine beiden Söhne gleichzeitig Gestalt an und nannten ihre Namen. Besonders Ludvig war sehr gut erkennbar in Gestalt, Haltung und Bewegungen . . . Ich hätte ihn unter Hunderten erkannt... Jemand im Zirkel rief aus: 'Sehen Sie doch, da ist jemand, der 'Ragnar' sagt.' Da bemerkte auch ich ihn, die Erscheinung beugte sich über mich und umarmte mich . . . Ich sah ihre Umarmung mehr, als daß ich sie f ü h l t e . . . Am selben Abend, etwa eine Stunde später, erhielt [meine Tochter] Ingeborg zu Hause in Frederiksstad in Gegenwart meiner Frau Mitteilungen von ihren beiden Brüdern. Diese brachten einen Gruß von Papa und Ludvig sagte: 'Wir beide haben ihn heute abend get r o f f e n ' [womit offenbar auf die deutlicheren Materialisationen der soeben in Dänemark abgehaltenen Sitzung angespielt wurde, wie zuvor noch ausdrücklicher auf die mißlungenen Versuche in der ersten Sitzung].1 Über die Verwirklichung einer zuvor versprochenen Materialisation berichtete Lombroso nach einer Sitzung mit Eusapia Palladino in Mailand (am 26. Nov. 1906) vor der Società di Studi psichici, an der neben ihm u. a. auch Prof. Massaro von der Universität Palermo teilnahm. Dieser hatte einige Zeit vorher durch den 'Tisch' von seinem kürzlich verstorbenen Sohn 'das Versprechen einer Materialisation in Mailand erhalten'. In jener Sitzung nun sagte die Palladino, 'sie sehe einen Jüngling von ferne kommen' - 'aus Palermo' -, und fügte hinzu: 'Ein lebendes in der Sonne gemachtes Bild.' Bei diesen Worten erinnerte sich Massaro, daß er in seiner Brieftasche eine auf freiem Felde gemachte Aufnahme seines Sohnes bei sich hatte. 'Gleichzeitig fühlte er ein lebhaftes Klopfen gerade an der Stelle der Brust, wo er das Bildnis trug, und fühlte sich zweimal durch den Vorhang hindurch auf die rechte Backe geküßt.' Nach weiteren 1) Dahl 2131. Entsprechung von Kundgebungen an mehr als einer Stelle 103 Liebkosungen nahm er die Berührung einer Hand wahr, 'die sachte, aber unter lebhaften Bewegungen in seine innere Rocktasche eindrang... Die Brieftasche wurde geöffnet, so daß das Bild zum Vorschein kam . . . Schließlich kam die Erscheinung mit dem Kopf aus dem Vorhang hervor... und Massaro erkannte seinen Sohn.'1 Die vorstehende Beispielsammlung, die sich ohne Mühe sehr erweitern ließe, gibt einen ungefähren Begriff von Umfang und Mannigfaltigkeit des Tatbestands der Entsprechung, der in diesen schlichten Formen von der Forschung noch lange nicht genügend im Zusammenhang gewürdigt worden ist. Schon im allgemeinen Grundriß betrachtet, ordnen sich diese Tatsachen mit großer Natürlichkeit der spiritistischen Hypothese unter; wenn es auch, wie laufend gezeigt wurde, dem Animisten nicht an Begriffen fehlt, diese Grundrisse nach seinem Gefallen zu deuten. Aber - und dies zu zeigen, war der Zweck der beigefügten Erwägungen - der Tatbestand hält sich fast nie in den Grenzen allgemeiner Grundrisse, wie sie dem Denken des Animisten vor allem teuer sind. Vielmehr beruht die spiritistische Natürlichkeit der beobachteten Abläufe fast immer auf Einzelheiten und Verwicklungen, die über die nackten Formen hinausführen: Anzeichen einer persönlich gearteten Wirksamkeit hinter dem Doppelvorgang, eines Versuchens und Planens, ja eines Willens zum Experiment, mit der Absicht der Lieferung von 'Beweisen', oder mit Anzeichen einer genauen Beobachtung des Maßes und der Art erzielten Erfolges, oder einer ebenso natürlichen Ungewißheit darüber (man fragt nach dem Gelingen). Auch wenn der Doppelkommunikator das Vorliegen eines Auftrags richtig behauptet, diesen selbst aber vergessen hat;2 oder wenn er auf die überraschende Frage eines Lebenden sofort über die eigne Leistung am andern Orte Bescheid weiß;3 oder wenn die Kundgebungen an zwei Stellen in überraschendem Parallelismus eine jenseitige Entwicklung erkennen lassen1 - stehen wir vor Tatsachen, die auf spiritistischem Boden eine selbstverständliche Natürlichkeit besitzen, vom Animisten aber nur vermittelst gequälter Hilfsannahmen gedeutet werden können. In andern Fällen ist es die Verquickung mit sonstigen Indizien - einer Motivierung der Kundgebungen vom Standpunkt eines Verstorbenen aus,5 oder der jenseitigen Anteilnahme an einem bevorstehenden Ableben, oder der Beherrschung einer dem Medium unbekannten Sprache -, was den spiritistischen Anschein der Entsprechung bis zur Unabweisbarkeit verstärkt. Der Fall Varley zeigte uns, zu welchen psychologischen Unwahrscheinlichkeiten der animistische Erklärer sich unter Um- 1) Lombroso 90 f. 2) Fall Crawley. 3) Fall White u. a. 4) Fall Sldgwick. 5) Fall Longford. 104 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung ständen gezwungen sieht, während endlich die Entsprechungsfälle mit Einschluß objektiver Phänomene uns vor die Schwierigkeit stellten, den Ursprung solcher seltenen Leistungen in Personen zu suchen, die sonst nie die Fähigkeit dazu verraten haben. - Wir finden also auch hier den Satz bestätigt, daß die Auseinandersetzung der gegnerischen Standpunkte auf unsrem Gebiet erst dann fruchtbar wird, wenn die abstraktformale Erörterung überschritten und die lebendige Durchbildung der Tatsachen im einzelnen berücksichtigt wird. 3. Die experimentellen Entsprechungen der Ges. f. psych. Forschung ('Kreuzkorrespondenzen')1 Diesen Satz werden wir noch schlagender bestätigt finden, wenn vir uns nunmehr jenen Entsprechungen zuwenden, die für die Mehrzahl der Fachleute den eigentlichen Geltungsbereich dieses Begriffes bilden: nämlich den sog. 'Kreuzkorrespondenzen', auf welche die engl. Ges. f. ps. Forsch. Jahre eindringender Arbeit und mehrere Bände ihrer Veröffentlichungen verwendet hat. Von den bisher betrachteten Entsprechungen unterscheiden sich die cross-correspondences durch mancherlei Besonderheiten. Inhaltlich befassen sie sich fast durchweg mit literarischen Anspielungen, Zitaten Und Titeln;quantitativ wachsen sie in ihrer oft kaum übersehbaren Verwickeltheit weit über die schlichten Maße der bisher beschriebenen Einzelentsprechungen hinaus. Ferner tritt die bislang nur gelegentlich festgestellte experimentelle Planung zu besonderem Zweck nunmehr die unbeschränkte Herrschaft an: diese 'klassischen' Kreuzkorrespondenzen entspringen angeblich durchweg und bis in alle Einzelheiten hinein einer verwickelten und langausgesponnenen Anstrengung bestimmter jenseitiger Persönlichkeiten, die dadurch ihren Wunsch nach Erweisung des Fortlebens und ihr Verständnis für die logischen Bedingungen solcher Erweisung bekunden. Diese Persönlichkeiten behaupteten, ehemalige führende Mitglieder der genannten Forschungsgesellschaft zu sein und mit ihrer Unternehmung bessere Beweise für das Fortwirken Verstorbener liefern zu können, als sie bis dahin vorlagen. In diesem Sinne bestand das wichtigste Unterscheidungsmerkmal der klassischen Kreuzkorrespondenzen in einem besonderen formalen Aufbau, nämlich der sog. Komplementarität der durch verschiedene Medien erfolgenden Äußerungen, - worüber bald Genaueres zu sagen sein wird. 1) Eine wenig glückliche Übersetzung des engl, cross-correspondences; denn cross dürfte hier Eigenschaftswort ('quer', 'wechselseitig') sein. Ich zöge an sich 'Querentsprechung' vor; doch ist 'Kreuzkorrespondenz' sehr gebräuchlich geworden. Vgl. meine 'Vorbemerkung' ZpF 1928 257. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych.Forschung 105 Das Schicksal der Kreuzkorrespondenzen (Kk.) gleicht in einem Punkte dem gewisser Klassiker der schönen Literatur: sie sind berühmt, aber beinahe unbekannt; man kennt den Namen, aber man liest sie nicht. Und doch hat für jene, wie für diese Lessings berühmte Mahnung ihre Berechtigung: 'Wir wollen fleißiger gelesen und weniger erhoben sein.' - Diese Unbekanntheit hat ihre guten Gründe. Bei uns in Deutschland stammt sie zunächst daher, daß alle bisher beschriebenen Kk.en einer fremdsprachigen, der englischen Fachliteratur angehören. Aber das reicht nicht aus zur Erklärung; denn zahllose Beobachtungen metapsychischer Natur aus fremdem Schrifttum sind heute dem deutschen Leser wohlvertraut. Von den Kk.en dagegen kann man sagen, daß sie von allen Arten metapsychischen Geschehens wohl auch in ihrem Ursprungslande vergleichsweise am wenigsten genau gekannt sind. Die Erklärung hierfür liegt darin, daß keine andre Gattung übernormaler Vorgänge so verwickelt und darum auch in der Darstellung so schwerverständlich ist, wie diese Kk.en. Selbst ein Kenner der Metapsychik vom Range Richets mußte sich von einem Ebenbürtigen - Sir Oliver Lodge - sagen lassen, daß er das Wesen der Kk.en 'vollständig mißverstanden' habe(!), und der Kritiker durfte hinzufügen, daß 'andere hervorragende Personen außerhalb Englands' es ebenfalls nicht erkannt hätten.1 Wenn aber das am grünen Holz geschieht, was dürfen wir vom dürren erwarten? Werden selbst Fachleute durch das Wirrsalhafte dieser Vorgänge abgeschreckt oder ermüdet, wie soll man hoffen, dem Außenstehenden Geschmack an ihrer bezwingenden Problematik abzugewinnen ? Ich werde in einem Werk, das auch sonst durchweg sehr große Ansprüche an die Mitarbeit des Lesers stellt, wenigstens in der Darbietung der Tatsachen nur wenig über die üblichen knappen Maße hinausgehn können. In einer Aufsatzreihe der Ztschr. f. psych. Forsch, habe ich vor Jahren einer theoretischen Erörterung der Kk.en - fünfzehn Beispiele sehr verschiedenen Umfangs vorausgeschickt. Hier darf ich nur eine Auslese des dort Gebotenen geben und muß den gründlicher Kenntnisbegierigen an jene Quelle verweisen. Dagegen wird die Theorie auch hier eine leidlich eingehende Behandlung fordern. Ehe ich aber beginne, muß ich den Leser bitten, sich mit Geduld und gutem Willen zu wappnen. Er möge bedenken, daß jedes Mundgerechtmachen schließlich seine Grenzen findet und daß es hier um eine Aufgabe geht, vor deren Schwierigkeiten sich schon erlauchtere Geister einfach 'gedrückt' haben.2 Es ist das mühsamste Kapitel dieses Buchs, an das wir jetzt herangehn, aber auch eins der merkwürdigsten und wichtigsten. - 1) Pr XXXIV 841. 2) S. z. B. Riebet 136. 106 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Mit einer genaueren Begriffsbestimmung der Kk.en brauche ich mich nach allem schon Gesagten nicht lange aufzuhalten. Mehrere Medien äußern - durch Transrede, Trans- oder automatische Schrift - gewisse meist 'literarische' Inhalte, zwischen denen sich nachträglich eine innere Bezogenheit feststellen läßt; und zwar handelt es sich dabei selten um teilweise, noch seltener um völlige Identität der Inhalte; weit häufiger spielen, wie schon angedeutet, die Äußerungen in einander ergänzender Weise um eine gemeinsame Hauptvorstellung oder Gruppe von solchen herum, auf die sie alle abzuzielen scheinen. Was wir in solchen Fällen erhalten, ist also 'eine bruchstückweise Äußerung in der einen Schrift, die keine besondere Pointe oder Bedeutung zu haben scheint, und eine andre bruchstückhafte Äußerung von gleicher Sinnlosigkeit in der andern; fügen wir aber die zwei zusammen, so sehen wir, daß sie einander ergänzen und daß beiden ein Vorstellungszusammenhang zugrunde liegt, der nur teilweise in jeder einzelnen zum Ausdruck kommt.'1 Man unterscheidet hiernach einfache und komplementäre Kk.en, wobei offenbar die ersteren am ehesten als Ergebnis einer unmittelbaren Vorstellungsübertragung zwischen den einzelnen Medien aufgefaßt werden könnten; während die letzteren einen gewissen Plan der Anlage und Verteilung vorauszusetzen scheinen, von welchem sich doch im Bewußtsein der Beteiligten keine Spur entdecken läßt. Bekanntlich aber wird ein solcher Plan auch innerhalb der Schriften selbst behauptet, und als seine Erfinder und Betreiber treten, wiederum in den Schriften selbst, gewisse verstorbene Mitglieder der Ges. f. ps. F. auf, die, wie gesagt, mit diesen Kk.en angeblich einen besonders starken Beweis ihres Fortlebens und -wirkens zu liefern suchen. Das Recht dieser Behauptungen zu prüfen, wird natürlich die eigentliche Aufgabe sein, deren Lösung wir hier zusteuern. - Um übrigens zunächst den Begriff der Komplementarität ein sich zu veranschaulichen, schicke ich ein Beispiel voraus, das nicht den englischen literarischen Kk.en entnommen ist, vielmehr wahrscheinlich eine Nachahmung des hier berühmt gewordenen Grundrisses mit wesentlich einfachem Mitteln darstellt. Es ist jedenfalls eigenartig genug, um seine Einschaltung hier zu verdienen. Am 3. März 1928, während das uns bekannte Medium Margery2 sich in der Chestnut-Str. Nr. 70 in Boston befand, traten in der Lime-Str. Nr. 10 daselbst fOnf Herren und eine Dame zu einer Sitzung zusammen. Capt. X. hatte eine Anzahl Karten mitgebracht, auf deren jede von verschiedenen (nicht anwesenden) Personen je eine Zeitungsanzeige geklebt worden war, worauf alle Karten von einer weiteren Person unbetrachtet in einen 1) AI. Johnson in Pr XXI 375. 2) Frau Dr. Crandon-Boston. Experimentelle Entsprechungen der Ges. j. psych. Forschung 107 Kasten verschlossen worden waren. Kein Mensch in der Welt kannte also mehr als eine Karte, und die einzelnen Wissenden waren weitentfernte Unbeteiligte, die von dem Sinn und Zweck des Versuchs keine Ahnung hatten. Nachdem der Zirkel im Dunkeln Handkette gebildet hatte (man ffihlte alsbald den bekannten kalten Lufthauch), mischte der anwesende Mr. Brown nochmals die Karten in dem verschlossenen Kasten durch Schütteln, entfernte den Deckel, zog eine Karte und übergab sie nach einigen Sekunden einem anderen Herrn (A. R. Crawford von der Chicago-Universität), der sie, mit der Kante nach oben, über die Mitte des Tisches hielt, wobei er seine Hand 'eisig kalt' und sich selbst leicht schwindlig werden fühlte. Etwa um 9.15 hörten alle Anwesenden fünf Klopftöne in dem l e e r e n Kabinett,1 mit einem kleinen Zögern zwischen dem dritten und vierten. Mr. Crawford steckte darauf die Karte in die Innentasche seines Rockes. - Um die gleiche Zeit saß Margery in der Chestnut-Str. Nr. 70 (ohne Trans) in Gesellschaft von 13 Herren und Damen. Um 937 zeichnete sie (wohl unter innerem 'Antrieb') ein Bild von drei rauchenden Zigaretten, vier unangezündeten Zigaretten, sowie eine rechteckige Figur (genau in der Größe einer gewissen Art von Zigarettenpackungen). Darunter schrieb sie: 'Ha ha, der Scherz ist gegen den Capt. [X]. Einer der Buchstaben ist vom Worte abgefallen.' Auf einem zweiten Blatte: 'El. El. Und ich habe gefunden, worum ich marschierte. El.' Dann auf drei weiteren Blättern: 'John berichtet, des Richters Fuß sei wieder in Ordnung. [Richter Gray hatte Tags zuvor seinen Fuß verstaucht.] Fragen Sie Ihre Freunde, warum sie die Tiere durcheinandermischen. Eine Rose, wie immer benannt, würde ebenso süß duften, Capt. Ha ha. W[alter] S[tinson].* 5 Klopftöne - 5 Klopftöne. - Es ist, wie er sagte: der Navy-Gummi ist schlecht - Hallo und adieu - Sie werden den fehlenden Buchstaben im Kasten finden. W. S. S. Atta Boy.' - In der Tat war, wie man fand, auf die von Mr. Brown gewählte Karte eine farbige Anzeige geklebt, welche ein Paket der (in Amerika anscheinend viel gerauchten) Camel-[Kameel-]Zigaretten abbildete, aus welchem oben drei Z i g a r e t t e n hervorstachen. Oben darübergeklebt war ein anderer Zeitschriftausschnitt mit dem Bilde einer kleinen Katze, unter dem Kameel- Bilde dagegen ein Papierstück mit den beiden Buchstaben C.A. Zwischen diesen beiden war offenbar ein angeklebt gewesener Buchstabe abgefallen, und in dem Kasten, der die übrigen Karten enthielt, fand sich in der Tat ein einzelner Buchstabe (T). - Ebenfalls um die gleiche Zeit saß G. Valiantine, das bekannte Medium, in New York (375 km von Boston entfernt) und zeichnete ein Zigaretten-Paket mit zwei daraus hervorstechenden Zigaretten, worüber er schrieb: 'C.A.' sowie 'Ich bin marschiert C. A.' - Endlich saß, auch etwa gleichzeitig, in Niagara-Falls (675 km entfernt) Dr. Hardwicke in Trans, von dem (aufgegeben um 9.52) die drahtliche Mitteilung einlief: 'M Punkt Camel Eindruck.' Es betätigte sich mithin in diesem v i e r t e i l i g en Experiment ein Wesen, welches nicht nur auf übernormale Weise die von Mr. 1) einem abgeschlossenen Kastenraum im Rücken des Mediums. 2) Der verstorb. Bruder des Mediums Margery. 108 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Brown gezogene Karte in Erfahrung brachte (einschließlich des abgefallenen Buchstabens, um den nicht einmal der Verfertiger der Karte wußte), sondern auch ein Bewußtsein davon in komplementärer Form durch die drei räumlich entfernten Medien bekundete. Das Stichwort 'Camel' verteilte es, indem es durch Valiantine CA, durch Hardwicke M, und durch Margery EL zur Äußerung brachte. Außerdem verteilte es auf Margery und Valiantine den Satz 'Ich bin marschiert / und ich habe gefunden, worum ich marschierte', einen Satz, der offenbar Bezug nimmt auf die in Amerika bekannte Reklamezeile 'Ich würde eine Meile marschieren um eine Camel-Zigarette'. Was die Frage nach der Identität jenes Wesens betrifft, so ist zu bedenken, daß Margery, wohl das 'stärkste' der beteiligten Medien, zur Zeit des Versuches wach war und in einer größeren Gesellschaft sich heiter plaudernd unterhielt. In der Lime-Str. war ein anerkanntes Medium überhaupt nicht anwesend, es sei denn, man berufe sich darauf, daß Walter häufig eine 'psychische' Veranlagung des am dortigen Zirkel teilnehmenden Mr. Dudley behauptet hatte. 'John', der über des Richters Gray Wiederherstellung berichtete, hatte, wie wir erfahren, in Niagara-Falls den Verletzten, der mit Dr. Hardwicke 'saß', selbst nach seinem Befinden gefragt; doch wird er anscheinend von 'Walter' in der dritten Person als Bote eingeführt. Dr. Richardson ist der Meinung, daß in solchen Versuchen sich Walter wirkungsmäßig von allen medial Beteiligten hinreichend absondere, um als selbständige Persönlichkeit aufgefaßt werden zu können.1 Dagegen macht Barnard gegenüber einem verwandten Fall der Margery-Valiantine-Experimente geltend, daß die unbeschränkte Ausübung hellseherischer und telepathischer Fähigkeiten der beteiligten Medien zur Deutung genüge.2 Ehe ich zu diesem Streit der Meinungen das Wort ergreife, will ich nunmehr zunächst einige Proben der 'klassischen' oder literarischen' Kk.en vorlegen, in denen, wie man sehen wird, die Komplementarität sehr viel verwickeitere Formen annimmt, als in diesem schlichten Zusammensetzspiel von Ca + M -f- El = Camel. a. Tatsachenschau 1. Ein hübsches Beispiel einer inhaltlich und zeitlich sehr knapp gefügten und dabei doch offenbar komplementären Kk. zu Dreien ist das folgende.3 Am 6. Oktober 1906 schrieb Miss H e l e n Verrall automatisch (in Bashley, Grafschaft Hants, also nicht im Hause ihrer Mutter, der Professorin Verrall): Die Stimme eines Rufers . . . Behalten Sie das Wort und das Datum im Gedächtnis. Karthäusermönche je zwei und zwei die langen schwarzen Kutten und die Kerzen und die [heiligen] Bilder die strahlende Sonne 1) PsSc VII142 fl. (auch ZP 1929 8 ff.) 2) Barnard 232 t. - Eine Erörterung dieser Versuche unter dem Gesichtspunkt der Konstrulerbarkeit groben Betrugs s. Pr XXXVIII 399 fl. (Th. Besterman!). 3) Pr XXIV 211 ff. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 109 und die gaffende Menge sie wird sich erinnern, [griech.:] aber wenige sind die Eingeweihten. Am 10. Oktober, nachdem Miss Verrall nach Cambridge zurückgekehrt war, aber ehe irgend jemand diese Schrift gesehen, schrieb ihre Mutter: Sehen Sie Savonarola ganz in schwarz gehüllt zu je dreien kamen sie herein, bis der Platz erfüllt War. Am 11. Oktober zeigte Miss V. ihre Schrift vom 6. der Mutter, welche sogleich eine Verknüpfung zwischen den beiden automatischen Äußerungen zu sehen vermeinte und dies ausführlich niederschrieb: beide Schriften bezögen sich ihrer Auffassung nach auf Savonarola, den 'einsamen Rufer', sowie auf die bekannte Prozession, die unter seiner Führerschaft am Weihnachtstag des Jahres 1497 den großen Platz in Florenz betrat und umkreiste. Die 'Karthäuser' tragen weiße Kutten; Helen V.s Schrift würde hiernach mit der Erwähnung 'schwarzer Kutten' noch andere Mönche außer den Karthäusern als Teilnehmer an der Prozession bezeichnen. Diese Prozession wird u. a. in dem bekannten George Eliotschen Romane 'Romola' beschrieben: ein Florentinischer Jüngling mit dem Bilde des Heilands eröffnet sie; dann folgen, in weißen Kutten, die reformierten Benediktiner (wahrscheinlich Karthäuser); dann die Franziskaner in grau; darauf, in schwarz, die Augustiner von San Spirito; femer die Karmeliter und Dominikaner; schließlich, wieder in schwarz, die Serviten. Hinter den Orden schreitet, in abgetragenerem Mantel, Savonarola, und den Schluß des Aufzugs macht ein Bild der Madonna. Unterdessen hatte, zeitlich zwischen diesen beiden Schriften, nämlich am 8. Oktober, Mrs. Holland folgendes geschrieben: Fragen Sie seine Tochter nach dem Traum - graue Mönche einer längstvergangenen Zeit - 'Seine Tochter' bedeutet bei Mrs. Holland, die sich sehr häufig auf Dr. und Mrs. Verrall bezieht, unzweifelhaft Miss Helen Verrall. Dieser Satz deutet also ein Bewußtsein davon an, daß eine Kk. im Gange sei, und dem entspricht in Miss V.s Schrift der Satz: 'Behalten Sie das Wort und das Datum im Gedächtnis.' Von Mrs. Verrall wird uns kein ähnlicher Ausdruck berichtet; aber ihre Schrift ist die zeitlich letzte der drei. Im übrigen liegt eine gewisse komplementäre Eigenart dieser Zug tun Zug innerhalb 5 Tagen abgelaufenen Kk. auf der Hand. Alle drei Schriften spielen auf die Savonarola-Prozession, sehr möglicherweise auf ihre Beschreibung in einem bekannten englischen Roman an; aber jede von ihnen hebt andere Einzelheiten derselben heraus: Nr. 1 110 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung - Karthäuser in Paaren und andere Mönche in schwarz, Kerzen und Bildet, die Zuschauer, das Wetter; Nr. 2 - die grauen Mönche; Nr. 3 - die Dreierreihen der Prozession sowie ihre Hauptgestalt: den berühmten Prediger und Propheten von S. Markus. 2.1 Drei Medien waren an dieser Kk. beteiligt, und ihr Ablauf fiel in die vergleichsweise kurze Zeit von drei - man könnte sogar sagen: zwei Wochen (wenn man nämlich von einer nachträglichen Erwähnung des Stichworts durch Mrs. Piper absieht). Ich gebe diesmal die Anteile der drei Beteiligten gesondert und gleich mit den nötigen Erläuterungen versehen wieder, ohne Rücksicht auf ihr zeitliches Ineinandergreifen. Zunächst Mrs. Piper. Diese äußerte am 17. April 1907 während des Zusichkommens2 u. a. folgende, offenbar größtenteils an den von ihr 'gesehenen' Kommunikator gerichteten Worte: Sprechen Sie sehr langsam. Hallo, ich freue mich, Sie zu sehen. Was ist es [was Sie mir sagen wollen]?... Ich weiß nicht [was das bedeutet]. Sanatos. Sehen Sie - S T [Dies deutet wohl auf eine empfangene Belehrung: nicht S sondern T sei der richtige Anfangsbuchstabe. In der Tat sagt Mrs. Piper nunmehr:] Tanatos. Ich sage es [schon], danke Ihnen [für die Belehrung] Mr. Gewiß ... Rector, Myers, wovon reden sie?... 'Thanatos' ist das Griechische für 'Tod', von Engländern mit einer Annäherung an das scharfe S im Anfangsbuchstaben ausgesprochen; daher die anfängliche falsche Wiedergabe. Wir ersehen daraus, daß das Wort dem halbwachen Medium in klanglicher Form übergeben wird. - Am 23. April, ebenfalls in der Phase des Erwachens, äußerte Mrs. Piper u. a. folgende Worte: Das ist Mr. Hodgson Ja, ich will es weitergeben addio. Davis (?) [vielleicht auch schon eine Annäherung an 'Thanatos'?] ist all right. Darf ich Oh! Mr. Myers. Darf Ich komme wieder addio Buch Thanatos - Es wird dunkel [d. h. der Zustand nähert sich der 'Wirklichkeit'] Ich mag es nicht. Ich will nicht hierher kommen. Am 30. April, im gleichen Zustande: Erfreut, daß jemand da ist. Thanatos, Thanatos. Freue mich, daß ich - Thanatos... Am 7. März, ebenso: Ich wünsche zu sagen Thanatos. [Hier war die Beziehung auf 'Myers' offenkundig.] Soweit das amerikanische Medium, das sich zur Zeit in London aufhielt Nun zu Mrs. Holland, zu jener Zeit, wie meist, in Indien 1) X X I I 295 fl. 2) Vgl. o. S. 33. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 111 lebend. Am 16. April 1907, also einen Tag vor der ersten Äußerung von 'Thanatos' durch Mrs. Piper, schrieb jene u. a. folgendes: Maurice [sprich Moris] Morris. Mors. Und damit fiel der Schatten des Todes auf ihn und seine Seele entfloh aus seinen Gliedern. Die angenehmste Empfindung, deren ich mir zuerst [offenbar: nach dem Tode] bewußt wurde, war, daß ich nicht mehr taub war. 'Mors' ist das lateinische Wort für Tod. Wie 'Thanatos' wird es als Einzelwort dargeboten, und wie dieses scheint es dem Medium auf dem Wege über klangliche Verwandtschaften bewußt zu werden: hier Maurice - Morris - Mors, dort Sanatos - Tanatos - Thanatos. Mrs. Hollands Schrift war am Schluß gezeichnet mit den Initialen 'eines Verstorbenen, den sie nur dem Rufe nach gekannt hatte'. Wer es war, wird uns nicht gesagt; ich schließe daher auf Prof. Henry Sidgwick, der, wie ich zu wissen glaube, im Leben schwerhörig gewesen war und häufig als Kommunikator der Hollandschen Schrift auftrat. Das dritte beteiligte Medium war Mrs. Verrall, und ihre hierhergehörige, sehr merkwürdige Schrift fiel auf den 29. April. An diesem Tage, also einen Tag vor der vorletzten Erwähnung von 'Thanatos' durch Mrs. Piper, schrieb Mrs. Verrall, die übrigens bei jener Sitzung vom 30. September (nicht aber bei den vorausgegangenen) zugegen Mar, u.a. folgendes: Wärmte beide Hände am Feuer des Lebens. Es verlischt und ich bin bereit zu gehen. (Zeichnung eines ruhenden Dreiecks oder griechischen Delta.) [Latein.:] Gebt Lilien mit vollen Händen. (Wahrscheinlich Zeichnung eines Treff-As.) [Engl.:] Zeichen - Der Fluß Nil (Kleines Dreieck, A) Daisy. Komm hinweg komm hinweg [Latein.:] Der bleiche Tod [*] mit gleichem Fuß die Hütten der Armen und die Türme der Reichen Fügen Sie ein schlägt (pulsai) [offenbar bei [*] Ein andermal will [oder: wird] helfen Leben Sie wohl. Aber Sie haben das Wort überall deutlich geschrieben in Ihrer eigenen Schrift. Blicken Sie zurück. Diese Schrift wurde von Mrs. Verrall selbst sogleich als Ausdruck des Begriffes 'Tod' aufgefaßt. Die ersten beiden Zeilen sind ein Zitat aus Walter Savage Landor und drücken Todesbereitschaft aus. In dem "Dreieck' oder Delta' erblickte Mrs. Verrall ein Todessymbol insofern, als sie es (gemäß einer früheren, wahrscheinlich irrigen Belehrung) als Wiedergabe der Inschrift auf den zum Tode verurteilenden Abstimmungstäfelchen der Griechen auffaßte. 'Nil' wäre dann wohl eine bloße Gedankenverknüpfung (des Unterbewußtseins?) zu "Delta'. Die Worte betreffs "Lilien' stammen aus dem 6. Buch der 'Aeneis' des Vergil: an jener Stelle sagt Anchises den frühen Tod des Marcellus, Neffen des Augustus, voraus und fordert Lilien und lichte Blumen zum 112 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Bestreuen der Leiche. Das Treff-As ist wahrscheinlich eine Anspielung auf R. L. Stevensons 'Selbstmörder-Klub', in welchem der Mann, der Pique-As zog - das 'Zeichen des Todes' (vgl. o. 'Zeichen') - von dem, der das Treff-As zog, getötet werden mußte. - Was 'Daisy' anlangt, so vermutet Piddington feinsinnig, daß der Vergilsche Marcellus den Marcellus im 'Hamlet' aufgerufen habe, damit aber das Bild der sterbenden Ophelia, die sich ,u. a. mit daisies - Maßliebchen - schmückt, damals auch 'Toteiiiinger' genannt. Auf alle Fälle sind die nächsten Worte TComm hinweg, komm hinweg [Tod]' ein bekanntes Shakespeare-Zitat aus einem Gedicht, dessen zweite Strophe ebenfalls vom Streuen von Blumen auf einen schwarzen Sarg redet. Das nachfolgende Latein ist ein bekanntes Zitat aus der 4. Ode im 1. Buche des Horaz. (Von den Bestandteilen dieser Schrift waren übrigens das Zitat aus der Aeneis und das A höchstwahrscheinlich (sinnverwandte!) Zutaten des Mediums selbst: das erstere hatte sie einen Tag zuvor in der Danteschen Ubersetzung (Purgatorio XXX) gelesen.) Auffällig ist, daß das Wort 'Tod' in dem sehr bekannten Shakespeare-Zitat ausgelassen und - anscheinend - eben dadurch besonders betont wird. Zusammenfassend läßt sich also sagen: Am 16. April, um 1,30 Greenwicher Zeit, schreibt Mrs. Holland in Kalkutta 'Mors' und zwei Sätze, die mit 'Tod' zu tun haben; am Tage darauf beginnen die Äußerungen von 'Thanatos' durch Mrs. Piper; am 29. kreist Mrs. Verralls Schrift ausgiebig um die Vorstellung 'Tod', und am Tage darauf wiederholt Mrs. Piper nochmals 'Thanatos'. Ein gewisses komplementäres Element ist auch hier kaum zu verkennen: Mrs. Piper, gänzlich ohne Kenntnis des Griechischen, empfängt das griechische 'Thanatos'; Mrs. Holland, welche kein Latein kennt, das lateinische 'Mors', - beide auf dem Wege über klangliche Annäherungsformen. Mrs. Verrall deutet die gleiche Vorstellung feist nur auf dem Umweg über Zitate und sonstige Assoziationen an; schreibt zwar das Wort mors in einem Horaz-Zitat nieder, vermeidet aber das englische death wie absichtlich in einem der vertrautesten dieses Wort enthaltenden Shakespeare-Zitate.1 Mrs. Piper setzt den Schlußstrich darunter durch nochmalige Wiederholung des griechischen Stichwortes. 3.2 Die folgende Kk. zeigt deutlich komplementäre Eigenart, insofern sie die Strophen eines kurzen Gedichts auf die beteiligten Medien verteilt, und zwar die eine wörtlich anführt, die andere nur dem Sinne nach umschreibt. - Am 16. März 1908 schrieb Miss Helen Verrall: 1) Vgl. G. Balfour: XXV 52 f. 2) XXIV 297 ff. Experimentelle Entsprechungen der Ges.j.psych.Forschung 113 La vie est brève un peu d'espoir un peu de rêve et puis bonsoir ["Kurz ist das Leben - ein wenig Hoffnung - ein wenig Traum - und dann: gutnacht.' - Dies ist die zweite Strophe eines zweistrophigen Gedichts von Victor Hugo.] Das Ende der Geschichte. Wie eine hochrotblättrige Rose die Rose von Saron Als der Beweis gesucht wurde, sagte er ihnen, daß das einzige Mittel, ihn zu erlangen, darin läge: in dem Versuch auszuharren, die Verknüpfung zu erweisen. - Gautier und Hugo diese zusammen Bilder die verglichen werden müssen. - Falls es nicht möglich ist, diese zwei Seite an Seite zu setzen, wird keine Gelegenheit gegeben sein . . . (Zeichnung einer Blume) beachten Sie diese Blume. Hiermit soll ein Teil der Schrift der Miss 'Mac' und ihrer Genossen vom 27. Juli 1908 verglichen werden. Diese Schrift bestand offenbar aus mehreren Teilen, deren jeder sich als Bestandstück von Kk.en erwiesen hat, und jeder dieser Teile begann mit dem Namen 'Sidgwick' - d. h. dem des angeblichen Erzeugers zahlreicher Mac-Schriften. Der uns hier angehende Teil lautet: Sidgwick. Eitelkeit der Eitelkeiten alles ist eitel. Ein wenig Liebe und dann welkt die Freude und die Rose wird zerknittert und verschrumpft - fan e [auf die Frage der Schreibenden, was dies Wort bedeute, kam die Antwort:] französisch [und ein Akzent wurde über das e gesetzt: fané = verwelkt.] Blutende Herzen können nicht gestillt werden und die Stimme des Todes erschallt durch das Hirn mit widriger Eintönigkeit - Sidgwick - hohl und tödlich eitel ist das Leben ohne Sinn. Als Mrs. Verrall diese Schrift zu Gesicht bekam, wurde sie sogleich ein die erste Strophe jenes kleinen Hugoschen Gedichts erinnert, von dem die zweite vier Monate zuvor in der automatischen Schrift ihrer Tochter erschienen war. Jene erste lautet nämlich: La vie est vaine, un peu d'amour, un peu de haine et puis bonjour! (Das Leben ist eitel, - ein wenig Liebe, - ein wenig Haß - und dann lebwohl.) Die Anspielungen hierauf in der Mac-Schrift liegen allerdings auf der Hand. 'Ein wenig Liebe' übersetzt die zweite Zeile wörtlich, 'eitel ist das Leben' - die erste; außerdem geben in den englischen Schriften die Worte fane und brain den einen der beiden Reime des Gedichts an. - Nun war das Hugosche Gedicht sowohl Miss Verrall als auch den M a t t i e s e o , Das persönliche Überleben II 8 114 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Macs bekannt; daß es in ihren Schriften erschien, wäre also an sich nicht erstaunlich. Das bemerkenswerte liegt aber darin, daß, wie gesagt, die eine Schrift die erste, die andre die zweite Strophe anführt bzw. timschreibt; sodann, daß in der einen Schrift die Worte 'das Ende der Geschichte' andeuten, die zweite, abschließende Strophe sei absichtlich gewählt worden. Überdies wurde deutlich darauf hingewiesen, daß eine Kk. beabsichtigt sei: denn falls es nicht gelänge, 'diese zwei Seite an Seite zu setzen', würde eine 'Gelegenheit' verpaßt. Auch die Worte 'Als der Beweis gesucht wurde usw.' in der Helen-Verrall-Schrift deuten auf die gleiche Absicht hin: es gilt offenbar, eine 'Verknüpfung zu erweisen'. Endlich wird wohl der Gedanke an zufällige Übereinstimmung dadurch ausgeschlossen, daß beide Schriften - und zwar die erste mit Betonung - den Begriff Hose' (bzw. 'Blume') einfügen, der an sich keine Verknüpfung mit dem Gedichte hat. Es könnte vielleicht bedenklich erscheinen, daß der zeitliche Abstand zwischen den beiden als zusammengehörig bezeichneten Schriften mehr als vier Monate betrug. Indessen lehrt uns genauere Bekanntschaft mit dem Ablauf von Kk.en immer wieder, daß wir 'irdische' Zeitmaße nicht allzu streng auf sie anwenden dürfen. Und zwar entnehmen wir das Recht auf Weitherzigkeit in ihrer Anwendung nicht etwa dem Umstände, daß nur dann sich Verwandtschaften unter Schriften (künstlich!) herstellen lassen, sondern der Selbstdarstellung dessen, was wir als die "Regie' oder 'Leitung' der Schriften immer besser kennen lernen werden; und ich will diesen Punkt hier ein für allemal klarstellen, um Einwendungen auf Grund der Tatsache größerer Zeitabstände auszuschließen. So schreibt z. B. Mrs. Holland am 2. März 1910 den an sie selbst gerichteten Vorwurf zweier ihrer Kommunikatoren nieder: 'Haben Sie acht, daß Sie den Versuch, Latein zu schreiben, nicht mißverstehen - aber Sie kommen immer zu spät [und] haben es [dann] mit den Rückständen von Monaten zu tun - beide Mitwirkende senden dies - F. W. H. M[yers] R.Hfodgson].'1 - Und was die 'Leitung' zu wissen vorgibt, das zeigt auch die Beobachtung von außen als Tatsache. Ein Beispiel: Mrs. Hollands Beiträge zur folgenden Kk. - 'Sesam und Lilien' - traten zutage, nachdem sie längere Zeit, vom 11. März bis zum 25. November 1908, fast garnicht, nämlich nur ein einziges Mal (am 23. Juli) geschrieben hatte. Nach dem 25. November schrieb sie wieder durchschnittlich einmal in der Woche und erzeugte bis zum 14. April 1909 insgesamt 20 Schriften, worin Kk.en mit Piper-Äußerungen aus den Monaten März bis Mai 1908 entdeckt wurden. 'Es sieht so aus', sagt Miss Johnson, 'als ob Mrs. Holland, 1) XXV 243. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 115 als sie ihr Schreiben wieder aufnahm, die Stoffe aufzulesen begann, die einige Monate zuvor von den andern Medien behandelt (aber natürlich damals noch nicht veröffentlicht) worden waren; denn die Verknüpfungen, die darauf zutage traten, erscheinen zu zahlreich, um auf Rechnung des Zufalls gesetzt zu werden.'1 Die Tatsache des verspäteten sinnlichen oder motorischen Abreagierens einer übernormalen Beeindruckung ist wohlbekannt und genügt augenscheinlich, um - unter jeder denkbaren Theorie - die Eigenart jener zeitlichen Verhältnisse zu erklären. - 4." Unter den Kreuzkorrespondenzen etwas größeren Umfangs zeichnen sich wenige in solchem Maße durch Klarheit und Knappheit der inhaltlichen und zeitlichen Beziehungen aus, wie die unter dem Stichwort 'Sesam und Lilien' veröffentlichte. Vier Medien - falls wir die 'Mac'- Gruppe als Einheit fassen - waren an ihr beteiligt, von denen nur eins (Mrs. Holland) aus den eben dargelegten Gründen zeitlich beträchtlich nachhinkte; während die übrigen ihre Zusammengehörigkeit nicht nur inhaltlich zu erkennen gaben, sondern - in besonders dramatischer Weise - durch den in der Mac-Schrift enthaltenen Auftrag ihrer Übersendung an die andere Hauptbeteiligte bis zu einem festgesetzten Tage, der sich für die Erkennung der Kk. als besonders bedeutungsvoll erwies.(r) Am 27. Juli 1908 lieferte die Mac-Gruppe eine Schrift, in der die uns hier angehenden Worte kurz folgendermaßen lauteten: Sidgwick. Sesam und Lilien. Dies nun ist der Titel eines in England sehr bekannten Buches des Moral- und Kunstphilosophen John Ruskin, über welche beide zunächst einige Worte gesagt werden müssen. - Im Jahre 1864 hielt Ruskin in Manchester zwei Vorträge, die er unter dem genannten Titel in braunem Leinenband herausgab. Der erste Vortrag war überschrieben: 'Sesam. Von Schatzkammern der Könige', der zweite: 'Lilien. Von Gärten der Königinnen,' und jeder von ihnen trug ein Motto in griechischer Sprache. Das erstere dieser Mottos bestand aus Teilen des 5. und 6. Verses des 28. Kap. des Buches Hiob, nämlich: 'Aus derselben [der Erde] kommt Brod . . . und Goldstaub', das zweite entstammte dem Hohenlied Salomonis (2, 2): 'Wie eine Rose unter Dornen, so ist meine Freundin ...' Im Jahre 1871 erschien eine zweite Ausgabe der beiden Vorträge in blauem Ledereinband mit blinder Pres- 1) XXIV 319. 2) XXIV 270 fl. 317 f. 319 ff. 3) XXIV 267 f. 8* 116 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung sung auf dem Deckel und goldenem Titeldruck auf dem Rücken. In dieser Ausgabe war der Inhalt um einen weiteren Vortrag vermehrt und die griechischen Mottos aus der Bibel waren durch zwei andere in englischer Sprache ersetzt; von diesen stammte das erste aus Lukians Tischer' und lautete: 'Ihr sollt ein jeder einen Kuchen aus Sesam haben - und zehn Pfund'; das zweite aus Jesaja (35, 1): 'Aber die Wüste und Einöde wird lustig sein, und das dürre Land wird fröhlich stehen, und wird blühen wie die Lilien . . . ' Alle späteren Ausgaben behielten diese englischen Mottos bei, ausgenommen diejenige in der billigen 'Jedermanns Bücherei' (vom Jahre 1907), welche zu den früheren griechischen Mottos zurückkehrte; doch ist diese natürlich nicht in blaues Leder gebunden. Hält man sich diese Angaben über die einzelnen Ausgaben des Buches vor Augen, so entdeckt man Anspielungen auf dasselbe in noch zwei weiteren Mac-Schriften, die derjenigen mit der Nennung des Titels vorausgingen. Am 19. Juli 1908 nämlich schrieb die Mac-Gruppe: Wo ist die kleine blaue Vase mit den Lilien die bei Sarons tauiger Rose wachsen... Forschet in der Schrift, so wird sich der Staub in feines Gold wandeln. Am 26. Juli: Ein blaues Buch in blauem Leder mit Vorsatzpapier und goldener Pressung. Genaueste Erwägung ergibt, daß der Schlußsatz der ersten dieser Schriften mit keinem Bibelvers soviel Wortverwandtschaft zeigt, wie eben mit Hiob 28,6 (zumal in der englischen Übersetzung), d.i. mit dem (griechischen) Motto des ersten Ruskinschen Vortrags. Aber auch die Worte 'Forschet in der Schrift' passen besonders gut auf den ersten der beiden Vorträge; denn in ihm dringt Ruskin immer wieder auf genaues Erwägen1 des geschriebnen und gedruckten Wortes beim Lesen und erläutert diese Vorschrift mit Beispielen aus 'der Schrift', d. i. der Bibel: nur so könne Lesen Vorteil bringen, nur so 'ein Korn des Metalls' gewonnen werden. Man kann Ruskins ersten Vortrag geradezu in die Worte der Mac-Schrift zusammenfassen: Forschet in der Schrift, so wird sich der Staub in feines Gold wandeln. - Was aber den e r s t e n Teil der Mac-Schrift vom 19. Juli anlangt, so spielt er augenscheinlich auf den ersten Vers des 2. Kap. des Hohenliedes an: 'Ich bin die Rose zu Saron und die Lilie im Tal', den Vers also, der dem zweiten Motto des Ruskinschen Buches unmittelbar vorausgeht. Die Eingangsworte 'Wo ist die kleine blaue Vase' sind damit noch unerklärt: man hält sie am besten mit der zweiten Mac-Schrift (vom 26. Juli) 1) examlnatlon. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 117 zusammen. In dieser wird eine Buchausstattung mit vorwiegendem Blau geschildert, die - trotz geringfügiger Abweichung - sehr wohl auf die zweite, in blaues Leder gebundene Ausgabe von Ruskins 'Sesam und Lilien' zutrifft. Offenbar aber können wir dann die 'blaue Vase', welche die 'Lilien' enthält, durchaus als Umschreibung des blauen Buches mit dem 'Lilien' betitelten Vortrag deuten. Was aber jene 'geringfügige Abweichung' der Buchbeschreibung in der zweiten Mac- Schrift von dem wirklichen Aussehn der zweiten 'Sesam'-Ausgabe betrifft, so ist es jedenfalls seltsam, daß sogleich nach jener Buchbeschreibung, als die Macs den Kommunikator fragten, welches Buch denn gemeint sei, die Worte kamen: 'Blind, blind, blind, warum sind eure Augen gebunden1 mit Schwachheit; jedermann hat die seinen...' Ist es zu weit hergeholt, hier ein Bewußtsein der Tatsache angedeutet zu sehen, daß die Pressung des blau 'gebundenen' Buches keine 'goldene', sondern eine 'blinde' war, sowie eine Anspielung auf die letzte Ausgabe desselben Buches in 'Jedermanns Bücherei'? - Bei alledem aber ist noch zu bedenken, daß die Macs die blaugebundene Ausgabe von 'Sesam und Lilien' nicht kannten, sondern eine spätere Ausgabe in grünem Leinen besaßen, welche überdies die englischen Mottos enthält, also nicht diejenigen, auf welche ihre Schrift so deutlich Bezug nimmt. Sie brachten denn auch in keiner Weise ihre Schriften vom 19. und 26. Juli mit Ruskins Buch in Verbindung, da sie von der Verwendung anderer Mottos in anderen Ausgaben ebenfalls nichts wußten. Es gibt auch überhaupt keine Ausgabe des Buches, die blauen Einband und griechische Mottos vereinigt, die beiden Umstände, die doch in den Anspielungen der Mac-Schrift auf das Buch vereinigt worden waren. Dies alles ist seltsam genug, bildet aber natürlich noch nicht eine Kreuzkorrespondenz. Zu dieser fand sich der wichtigste andere Anteil in den leidlich gleichzeitigen Schriften der Damen V e r r a l l , und die Bedeutsamkeit der Tatsache, daß gerade diese die wesentlichsten ergänzenden Bestandteile lieferten, ergibt sich aus dem Umstände (auf den schon angespielt wurde), daß die Mac-Schrift selbst ihre Einsendung an die Verralls forderte, wobei der 26.September als spät e s t e r Tag f ü r ihr E i n t r e f f e n bei diesen festgelegt wurde. Wir werden den Sinn dieser Forderung begreifen, wenn wir uns nunmehr dem Anteil der beiden Cambridger Medien zuwenden. Nach längerer Unterbrechung ihres automatischen Schreibens hatten es Mrs. und Miss Verrall im August 1908 wieder aufgenommen und den 1. September als den Tag bestimmt, an welchem sie zum ersten- 1) bound. 118 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung ¿al ihre beiderseitigen Schriften vergleichen wollten; bei dieser Vergleichung (also 37a Wochen, ehe sie die Mac-Schriften vom Juli erhielten) glaubten sie zu entdecken, daß ihrer beider Schriften vom 19. August sowie Miss Helen Verralls Schriften vom 12. und 22. August offenbar auf den Titel von Ruskins 'Sesam und Lilien' abzielten. Mrs. Verralls Schrift vom 19. August nämlich lautet: • . . Es ist eine literarische Anspielung, die heute kommen sollte. Denken Sie an die Worte Liliastrum Paradies - Liliago nein, nicht das Lilien von Eden - Lilith nein. Evas Lilien alle in einem Garten schön. Versuchen Sie nochmals. Lilien im Winde sich wiegend unter der Gartenwand Lilien, die Bienen erwarten Lilien, lieblich und hoch Dann außer den Lilien ist da noch ein anderes Wort für Sie und für sie - Lilien und ein anderes Wort - sodaß Lilien das Stichwort ist welches zeigt welche Worte zusammenzufügen sind. Und Ihr zweites Wort ist Gold. Denken Sie an die goldenen Lilien von Frankreich. Sie werden einige Zeit auf das Ende dieser Geschichte warten müssen, auf die Lösung dieses Rätsels - aber ich glaube an seinem endlichen Erfolg ist kein Zweifel Der Ihrige [ = 'Myers']. Zur Deutung dieser Schrift, deren Zusammenhang mit den Mac- Schriften sich bereits aufdrängt, sei noch folgendes bemerkt: Paradisia liliastrum ist der botanische Name einer Lilienart, ebenso Liliago. Von dieser ersten Festlegung des Begriffes 'Lilien' gelangt die Schrift über die Mittelvorstellung Taradies' zu Ulith' und 'schöner Garten', lilien. Von Gärten der Königinnen' aber hieß (wie wir wissen) der Titel von Ruskins zweitem Vortrag. Wie die erste Hälfte der Verrall-Schrift sodann auf mannigfache Weise noch weiter 'Lilien' unterstreicht, so betont die zweite deutlich die Absicht einer Kk., die auf lilien' in Verbindung mit einem 'andern Wort' beruhen soll. Dies zweite Wort in der M. Verrall-Schrift ist 'Gold', wobei eine Verknüpfung der beiden Worte lilien' und 'Gold' auch durch die Erwähnung des französischen Königswappens angedeutet wird: 'die goldenen Lilien von Frankreich'. "Gold' aber war, wie wir wissen, der Hauptbegriff im Motto des ersten Ruskin-Vortrages. An dem gleichen Tage nun, dem 19. August, schrieb Miss Helen Verrall: Blau und gold waren die Farben Goldene Sterne auf blauem Grund wie "in Nachthimmel... womit wieder das alte französische Wappen angedeutet ist, indem die goldenen Fleurs-de-lys nicht unähnlich Sternen sind. Wir wissen aber Experimentelle Entsprechungen der Ges. j.psych.Forschung 119 aus vielen Beispielen, daß in Kk.en ein Stichwort nicht selten gerade dadurch hervorgehoben - für den nachträglichen Entdecker der Kk. hervorgehoben - wird, daß es innerhalb eines wohlbekannten Zusammenhangs unerwartet durch ein anderes ersetzt wird; wie liier 'Lilien' durch 'Sterne', welch ersteres die lebenden Ausleser erwarten mochten, nachdem Mrs. Verrall das französische Wappen ausdrücklich erwähnt und ihre Tochter gleichzeitig deutlich darauf angespielt hatte. Daß hier Grund zum Stutzen war, schienen aber auch die Kommunikatoren zu wissen; jedenfalls führten sie in der nächsten Helen Verrall- Schrift nicht nur 'Lilien' in andrer Umgebung und Fassung ein, sondern deuteten auch an, daß etwas Wichtiges an der im Gang befindlichen Kk. noch nicht ganz erfaßt sei. Diese H.V.-Schrift vom 22. August lautet nämlich: Unto this last das war die mitzuteilende Botschaft. Es war auf dem Friedhof wo die Lilien wachsen - ein Ausblick über die Hflgel - blaue Hügel - verliebt in den Tod [ein Halb-Zitat aus Keats] Beachten Sie daß die Worte ein Schlüssel [zur Lösung] sind. Aber Sie haben das Wichtigste von allem noch nicht geschrieben. Aber beeilen Sie sich nicht lassen Sie es von selbst kommen. F. W. H. M[yers]. Das Bewußtsein des Kommunikators, daß der Versuch fortschreite, aber das Letzte, Ausschlaggebende noch fehle, ist hier klar ausgesprochen. 'Unto this last' ist der Titel eines andern Ruskinschen Buches. Dies, in Verbindung mit der Erwähnung von Praeterita, einem weiteren Ruskin-Titel, in der (hier übergangenen) Helen-Verrall- Schrift vom 12. August und mit deutlichen Hinweisen auf lilien und' noch etwas, sowie auf das Bezwecken einer 'literarischen Anspielung' in Mrs. Verralls Schrift vom 19. August, führte letztere unwiderstehlich auf Ruskins 'Sesam und Lilien' als eigentlichen Zielbegriff der Kk., an der ihre und ihrer Tochter Schriften zu arbeiten behaupteten, womit sie ja, angesichts der später von ihr empfangenen Mac-Schriften, vollkommen im Recht war. Wie passend aber die Erwähnung der beiden andern Ruskinschen Werke in den Verrall-Schriften war, erwies sich erst, als Mrs. Verrall, während einer jetzt erst vorgenommenen Beschäftigung mit den verschiedenen Ausgaben von "Sesam und Lilien', in der Vorrede der Ausgabe v. J. 1882 die Worte fand, daß 'Sesam und Lilien', in Verbindung mit 'Unto this last' gelesen, die hauptsächlichen Wahrheiten enthalte, die ich [Ruskin] während meines ganzen vergangenen Lebens [praeterita!] zu entwickeln versucht habe.' Dieser Satz in 'Sesam und Lilien' vereinigt also die drei im Laufe der Kk. erwähnten Titel Ruskinscher Werke, und 'es ist (sagt Mrs. Verrall) so sicher, wie etwas überhaupt sicher sein kann, daß weder ich noch meine Tochter irgendeinen Grund 120 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung kannten, [gerade] diese Titel zu verknüpfen.' Und hier mag noch erwähnt werden, welcherlei normale Kenntnis von den genannten Ruskin- Werken die Damen Verrall überhaupt besaßen. Miss V. hatte niemals 'Sesam und Lilien', 'Praeterita' oder 'Unto this last' gelesen, kannte aber den T i t e l 'Sesam und Lilien'. Mrs. Verrall hatte als Kind (zwischen ihrem 9. und 13. Jahre) 'Sesam und Lilien' in der Ausgabe v. J. 1865 gelesen, welche also die griechischen Mottos aus Hiob und Hohemlied enthält, die sie aber natürlich damals nicht verstehen konnte. Die spätere, in blaues Leder gebundene Ausgabe kannte sie von Ansehn. Von Praeterita kannte sie einen Teil, Unto this last hatte sie nie gelesen, noch auch, wie gesagt, die Vorrede zu 'Sesam und Lilien' in der Ausgabe v. J. 1882 - bis zur Zeit der Kk. Von dem Inhalt der beiden Vorträge hatte sie nur eine 'leidlich gute allgemeine Erinnerung' ohne alle Einzelheiten. Dagegen mag gleich hier noch erwähnt werden, daß Frederic Myers, der angeblich treibende Geist dieser Kk., ein großer Bewundrer und persönlicher Freund Ruskins gewesen war und fraglos eine sehr genaue Kenntnis a l l e r seiner Schriften besaß. Als die Damen Verrall am 1. Sept. ihre Schriften verglichen, erschien es ihnen also klar, daß die gemeinsame Zielvorstellung derselben 'Sesam und Lilien' sei, die aber in gewissem Sinne verfehlt worden wäre. Am 23. September schloß denn auch Miss Verralls Schrift mit den Worten: *Beachten Sie die literarischen Anspielungen, etwas sollte aus ihnen gewonnen werden dadurch, daß sie miteinander verknüpft werden. Der Schlüssel ist da, doch sind verschiedene Einzelheiten verfehlt worden; aber versuchen Sie w i e d e r . . . u n d die Schrift erwähnte abermals 'das Aussäen von Samen' [Sesam ist ja ein Same], 'die Sternblumen und auch die Lilien', und forderte sie auf: 'Blicken Sie zurück - die offene Tür' [keine üble Anspielung auf 'Sesam, öffne dich'!] Auf den 22. Sept. war die nächste Vergleichung der Verrall-Schriften unter einander angesetzt worden, weil die beiden Damen sich am 28. auf längere Zeit zu trennen beabsichtigten. Wir begreifen demnach die Bedeutsamkeit des Umstandes, daß (wie erwähnt) die Mac- Schrift ihre eigene Übersendung an die Damen Verrall bis spätestens zum 26. Sept. forderte; denn in dieser mußten sie die ausdrückliche Festlegung des Kernbegriffs der Kk. finden - 'Sesam und Lilien' -, auf welchen ihre eigenen Schriften in Umschreibungen hingewiesen hatten, wenn auch mit genügender Deutlichkeit, um sie schon vor Empfang der Mac-Schriften auf diese eigentliche Zielvorstellung hinzuführen. Nachdem Mrs. Verrall die Mac-Schrift erhalten hatte, durchforschte sie (am 5. O k t ) auf der Cambridger Universitätsbibliothek sämtliche Ruskin-Ausgaben und suchte auch zu Hause nach der alten Blau- Leder-Ausgabe von 'Sesam und Lilien', die sie um 1871 von ihrer Mutter Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 121 geschenkt bekommen hatte. Zwei Tage darauf (am 7. Oktober) enthielt die Mac-Schrift u. a. folgendes: Der entscheidende Beweis ist [besteht] in dem verlorenen Buch verloren verloren verloren (folgt die zweimalige Zeichnung eines Buches) . . . Ihre Augen sind noch immer erdgebunden1 [vgl. die ähnlichen Worte in der Mac- Schrift vom 26. Juli] V[errall] hat eine Ahnung von dem Sinn. Damit war wiederum klar ausgedrückt, daß 'Sesam und Lilien' die Zielvorstellung dieser Kk. war. Soviel über den Anteil der genannten drei Damen an ihr. Es sei aber schließlich erwähnt, daß auch in Mrs. Hollands Schriften sich Bestandteile derselben gefunden haben. Diese traten zwar beträchtlich später zutage, nämlich erst im Dezember 1908; doch hatte Mrs. Holland (wie schon erwähnt) während einiger Monate dieses Jahres, bis zum 25. November, überhaupt nicht geschrieben; sie benutzte also doch die erste, oder eine der ersten Gelegenheiten, um soz. 'das Versäumte nachzuholen'. In ihren Dezember-Schriften nun finden sich die Vorstellungen 'Sterne', 'Gold', 'Königinnen', 'König' in Verbindung mit 'Schätzen', 'Eden' u. a. m., die uns alle aus dem Vorstehenden vertraut sind. Doch sind sie (nebst 'Coniston', Ruskins Heimat!) nach Mrs. Hollands Gewohnheit so üppig mit dichterischen Zitaten verwoben, daß ihre verständliche Darlegung für den deutschen Leser allzu weit führen würde. 5." Die letzte hier wiederzugebende Kreuzkorrespondenz umschließt schriftliche und mündliche Äußerungen von sechs Medien: Mrs. Holland, Mrs. Verrall, Miss Verrall, Mrs. Piper, Mrs. Willett sowie Miss E. und Mrs. A. 'Mac' (die auch hier als Einheit gerechnet werden); sie erstreckte sich über die Zeit etwa vom November 1906 bis zum Juli 1910. Die endgültige Entdeckung der Zusammengehörigkeit der einzelnen Teile geschah auch in diesem Falle erst beträchtlich später, nämlich im Juli 1912. Als eigentlicher Gegenstand dieser Kk. wurden die Mediceergräber in der Neuen Sakristei der Kirche S. Lorenzo in Florenz festgestellt, insbesondere das des Alexander mit dem Beinamen il Moro, d. i. der Mohr,3 wovon sich der Leser erst im Verlaufe der Darstellung überzeugen wird, weshalb ich die sogleich einsetzende Erläuterung von Einzelheiten zunächst geduldig hinzunehmen bitte. - Ich gebe im folgenden das Wichtigste aus den einzelnen Schriften und Äußerungen in zeitlicher Reihenfolge wieder. 1) clay bound. 2) XXVII 56 ff. 3) Alexander v. Medici war der Sohn des Papste" Clemens VII. und einer Mulattensklavin. 122 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung 1. Mrs. Hollands Schrift vom 9. November 1906. Der Schatten ist sehr klar und dunkel und erscheint fast so gewichtig wie das Stoffliche... Schattengestalten - hat Margaret [Mrs. Verrall] in ihrem prüfenden Geiste die Verknüpfung zurück verfolgt? 2. Mrs. Holland: 13. November 1906. . . . In einer Stimme, die sie kennen wird Margaret [Dies ist ein Zitat aus Matthew Arnolds Gedichten] . . . Ein Gewinde von verdienten Lorbeeren [Zitat aus einem Gedichte George Herberts, wobei aber das letzte Wort praise durch bays - Lorbeeren ersetzt ist, was auch hier einer besondern Hervorhebung des fortgelassenen Begriffes gleichkommt; Lorbeeren aber waren ein Abzeichen der Mediceer seit Lorenzo dem Prächtigen, dem Großonkel Alessandro Moros: - wobei Lorenzo (Laurentius) wortspielerisch von Lauras = Lorbeer abgeleitet wurde.] Da das Leben bleicher als der Tod geworden war, Wachen mehr gestillt als Schlaf [Worte, welche anklingen an Symónds' und Wordsworths Übertragung eines Sonetts des Michelangelo, das an die berühmte 'Nacht'-Gestalt der von ihm geschaffenen Mediceergräber anknüpft] . . . 3. Mrs. Holland: 21. November 1906. Ein Schlummer verschloß meine Seele... Laurence [die Verszeile ist der Anfang eines Wordsworthschen Gedichts, das wieder stark an die genannte Dichtung Michelangelos anklingt. Das nachfolgende "Lorenzo' (in englischer Form) bestätigt die vermutete Beziehung.] 4. Mrs. Holland: 28. November 1906. . . . Die Finsternis war nicht beängstigend - aber sonderbar geformte Schatten erschreckten s i e . . . Fin de nuit1 - ein Namensanagramm oder vielmehr ein symbolischer Name - Morgendämmerung sozusagen. Ende der Nacht... ['Finsternis' und 'Schatten' knüpfen wiederum an die "Nacht' des Michelangelo an. 'Morgendämmerung' bezieht sich vermutlich auf die gleichnamige Gestalt seiner Mediceergräber. Diese drei Worte sind die einzigen in der Schrift unterstrichenen! Die Umschreibung des letzten Wortes durch das französische fin de nuit wird von der Schrift selbst als Anagramm oder 'symbolisch' bezeichnet: sie soll ohne Frage auf Mrs. Pipers berühmte Kontrolle 'Phinuit' anspielen und damit dies Medium als an der Kk. beteiligt bezeichnen.] 5. Mrs. Holland: 12. Dezember 1906. Der Schatten und der Schlaf - Der Traum und das Erwachen... [Das Marmorbild 'Dämmerung' der Mediceergräber wird meist als 'Erwachen' aus unruhigen Träumen beschrieben.] 6. Mrs. Verralls Schrift vom 24. Dezember 1906. Er sprach: es werde Licht, und es ward Licht, und aus Abend und 1) Franz.: Ende der Nacht. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 123 Morgen ward der erste Tag [1. Mos. 1, 3.5. - 'Abend' und 'Morgen' - Anspielung auf die gleichnamigen Gräbergestalten.] Die Verweisung' ist schon früher gegeben worden, aber, glaube ich, nicht verstanden. [Dies ist sinnvoll, wenn diese Schrift im Zusammenhang mit den obigen Holland- Schriften gedeutet wird.] [Lat.:] Lichterfüllte Gestade Das westliche Licht, das den ganzen Raum durchflutete So Sie, nicht f ü r Sie. Er benutzt eine fremde Stimme, nicht seine eigene Ich habe [dies] getan den ihr als Rector den Leitenden kennt. Ajax betete um Licht [Dias XVII647. - Die gesamte Schrift betont, als Ergänzung der früheren, den Begriff 'Licht' oder 'Tag', - 'Tag' aber heißt ja ein anderes der vier berühmten Bildwerke. Zu beachten sind die abschließenden 'Regiebemerkungen' in lateinischer Sprache: die Äußerung erfolge d u r c h Mrs. Verrall, sei aber nicht für sie - d. h. sie allein - bestimmt, sondern eben für die, welche das Ganze des Versuchs überblicken werden. Seltsam und fast einzigartig ist die Behauptung der Beihilfe Rectors, der berühmten Piper-Kontrolle, bei Mrs. Verrall; wobei sich der angebliche 'Rector' ausdrücklich von dem eigentlichen Leiter des Experiments absondert: dem 'er', der 'eine fremde Stimme benützt'.] 7. Mrs. Verralls Schrift vom 6. Februar 1907. Laura und eine a n d e r e . . . die große Bibliothek... Der Zweig, der völlig grade wachsen sollte [Zitat aus Marlowe's 'Doctor Faustus'] Apollos Lorbeerzweig Sie machen es nicht richtig, aber einiges hiervon ist wahr... Apollos Lorbeerzweig Auch die Bibliothek hat einige Bedeutung Stellen Sie die Bibliothek und den Zweig zusammen Laureatus [lorbeergeschmückt] ein Lorbeerkranz (daneben die Zeichnung eines solchen) vielleicht nur dies Corona laureata [Lorbeerkrone] hat hier einigen Sinn Mit einem Lorbeerkranz ward seine heitere Stirn gekränzt Nichts weiter heute erwarten Sie die besseren Nachrichten, welche Gewißheit bringen mit einer Lorbeerkrone [Laura - eigentlich laurea - ist natürlich = Lorbeer, auf den sich auch sonst noch zahlreiche Bestandteile dieser Schrift ausdrücklich beziehen. Die 'Bibliothek', die mit dem 'Lorbeerzweig' 'Zusammengestellt' werden soll, ist anscheinend die berühmte Bibliotheca Laurentiana, gegründet von Cosimo v. Medici und seit 1524 in den Kreuzgängen von San Lorenzo untergebracht, also in der Kirche des Namensheiligen jenes Mediceers, der den Lorbeer zu seinem Abzeichen machte. 'Der Zweig' ist möglicherweise eine Anspielung auf die 'Compagnie des Lorbeerzweiges', eine der beiden von den Mediceern gegründeten Compagnien, welcher Lorenzo d. J., Herzog von Urbino, vorstand, der eine der in der Neuen Sakristei von San Lorenzo Ruhenden.] 8. Worte, gesprochen von Mrs. Piper in der Phase des Erwachens am 26. Februar 1907. Moorhead [Mohrenkopf] Moorhead Lorbeer - für Lorbeer. Ida sage ich gab Ihr [d. i. Mrs. Verrall] das für Lorbeer Leben Sie w o h l . . . [Mehr 1) Rtftrtnct. 124 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung zu sich gekommen:] Etwas - ich glaube, er sagte etwas von - warten Sie mal. Well, ich glaube, es war etwas von Lorbeerkränzen, Lor-beer- kränzen, von denen er zu ihr sprach. 9. Aus Mrs. Pipers Transäußerungen vom 27. Februar 1907. ['Myers' redet:] Ich bin zu [schwach] um es heute zu sagen. Meine Gedanken wandern... Hören Sie Ich gab Mrs. Verrall Lorbeerkranz [Vgl. o. Mrs. V.s Schrift vom 6. Februar] und ich sagte Hodgson würde das nächste [Stichwort] geben. Sie mag es [noch] nicht empfangen haben, aber ich, ja ich gab ihr dies, und während der Geist des [Mediums, d. i. Mrs. Piper] in den Körper zurückkehrte [d. h. während der Phase des Erwachens], versuchte ich ihn zu fassen - den Geist zu fassen, um es Ihnen das letzte mal zu geben... Leben Sie wohl. Myers [Vgl. die vorige Nummer. - Daß 'Mohrenkopf' sich auf Alexander den Mediceer bezieht, wird bald deutlicher werden.] 10. Mrs Hollands Schrift vom 13. März 1907. . . . Sie wußte, daß sie brusttief hingewatet entlang des Todes Ufer in des Schlummers Schilf... . . . Ein Stern im rosigen Westen und der Osten ist kalt und grau und die müde Erde findet Ruh wenn der Wintertag sich endet Wie oft, eh ich gestorben bin, muß ich des Sterbens Bitterkeit erfahren? [Die ersten zwei Zeilen sind ein Zitat aus D. G. Rossettis Dichtung 'Rose Mary', dem im Original einige Zeilen vorausgehen, worin die Worte 'Nacht' und 'Morgendämmerung' eine hervorragende Stellung einnehmen. - Die nächsten vier Zeilen scheinen original zu sein, doch erinnert die dritte stark an eine Zeile in Shelleys Gedicht 'An die Nacht', welche lautet: 'und der müde Tag findet Ruhe.' (Hier wäre also wieder ein Begriff vermittelst Ersetzung durch einen andern hervorgehoben.) Die letzten zwei Zeilen entstammen dem zweiten eines Paares Myersscher Gedichte, deren Titel lauten: 'Wollte Gott, daß es Abend wäre', 2. 'Wollte Gott, daß es Morgen wäre'. Wir erhalten also auf diese Weise wiederum die durch die Bildwerke der Mediceergräber dargestellten Vorstellungen 'Tag', 'Nacht', 'Abend' und 'Morgendämmerung'.] 11. Miss Verralls Schrift vom 17. März 1907. Alexanders G r a b . . . Lorbeerblätter sind Abzeichen. Lorbeer für des Siegers Stirn. [Das Sinnbild auf der Standarte Lorenzos des Prächtigen in dem großen Tournier d. J. 1469, in welchem dieser Sieger blieb, war ein scheinbar abgestorbener Lorbeerbaum, der neue Blätter trieb.] 12. Mrs. Hollands Schrift vom 27. März 1907. Vögel in dem hohen Schloßgarten [Zitat aus Tennysons 'Maud', dem die Zeile folgt: 'Da die Dämmerung herniedersank'.]... (Es folgen Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 125 schwer leserliche und übersetzbare lateinische Worte, darunter aber deutlich: lux [Licht] tenebrae [Finsternis])... Liebe und Schmerz - Schmerz und Liebe - so unvermeidlich wie Licht und S c h a t t e n - Schatten und Licht - . . . Nicht Janes Gatte - der andere - Alexander - Mohrenkopf - Weite Höhlen, wüste Steppen einer, der nicht leicht argwöhnte [Zitate aus 'Othello' I, 3 und V, 2; Othello - der andere berühmte 'Mohr'! Die Schrift umspielt also wieder durchweg die durch jene Bildwerke von San Lorenzo verkörperten Vorstellungen, sowie den Namen des Alessandro il Moro.] 13. Mac-Schrift vom 7. Oktober 1908. Grabt ein Grab unter den Lorbeeren (daneben die unverkennbare Zeichnung eines Lorbeerkranzes). [Also eine Verknüpfung von 'Grab' und 'Lorbeer'!] 14. Mrs. Willetts Schrift vom 10. Juni 1910. . . . Myers. Die Laurentianischen Gräber. [Hier werden zum ersten mal die Gräber in der Sakristei von S. Lorenzo offen genannt. Dieser Name für die Mediceergräber ist gänzlich ungebräuchlich, verknüpft aber ihren Begriff sehr deutlich mit dem des Lorbeers. Mrs. Willett kannte die Gräber, wußte aber nicht, daß der Lorbeer ein Mediceisches Abzeichen war. Das bekannte Wappen der Mediceer enthält ihn nicht.] Dämmerung. Miltons Allegro und schwermütige Worte [gemeint sind offenbar Miltons Dichtungen l'Allegro und II Pensieroso; die Bezeichnung il Pensieroso wird üblicherweise auf den Lorenzo der Mediceergräber angewandt.] Gesänge der Unschuld und die Gesänge der Erfahrung. Nun aber möchte er ein drittes schreiben, um die Trilogie [vollständig] zu machen Gesänge der V o l l e n d u n g der E r f ü l l u n g Wer wird diese Gesänge der Verheißung und Gesänge der Erfüllung schreiben Wir sangen die Gesänge der Verheißung in dem trüben Zwielicht der Dämmerung... [Wir haben hier, neben eindeutigen Erwähnungen der Mediceergräber, zweimal 'Dämmerung' und einmal 'Zwielicht5. Zugleich aber scheinen die letzten Sätze, im Sinn des ganzen Experiments, die Hoffnung des 'Leiters' auf endgültiges Verständnis seitens der Irdischen auszudrücken.] 15. Äußerungen der Mrs. Piper in der Phase des Erwachens am 8. Juli 1910. Myers Meditation [vgl. II Pensieroso, d.i. 'der Nachdenkende, Meditierende'. - Es folgen Verse, von denen nur einzelne Worte verstanden werden konnten, nämlich:] Meditation... schlafende Tote Lorbeer umher . . . je gewachsen. Friedhofbaum... gingen mit behutsamem Schritt... um die schlafenden Toten. Meditation gibt den Zusammenhang. [Die 'schlafenden Toten' unter dem 'Lorbeer' sind anscheinend wieder die in S. Lorenzo ruhenden Mediceer.] 16. Transäußerungen der Mrs. Piper am 16. Juli 1910. ['Richard Hodgson' spricht:] 'Meditation' verbindet es [vgl. o.] Me 126 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung ditation kommt in Mrs. Hollands [Schrift] heraus, wird auch bei Mrs. W. erscheinen. Warten Sie darauf. [Der Sitzer, Prof. Lodge, bittet um deutliches Niederschreiben des am 8. Juli in der Phase des Erwachens nicht verstandenen Gedichts. Hodgson:] Elegie. Ich werde Myers veranlassen es mir herzusagen. 'Da durch des Friedhofs stille Räume Meditation mich fahrte, schritt langsam ich vorsicht'gen Schrittes Ober die schlummernden Toten.' 'Meditation' gibt den endgültigen Zusammenhang... wird eine höchst bedeutsame Rolle [in der Sache] spielen Und die beiden letzten Zeilen durch beide [Medien] Warten Sie darauf... [In der Phase des Erwachens sprach dann Mrs. Piper noch die Worte:] Komm in den Garten, Maud [ein Zitat wiederum aus Tennysons 'Maud', dem unmittelbar die Zeile folgt: Denn Nacht, die schwarze Fledermaus, ist entflohn.' VgL oben das andere Zitat aus *Maud' bei Mrs. Holland (27. März 1907), dessen ebenfalls nächste Zeile 'Dämmerung' enthält.] Hiermit endeten die festgestellten Beiträge zur Kk. 'Alexanders Grab', deren innere Geschlossenheit dem Leser mit dem Fortgang der Wiedergabe immer klarer zum Bewußtsein gekommen sein wird. Ihre Bedeutung beruht aber auf mehr als dieser Geschlossenheit in sich. Miss Johnson, der wir ihre Darstellung verdanken, hat darauf hingewiesen, daß diese Kk. jenes vollkommene Muster der Komplementarität verwirkliche, das vermittels der sog. lateinischen Botschaft' vom Diesseits aus den jenseitigen Experimentatoren vorgeschlagen worden war und dessen Sinn eben darin bestehen sollte, durch ein 'drittes' Medium eine Mitteilung zu machen, welche die Verknüpfung sichtbar werden ließe, die zuvor zwischen den Äußerungen des ersten und zweiten Mediums nicht erkennbar gewesen war. Die Verwirklichung dieses Musters in der vorliegenden Kk. erblickt Miss Johnson in folgender Verteilung wesentlicher Vorstellungen: Mrs. Piper, 26. Februar 1907: 'Mohrenkopf. Ich gab ihr dies für Lorbeer'; Miss Verrall, 17. März 1907: 'Alexanders Grab. Lorbeer'; Mrs. Holland, 27. März: 'Alexander Mohrenkopf.1 Es ist klar, daß zwischen den Äußerungen 'Mohrenkopf (durch Mrs. Piper) und 'Alexanders Grab' (durch Miss Verrall) ein Zusammenhang zunächst nicht zu ersehen ist, wiewohl das Vorkommen von "Lorbeer' in beiden Mitteilungen zum Aufsuchen eines solchen Zusammenhangs auffordern konnte. Ich kann zwar Miss Johnson nicht Recht geben, wenn sie meint: selbst nach der Entdeckung, daß 'Alexanders Grab' eines der berühmten Mfidiceergräber sei, hätte schwerlich irgend jemand die Verbindung zwischen 'Mohrenkopf' und 'Alexanders Grab' begreifen können, wenn nicht Mrs. Hollands unabhängige Schrift die Zusammenstellung 'Alexander Mohrenkopf geliefert hätte; denn die Tatsache, daß Alexander von Medici Negerblut in sich hatte, ist ja nicht 1) XXVII 161t. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych.Forschung 127 grade tief verborgen (sein negerhaftes Bildnis von Bronzino ist sogar ziemlich bekannt). Immerhin bleibt bestehen, daß die irrtümliche Beziehung auf Alexanders des Großen Grab noch zwei Jahre lang von den englischen Forschern beibehalten wurde, nachdem Mrs. Holland des Rätsels Lösung tatsächlich gegeben hatte, und jedenfalls verband Mrs. Hollands besagte Schrift erstmalig die beiden Begriffe, die zuvor, jeweils mit einem dritten verknüpft, nur gesondert aufgetreten waren. Aber man kann, wie mir scheint, das Musterbild der komplementären Kk. noch auf anderer Grundlage hier verwirklicht finden. Nachdem nämlich - Jahre hindurch - 13 Äußerungen von 5 Medien in mannigfachsten und schwer erkennbar zusammenhängenden Wendungen auf das Ganze der Gräber in der Sakristei von S. Lorenzo angespielt hatten, lieferte am 10. Juni 1910 Mrs. Willett - angeblich unter Myers' Eingebung - das Stichwort 'die Laurentianischen Gräber'. Dieses Stichwort scheint mir richtiger, als 'Alexanders Grab', die eigentliche Zielvorstellung unsrer Kk. zu bezeichnen, indem die Anspielungen der vorausgegangenen Äußerungen sich keineswegs ausschließlich, oder auch nur vorzugsweise, auf das die Leiche Alexanders bergende Grabdenkmal beziehen, sondern auf die Kunstwerke der berühmten Sakristei insgesamt, eben die 'Laurentianischen Gräber'. Mrs. Willett erst hätte also das wirklich abschließende Stichwort geäußert, das alles Vorausgegangene zur Einheit zusammenfaßt; und ich bin denn auch nicht einmal sicher, ob die nun allein noch folgenden Piper-Äußerungen vom 6. und 16. Juli überhaupt in die vorliegende Kk. einzubeziehen sind; ob also das neu auftauchende Stichwort 'Meditation', welches wiederum etwas 'verbinden' soll, wirklich eine Umschreibung des vorher durchaus verständlich angebrachten 'II Pensieroso' sein soll - trotz des auch hierher verirrten "Lorbeer'. - Schließlich mag es sich empfehlen, an dieser Stelle - solange das Dargestellte noch frisch in des Lesers Gedächtnis ist - eine kurze Überlegung anzustellen, welche späteren theoretischen Überlegungen vorarbeiten könnte. - Vorausgesetzt, daß es sich um die Mediceer- Gräber (oder gar 'Alexanders Grab') handelte: wer stellte in diesem Falle die Einheit hinter der bruchstückweisen Offenbarung her? War es doch das Unterbewußtsein' eines der beteiligten Medien, so müßte man diesem jedenfalls eine Kenntnis der fraglichen Tatsachen zuschreiben. Mrs. Piper nun wußte 'sicherlich' (wie Miss Johnson aus genauer Kenntnis der Dame urteilt) 'so gut wie nichts von den Mediceern oder ihren Gräbern in S. Lorenzo, und nichts von Alexander von Medici'. Miss Verrall hatte, wie sie ausdrücklich angibt, nie von Alexander von Medici gehört und besaß von den Mediceern überhaupt 128 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung nur unbestimmte und allgemeine Kenntnis. Sie bezog den Ausdruck 'Alexanders Grab' bewußt auf Alexander den Großen. Mrs. Holland kannte Florenz und die Gräber gut; aber der Ausdruck 'Alexander' findet sich in ihren Schriften erst einen Monat nach der Erwähnung von 'Mohrenkopf' bei Mrs. Piper, und zehn Tage nach der Erwähnung von 'Alexanders Grab' bei Miss Verrall; man müßte also annehmen, daß sie die Kk. 'unterbewußt' erdacht und ihren eigenen entscheidenden Beitrag zurückgehalten habe, bis die Beiträge der andern Beteiligten vollständig erschienen waren. Dagegen spricht der bisher nicht erwähnte Umstand, daß unmittelbar nach der entscheidenden Erwähnung von 'Alexander Mohrenkopf' am 27. März 1907 ihre Hand einige 'hohe Masten' zeichnete und dazu schrieb: 'Aber dieser ist nicht zur See.' Diese Zeichnung und ihre Erläuterung machen es so gut wie sicher, daß gerade Mrs. Hollands Unterbewußtsein die eben von ihm gelieferten Worte 'Alexander Moorshead' irrtümlicherweise auf Dr. Alexander Muirhead, den namhaften englischen Förderer drahtloser Telegraphie, bezog, für dessen (und Lodge's) Leistungen auf diesem Gebiete sie sich interessierte, und daß jene TLandmasten' Antennenstangen darstellen sollten und des Mediums persönliche Zutat und Entgleisung bildeten. Tatsächlich ist auch Miss Johnson zunächst auf diese wortspielerische Auslegung 'hereingefallen', bei welcher natürlich alle sonstigen, oben aufgezeigten Anspielungen auf die Mediceergräber ihren Sinn verlieren würden: nämlich alles über 'Lorbeer' als Abzeichen Gesagte, alle Anspielungen auf die Marmorbilder von Tag, Nacht, Morgen und Abend, die Anführungen aus Othello, usw. - Was die Macs anlangt, so ist ihre Beteiligung so nebensächlich, daß man sie höchstens als Außenposten in diesem Drama betrachten wird; während Mrs. Willett erst lange nach seinem Ablauf zum ersten Male eingriff. Bleibt also Mrs. Verrall, deren umfassender Bildung man selbstverständlich ein Wissen um alles Vorgebrachte zutrauen muß. Ihr Name mag, als caput mortuum dieser kurzen Erörterung, einstweilen hier am Wege liegen bleiben; wir werden später die von mehr als einem Forscher aufgegriffene 'Verrall- Theorie' genau zu erwägen haben. b. Die Regie der Kreuzkorrespondenzen Diese wenigen Proben aus dem kaum übersehbaren Ganzen der literarischen Kk.en müssen uns genügen als Anschauungsgrundlage für die theoretischen Erwägungen, denen wir uns nunmehr zuwenden. Dabei ist es logisch recht und billig, daß von allen Auffassungen der Akten die kritisch einschneidendste zuerst erwähnt wird; nämlich die, welche die aufgewiesenen Zusammenhänge überhaupt leugnet. Um auch nur die Möglichkeit einer solchen Leugnung zu verstehen, muß man Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych.Forschung 129 bedenken, daß die eingeführten Äußerungen ja nicht so vereinzelt auftreten, wie sie hier dargeboten wurden, vielmehr als Bestandteile eines sehr breiten, aus dem Unterschwellen-Ich der Medien immerzu emporquellenden Stroms, aus welchem das Zusammengehörige erat durch den Scharfblick des Forschers ausgesondert werden muß, wobei aber das Ergebnis der Zusammenstellung, neben einem leidlich klaren Kern, auch meist noch Randgebiete umfaßt, wo die Zweideutigkeit einsetzt und der eine aufgebaute Zusammenhang in andre überzuführen scheint. An diese unbestreitbare Unsicherheit in der Herausschälung der einzelnen Kk.en anknüpfend, hat Dr. Jos. Maxwell die Ansicht verfochten: die in den Schriften geäußerten Vorstellungen entstammten in der Hauptsache dem normalen Besitz der Medien, also ihren Erinnerungen an Gelesenes und Erlebtes, emporgehoben durch irgendwelche belanglose Vorstellungsverknüpfungen; zum kleinsten Teil etwa telepathischen Übertragungen von dem einen Medium auf das andere. Was aber die angeblichen verwickeiteren Querbezüge zwischen den Schriften mehrerer Medien anlange, so sollen sie sich bei genauem Zusehn als 'willkürliche Deutungen' - interprétations arbitraires - erweisen, also nur Künsten der Ausdeutung entspringen. Auch seien die dabei in Betracht gezogenen Vorstellungen fast durchweg so 'banal' (ein bei Maxwell zu Tode gehetzter Ausdruck), daß ihr ständiges Auftauchen bald bei dem einen, bald bei dem andern Medium gar nichts Verwunderliches habe.1 Die Widerlegung dieses Leugnens von Kk.en kann nun zwei Wege gehn. Sie kann zunächst darauf hinweisen, daß Dr. Maxwell in seiner Kritik sich ausschließlich auf die 'großen', leidlich verwickelten Kk.en bezogen habe, bei denen ein gewisser Anteil nie ganz zur Gewißheit zu erhebender Aus- und Zurechtlegung im Spiel bleiben muß; daß dagegen einzelne der 'kleinen' Kk.en von solcher zeitlichen und inhaltlichen Geschlossenheit und Eindeutigkeit seien, daß hier von einer Leugnung klar umrissener Versuchsabläufe nicht die Rede sein könne.2 Diese 'klipp und klaren' Kk.en hat Dr. Maxwell bezeichnenderweise völlig beiseite gelassen; mein könnte ihm also erwidern, daß, nachdem einmal das Vorkommen literarischer Kk.en in gewissen Grenzen unbestreitbar sei, es mehr als nahe liege, sie auch jenseits solcher Grenzen zuzugestehn, sofern gewisse Beobachtungen darauf hindeuten; selbst wenn die Schwierigkeiten der Einzeldeutung hier nicht mehr den- 1) XXVI 57 fl. 2) Vgl. außer einigen der oben wiedergegebenen etwa noch die Kk.en •Gelb* (XXIV 207 f.), 'Blaue Blume' (das. 215f.), St. Paul (XXII 31 IT.; JSPR XVIII 75ff.) u. a. m. Diese wären etwa den Im vor. Kapitel belegten knapp verlautenden Entsprechungen zu vergleichen. U a ttiesen, Da" persönlich" Oberleben II 9 130 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung selben Grad von Gewißheit zuließen, wie innerhalb der kleinsten Maßstäbe. Man kann aber auch einen andern Weg der Widerlegung beschreiten: indem man nämlich nachweist, daß Dr. Maxwell gewisse Elemente sämtlicher, auch der 'großen' Kreuzkorrespondenzen vollkommen außer acht gelassen hat, Elemente, die einen wirklichen Willen zum Experiment auch dort erweisen, wo die Einzelheiten seiner Durchführung sich nicht mehr mit zwingender Eindeutigkeit verfolgen lassen. Dieses Gegenargument scheint mir in der Erwiderung, die Dr. Maxwell seitens der englischen Forscher zuteil wurde, bei weitem nicht ausführlich und nachdrücklich genug zur Geltung gebracht zu sein.1 Ihre Verteidigung stützte sich etwa auf folgende Gründe: Vor allem seien die Übereinstimmungen zwischen den verschiedenen Äußerungen zu zahlreich und zu auffallend, um dem Zufall zugeschrieben zu werden. Finde sich aber eine Anzahl von Kk.-Vorstellungen in einer Schrift, oder erschienen gar verschiedene in einer Schrift enthaltene Kk.- Vorstellungen in einer einzelnen, zu anderer Zeit geschriebenen Schrift eines andern Mediums wieder, so erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit, daß mehr als Zufall im Spiele sei, fast zur Gewißheit. Für alle diese Verhältnisse aber lassen sich Beispiele anführen. Unter anderem könne auch darauf hingewiesen werden, daß während der Zeit der Dorrschen Kk.-Anregungen bei Mre. Piper, die großenteils 'klassische' Vorstellungen benutzten, die Zahl der klassischen Anspielungen in Mrs. Hollands Schriften sich verfünffacht habe gegenüber der früheren Zeit, während welcher man die seltenen Anspielungen dieser Art allenfalls durch das Wissen der Dame um das häufige Latein und Griechisch in Mrs. Verralls Schriften hätte erklären können. Von jenen späteren, häufigeren klassischen Anspielungen aber - im ganzen 17 - bildeten 15 nachweislich den Gegenstand von Kk.en, und nur in zwei Fällen konnten solche bislang nicht entdeckt werden 1 Was Dr. Maxwells endlos wiederholten Hinweis auf die 'Banalität' der meisten Kk.- Vorstellungen anlange, so dürfe diese nur 'relativ zu den Schriften' beurteilt werden. 'Ein im gemeinen Briefstil seltenes Wort kann in den Schriften gewöhnlich.sein, und umgekehrt... Aber es sei denn, ein Kk.-Wort sei wirklich sehr selten im gemeinen Gebrauch und die zeitliche Ubereinstimmung [zwischen seinen verschiedenen Erscheinungen in Kk.en] sehr genau, so fordern wir mehr als das bloße Vorkommen des Wortes in zwei Schriften. Wir fordern, daß es in beiden Schriften mit einem Merkzeichen versehen sei, das es zum Stichwort einer Kk. stempelt, oder sonst irgendwie stark betont werde.' 1) Teilweise schon vor Erscheinen von Maxwells Kritik in Miss Johnsons Zurückweisung der Zufallsdeutung vorweggenommen (XXV 221 II.). Die Kundgebung gegen Maxwell seitens der Forscherinnen Sldgwlck, Verrall und Johnson sowie des Hm. Piddington s. XXVI 375 H. Ich fasse im Folgenden beide zusammen. Experimentelle Entsprechungen der Ges.f.psych.Forschung 131 Dies ist nun in der Tat eine sehr zurückhaltende Fassung der Antwort, die Maxwells im Grunde oberflächliche Kritik verdient hatte. Ja die eigentliche Kraft dieser Antwort ist kaum darin angedeutet. Mrs. Sidgwick begnügt sich nämlich, was jene 'Merkzeichen' betrifft, mit einem kurzen Hinweis auf Angaben, die Mr. Piddington in einer öffentlichen Aussprache der Ges. f. ps. F. gemacht hatte und die sich auf gewisse 'Bemerkungen' in 11 Kk.en aus den Jahren 1906/7 bezogen: Bemerkungen, in denen irgendein Wort als bezweckt, oder als an andrer Stelle ebenfalls wiederzugebendes bezeichnet wird. Auch diese Angaben Piddingtons enthalten nur den dürftigsten Hinweis auf einen höchst umfangreichen Bestand von Tatsachen, der für die Widerlegung der Maxwellschen Kritik, wie für die Deutung der Herkunft der Kk.en überhaupt von ausschlaggebender Bedeutung ist: ich meine alles das, was man als die formale Selbstbezeugung der bei Kk.en führenden Persönlichkeiten ansehn muß und was ich in den obigen Beispielen als 'Regiebemerkungen' bezeichnet habe. Diesem noch nie in allen seinen inneren Zusammenhängen durchforschten Tatbestande werden wir zunächst unsre Aufmerksamkeit zuwenden müssen; wir dürfen dabei hoffen, nicht nur die Gewißheit der Zielstrebigkeit von Kk.en überhaupt, sondern auch gewisse erste Grundlagen für ihre Theorie zu erlangen. Die Fülle des Stoffes, die sich uns dabei bietet, ist freilich so groß, daß eine Auswahl nachgerade schwierig wird; jedenfalls sollte sich der Leser ständig vor Augen halten, daß das Erwähnte nicht eine dürftige Gesamtausbeute darstellt, sondern nur spärliche Proben aus einer Masse von Äußerungen, wie sie das Ganze der Kk.en nach allen Richtungen hin durchziehen. - Die erste grundlegende Tatsache, die hierbei auf Schritt und Tritt sich offenbart, ist diese: daß das Auftreten der eigentlichen Kk.-Vorstellungen durchweg von einem selbstbewußten persönlichen Willen ausgeht, der überdies, soweit es ihm möglich ist, den gesamten Verlauf des Experiments mit aufmerksamer Teilnahme verfolgt. - Als einfachste Form, in der sich dieser Wille-zum-Experiment bekundet, kann man die Äußerungen betrachten, nach denen es die Absicht des leitenden Wesens sei: jetzt oder alsbald durch ein näher bezeichnetes Medium Bestandstücke einer Kk. zu liefern. Heute früh', schreibt z. B. Mrs. Verrall am 18. März 1907, lag keine Botschaft für Sie vor, aber heute Abend wünsche ich etwas zu sagen..worauf erweisliche Kk.-Inhalte folgen. 'Aber die Gedanken (ffihrt die Schrift fort) kommen heute Abend nicht mit Leichtigkeit; Sie hören nicht oder geben nicht acht...'1 1) XXXVI 3461. Vgl. dai. 347 (3. Aug.) und X X I I 31 f. 9* 132 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Hier wendet sich die 'schreibende Intelligenz' zunächst nur ein das Medium selbst, durch das sie sich äußert. Aber Bekundungen des gleichen Willens-zur-Mitteilung durch dieses und ein anderes sind ebenso häufig und nachdrücklich. So z. B., wieder bei Mrs. Verrall, am 4. Feb. 1907: 'Ich will die Botschaft auch woanders heute geben, aber dies hier ist leichter als die andere Stelle.'1 - Oder bei Mrs. Piper am 8. April desselben Jahres: 'Fast alle Worte, die ich heute schrieb, beziehen sich auf Botschaften, die ich auch durch Mrs. Verrall zu geben versuche.'2 - Oder am 1. März 1909: 'Ich will [meine Antwort auf die Virgil-Frage] nicht nur hier geben, sondern mich auch bei Mrs. Verrall darauf beziehen.'3 - Ebenso bei Mrs. Holland am 25. Nov. 1908 (nachdem eine Reihe von Fünfer-Gruppen aufgezählt worden ist): 'Nicht für Cambridge [d. i. für Mrs. und Miss Verrall] diesmal - Amerika und Cheltenham und London sind daran beteiligt - nicht Berkshire. worin wir offenbar Bezeichnungen der entsprechend beheimateten Medien erblicken müssen. Gegenüber solchen Behauptungen 'vom Jenseits her' verdienen aber auch gewisse Eindrücke der Medien selbst Beachtung, in denen sie jenen Willen-zur-Mitteilung ihrerseits zu erleben, nicht nur kundzugeben scheinen. So f ü h l t z.B. Mrs. Holland häufig, daß ihr jemand dringend etwas sagen will, viel sagen will - 'aber nur verworrene Sätze erreichen mich.'6 - Doch die reichste Ausbeute gewährt auch hier die Betrachtung der Thase des Erwachens' bei Mrs. Piper. Lange Erfahrung hat nämlich gelehrt, daß viele Kk.-Stichworte zuerst oder am klarsten während dieses ihres Nachtrans-Zustands zutage traten; die Äußerungen in diesem wurden daher jahrelang mit besonderer Sorgfalt aufgezeichnet. Es ist nun unter diesem Gesichtspunkt bemerkenswert, daß das Medium selbst während dieser Phase stets den Eindruck hatte, daß ihr, der jetzt 'in den Leib Zurückkehrenden', einer der 'anwesend Geschauten' noch rasch etwas Bestimmtes zu sagen versuche, - ein Versuch, der auch außerhalb dieser Phase von den Jenseitigen stets als besonders aussichtsreich geschildert wurde, indem es nur gälte, den 'Geist des Mediums festzuhalten' und ihm dabei das betreffende zu 'sagen'. So äußerte Mrs. Piper in der Erwachensphase am 6. März 1907: 'Es ist ein Herr da oben, der versucht, mir etwas zu sagen, aber - ich weiß nicht, was es war.'6 - Am 17. April im gleichen Zustand: 'Was sagt Mr. Myers immerzu? (Hier wird ein Vorname viermal wiederholt.) Mr. Myers hat Rector beim Ohr. Flüstert hinein. Was ist das letzte ? O, er schreibt es: Lausteo [ = Laus Deo!]'7 - Und am 7. Mai: 'Mr. Myers sagt: Aus . . . 1) XXII 47. 2) XXII 221. 3) XXV 184. 4) XXV 197. Vgl. XXVII 122 (30. 4. 1907). 5) XXI 185 f. 6) XXII 151. 7) XXII 305. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f. psych. Forschung 133 bildete er einen Stern [nach Browning], und sie wollten mich nicht loslassen, bis ich es sagte.'1 - Wir haben hier also, im bedeutsamen Rahmen offenbarer Experimente, neue Belege für jene 'aktive' Darbietung von Kundgebungsinhalten, in der wir schon früher ein spiritistisches Indiz zu erblicken lernten.2 Sehr häufig ist ferner die ausdrückliche Angabe - besonders innerhalb der Piperschen Transäußerungen -, der jeweils angeblich Schreibende, meist 'Myers', seltener 'Hodgson' oder sonst jemand, habe dies oder jenes Teilstück einer Kk. einem andern bezeichneten Medium - meist Mrs. Verrall - 'gegeben'. In der Piper-Sitzung vom 27. Feb. 1907 z.B. heißt es: 'Hören Sie zu. Ich gab Mrs. Verrall 'Lorbeerkranz', und ich sagte, Hodgson werde das nächste geben; sie mag es nicht erhalten haben, aber ich gab ihr das.'3 - Oder in der Sitzung vom 9. Sept. 1908: 'Ja - ja, dies ist klar; senden Sie es an Lodge. Ich habe geschrieben Ich kam, ich sah durch Helen [Verrall] - ich gab noch nicht das letzte Wort. (G. B. Dorr, der Sitzer: Was ist das letzte Wort?) Siegte - aber ich habe das noch nicht bei Helen durchbekommen.'4 - Oder am 6. April 1908: 'Ich habe Orion mehreremal durch Mrs. V[errall] gegeben. 'Orions Haupt' ist, was ich schrieb.'5 - Und am 22. April: 'Mrs. Verrall hat einige Verse aus Browning geschrieben, welche ich, Myers, ihr kürzlich gab, aus Euripides.'6 - Zuweilen überstürzen sich diese Angaben förmlich; wie wenn 'Myers' durch Mrs. Piper behauptet: 'Helen schrieb 'zusammengeballte Wolken'... und auch Lux. Sie schrieb auch 'sich windender Strom' oder .'sich windende Fläche', ich bin nicht sicher, welches von beiden. Dann wurde noch etwas geschrieben. Pfeil, leicht und schnell wie ein Pfeil... Ferner schrieb Mrs. Verrall wie auch Mrs. Holland 'Wolken vor Morgengrauen'.'7 Diese Behauptung, daß der Kommunikator ein Stichwort irgendwo gegeben habe, gewinnt noch an Nachdruck durch die nicht selten hinzugefügte Beschreibung der Sorgfalt und Anspannung, die er dabei aufgewendet habe. So sagt 'Myers' einmal durch Mrs. Piper: 'Ich wiederholte [das Wort •Himmel' bei Mrs. Verrall] immer und immer wieder, damit sie es nicht mißverstehen könne.'8 - Oder Hector' sagt, am 24. April desselben Jahres, mit Bezug auf das gleiche Medium: 'Wir beeindrucken sie unablässig mit 'Zwerg'.'9 - Ähnlich bekennt 'Myers', als ihm Piddington10 zu verstehen gibt, daß eine von ihm behauptete Mitteilung an Mrs. Verrall gelungen sei: 'Ich habe nie mit größerer Geduld Versuche gemacht, als bei jenen Worten.'11 - Und der Piper-Hodgson, welchem Piddington vorhält, er habe 1) X X I I 392. Vgl. X XV 262. 2) o. S. 45 fl. u. 4120. 3) X X I I 96. 4) XXIV 176. 5) XXIV 157. Vgl. X X I I 103. 153. 234 f. 286. 366; X X I X 41 f. u. sonst oft. 6) X X IV 27. 7) XXV 300 (13. 1. 1909); vgl. 272 (8. 5. 1908). 8) X X I I 287. - 24. April 1907. 9) X X I I 1 9 4 . Vgl. X X V 258: tried and tried. 10) am 12. Februar 1907. 11) X X I I 55. 134 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung doch Mrs. Verrall 'arrov' (Pfeil) geben wollen, rechtfertigt sich in den Worten: 'Gewiß, das habe ich gesagt, und ich habe drei Tage lang versucht, es ihr einzudrücken. Schwierig. Sie bekam ar, glaube ich, und hielt dann inne. Danach sah ich ein n> geschrieben...' (Tatsächlich schrieb Mrs. Verrall am 18. Februar 'ARChitectonic, Architrave, Arch' u.a.m.)1 Den ständigen Bekundungen des Willens, etwas durch irgendwen zu 'sagen* oder 'schreiben', den ständigen Behauptungen, etwas gesagt oder geschrieben zu haben - entsprechen nun aber ferner die häufigen Aufforderungen des leitenden Wesens an die Leser der Schriften, nach etwas 'auszuschauen' oder zu suchen, auf etwas zu achten, u. dgl. m. "Wollen Sie sich danach umsehen', schreibt der Piper-Myers am 24. April 1907, "Himmel' müßte zu gleicher Zeit herausgekommen sein... bitte, suchen Sie danach'.2 - Mit größter Ausführlichkeit und Betonung äußert sich der Piper-Hodgson in diesem Sinne am 16. Juli 1910 in einer schon angeführten Schrift: "Meditation' erscheint in Mrs. Hollands [Schrift]; es wird auch bei Mrs. W[illett] erscheinen. Warten Sie d a r a u f . . . Ich werde Myers veranlassen, es für mich zu sagen... Meditation wird eine höchst bedeutende Rolle [in dem Experiment] spielen und die beiden letzten Z e i l e n d u r c h beide Medien. Warten Sie d a r a u f . . . Helen V[errall] W a r t e n Sie darauf warten Sie d a r a u f ' 3 - Verwandte Bitten und Mahnungen sind aber auch z.B. durch Mrs. Verralls Schriften allenthalben verstreut. So schreibt sie am 17. Juli 1914: 'Anfang nächster Woche wird es eine Botschaft für Mrs. Willett geben - geben Sie acht, daß sie geschickt w i r d . . . ' * Am 20. Februar 1907: 'Es sind Botschaften für Sie in den Worten vom Montag und Mittwoch, nicht am Dienstag. Heute [d.h.: das heute Gelieferte] ist wichtig. Sitzen Sie still und helfen Sie - es wird nicht zu Ihnen kommen, sondern zu Piddington.'5 Am 26. Februar 1907 schreibt dieselbe: ' . . . autos ouranos akymon. Ich glaube ich habe ihn dazu gebracht zu verstehen, aber die beste Erwähnung des Stichworts wird woanders geschehen, gar nicht bei Mrs. Piper. Ich glaube, ich habe einige Worte aus dem Gedichte niedergeschrieben bekommen (folgen Zitate) . . . Die letzten Gedichte von Tennyson und Browning müssen verglichen werden. Es sind Erwähnungen beider in ihrer Schrift - ich meine Helens... Nicht mehr jetzt.'6 - Oder am 2.März 1906 (lateinisch:) 'Beide . . . werden Ihnen eine Botschaft senden durch eine andre Frau. Nach einigen Tagen werden Sie mühelos verstehen, was ich sage; bis dahin leben Sie wohl.'7 Aber nicht nur die diesseitigen Beobachter werden aufgefordert, auf das "Durchkommen' irgendeines wichtigen Inhalts zu achten: auch die unsichtbaren Experimentatoren sind anscheinend unablässig auf der Lauer, um - soweit es ihnen möglich ist - in Erfahrung zu bringen, 1) XXII 78. 2) XXII 287. Vgl. XXII 78. 3) XXVII 74 f. 4) XXXIII 581. 5) XXVII 91. 6) XXII 114. 7) XXVII 12. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 135 ob ein von ihnen 'gegebener' Inhalt in die Niederschrift eines der beteiligten Medien gelangt sei. Die Schriften sind übersät mit Bemerkungen, die bald die Beobachtung eines Erfolges behaupten, bald Enttäuschung über ein Mißlingen äußern, bald wieder Ungewißheit über Gelingen oder Mißerfolg. - Zunächst einige positiv getönte Äußerungen dieser Art. So sagt der Piper-Myers am 2. Jan. 1907: 'Ich habe das Gefühl, ...daß das Wort 'Kränze' von Mrs. Verrall empfangen worden ist' (es handelt sich dabei um die uns bekannte Kk. 'Alexanders Grab');1 und wenige Monate später sagt der Piper-Hodgson (im Rahmen einer Kk. Ober den Begriff 'Horizonf): 'Eine lange Linie schien auf [Mrs. Verralls] Papier zum Vorschein zu kommen... und dann veranlagte Myers sie, einen Stern zu zeichnen, und das Wort Horizont wurde ihr wiederholt gegeben, bis es auf ihrem Papier erschien.' 3 Andere Regiebemerkungen dieser Art sind negativ gestimmt; sie reden von Versuchen und Anstrengungen, denen, soweit die Versuchsleiter feststellen können, Erfolg zunächst versagt war. 'Ich habe versucht', schreibt X durch Mrs. Verrall am 6. März 1907, 'ihm zu sagen von der Stille, der himmlischen und irdischen Stille, aber ich glaube nicht, daß es klar geworden ist. Ich glaube, Sie würden verstehn, falls Sie die Niederschrift sehen könnten. Sagen Sie es mir, wenn Sie es verstanden haben...'3 - Bestimmter drückt sich der Piper-Myers am 16. März 1908 aus, wenn er sagt: "Neptun' ist noch nicht durchgekommen, aber wir versuchen es [an der betreffenden andern Stelle].'1 - Oder Mrs. Verrall schreibt am 29. Juni 1911: 'Es ist wirklich wichtig, die Aufzeichnung heute klarzubekommen - aber sie versteht nicht.'6 - Und ganz trostlos klingt eine Äußerung 'Sidgwicks' bei den Macs am 12. Sept. 1908: 'Der Fortschritt [des Experiments] ist jämmerlich langsam, aber umso sicherer, je leichter es ist.'6 - In der Mehrzahl solcher Äußerungen mischt sich der Ausdruck der Genugtuung und der Enttäuschung. So z. B. in Mrs. Verralls Schrift vom 15. August 1906: "Bis heute Abend ist noch keine Spur von Verknüpfung gegeben gewesen, aber heute Abend haben wir sie dahin gebracht, zu verstehen. Der Gedanke an den doppelten Faden [die Kk.!] ist ihr gekommen.'7 - Oder man lese folgendes Beispiel aus den Piper-Urkunden: Am 24. April 1907 sagt Rector: 'Sie [d. h. Myers und Hodgson] fühlen, daß einige von ihren letzten Stichworten nicht herausgekommen sind durch Mrs. Verrall, aber sie sind gewiß, daß die meisten zur rechten Zeit8 erscheinen werden... Haben Sie gefunden, daß 'Berg' durchgelangt ist?'9 Kommt dann die angekündigte Experimentalvorstellung tatsächlich zutage, oder entdeckt sie der so reichlich aufmerksam gemachte irdische 1) XXVII 60. 2) X X I I 286. Vgl. X X 408f.; XXV 233; X X I I 236. 3) X X I I 115. 4) X X IV 178. 5) XXVII 273. 6) XXV 194. 7) XXVI 218. 8) in dua tlme. 0) X X I I 234. 136 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Leser, so findet es sich häufig, daß jene Vorstellung durch irgendeinen sinnreichen Kunstgriff hervorgehoben und der besondern Beachtung empfohlen wird. Einige dieser Kunstgriffe haben wir schon in den mitgeteilten Beispielen kennengelernt, z.B. die Betonung eines Wortes durch Falsch-Zitieren, also Ersetzen eines Wortes, das jedermann in einem allbekannten Zitat erwartet, durch ein andres, wobei der Ton natürlich sowohl auf das ersetzte, wie auf das ersetzende fallen kann.1 - Ein andrer und noch eher eindeutiger Kunstgriff besteht in der einfachen Wiederholung der wichtigen Vorstellung; wie etwa in der kleinen Kk. 'Gelb' das Stichwort mehrmals untereinander geschrieben und dabei - eine Steigerung des Kunstgriffs - bei jeder Wiederholung größer und mit mehr Nachdruck geschrieben wurde. - Andersartig war die Hervorhebung desselben Stichworts zwei Tage zuvor in Mrs. Hollands Schrift: ihr (yelo yellowed ivory' erfolgte am Ende einer längeren Schrift, aber von dieser durch einen Zwischenraum getrennt und in veränderter Handschrift.8 - Ferner finden wir sinnbildliche Zeichnungen, die von einzelnen an Kk.en beteiligten Medien gerade den Hauptbestandteilen derselben beigefügt werden: ein Anker, oder ein Pfeil, oder Bogen und Pfeile, oder ein von einem Pfeil durchbohrtes Paar Herzen, oder eine Reihe auf einen Punkt zu weisender Pfeile, u. dgl. m.8 Dies alles sind schließlich indirekte Mittel der Unterstreichung, an denen der Zweifler mäkeln mag. Aber es sind keineswegs die einzigen. Nicht selten finden wir die ausdrückliche Hervorhebung gewisser Inhalte durch ihre Bezeichnung als 'wichtig'. So in Miss Verralls Schrift vom 31. März 1914: 'Narthex - was ist das? ceromatica - dies ist wichtig - es ist zur Vervollständigung erforderlich.'4 - Und ihre Mutter schreibt am 3.Feb. 1902: 'Bewahren Sie dies auf - es wird gebraucht werden. FWHMyers.'8 Entspringt somit allem Anschein nach eine Menge von Vorstellungen in den Kk.-Schriften einem bewußt-zielstrebigen Willen leitender Instanzen, so erhebt sich nunmehr die Frage, wieweit diese (und zwar wieder in echten 'Regiebemerkungen') ein Wissen um die experimentelle Sinnbedeutung dieser als 'wichtig' bezeichneten Worte verraten; wieweit sie sich also über das Wesen von Kk.en klar sind und über die Rolle, welche das einzelne Stück im Rahmen einer solchen spielt. - Hier nun ist zunächst hervorzuheben, daß die 'Leiter' mit 1) Vgl. In der wiedergegebenen Kk. 'Alexanders Grab' die Ersetzung von preise im Herbert- Zitat (Mrs. Hollands Schrift vom 13.11.1906) durch das beziehungsreiche bays (XXVII 57), oder Miss Verralls Schritt v. 19. 8. 1908 in der Kk. "Sesam u. Lilien': 'Sterne' statt 'Lilien'; u.a.m. 2) XXIV 207 f. 3) XXII81; XXV 195. 254. 271 u. oft. 4) X X IX 22. 5) XXXIII 556; vgl. XXII 366; XXIX 28. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 137 allem Nachdruck immer wieder darauf hinweisen, daß das einzelne, abgesonderte Teilstück - also auch das jeweils eben gegebene - notwendigerweise unverständlich und dunkel erscheinen müsse und erst im Verlauf des gesamten Experiments Bedeutung und Sinn gewinnen könne. 'Es ist mehr Grund vorhanden, daß ich dies sage, als Sie meinen - es ist nicht Geschwätz', schreibt Mrs. Verrall am 3. Aug. 1909.1 - Und am 27. Juni in griechischer Sprache: '...Schreibe, wenn nicht mit Verständnis, so doch mit Schnelligkeit. Was kommen soll, steht fest. Was wir zusammenarbeiten, ist das Beste.'8 - Oder Mrs. Willett im Mai 1910: 'Was Sie niedergeschrieben erhalten haben, wird Ihnen als fürchterlicher Unsinn erscheinen, aber es ist nicht völliger Unsinn.'3 Daß aber diese Dunkelheit und vorläufige Nichtverständlichkeit eine gerade im Rahmen des Versuchs beabsichtigte sei, darüber erhalten wir nicht selten die ausdrücklichsten Zeugnisse des leitenden Wesens. Hier einige derselben wieder aus Mrs. Verralls Schriften. Am 19. August 1908: 'Sie werden einige Zeit auf das Ende dieser Geschichte zu warten haben, auf die Lösung dieses Rätsels - aber ich denke, es ist kein Zweifel tun ihrem schließlichen Erfolge. Der Ihrige.'4 Oder am 1. Mai 1907: 'Sagen Sie es auch Helen - sie könnte helfen. Fragen Sie nicht mehr - ein Schleier ist am besten - aber am Ende werden Sie verstehen und die Aufzeichnungen vollständig finden ...'6 Wiederum am 29. Juni 1914: 'Und er ruhte am 7. Tage - Suchen Sie nicht diese kleinen Brocken aus der Genesis zu verstehen - Aber jeder hat seinen Zweck und ich habe gesagt - und Sie haben geschrieben - in jedem einzelnen Falle, was ich meine.'6 (An fünf Tagen im Juni waren nämlich ähnliche Brocken von 'Abend und Morgen' gekommen, die sich zu Kk.en mit Helen Verrall und Mrs. 'King' formten.) Besonders vielsagend aber am 20. Juli 1914: 'Dies nun ist wichtig zu schreiben - schreiben Sie es nieder - dies ist eine nicht für Sie [bestimmte] Botschaft und es ist nicht leicht sie so abzufassen daß Sie sie nicht verstehen werden... Dies ist nicht die Botschaft von der ich früher sprach.'7 Verwandte Äußerungen erfolgen natürlich auch durch andere beteiligte Medien; z.B. durch Mrs. Willett am 4. Februar 1910: 'Myers. Da war die Tür, den Schlüssel fand ich nicht und Haggi Baba auch. Dies ist zusammenhanglos, aber nicht ohne Sinn.'8 Oder durch Mrs. Piper, durch welche 'Myers' am 2. Juni 1907 zu dem anwesenden Oliver Lodge sagt: es sei ihm gelungen, 'Berg' als Ueweisworf, auch 'See' u. a. durch Mrs. Verrall zu äußern. 'Alles dies hat viel Sinn, wie Sie später verstehen werden.' 9 Ein starkes Zeugnis dieser Art findet sich auch in einem Beitrag der Mrs. Holland zur Kk. 'Ave Roma immortalis' vom 7. März 1906, ein 1) XXXVI 347. 2) XXVII 272. 3) X X V 168. 4) X X IV 277. 5) XXVII 124. 6) X X I X 1 4 . 7) X X X I I I 581. 8) XXV199. Vgl. 168. 9) X X I I 236. Vgl. 308; X X IV 6; XXVI 26. 138 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Zeugnis, dessen Ausdrücklichkeit an das letzte der eben angeführten Verrallschen erinnert: 'Ave Roma immortalis wie könnte ich es noch deutlicher machen ohne ihr den Schlüssel zu geben.'1 Hier spricht sich unverkennbar die Absicht des führenden Wesens aus, eine Vorstellung zu liefern, die für die Förderung des Versuchs bedeutungsvoll, wenn nicht entscheidend ist, ohne doch dabei den augenblicklich benutzten Medien oder ihren Beobachtern die Möglichkeit zu geben, ihren Sinn zu verstehen, ehe nicht das Ganze des Gewebes beisammen ist.8 Mit noch größerer Deutlichkeit, Ausführlichkeit und Häufigkeit aber, als die Kommunikatoren auf die vorläufig unvermeidliche Dunkelheit ihrer Äußerungen hinweisen, bestehen sie auf der Möglichkeit, diese aufzuhellen; und zwar durch jenes Verfahren, das ohne weiteres das Wesen der Kk.en bezeichnet, wenn schon nicht das der verwickeltsten: die rätselhaften Inhalte sollen klar werden, indem man sie mit den von andern Medien gelieferten zusammenhält, vergleicht und damit auf innere Beziehungen prüft. Die diesen Grundgedanken der Kk.-Versuche ausdrückenden Regiebemerkungen sind so zahlreich und dabei so mannigfach gefärbt, daß es nicht einmal leicht ist, die bezeichnendsten auszuwählen. - Nicht selten geht die Feststellung einstweiliger Dunkelheit unmittelbar über in die Versicherung, ein andrer werde die Dunkelheit lichten können: ein andrer Lebender, aber auch der nur auf Grund von Äußerungen, die durch ein zweites Medium erfolgt seien oder erfolgen würden. 'Sie werden finden (schreibt Mrs. Verrall am 8. April 1907), daß Sie eine Botschaft für Mr. Piddington geschrieben haben, die Sie nicht verstanden, er aber wohl. Sagen Sie ihm das. Nichts mehr jetzt - schreiben Sie wieder heute Abend.'3 - Oder dieselbe am 19. Okt. 1903: 'Schreiben Sie diese Woche, aber nicht um Beweise zu erlangen, das kommt sp&ter für Sie durch Andere - Warten Sie - es hat geholfen - Sie haben teilweise verstanden...'* - Oder Mrs. Willett am 13. Nov. 1910: '...Aulla Attila lassen Sie das Wort stehen. Lassen Sie die Worte zu Ihnen kommen ohne Sinn, aber Andern verständlich... Jene werden das Gold von den Schlacken sondern, machen Sie sich nichts aus Schlacke, solange ich mein Gold damit mische...' (!) - Besonders schlagend spricht sich dieser Gedankengang in der Piper-Sitzung vom 21. Jan. 1907 aus. Es ist von einem 'Kranz' die Rede gewesen (wir kennen den Zusammenhang schon), und Mrs. Verrall, die Sitzerin, bekennt: sie verstehe nicht, was der Kranz zu bedeuten habe. Mr. Piddington, der die Sitzung leitet, wendet sich an sie und bemerkt: 'Ich verstehe es wohl.' Man sollte nun meinen, die Transpersönlichkeit werde froh sein, so oder so den Forscher einmal befriedigt zu haben. Weit gefehlt. 'Rector' erwidert: 'All right, aber unser Freund [Piddington] 1) XXI 295, auch XXVII14. 2) Vgl. hierzu auch Miss Johnsons Bemerkungen XXVII 149 f. 3) XXII 271. 4) XXI 224. Vgl. 312 (19. 2. 1906). Experimentelle Entsprechungen der Ges.f.psych.Forschung 139 versteht auch nicht, was wir jetzt meinen. Wir werden es ihm später sagen.'1 Sofern nun die Aufhellung eines unverständlichen Stücks von einer 'Andern' erwartet wird, ist es deren Äußerung gegenüber eine Hälfte', ein Teil'. 'Ihnen die Hälfte... des Satzes -', schreibt Mrs. Holland am 24. Juni 1906, 'der Sinn ist [später erst] zu offenbaren.' * - Oder Mrs. Verrall, am 29. Juni 1911: 'Jetzt haben Sie es, ein Teil wurde gestern Abend gesagt.'3 Besonders eigenartig ist eine verwandte Schreibäußerung desselben Mediums vom 15. Jan. 1903: 'Warten Sie auf das Wort. Er sagte: Ich will die halbe Botschaft an Mrs. Verrall senden und Sie haben die andre Hälfte [Sie, d. h. das andre Medium, bei dem 'er' das sagte]. Sagen Sie das Hodgson [damals noch am Leben], - aber Sie haben das Wort noch nicht erhalten . . . Es war vor einiger Zeit durch Mrs. Piper, aber sie sollten es Ihnen nicht sagen.'4 Das Eigenartige dieser Schrift liegt natürlich darin, daß das 'Wort', welches der Schreibenden angekündigt, aber nicht 'gegeben' wird, nicht direkt als Teil' oder Hälfte' bezeichnet wird, sondern auf einem Umweg, nämlich durch Berichten einer Äußerung, die ein Leiter des Versuchs wo anders (anscheinend bei Mrs. Piper) getan haben soll, indem er sowohl das dort 'Gegebene', als auch das künftig an Mrs. Verrall zu Gebende als 'Hälften' eines Experiments bezeichnete. Daß diese Äußerung eine unerwartete dramatische 'Natürlichkeit' besitzt, wird niemand leugnen. Ist aber das einstweilen noch Dunkle nur ein Teil', so soll es zum Ganzen werden eben durch den Beitrag eines andern Mediums. Mrs. Verrall z. B. beginnt am 30. März 1910 mit einem bekannten englischen Zitat: *Ein Augenblick, erfüllt von höchstem Leben', und fügt daran einen (nicht identifizierbaren) Sinnspruch, in dem ein einziges Wort fortgelassen ist: "Besser die gehabt zu haben () und sie zu überwinden, als die Erinnerung an solche Kraft verloren zu haben'; und dazwischen steht (an der mit () bezeichneten Stelle): 'Lassen Sie dann jemand den leeren Raum ausfüllen.' 6 - Oder dieselbe am 26. Nov. 1902 (auf griechisch): 'Ein Anderer wird das Ganze erkennen, aber Sie allein sind nicht imstande, eins zum andern zu fügen.'6 In allen diesen Beispielen (mit einer Ausnahme) wird die 'Andere', Ergänzende zunächst nicht genannt, und das könnte die Bedeutsamkeit solcher Regiebemerkungen verringern. Doch ist dies keineswegs die Regel. Nicht selten wird jene Andere ausdrücklich mit Namen 1) XXVII 60. 2) XXIV 205. Vgl. Mrs. King: X X IX 240 (13. 3.1914). 3) XXVII 273. 4) XXI 383. S) XXXVI 348. 6) XX 243. 140 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung b e z e i c h n e t , womit der Anschein eines umsichtig geplanten Versuchs sich natürlich sehr verstärkt. Schon in den Anfängen der ganzen Kk.-Bewegung schreibt z. B. Mrs. Verrall (am 26. Dez. 1902): 'Mrs. Forbes wird die Worte erhalten, die ich im Auge habe, aber warten Sie, glücklich ist die Stunde, lassen Sie Ihre Gedanken ihr folgen, schreiben Sie nicht.'1 - Ähnlich zwei Monate Vorher: 'Es ist nicht völlig richtig [was Sie schreiben]. Versuchen Sie zu verstehen. Mrs. Forbes hat die andern Worte . . . es ist wichtig.' 2 - Oder am 11. März 1903: 'Mrs. Forbes hat das andere Wort - und wird es schicken - nicht symposium, aber es hilft und ist klar. Ich glaube nicht, daß sie weiß, daß es für Sie ist - aber Sie werden verstehen.' 3 Der Vorgang nun, durch den aus den Dunkelheiten der Teile die Klarheit des Ganzen erstehen soll, wird von der 'Regie' verschieden bezeichnet, - am häufigsten als ein 'Zusammenstückeln', 'Zusammensetzen', 'Vergleichen'. 'Schreibe auch du in Gemeinschaft', heißt es einmal bei Mrs. Verrall, z. T. auf Griechisch: 'ein anderer wird es in seiner Bedeutung begreifen4 . . . Mrs. Forbes hat die andern Worte - stückle zusammen. Füge die ihren zu den deinigen. Es ist wichtig.'5 Oder am 24. Juni 1904, ebenfalls bei Mrs. Verrall: ' . . . Aber das Ende ist noch nicht, noch auch hier - schreiben Sie bloß. Deuten Sie nicht. Zeichnen Sie die kleinen Teile auf, und wenn zusammengepaßt, 6 werden sie das Ganze ergeben.'7 - Besonders ausführlich und ausdrücklich in einer noch späteren Schrift desselben Mediums, am 11. Febr. 1907: 'Wir können sie nicht dahin bringen, die Wichtigkeit dessen, was wir tun, zu verstehen, und sie müssen selbst [begreifen] lernen. Aber alles ist gut und später wird die Nachricht kommen. Es ist alles bruchstückhaft und ihr müßt zusammenstückeln - das hauptsächliche Wort wird oft nicht erfaßt und der ganze Erfolg auf diese Weise verdorben.' (Folgt die Zeichnung dreier halbkreisförmiger, auf einen Punkt zu führender Pfeile, und daneben der (lateinische) Satz: Drei auf einen [Punkt] hinweisend...)8 - Ein weiterer kennzeichnender Ausdruck für das Erfordernis der Zusammenfügung von Teilen steht in Mrs. Verralls Schrift vom 28. März 1901 (also aus der Frühzeit der Kk.-Versuche): 'Was du geleistet hast, ist immer nur bruchstückhaft... 9 webe zusammen, webe stets zusammen.' Und am 31. März bezeichnet eine griechisch-lateinische Schrift der Dame dieselbe Forderung mit dem charakteristischen Ausdruck superponere, übereinanderlegen, zur sinngemäßen Deckung zu bringen suchen: 'Dem, der gewisse Dinge mit gewissen andern überdeckt, ist alles klar. Jede Zweideutigkeit fehlt [dann].'10 Ein Erfolg dieses 'Zusammenstückeins' oder 'Zusammenwebens' setzt natürlich voraus, daß die zusammenzufügenden Teile einen inneren 1) X X 246. 2) X X 238. 3) X X 407. Vgl. X X X I I I 542 und die durchsichtigen Umschreibungen XXIV 238 (23. 7. 1908). 4) Eigentlich: wiedererkennen - anagnorizei. 5) 27. Okt. 1902. - XX 382. 6) fltted. 7) XX 384. 8) XXII 81. Vgl. X X I 384. 9) Eigentlich: zerteilbar - dissociabile. 10) X X I 379. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 141 Zusammenhang bereits besitzen, daß sie inhaltlich aufeinander angelegt sind; und es liegt nahe zu erwarten, daß bei der schließlichen Aufklärung das eine oder andre Stück sich soz. als des 'Gewebes' Mittelpunkt erweisen werde, von dem die Deutung des Ganzen ausgeht. Dies wird in den Schriften zuweilen so ausgedrückt, daß bei der Zusammenbringung der einzelnen Teile der eine oder andre, oder die Zusammenstellung selbst, sich als Schlüssel zum Verständnis des Ganzen enthüllen werde. 'Sie haben', schreibt Mrs. Verrall in ihrer Frühzeit einmal, 'nicht alles verstanden - versuchen Sie weiter. Sie [wohl Mrs. Forbes] hat einige unvollständige Worte erhalten, die hinzugefügt und gestückelt werden müssen und den Schlüssel abgeben.'1 Oder drei Tage später: 'Ich will die Worte unter euch verteilen. Keiner für sich kann verstehen, aber zusammen werden sie den Schlüssel abgeben, den er [der lebende Mr. Constable] wünscht..8 - Ähnlich schreibt, wie wir schon hörten, Miss Verrall am 23. Sept. 1908: 'Beachten Sie die literarischen Anspielungen. Daraus sollte etwas gemacht werden können. Indem man sie mit andern zusammenfügt, ist der Schlüssel da, aber verschiedenes ist verfehlt worden, versuchen Sie indessen wieder.'3 Und eine bedeutsame spätere Schrift desselben Mediums (damals schon Mrs. Salter) lautet: 'Des Ruhmes Pfade [führen nur zum Grabe] - die Finsternis des Grabes - wir haben die 'Elegie' [von Gray] als einen der Schlüssel benutzt - wir finden, daß wenigstens in diesem Falle [d. h. bei Mrs. Salter] wir dem, was wir wollen, näher kommen können, wenn wir sehr bekannte Literaturstellen benutzen - zuweilen ist der Zusammenhang [des Zitates] wichtig, und zuweilen dienen die Worte bloß als Worte - es ist nicht immer leicht klarzumachen, welches [von beiden] - Nun [also:] mit der Nacht in ihrem Schweigen usw. Die wichtigen Worte sind Schweigen und Stille - nichts anderes ist besonders wichtig - der Hauptpunkt ist 'Schweigen'.'4 Diesen 'Schlüssel' zu liefern aber ist die Schrift der 'Andern' häufig deshalb imstande, weil sie irgendein Verbindungsglied erkennen läßt, welches vor der Vergleichung der einzelnen Schriften fehlte und deshalb ihren Zusammenhang im Dunkel ließ. Als solche Verbindungsglieder werden denn auch immer einzelne Vorstellungen bezeichnet, weil innerhalb des Begriffszusammenhangs einer Kk. zu dieser Rolle logisch geeignet. So sagt z.B. der Piper-Hodgson' am 16. Juli 1910: 'Meditation stellt die Verbindung her - connecls it.'6 - Oder Mrs. Verrall schreibt (am 4. März 1906): 'Der Fahnenträger' ist das Verbindungsglied (link)... die morgigen Nachrichten werden helfen." 1) 31. Okt. 1902. - X X I 382. 2) X X 170. Vgl. 407 u. X X V I I 129. 3) XXIV 281. Vgl. XXV 230. 4) X X X I I I 446. 5) X X V I I 74. 6) X X V I I 13. Vgl. X X I 37" (8.3.1901). 142 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Die vorstehend geschilderte innere, unmittelbar auf die Inhalte gerichtete Lenkung des Experiments wird nun noch häufig ergänzt durch Anordnungen, die seine Förderung soz. von außen her betreihen, indem sie die innerlich zusammengehörigen Schriften unter die Augen von Personen zu bringen suchen, die zur Feststellung ihrer inhaltlichen Beziehungen imstande sind. Diesem Zwecke dient nicht selten der Befehl, die Schrift, worin dieser auftritt, einer meist namentlich bezeichneten Person zuzusenden. Spielt sich eine zusammenhängende Reihe von Versuchen zwischen zwei einzelnen Medien ab, so wird diese Namensnennung gelegentlich auch für überflüssig gehalten. So schreibt Mrs. Verrall einmal während der zahlreichen Kk.en mit Mrs. Holland: 'Die Noten [ihre Schrift hatte u. a. Musiknoten enthalten, und Mrs. Hollands Schrift vom 22. März enthielt gleichfalls welche] haben nichts mit Ihnen [allein] zu tun, sie müssen direkt Qbersandt werden.'1 - Aber abgesehn von solchen Sonderfällen muß der Empfänger natürlich ausdrücklich bezeichnet werden, - und wird auch so bezeichnet. Am häufigsten wohl Mr. Piddington, die Sammelstelle soz., durch deren Hände die Mehrzahl aller Kk.- Schriften in jedem Falle gehen mußten. Die Worte 'Sagen Sie es Piddington' werden in einzelnen Versuchsreihen ständig gebraucht, wenn für die betreffende Äußerung Beweiskraft beansprucht wird, oder auch für eine erst erwartete, wie etwa: 'Lassen Sie es Piddington wissen, wenn Sie ein Botschaft betr. 'Schatten' erhalten...'2 Aber auch andre Medien werden häufig als Empfänger genannt. So z.B. von Mrs. Verrall am 21. Juli 1914: 'Nehmen Sie jetzt diese Botschaft zu Mrs. Willett. Die letzten Worte, die wir ihr gaben, haben doppelten Sinn, einen allgemeinen und einen besonderen - Sie hat nur einen gesehn - sie soll den andern suchen.'3 - Oder von den 'Macs' am 9. Juli 1911s T>ies ist falsch, aber es schließt sich an das andere an. Ich denke, Sie stückeln es zusammen... Schicken Sie alles dies sofort an Mrs. V[errall]. Reynold.'4 - Von großer Ausdrücklichkeit und Genauigkeit ist auch folgender durch Mrs. Forbes' Hand am 6. Feb. 1910 erteilter Auftrag: 'Oliver Lodge wird sich freuen den Schlüssel zu erfahren wir schicken ihn zum öffnen (?) . . . Seid guten Muts, es ist euch vorbehalten Finder zu sein... Edmund Gurney - Talbot Wir wünschen den Brief an Mrs. V[errall] gesandt zu sehn - von mir an die Cambridger Freunde - sie hat den Verstand darauf zu sehn, daß e r . . . Sie wird es sehen müssen, wenn sie es entziffern soll... Wir schreiben es um des benötigten Wortes willen, es wird helfen, wenn Sie dies sagen...'* Den bedeutsamsten Fall dieser Art aber haben wir schon früher im Rahmen der Kk. 'Sesam und Lilien' kennengelernt. Die Anteile der Mac-Gruppe erfolgten hier in der Zeit vom 19. bis 29. Juli 1908. Zwischen dem 12. und 1) XXI 254. 2) XXVII 129; vgL XXVI 49; XXIV 242. 3) XXXIII 581. 4) XXVII 262. 5) XXV 201. Experimentelle Entsprechungen der Ges.f.psych.Forschung 143 18. September äußerten die Kommunikatoren wiederholt den Wunsch, daß diese Anteile an Mrs. Verrall gesandt würden, unter Betonung der Notwendigkeit, daß die Sendung die Empfängerin bis Sonnabend, d. 26. September, erreiche. Wie erinnerlich, hatten aber Mrs. und Miss Verrall die Absicht, ihre Schriften am 27., zum letzten Mal vor einer tags darauf beginnenden längeren Trennung, miteinander zu vergleichen. Dabei wurden von den Mac-Kommunikatoren umständliche Anordnungen erteilt, was alles geschickt und was dabei besonders hervorgehoben werden sollte; und alle diese Wünsche waren mehrfach persönlich 'gezeichnet'.1 In allen bisher angeführten Regiebemerkungen äußerte sich deutlich die experimentelle Absicht, durch mehrere Medien verschiedene Teile von Zusammenhängen kundzugeben. Indessen finden sich Äußerungen mannigfacher Art, die über diesen allgemeinen Grundriß in verschiedenen Richtungen noch hinaus- und ins Einzelne gehen. - Einige bekunden z. B. das Bewußtsein der Leitung, daß mit diesen Versuchen etwas besonderes, von früher Geleistetem abweichendes, also neuartiges unternommen werde. So schreibt Mrs. Verrall am 10. August 1904, nachdem ihre Schrift mit gewissen Äußerungen über Fred. Myers' 'postumen Brief offenbar zu Ende gekommen ist: 'Dies nun ist etwas anderes. Sitzen Sie regelmäßig und warten. Ich wünsche etwas [von früherem?] gänzlich verschiedenes zu versuchen, - Sie sollen nicht raten, und Sie werden wahrscheinlich nicht verstehen was Sie schreiben. Aber bewahren Sie es alles auf und sprechen Sie einstweilen noch nicht darüber. Dann zu Weihnachten oder vielleicht früher können Sie Ihre eigenen Worte mit denen einer andern vergleichen, und die Wahrheit wird [dadurch] offenbar werden. Aber was ich sage wird nicht sensationell sein - es wird etwas ganz neues bezwecken und nur ein langausgesponnener Versuch kann irgend etwas nützen. Fangen Sie jetzt an die Worte zu schreiben, die ich g e b e 3 Neben dies Bewußtsein von der allgemeinen "Neuheit' einer ganzen Versuchsreihe tritt übrigens zuweilen ein Bewußtsein der Ingangbringung eines neuen Einzelversuchs innerhalb der Reihe. So schreibt z. B. Mrs. Willett am 28. Februar 1914: *Einige Verwirrung wird vielleicht in dem übermittelten Stoffe auftreten, aber ein Experiment wird jetzt begonnen, nicht ein neues3 Experiment, aber ein neuer Gegenstand, und genau genommen [auch] nicht das, sondern eine neue Richtung,4 welche mit einem Gegenstande, der bereits durchgebracht ist, zusammenhängt6... fügen Sie eins zu e i n s . . . ' 6 - Damit beginnt die höchst bedeutsame Reihe von Äußerungen, die sich um die Vorstellung des 'Ohres des Dionysios' lagern. Andre Bemerkungen, die ich hier anführen möchte, beziehen sich auf eigenartige Sondergestaltungen des Versuchs und beleuchten 1) XXIV 267f. 310. 2) XXI 384. 3) new: neuartiges? 4) a new Itne 5) toira with . . . 6) XXIX 206. 144 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung auf neuartige Weise das ins Einzelne gehende Bewußtsein des Leiters vom Wesen seines Unternehmens. So wird, während doch meist die Anteile der einzelnen Medien in freien Formen die Zielvorstellung des Versuchs umspielen, gelegentlich eine völlige Übereinstimmung der gesonderten Äußerungen als beabsichtigt bezeichnet. Zwei solche Bemerkungen finden sich bei Mrs. Verrall. Am 11. April 1906 schreibt sie: 'Dies ist wiederholt worden - Es wird der Versuch gemacht, diesmal die gleichen Worte zu gJien,'1 und am 14. August 1907, nach einem Zitat: 'Ich will, daß Mrs. Holland dieselbe Anspielung auf Matthew Arnolds Requiescat macht.' 8 In wieder andern Fällen äußert sich das Verständnis der Versuchsleiter für den Verlauf des Experiments in der Form der Einsicht in einen untergelaufenen Fehler, - Fehler im Sinne der Notwendigkeit, bei der Verteilung der Bruchstücke auf die xMedien nicht nur gewisse Dinge mitzuteilen, sondern auch gewisse Dinge vorzuenthalten; weil ja das Nicht-wissen um einen bestimmten Inhalt zum Beweise der Übernormalität der Leistung gehören kann! In diesem Sinne ist folgendes kleines Gespräch zwischen "Rector' und Mr. Piddington in der Piper-Sitzung vom 23. Januar 1907 belangreich: Rector: 'Wir bedauern sehr, daß wir 'Kranz' vor [Mrs. Verrall] erwähnten, aber wir taten es aus Unachtsamkeit.' Piddington: 'Das macht nichts. Außerdem, als Sie sagten 'Ich verstand nicht, was 'Kranz' solle', schien das Mrs. Verrall wieder von der Fährte abzuführen.' Rector: 'Ja - sehr gut - weil es eine sehr gute Sache zu versuchen ist. Wir wünschen sie nicht zu verpfuschen.'3 Daß diesem Überwachen des Versuchsverlaufs von innen her, d.h. seiner vorstellungsmäßigen Entwicklung nach, auch ein Verfolgen seines äußeren Gelingens entspricht (soweit dies den Leitern möglich ist), wissen wir bereits aus früherem. Ich möchte hier nur noch ein, soweit ich sehen kann, einzig dastehendes Beispiel hierfür einflechten, worin nicht nur die Schrift eines Mediums, sondern sogar das äußere Tun eines Forschers als beobachtet erscheint Es findet sich in Mrs. Verralls Schrift vom 17. Dezember 1914, die z.T. wie folgt lautet: 'An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Sie brauchen nicht mehr als das an Piddington zu schicken, und nur dies Wort - daß ich belustigt war, ihn neulich beim Licht der elektrischen Lampe sich mit dem Lexikon abmühn zu sehn - nicht dort wird er den Schlüssel finden, den er sucht - Sagen Sie ihm, dieser ist völlig klar in Helens kürzlich gelieferter Schrift, und ich glaube, er wird ihn erkennen. Das genügt.' - "Nachdem ich', schreibt Mr. Piddington, 'diese Schrift gelesen, notierte ich, daß ich während dar vorausgegangenen zwei oder drei Wochen 'mich mit dem Lexikon abgemüht* hatte, um über drei bestimmte Punkte in einer Schrift Miss Verralls zur 1) XXI 363. 2) XXVI 47. Vgl. XXV 264. 3) XXVII 60 f. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 145 Klarheit zu kommen,' (die dann im einzelnen aufgeführt und erläutert werden.)1 Kann man dem schreibenden Wesen nicht seine 'Belustigung' nachfühlen, in dem Bewußtsein seiner Oberlegenen Einsicht gegenüber dem Tappen des irdischen Forschers? Aber vielleicht die sonderbarste Bekundung dieses bis ins Kleinste gehenden Experimentalwillens besteht in der Ausdrücklichkeit, mit welcher sehr häufig - und zwar vorzugsweise bei Mrs. Verrall - der Zeitpunkt der Schriften als für den Verlauf des Versuchs belangreich bezeichnet wird; ein Gesichtspunkt, dessen mögliche Wichtigkeit auch ohne Nachweise im Einzelfall ohne weiteres verständlich ist. - Eine häufige Form dieser Betonung des Zeit-Gesichtspunkts besteht in dem ausdrücklichen Auftrag der Schrift, den Tag oder die Stunde ihres Zutagetretens durch Aufzeichnungen festzulegen. 'Notieren Sie die Stunde', 'datieren Sie dies' lautet dann der Befehl,2 und Mrs. Verrall kann hinzufügen, daß in der Mehrzahl dieser Fälle beweiskräftige Inhalte - evidential matter - im unmittelbaren Zusammenhang damit gegeben worden seien. - Auch sind die Befehle meist mit sonstigen Äußerungen verwoben, die ihre Bedeutung gerade für ein Kk.-Experiment beleuchten. 'Notieren Sie die Stunde, ich will jemand anders sagen, daß ich hier war.' 3 Oder (am 13. Juli 1904, nach einigen lateinischen und griechischen Worten): 'Vermerken Sie die Stunde - in London ist die halbe Botschaft gekommen... Wir wollen versuchen es heute [Helen] zu geben. Jemand wird zu ihr davon sprechen . . . ' 4 Fast noch sonderbarer, weil unmittelbarer eine umfassende Anordnung des Experiments andeutend, sind die sehr häufigen Befehle, an einem bestimmten bevorstehenden Tage wieder zu schreiben und diesen Tag schon jetzt, oder späterhin, anzuschreiben. So z. B. in Mrs. Verralls Schrift vom 1. Mal 1907: 'Ich wünsche daß Sie ein besonderes Experiment versuchen. Am 13. Mai warten Sie auf eine Botschaft ich kann nicht sagen wie sie Sie erreichen wird - aber dieser Tag hat eine besondere Bedeutung.'6 - Seltsam verwickelt lautet der (lateinische) Befehl am 20. April 1901: 'Rechne (computa). Nimm neun Stunden; nach einigen Tagen - willst du wissen, wieviele? 1 -f-1 1 -(- 1 -f-1 und füge noch drei hinzu.'6 Oder man rechnet völlig nach Stunden: 'Zählen Sie 40 Stunden. Dann schreiben Sie. Es wird klar sein.'7 - Dabei wird auf die Ausführung solcher Aufträge streng geachtet. Am 10. April 1904 wird Mrs. Verrall aufgetragen, am 23. zu schreiben. Sie vergißt es; aber am 27. fragt die Schrift sie: 'Warum haben Sie den 23. vergessen?'8 - Und auch diese Aufforderungen, an bestimmten Tagen zu schreiben, verweben sich fast immer mit Äußerungen, welche die genaue Zeitfestlegung als wichtig bezeichnen für den 1) X X I X 37. 2) Zahlreiche Belege z. B . X X 373. 328. 3) X X 226. 4) X X I V 246. 5) There is some special interest in that day. X X V I I 124. 6) X X 372. 7 ) Da". 8) X X 97. M a t t i e s e n , Das persönliche Oberleben II 10 146 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Sinn der Zusammenhänge zwischen den Äußerungen mehrerer Medien. Am 11. März 1903 z.B. schreibt Mrs. Verrall: (griech.:) 'Am 15. Tage, denn eben so wirst du und ein anderer zur Verständigung (eis synesin) gelangen. (Engl.:) An jenem Tage passen Sie auf, nicht allein, wenn das Gesicht kommt. Vermerken Sie den Tag und zählen Sie von jetzt ab.'1 Ähnlich am 7. Mai 1907: 'Der 13. dreizehnte Mai ist Ihnen als Datum gegeben worden. Sagen Sie Helen, sie solle dann versuchen, die Antwort zu erhalten - und danach sollten Sie nicht mehr schreiben,.bis wir das Wort geben.'2 Zuweilen wird geradezu der Empfang eines Schlüssels-zum-Verständnis (wovon wir so viel hörten) auf einen bestimmten Stichtag verheißen. Z.B. am 6. Sept. 1902: 'Warten Sie auf den Schlüssel, am 17. wird er kommen. 17. September. Schreiben Sie dann.'3 - Oder am 28. Dez. 1904: '6 Tage müssen Sie von jetzt ab warten und weitere 3 - dann wird die Botschaft alles klar machen. Lassen Sie sie dann kommen.'1 - Ich habe nun genügende Beweise eines in den Schriften sich äußernden Willens-zum-Experiment zusammengestellt und greife auf die Frage zurück, ob demgegenüber Dr. Maxwells Meinung wirklich haltbar sei, daß es sich bei den veröffentlichten Kk.en bloß um nachträgliche Scheingebäude der Forscher handle, die aus einer Fülle hervorgesprudelter 'banaler' Inhalte irgendwie zusammenpassende ausgesucht und durch ihre Deutungskünste zu verblüffenden inneren Zusammenhängen ineinandergefügt hätten. Diese Ansicht würde durch den Nachweis einer unablässigen 'Spielleitung' wohl nur unter zwei Voraussetzungen nicht widerlegt werden: erstens wenn jene Äußerungen der 'Regie' sich nie mit dem wirklichen Geschehen deckten, und zweitens (damit zusammenhängend) wenn man die Tatsache der unablässigen Regiebemerkungen ihrerseits als ein Erzeugnis eben der 'Kommentierung' auffassen könnte; anders ausgedrückt: wenn erst der künstliche Aufbau von Kk.en durch die Forscher und das Wissen der Medien darum die letzteren veranlaßt hätte, in ihre Äußerungen solche Bemerkungen im Sinne der Kommentierung einzuflechten. Was die erstere Voraussetzung anlangt, so müßten also z. B. Ansagen künftiger Äußerungen durch X oder Y sich nicht erfüllen, Behauptungen über erfolgte Äußerungen sich bei der Nachprüfung nicht bestätigen; ausdrücklich hervorgehobene oder als 'wichtig' bezeichnete Stücke müßten sich als völlig bedeutungslos erweisen; der Auftrag, zwei Schriften zu vergleichen oder gewisse Teile 'zusammenzustückeln', müßte stets unausführbar sein, u. dgl. m. - Nun will ich ohne weiteres zugeben, daß es sehr schwer, wenn nicht unmöglich ist, genaue und umfassende Zahlenangaben darüber zu machen, in wie vielen Fällen 1) XX 252. 2) XXVI 183. 3) XX 372. 4) XX 373; vgl. XXI 311. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 147 eine solche Bestätigung der Regiebemerkungen durch die Tatsachen statthat, in wie vielen sie ausbleibt; z.T. schon deswegen, weil sehr viele Bemerkungen dieser Art uns in den Veröffentlichungen der Ges. f. ps. F. soz. außer Zusammenhang, in losgelösten Bruchstücken vorgelegt werden. Demgegenüber aber darf man behaupten, daß in vielen Fällen die Beglaubigung der "Regie' durch die Beobachtung eine völlig eindeutige ist, - während doch in Wahrheit einige wenige Fälle dieser Art genügen würden, den Verdacht der Wesenlosigkeit dieser Bemerkungen, soz. ihres In-der-Luft-schwebens zu widerlegen. In der Tat wird der aufmerksame Leser selbst in den wenigen früher mitgeteilten Kk.en Beispiele solcher Übereinstimmung zwischen geäußerter Regie und Versuchsablauf festgestellt haben. Im Grunde aber ist es ja so, daß die sachliche Zusammengehörigkeit der einzelnen Schriften an sich als gewollt sich aufdrängt und eben darum die Äußerungen des Willens-zum-Experiment natürlich erscheinen; wie auch umgekehrt diese gleichzeitigen Äußerungen die Glaubwürdigkeit der Feststellung von Zusammengehörigkeiten erhöhen. Freilich brauchen, ja dürfen wir den Nachweis des ausnahmelosen Zusammenstimmens von Regie und Versuchsverlauf keineswegs fordern. Denn erstens bleibt die Erkenntnis der Kk.en durch die Forscher fraglos hinter den tatsächlichen Abläufen zurück (das beweist schon das oft sehr späte Verständnis gewisser Kk.en überhaupt, sowie die mehrfach notwendig gewordene nachträgliche Neuordnung innerhalb bereits vorgenommener Deutungen); und anderseits müssen wir jedenfalls damit rechnen, daß der Experimentierwille der leitenden Intelligenz' (was diese auch sein mag) sich nur teilweise durchsetzen und ebenso nur teilweise dem äußern Ablauf des Versuchs werde folgen können, so daß in Aussicht gestellte Leistungen nicht immer einzutreten, Behauptungen über vollbrachte Leistungen nicht immer sich zu bestätigen brauchen. Tatsächlich decken sich die Aussagen der Regie in vielen Fällen nicht mit den beobachteten Tatsachen. Dies braucht aber nicht gegen die subjektive Wahrhaftigkeit und (insofern) Glaubhaftigkeit selbst aller Regiebemerkungen zu streiten, solange wenigstens ein beträchtlicher Teil oder gar die Mehrzahl sieb als zutreffend erweist, - und das ist ja durchaus der Fall, wie selbst statistische Erhebungen über einzelne Versuchsreihen hin bestätigt haben.1 Dies aber berechtigt uns, die erwiesenen Fehlschlage auf Rechnung der zahlreichen Schwierigkeiten zu setzen, von denen wir da" Bemühen der 'Leiter' doch in jedem Fall umlagert denken müssen. Von solchen Schwierigkeiten haben diese auch wirklich ein völlig klares 1) Vgl. XXIV 193. 10" 148 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Bewußtsein und äußern es oft genug; wie wenn etwa Hodgson' durch Mrs. Piper behauptet: er habe ein gewisses Wort bei Helen Verrall noch nicht 'durchgekriegt',1 oder Mrs. Verrall schreibt: 'Ich will versuchen, die Vorstellung woanders ausgedrückt zu erhalten - aber es ist schwierig und ich weiß, es ist mir schon einmal mißlungen.'2 - Daher: 'Wir sind genötigt, die Dinge durchzubekommen, so gut wir können, und sie nachher Stück für Stück auszusondern. Anders würden wir überhaupt nie vorwärtskommen.'3 Über die Natur dieser Hemmungen im einzelnen soll hier gar nicht nachgedacht werden. Dagegen lohnt es sich hervorzuheben, welche Betonung der Wille-zur-Mitteilung bestimmter Kk.-Inhalte durch solches Angehn gegen Widerstände erfährt; welche Betonung zugleich auch die Selbständigkeit des leitenden Wesens, - ein Gesichtspunkt, der ja für die Theorie der Kk.en nicht gleichgültig sein kann. Denn wie ich später noch ausführen werde, ist es meist garnicht möglich, solche 'Schwierigkeiten' überhaupt in das Medium allein zu verlegen, und entsprechend wächst der Anreiz, sie auf den Mitteilungswillen einer unabhängigen Persönlichkeit zu beziehen. Aber darauf soll hier noch kein Nachdruck gelegt werden. Vielmehr nur auf zweierlei: einmal darauf, daß jene 'Schwierigkeiten' nicht etwa ins Blaue hinein behauptet werden, um zu täuschen oder sich zu entschuldigen. Dies wird durch Fälle bewiesen, in denen die bündigsten Versicherungen des Experimentierwillens mit den sonderbarsten Entgleisungen - aber eben nur Entgleisungen, nicht völligem Versagen - zusammenfallen, wobei eine seltsam problemreiche Unsicherheit zeitlicher Vorstellungen auf Seiten der Versuchsleiter in Erscheinung tritt. So schreibt z.B. 'Myers' am 30. März 1908 durch Mrs. Piper: "Pharaos Tochter' wurde von Mrs. Verrall vor einiger Zeit geschrieben, etwa vor 10 [Wochen]. Ich wiederhole es hier als Beweis.' Nun hatte aber bis dahin Mrs. Verrall nichts von 'Pharaos Tochter' geschrieben; dagegen schrieb Miss Verrall am 6. September 1908, ohne daß sie oder ihre Mutter von Mrs. Pipers' Schrift erfahren, u. a. folgendes: 'An des Flusses Rand, - in dem dicksten Ried, - legt' ihn seine Mutter nieder. Pharaos Tochter, - die Hand des Feindes soll ihn zum Führer des Volkes aufziehen.'* - Ein andres Mal sollte, nach Angaben durch Mrs. Piper, 'Neptun' k ü n f t i g durch Mrs. Verrall geschrieben werden, war aber, ehe es durch Mrs. Piper geäußert wurde, von Miss Verrall geschrieben worden.5 - Sodann aber muß ich darauf Nachdruck legen, daß die offenbar bestehende Tatsache jener Schwierigkeiten völlig ausreicht, das gelegentliche Nicht-übereinstimmen zwischen Regiebemerkung und beobach- 1) X X I V 176. 2) X X I I 1 1 3 ; vgl. 181. 278; XXVII 94 (26. 2. 1907); X X I X 37 (17.12. 1914); X X X V I 349. Sehr starke Ausdrücke von 'Myers': X X I 230. 234. 3) Helen Verrall am 6. 4. 1914: X X I X 28. 4) X X I V 189. 5) X X I V 193. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f . psych. Forschung 149 tetem Verlauf der Äußerungen zu erklären und zu entschuldigen. Diese negativen Fälle begründen also keineswegs eine Entwertung der zahlreichen Fälle, in denen Regie und tatsächlicher Ablauf gut übereinstimmen, und die Behauptung, die Regie beweise bewußten Experimentierwillen irgendwo, wird in keiner Weise durch sie erschüttert. - Soviel über die erste der Voraussetzungen, die man machen müßte, damit die Tatsache der Regiebemerkungen keine Widerlegung von Maxwells Behauptung künstlicher Zurechtlegung der Kk.en bilde: die Voraussetzung der Nichtübereinstimmung dieser Regiebemerkungen mit den Tatsachen. Die zweite Voraussetzung hängt, wie gesagt, mit dieser ersten eng zusammen und wird daher mit deren Widerlegung eigentlich auch schon hinfällig: die Voraussetzung, daß die Regiebemerkungen ein künstliches Erzeugnis der 'Kommentierung' der Schriften durch die Forscher seien; daß also zunächst eine grundlose Theorie angeblicher Kk.en von der Forschung aufgestellt worden sei, daß dann die Medien von dieser Theorie erfahren und daraufhin Bemerkungen im Sinne dieser Theorie in ihre Schriften eingeflochten hätten. Ist nämlich zur Widerlegung der ersten Voraussetzung nachgewiesen, daß in vielen Fällen Regiebemerkungen und Tatsachen übereinstimmen, daß Ausnahmen hiervon sich rechtfertigen lassen, daß also Kk.en übernormalen Ursprungs wirklich bestehen, so wird natürlich auch die Annahme hinfällig, daß Regiebemerkungen bloß durch die bekanntgewordene Theorie eingegeben worden seien. Indessen läßt sich diese Annahme auch unabhängig widerlegen; nämlich durch die Tatsache, daß Regiebemerkungen aufgetreten sind zu einer Zeit, da noch niemand, weder Medien noch Forscher, an das Vorliegen von Kk.-Versuchen bewußt gedacht hatten. Die Kk.en der Ges. f. ps. F. nahmen ihren Anfang bekanntlich in den bald nach Fred. Myers' Tode einsetzenden Schriften der Mrs. Verrall. Diese begannen im März 1901 - und schon die ersten, noch halbverworrenen Darbietungen ihrer nie zuvor automatisch bewegten Feder während jenes ersten Monats sind erfüllt von Äußerungen eines bewußten Experimentalwillens, also 'Regiebemerkungen', - auch abgesehn von Bemerkungen, die sich auf die neuartige Form des Automatismus und seine technischen Schwierigkeiten beziehen, oder von solchen, denen man einen unmittelbar 'spiritistischen' Inhalt zuschreiben könnte. So schreibt z.B. die Hand der Mrs. Verrall am 5. März (d. i. am allerersten Tage, an welchem Oberhaupt eigentliche Schrift erhalten wurde)1 u. a. 1) X X 8. 150 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung folgendes: noli vitare quod ego tibi dicam et Semper et ubique ne semel propositum meum fregeris - mane domi dominio - videas quem tibi mittam addio -; d. h. etwa: Entziehe dich nicht dem, was ich dir sagen werde und immer und allenthalben, auf daß du nicht ein für allemal meinen Plan vereitelst, bleibe zu Hause am Sonntag (?) [damit] du siehst, wen ich dir schicken werde. Lebewohl. - Am 6. März u. a.: in hoc vincite signo cur plurima? inquis modeste incipiam nisi fatigaris vel tuo dicere scribo putasne elicere quod sensu careat...; d. h.: In diesem Zeichen siegt ihr. Warum noch mehr? sagst du. Ich werde vorsichtig beginnen, wenn es dich nicht ermüdet, oder ich schreibe durch dein Sprechen (?). Meinst du hervorzuholen, was keinen Sinn hat? - Am 8. März u. a.: novas res et insolitas mihi iucundissimas horresco referens quid multa - nec tibi - sed ceteris - vale quondam ulterior veniet pars tua et praevalebit ultima ratio tibi; d.h.: Neue und ungewöhnliche Dinge, mir höchst angenehme, gebe ich mit Zagen wieder, warum vieles - und nicht für dich, sondern für die andern - Lebe wohl, später, zu gegebener Zeit, wird dein weiterer Anteil kommen und der endgültige Sinn wird sich dir aufdrängen. - Am 9. März u. a.: credo condisciplinam patefecisti; das kann heißen: Ich glaube, du hast die gemeinsame Unterrichtung offenbar gemacht. - Am 12. März: mox et tu audies videndum et parandum; d. h.: Bald wirst auch du hören. Man muß genau zusehen und anordnen. - Am 15.: optimo dierum procedas elusione nexis spargedulis etsi infinitis. nunc tibi redditae partes quoad eliciet mens tua sensus; d. h.: Am günstigsten Tage sollst du jede Ausflucht [aufgeben und] fortfahren, indem du die verstreuten Teilchen vereinigst, und seien sie noch so winzig. Jetzt sind dir die Teile übergeben, bis dein Geist den Sinn daraus gewinnt. - Am 17.: a. d. XII - vig. quarta - horam bene notavi; recordamini. littera scripta manet; d. h.: Vor dem 12. - um die vierte Nachtwache - ich habe die Stunde genau angemerkt; erinnert euch. Was geschrieben ist, hat Bestand. - Am 21.: nexere si nequis pertinax scribas omne scitum; d.h.: Wenn du nicht verknüpfen kannst, so schreibe alles, was du weißt. - Am 27.: cur istaec? excipe modo interpretatio postea... fac roges... Tuus denique nomen adposui. interpretatio tua nunc; d. h.: Warum diese? Empfange blos. Die Deutung [kommt] später... erkundige d i c h . . . Der Deine. Endlich habe ich [meinen] Namen beigefügt. Die Deutung liegt nun bei dir. - Am 29.: Dissociabile Semper quod fecisti... nexere nexere semper... notare horam semper. sine dubio, horas pone sex postea quattuor et idies identidem computa; d.h.: Nicht leicht zu vereinigen ist stets, was du geliefert h a s t . . . Verknüpfe, verknüpfe s t e t s . . . vermerke immer die Stunde, damit kein Zweifel möglich sei. Rechne sechs Stunden, danach vier und berechne die Tage wiederholt - Am 30.: coniunctio optimal Verknüpfung ist das nützlichste (wichtigste). - Am 31.: Superponenti tina tisin omnia plana: Wer gewisse Dinge mit gewissen andern zur Deckung bringt, dem ist alles verständlich.1 Das Latein dieser frühen Schriften ist - in viel weiterem Umfang, als 1) XX 340 0. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych.Forschung 151 aus dem Angeführten ersichtlich - ein teilweise eigentümliches, verworrenes und fehlerhaftes; doch ist beachtenswert, was Mrs. Verrall später über diesen Stil sagte, dessen 'Verdichtung und Kürze' die Übersetzung so häufig erschwert. 'In vielen Fällen', bemerkt sie, 'war es mir selbst unmöglich, einen Sinn zu entdecken, während andre Personen nachträglich eine Bedeutung entdeckten, die dann auch mir einleuchtete. Es ist m. E. möglich, daß der schwerverständliche Stil und die Dunkelheit dem Zwecke dienten, die Absichten [der Schrift] während des Schreibens vor mir zu verbergen, um so dem Unterbewußtsein freiere Hand zu lassen.'1 Solchen Andeutungen in den Schriften selbst entsprechen aber auch nachträglich von außen kommende F e s t s t e l l u n g e n ein der Gesamtheit der damaligen Vorgänge. Wir finden nämlich Mrs. Verrall - und zwar ohne jedes bewußte Wissen oder Wollen von ihrer Seite - in tatsächlicher übernormaler Verknüpftheit mit andern Medien b e r e i t s in jener a l l e r f r ü h e s t e n Zeit ihres automatischen Schreibens. Und zwar hatte der erste feststellbare Fall dieser Art noch nicht das Gepräge der späteren literarischen Kk.en; er enthielt nur eine Mitt e i l u n g über Mrs. Verrall an die andre Beteiligte, Mrs. Forbes, ausgehend aber angeblich von denselben Persönlichkeiten, die bald darauf als die Veranstalter der klassischen Kk.-Versuche auftraten. Zwölf Tage nach Mrs. Verralls e r s t e r Schrift (17. März 1901) erfolgte durch sie ein deutlicher Hinweis auf Mrs. Forbes als Teilnehmerin an einem 'Treueverhältnis'; am 21. März enthielt Mrs. Verralls Schrift in den Worten ne falle rogatricem2 einen möglichen Hinweis auf die Mitwirkung eines zweiten Mediums, und am 24. erhielten Mrs. Forbes und Mrs. Baltimore durch die Planchette den Auftrag: 'Sagen Sie Mrs. Verrall, sie solle Ihnen ihre letzte Schrift schicken.'3 Wir hätten also schon im e r s t e n Monat von Mrs. Verralls Schreiben eine deutlich von zwei Seiten her planmäßig betätigte Leitung. Dabei muß erwähnt werden, daß die - soweit wir erfahren - e r s t e bei Mrs. V. durch einen Lebenden (Mr. Piddington) erfolgte Anregung von Kk.-Versuchen, und zwar denkbar einfachsten, nur in 'Wiederholung eines Wortes' bestehenden, erst auf den 25. Oktober desselben Jahres fiel.1 Von einem Einsetzen der Regiebemerkungen wie auch der wirklichen Entsprechungen infolge theoretischer Anregungen von außen her kann also keine Rede sein. Diese wie jene sind vielmehr erst entdeckt worden, nachdem sehr zahlreiche Schriften der Beteiligten schon vorlagen. 1) Die obigen Übersetzungen stehen natürlich unter dem Einfluß einer Neigung zu ganz bestimmten Deutungsweisen; doch habe ich mehrdeutigen Worten nirgends einen Sinn untergelegt, der sich nicht lexikalisch belegen lieBe. 2) 'Versage dich nicht der, die dich bittet.' 3) XX 221 f. 4) XX 206. 152 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Damit sind nun beide Voraussetzungen erledigt, unter denen allein eine Widerlegung von Maxwells Kritik durch die Tatsache der Regiebemerkungen hätte fraglich werden können. Wir beharren also bei dem Schluß: daß die Tatsache der Regiebemerkungen die Theorie der Zufälligkeit von Kk.en widerlegt, daß sie die Betätigung einer selbständigen, einsichtsvollen, persönlichen und zielbewußten Leitung der Vorgänge beweist1 Damit ist natürlich über die Frage, wem diese Leitung zuzuschreiben sei, noch nichts entschieden. Ehe wir in die sorgfältige Erwägung dieses Problems eintreten, soll aber noch eine letzte Frage bez. der Regiebemerkungen selbst gestellt werden: nämlich ob auch jene krönende Verwicklung der Versuchsanlage, welche die Forscher im Ablauf der Kk.en zu bemerken glaubten, in jenen Bemerkungen selber angedeutet oder ausgesprochen werde: ich meine die Anlage der Einzeläußerungen auf Komplementarität hin, also in der Weise, daß die Äußerungen durch e in Medium diejenigen durch ein andres ergänzen, nicht aber mit leicht durchschaubarer Deutlichkeit wiederholen. Hierdurch erst sollte die Deutung der Kk.en durch Telepathie zwischen den Medien allenfalls ausgeschlossen und ein 'drittes' Wesen erwiesen werden, das die Einzeläußerungen so faßte, ihre Inhalte so auswählte, daß ihre Bezogenheit-auf-einander erst bei n a c h t r ä g l i c h e r Vergleichung durch einen Lebenden begriffen werden konnte. Wie wichtig die Frage ist, ob ein Bewußtsein geplanter Komplementarität sich in den Regiebemerkungen äußere, ersieht man daraus, daß von gegnerischer Seite die Möglichkeit von Komplementarität an sich ohne jede Planung behauptet worden ist. Prof. Pigou tat dies sehr scharfsinnig in einer Auseinandersetzung mit Mr. G. W. Balfour'2 und suchte Belege zu geben besonders aus gewissen berühmt gewordenen Experimenten, in denen Prof. Verrall die griechischen Worte monopolon es ao telepathisch auf seine Gattin zu übertragen suchte:3 die zahlreichen bei dieser zutage getretenen Äußerungen hätten vielfach um die 'gesendeten' Worte herumgespielt. Und ähnliches sei bei telepathischer Beeinflussung mehrerer Personen sogar in gesteigertem Maß zu erwarten, da diese ja noch reichlichere Möglichkeiten des Ausgleitens in verwandte Vorstellungen böten. - Mr. Balfour hielt ihm entgegen (und darauf konnte Pigou nichts erwidern), die 'zufällige' Entstehung anscheinend komplementärer Kk.en sei in vielen Fällen ausge- 1) Über da" - natürlich zu erwartende - Fehlen von 'Regiebemerkungen' in telepathischen Experimenten unter Lebenden und gewisse scheinbare Ausnahmen davon (z. B. XXVI 47) vgl. meine Bemerkungen in ZpF 1929 1381. 2) XXIII 286 CT.; XXV 38 CT.; JSPR XV 66 B. 3) XX 156 ff.; 387 ff. Experimentelle Entsprechungen der Ges.f.psych.Forschung 153 schlössen 1) durch ihre bloße Form, 2) durch Absicht verratende Andeutungen innerhalb der Schriften selbst. Als Beispiel einer Kk., in der schon die Art der Verteilung der Inhalte Absicht beweise, führte Mr. Balfour die oben dargestellte Kk. 'Thanatos' an, auf die und meinen Nachweis ihrer Komplementarität ich den Leser zurückzugreifen bitte.1 Was aber jene Bemerkungen innerhalb komplementärer Kk.en anlangt, die ihre Absichtlichkeit betonen, so führt Mr.Balfour, abgesehn von einem allgemeinen Hinweis auf die Kk. 'Sesam und Lilien', Belege nur aus der Kk. 'Ave Roma immortalis' an. In dieser betraf die Zielvorstellung ein bekanntes Gemälde im Vatikan, die Begegnung zwischen Papst Leo I. und dem Hunnenkönig Attila darstellend. Mrs. Verralls Schrift erwähnte verschiedene Einzelheiten desselben, die keinerlei Sinn für sie haben konnten, die aber verständlich wurden durch die einige Tage später in Mrs. Hollands Schrift erscheinenden Worte: Ave Roma immortalis. Hier hatte Mrs. Verralls Schrift vom 2. März 1906 die Ankündigung enthalten, daß sie 'nach einigen Tagen' verstehen werde, was ihr gesagt worden war, da dann 'durch eine andere Stimme' weiteres gesagt werden würde ;2 während Mrs. Hollands abschließender Beitrag am 7. März mit den Worten schloß: 'Wie könnte ich es deutlicher machen, ohne ihr den Schlüssel zu geben?'3 Diese beiden Bemerkungen', sagt Mr. Balfour, 'zusammengehalten, können nur bedeuten, 1) daß eine Kk. absichtsvoll zustande gebracht werde; 2) daß das komplementäre Element in ihr bezweckt4 war, indem die Absicht bestand, Mrs. Verrall ein Bruchstück der gesamten Vorstellung vorzuenthalten, welches den 'Schlüssel' zum Verständnis enthielt.' Was die zweite von Balfour erwähnte Kk., 'Sesam und Lilien', betrifft, so kann der Leser selber meiner Darstellung derselben einige Belege entnehmen. Dort enthielt z. B. Mrs. Verralls Schrift vom 19. August 1908 u. a. die Worte: 'Lilien ist das Stichwort, welches zeigt, welche Worte zusammenzufügen sind... Sie werden einige Zeit auf das Ende dieser Geschichte warten müssen, auf die Lösung dieses Rätsels - aber ich glaube, an seinem endlichen Erfolg ist kein Zweifel. Der Ihrige [ = Myers].' - Am 22. August schrieb Helen Verrall u. a.: 'Unto this last. Das war die mitzuteilende Botschaft... Beachten Sie, daß die Worte ein Schlüssel sind. Aber Sie haben das wichtigste von allem noch nicht geschrieben... Lassen Sie es von selbst kommen. F. W. H. M.' - Am 23. Sept. schrieb dieselbe: 'Beachten Sie die literarischen Anspielungen, etwas sollte aus ihnen gewonnen werden dadurch, daß sie verknüpft werden. Der Schlüssel ist da, aber verschiedene Einzelheiten sind verfehlt worden.' 1) o. S. 110 II.. 2) TtXI 297. 3) Das. 298. 4) purpotivt. 154 Argumente aus formalen Verhaltnissen der Kundgebung Die nächstliegende Deutung solcher Worte ist in der Tat die, daß sie Äußerungen eines Willens sind, gewisse Inhalte nach einem vorgefaßten Plan zu verteilen und durch einige darunter die Lösung des Rätsels herbeizuführen, welches durch die übrigen aufgegeben wird. Eine ausdrückliche Aufstellung der 'Theorie der Komplementarität' dagegen wird man in ihnen natürlich nicht suchen dürfen. Aber die von Mr. Balfour angezogenen Kk.en erschöpfen die hier verfügbaren Belege bei weitem nicht. Ich habe oben zahlreiche Äußerungen aus Schriften angeführt, in denen die wohlüberlegte Absicht sich kundgibt, eine vorläufige Unverständlichkeit dieser Schriften zu sichern.1 An einem einfachen Kk.-Wort oder Wörterzusammenhang an sich aber ist ja eigentlich gar nichts zu 'verstehen' und kann deshalb auch nichts wirklich 'unverständlich' oder 'dunkel' bleiben - für die jeweils Schreibende (ein die sich die Bemerkungen ja richten): wird die Identität mit dem anderswo Geschriebenen entdeckt, so wird damit die Tatsache der 'einfachen' Kk. festgestellt, und damit ist der Versuch auch restlos zu Ende. Wird dagegen die Möglichkeit eines 'Verstehens' seitens der einzelnen Schreibenden überhaupt angenommen (oder befürchtet!), so muß es sich um einen verwickeiteren Zusammenhang von Vorstellungen handeln, von welchem die eine Schreibende einen 'Teil', die andre oder anderen - weitere Hälften' oder 'Teile' liefern, die dann 'verglichen' und 'zusammengestückelt' werden können, wobei irgendeine Schrift einen 'Schlüssel' abgeben soll, der alle Teile zur Einheit ergänzen läßt Diese Möglichkeit der Ergänzung setzt also, genau genommen, die Nicht-Identität der Teile voraus, und es erhellt somit, daß das meiste von dem, was die Regiebemerkungen über Teile, Zusammenweben, Schlüssel und Verbindungsglieder aussagen, im Grunde den Begriff nicht-einfacher, also komplementärer Kk.en tatsächlich voraussetzt2 Die Feststellung von Kk.en des einfachen Typs mag man von einem 'Zusammenhalten', allenfalls auch von einem 'Vergleichen' erwarten; ein 'Zusammenfügen', 'Zusammenstückeln', vollends ein - offenbar Kunst und Verständnis forderndes - 'Zusammenweben' und 'Zusammenpassen' setzt aber doch voraus, daß die Teile halbwegs selbständig und insofern verschieden sind, und erst durch sachgemäße Bearbeitung zu einer Einheit verknüpft werden können. Es ist also schwer, auch in solchen Worten nicht ein Bewußtsein des Grundsatzes der Komplementarität zu sehen. Und mit dieser Einsicht bewaffnet, wird man die Liste von Anspielungen auf beabsichtigte Komplementarität noch beträchtlich ausdehnen können. 1) o. S. 137 f. 2) Vgl. auch symbolische Zeichnungen, wie die XXII 62 mitgeteilte, und Äußerungen, wie die Ober 'alle vereinigt stehen. . . einzeln fallen': XXVI 236. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f . psych. Forschung 155 So schreibt z.B. Miss Verrall am 29. April 1909 u. a.: 'Virgil auch. Sie sollten die beiden verknQpfen.' (Welchen Virgil? fragt die anwesende Mrs. Verrall.) Tu Marcellus eris Dies und den Horaz. Es sind viele Unterschiede, aber ein gemeinsamer Gedanke ist es, was ich herausbringen will.'1 - Oder am 10. Februar 1910 schreibt Mrs. Willett: 'Daß ich verschiedene Schreibende zu benutzen habe, bedeutet, daß ich verschiedene Aspekte des Gedankens zeigen muß, denen unterliegend Einheit zu finden ist.'2 Dies läßt an Deutlichkeit kaum noch zu wünschen übrig: Unterschiede' im Einzelnen bei 'Gemeinsamkeit' des zugrunde liegenden 'Gedankens', 'verschiedene Aspekte' eines 'unterliegenden Gedankens' - das sind eigentlich Begriffsbestimmungen der Komplementarität in Kk.en. Und dabei fällt gegen ein wieder naheliegendes Bedenken ins Gewicht, dafl wir entsprechende Äußerungen von nicht geringerer Deutlichkeit aus einer Zeit besitzen, da der Begriff komplementärer Kk.en noch in k e i n e s Lebenden Bewußtsein aufgetaucht war. Am 3. November 1902 nämlich lieferte Mrs. Verrall - durchaus spontan, soweit sich aus dem mitgeteilten Zusammenhang ersehen läßt - eine Schrift, die u.a. folgendes enthält: 'Nichtsdestoweniger spricht das Schicksal durch andere, unbekannte, - (lat.:) das unaussprechliche, unentrinnbare Schicksal, auch wenn du mit äußerster Kraftanspannung dagegen streitest... (engl.:) ich will die Worte unter euch [beide] verteilen, keine für sich allein kann [sie] verstehen, aber zusammen werden sie den Schlüssel abgeben, den er wünscht...'3 Dies müßte eigentlich unsere augenblickliche Frage endgültig erledigen. In andern Äußerungen wird der Nachdruck auf die Tätigkeit der Versuchsleiter gelegt, die unter der Voraussetzung komplementärer Kk.en als grundlegend angenommen werden muß: nämlich die des Auswählens bestimmter Inhalte zur Übergabe an bestimmte Medien; ein Ausdruck, der von der Wahl einer einfachen Vorstellung zum Gegenstand einer einfachen Kk. schwerlich gebraucht werden würde. 'Schreiben Sie das Wort Auswahl', sagt 'Myers' in der Willett-Schrift vom 5. Juni 1910. 'Wer wählt aus, mein Freund Piddington? Ich richte diese Frage an Piddington: Wer wählt aus.'1 - Besonders merkwürdig aber ist eine gleichfalls von "Myers' gezeichnete Äußerung innerhalb der Kk. 'Sieben'. Piddington hatte, während eines Besuches bei Mrs. Verrall in Cambridge, diese vor voreilig spiritistischen Deutungen gewarnt, da ein neuer Fall anscheinend gegen Geister spräche. Er dachte dabei eben an diese Kk. 'Sieben', gab aber Mrs. Verrall nicht die geringste Andeutung davon. Kurz darauf, am 27. Januar 1909, schrieb dieses Medium: 'Nichts ist rascher als der Gedanke, nichts sicherer - schneller als Pfeil oder Kugel, fliegt der Gedanke von Geist zu Geist, augenblicklich... Verstehen Sie nicht? Und fragen Sie, was der Erfolg von Piddingtons letztem Versuch gewesen Ist? 1) X X V 186. 2) Das. 3) X X 170. 4) Selection. X X V 128. 156 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Hat er die Brocken seines berühmten Satzes unter Ihnen allen verstreut gefunden? und glaubt er daß das Zufall sei, oder von einem von Ihnen in Gang gebracht? Sagen Sie ihm, er solle genau zusehn, so wird er einen großen Unterschied zwischen den Schriften in diesem Experiment und in den andern [den 'einfachen'?] sehen. Das sollte der Theorie zu Hilfe kommen. Nur eine Sprache ist diesmal benutzt worden. Aber selbst wenn die Quelle menschlich ist, wer trägt die Gedanken zu den Empfängern? Fragen Sie ihn dies. F. W. H. M.'1 Macht man sich aber schließlich klar, wie sehr eine solche unablässig wachsame Kunst des Auswählens und Lenkens das Ganze der Kk.- Bewegung durchziehen muß, um die verwickeltsten und überzeugendsten Beispiele der Gattung zustandezubringen, so wird man wohl geneigt sein, dem Urteil beizustimmen, das ihr genauester Kenner einmal so gefaßt hat: 'Nichts', sagt Mr. Piddington, 'erscheint mir bemerkenswerter in den Schriften der 'Automatistinnen', als die Beharrlichkeit, mit welcher dunkle und keimhafte Anspielungen verfolgt, verändert und erweitert, die falschen Einzelheiten ausgemerzt, die richtigen dagegen unterstrichen werden, bis schließlich der ursprünglich ins Auge gefaßte, aber zunächst noch unvollkommen dargestellte Gegenstand in klarer und unmißverständlicher Form hervortritt. Dieser Vorgang kann sich über viele Jahre erstrecken und ist ein Beweis erstaunlicher Geduld und Beharrlichkeit auf Seiten irgend jemandes. Er belegt aber ebenso die bedeutende Zähigkeit des Gedächtnisses der Schrift, denn er bedingt oft die Wiederholung kleiner Stichworte aus einer Niederschrift, die vielleicht viele Jahre zuvor geliefert und nie wieder von der Automatistin gesehen wurde.'2 'Irgend jemandes'. - Aber wessen? c. Die animistische Theorie der Kreuzkorrespondenzen Indem ich nunmehr diese Frage in Angriff nehme, wo dieser 'jemand' zu suchen sei, muß ich zunächst über die logische Lagerung des Problemes Klarheit schaffen, also darüber, durch welche Tatsachen es gestellt wird und welches die möglichen oder gegebenen Wege zu seiner Lösung sind. Und da ist uns denn die hervorstechendste jener Tatsachen im Laufe der Darstellung schon vertraut geworden: nämlich daß die Kk.-Schriften im Rahmen ihres Inhalts selbst den Anspruch erheben, von bestimmten Abgeschiedenen auszugehen. Wir wissen aus vielen Belegen, daß die Schriften fast durchweg nicht nur in die Ich- Form persönlichen Planens und Lenkens gekleidet, sondern auch mit der Namensunterschrift bekannter Persönlichkeiten der 'psychischen Forschung' versehen sind, von denen man annehmen darf, daß ihnen, 1) XXIV 251. 2) X X I X 449. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych.Forschung 157 falls sie den Tod denkfähig überlebt hätten, an der Erfindung neuartiger Beweise des Fortlebens sehr gelegen wäre. Es wäre nun natürlich zwecklos, mit der billigen Anführung solcher Namenszeichnungen Raum zu verschwenden. Dagegen lohnt es sich immerhin, zu betonen, daß diese Namenszeichnung uns durchaus nicht immer in jener Schlichtheit entgegentritt, die man dort erwarten möchte, wo ein phantasierendes Unterbewußtsein seine Erzeugnisse zum Schluß noch mit einem Maskenstempel versehen will. Im Gegenteil fällt z. B. oft der große Nachdruck auf, mit welchem der Kommunikator seine Persönlichkeit nennt oder betont. Selbst bei Mrs. Willett bezeugt er sich nicht immer nur durch die ständige Namenswiederholung. 'Sie fühlten den Ruf (schreibt er z. B. am 5. Febr. 1910) Ich es Ich bin es, der schreibt, Myers. Ich muß dies dringend sagen melden Sie Lodge dies Wort Myers Myers empfangen Sie das Wort Ich will es buchstabieren Myers, ja, das Wort ist DORR.'1 Man beachte die zu Auslassungen und Wiederholungen führende Erregung bei der ersten Behauptung, daß er es wirklich sei; man beachte auch den Ton der Dringlichkeit in dieser Botschaft, die sich durchaus als bedeutsam erwies. - Bei Mrs. Verrall, die fast ausschließlich im Namen von 'Myers' schreibt, sind solche Unterstreichungen keineswegs selten; obgleich man doch annehmen möchte, daß ihr 'Unterbewußtsein' sich sicher genug in der längst übernommenen Rolle hätte fühlen müssen, um sie nicht immer wieder gegen Zweifel verteidigen zu wollen. So heißt es z.B. am 29. Dez. 1908, im Anschluß an eine tief sinnvolle Anweisung, nach gewissen Virgilschen Worten auszuschauen: 'Wollen Sie die Namensunterschrift haben? Der Ihrige F. W. H. M.'" Und ganz ähnlich am 12. Febr. 1907: 'Warum wollen Sie nicht die Namensunterschrift hinsetzen? Sicherlich wissen Sie jetzt, daß nicht Sie es sind [die dies schreibt oder eingibt]. F. W. H. M.'3 Seinen Anteil an der Kk. 'Engel' schließt Myers mit den Worten: TWHM hat die Botschaft durchgesandt - endlich!' * Und einmal, schon in der Frühzeit der Verrall-Schriften, fordert er, nach erfolgter Unterschrift 'FWHM', ausdrücklich: 'Schreiben Sie die Unterschrift deutlicher FWHM.'4 Gewiß, man mag hierin das Bestreben eines schauspielernden Unterbewußtseins suchen, gegen Zweifel des Wach-Ich oder dritter Personen soz. aufzutrumpfen. Aber man muß zugeben, daß die Natürlichkeit solcher Auftritte auch unter gänzlich andern Voraussetzungen um nichts geringer wäre, - und mehr soll ja hier nicht behauptet werden. Sonderbarer als dies persönliche Sich-in-den-Vordergrund-Drängen des Kommunikators ist die gelegentliche Ablehnung einer ihm möglicherweise zuzuschiebenden Leistung, - denn warum sollte jede 'unterbewußte' Persönlichkeit nicht eifrig so viel Ansehn einheimsen, als 1) XXV 126. 2) XXV 183. 3) XXII 113; auch XXVII 88. 4) XXII 328. 5) X X 234,12. Juli 1902. Vgl. XX 239 u. XXVII 97 (betontet Nicht-nennen de" NanMot). 158 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung ihr nur irgend bewilligt werden mag? Gleichwohl bekennt ein Holland- Kommunikator (aus dem mitgeteilten Bruchstück nicht zu erkennen, wer) am 11. April 1909: 'Nein - ich hatte nichts zu tun mit jener letzten Botschaft - es war Myers - Nicht hier, auf der andern Seite des Heringsteiches' - d.h. des Atlantik, bei Mrs. Piper, wie das angeschlossene Zitat aus Blake beweist: 'Piper, sit thee down and write in a book that all may read'.1 Derselben Gattung gehören die seltenen und seltsamen Fälle an, in denen Mrs. Verralls Hand (die doch ihren gewohnten Hausgeist in hemmungsloser Mitarbeit besaß) eine bestimmte Leistung einem andern zuschreibt.' Ähnlich wird ein Dritter als die eigentlich treibende Persönlichkeit einmal bei Mrs. Willett bezeichnet: 'Henry Sidgwick ist hieran beteiligt und seine Botschaft ist eine Botschaft der Hoffnung...'3 Ein andermal hat dieses Medium das im Zusammenhang besonders beziehungsvolle Wort flavicomata (gelbhaarig) geschrieben, wofür sich Piddington bei dem Willett-Myers schriftlich bedankt, der ihm indessen folgende Antwort gibt: 'Ich waßte, daß diese Pointe gute Aussichten hatte. Es war Sidgwick, der sie vorschlug. Er ist nicht imstande, viel mit dieser Maschine [d. i. mit diesem Medium] zu tun, aber er kann durch mich helfen via meine Maschine hier.'4 Seltsam, diese Ablehnung eines Lobes durch die 'unterbewußte Personation', die doch, nach animistischer Lehre, immerzu darauf aus sein müßte, den Scheinwerfer des Erfolges und der Glaubwürdigkeit auf sich und ihr Tun zu richten! Hier aber erscheint es mir überdies noch bezeichnend, daß gerade Sidgwick bei mehr als einem Medium von dritter Seite als der eigentliche, aber nicht unmittelbar hervortretende Kommunikator bezeichnet wird; als wenn eben dieser Persönlichkeit die Fähigkeit gemangelt habe, sich unmittelbar an den Kk.-Versuchen zu beteiligen, also selbst in der Ich- Form durch ein Medium. Überhaupt darf man (was mit dem eben Besprochnen zusammenhängt) die eigenartig natürlich anmutende Tatsache nicht übersehn, daß die treibende Kraft der Versuche sich auch bei einem Medium und im Einzelfall der Leistung nicht selten in der Mehrzahl vorstellt, während doch der unterbewußte Trieb zur Personation' sich eigentlich an der nächstliegenden Einzahl, also dem 'Ich', genügen lassen sollte. Trotzdem ist das 'wir' in den Mitteilungen wie in den Regiebemerkungen ziemlich häufig;5 nicht minder häufig die namentliche Bezeichnung mehr als eines Versuchsleiters. •Beide schicken dies - FWHM. RH[odgson],' schreibt z.B. Mrs. Holland am 2. M&rz 1910;' und Mrs.Forbes sogar mit technischer Unterscheidung der 1) 'Pfeiler, (etz dich hin und schreib In ein Buch für Jedes Auge'. XXV 273. 2) a. B. XXVII 59; XX 356, 20. Sept. 1901. 3) XXXIII 592, 14. Aug. 1914. 4) XXV 103, 7. Mörz 1910. 5) XXX 446. 466 u. oft. 6 XXV 243. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 159 Rollen: 'E. G[urney] schickt diesen Brief, Talbot ist der Schreiber,' also der Vermittler des 'Briefes'.1 - Und am 27. Nov. 1903: 'Würden Sie wohl Mrs. Verrall eine Mitteilung zugehen lassen? Sorgen Sie dafür, daß sie geschickt wird. Edmund Gurney, Talbot und Myers liefern Mrs. Verralls Schrift.'2 - Die Verständigung über die 'logische Lagerung' unsres Problems erfordert aber vor edlem völlige Klarheit über Grundlagen und Wege der Entscheidung, die wir suchen. Hierbei steht an erster Stelle die Frage, ob die eigentlichen Beweisgründe in irgendwelchen Gestaltungsgesetzen der Kk.en selbst zu suchen sind. Bekanntlich liegen Anzeichen dafür vor, daß die Kk.en von den 'Leitern' als Versuch betrachtet wurden, die Frage des Überlebens durch eine neuartige Form des Beweises zu entscheiden.3 Ist dieser Versuch der Beweisverstärkung als gelungen anzusehen, gelungen durch die bloßen Tatsachen des Geleisteten? Mit andern Worten: stellt die Gesamtheit aufeinander bezogener Kk.-Schriften an sich eine Leistung dar, die nur von Abgeschiedenen vollbracht werden konnte, als von Personen, die von allen beteiligten Medien völlig unabhängig waren? Oder läßt sie sich auch begreifen als Leistung irgendwelcher seelischer Schichten Lebender, abseits von allem wachen Bewußtsein und gehüllt in die Maske Verstorbener? Denn daß die Kk.en nicht das 'bewußte' Erzeugnis Lebender waren, beweist ja schon die Tatsache ihrer nachträglichen Entdeckung in fertigen Urkunden. Es handelt sich also zunächst um eine Entscheidung über psychologische Möglichkeiten, und jedermann wird zugeben, daß uns damit etwas sehr Mißliches zugemutet wird. Wer unterrichtet uns über die Grenzen des seelisch Möglichen? Vor allem im Bereich des sog. Unterbewußten, eines Gebietes, das die Forschung kaum erst betreten hat und in welchem sie unablässig neue Entdeckungen macht? Stellen wir die Frage so: ob denn die Untersuchung der Kk.en allgemein von einer bestimmten Deutung überzeugt habe, so müssen wir feststellen, daß sie das bisher nicht vermocht hat Selbst ein Denker vom Range G. W. Balfours, dem man weder größten Scharfsinn noch (wenn ich recht sehe) persönliche Hinneigung zum Spiritismus absprechen kann, gelangt in seiner Auseinandersetzung mit Pigou zu folgendem Schluß: es sei dem Gegner nicht gelungen, zu beweisen, daß die Erzeugung von komplementären Kk.en der besten Art Innerhalb der bekannten Fähigkeiten des Unterschwellen-Ich liege, t s könnte allerdings innerhalb dieser Fähigkeiten liegen, solche. Kk.en zu planen und durchzuführen; aber dies ist eine Hypothese, und solange sie nicht bewiesen ist, sind wir berechtigt, ihr eine andre Hypothese entgegenzusetzen und unsre Ent- 1) XXV 199 (12. 12.1909). 2) XX 263. 3) VgL XXI 384 and o. S. 143. 160 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Scheidung zwischen beiden in der Schwebe zu halten. Ich gestehe, daß dies noch immer meine eigene Haltung ist.'1 - Mr. Balfours Schwester, Mrs. Sidgwick, eine von äußerster Strenge gegen etwaige eigene Denkneigungen erfüllte Forscherin, glaubte die animistische Deutung der Kk.en wenigstens als 'im äußersten Grade schwierig* bezeichnen zu müssen.s Auch in Deutschland haben nichtspiritistisch denkende Köpfe diese Schwierigkeit meist als beträchtlich empfunden. Oesterreich z.B. zählt die Kk.en zu den 'merkwürdigsten und verdächtigsten parapsychischen Phänomenen' (wobei die 'Verdächtigkeit' doch wohl darin liegen soll, daß sie soz. starke spiritistische Versuchungen enthalten), spricht ihnen aber freilich die Kraft zu einem 'zwingenden Beweise' ab und vermutet *unbewußte telepathische Verständigung' der beteiligten Medien.3 Ahnlich bezeichnet Tischner die Ergebnisse der Kk.en als 'sehr auffallend', aber wiederum eine animistische Deutung durch Hellsehen und Telepathie' als *nicht völlig ausgeschlossen, wenn man ihnen auch ein sehr weitreichendes Feld einräumen muß, um die Dinge auf dieser Basis zu erklären.'4 - Daß Hr. Baerwald die gleiche Deutung für selbstverständlich hält, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden.6 In der Tat mag hier der abstrakt verfahrende Animist sich darauf Berufen: gerade der Spiritist vertrete doch den Standpunkt, daß das übernormal-wirksame Wesen im Menschen mehr oder weniger identisch sei mit dem überlebenden Wesen; daß also die gelegentlich bewiesenen übernormalen Fähigkeiten der Lebenden die normalen der Jenseitigen seien; folglich müsse, wer Geister als die Urheber von Kk.en fordere, eben deshalb zugeben, daß auch verkörperte Geister - Medien - sie zustandebringen könnten. - Das klingt einleuchtend. Immerhin würde auch dann noch zuzugeben sein, daß die Kk.en nach aller bisherigen Erfahrung etwas Unerhörtes darstellen: die unterbewußte Reifung eines Planes, wie des den besten Kk.en zugrundeliegenden, und seine jahrelang fortgesetzte Durchführung unter unablässiger soz. zwangsweiser und planmäßig geordneter Einbeziehung anderer, entfernter Lebender, ohne daß von allem diesem Planen und Tnn jemals ein Schimmer in das wache Bewußtsein der Nächstbeteiligten fiele, - das wäre in der Tat ohne jedes Seitenstück in allem, was wir bisher als wirkliche Leistung der unterbewußten Seele beobachtet haben. - Auf besondere Weise hat Dr. Tischner gemeint, jede spiritistische Deutung von Kk.en ausschließen zu können, und ich muß diesen allgemeinen Angriff kurz erledigen, ehe ich die Aussichten einer solchen Deutung im Einzelnen erwäge. Tischner ist nämlich der Ansicht, daß in einem besonderen Falle 'die Kreuzkorrespondenz' - als Form spiritistischer Argumentation - 'sich selbst ad absurdum geführt' 1) XXV 55. Ähnlich M. Sinclair: ISPR XVIII149. 2) X X I X 255. 3) Oesterreich, Okk. 75. 4) TUchner, Eint. 129. 5) Baerwald, Phän. 377. Experimentelle Entsprechungen der Ges.f.psych.Forschung 161 habe; und zwar in der Kk. 'Sieben', in welcher alle 'Äußerungen' diese Zahl umspielten und veranschaulichten, daneben aber mehrfach auf die Beteiligung von sieben Personen hinwiesen. Auf Einzelheiten brauche ich nicht einzugehn; vielmehr nur den springenden Punkt hervorzuheben, daß sich unter den sieben Beteiligten jemand befand, dem noch nie mediale Begabung zugeschrieben worden ist, - nämlich der Kk.-Forscher Piddington selbst! Auch bestand seine 'Beteiligung' nicht in irgendwelchen 'Schriften', sondern darin, daß er vier Jahre zuvor einen sog. 'postumen Brief' verfaßt und versiegelt hatte, worin er berichtete, daß die 'Sieben' seit früher Kindheit eine Art Zwangsvorstellung und Glückszahl für ihn gewesen sei (die er also auch nach dem Tode gegebenenfalls wohl erinnern würde), und daß er 'von drüben her' versuchen wolle, in allerhand 'Siebener'-Kundgebungen darauf hinzuweisen und dann die Öffnung des Briefes zu fordern. - Daß diese Niederschrift ein echtes Güed der ausgedehnten Kk. 'Sieben' bildete, ist kaum zu bezweifeln und soll hier jedenfalls dem Gegner zuliebe angenommen werden. Wenn man nun - so folgert Tischner - nicht voraussetze, was man doch erst beweisen wolle (nämlich das Dasein von Geistern), so zeige dieser Fall, 'daß auf irgendwelche... Weise die Möglichkeit besteht, daß medial veranlagte Personen den Inhalt von Schriftstücken oder auch die Gedanken von Personen erfassen können'; dann aber sei ja die Durchführung einer daraus geschöpften Kk. durch das Unterbewußtsein des betreffenden Mediums in der oben besprochenen Weise möglich.1 Das übereilt Verfehlte dieses Gedankenganges springt in die Augen. Was nach ihm eine 'medial veranlagte Person' tun soll, könnte natürlich ebenso gut ein Abgeschiedener tun (einen solchen vorausgesetzt); anderseits ist es völlig gleichgültig, wo der 'Leiter' einer Kk. ihren Kernbegriff hernimmt (aus eigenen Erinnerungen, oder aus mündlichen Anregungen eines Lebenden, oder - hellsichtig - aus der verborgenen Niederschrift eines solchen). Der Nachweis einer bestimmten Quelle für den Leitbegriff hat also nicht das Geringste zu tun mit der Frage, wer die entsprechende Kk. durchführe. Es ist auch keineswegs verwunderlich (und die Tatsache hätte Dr. Tischner seinen Einwand verdächtig machen können), daß Miss Johnson (die er mit Recht 'neben Piddington die Haupterforscherin dieses Gebiets' nennt) 'zu dem Ergebnis kommt, daß sehr vieles in dieser Kk. dafür spricht, daß eine fremde Intelligenz, ein Verstorbener, eine Rolle spielte,' - ja daß Miss Johnson, unbeschadet ihrer spiritistischen Gesamtdeutung 1) Tischner. Geich. 198 f. Seltsamerweise scheint auch Plddlngton geglaubt zn haben" daß diese Kk. told rather against "plritsM (XXIV 251). M a t t i e i e n , Du persönliche Oberleben II 11 162 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung des Falles, in der Zugestehung animistischer Bestandteile (nämlich telepathischer Einwirkungen Piddingtons) noch weiter geht, als Tischner selbst! - Mit einem Wort: das Besondere der Kk. 'Sieben' läßt unser Problem genau da, wo es auch ohne sie gestanden hätte.1 - Ist nun die Problemlage mit solchem Zugeständnis ihrer Unentscheidbarkeit wirklich erschöpft? Ich glaube es nicht. Denn wäre sie es auch bei rein abstrakter Erwägung, - wir haben nun schon oft genug erfahren, daß die Hauptaufgaben des Theoretikers erst beginnen, wenn über solche abstrakte Urteilsbildung hinaus die Analyse in letzte Einzelheiten der Tatsachen vorgetrieben wird. Wir haben also auch hier zu fragen, wie sich die notwendigen Voraussetzungen der einen öder andern Deutung im einzelnen ausnehmen, und ob sie in den Tatsachen eine Stütze finden oder nicht Es versteht sich von selbst, daß hierbei die Prüfung der animistischen Voraussetzungen den Vortritt haben muß. Erweisen sie sich als unangreifbar oder wenigstens frei von schweren Bedenken, so müßten wir immerhin, bei der heutigen Denklage, dieser "bescheidenem' Deutung das logische Übergewicht zugestehn. Indem ich also zunächst die verschiedenen Versuche durchgehe, einen lebenden Urheber der Kk.-Versuche zu finden, wünsche ich zuvor eine sonderbare Vermutung beiseitezuschieben, die m. W. nur einmal vorgebracht worden ist, ohne in der Forschung Schule zu machen. Anknüpfend an eine von Miss Sinclair ausgesprochene Andeutung,8 bekennt sich Mr. R. G. Milburn zu dem 'lange gehegten Verdacht', daß 'ein Kollektiv-Geist - a joint mind -, der den Forschern gemeinsam und durch ihre wachen Interessen geformt sei, den wahren Agenten bei Kk.en darstelle. Dieser unterbewußte Gruppengeist - weniger individualisiert als der bewußte - finde dann Ausdruck und Auslauf (outlet) durch Medien, die in telepathischer Fühlung mit der Gruppe stehen.'' - Dieser Gedanke wird eigentlich schon durch die zeitliche Abfolge der Vorgänge widerlegt. Kk.en lagen, wie wir wissen, urkundlich vor, ehe die Forscher auf ihren Begriff gerieten; diejenigen Schriften vollends, auf die sich die Theorie der Komplementarität von Anfang an stützte, waren längst geschrieben, ehe die dafür entscheidenden Einzelheiten in ihnen entdeckt wurden. Man müßte also mindestens eine von Anfang an unbewußte Planung und An- 1) Vgl. meine Darstellung der Kk. 'Sieben' und ausführlichere Widerlegung Tischners in ZmpF 1932 251S. 326 ff. (Pr XXIV 222-258; XXVII147L) Schon Lambert fragte, wie denn die Tatsache erklärt werden "olle, 'daß die Telepathie gerade Halt macht, nachdem die Zahl 7 der beteiligten Personen voll ist 7' (Lambert 114.) - Eine Mischtheorie (Tel. einer äußeren Quelle neben Tel. unter den Medien) vertrat Miss Johnson (XXV 288) unter Hinwels auf Myers II 55. 2) JSPR XVIII 67 f. 3) Das. 101 f. Ähnlich anscheinend Buchner 251. Vgl. Dessolr 217. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 163 regung (seitens der Forscher!) annehmen, und das hieße die Deutung ohne jeden Grund verwickeln: denn dann könnte man ja ebensogut den ganzen Plan im Unterbewußtsein derer entstehen und reifen lassen, die ihn auch zur Ausführung brachten, also der Medien selber. Überdies: was soll ein solcher 'Gruppengeist' der beteiligten Forscher bedeuten? Eine neue, irgendwie einheitliche und einheitlich vorgehende Persönlichkeit? Eine solche wäre ohne einheitliche nervöse Grundlage; sie würde gleichsam in der Luft schweben und wäre schwieriger zu denken, als ein 'spiritistischer Geist', - den sie doch aus dem Felde schlagen soll! Oder soll jener Gruppengeist nur die Summe 'unterbewußter' Denkneigungen und Planungen in den 'weniger individualisierten' Seelenbereichen der mehreren Forscher sein? Wie unausdenkbar schwer dann, diesen blinden Haufen von Ansätzen zu jenem einheitlichen Vorgehn zusammenzufassen, das doch selbst die einfachsten Kk.en voraussetzen. - Wenden wir uns also, als weit hoffnungsvolleren Anwärtern, den beteiligten Medien zu, so darf man wohl annehmen, daß jeder animistische Kenner an erster Stelle Mrs. Verrall der Täterschaft' verdächtigen wird, etwa weil sie (wie man annimmt) als erste auf dem Plan war; weil sie besonders 'medial' veranlagt war; weil sie mit Myers befreundet gewesen war; weil viele Kk.en in ihrer Schrift ihren Anfang nahmen; weil sie - kurzum, der Verdacht hat sich nun einmal um sie zusammengezogen, wie sich zuweilen das Gerede der Welt um einen Menschen verdichtet, ohne daß man sagen kann, weshalb und mit wieviel Recht1 Ich muß nun gleich sagen, daß ich bei aller Gewissenhaftigkeit (die man mir vielleicht zugestehn wird) nichts habe entdecken können, was einem Beweise, selbst einem Indizienbeweise dieser Annahme auch nur von weitem ähnlich sähe. Daß die eben angedeuteten Gründe für sie - keine sind, wird man auf den ersten Blick erkannt haben: die bezeichneten Tatsachen vertragen sich nicht um ein Iota schlechter mit der Annahme, daß - sagen wir - der verstorbene Myers die ganze Unternehmung in Gang gebracht und betrieben habe. Hatte er den Plan der Versuche erdacht, so mußte er bei irgendeinem Medium natürlich anfangen, und da mochte ihm die zu Lebzeiten befreundete und stark medial veranlagte Mrs. Verrall am nächsten liegen. * Im übrigen aber kenne ich nur noch eine Einzeltatsache, die der Verfechter der Verrall-Theorie vielleicht zu seinen Gunsten anfahren könnte. Im Ja- 1) AuBer Podmore war zunächst auch Bayfleld für die Verrall-Theorie (XXV 83 (I.). Vgl. Miss Johnson: XXI389; XXV 290 f.; Barnard231. 2) Vgl. XX 220 f.: 'Mrs. Verroll Ist so sehr meine Freundin, daß ich mit ihr sein [d. i. durch sie schreiben] kann.' 11* 164 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung nuar 1906 machte Mr. Piddington der ihren ersten Bericht über ihre 'Schriften' vorbereitenden Mrs. Verrall den Vorschlag, den Urheber der automatischen Schrift als den scribe (den 'Schreiber') zu bezeichnen (statt als 'meine Hand', oder 'Mrs. Verrall II'). Während der nächsten Wochen wußten nur Mr. Piddington, Mrs. Verrall und ihr Gatte um diesen Gedanken, und ihnen allen war er 'neu'. Am 6. Februar nun schrieb Mrs. Holland (z. Zt. in England) eine Schrift, worin zweimal das Wort scribe vorkommt (im Sinne von Medium, automatische Schreiberin) und dazwischen ausdrückliche, fragende Anspielungen auf 'Margaret' (Verrall).1 Offenbar aber ist auch diese Tatsache durchaus zweideutig. Zunächst ist das Wort scribe durchaus nicht so selten und unerhört, daß es nicht auch von selbst bei Mrs. Holland hätte auftreten können, und z u f ä l l i g kurze Zeit nachdem es Mrs. Verrall vorgeschlagen worden war. (Tatsächlich ist es, wie wir2 durch Miss Johnson selbst erfahren, auch im spiritistischen Schrifttum schon früher im Sinne von 'Automatistin' gebraucht worden.) Aber ganz abgesehen davon könnte doch Myers, g l e i c h z e i t i g mit dem Medium, an das er so innig angeschlossen war, den Vorschlag Piddingtons aufgefaßt und in die Tat umgesetzt haben. Oder gar endlich: man könnte selbst telepathisches Durchsickern von E i n z e l h e i t e n zwischen den beteiligten Medien zugestehen, ohne daß damit das eigentliche Zusammensetzspiel der Kk.en auf 'telepathische Regie' des einen von ihnen zurückgeführt wäre.3 Erscheint somit die Annahme, daß Mrs. Verrall für Ursprung und Durchführung der Kk.en verantwortlich sei, als leidlich willkürliche 'Verdächtigung', für die gar keine zwingenden Gründe aufzutreiben sind, so drängen sich anderseits bei näherem Zusehn manche Umstände auf, die deutlich gegen diese Annahme sprechen. Man hat das erste Einsetzen der Verrall-Schriften fast unmittelbar nach Myers' Tode als Argument für ihre animistische Deutung benutzen wollen: der Tod des Freundes habe sie zur Ausbildung dieser Scheinpersönlichkeit angeregt. Aber sehen wir uns doch die Tatsachen näher an. Mrs. Verrall selbst berichtet uns, daß sie 'während einer b e t r ä c h t l i c h e n Reihe von Jahren' automatischen Leistungen ihre Aufmerksamkeit geschenkt und sie 'auf mannigfache Weise bei sich zu erzielen versucht' habe. Aber mit der Planchette und dem Tisch habe sie nur dann Ergebnisse gehabt, wenn sie mit einer zweiten Person saß; auch habe sie k e i n e r l e i S c h r i f t erzielen können, mit Ausnahme sinnloser Wiederholungen weniger Buchstaben, besonders e v r, also der ersten Buchstaben ihres Namens. 'Ich war zum Schlüsse gelangt, daß automatische Schrift bei mir nicht möglich sei.' Am 19. Januar 1901, also zwei Tage nach Myers' Tode, begann sie eine neue Reihe ernsthafter Versuche, indem sie eine Viertelstunde und länger bei halbem Licht vollkommen ruhig auf 'Eindrücke' wartete, dann einen 1) XXI 283 f. 2) S. 285. 3) Wöbet ich Im Augenblick davon absehen will, daß ausdrücklich vorgenommene Versuche die Möglichkeit telepathischer Beeinflussung zwischen den Beteiligten widerlegt oder doch eine solche als sehr schwierig erwiesen haben. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 165 Bleistift hielt oder die Hand auf die Planchette legte. Das letztere erwies sich wieder als völlig wirkungslos, und der Bleistift blieb unbewegt, es sei denn, daß sie ihre Aufmerksamkeit durch Lesen völlig ablenkte, und dann gab er lediglich einige Worte aus dem Gelesenen wieder. Dieser Mißerfolg wiederholte sich am 1., 2., 12. und 13. Februar, worauf bis zum 3. März keine weiteren Versuche unternommen wurden. An diesem Tage, besonders aber am 5. März, zeigten sich die ersten Erfolge. Es kamen Worte, die mehr und mehr Zusammenhang zeigten; 'dann fühlte ich plötzlich einen starken Antrieb, die Haltung des Bleistifts zu verändern, nämlich ihn [gegen meine sonstige Gewohnheit] zwischen Daumen und Zeigefinger zu halten... und nach wenigen sinnlosen Worten schrieb er fließend auf lateinisch. Ich saß im Dunkeln und konnte nicht sehen, was ich schrieb; die Worte kamen mir einzeln... und ich hatte keinen allgemeinen Begriff von ihrem Sinn... Bis zu Ende des Monats, mit wenigen Ausnahmen, fuhr ich fort, täglich fließend Latein zu schreiben, mit gelegentlichen griechischen Worten. Die Schrift war nicht durchweg verständlich, aber sie verbesserte sich und war sehr verschieden von dem bloßen Unsinn, womit sie begann.'1 Diese Einzelheiten der Anfänge der Verrall-Schrift sind meines Wissens bisher noch nie als Unterlage für die Theorie erwogen worden. Und doch reden sie, wie mir scheint, eine nahezu eindeutige Sprache. Hätte Mrs. Verrall die Fähigkeit besessen, vollkommen auf eigene Hand automatische Schrift oder gar 'spiritistische Kundgebungen' zu erzeugen, so hätte es ihr, wie wir sehen, weder an Selbstreizungen, noch auch an äußerem Ansporn gefehlt Jahrelang hat sie sich offenbar dazu soz. aufzupeitschen gesucht, und in diesen Jahren ist ihr, wie wir wohl annehmen dürfen, mehr als ein Mensch gestorben, den sie, die mindesten spiritistischen Neigungen ihres ^Unterbewußtseins' vorausgesetzt, gewiß sehr gern durch ihre Hand hätte 'reden' lassen. Abgesehn von andern bedeutenden Mitgliedern der Ges. f. ps. Forsch., also Personen aus Mrs. Verralls engerem Arbeitskreise, war in diese Jahre auch der Tod Prof. Henry Sidgwicks gefallen (Sommer 1900), der das ständig vergeblich sich mühende Medium doch wohl zum Versuch hätte treiben können, den Cambridger Freund und berühmten Mitbegründer der S. P. R. seinen Verehrern in derselben als 'Experimentator' aus dem Jenseits vorzuführen. Nicht nur geschieht nichts dergleichen, sondern auch die hartnäckig erneuten Versuche des Januar 1901, offenbar angeregt durch den Tod des zweiten Führers der Gesellschaft, bleiben sechs Wochen lang ergebnislos. Was hätte Mrs. Verrall, als 'automatistisch Hochbegabte' (wie die Folgezeit zu erweisen scheint), wohl jetzt noch hindern können, endlich in der Rolle eines Schreibmediums zu glänzen, 1) XX 7-10. - Der Leser hat einige Proben aus diesen frühen Schritten und ihren 'Regiebemerkungen' oben, S. 1501. kennen gelernt. 166 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung vorausgesetzt, daß dies von ihr allein abhing? - Dann, zu Beginn des März, das plötzliche Umlegen des Bleistifts in eine Haltung, die Mrs. Verrall seit 16 Jahren nicht mehr geübt hat, - und danach die fließende lateinische Schrift, wohl noch nie als solche von ihr angestrebt Kann man bestreiten, daß diese jahrelange Vorgeschichte und ihre überraschende Gipfelung mit Nachdruck dafür spricht, daß die 'Schrift' erst eintrat, als sich zu den eignen Bestrebungen des Mediums ein zweiter Einfluß gesellte, dessen Hinzutritt die seelische Lage von Grund auf veränderte? Man wird vielleicht einwenden, daß unter spiritistischen Voraussetzungen dieser Einfluß sofort nach Myers' Tode, oder daß er etwa auch nach Sidgwicks Tode hätte eintreten müssen. Beide Einwände verfehlen ihr Ziel. Wer die zahllosen Zeugnisse Von drüben her' über die häufige Notwendigkeit einer Zeit der Ruhe oder des 'Schlafes' gleich nach erfolgtem Sterben kennt, wird das anfängliche Zögern der Tuus-Myers-Kontrolle weit eher für eine Bestätigung, als für eine Widerlegung ihres spiritistischen Ursprungs halten. Und was das Bedenken bezüglich Sidgwicks anlangt, so wird der Gegner einräumen müssen, daß das durchweg sehr zurückhaltende, blasse, mittelbare und seltene Auftreten dieser Persönlichkeit während der gesamten Kk.-Vorgänge und bei allen Beteiligten - sich vorzüglich mit der Tatsache verträgt, daß sie auch bei der ersten Ingangbringung der Kk.en den Vortritt andern überlassen hat. Was sonst unmittelbar zugunsten einer echten Myers-Kontrolle in den Kk.en spricht, soll erst erwogen werden, wenn die spiritistische Theorie dieser Vorgänge ausdrücklich zur Erörterung steht. Dagegen sei hier betont, daß in den ersten Verrall-Schriften, so dunkel sie auch erscheinen mögen, nichts enthalten ist, was der Annahme einer sich allmählich zur Klarheit durchringenden spiritistischen Kontrolle widerspricht. Von einer billigen sofortigen Selbstmaskierung des Traumschaffens als bestimmter Verstorbener ist keine Spur zu finden. Dagegen enthält schon die Schrift vom 5. März Worte, die auf eine zwar stark gehemmte, aber in ihrem Wollen bestimmte und planmäßig andrängende Persönlichkeit hindeuten. Unmittelbar vor dem Wechsel im Halten des Bleistifts erscheinen die Worte 'erspare Beschwerde, kann nicht halten', ferner die Worte Semper vivo (Ich lebe immer noch'), dreimal ein et ego - 'auch ich' (man möchte wieder ergänzen 'lebe noch'), des weiteren: ter ad mutidum - 'dreimal zur Welt' ("habe ich schon durchzudringen versucht'?); tuus, der Deinige; sodann das schon früher Mitgeteilte: 'entziehe dich nicht dem, was ich dir sagen werde' und anderes Verwandte mehr an diesem und den unmittelbar folgenden Tagen, wie etwa: 'Ich kam heute, aber du warst nicht bereit'; Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych.Forschung 167 'o wären alle sol was du? ich kann nicht, wollte aber - o wie ich wollte! Möge dich Gott der gute - a . . . ' 1 Meine Auffassung der Anfänge der Verrall-Myers-Kontrolle wird aber durch einen weiteren Umstand bestätigt, dessen zeitliche Bezüge gleichfalls der Beachtung entgangen zu sein scheinen. Wie wir wissen, spannen sich die ersten Kk.en zwischen Mrs. Verrall und Mr. Forbes. Diese aber war, wie wir erfahren, schon beträchtliche Zeit vor Mrs. Verrall eine wohlgeübte und erfolgreiche automatische Schreiberin; ihre 'Kontrollen' dabei waren TL Gurney' und ihr im Burenkrieg gefallener Sohn Talbot. Am 24. Februar 1901 nun kamen bei ihr durch die Planchette die Worte: 'Edmund Gurney schreibt für Fred. Myers',8 und dann, nach vernünftiger Beantwortung mehrerer gestellter Fragen: 'wir wollen unsre Freunde in Cambridge sehen. Mrs. Verrall ist so sehr meine Freundin, daß ich mit ihr sein [d.h. mich durch sie äußern] kann.'8 Worauf richtige Angaben über Mrs. Verralls augenblickliches Tun folgten, also, wenn man will, die erste Andeutung einer 'Entsprechung'. Ich vermute, obgleich der Text dies nicht eindeutig erkennen läßt, in den Worten 'Mrs. Verrall ist usw.' eine Äußerung Myers', kundgetan durch Vermittlung des ihm beistehenden 'Gurney'. Wir begegnen also hier nicht nur der Tatsache, daß die erste, dürftige Entsprechung, welche die ganze gewaltige Bewegung der Kk.en e r ö f f n e t , bei Mrs. Forbes und nicht bei Mrs. Verrall sich äußerte; sondern auch der bedeutsameren Tatsache, daß dies geschah wenige Tage vor der ersten erfolgreichen Verrall-Schrift überhaupt unter dem Einfluß der sich rasch zur Deutlichkeit durcharbeitenden Myers- Kontrolle. Da Mrs. Forbes eine fließende 'Schreiberin' bereits war, als Myers starb, so hätte in ihrem Fall offenbar nichts die Erzeugung einer Myers-Personation sofort nach dem 17. Januar 1901 zu hindern gebraucht; daß sie einen 'Myers' sich äußern ließ erst fünf Wochen später, und zwar in durchaus natürlicher zeitlicher Annäherung an das erste Durchbrechen des Verrall-Myers, also vermutlich zu der Zeit, da der verstorbene Myers überhaupt zu einer Selbstbekundung reif geworden war, - das spricht sehr stark gegen die bloß animistische Deutung beider Myers-Kontrollen und damit der Myers-Persönlichkeit als solcher; während zugleich ihr 'entsprechendes' Auftreten bei Mrs. Forbes vor ihrer Entwicklung bei Mrs. Verrall der geläufigsten Form der animistischen Theorie der Kk.en, nämlich der Verrall- Theorie, einen unverkennbaren Schlag versetzt. Und da mag denn hier gleich noch eingehender belegt werden, daß 1) XX 340 f. 2) In den ersten verfidenUichten Berichten stets als 'H.' bezeichnet. 3) XX 221. 168 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung jene 'erste, dürftige Entsprechung' keineswegs die einzige ist, die nicht bei Mrs. Verrall ihren Anfang genommen hat. So begannen z.B.1 die Kk.en 'Becher' und 'Thanatos'2 mit Transäußerungen der Mrs. Piper, setzten sich dann in den Schriften der Mrs. Holland fort und endeten bei Mrs. Verrall. Die um die Vorstellung der Wordsworth- Landschaft sich ordnenden Kk.-Äußerungen traten zuerst in Mrs. Pipers, erst später in Mrs. Verralls Schrift auf. Beiträge zur Kk. 'Licht im Westen'3 setzten in Mrs. Hollands Schrift ein, erschienen dann bei Mrs. Piper in der Phase des Erwachens, und erst danach bei Mrs. Verrall, und von den Namen der drei Kinder Myers' (Leopold, Harold, Sylvia), die in diesem Fall als Hinweise auf die Verknüpftheit der Äußerungen dienten, trat bei Mrs. Verrall keiner zutage.4 Mrs. Verrall selbst hat darauf verwiesen, daß in 16 Fällen, in denen Mrs. Piper an einer Kk. mit einem andern Medium beteiligt war, Mrs. Piper viermal und Mrs. Holland einmal als erste auf dem Plan war, sie selbst (Mrs. Verrall) dagegen in 11 unter 14 Fällen, in die sie überhaupt verwickelt war; während in 8 Fällen, an denen im ganzen drei Medien beteiligt waren, Mrs. Piper zweimal fahrte, Mrs. Holland gleichfalls zweimal, und sie (Mrs. Verrall) viermal, - unter 8 Fällen, an denen sie Oberhaupt beteiligt war." Es kann also, selbst innerhalb der hier allein berücksichtigten Reihe, bloß in den 'Doppelfällen' (im Unterschied von den 'TripelfäUen') auch nur von einem zahlenmäßigen Überwiegen Verrallschen Führens die Rede sein. Wir müßten demnach in allen Fällen, in denen Mrs. Verrall nicht führte, die Verrall-Theorie in einer sehr unbequemen Weise verwickeln, indem wir annehmen, daß die Planerin des Experiments die 'komplementären' Stücke bei entfernten Medien 'durchgedrückt*, ihr Auftreten aber in der eigenen Schrift verhindert habe, auch wenn diese inzwischen ihren Fortgang nahm! Schon dies würde eine außerordentliche Sonderung und gegenseitige Abschließung von Wachbewußtsein und leitender Unterschicht' bei diesem Medium voraussetzen. Diese Sonderung würde sich aber noch in einer andern Tatsache erweisen, deren Schwerglaublichkeit ein beträchtliches Argument gegen die Verrall-Theorie abgibt. Als nämlich Mrs. Verrall erstmalig in ihren Schriften die vielen Aufforderungen entdeckte, Einzelnes darin zu 'verweben' und 'zusammenzuhalten', worauf im anscheinenden Unsinn der Sinn zutage treten würde,(r) wußte sie mit dieser Entdeckung nichts anzufangen; so wenig, daß sie diese 'Aufforderungen' nur unter der gänzlich unpassenden Überschrift: 'Worte, die in einem besonderen Sinn gebraucht werden' überhaupt erwähnte; und zwar, obgleich sie ja selber 'Kreuzkorrespon- 1) Worauf Piddington in einer Debatte mit Podmore und andern vor der Gesellschaft für psychische Forschung im Dezember 1908 aufmerksam machte. 2) XXII179 ff. 295 ff. 3) XXII 241 ff. 4) JSPR XIV 20 f. 5) a. a. O. 28. 6) XX 39. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych.Forschung 169 denzen' zwischen sich und andern Medien ausdrücklich beschrieb!1 - wiewohl nie im Sinn einer Theorie der Komplementarität. Wir müßten also nicht nur voraussetzen, daß die Planung komplementärer Kk.en im Unterbewußtsein einer Person entstanden sei, die nie zuvor bewußt diesen Gedanken gedacht hatte; sondern auch daß, obgleich dieser Gedanke in ihrem Unterbewußtsein fruchtbar war, die eigne bewußte Beobachtung von Schriften, die der Ausdruck jenes Gedankens waren, nicht die Kraft besaß, ihn ins Bewußtsein zu heben und damit bei Mrs. Verrall ein Verständnis ihrer eignen Beobachtung herbeizuführen! Man wird zugeben müssen, daß dies eine höchst sonderbare Undurchlässigkeit der Scheidewand zwischen Wachund Unterbewußtsein voraussetzt Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache, daß sich bei Mrs. Verrall Schriften finden, in denen sich der leitende scribe von dem telepathisch wirksam gedachten Medium ausdrücklich unterscheidet. Am 28. Dez. 1904 z.B. enthielt ihre Schrift das folgende: 'Ich wünsche es durch Mrs. Forbes zu bestätigen, aber sie hat nicht begriffen... Ich werde während dieser ganzen Woche den Versuch fortsetzen - warten Sie auf ihren Brief und ihre Hilfe. Denken sie oft an sie, senden Sie in Gedanken eine Botschaft an sie, daß sie schreibe, sie sei gewiß, daß Sie enttäuscht sind.'2 Hier nimmt der Redende also an, daß gedankliche Verbindung zwischen den beiden Damen, von Mrs. Verrall ausgehend, wohl möglich sei, und befürwortet sie sogar in einem besonderen Fall; er denkt aber nicht daran, daß dies das geringste mit dem eigentlichen Versuch zu tun habe, den er unternimmt, unabhängig von aller Telepathie zwischen seinen Medien! Hierzu tritt aber noch eine letzte Überlegung. So oft die erste Erwähnung von Teilstücken einer Kk. nicht bei Mrs. Verrall erfolgt, ist es ja noch immer denkbar, daß der Anstoß zum Experiment von ihr ausgegangen sei; doch müßten dann jedenfalls die wichtigsten Vorstellungen der betreffenden Schriften zu Mrs. Verralls Wissen gehört haben. Daß dies bei den weitaus meisten Kk.en der Fall war, ist unbestreitbar; denn Mrs. Verralls Belesenheit in mehreren Sprachen war eine ungewöhnliche. Am ehesten läßt sich die Frage ihres Wissens oder Nichtwissens um die Kernbegriffe einer Kk. dort nachprüfen, wo sich diese auf wirkliche Tatsachen oder Begebenheiten beziehen, und da stellt sich denn heraus, daß Mrs. Verrall gelegentlich an Kk.en beteiligt war, um deren tatsächliche Grundlagen sie nicht wußte. 1) XX 205-275. 2) XX 408. 170 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Ein Beispiel ist in folgender Darlegung Piddingtons gegeben: *Eins der am häufigsten wiederholten 'Verbindungsglieder' in Mrs. Verralls Schriften ist der griechische Buchstabe Sigma, oft verknüpft mit irgendwelcher Andeutung einer Schncckenlinie. Diese 'Sigma-Schriften' waren uns lange ein Ufttsel gewesen, und erst i.J. 1914 fand ich eine Erklärung für sie - eine teilweise Erklärung. Sie gründen sich auf zwei Literaturstellen: die eine steht in [dem Ruskinschen Buche] 'Fors clavigera', die andre bildet ein Bruchstück eines der griechischen Dramatiker. Daß diese beiden Literaturstellen den Sigma-Schriften zugrundeliegen, ist gewiß; aber weshalb die Kommunikatoren auf diese zwei Stellen sich zu beziehen wünschten, war für uns alle ein völliges Geheimnis, bis wir ein Jahr darauf oder noch später zum erstenmal von einer Tatsache Kenntnis erlangten, die nur einer sehr kleinen Zahl von Lebenden bekannt war. Zu diesen wenigen gehörte Mrs. Verrall bestimmt nicht.'1 Man sieht wohl ein, daß der Verrall-Theorie um so reichlichere Schwierigkeiten erwachsen, je genauer man ihre Einzelheiten unter die Lupe nimmt. Läßt man sie aber dieser Schwierigkeiten wegen fallen, so beraubt man unstreitig die animistische Deutung der Kk.en ihrer besten Stütze. Das dürfte jeder ihrer Vertreter fühlen, der die überragende Rolle bedenkt, die gerade dieses Medium in jener gewaltigen Unternehmung gespielt hat. - Gleichwohl: ein Monopol besaß es nicht. Vielmehr wird man auf Grund von Einzelbeobachtungen kaum umhin können, auch bei andern Medien neben Mrs. Verrall gewisse Anregungen festzustellen; z.B. wenn man beachtet, wie oft bei solchen von Mrs. Verrall wie von einer gänzlich außerhalb der jeweiligen Anstrengung Stehenden gesprochen wird. So schreibt z. B. Mrs. Willett am 28.Febr. 1914: 'May [Verrall] Soll gegenwärtig nichts von all diesem hören; weil dies etwas gutes ist, was sich lohnt... Es ist Sinn in dem, was durchgekommen ist, obwohl einige Entwirrung2 nötig ist Eine literarische Vorstellungsverknüpfung, die auf den Einfluß zweier Verstorbener hinweist.'8 Eben dieser Umstand aber, daß der Animist nicht umhin kann, auch andern Medien einen Teil der Führung zuzuschieben, dürfte letzten Endes seine Verlegenheit eher vermehren als vermindern. Denn je weniger er einem Medium Alleinherrschaft der Leitung zubilligen kann (wie sie doch der spiritistischen Theorie jederzeit zur Verfügung steht), desto ausdrücklicher wird er zu einer kollektiven Form der Deutung sich entschließen müssen, und damit wieder die Einheitlichkeit der Leitung preisgeben, die wir bei manchen Einzelversuchen unbedingt fordern müssen. - Doch erwägen wir diese Gedanken in geordneter Reihenfolge. Was zunächst die Ansprüche einzelner anderer Medien außer 1) XXXIII 458. 2) dlsentanglement. 3) XXIX 209. Vgl. XXVII 56. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f . psych. Forschung 171 Mrs. Verrall anlangt, so scheinen mir animistische Argumente sowohl im Falle der Mrs. Holland, als auch in dem der Macs tatsächlich nahezuliegen. 1 Mrs. Holland nämlich, seit zehn Jahren automatisch schreibend, begann mit der Personation einer Myers-, Gurney- und Sidgwick- Kontrolle, nachdem sie Myers' Werk über T)ie menschliche Persönlichkeit' gelesen hatte, und Miss Johnson glaubt, daß einzelne Stücke jener ersten Schriften auf das Buch, und die Charakterzeichnung der drei Kontrollen, soweit sie wahrheitstreu ist, auf die Angaben des Buches oder das aus ihnen Erschließbare sich zurückführen lassen. Auch wurden jene Persönlichkeiten angeblich noch lebenswahrer, nachdem Mrs. Holland Bilder der Betreffenden in einem andern Buche von Myers gesehen hatte.2 Die Macs ihrerseits entwickelten verschiedene, z.T. sehr verdächtige Planchette-Kontrollen, nachdem sie gleichfalls Myers' Hauptwerk um die Jahreswende 1907/8 kennen gelernt; ihre Sidgwick- Kontrolle aber erst drei Wochen nachdem sie Miss Johnsons ersten Bericht über die Holland-Schriften gelesen hatten.8 Dabei trat zugleich ein bedeutender Unterschied in der Schrift gegenüber der bisher erhaltenen zutage: während die Botschaften der Planchette zuvor persönlicher und romanhafter Art gewesen waren, bestanden sie hinfort aus der für Kk.en typischen Aneinanderreihung einzelner Sätze und literarischer Anspielungen von leicht durchschaubarer Einheitlichkeit der Bedeutung. - Wie sehr solche Tatsachen dem Animisten willkommen sein können, ist klar. Indessen erscheint mir ihre völlige Zweideutigkeit nicht minder einleuchtend. Schon Lambert machte (gegen Dessoir) geltend, daß es 'auch vom spiritistischen Standpunkt aus verständlich sei, daß ein Medium einem Geiste zugänglicher wird, wenn es mit seiner Denkweise innig vertraut ist'1 Dies ist ein richtiger und einleuchtender Gedanke. Seine volle Bedeutung freilich dürfte er erst innerhalb einer ausgeführten Theorie der medialen Kundgebung enthüllen. Hier soll davon nur dies gesagt werden: daß ja selbst der Spiritist nur in den seltensten Fällen die Kundgebung als restlose Selbstdarstellung und -äufJerung des Geistes durch das zum bloßen Sprachrohr gemachte Medium auffaßt, vielmehr sehr häufig (sagen wir) als seine Äußerung durch eine im Unterbewußtsein des Mediums geschaffene Personalvertretung hindurch. Selbst ein so gründlicher Spiritist wie Lodge, der in {dien Myers- Kontrollen der Kk.-Medien ein 'gemeinsames Element' und im Grunde 'dieselbe Persönlichkeit' zu finden meint, verwahrt sich sehr entschieden gegen die 'Identifizierung' dieser verschiedenen Myers-Persönlich- 1) Kaum dagegen bei Mra. Wlllett, s. XXV 114. Eine ad hoc eingeführte "Forbe "-Theorie im besonderen Fall bei Baerwald, Phän. 3571 2) Die venchledenen Handichritten dieser Kontrollen bei Mrs. Holland ähnelten niqht denen der Lebenden. XXI 171. ISO t. 246. 3) XXIV 265. 4) Lambert 107. 172 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung keiten. Unter der Voraussetzung, daß der Piper-Myers, der Willett- Myers, der Verrall-Myers, der Holland-Myers alle etwas von dem wirklichen Myers einschließen, müßten die zusammengesetzten oder Misch- Persönlichkeiten alle ein gemeinsames Element enthalten, und dieses gemeinsame Element mag vorherrschen oder zurücktreten je nach den Umständen; . . . aber in keinem Falle erhalten wir das Myers-Element rein und unverwässert.'1 Eine solche Auffassung aber verträgt sich vorzüglich mit der Annahme, daß selbst eine durch Buchlesen angeregte Scheinpersönlichkeit als Aufnahmegefäß, ja geradezu als Anlokkung für Einwirkungen und Äußerungen der entsprechenden wirklichen Persönlichkeit dienen könne. Soviel ist also sicher: sollten sich Gründe für die Annahme spiritistischer Beteiligung bei den Kk.en finden lassen, so würden die aufgezeigten zeitlichen Bezüge keinerlei Gegenargument liefern. Sie vertragen sich gut mit einer animistischen Auslegung, sind aber weit davon entfernt, sie zu erzwingen. Die Entscheidung fällt woanders. - Über das Angedeutete hinaus aber weiß ich animistische Argumente zugunsten andrer Medien als Mrs. Verrall nicht mehr anzuführen. Mrs. Verrall war von jeher die eigentliche Hoffnung der Animisten auf diesem Gebiete, und als wie trügerisch sie sich bei näherem Zusehn erweist, habe ich gezeigt. - Je dürftiger nun aber die Ausbeute an animistischen Argumenten im Falle der einzelnen Medien ausfällt, desto geringer sind, wie schon angedeutet, die Aussichten einer Theorie, welche die Führung der Kk.en kollektiv zu begründen sucht; indem zu den Bedenklichkeiten der Einzelzuteilung hier noch die Schwierigkeit tritt, die nötige Einheitlichkeit der Leitung gegen die Gefahren der Vielköpfigkeit zu sichern. Man kann auch hier nicht sagen, daß die animistische Theorie über unbestimmte und unbelegte Vermutungen hinausgelangt sei. Prof. Oesterreich z. B. scheint, wenn ich ihn recht verstehe, zwischen einer 'zentralistischen' und einer 'kollektivistischen' Deutung der komplementären Kk.en zu schwanken. Wenn er es für möglich erklärt, daß in solchen Fällen 'das eine Medium dem andern einfach eine entsprechende telepathische Suggestion ä distance erteilt', so soll das 'entsprechen' doch wohl in der komplementären Eigenart des übermittelten Inhalts bestehen, womit denn das telepathisch aktive Medium auch zur Planerin dieser besondern Komplementarität gestempelt würde. Anderseits hält Oesterreich es aber auch für denkbar, daß eine 'wechselseitige Verständigung beider Medien, eine Vereinbarung zwischen ihnen' stattfinde.8 Der 'beiden' Medien? Offenbar der beiden, die Prof. Oesterreich augenblicklich im Sinn hat. Denn natürlich weiß er, daß die Mehr- 1) XXV 118. 2) Oesterreich, Okk. 78. 77. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 173 zahl der Kk.en, daß gerade die am dringendsten der Deutung bedürftigen mehr als zwei Medien beschäftigen. Wird er auch unter drei, vier - sieben Medien eine 'Verständigung' oder 'Vereinbarung' annehmen wollen? Sehr wahrscheinlich, denn auch das 'läßt sich denken'. Solche völlig unterbewußte 'Vereinbarung' zwischen einem halben Dutzend Personen wäre gewiß eine neuartige Tatsache für den Psychologen; aber, wie ich schon sagte: die Abgrenzung von Möglichkeiten in einem neuen Forschungsfelde ist eine mißliche Sache. Immerhin ist es seltsam, einen solchen 'Radikalismus' der Hilfsannahmen im Dienste eines betonten 'Konservativismus' der Grundannahmen zu finden. Mir scheint, daß hier der Punkt erreicht wird, an dem die übertriebene 'Konsequenz' zwangsläufig in 'Inkonsequenz' umschlägt. In jedem Falle setzt ein solches Mosaikspiel der Massenverabredung eine Leichtigkeit und Genauigkeit des telepathischen Verkehrs voraus, die an sich schon unglaubhaft erscheinen könnte. Vor ihrer Annahme - mindestens im Falle der Damen Verrall und Holland - warnt überdies das Experiment. Während einer längeren Reise nach Europa im Frühling 1905 machte Mrs. Holland an jedem Mittwoch den Versuch, 'einen Eindruck und ein bestimmtes Wort, das sie selbst wählte und aufzeichnete, auf Mrs. Verrall zu Obertragen'. Diese Eindrücke bezogen sich auf die Orte, die sie besuchte. Miss Johnson verglich die Aufzeichnungen der ReiseAden mit Mrs. Verralls Schriften jener Zeit, fand aber in diesen nicht die mindeste Spur von ihnen.1 Nun würde dies nicht eben viel besagen, solange man die eigentlich 'Angeklagte' in Mrs. Verrall zu suchen beliebt. Aber auch hier trügt eine auf sie gesetzte Hoffnung. Denn vom 31. Mai ab machte Mrs. Verrall den umgekehrten Versuch, und diese Experimente waren 'ebenfalls völlig ergebnislos'.2 Man könnte nun sagen, daß zwar Mrs. Verralls 'Unterbewußtsein' die Fähigkeit besessen habe, Mrs. Holland telepathisch zu beeinflussen, nicht aber ihr bewußter Wille. Aber soll nicht auch der bewußte Wille-zur-Telepathie im Grunde nur 'durch das Unterbewußtsein hindurch' sein Ziel erreichen? Sollen wir also jenen Experimenten entnehmen, daß die hier erwiesene unüberwindliche Schranke zwischen Mrs. Verralls 'Ober-' und 'Unterbewußtsein' gelegen habe, nicht aber zwischen ihrem und ihrer Mitarbeiterin Unterbewußtsein?' Denkbar'. Aber welche Gründe haben wir für diese seltsame Annahme? - Die Ironie der ganzen Sache liegt dabei darin, daß die Anregung zu diesen Versuchen letzten Endes von der Gurney- und Myers- Kontrolle der Mrs. Holland selbst ausgegangen war,3 daß also anscheinend 'Geister' ein Experiment befürworteten, das, falls gelungen, gegen ihre eigenen Ansprüche hätte verwendet werden können, während nun sein Mißerfolg offenbar zu ihren Gunsten zu buchen ist. Indessen, könnte schließlich der Gegner einwenden: soll nicht auch 1) X X I 259. 2) A. a. Ö. 3) X X I 206 f. 174 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung der leitende 'Geist' im Falle von Kk.en die einzelnen Medien 'telepathisch' beeinflussen; liefert also nicht eben die Vollkommenheit seines Erfolges ein Maß für die Vollkommenheit der telepathischen Beeinflußbarkeit, die durch jene Versuche in Frage gestellt sein soll? - Zunächst: selbst der vollkommenste telepathische Erfolg eines Geistes würde doch nur passive telepathische Begabung der betreffenden Medien erweisen, während jene 'Verständigungs'-Theorie die höchste Befähigung im aktiven Sinne voraussetzt; und wissen wir etwa, daß diese beiden stets in gleichen Graden verbunden sind? Sodann aber: die Erwiderung des Gegners würde voraussetzen, daß Telepathie seitens Diskarnierter und seitens Inkarnierter in den Grundlagen ihrer Ermöglichung oder Hemmung durchaus gleichgestellt sei, und das ist doch wieder keineswegs gewiß, selbst wenn wir die telepathische Betätigung des Inkarnierten als eine Betätigung des 'Geistes-in-ihm' auffassen. Die erwähnten Versuche warnen mithin, auch wenn sie nicht widerlegen. Das Ergebnis unsrer bisherigen Erörterungen kann ich also folgendermaßen zusammenfassen: Die animistische Deutung der Kk.en hat keinesfalls zwingende Tatsachenbeweise für sich anzuführen; sie arbeitet vielmehr nur mit abstrakten Denkmöglichkeiten, entnommen einer vorgefaßten Ansicht. Diesen Denkmöglichkeiten werden durch Einzelheiten der beobachteten Tatsachen mindestens große Schwierigkeiten bereitet. Die Lösung unsres Problems hängt also wesentlich davon ab, ob die andre mögliche Auffassung der Kk.en, die spiritistische, sich ihrerseits auf 'positive' Beobachtungen stützen kann. An diese letzte Frage treten wir jetzt heran. d. Die spiritistische Theorie der Kreuzkorrespondenzen Während wir die 'große Hoffnung' des Animisten auf diesem Gebiet, nämlich die 'Verrall-Theorie', in ihren letzten Einzelheiten prüften und diese ihr nichts weniger als günstig fanden, erwuchsen uns unter den Händen Hinweise auf eine bestimmte andre Ableitung, die wir entsprechend als die Myers-Theorie bezeichnen können. Es wird sich empfehlen, daß wir nunmehr, ohne mit abstrakten Erwägungen über die Aussichten einer spiritistischen Deutung der Kk.en Zeit zu verlieren, diese Deutung gleich in jener bestimmten Form aufgreifen und die Erörterung dort fortführen, wo das Versagen der Verrall- Theorie sie haltmachen ließ. Ich brauche kaum zu sagen, daß, wie diese für den Animisten, so die Myers-Theorie für den Spiritisten die 'große Hoffnung' auf diesem Gebiete darstellt. Alles bisherige hat uns die überragende Bedeutung der 'Myers'-Persönlichkeit in der Kk.- Bewegung erkennen lassen, neben der alle übrigen Kommunikatoren Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 175 offenbar nur die Rolle von Mitarbeitern spielten. Fragen wir daher zunächst, welche Gründe für die Leitung der Kk.en durch den wirklichen Myers sprechen. Ich habe oben gezeigt, daß die ersten Anfänge der ganzen Unternehmung nach ihren zeitlichen Bezügen für ihre Ingangbringung weit eher durch Myers, als durch Mrs. Verrall sprechen. Dieser Nachweis ist nun durch einen weiteren zu ergänzen. Während nämlich im Falle der Mrs. Verrall nichts darauf hinweist, daß diese Leistung bei ihr zu erwarten gewesen wäre oder ihr besonders natürlich angestanden hätte, sind im Fidle des wirklichen Myers solche Hinweise kaum zu bestreiten. Erwiesenermaßen nämlich war der Gedanke von Experimenten- vom-Jenseits-her zum Beweise des Fortlebens in Myers' Geiste schon zu Lebzeiten sehr lebendig gewesen. 'Nicht wir', hatte er gegen Schluß seines großen Buches geschrieben, 'sind in Wahrheit hier die Entdecker. Die im Gang befindlichen Experimente sind nicht das Werk irdischer Geschicklichkeit. Wir können nichts zu dem neuen Ergebnis beisteuern, als eine Einstellung der Geduld, der Aufmerksamkeit und Sorgfalt . . . Versuche, sage ich, sind im Gange, und wahrscheinlich Versuche von einer Verwickeltheit und Schwierigkeit, die über all unser Vorstellen und Ersinnen hinausgeht, aber sie werden von der andern Seite der großen Kluft her gemacht, durch die Anstrengungen von Geistern, welche Wege und Möglichkeiten erkennen, die für uns in undurchdringliches Dunkel gehüllt sind.'1 Auch bezeugt Miss Johnson, die von der Mitarbeit an der Herausgabe dieses Werkes her die Gedanken des Verfassers vielleicht besser kannte, als irgend ein andrer Lebender, 'sein ganzes Denken sei durchdrungen gewesen von dem festen Glauben an die Möglichkeit neuer Entwicklungen, wie sie nie zuvor in der Welt beobachtet worden, die aber die natürliche Entfaltung vorausgegangener Entwicklungen darstellten.'2 Die Annahme liegt nahe, daß einer, der so dachte, der überdies (wie Piddington bezeugt) die Mängel der bisherigen spiritistischen Beweisführung tief empfand,3 nach seinem Hingang selber alles daran setzen würde, etwas zur Förderung jener 'neuen Entwicklungen' beizutragen. Ja auch die weitere Annahme liegt nahe, daß er diesen Versuch gerade in der Form einer Ausgestaltung übernormaler Beziehungen zwischen Äußerungen mehrerer Medien machen würde. Denn schon der lebende Myers hatte, zusammen mit Dr. Hodgson, zu verschiedenen Zeiten Versuche ins Auge gefaßt, solche Verknüpfungen zwischen den Äußerungen mehrerer Medien zu erzielen. Ein gedruckter Niederschlag von Versuchen dieser Art liegt nicht vor, aber in Briefen an Mrs. Thomp- 1) Myers II 275. 2) XXV 289. 3) XXX 305. 176 Argumente aus formalen Verhaltnissen der Kundgebung son (Juli 98-Jan. Ol) finden sich Äußerungen über seine Hoffnungen in dieser Richtung. Was wir im einzelnen davon erfahren,1 enthält allerdings keine Andeutung der Theorie komplementärer Kk.en. Miss Johnson nimmt daher an, daß der Begriff der komplementären Kk. dem lebenden Myers nicht aufgegangen war. 'Es erscheint mir fast sicher,' sagt sie, 'daß, hätte er zu Lebzeiten daran gedacht, ich davon gehört haben würde, während ich ihm bei der Drucklegung von 'Human Personality' half; oder daß er es einigen seiner Freunde und Mitarbeiter in der Ges. f. psych. Forsch, gegenüber erwähnt hätte.'8 Nun stellt ja aber, wie wir wissen, gerade die Durchführung von Komplementarität das bewußt Neuartige der Kk.-Bewegung dar,3 und zwar das Neuartige, das zuerst von jener durch Mrs. Verrall schreibenden Persönlichkeit ausging, die bald nach Myers' Tode sich zu regen begann und diesen Gedanken in einer Weise durchführte, die bei näherem Zusehn immer stärkere Verwandtschaft mit Myers' 'weitschichtigem und reichausgestattetem Geiste' offenbart.1 Es ist aber weiter in diesem Zusammenhang beachtenswert, daß Myers-im-Jenseits auch noch bei einer andern großen und durchaus neuartigen 'Bewegung' übernormaler Art, die in die Zeit nach seinem Tode fällt, seine Hand im Spiele gehabt haben soll: nämlich bei den berühmten 'Büchertesten'.5 Zu verschiedenen Zeiten d. J. 1917 nämlich gab Teda' bekannt, daß eine Reihe von Bücher-Testen, im Zusammenhang betrachtet, sinnvolle Botschaften ergeben, also sich ineinanderfügen sollten, wie die einzelnen Stücke eines 'Zusammensetzspiels' 6; und von dieser Unternehmung, die offenbar mit den Kk.en wesensverwandt ist, behauptete 'Feda' ausdrücklich, daß 'Mr. Myers' den Plan entworfen und unter Beteiligung von Mr. Drayton Thomas' 'Vater' auszuführen unternommen habe. Mrs. Sidgwick muß zwar (vor dem Frühjahr 1921) bekennen, daß sie einen Erfolg dieser angeblichen Unternehmung nicht habe entdecken können. Aber das will nicht viel besagen: wir wissen, wie lange nach ihrer urkundlichen Vollendung manche Kk.en begriffen wurden; und selbst ein völliger Fehlschlag würde nicht gegen die Tatsächlichkeit der Planung streiten. Das Bestehen eines Experimentierwillens im Falle der 'Bücherteste' an sich bedarf ja keines Beweises, und es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn auch dieser Wille in einem ganz besonderen, den Kk.en ähnlichen Falle Frederic Myers zugeschrieben wird.7 Gehen wir von solchen allgemeinen Wahrscheinlichkeitsgründen dazu über, die in Kk.-Aussagen enthaltenen einzel-inhaltlichen Hinweise 1 ) X X I 370 t. 2) aaO. 377. 3) Vgl. ZpF 1929 171 ff. 4) Vgl. Piddington X X X 304 f. 5) Näheres über diese wird ein Ergänzungsband dieses Werkes bringen. 6) puzzle. 7) X X X I 313 ff. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 177 auf Myers als ihren letztgültigen Urheber aufzusuchen. Hier können an erster Stelle solche angeführt werden, die im allgemeinen zu seiner literarischen Personation' beitragen,1 d.h. zur Kennzeichnung des Myersschen Besitzes an literarischen Kenntnissen und Ausdrucksmitteln. Soweit die Möglichkeit besteht, daß diese auch den betreffenden Medien zur Verfügung standen, liefert ihre Verwendung natürlich keinen Identitätsbeweis; gleichwohl würden sie zur Abrundung eines solchen beitragen, falls sie mit ausgesprochen persönlichen Wissensinhalten vermengt sich fänden. Ein Beispiel ersterer Art liefert etwa die Verwendung der Worte 'Weltferne Feenlande' im Rahmen der Kk. 'autos ouranos akymon'8 zur Umschreibung der Vorstellung äußerer Ruhe in der Natur; denn jene Worte sind der Titel eines Myersschen Gedichts, in welchem diese Vorstellung sehr stark betont wird, und die betreffende Verrall-Schrift (vom 12. Febr. 1907) wird mit großem Nachdruck von 'Myers' gezeichnet, während ein Nachweis, daß Mrs. Verrall die Verse gekannt habe, durchaus fehlt. Aber auch in manchen andern Kk.en spielen Gedanken eine Rolle, die nachweislich mit Lieblingszitaten Myers' zusammenhängen, oder denen er in seinen Schriften besonders gewichtigen Ausdruck gegeben hatte. Dies gilt z. B. von den Vorstellungen 'Musik' und 'Abt Vogler', die durch die 'lateinische Botschaft' bekannt geworden sind;3 es gilt von dem Virgil- Zitat manibus date lilia plenis in der Verrall-Schrift vom 29. April 1907 es gilt vom Zitat aus dem eignen Gedicht Harold mit zwei Jahren', oder von der Schrift vom 3. April 1907, in welcher der Verrall-Myers zur Vorstellung 'Flügel' heranführt durch ein Zitat aus Lukrez, denn dies Zitat enthält im Original die Vorstellung Tlügel' nicht, während in einer englischen Wiedergabe desselben der lebende Myers die Worte 'mit entfalteten Flügeln' eingefügt hatte.6 Es sind zahlreiche Beobachtungen dieser Art, die Mr. Piddington, einen guten Kenner des lebenden Myers, zum Schluß gelangen ließen: das einzig gewisse in der Deutung der Kk.en sei, 'daß, wenn es nicht der Geist Frederic Myers' war, der sie erzeugte, es einer war, der vorsätzlich und kunstvoll Myers' geistige Wesenszüge nachahmte.'6 Eine ganz andre Stufe der Beweiskraft betreten wir mit der Erwägung von Schriften, in denen sich Vorstellungen äußern, die dem schrei - benden Medium nachweislich fremd waren. Diese Vorstellungen beziehen sich teils auf Stoffgebiete, die der erworbenen Bildung Myers' angehört hatten, teils auf Tatsachen aus seinem Leben. In beiden Gruppen ist die Auswahl so groß, daß hier nur wenige Belege geboten werden können. Der Leser mag sie als einen Nachtrag zur früheren 1) Wie Piddington es nennt; XXIV 16. 2) XXII 113. 3) XXIV 18. 4) Vgl. o. S. 111. 5) XXIV 16. 6) XXII 242 f. Mattieien, Das penfiolidbc Obcxkben II IS 178 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Behandlung der 'Identifizierung' durch Kundgebungsinhalte ansehn. - Ich führe zunächst einige aus den Verrall-Schriften an. Zwei Jahre nach Beginn ihrer Schrift und angeregt durch anscheinende Anspielungen darin auf neuplatonische Gedankengänge, las Mrs. Verrall zum erstenmal verschiedene dieser spätgriechischen Philosophen, darunter den Macrobius. Dabei fand sie wörtliche Berührungen mit ihren Schriften, die nur zum Teil durch ihre Bekanntschaft mit Quellen erklärt werden konnten. Zum Beispiel wußte sie nichts von dem Pythagoreischen diatessaroit, auf das Macrobius in seinem Kommentar zum Somnium Scipionis großes Gewicht legt und das in ihrer Schrift vom 19. Dez. 1902 in den Worten 'das neue und alte Diatessaron' erwähnt worden war, Worte, in denen sie darum zunächst auch 'gar keinen möglichen Sinn' hatte finden können. 1 Myers aber war ein genauer Kenner des Macrobius und andrer spätgriechischer Philosophen gewesen.2 - Ein zweites Beispiel dieser Art: Am 22. April 1901 hatte die Schrift die Worte cardo KapKivou enthalten, für die der Schreiberin irgend ein Sinn zunächst unentdeckbar blieb. Cardo bedeutet eine Türangel und wird von den vier Hauptpunkten der Windrose gebraucht; das griechische Kapxtvos heißt "Krabbe' oder 'Krebs'. Erst einige Jahre später erfuhr Mrs. Verrall zu ihrer 'Überraschung' aus Macrobius und andern neuplatonischen Schriftstellern, daß die Verbindung der beiden Worte eine traditionelle Bedeutung hat. Bei Porphyrius nämlich bezeichnen sie den nördlichsten Punkt der scheinbaren Sonnenbahn, der Ekliptik, im Sternbild des Krebses, welches den Neuplatonikern als Eingangspforte der zur Erde herabsteigenden Seelen galt. Karkinos entspricht genau unserm 'Krebs' im astronomisch-astrologischen Sinne, und cardo bezeichnet, wie gesagt, einen der Kompaßpunkte, so daß für einen Kenner des neuplatonischen Denkens, wie Myers, der Doppelausdruck eindeutig ist.3 - Oder: Am 20. März 1903 gab die Schrift anscheinend eine Anweisung für das Schreiben, nämlich: daß Erfolg nicht bei östlichen, sondern bei westlichen Winden zu erwarten sei. Die Worte lauteten: "Niemals wenn der Wind aus dem Osten bläst, aber auf der westlichen Brise kommt es mit dem Klang von Glocken und von ferne gehörter Musik. Erkundigen Sie sich danach.' Der letzte Satz deutet offenbar an, daß der Verfasser der Schrift der Ansicht war, der vorausgehende Gedanke werde der Schreibenden unverständlich sein, könne jedoch durch Nachforschungen seine Erklärung finden. 'Aber erst später', fügt Mrs. Verrall hinzu, 'zeigte mir mein Studium neuplatonischer Schriftsteller, daß es eine regelmäßige Vorschrift der Thaumaturgen an diejenigen war, welche mystischen Verkehr (communion) suchten, ihre Übungen nur bei westlichem Winde vorzunehmen.'4 Die fraglichen Worte scheinen mithin nicht nur ein selbständiges Wissen des 'Verfassers', sondern auch sein Bewußtsein davon zu belegen, daß er in einer Verkehrsgemeinschaft übernormaler Art mit der Schreibenden stand.6 1) X X 287. 2) X X V I 249. 3) X X 289 f. 4) X X 293. 5) Vgl. ferner XXVI 245-50. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 179 Am 3. Juli 1904 enthielt die Schrift u. a. folgende Worte: 'Im September gedenke an den 19. Columella... danach Astraea und das übrige.1 'Columella', fügt Mrs. Verrall erläuternd hinzu, 'war für mich ein Name und weiter nichts. [Durch Nachforschungen erst] stellte ich fest, daß er ein [altrömischer] Schriftsteller über Landwirtschaft war, und in seinem 11. Buch gibt er einen Kalender mit astronomischen und andern Belehrungen. Nicht jeder Tag wird berücksichtigt, nur etwa jeder dritte oder vierte. Für den 19. September merkt er an, daß die Sonne aus dem Sternbild der Jungfrau in das der Wage tritt. Ein andrer Name für die Jungfrau aber ist Astraea. Ich begreife nicht, wie meine Schrift dazu kam, Astraea mit dem 19. September zu verknüpfen und dabei Columella zu erwähnen, der diese Verknüpfung erklärt.'1 - Auch hier dürfen wir wohl ohne weiteres annehmen, daß alle diese Dinge der überragenden klassischen Bildung Frederic Myers' bekannt waren. Im Februar 1903 erschien Myers' 'Human Personality', zwei Jahre nach dem Tode des Verfassers. Im Dezember 1902, besonders aber während des Januar 1903, enthielt Mrs. Verralls Schrift wiederholte Hinweise auf ein bestimmtes Wort oder Worte, die sie darin finden würde, und Andeutungen in früheren Schriften führten sie auf den Gedanken, daß jenes Wort mit dem 'Gastmahl' des Piaton zusammenhängen werde. In der Zeit vom 19. Dez. bis zum 14. Jan. wurden auch bei Mrs. Forbes, der klassisch völlig Unbeschlagenen8 und, wie wir wissen, Mrs. Verralls frühester Kk.-Genossin, verschiedene Versuche gemacht, das Wort Symposium ('Gastmahl') zu schreiben, und Mrs. Verralls einzige Schrift während dieser Zeit drückte die Uberzeugung aus, daß Mrs. Forbes jene gewünschten Worte erlangen werde. Vom 14.-31. Jan. enthielten Mrs. Verralls Schriften dann u.a. folgende weitere Anspielungen und Ankündigungen: 'Schreiben Sie regelmäßig - in der nächsten Woche werden Sie Mitteilungen zu schreiben haben - gute Nachrichten, ehe der Monat zu Ende ist. Das Buch [offenbar Myers' Buch, dessen Veröffentlichung, wie Mrs. V. wußte, für den 10. Febr. vorgesehen war] wird helfen - unser Wort ist darin enthalten... In Myers' Buch ist ein Wort, das alles klarmachen müßte - lesen Sie es, um das zu sehen - nicht am Kopf eines Kapitels [alle Kapitel haben griechische oder lateinische Mottos], sondern im Text zitiert... Lesen Sie das Buch für mich. Suchen Sie dort das helfende Wort... Zwischen Gott und Mensch ist das Sothovjov ti [der gewisse Halbgott oder Geist] - Sie werden das im Buche angeführt finden - Liebe ist das B a n d . . . Suchen Sie in dem Buch was ich Ihnen gesagt habe - in Myers' Buch. Die Stelle ist wichtig...' Mrs. Verrall hatte eine Korrektur der Mottos (nur dieser, auf besonderem Blatte zusammengestellt) gelesen und einen Abzug des VI. Kapitels 'gesehen', das für unsern Zusammenhang gar nicht in Betracht kommt; im übrigen waren ihr Inhalt und Plan des Buches unbekannt. Als sie das fertige Werk erhielt, fand sie darin (I 112) die Platonischen Worte angeführt, daß die Liebe ' d e r Dolmetsch und Vermittler zwischen Gott und Mensch' sei 1) XX 294t. 2) XX 244. 13* 180 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung (Liebe gilt als daimonion), worauf der Verf. sich des weiteren Aber den 'kosmischen' Sinn der Liebe ausläßt, wie Piaton ihn im 'Gastmahl' beschreibt, und besonders darauf aufmerksam macht, daß diese Darlegungen der Prophetin Diotima in den Mund gelegt seien (die in früheren Verrall-Schriften angeführt war).1 In seinem zweiten Bande2 spielt Myers dann nochmals auf diese Stelle an, in den Worten, daß 'Liebe den Abstand zwischen verkörperten und körperlosen Geistern überbrflcke'. - Mrs. Verrall ist überzeugt, daß ihr normales Wissen die unverkennbaren Anspielungen ihrer Schrift auf diese Äußerungen des Buches nicht erklären könne. Die einzige Hoffnung, die sie dem Zweifler läßt, beruht auf der Tatsache, daß sie das Myerssche Haus während des Frühlings und Sommers 1901, also Monate nach Myers' Tode, wiederholt besucht hatte, und daß sich während dieser Zeit die Probebogen des nachgelassenen Werkes im Hause befanden. Daß sie diese nicht "bewußt' angesehen hat, dessen ist sie gewiß.3 Soviel über den Verrall-Myers. Wenden wir uns demnächst 'Myers' Kundgebungen durch Mrs. Holland zu und sondern auch hier Identitätszeugnisse aus dem Bildungsbestande von solchen aus Lebenserinnerungen. Im Rahmen der Kk. 'Licht im Westen' führte Mrs. Hollands Schrift vom 8. April 1907 die biblischen Personen Lea und Rahel, Martha und Maria als Gegensatzpaare an, eine Zusammenstellung, die sich mit ziemlicher Sicherheit auf Dante (Purg. XXVII und Convito) zurückführen ließ, um so mehr, als sowohl Mrs. Verrall wie auch Mrs. Piper um diese Zeit vielfache Äußerungen taten, die auf eben diesen und den XXVIII. Gesang des Purgatorio Bezug nahmen. Erst nachträglich nun stellte Piddington fest, daß Mrs. Holland von Dantes 'Göttlicher Komödie' so gut wie nichts kannte, nämlich nur die berühmte Uberschrift über dem Tor des Inferno, die Paolo und Francesca- Geschichte, einige Dor6-Bilder (!) und die schließliche Begegnung mit Beatrice, also nur, was jeder Halbgebildete kennt4 Myers dagegen war ein ungewöhnlich genauer Kenner des großen Gedichts.6 Auch der folgende bemerkenswerte Vorgang verdient Erwähnung. - Am 2. März 1910 schrieb Mrs. Holland u.a.: 'Pars thyma - pars casiam - melifontos Plurima lecta rosa est et sunt sine nomine flores - crocus liliaque alba'. Die Schrift, in der dies vorkam, gehört in die bedeutende Kk. Troseipina'; doch geht uns hier nur dieser lateinische Absatz darin an. Die Worte sind ein leidlich fehlerfreies Zitat aus Ovid, Fasti IV 440ff.: Pars thyma, pars rorem, pars meliloton amant. Plurima lecta rosa est, sunt et sine nomine flores. Ipsa crocos tenues, liliaque alba legit.6 Einen Tag nun vor Erscheinen dieser Schrift war ein Aufsatz der Mrs. 1) X X 244. 2) S. 282. 3) XX 310-18. Ich habe stark gekürzt; der ganze Zusammenhang, einschließlich S. 241-6, verdient genauestes Studium. 4) XXIV 231. Vgl. 25 f. 5) XXIV 128. 6) Zu deutsch: Einige bevorzugen Thymian, einige Rotmarin, einige Honigklee; manche Rose wird gepflückt, auch gibt es da noch ungenannte Blumen. Sie selbst [Proserpina] sammelt schlanke Krokus und weiße Lilien. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 181 Verrall in der "Klassischen Revue' erschienen, worin sie u. a. von dem Vorkommen weißer Lilien bei Virgil spricht und die Kassie (engl, cassia), Verbena und Thymian als Lieblingspflanzen der Bienen erwähnt; sie verweist aui eine Stelle in Virgils Georgica, wo casiam mit rorem verbunden wird - Mrs. Holland h a t t e casiam für das in den üblichen Texten s t e h e n d e rorem eingesetzt -, gibt aber nicht den Wortlaut der Stelle. Überhaupt beschäftigt sich der Aufsatz nicht mit Ovid, doch war der ganze obige Absatz aus den Fasti der gelehrten Mrs. Verrall 9ehr vertraut. - Nun hatte Mrs. Holland den Aufsatz s i c h e r l i c h nicht gesehen, als sie ihre Schrift hervorbrachte, und überdies läßt sich nachweisen, daß, falls sie ihn gelesen hätte, sie nichts von den in ihrer Schrift enthaltenen bedeutsamen Gedankenverknüpfungen ihm hätte entnehmen können. Mrs. Holland, die keine nennenswerte Kenntnis des lateinischen Schrifttums besaß,1 könnte also nur auf 'telepathischem' Wege zu ihrem Zitat gelangt sein. Das Merkwürdige aber auch dann ist, daß, wie Mrs. Verrall erst n a c h t r ä g l i c h e n t d e c k t e , gerade die ä l t e r e n allgemein gebräuchlichen Ausgaben der Fasti die Lesart casiam statt rorem haben, 'und es ist ziemlich sicher, daß dies die Lesart war, die Mr. Myers als Knaben bekannt gewesen sein müßte', während die Mrs. Verrall vertraute Lesart rorem lautete.8 Von Beispielen mehr biographischer Prägung sei zunächst folgendes angeführt. Am 7. Nov. 1903 enthielt eine lange Holland-Schrift, die von Myers zu kommen vorgab, u. a. die ausführliche Beschreibung eines Mannes, d i e Mrs. H o l l a n d auf Myers bezog, die aber vorzüglich auf den noch lebenden Dr. A. W. V e r r a l l zutraf. ('Myers' hatte zu Beginn der Schrift gesagt, er wünsche dringend zu einigen alten Freunden zu sprechen, zu Miss Johnson und A. W. Verrall; ein Bekanntsein der Schreiberin mit Dr. Verralls Äußerem ließ sich ziemlich bündig ausschließen. Warum aber sollte Myers dem Medium seinen 'alten Freund' nicht auch 'zeigen' wollen?) Die Schrift fuhr fort, offenbar teilweise im Namen einer vermittelnden Stelle, also vielleicht eines Unterbewußtseins' redend: 'Ich kann fühlen, daß er viele Dinge zu sagen wünscht - doch nur verworrene Sätze erreichen mich - die ich nicht niederschreiben kann - Aber eine anscheinende Adresse ist sehr klar - 5 Selwyn Cardens... Senden Sie nach 5 Alywyn (dies ausgestrichen; dann:) 5 Selwyn Cardens Cambridge. Bemühen Sie sich nicht, so zweifelsüchtig zu sein - Ich weiß, dies alles erscheint Ihnen bedeutungslos, aber es hat gleichwohl seine Bedeutung - Metetheric - Sie brauchen nicht zu versuchen [zu verstehen] - schreiben Sie bloß - es ist, als übergäbe man eine Botschaft von unendlicher Bedeutung einer Schlafenden - Empfangen Sie einen Beweis - versuchen Sie [wenigstens] einen Beweis zu empfangen, falls Sie das Gefühl haben, daß dies Zeitvergeudung ist. Schicken Sie dies an Mrs. Verrall, 5 Selwyn Gardens, Cam- 1) Miss Johnson rechnet sie zu den non-classical readers, desgl. Mrs. Verrall, XXI 216. 2) XXV 246-8. Vgl. ferner den gelehrt korrekten und zugleich typisch 'Myersschen' Gebrauch der Worte eidolon und simulacrum [- Phantom] durch Mrs. Holland in den Schriften vom 7. und 8. Jan. 1904: XXI 215-8. 182 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung bridge.' - 'Metetheric' nun hängt offenbar mit dem von Myers in seinem Hauptwerk geprägten Fachwort 'metetheriaV ('jenseits der Ätherwelt liegend') zusammen; doch beweist es nichts, da Mrs. Holland 'Human Personality' gelesen hatte. Dagegen läßt es sich nicht einmal wahrscheinlich machen, daß ihr 5 Selwyn Gardens, Cambridge, die Adresse der Verralls, bekannt war, und Miss Johnsons Vermutung, Mrs. Holland könne sie in irgend einem Buche von der Art des 'Wer ist's?' erfahren und Vergessen' haben, schwebt, Mrs. Hollands Aussage nach, vollkommen in der Luft1 In der sehr bedeutsamen Holland-Schrift vom 17. Januar 1904 finden sich u. a. die Worte: 'Ich kann Ihre Hand nicht griechische Buchstaben formen lassen und so kann ich nicht den Text geben, wie ich wünsche - nur die Verweisung 1. Kor. 16 - 13... O ich bin schwach vor Übereifer* - wie kann ich am besten identifiziert werden... allein versuche ich es unter unaussprechlichen Schwierigkeiten...' - 1. Kor. 16, 13 lautet (in Luthers Übersetzung) : "Wachet, stehet im Glauben, seid männlich, und seid stark.' Dieser Text, mit Ausnahme der letzten drei Worte, steht in seinem griechischen Wortlaut Aber dem Eingangstor des Selwyn College in Cambridge, an welchem man vorübergeht auf dem Wege von Myers' zu Mrs. Verralls Hause oder zur Wohnung der Sidgwicks im Newnham College. Diesen Weg hatte Myers zu Lebzeiten natürlich ungezählte Male zurückgelegt, und er hatte sich Mrs. Verrall gegenüber mehrfach ereifert über einen Schreibfehler in der Fassung des Spruchs über dem Selwyn-Torweg.3 Mrs. Holland aber war nie in Cambridge gewesen und hatte auch nur wenige Bekannte, die irgendwelche Beziehungen zur Universitätsstadt unterhielten. Es ist also fast mehr als unwahrscheinlich, daß sie auf Umwegen von der fremdsprachigen und ihr unverständlichen Inschrift erfahren hatte.1 Zu den Worten 'Ich kann Ihre Hand nicht griechische Buchstaben formen lassen, und so kann ich nicht den Text geben, wie ich wünsche' möchte ich übrigens bemerken, daß Mrs. Holland am 7. Nov. 1903 innerhalb der früheren, die Verrall-Adresse enthaltenden Schrift tatsächlich 'unlesbares Gekritzel' geliefert hatte, 'das augenscheinlich einen Versuch darstellte, griechische Buchstaben zu erzeugen.'6 Myers hätte also das eine mal vergeblich versucht, durch die des Griechischen unkundige Mrs. Holland griechisch zu schreiben, das andre med diese Unmöglichkeit ausdrücklich ausgesprochen; und denkbarerweise bekundet sich ein Bewußtsein dieser Unmöglichkeit auch in den Worten der Holland-Schrift, die ich dem Unterbewußtsein des Mediums zuschrieb: 'nur verworrene Sätze erreichen mich, die ich nicht niederschreiben kann'; denn die gleich darauf mitgeteilte Adresse der Verralls konnte in Myers' Gedanken wohl verknüpft sein mit dem Spruch, den er so oft auf dem Wege zu jener Wohnung gelesen hatte. Ein sehr bemerkenswerter Fall6 mag die knappe Auswahl dieser Gruppe be- 1) XXI 186-91. 2) feeble with eagernesa. 3) Derselbe Text erschien übrigens mehr als ein Jahr spater, in Verbindung mit Mrs. Verrall, wiederum in Mrs. Hollands Schritt, und zwar ehe sie erfahren hatte, daß Ihm Irgendeine Bedeutung in bezug aut Myers zukam. 4) X X I 234-6. 5) X X I 187; Miss Johnson (das.215): 'Einige griechische Buchstaben sind erkennbar, aber keine vollständigen Worte.' 6) XXV 293 ff. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 183 schließen. - Am 17. Januar 1904 lieferte Mrs. Holland (in Indien) u. a. folgende Myers-Schrift: 'Wir wenigen, wir beglücktes Häuflein Brüder' [Shakespeare, Heinrich V., 4, Sz. 3] Lieber alter Freund,1 du hast so viel in den letzten 3 Jahren getan - ich habe Kenntnis eines großen Teils davon, aber mit seltsamen Lücken in meinem Wissen - wenn ich nur mit dir reden könnte - wenn ich dir nur helfen könnte mit einigem Rat - ich versuchte es mehr als einmal - gelangte es je zu dir? - es ist so viel zu lernen von dem Diamant-Insel-Experiment - wohlgesinnt, eiber sehr unwissend - unvermeidlicherweise gefärbt durch die Kanäle, durch die sie befördert werden - hilf mir - gewähre mir die Hilfe wenn noch nicht deines Glaubens, [so doch] deiner Teilnahme, empfang die Botschaft an euch alle, ich kann noch nicht völlig und' (hier endete die Schrift in unleserlichem Gekritzel). Diese Schrift blieb lange Allen unverständlich, auch nachdem Miss Johnson sie im Juni 1908 veröffentlicht hatte.2 Erst im November desselben Jahres äußerte Mrs. Holland gelegentlich eines Besuchs in England Miss Johnson gegenüber, die Worte über das 'Diamant-Insel-Experiment' müßten auf drahtlose Telegraphie anspielen, da sich auf der Insel dieses Namens (die sie in das Mündungsgebiet des Hugli, unweit Kalkutta, verlegte) eine drahtlose Sendeanlage befinde. Mrs. Verrall, die hiervon hörte, brachte darauf zuerst diesen Teil der Schrift in Beziehung zu Sir Oliver Lodge, dem großen Strahlenforscher, und erst danach begriff Miss Johnson, daß der größte Teil der Botschaft offenbar an diesen gerichtet war. Lodge erkannte nunmehr Inhalt und Ton der Schrift als passend an, konnte sich aber bei den Worten 'Diamant-Insel-Experiment' garnichts vorstellen. Da aber sein drahtloses System der Telegraphie zwischen Burma und den Andamanen in Betrieb war, zog er Erkundig^ungen ein (ohne die Insel zu nennen) und erfuhr von seinem Partner, Dr. Muirhead, die Endstationen dieser Anlage seien Port Blair auf den Andamanen und die Diamant-Insel in der Mündung des Irrawaddyin Burma. Diese geographischen Tatsachen sind Lodge nachweislich i. J. 1903 unter die Augen gekommen, haben aber keine 'bewußte Aufmerksamkeit' bei ihm erregt. Mrs. Holland wollte etwa um die Zeit der Schrift gewußt haben, daß mit dem Lodge-Muirhead-System in Indien Versuche angestellt würden, - ob vorher oder nachher, konnte sie nicht sagen, - doch hatte die Schrift selbst bei ihrem Erscheinen keinen verständlichen Sinn für sie gehabt. Immerhin waren in der indischen Presse Meldungen über die Versuche erschienen, die Mrs. Holland, rein zeitlich betrachtet, vor Lieferung ihrer Schrift gelesen haben konnte. Demgegenüber ist min aber folgendes bemerkenswert: Die Schrift kam, wie gesagt, am 17. Januar 1904, dem dritten Jahrestage von Mycrs' Tode, der zugleich der letzte Tag der dreijährigen Präsidentschaft Lodges in der S. P. R. war. Hierauf bezieht sich offenbar der Satz: 'Du hast so viel in den verflossenen drei Jahren getan'. Mrs. Holland kannte das Datum von Myers Tode 1) chapl 2) XXI 235. 184 Argumente aus formalen Verhaltnissen der Kundgebung sowie die Tatsache, daß Lodge i. J. 1903 Präsident der Gesellschaft gewesen war; sie wußte aber nicht, daß er dies Amt drei Jahre lang innegehabt und es unmittelbar nach Myers' Tode angetreten hatte; sie wußte gleichfalls nicht, daß Myers ein naher Freund Lodges gewesen war und daß deshalb der Ton herzlicher Vertrautheit' in der ganzen Schrift nach Miss Johnsons Urteil 'in besonderem Maße sinnvoll angemessen' war. Mrs. Holland hatte denn auch nie daran gedacht, daß die Botschaft an Lodge gerichtet sein könne. Am wenigsten aber wußte sie (was Lodge erst jetzt bekanntgab und was entscheidend ins Gewicht fällt), daß Myers zu Lebzeiten sehr lebhaft für Lodges Bemühungen um die drahtlose Telegraphie sich erwärmt hatte, daß diesem der Gedanke der 'Abstimmung' auf bestimmte Wellenlängen in Myers' Gesellschaft und auf dessen teilweise Anregung hin gekommen, sowie daß der Ausdruck 'Syntonie' für diese Gleichstimmung von Myers und dessen Bruder vorgeschlagen worden war. Die Schrift ist also in jeder Hinsicht äußerst kennzeichnend für die Beziehungen zwischen Myers und Lodge, von denen die Schreiberin so gut wie nichts wußte. Widmen wir demnächst einige Worte dem Forbes-Myers, so wäre zunächst auf die Rolle hinzuweisen, welche dieses des Griechischen völlig unkundige Medium in den schon oben berührten Ankündigungen einer Erwähnung von Piatons 'Gastmahl' in Myers' demnächst zu veröffentlichendem Werke 'Human Personality' gespielt hat. Es hatten nämlich ihre Schriften in Jener Zeit verschiedene Versuche enthalten, das Wort 'Diotima' hervorzubringen, welches und dessen Bedeutung ihr sicherlich unbekannt war. Aber auch das im Zusammenhang gleich wichtige Wort 'Eros' versuchte ihre Hand um jene Zeit 'durchzubekommen', und zwar nicht bloß in lateinischer Schrift. Nach zunächst mißlungenen Versuchen erschienen am 11. Jan. einzelne 'unverkennbare griechische Buchstaben: weperip %a, die als Teil eines unvollständigen Beweises bezeichnet wurden'. 'Mrs. Forbes (versichert Mrs. Verrall ausdrücklich) kennt das griechische Alphabet nicht und hat nie bewußt griechische Buchstaben geschrieben.'1 Liegt es nicht nahe, frage ich, in den vier ersten dieser Buchstaben das im 'Symposion' überragend wichtige Wort tpco; [eros] angestrebt zu sehen? In der Tat folgten am 2. März wieder Schriftzüge, welche Mr. Piddington als einen 'Versuch, Epcos Liebe' zu schreiben, deutet, und ein zweiter verworrener Schriftzug, den er als oepos liest Dabei ist klar, daß gerade die Undeutlichkeit dieser Federzüge dafür spricht, daß hier nicht optische Erinnerungen des Unterbewußtseins sich in Bewegungen äußern, sondern daß ein fernstehendes Wesen das ihm Geläufige durch einen ungeübten Organismus hindurch zur Darstellung zu bringen sucht - Einer der spiritistisch eindrucksvollsten Vorgänge bei Mrs. Forbes wird uns (offenbar aus Gründen persönlicher Rücksichtnahme) nur in Umrissen mitgeteilt - 'Am 23. März 1902 erhielt Mrs. Verrall von Mrs. Forbes einen Brief mit der Anfrage, ob ein gewisses Wort für sie Bedeutung habe. Sie erwiderte: ja, tiefe Bedeutung, falls es in einer bestimmten Verbindung käme. Tatsäch- 1) XX 246. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych.Forschung 185 lieh war diese Verbindung in der automatischen Forbes-Schrift gegeben, die zu der Anfrage geführt hatte. Diese Schrift enthielt zunächst nur den Namen [Myers], mit dem das fragliche Wort für Mrs. Verrall verknüpft war, und dann jenes Wort für sich. Darauf folgte eine wesentlich klarere und deutlichere Botschaft von Mrs. Forbes' Sohn Talbot: jene Kontrolle wünsche durch sie einen Beweis 'mit einer Freundin in Cambridge' zu versuchen. 'Schreib heute an Mrs. Verrall. Ein Wort wird genügen.' Worauf, groß geschrieben, nochmals das Wort folgte. 'Die Bedeutung jenes Wortes für mich, sagt Mrs. Verrall, konnte Mrs. Forbes nicht kennen.'1 Wenden wir uns schließlich den Selbstbekundungen des Kk.-'Myers' durch Mrs. Piper zu, so eröffnen wir damit einen besonders wichtigen Teil unsrer Nachweisungen; denn wie gezeigt, beruht die Kraft von Myers' Selbstidentifizierung größtenteils auf dem ungewöhnlichen Umfang der literarischen Bildung des Lebenden, während von allen Medien, durch die er sich zu äußern vorgab, Mrs. Piper unstreitig das bildungsmäßig am dürftigsten ausgestattete war. Dementsprechend aber wächst natürlich die Gewißheit, womit der normale Ursprung der fraglichen Piperschen Äußerungen sich ausschließen läßt Ich werde mich darum hier auf Beispiele beschränken, deren Beweiskraft eben auf Mrs. Pipers mangelhafter Bildung beruht. Gerade in dieser Richtung aber ist nicht wenig mit ihr experimentiert worden. Eine Reihe solcher Versuche wurde z. B. von Mr. G. B. Dorr im Frühling 1908 unternommen. Er stellte während des Transzustandes Fragen klassisch-literarischen Inhalts, die geeignet waren, Erinnerungen des angeblichen Myers wachzurufen, während sie fast immer erweislich über den Bildungsbestand des Mediums hinausführten. Schwieriger war es, das Wissen des Versuchsleiters als übernormale Quelle des Geäußerten auszuschließen. Mr. Dorr glaubte zwar nach langer Beobachtung der Mrs. Piper 'ziemlich starke Gründe' für die Überzeugung zu haben, daß ein Lesen seiner Gedanken so gut wie niemals stattfand;1 wir erfahren aber diese Gründe nicht im einzelnen. In gewissen Fällen kommt aber auch Mr. Dorrs telepathische Beihilfe wesentlich in Fortfall, und nur von diesen will ich drei hier anführen. Am 17. März las Mr. Dorr dem Piper-Myers die Drydensche Ubersetzung der Anfangszeilen des 1. Buchs von Virgils Aeneis vor, die sehr genau mit dem Original abereinstimmt. Nach Verlesung der vier ersten Zeilen bemerkte 'Myers': 'Flotte hinter einer Insel, - Krieger im Roß. Pfeil in Ferse.' Von diesen drei Aussagen scheint die mittlere eine Antwort zu sein auf eine zuvor gestellte Frage: welche Verknüpfung bestehe zwischen dem Hölzernen Pferd und Troja. Die letzte, auf den Tod des Achilles anspielende, dürfte, gleich 1) XX 230. - Wir gehen gewlB nicht fehl, wenn wir hinter Jener 'Kontrolle' - Myer" vermuten. 2) XXIV 42 Anm. 186 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung der zweiten, im Bereich des Wissens auch von Personen ohne klassische Bildung liegen. Aber von der ersten gilt das wohl nicht. Die Worte Hotte hinter einer Insel' erinnern an die Kriegslist, welche die Trojaner glauben machen sollte, daß die Griechen abgesegelt seien: ihre Flotte wurde hinter der Insel Tenedos versteckt, und das berühmte hölzerne Pferd enthielt in seinem Bauch die einzigen von ihnen zurückgelassenen Krieger. Der Abschnitt der Aeneis, der mit den Worten beginnt: est in conspectu Tenedos, notissima fama insula, folgt im 2. Buch der Aeneis unmittelbar auf die Beschreibung des hölzernen Pferdes. Diese Anspielung auf Tenedos wurde zur Zeit des Trans von Mr. Dorr nicht bemerkt, sondern 'nach Durchforschung seines Gedächtnisses' völlig falsch gedeutet, nämlich auf des Aeneas Schiffe, als dieser an den Hof der Dido ging. - Darüber hinaus aber ist die unmittelbare Verknüpfung der Anspielung auf den Tod des Achilles durch den Schuß in die Ferse mit der Anspielung auf die (nicht genannte) Insel Tenedos merkwürdig. Der Pfeil des Paris, der Achilles fällte, wurde nämlich von Apoll gelenkt; Apollo Smintheus aber war der Gott der Insel Tenedos, und auf diese Tatsache enthält das klassische Schrifttum nur seltene und den Meisten unbekannte Hinweise; ja in allen erhaltenen Beschreibungen des Trojanischen Krieges kommt sein Name nur zweimal vor.1 Diese Zusammenhänge anzudeuten oder zu entdecken, war also nur ein beträchtlicher Kenner des klassischen Schrifttums befähigt. 'Viele, die ihren Homer und Virgil gut kennen (urteilt Mrs. Verrall, selbst Professorin der klassischen Literatur), könnten die scheinbar zusammenhanglosen Äußerungen der Transpersönlichkeit am 17. März lesen, ohne eine Verknüpfung zwischen den beiden Wendungen Tlotte hinter einer Insel - Krieger im Roß' und 'Pfeil in Ferse' zu bemerken.'2 Am 27. März wurden dem Piper-Myers die Zeilen 13-16 aus Drydens Übersetzung desselben Aeneis-Buchs vorgelesen, die der 8.-11. Zeile des Originals von 'Musa, mihi causas memora' bis 'tot adire labores impulerit' entsprechen. Die unmittelbar folgenden Worte sind: tantaene animis coelestibus irae? Die Myers-Persönlichkeit nun, nachdem sie die Drydensche Übersetzung der obigen Zeilen angehört hatte, sagte sofort: 7s there such anger in celestial tnindsl' - 'Ist solcher Zorn in Seelen Himmlischer', und fügte hinzu: 'Ein Held berühmt durch Frömmigkeit - muß leiden und sich plagen'; d. h. die Transpersönlichkeit äußerte eine völlig richtige und zugleich durchaus selbständige, mit keiner veröffentlichten übereinstimmende Übersetzung der unmittelbaren Fortsetzung des Drydenschen Virgil-Textes, und fügte eine ebenso treffende und neuartige Übersetzung aus dem zuvor verlesenen Originalabschnitt hinzu: 'insignem pietate virum, volvere casus' und 'adire labores'.3 Das dritte Beispiel stellt ein Bruchstück dar aus einem sehr bedeutenden und verwickelten Zusammenhang von Äußerungen der Myers-Persönlichkeit. Im Rahmen des unter Kennern berühmten autos ouranos afcymon-Falles 1) lila" I 38, und Ovid, Metamorph. X I I 580. 2) XXIV 73-6. Vgl. X X I V 46 ff. 3) X X I V 76 f. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych.Forschung 187 nämlich gab Hector' in Mrs. P i p e r s Trans vom 30. April 1907 die Worte Homers Dias' und 'Sokrates' (das erstere nur vor Miss Johnson) ausdrücklich als einen Teil der Antwort auf die Frage nach der Bedeutung, welche jene griechischen Worte für Myers hatten. Dies schien selbst der gelehrten Mrs. Verrall "barer Unsinn' zu sein; aber Nachforschung, angeregt durch unbestimmte Erinnerung, offenbarte ihr die Tatsache, daß im 2. Bande von Myers' 'Human Personality', nahe der Erwähnung der Vision des Plotinos (wo auch die Übersetzung der Worte autos ouranos akymon vorkommt), eine A n s p i e l u n g sich findet auf die berühmte Vision des Sokrates, in welcher das 'schöne weißgewandete' Weib von Phthia ihn mit einer Zeile der I l i a s anredete; außerdem ist dem 'Epilog' des Myersschen Buches ein g r i e c h i - sches Zitat aus Piatons 'Kriton' vorgesetzt, das sich auf die Geschichte von Sokrates' Vision bezieht. Aber in beiden Fällen wird weder die I l i a s noch i h r D i c h t e r , Homer, erwähnt. Also konnte niemand, der nicht griechisch gebildet war (also auch nicht Mrs. Piper), aus diesen Stellen von 'Human Personality' irgendeine Verknüpfung zwischen der Vision des S o k r a t e s und der I l i a s ersehen, selbst wenn er die betreffenden Seiten von Myers' Buch genügend kannte, um durch die Anspielung auf die 'Vision' des Plotinos an die 'Vision' des Sokrates erinnert zu werden.1 Das letzte hier vorzulegende Beispiel8 aus den klassischen Selbstbekundungen der Myers-Persönlichkeit hat seltsame Bedeutung über die Äußerung persönlichen Wissens hinaus: es verweist nämlich zugleich auf die mehrfach berührte Tatsache einer Anteilnahme Abgeschiedener am bevorstehenden Tode Lebender. Während einer Sitzung, welche Miss Robbins am 8. Aug. 1915 mit Mrs. Piper hatte, äußerte H. Hodgson' ganz unerwartet folgendes: 'Nun, Lodge, . . . wir sind genügend anwesend, um Botschaften entgegenzunehmen und zu übergeben. Myers sagt, Sie spielen die Rolle des Dichters und er will sich als Faunus betätigen.' - Taunus'? fragte völlig verständnislos Miss Robbins. - 'Ja (erwiderte Hodgson'), Myers. In Schutz nehmen. Er [offenbar Lodge] wird verstehn. Was sagen Sie dazu, Lodge? Gute Leistung. Fragen Sie [Mrs.] Verrall, sie wird gleichfalls verstehn. Arthur [Dr. Verrall] sagt dies. Das verwirrt Sie, aber Myers weiß genau, was er mit 'Dichter und Faunus' sagen will.'3 Als Prof. Lodge (in Schottland) die Mitteilung von dieser Kundgebung erhielt, wandte er sich an Mrs. Verrall und 'mehrere andre gelehrte Altphilologen', und alle bezogen die Worte 'Dichter und Faunus' ohne Zögern auf die 17. Ode im 2. Buch des Horaz, wo der Dichter von einem fallenden Baumstamm spricht, der ihn fast erschlagen habe, und seine Errettung dem Faunus zuschreibt, den er ausdrücklich als den 'Beschützer der Dichter'1 bezeichnet Lodge schloß hieraus, daß irgendein Schlag ihm bevorstehe, bei welchem ihm Myers seinen Schutz zu gewähren beabsichtige. 1) Das Wort 'Viston' kommt nur diese beiden Male in den zwei letzten Kapiteln von 'Human Personality' vor. XXII 1321. 2) Lodge, Raymond 55 ff. 3) U s t r a f t about Poet and Faunus. 4) mercurialium custos virorum. 188 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Am 6. Sept. 1915 empfing er die Nachricht von den Äußerungen des Piper- Myers; am 14. fiel sein Sohn Raymond bei Ypern; am 17. lief die Mitteilung des Kriegsministeriums bei ihm ein. Nunmehr verwies ihn der gelehrte Rev. Bayfield darauf, daß, streng genommen, Horaz in jener Ode behaupte, Faunus habe den lebensgefährlichen Schlag mit seiner Rechten nur 'gemildert* (nicht 'abgewandf I).1 Dies aber würde in der Tat der Rolle entsprechen, welche 'Myers' bei 'Raymonds' bald einsetzenden Kundgebungen spielte: denn sowohl Mrs. Leonards Feda als auch Vout Peters' Kontrolle gaben unmißverständlich an, daß 'Myers' dem jungen Lodge dabei behilflich sei,2 und natürlich 'milderte' der Umgang mit dem verstorbenen Sohne den Schmerz des Vaters. Es versteht sich von selbst, daß Mrs. Piper von Faunus und seiner Rolle keine Ahnung hatte, und der überraschende Einbruch dieser für Myers höchst bezeichnenden Kundgebung - dazu in eigenartig pluralistischen Formen - während der Sitzung einer gänzlich Unbeteiligten erhöht noch sehr bedeutend die spiritistische Natürlichkeit des Vorgangs. An diesen kurzen Proben der Selbstidentifizierung de9 Myers der Kk.en muß ich mir hier genügen lassen. Mit großem Bedauern mache ich der Geduld des Lesers dieses Zugeständnis; denn gerade diejenigen Bekundungen großer klassischer Gelehrsamkeit auf seiten 'Myers', die ohne weitausholende Darstellung gar nicht verständlich zu machen wären, gehören zu den eindrucksstärksten dieser Persönlichkeit. In dem berühmt gewordenen Tethe'-Fall5 erblickte selbst Mrs. Sidgwicks unüberbietbare Vorsicht des Urteils eine unverkennbare Annäherung an den spiritistischen Beweis,1 und auch die gleichbekannte 'Frage bez. der Ode des Horaz'5 förderte Antworten zutage, deren Herkunft von dem überlebenden Myers sich überwältigend aufdrängt. Wer die weitverstreuten und nie zusammengestellten Myers-Kundgebungen im ganzen überblickt, wird fraglos zugeben, daß soweit ein Identitätsbeweis durch selektive Äußerung dem Verstorbenen eigentümlicher, dem Medium völlig fremder Wissensinhalte überhaupt geführt werden kann, der 'Myers' der Kk.en ihn überreichlich geführt hat.6 Ähnliches wenigstens gilt aber auch von den übrigen angeblichen Leitern dieser großen Unternehmung;7 doch will ich auch hierauf aus Rücksicht auf den Raum nicht eingehen. Die Tatsache der unabhängigen Selbstidentifizierung der Leiter ist 1) me tnmeus Olapnu cerebro nutulerat, nisi Faunus letum dextra levasset. 2) a.a. O. 02f.66. 3) XXIV 86-144; XXV120 ff. 4) XXVI 399; vgl. 386 f. 5) XXII 397 ff.; XXIV ISO ff.; XXVI 174-244. Vgl. meine Darstellung ZmpF 1930 287 ff. 6) Über getflhlimflBlg-charalrterflch" Natürlichkeit der Myers-Persönlichkelt vgl. Miss Johnson: XXI 3301. 7) Vgl. betr. 'H. Sldgwiek' z. B. XX 276 ff.; 'Dr. Verrall': XXVI 221 ff. 344 II.; 'Dr. Hodgwn': XXI 30311.; 'Guraey': XXIII 140 ff. Experimentelle Entsprechungen der Ges. f.psych. Forschung 189 aber nicht das einzige 'neu hinzutretende Indizium', geeignet (wie ich oben sagte), die im Gleichgewicht schwebende Wage der Theorie zum Kippen zu bringen. Es kommt hinzu, daß die Äußerungen sowohl der Myers- als auch der sie umgebenden Persönlichkeiten überreich sind an jenen Einzelheiten pluralistischer Natürlichkeit, von denen als einem der wichtigsten spiritistischen Argumente ich oben ausführlich gehandelt habe. Ich will auch hier auf Einzelnachweise nicht eingehn, die uns nichts wesentlich Neues liefern würden; wohl aber bemerken, daß dies Pluralitätsspiel auch bei den Medien sich findet, die unter jeder Voraussetzung als jeweils sekundäre Beteiligte anzusehen wären. Warum, muß man fragen, diese ausgesprochen 'spiritoiden' Abläufe bei Personen, deren Rolle, nach animistischer Auffassung, doch nur im Äußern telepathisch zugeteilter Vorstellungen bestände? Die Rolle aller dieser 'Hilfs- und Nebenargumente' innerhalb unsrer Theorie der Kk.en wird jetzt im Rückblick dem Leser klar sein. Die Durchforschung ihrer 'Regie' ließ keinen Zweifel daran bestehen, daß Kk.en die Leistung einer planenden Intelligenz bzw. planender Intelligenzen mit dem vollen Wissen um den Sinn der Versuche sind. Diese Intelligenzen bezeichneten sich selbst als bestimmte Verstorbene. Hiergegen machte der Animist geltend, daß die gesamte Leistung auch von den 'Unterbewußtseinen' eines oder mehrerer der beteiligten Medien aufgebracht werden könne, die nur die Maske Abgeschiedener trügen; und in seiner abstrakten Form erschien dieser Einwand unwiderlegbar; wennschon zu betonen war, daß die behauptete Leistung alle bisher beobachteten Fähigkeiten des Unterbewußtseins weit übersteige. Erst als wir diese abstrakte Aufstellung von Denkbarkeiten überschritten, begann das Blatt sich zu wenden. Gerade die aussichtsreichste Form der animistischen Deutung, die 'Verrall-Theorie', brach bei genauer Prüfung der Vorgänge zusammen, und für andere Formen waren stichhaltige Gründe ebensowenig zu finden. Dazu kam aber noch, daß die angeblichen 'Leiter' in überreichlichem Maße - auch außerhalb der eigentlichen Kk.-Abläufe - sich durch die Kundgebung persönlichsten Wissens identifizierten und die bedeutsamen Formen des Pluralitätsspiels entfalteten. Die Anhäufung dieser Indizien verwandelt die abstrakte Unwahrscheinlichkeit einer animistischen Deutung vollends in Unglaublichkeit. Freilich beruht diese Steigerung des Beweises nicht auf Argumenten, die aus dem eigentlichen Kernvorgang von Kk.en abgeleitet werden, und insofern mag man sagen, daß die klassischen Kk.en an sich nicht jenen durchschlagenden spiritistischen Beweis geliefert haben, den der logische Wichtigtuer überall fordern zu dürfen glaubt. Aber in ihrer lebendigen Ganzheit betrachtet, er 190 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung geben sie doch ein Gewebe von Argumenten, dessen Kraft mit der Vertiefung in Einzelheiten ständig wächst. Die logische Lage läßt sich also etwa so zusammenfassen: Persönlichkeiten, die sich inhaltlich und formal als unabhängige bestimmte Verstorbene darstellen, bringen anscheinend außerdem noch eine höchst verwickelte Leistung zustande, wie sie nur von denkenden Wesen aufgebracht werden kann und in keiner bisherigen Beobachtung unterbewußten Tuns ein Seitenstück findet. Es ist das Ineinander dieser Sachverhalte, was ihre Hinweise im einzelnen nachgerade zur Eindeutigkeit des Beweises erhebt.1 4. Argumente aus der technischen Sonderung der Kommunikatoren Die langausgesponnene Untersuchung der einfachsten wie der verwickeltsten Formen von Entsprechungen diente, ebenso wie die vorausgegangene Erörterung formaler Eigentümlichkeiten des Transdramas, im Grunde dem Nachweise, daß an Kundgebungen außer dem Medium (und seinem unterbewußten Seelenleben) noch weitere selbständige Persönlichkeiten beteiligt seien, deren Kern also nicht ins Medium verlegt werden kann. Der gleiche Nachweis läßt sich aber noch auf anderm Wege führen: durch eine Analyse des Transdramas in technischer Hinsicht. Der Ablauf der Kundgebung ist nämlich nicht immer ein 'glatter' und reibungsloser, wie schon manche Beispiele der bisherigen Kapitel erkennen ließen: er erweist sich vielmehr als eine Leistung, die nicht nur einem persönlichen Willen, sondern auch einer Anstrengung verdankt wird; eine Leistung, die eine wechselnde Fähigkeit oder gar 'Geschicklichkeit' auf seiten der Kommunikatoren und Kontrollen voraussetzt; die auf Schwierigkeiten stößt, deren Überwindung nicht immer im gleichen Maße gelingt. Schon die früher besprochene Tatsache des häufigen Nicht- oder Mißverstehens der Mitteilung durch die Kontrolle beweist ja, daß unter Umständen sich 'technische' Schranken zwischen den Transpersonen auftun. Das häufige nur bruchstückweise Durchkommen' von Gesprächen, die vielfach belegten Klagen unsichtbarer Versuchsleiter über Hemmungen, ihr Wunsch nach 'Stillehalten' des Mediums, das seltsam mühsame Sichherantasten der Kontrolle an manche Inhalte, vor allem Namen - dies und andres, was schon in früheren Zusammenhängen erwähnt werden mußte, rückt uns das Transgeschehen unter einen neuen Gesichtspunkt, 1) E i lohnt sich, darauf aufmerksam zu machen, daß auch eine der an sich am stärksten Identifizierten' Kommunikatorinnen, 'A. V. B.\ sich In Kk.en versucht hat. Vgl. z. B. X X X 328 <1.; XXXI 315 f. Technische Sonderung der Kommunikatoren 191 der schon auf den ersten Blick nicht geringen Ertrag für unser Problem verspricht; denn auch diese technische Betrachtung verspricht uns Hinweise auf eine wirkliche Mehrheit der Teilnehmer am Drama, indem diese Einzelnen hinsichtlich ihrer Befähigung zur wirksamen Beteiligung überhaupt sich sondern und somit auseinanderfallen. Ein erster Hinweis hierauf scheint mir in der nicht seltenen Bitte der Kontrolle an den Kommunikator um Mäßigung des Zeitmaßes zu liegen. 'Sprechen Sie nicht so schnell', sagt z. B. Feda gelegentlich, 'Mrs. Twonnie (oder wer sonst die Sitzerin sein mag) hat das noch nicht niedergeschrieben.' 1 - Oder: 'Warten Sie einen Augenblick, ich will es ihr sagen,' - nämlich wieder der Sitzerin.2 - Und das ist nicht etwa ein Sondertrick Fedas, durch den sie 'Dramatik' vortäuscht. Auch Mrs. Soule wirft mitten im Schreiben - einem Schreiben von höchster Wahrheit des Inhalts - ein aufhaltendes 'Einen Augenblick!' dazwischen, oder ein gemurmeltes 'Warten Sie ein wenig!' - wobei die getadelte Hast mitunter sogar zu einem 'Fahrenlassen' des Mediums durch den Kommunikator zu führen scheint,3 um welcher Gefahr willen dann die Kontrolle wohl auch den Kommunikator ermahnt: er solle 'nicht zu angestrengt denken',4 also doch wohl: sich mäßigen, um die Mitteilungen nicht durch überstürztes Zeitmaß zu schädigen. Wir finden hier den natürlichen und ungespielten Ausdruck der Tatsache, daß das Zeitmaß der Mitteilung von der Kontrolle, also mindestens vom Medium, wirklich unabhängig ist. Dann aber kann die Bestimmung dieses Zeitmaßes offenbar nur demjenigen zugeschrieben werden, von dem die Mitteilung auszugehen vorgibt, der sich damit als unabhängiges Subjekt erweist. Noch weitergehende Voraussetzungen fordert ein Zwischenspiel, das sich in Mrs. Verralls automatischer Schrift vom 25. Nov. 1904 findet: 'Warum wollen Sie das nicht aufsuchen? Sagen Sie ihnen das. Lange haben sie gewartet, wir wissen nicht warum - können aber nichts mehr tun. Berühren Sie sie nicht - lassen Sie sie allein machen. Die Berührung verwirrt.'' Es ist klar, daß die letzten drei Sätze nicht an die Schreibende gerichtet sind, sondern eine Unterredung darstellen zwischen zwei an der Mitteilung Beteiligten, also zum mindesten zwischen einer Kontrolle und einem Kommunikator. Von diesen beiden wünscht oder sucht A ein andres technisches Verfahren der Kundgebung anzuwenden, als B - auf Grund besserer Einsicht in die Bedingungen - für angezeigt hält, 1) XXX 346. 2) Alllson 107; vgl. 105. 3) a. a. O. 228 o. 309 u. 347 ('helet go'I). 4) not to thlnk too hard: a. a. O. 317. Vgl. XXXVI 196 u. (too quick); XXVII 124 (write "lowly for bim to repeat agaln); XXIX 208 (somebody sald: give her time, give her tlme). 5) XX 70. 192 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung sodaß dieser seinem Mitarbeiter gewissermaßen in den Arm fällt: nicht •berühren'! - was das auch heißen mag. - Dasselbe Medium erhielt im Sommer 1901 mehrfach Mitteilungen Aber ein Theaterstück, das es wenn möglich identifizieren sollte: das Stück sollte als sehr alte Handschrift existieren und irgendwie mit Kindern zusammenhängen. Der Kommunikator wurde nicht genannt, aber deutlich, wenn auch mittelbar, als Prof. Sidgwick bezeichnet. Da das Schriftstück behauptete, 'sie' würde näheres wissen, so wandte sich Mrs. Verrall an Mrs. Sidgwick und erfuhr, daß diese vor kurzem beim Ordnen von Papieren ein handgeschriebenes Theaterstück aufgefunden hatte, das der gelieferten Beschreibung ziemlich entsprach. Es war i. J. 1856 von einigen Kindern geschrieben worden, deren eines die Schwester eines Freundes des verstorbenen Sidgwick war, der die Handschrift beim Tode dieses Freundes geerbt hatte. Bei" einer jener Mitteilungen nun (vom 30. Juni 1901) gingen Äußerungen voraus und folgten ihr, aus densn zu entnehmen war, daß der Kommunikator (Sidgwick) von Edmund Gurney (dem verstorbenen Forscher, der sich ja häufig durch Mrs. Verrall äußerte) eingeführt und gefolgt worden war. Die Worte lauteten: 'Gurney. Er [Sidgwick] kann nicht sprechen - wird ein Wort schreiben - warten Sie'; sodann: 'Er hat getan, was er kann. Dies ist [nun] etwas anderes. EGy [= Edmund Gurney].'1 Das technische Versagen des einen der als anwesend Dargestellten wird hier zwar nur von dem andern behauptet (der sich zugleich als der technisch Überlegne erweist), aber - im ganzen Zusammenhang - in einer so natürlich anmutenden Weise, daß man an die Wahrheit der Darstellung glauben möchte. Der folgende Vorgang belegt sehr deutlich die verschieden entwickelte Fähigkeit oder Geschicklichkeit zweier Kontrollen, eine gewisse Mitteilung aus einem Kommunikator 'herauszukriegen'. Es hatte sich u.a. darum gehandelt, den Namen ('Margaret') der zweiten Frau des verstorbenen Robert Hyslop (Vaters des Prof. H.) genannt zu bekommen, was unter 'Rectors' Leitung nur annäherungsweise und zweideutig gelingen wollte. Dr. Hodgson, der Sitzungsleiter, betonte die herrschende Verwirrung und den Wunsch nach jenem Namen, der noch niemals richtig geliefert worden sei; während 'Rector' einwandte, es ginge doch vor allem um ganz andre Dinge, man solle ihn mit dem Namen in Ruhe lassen, - und sich völlig verständnislos aus der Sache zurückzuziehen suchte. Alsbald trat "George Pelham' auf, dem der Wunsch wiederholt wurde und der in seltsam scharfer Weise fragte: warum man denn nicht deutlich erkläre, daß man den Namen der Stiefmutter wünsche, - anstatt Rector zu verwirren. "Wenn sie einen Namen hat, sollen Sie ihn erhalten, verstehn Sie mich?' Er wisse wohl, wie man auch ihn in Verwirrung gebracht habe, und wünsche nicht länger dergleichen zu dulden; er werde dem Kommuni- 1) X X 306. 270. 416. Technische Sonderung der Kommunikatoren 193 kator behilflich sein, der ihm dann schon alles von A bis Z sagen werde. 'Ich sehe ihn jetzt, und er versucht, etwas zu sagen.' Nachdem dann u.a. 'Hyslop sen.' noch selbst sich geäußert, trat am Schluß der Sitzung plötzlich 'Pelham' auf und schrieb: 'Ich will einen Augenblick sprechen und sagen, daß ich keinerlei Grund sehe, sich wegen Margaret zu sorgen.., Er [Hyslop sen.] sagte: Ich denke, ich sage es Ihnen am besten gleich, um es los zu sein, sonst könnte James denken, ich wisse [den Namen] nicht; wirklich. Gehn Sie und sagen ihm das in meinem Namen. Siehst du [fuhr dann Pelham im eigenen Namen fort], ich bekam es von ihm für dich heraus, Hodgson, aber du brauchst darüber nicht nervös zu werden, mein Junge.'1 Wird man diesen Vorgang für einmalig und somit zufällig halten wollen? Demgegenüber wäre zu betonen, daß diese Überlegenheit in der Gewinnung von Namen gerade für 'Pelham' überhaupt bezeichnend gewesen ist. Als es sich z.B. für Hyslop sen.' darum gehandelt hatte, den Namen von Prof. Hyslops Vetter Robert McClellan zu nennen, war man, offenbar unter Hectors' Aufsicht, über 'Allen, McCollem, McAllen' nicht hinausgekommen. Auch bei andrer Gelegenheit, als dieser Vetter selbst sich kundzugeben vorgab, suchte Rector dessen Namen zu nennen, gelangte aber wieder nur bis 'McAllen'. Da mischte sich unversehens 'George Pelham' ein, der schon vorher - auf 'Imperators' Wunsch - seine Gegenwart bekundet hatte, und schrieb: 'Es klingt wie McLellen, George Pelham', und der Vetter erkannte die Richtigkeit an mit den Worten: 'Jawohl, ich bin es.'2 Schon Prof. Hyslop, der die Allgemeingültigkeit dieser Beobachtung ausdrücklich unterstrich, ja auf die Mitteilung 'abgelegener' Dinge überhaupt ausdehnte, hob ihre Unverträglichkeit mit der 'telepathischen Hypothese' hervor, in deren Rahmen doch Pelham so gut wie Rector nur eine 'zweite Persönlichkeit der Mrs. Piper' wäre. 'Wir können uns denken, daß sie sich voneinander unterscheiden in der allgemeinen Befähigung, oder daß sie durchweg verschieden erscheinen; aber keine Art von telepathischer Hypothese läßt uns natürlicherweise erwarten, daß sie bloß in einer Gattung von Leistungen sich voneinander sondern werden.'3 Von Feda hören wir gelegentlich seltsame Worte, die eine ähnliche 'Hilfsleistung' eines 'geschickteren' Kommunikators - zwar nur behaupten, aber ohne daß wir für Fedas Behauptung einen Grund ersinnen könnten, außer eben ihrer wirklichen Beobachtung des entsprechenden Vorgangs in ihrer Welt Mrs. Allison hatte, wie wir schon sahen, in einigen ihrer Leonard-Sitzungen außer ihrem Gatten auch noch 'Prof. Hyslop' vor sich. 'Er redet eine 1) XVI 482-86. 2) Hyslop, Science 277; vgl. 278. 3) a.a. 0. 265. Mattiesen, Das persönliche Überleben II 13 194 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Menge diesmal', behauptete Feda von ersterem (am 11. Juni 1924), 'aber er sagt, er habe Beistand leisten müssen; obwohl der ältere Herr [d. i. Hyslop] eine Masse mitgeteilt hat, hat doch Ihr Gentleman ['Dr. Allison'] sehr viel geholfen. Ich hätte nicht an den älteren Herrn herankommen können ohne Ihren Gentleman.'1 - Und Mrs. Soules Kontrolle 'Sunbeam' gibt gelegentlich sogar einen Grund für solche Überlegenheit an, der uns zu denken geben sollte: 'Er besaß eine Kenntnis von metapsychischen Dingen. Darum ist es ihm so natürlich, dergleichen anzufassen.' (Dr. Allison hatte sich zu Lebzeiten viel mit "psychischen Phänomenen' beschäftigt.)2 Ein Beispiel technischer Sonderung von Personen des Transdramas liefern auch die wertvollen Versuche Dr. Princes und seiner Pflegetochter mit Mrs. Soule. Die Sitzung vom 28. Juli 1928 brachte zunächst - auf zwei Seiten der Niederschrift - nichts erkennbar Belangreiches. 'Aber von dem Augenblick ab, da der angebliche Kommunikator wechselte, kamen die richtigen Aussagen in dichter Folge. - Ich verstehe nicht, bemerkt Dr. Prince dazu, warum die telepathische Fähigkeit [des Mediums] gehemmt sein sollte, so lange ein Kommunikator die Bühne einzunehmen vorgibt, dagegen ungehindert arbeiten, wenn ein andrer aufzutreten behauptet.' Gleichzeitig übrigens verändert sich auch die Art des Schreibens (!): es 'wird jetzt sehr langsam und erweckt den Anschein, als würde es dem Medium beschwerlich, zu schreiben: 'Darf ich versuchen Darf ich versuchen (lange Pause) Du antwortest nicht [Ja.] Mein Lieber ich will kommen Ich bin (Gekritzel, Pause) Ich bin Mutter Mutter Mutter (usw.)'3 Alle erfahrenen Sitzer haben diese 'persönliche Gleichung' der Kommunikatoren hinsichtlich der Befähigung zur Kundgebung festgestellt und ihre Unverträglichkeit mit einer rein animistischen Deutung der Transleistung erkannt 'Einige Kommunikatoren sind klar', faßt Hyslop seine Beobachtungen zusammen, 'und andre nicht. Das heißt: einige Kommunikatoren erscheinen zu guten Botschaften befähigt, während andre entweder überhaupt keine beweisenden Einzelheiten übermitteln können, oder doch nur in sehr verworrener Form. Dergleichen von Geistern zu erwarten, wäre sehr natürlich; aber ein telepathischer Vorgang dürfte es nicht vortäuschen. Die Erinnerungen von Sitzern oder andern lebenden Personen haben offenbar nichts an sich, was die bezüglich einer Person erinnerten Einzelheiten leicht zugänglich, die eine andre betreffenden aber unzugänglich machen könnte. So erhielt ich z.B. so gut wie nichts betr. meiner Mutter, außer ihrem Namen, und selbst dieser wurde von einer Andern und nicht von 1) Allison 94 u. 2) Das. 13 (that's why he takes to 1t so naturally). - Im Gegensatz hierzu hat Dr. Hodgson die Unfähigkeit einer ganzen Gruppe von Kommunikatoren zu klaren Kundgebungen (trotz deutlichster Erinnerungen Lebender an sie) darauf zurückzufahren gesucht, daß sie alle Selbstmörder waren (XIII 375 f.). 3) Allison 215. Technische Sonderung der Kommunikatoren 195 ihr selbst geliefert! Mein Onkel James McClellan war ein sehr klarer Kommunikator in den meisten Einzelheiten, und sein Sohn versagte fast völlig, obgleich ich sehr viel mehr von ihm erinnerte, als von seinem Vater. Ein andrer Onkel war während zweier Jahre sehr verworren, danach aber viel klarer, während mein Vater mit der Zeit verwirrter wurde. Ich sehe aber keinerlei Grund, weshalb der Zeitverlauf die Mitteilungen-durch-Telepathie bez. e i n e r Person mehr beeinflussen sollte, als die betreffs einer andern . . . ' 1 Hier mag übrigens anschließend eine verwandte Form der Sonderung erwähnt werden, die zwischen der uns bekannten Leonard-Kommunikatorin A. V. B. und der Kontrolle Feda beobachtet worden ist. Es gab eine Zeit, wo man eine d i r e k t e Frage nur mit großer Vorsicht an letztere richten durfte, wollte man den Strom der Beweislieferung nicht empfindlich stören oder versiegen lassen: man mußte den rechten Augenblick abpassen und durch Ton oder Fassung der Frage empfinden lassen, daß eine Antwort durchaus nicht wichtig sei; - gerade dann erfolgte sie am ehesten (die bekannte 'Konträrsuggestion' des 'Muß'!). Nachdem nun aber mit der Zeit diese Vorsicht längst überflüssig geworden war, sodaß man Fragen in die Unterhaltung mit Feda ebenso harmlos einflechten konnte, wie in die mit einem beliebigen Lebenden, bestand die gleiche Gefahr bei 'A. V. B.', sooft sie unmittelbar kontrollierte, noch d u r c h a u s fort. 'Eine direkte Frage schlägt sie meist buchstäblich mit Stummheit', schreibt Lady Troubridge, ' . . . und läßt den Faden der freiwilligen Angaben abreißen.'3 Wir dürfen dabei nicht vergessen, daß A. V. B. eine der denkbar ergiebigsten Kommunikatorinnen überhaupt war. Die einzige Deutung kann also sein, daß ihr Einrücken in die direktere Kontrolle (anstatt der Kundgebung durch Feda) sie der Gefahr einer 'Verbiesterung' durch überraschende Fragen aussetzte, welcher Feda in der gleichen Lage nicht mehr unterworfen war. - Die technische Sonderung der Transpersönlichkeiten äußert sich aber nicht nur in ihrer wechselnden Befähigung zur Kundgebung überhaupt, sondern auch hinsichtlich der von ihnen bevorzugten Methoden der Kundgebung. Bedeutsame Behauptungen in dieser Hinsicht, die überdies durch Selbstbeobachtungen des Mediums bestätigt werden, enthält die automatische Schrift der Mrs. Holland vom 12. Jan. 1904. Da sie zu lang für ungekürzte Wiedergabe ist, beschränke ich mich auf eine Beschreibung ihres Verlaufs unter Heraushebung der hier für uns wichtigen Bestandteile. Sie wurde eingeleitet von der Gurney-Kontrolle mit der Ankündigung, daß heute 'etwas anderes' versucht werden solle: des Mediums Hand würde 1) Hyslop, Science 262. Vgl. auch JSPR XX 396 u. über 'Col. Barker' und Thomas. Life 117. 2) XXXIV 307. Auch dies besserte sich allmählich. 13" 196 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung in Ruhe gelassen werden; statt dessen solle sie, soviel sie erfassen könne, von einer Botschaft niederschreiben, die nur ihrem Gehirn übermittelt werden würde. 'Ich glaube (hieß es), das wird für F[red. Myers] leichter sein. Schreiben Sie nieder, was Ihnen in den Sinn gelegt wird - werfen Sie es sozusagen aufs Papier - das wird genügen - Feder.' Es folgen nun längere, dem Sinne nach von Frederic Myers ausgehende, aber in Mrs. Hollands eigener Handschrift aufgezeichnete Gedanken über Grade des Wissens der Abgeschiedenen - bemerkenswert und glaubhaft an sich -, die indessen durch große Unruhe des Mediums unterbrochen werden, welches aufsteht und mehrere Zimmer durchschreitet. Als es die Feder wieder aufnimmt, schreibt Myers: 'Versuchen Sie, Ihre Aufmerksamkeit zusammenzureißen - Sie machen diesen Versuch nicht ehrlich. - Ich habe das Gefühl, daß ich, von dem Bestreben entbunden, Ihre Hand schreiben zu lassen, vielleicht imstande sein werde, etwas wirklich Überzeugendes zu liefern. - Aber ach, wie schwierig ist es. Legen Sie Ihre linke Hand an Ihren Hinterkopf und s i t z e n Sie still.' Es folgen nun, wieder in Mrs. Hollands eigener Handschrift, zwei Zeilen aus einem Gedichte Frederic Myers', das Mrs. Holland nach bestem Wissen nie gelesen hatte, sowie weitere philosophische Auslassungen von charakteristischer Färbung und Tiefe, inmitten welcher die Handschrift des Mediums in die der Myers-Kontrolle übergeht, worauf die Worte folgen: 'Wenn ich Sie nur erreichen könnte - wenn ich Ihnen nur sagen könnte... Ich sehne mich nach Kraft, und alles, was ich erreiche, ist [doch nur] unendliches Sehnen - unendlicher Schmerz. - Erreicht Sie etwas von diesem allen? erreicht es irgend jemand, oder klage ich nur wie der Wind klagt - wortlos und unbeachtet -' Bei den letzten Worten war die Schrift immer größer und nachdrücklicher geworden und riß dann plötzlich ab, worauf die Gurney-Kontrolle - nun wieder mit Bleistift - einsprang und der Schreiberin Vorwürfe machte: 'Warum ließen Sie Ihre Hand dem [Antrieb zum] Schreiben nachgeben - Sie haben ihn jetzt angehalten und erschöpft - und er hätte fortfahren können zu diktieren -' Am Schluß dieses ganzen Schriftstücks vermerkte Mrs. Holland: 'Die Schrift beanspruchte genau eine halbe Stunde, aber sie hat mich mehr ermüdet, als irgend eine j e z u v o r . ' 1 Die Frage nach dem identifizierenden Inhalt dieser Schrift geht uns hier nichts an. Aber auch unabhängig davon erscheint es mir klar, daß sie vollkommen ungesuchte, soz. 'unbewußte' und eben darum überzeugende Hinweise auf die tatsächliche und technisch gesonderte Mitwirkung z w e i e r Persönlichkeiten enthält. Von diesen findet die eine - *E. Gurney' - keinerlei Schwierigkeit in der schriftlichen Mitteilung, bevorzugt nur die Benutzung eines Bleistifts dabei; die andre empfindet die Schwierigkeiten des Schreibens so stark, daß sie, um längere zusammenhängende Mitteilungen begrifflichen Inhalts zu machen, 1) XXI 232 n. Technische Sonderung der Kommunikatoren 197 ein andres Verfahren: die Benutzung des 'Gehirns' des Mediums - also vielleicht nur telepathische Beeinflussung aus einigem Abstände? - anzuwenden beschließt. Von dieser aber wird gegen Schluß - wohl infolge Mißverhaltens des Mediums - abgewichen, und nachdem das Anwachsen der Schrift eine steigende Anstrengung, trotzdem fortzufahren, verraten hat, bricht die Leistung plötzlich ab, und damit die Myers-Kontrolle überhaupt; wie diese aber schon zuvor eine seltsame Unruhe im Medium erzeugt hat (solange sie das mittelbare Verfahren benutzte), so hinterläßt sie jetzt - nach Wiederanwendung der untersagten Methode - eine Erschöpfung, wie sie das Medium noch nie zuvor erfahren hat. Dabei fällt noch auf, daß fast unmittelbar nach Aufnahme dieses untersagten Verfahrens 'Myers' Ungewißheit darüber äußert, ob er auch durchdringe, Klagen über seine Ohnmacht ausstößt und dann - eben plötzlich 'abschnappt'. Dies alles mag in seinem eigentlichen technischen, also 'psychophysischen' Sinne noch so schwer zu durchschauen sein: es entspricht jedenfalls in einer so augenscheinlich 'realistischen' und doch gar nicht erfindbaren Weise der behaupteten Beteiligung zweier unabhängiger und technisch verschieden eingeübter oder dem Medium angepaßter Persönlichkeiten; es erscheint anderseits unter rein animistischen, also spaltungspsychologischen Voraussetzungen so völlig sinnlos und unerklärbar, daß ich glaube sagen zu dürfen: ein einziger Fall solcher technischen Rollendurchführung bringt uns ein gutes Stück weiter in der Begründung einer nicht nur pluralistischen, sondern spiritistischen Auffassung des Transgeschehens. - Auch sind dies Dinge, die wir bei allen sorgfältig beobachteten Medien wiederfinden. So hören wir z.B. Feda gleich in der ersten Sitzung, in der sich 'A.V.B.' ihrer Freundin kundgab, sehr bald darüber klagen, die Kommunikatorin sei 'unerfahren' und werde wahrscheinlich besser vorwärtskommen, wenn sie sich 'durch den Tisch' zu äußern suche, - offenbar vom Standpunkt jenseitiger Technik aus eine völlig andre, auch Neulingen zugängliche Art der Beeinflussung des Mediums. Jedenfalls führte die sogleich durchgeführte Tischsitzung mit dem erweckten Medium zu ausgezeichneten Ergebnissen.1 - Auch zwischen 'Nelly' und andern Kontrollen der Mrs. Thompson bestand insofern ein technischer Unterschied, als Nelly nie am Trans-Schreiben Anteil hatte. Jedenfalls lehnte sie jede Beteiligung daran ausdrücklich und sehr bestimmt ab. 'Ich bin es nicht, die schreibt. Es ist immer jemand anders, der schreibt. Nicht ich, selbst wenn ich sage, daß ich's bin.' 2 In diesem Zusammenhang mag auch daran erinnert werden, daß erst unter 'Pelhams' Mitwirkung im Piper-Trans das Trans-Reden, das für 1) X X X 3401. 2) XVIII 231. 198 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung 'Phinuits' Leitung kennzeichnend gewesen, aufgegeben und durch Schreiben ersetzt wurde, - was ja u. a. auch eine weit vollkommenere Beurkundung ergab.1 Sofern aber diesem Übergang einige Jahre später der Eintritt einer gänzlich neuen 'Spielleitung' folgte, muß hier noch gleich auf die erstaunliche Verbesserung der allgemeinen Transbedingungen verwiesen werden, die sich bei Mrs. Piper an diesen Wechsel knüpfte. Eine vorübergehende 'Stainton Moses'-Kontrolle, die sich nur teilweise hatte beglaubigen können, erbot sich nämlich, den Beistand jener Transpersönlichkeiten zu erbitten, denen der Rev. Moses zu Lebzeiten so viel zu verdanken gehabt hatte. Diese, bekannt als die 'Imperator-Gruppe' - Imperator, Rector, Doctor usw. -, traten denn auch zuerst im Winter 1896/7 mehrfach auf und forderten schließlich, daß die Kontrolle des 'Lichtes' der Mrs. Piper gänzlich in ihre Hand gelegt werde. 'Imperator' behauptete, daß das unterschiedslose Herumpfuschen mit Mrs. Pipers Körper aufhören müsse, nachdem dieser eine 'verdorbene und abgenutzte' Maschine geworden sei, die gründlicher Ausbesserung bedürfe, was er und die Seinen besorgen würden; und auch 'George Pelham' empfahl das gleiche oft und dringend. Mrs. Piper, der man davon berichtete, erklärte sich einverstanden, und die Folge war nicht nur, daß 'Phinuit' am 26. Jan. 1897 zum letzten Male auftrat, sondern auch eine 'Verbesserung in Klarheit und Zusammenhang der Mitteilungen', die Allen auffallen mußte. 'Am erstaunlichsten war der Wandel in Mrs. Piper selbst, in ihrem allgemeinen Wohlbefinden und in ihrer [viel ruhigeren] Art, in Trans zu fallen.' Die früheren heftigen Krämpfe, die bei ihr eine Abneigung gegen den Trans überhaupt erregt hatten, hörten völlig auf, und Mrs. Piper fing an, den Übergang und den 'Abschied' nachgerade zu genießen.2 Auch diese Besserung erscheint mir unverständlich unter der Voraussetzung, daß das Medium soz. ihren Traumpersonationen lediglich 'andre Namen angehängt' habe. Das Dunkel, das über den Persönlichkeiten der 'Imperator-Gruppe' liegt, mag noch so groß sein: daß hier vom Medium unabhängige Persönlichkeiten ein höheres technisches Können in der Handhabung der Transbedingungen betätigten, scheint mir die einzige natürliche Folgerung aus den obigen Beobachtungen zu sein, und ich bin geneigt, um dieser Logik willen die Personen der 'Gruppe' als Maskierungen - nicht der Traumpsyche, sondern selbständiger Personen zu betrachten.3 Indessen handelt es sich in dem zuletzt Angeführten schon nicht mehr um eine Sonderung von Transpersönlichkeiten nach Methoden, sondern um Ungleichheiten Mehrerer in der Anwendung des gleichen Mittels der Äußerung. Hier erweist sich ihre technische Scheidung 1) Hyslop, Science 128. 2) Das. 129 fl. 3) Man erwäge in diesem Zusammenhang auch die zuweilen beobachtete feste Verbindung gewisser Kommunikatoren mit bestimmten Kontrollen. (Vgl. Travers Smith 42.) Technische Sonderung der Kommunikatoren 199 eben in dem verschiedenen Maß von Geschick oder überlegener Ruhe, das sie in der Benutzung dieses Mittels betätigen. Bei Mrs. Forbes z.B., die wir als Teilnehmerin an den klassischen Kk.en kennen lernten, unterschieden sich ihre Kommunikatoren sehr stark hinsichtlich der Klarheit und Ausgiebigkeit ihrer Schreibäußerungen. Sehr häufig folgte einer langen und verworrenen Botschaft 'Edmund Gurneys' - eine klare und viel kürzere ihres Sohnes 'Talbot'.1 Am 18. Dez. 1902 zerfiel ihre Schrift sogar in drei deutlich technisch gesonderte Äußerungen: eine kurze, völlig mißlingende von 'Myers', und nachfolgend je eine von 'Gurney' und von 'Talbot', in der angegebenen Weise sich unterscheidend. Diese Schrift lautet nämlich: '[a] . . . W o r t . . . F. W. H. M. mach es . . . mit der . . . Dionysus [?] Dion - [b] . . . Edmund schreibt um der Freundin zu sagen - die mit Talbot schreibt - das beweisende Wort wird sein D y . . . Wollen Sie den Sinn der Botschaft geben [ist dies vielleicht eine Bitte an 'Talbot', nachdem die Niederschrift des 'Wortes' nicht gelungen?]. Schreiben Sie an Mrs. Verrall und sagen Sie, das Wort wird sich finden in Myers' eigenem... [c] Talbot schreibt, um zu sagen, du kannst sicher s e i n . . . es ist einer von den hochzeitlichsten Gesängen - der Liebe älteste Melodie.' - Um dies ganz zu verstehn, muß man wissen - was der Zusammenhang lehrt -, daß alle Namen und Namenfragmente dieser Schrift auf die platonische Diotima abzielen, die 'in Myers' eigenem' 1903 erschienenen Werke 'Human Personality' eine gewisse Rolle spielt, dem Medium aber bestimmt unbekannt war.2 Einen ähnlichen Vorgang beobachten wir z. B. in Mrs. Verralls Schrift vom 1. Feb. 1904, wobei es bemerkenswert ist, daß die zweite, technisch überlegene Kommunikatorin, Mrs. Cartwright, als Hauptkontrolle eines andern Mediums, Mrs. Thompson, bekannt ist und bei beiden durchaus die gleichen Wesenszüge des Auftretens zeigt. Die Schrift lautete: Fin is ilP - Pitt hören Sie nicht? R kriegen Sie das nächste Wort für mich. Fin - sway das ist der Klang - horchen Sie nochmals fin sway out in on sagen Sie das schreiben Sie diesen Klang mit Sinn. Outinon. Pin is way out Inn nein - nicht richtig. Es ist eine Botschaft betreffs Pin - sie ist dringend.' (Es folgten einige unleserliche Striche, anscheinend den Wechsel der Kontrolle andeutend, und dann, in scharfem Gegensatz zur vorausgegangenen erregten Verworrenheit:) Lassen Sie mich es sagen. Es ist eine plötzliche Krankheit, von der sie sieht, daß sie ihre Schwester befallen wird - jetzt spricht Mrs. Cartwright - sie [d. h. der andre Geist] will es Ihnen mitteilen. Nicht in ihrem eigenen Hause in London, woanders. Sagen Sie dies jemand.' Worauf, den pluralistischen Anschein noch verstärkend, die Bemerkung folgte: 'Wir hatten eine andre Botschaft, aber diese war dringend - schreiben Sie morgen für die unsrige.'4 1) XX 226; vgl. 230. 244f. 2) XX 244; vgl. 243. 415 ('Sidgwick1: I can't but will sign). 422 (Mitte) und XXI183 u. 3) Die englischen Worte, die ich hier natürlich unübersetzt lassen muß, kamen in größerer Schrift. 4) XX 211. Über den guten Sinn dieser "dringenden" Botschaft s. das. 212. 200 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Ein verwandter Vorfall, worin die technische Unterschiedenheit sich auf zwei Kontrollen bezog, ereignete sich in der Piper-Sitzung vom 26. Febr. 1902. Hector' versuchte einen Namen 'durchzubekommen', den ihm der Kommunikator gab, aber seine Anstrengungen gelangten Aber annäherungsweise Formen nicht hinaus: Duncan, Duno [?] . . . Dono Donw[?]son . . . ' Dies letztere las der Sitzer laut als Domson, worauf der Kommunikator mit 'Nicht ganz klar' reagierte. Der Sitzer bat ihn darauf, zu gehen und 'George Pelham' um Hilfe zu bitten, worauf sich die Hand des Mediums herumdrehte und auf einige Augenblicke auf den Tisch fiel, bis 'George Pelham' sie ergriff und schrieb: "Guten Morgen, mein Freund, ich bin hier, um Ihnen zu helfen.... Ich will es für ihn buchstabieren Es ist DAN . . . jawohl . . . IEL.' Sitzer: 'Richtig, vollkommen richtig, ich danke Ihnen vielmals.' G. P.: "Bitte sehr . . . DANIEL . . . Dr. . . . Ich wünsche, ich könnte verweilen, aber sehen Sie, ich habe meine eigene Arbeit hier, rufen Sie mich jedoch, wenn Sie meiner bedürfen.' Sitzer: 'Vielen Dank.' G. P.: 'Nichts zu danken. Auf Wiedersehen . . . ' Worauf nach einigen unruhigen Bewegungen der Hand der frühere Kommunikator fortfährt: 'Ich bin wieder hier, Liebling. Ich bin dir so dankbar, daß du ihn batest, mir zu helfen.'1 - Es ist unbestreitbar, daß hier der Kontrolle 'G. P.' auf den ersten Hieb gelingt, was ihrem Vorgänger anscheinend unmöglich gewesen war. Und die pluralistische Natürlichkeit dieses Auftritts wird noch gesteigert durch die Beobachtung, daß bei andrer Gelegenheit eine ähnliche Bitte um G. P.s Beistand (diesmal vom Kommunikator ausgehend) nicht zu dessen Erscheinen führte. Unter animistischen Voraussetzungen hätte man doch wohl das Gegenteil erwarten müssen, sei es, daß man das Ganze nur als Teil der Traumkomödie auffaßt, sei es, daß man dem Medium in der Traumpersonation G.P. tatsächlich eine erleichterte telepathische Aufnahmefähigkeit, oder doch den Glauben an eine solche zuschreibt. In der Piper-Sitzung vom 13. Nov. 1896 beobachtete Dr. Hodgson einen verwandten Vorgang, der wiederum, falls 'gespielt', völlig sinnlos, falls aber wirklich, nur seinem technischen Sinne nach unverständlich erscheinen muß (und wie sollten wir diese Vorgänge ihrem Wesen nach schon verstehen?!). 'Mentor', einer von der Schar um 'Imperator', machte einen ersten und einigermaßen vergeblichen Versuch zu kontrollieren. 'George Pelham' legte sich ins Mittel und schrieb: 'Gib ihm nochmals Gelegenheit, H[odgson]. Ich kam herein, um klares Licht zu geben. [Es ist] jetzt besser, H[odgson].' Nachdem noch mehrere Kontrollen und zuletzt wiederum G. P. geschrieben hatten, zuckte die Hand zusammen und fiel auf den Tisch. 'Haben Sie Ihre 1) XXVIII 520 f. Technische Sonderung der Kommunikatoren 201 Hand wieder?' fragte Hodgson. 'Noch nicht', erwiderte Phinuit durch den Mund. 'Wenn sie sich entfernen, ist sie ohne Leben und fällt herunter. Sie haben sie nicht und ich habe sie nicht. Danach bekomme ich sie [in meine Gewalt].'1 - Auch hier verbindet sich die Beobachtung technischer Unterschiedenheit mit derjenigen eines sehr natürlichen Mehrheitsspiels von Transpersönlichkeiten. - In Mrs. Thompsons Falle scheint sich das Ungeschick von Neulingen im Kontrollieren noch heftiger und peinlicher verraten zu haben. In der Sitzung vom 16. Juli 1900 fragte Mr. Myers (als Sitzer) das Medium, wer im Laufe der Sitzung kontrollieren würde. 'Mrs. Cartwright' erwiderte: '[X. Y.] wird kontrollieren. Sie versuchte es gestern; sie konnte es nicht gelinde tun; sie warf das Medium zu Boden, aber ohne sie zu verletzen...' Tatsächlich ist Mrs. Thompson mehrfach in dieser Weise zu Boden geworfen worden, und stets bezeichneten ihre Kontrollen als Ursache davon den ungeschickten Versuch seitens unerfahrener Persönlichkeiten, sich durch sie zu äußern. Piddington selbst sah sie einmal in dieser Lage und fand sie dabei in tiefem Trans. Nachdem sie erwacht war, schien sie wieder in Trans gezogen zu werden, und während ihr sonst jeder Stuhl für ihren Transzustand bequem genug war, sank sie jetzt abermals zu Boden, und 'es schien längere Zeit hindurch, als wäre derselbe ungeschickte Geist im Begriff, von ihr Besitz zu ergreifen; aber allmählich beruhigten sich die erregten Bewegungen und wichen der friedlichen Kontrolle durch Nelly.' 2 In allgemeiner Weise stellte schon früh Prof. Newbold, ein ganz imparteiisch, ja zweiflerisch eingestellter Beobachter, diese Art der technischen Sonderung bei Mrs. Piper fest. 'Soweit man es mit Persönlichkeiten zu tun hat, welche reiche Erfahrung im Schreiben gehabt haben, und gelegentlich auch bei solchen, die nach ihren eigenen Angaben schon vor längerer Zeit verstorben sind, ist es gewöhnlich möglich, die Fragen und Antworten [auch] des Sitzers vollständig aufzuzeichnen. Das Schreiben geht verhältnismäßig langsam vor sich und unleserliche Worte werden bereitwillig wiederholt. Aber die angeblichen Geister erst jüngst Verstorbener oder derer, die eines gewaltsamen Todes gestorben oder mit dem Sitzer durch starke Bande des Gefühls verbunden gewesen sind, legen fast immer große Erregung und Verwirrung an den Tag. Die Zeit und Aufmerksamkeit eines oder gar zweier Sitzer muß völlig darauf verwendet werden, die heftigen Zuckungen zu beherrschen, die den schreibenden Arm ergreifen, . . . abgebrochene Bleistifte zu ersetzen und gleichzeitig die seitenlangen Ergüsse fiebernden Unsinns zu entziffern, welche die Hand hinkritzelt, 1) XXVIII383. Vgl. daselbst die Ablösung von W. St. Moses durch 'Doctor'. 2) XVIII 1471. Nicht nur durch diesen Übergang, sondern auch durch die allgemeinen Angaben der Beobachter über Mrs. Thompsons Gesundheitszustand (XVII 70) erscheint mir eine Deutung dieser Vorfälle durch Epilepsie vollkommen ausgeschlossen. Vgl. über Verschiedenheiten der Armkontrolle: Travers Smith 35f. 94. 202 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung so rasch sie nur über die Blätter hinfliegen kann, wobei jedes Verlesen die Aufregung und Verwirrung noch bedeutend vermehrt.'1 Natürlich könnte ein solches Gebaren auch für eine besondere Verfeinerung somnambuler Schauspielerei erklärt werden, und ich hätte es vielleicht erwähnen können, als ich oben über die folgerechte Durchführung verschiedener Rollen sprach. In Verbindung mit den identifizierenden Bestandstücken der betreffenden Äußerungen mögen freilich solche doch auch 'technische' Verschiedenheiten des Auftretens den Eindruck echter Lebenswahrheit verstärken. Finden wir doch auch im Bereich der 'direkten Stimme' ein sehr wechselndes Geschick in ihrer Handhabung; ein Umstand, der schwerlich auf dramatisierende Vortäuschung zurückführbar erscheint. Ebenfalls bei Mrs. Piper fiel es übrigens auf, daß gewisse, an den Vorgang der Kundgebung anscheinend noch nicht gewöhnte Transpersönlichkeiten zuweilen ohne jeden ersichtlichen 'inhaltlichen' Grund genötigt waren, sich auf kurze Zeit zurückzuziehen, worauf dann ihr Geplauder wieder seinen glatten Fortgang nahm. So unterbrach sich z. B. 'Bennie Junot' in der Sitzung vom 6. März 1900 einmal ganz plötzlich mit den Worten: 'Muß einen Augenblick fortgehn, werde bald zurückkehren,' worauf eine kleine Pause eintrat, in welche 'Rector' hineinsprach: 'Freund, wenn du zu ihm sprichst, guter Freund, sprich gütigst langsam.' Darauf nahm 'Bennie' mit den Worten 'Ja, wieder zurück' seine Äußerungen von neuem auf.1 - Diese waren übrigens gerade an dieser Stelle sinnvoll und erfolgreich, sodaß die Deutung hinfällig wird, das Medium habe Zeit zu Überlegungen gewinnen wollen. Welchen andern Grund für ein so kurzes freiwilliges Innehalten einer 'hypnotischen' Persönlichkeit aber könnte der Animist wohl angeben? In andern Fällen tritt, wenn ein Kommunikator so gezwungen ist, sich kurz zurückzuziehen, nicht (wie eben belegt) ein Spielleiter an seine Stelle, um Bemerkungen zu machen, die schließlich an sich nichts beweisen, - sondern ein andrer Kommunikator, der nun seine Mitteilungen vorträgt, bis er dann etwa wieder dem früheren Platz macht. Man wird zugeben müssen, daß ein solches Verhalten unter spiritistischen Voraussetzungen durchaus natürlich erscheint: der Vorgang oder 'Zustand' der Kundgebung durch ein Medium ist doch sicherlich für den unabhängigen 'Geist' ein ungewöhnlicher und mühsamer, von dessen Schwierigkeiten wir wohl annehmen dürfen, daß sie von Zeit zu Zeit ein Ausruhen oder doch zeitweiliges Ablassen nötig machen. Träten dagegen Schwierigkeiten der telepathischen Wissenserlan- 1) x r v 7. 2) XXIV 392. - Vgl. auch die mehrlachen tiefen Einatmungen' vor dem Eintritt ungewohnter Kontrollen bei Mrs. Thompson: XVII 71. Technische Sonderung der Kommunikatoren 203 gung ein, so wäre ein Abbrechen der Kundgebungen überhaupt weit eher zu erwarten, als ein Wechsel des angeblichen Kommunikators. Kommt es doch geradezu vor, daß der Ablösende größeres Gelingein zeigt, als der Abtretende, daß also - animistisch gesprochen - der 'telepathische Vorgang' nach dem Wechsel der 'Maske' günstiger verläuft, als vor diesem. Es kann darum nicht ein Versiegen dieses Vorgangs die Ursache des Wechsels sein. - Man wird aber auch nicht sagen können, daß dieser Wechsel bei gleichbleibender telepathischer 'Aufgelegtheit' einer bloßen Laune des Mediums entspringe, oder einem irgendwie zu erklärenden Wechsel der telepathischen 'Belieferung' (das letztere nicht, weil angesichts eines Wechsels nicht-eng-zusammenhängender Kommunikatoren die aktive Rolle beim 'telepathischen Vorgang' doch viel natürlicher dem Medium zuzuschreiben wäre). Weit glaublicher wird uns vielmehr versichert, daß eine 'technische' Erschöpfung den Kommunikator zwinge, die Transbühne vorübergehend zu verlassen. Wenn z. B. 'Robert Hyslop sen.' eine Zeit lang geredet hat, so klagt er über Gedankenverwirrung oder Erstickungs- und Schwächegefühle; er sagt etwa: 'Ich fühle mich schwach werden, James, ich bin in einem Augenblick zurück, warte auf mich.' Er entfernt sich also, und 'Imperator' - schickt ein andres Familienmitglied vor, um Verschwendung des "Lichtes' zu verhüten.1 - Die bisher besprochenen technischen Sonderungen der Transpersönlichkeiten bezogen sich alle mehr oder minder deutlich auf ihr Verhältnis zum Medium. Das Wie und Warum dieser wechselnden technischen Beziehungen blieb dabei außer Betracht; seine Untersuchung würde in eine Theorie des Transgeschehens an sich gehören, nicht in eine Erörterung seiner Ablaufsformen; und es läßt sich denken, daß sie mehr Rätsel als Einsichten darbieten würde. Die nächste zu erwähnende technische Sonderung, die, wenn möglich, noch rätselhafter erscheint, bezieht sich auf ein andersartiges Verhältnis: auf die vorauszusetzenden Beziehungen mehrerer Kontrollen zu einem Kommunikator; begründet also eine technische Sonderung unter den ersteren. Diese offenbart sich gelegentlich in der verschiedenen Fähigkeit der Kontrollen, beweiskräftige Mitteilungen von den Kommunikatoren zu erlangen oder richtig aufzufassen, bzw. klar und unverstümmelt weiter zu geben. - Ein Beispiel hierfür enthält Mrs. Verralls Be- 1) Nach Sage 52 f. (Über 'Licht' näheres spater.) Vgl. übrigens auch das gelegentliche 'Gefühl' des Mediums, daß ein Wechsel des Kommunikators stattgefunden habe, z. B. Travers Smith, Wilde 80. - Ich übergehe die umständliche Darstellung vereinzelter Vorgänge, welche eine technische Sonderung von Transpersönlichkeiten bez. der Fähigkeit andeuten, Gegenstände der äußeren Welt durch die Sinne des Mediums, oder aber Äußerungen des Sitzers aufzufassen. S. z.B. VIII l l l i . ; XXVIII 532f. 204 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung rieht über eine Transleistung der Mrs. Thompson, die ich schon früher in andrem Zusammenhang berührt habe. 'Während einer Sitzung in meinem Hause in Gegenwart von Mr. und Mrs. A. (schreibt die Forscherin), während ich das Protokoll führte, machte 'Nelly' eine eilige und verwirrte Darlegung, welche dem Mr. A., der zum ersten Mal eine Sitzung mit Mrs. Thompson hatte, vollkommen unverständlich erschien. Mrs. A., die schon bei andern Sitzungen zugegen gewesen, meinte, daß die Transreden weit eher Verwirrung, als phantastische Erfindung vermuten ließen; doch war es unmöglich, aus Nellys Äußerungen in der gegebenen Form irgendetwas zu entnehmen. Am Tage darauf teilte Mrs. Thompson mir mit, daß sie eine Vision oder einen Trans gehabt habe, während sie allein war, worin 'Mrs. Cartwright' [die zweite Hauptkontrolle] erschienen war und gesagt hatte, daß Nelly große Verwirrung unter Mr. A.s Verwandten angerichtet habe und daß sie selbst (Mrs. C.) werde kommen müssen, um die Dinge zurechtzusetzen. Später, nach einer langen und sehr erfolgreichen Sitzung unter Nellys Führung mit einem andern meiner Freunde, wurde Nelly von Mrs. Cartwright abgelöst. Auf deren Ersuchen wurde die Niederschrift der früheren Sitzung herbeigeholt und in Gegenwart der Mrs. A., aber nicht ihres Gatten, Satz für Satz laut verlesen. In jeder Pause stellte Mrs. C. fest, ob die Bemerkung richtig sei oder nicht, und auf wen sie sich beziehe, sodaß am Ende aus einer scheinbar hoffnungslosen Verwirrung eine Reihe bestimmter Angaben der Transpersönlichkeit hervorging,' die fast alle richtig waren.1 Ich habe in diesem Kapitel bisher Tatsachen berichtet, die erkennen ließen, daß die einzelnen Transpersönlichkeiten sich in technischer Hinsicht - in Geschick, Leistungsfähigkeit, Angepaßtheit an wechselnde Bedingungen u. dgl. m. - überhaupt voneinander unterscheiden, in einer Art, von der wir nicht begreifen, wie sie unter rein spaltungspsychologischen Voraussetzungen zu erklären wäre. Fast alle diese Tatsachen führen zur Annahme, daß die eine Transperson in höherem Grade, als andre, mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, und es liegt nahe, nun schließlich noch die Frage zu stellen, ob diese Schwierigkeiten an sich von solcher Art sind, daß sie unter animistischen Voraussetzungen überhaupt zu erwarten und verstehen wären, oder ob sie nicht ihrerseits zwingen, im Kundgebungsvorgang eine Leistung zu erblicken, deren Aktivitätszentrum außerhalb des Mediums liegt. Diese Frage entzündet sich schon an den wach-automatischen Schriften der Mrs. Verrall (besonders im Rahmen der Kreuzkorrespondenzen). Welcherlei 'Schwierigkeiten' könnte denn eine rein animistische Auffassung dieser Schreibleistungen überhaupt zugestehen? Sofern Mrs. Verralls Unterbewußtsein' als eigentliche Quelle der Kk.- 1) XVII 211. Technische Sonderung der Kommunikatoren 205 Versuche angenommen wird, eigentlich überhaupt keine. Läge doch dann nichts weiter vor, als die Äußerung eines unterbewußt erschaffnen Gewebes von Vorstellungen durch die automatisch schreibende Hand, - einer der gewöhnlichsten Vorgänge heutiger Psychologie, der fast immer völlig widerstandslos verläuft. Soweit indessen auch Mrs. Verralls Rolle bei jenen Experimenten von telepathischem Verkehr mit den andern Medien abgehangen hätte, könnten wir ab und zu Schwierigkeiten bei der Beschaffung der passenden Vorstellungen erwarten, die aber nicht so sehr 'Schwierigkeiten' der Äußerung bedeuten würden, als vielmehr ein einfaches Versagen, ein Ausbleiben der erforderlichen Speisung, das zu inhaltlichen Lücken führen würde. Gerade solcher Art nun sind die Schwierigkeiten nie, über welche die Verrallschen Schriften beständig klagen; vielmehr gehen sie fast immer deutlich von der Voraussetzung aus, daß das gesamte zur Äußerung bestimmte Gut vorhanden, soz. 'auf der Pfanne' sei, aber wegen irgendeines Widerstandes im Schreibapparat - einschließlich des Unterbewußtseins' des Mediums, also des scribe - nicht durchgedrückt werden könne. Für solche Schwierigkeiten aber ist m. E. nur dann eine Deutung zu finden, wenn eine im Besitze der durchzudrückenden Vorstellungen befindliche Fremdpersönlichkeit jenem Apparat gegenübersteht, den sie auf äußerst fragwürdige Art in Gang bringen soll, wobei sie nicht nur mit physiologischen Hemmungen eines fremden Leibes, sondern auch mit vorstellungsmäßigen Störungen und Ablenkungen einer fremden Seele zu rechnen hat. Dies wird uns vollends zur Gewißheit, wenn wir bemerken, daß die in der Schrift selbst geäußerten Klagen über solche Schwierigkeiten meist in jenen Gesprächs-Formen erfolgen, die überhaupt eine pluralistische und schließlich spiritistische Auffassung des Transgeschehens nahelegen. 'Warum', heißt es z.B. einmal, 'kann ich nicht fortfahren? Es scheint so klar - schreiben Sie es nieder.'1 Oder: "Große Widerstände heute früh - helfen Sie sie beseitigen.'3 Oder: 'Es wird mit Geduld schon kommen. Es ist ungewöhnlich, daher die Schwierigkeit.'$ Oder: 'Ich will in dieser Woche den Versuch wiederholen - es geht jetzt leichter.'4 Oder wiederum: 'Ich wünsche eine besondere Botschaft an Sie gelangen zu lassen. Ich habe es mehrere Male versucht, aber Sie haben nicht verstanden. Ich weiß nicht, wo es fehlging...'6 Hier ist offenbar nicht von Schwierigkeiten der automatischen Schrift die Rede, die an sich weder besser noch schlechter, als zu andern Zeiten, vor sich geht, sondern von Schwierigkeiten der Beeinflussung eines Mediums durch ein außerhalb stehendes Subjekt der Kundgebung. 1) X X 196. 2) XXII 97. 3) X X 88. 4) XXII 289. 5) XXII 222. Vgl. 213. 206 Argumente aus formalen Verhältnissen der Kundgebung Diese Auffassung verstärkt sich noch durch die Beobachtung, daß gerade Mrs. Verralls Schriften gelegentliche Beispiele für den Unterschied mehrerer Transpersönlichkeiten in der 'technischen' Befähigung zum Durchdrücken einer Äußerung enthalten. Wir stellen dann wieder fest, daß eine Äußerung, so lange sie von einer Persönlichkeit versucht wird, den größten Schwierigkeiten begegnet, während sie unmittelbar darauf von einer andern Transpersönlichkeit völlig glatt erledigt wird, - ein Vorgang, der mir nur verständlich erscheint, wenn die Persönlichkeit, die mit jenen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, eine wirklich andere ist, als die davon verschonte. Ein Beispiel dieser Art gab ich oben, wo 'Mrs. Cartwright' sich rettend ins Spiel mischte. Ich gebe ein zweites, das mehr die augenblickliche Frage betrifft und sich in einer schriftlichen Transmitteilung der 'Mrs. Prince' durch Mrs. Soule bzw. deren Kontrolle 'Sunbeam' findet. Während die Kommunikatorin in echt spiritistischem Sinn ihr Erlebnis des Sterbens schildert - also, nach animistischer Auffassung, das Traum-Ich des Mediums sich in Hirngespinsten ergeht, in denen es unbegrenzt und ungehemmt hätte fortfahren können! -, fängt das Medium plötzlich an 'wie in Schmerzen' stöhnend das Gesicht zu reiben, und es tritt eine Pause ein, bis die Kontrolle sich mit den Worten einmischt: 'Hallo, ich mußte kommen, um jenem Geiste zu helfen. Ich muß ihr helfen, sich loszumachen.1 Sie hat sich festgefahren - she got stuck ... Sie wurde so übereifrig, daß sie zuweit ging... sie ging richtig aufs Ganze; sie fuhr sich fest; nachher lachte sie darüber... - Sie ist ein famoser Geist... sie hat eine Menge Entschlußkraft. . . ' [Mrs. P. war eine Frau von großer Willenskraft gewesen.] - Bald darauf nehmen dann die identifizierenden Mitteilungen durch 'Sunbeam' als Vermittlerin ihren günstigen Fortgang! 8 Wir sind natürlich wieder völlig außerstande, im einzelnen zu bestimmen, welcher Art hier die Schwierigkeiten sind. Trotzdem glaube ich sagen zu dürfen, daß sie auch hier sich weit natürlicher auf eine dem Medium wesentlich fremde Persönlichkeit beziehen lassen, als auf ein irgendwo gebildetes 'Spaltzentrum', das aus rätselhaften Gründen die alltäglichste Ausdrucksleistung erst fließend - und dann plötzlich nicht mehr zustandebringt, dabei aber mit einem andern ausdrucksfähigen 'Zentrum' ('Sunbeam') in innigster Nachbarschaft des Verkehrens lebt. Wie immer muß sich auch hier der Animist in willkürlichen Voraussetzungen ad hoc ergehen, während sein Gegner mit etwas 'Natürlichem' rechnet: der Tremdheit' eines Ich und eines Leibes, die nicht von Haus aus 'zueinander gehören'. Eine wichtige Grundlage für die Deutung von 'Schwierigkeiten' ist 1) get away. 2) AlUson 228 (5. 8.1925). - Vgl. das sonderbare 'hold me tight now wtaile I try and say it' eines Mrs. Willett-Kommunlkators: X X I X 200. Technische Sonderling der Kommunikatoren 207 ferner in der Tatsache gegeben, daß die Äußerungen jenseitiger Persönlichkeiten, z. B. ihre Angaben innerhalb der Kk.-Experimente, häufig leichter und richtiger in der 'Phase des Erwachens erfolgten, als durch die Schrift im eigentlichen Trans. Nach der Selbstdarstellung des Transdramas werden, wie wir wissen, in der Schlußphase des Trans die Äußerungen der Kommunikatoren unmittelbar dem 'Geiste des Mediums' übergeben, während dieser in seinen Körper zurückkehrt, den er während des Trans verlassen hatte, um der Kontrolle bzw. einem der Kommunikatoren Platz zu machen; während des Trans dagegen erfolgen die meisten Mitteilungen durch eine Hauptkontrolle, bei Mrs. Piper also in der Frühzeit meist durch 'Phinuit', später durch Sept l'.mü (i'S X X X I V 83 f.). 4 ) OR 1906 2: ;. 310 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens Und hier möchte ich einfügen, daß der erstaunlichste 'Exkursionist', von dem ich Kenntnis habe, der bereits erwähnte S. J. Muldoon,1 aus langjähriger Erfahrung gerade diesem Willen-zur-Hinausversetzung - freilich vor allem in Form des autosuggestiv geweckten 'unterbewußten' Willens - eine überragende Rolle bei der Erzielung des Vorgangs zuschreibt Er stellt es als 'Grundregel' auf: 'Wenn der unterbewußte Wille von der Vorstellung beherrscht wird, den Körper (bzw. die 'zusammenfallenden Körper') zu bewegen, und der fleischliche Leib daran verhindert ist, so bewegt der unterbewußte Wille den Astralkörper unabhängig vom fleischlichen.' Als Ausgangspunkt solcher Suggestionen aber nennt er 1) Träume, z. B. Flugträume oder wunscher regende Träume, 2) heftige oder unterdrückte Wünsche, 3) Bedürfnisse wie Hunger, Durst, und 4) Gewohnheiten aller Art. Daneben aber betont er auch den ganz bewußten 'Willen', nach außen in den Raum 'projiziert' zu werden, wobei man etwa mit geschlossenen Lidern die Augen nach oben und innen rollt und 'sich selbst' an den Punkt des Konvergierens als Ausgangspunkt für den Austritt 'hin-will'. Oder er erzeugt durch lange Enthaltung vom Trinken, nebst Genuß von dursterzeugenden Stoffen, wie Salz, vor dem Einschlafen, zunächst phantastische Durstträume, aus denen sich dann angeblich wirklich eine 'klar-bewußte' Exkursion nach einem bekannten Flußufer oder einem Wasserhahn hin entwickelt.2 Ja ein solcher Dursttraum - er war 'zu träge' aufzustehen, um einen Trunk zu beschaffen, und schlief darüber wieder ein - gab den Anlaß zu seiner Entdeckung der Bedeutung von Bedürfnissen für die 'Selbstprojizierung'. Er stand im Traum an dem Wasserhahn und konnte ihn nicht drehen, wurde dann 'klar bewußt', sah seine 'astralen Hände' am Hahn und konnte ihn wiederum nicht drehen, begriff aber jetzt, daß dies an der Unmöglichkeit wirklicher Berührung lag, während er sich 'im Traum' auf die Schwerbeweglichkeit des Hahns herausgeredet hatte!(r) - Hier legt sich natürlich der Gedanke an alles das nahe, was an anderer Stelle über die Entstehung von Spukerscheinungen durch 'Wünsche', also etwa auch 'Wunschträume' der Abgeschiedenen beigebracht wurde.* - Die vorstehenden Berichte umschreiben mit genügender Deutlichkeit das, was man als den Kern der Exkursionserfahrung, als ihren innersten Bezirk in zeitlichem wie in räumlichem Sinn bezeichnen kann: die ersten Augenblicke und ersten Schritte der 'Bilokation'. Die nunmehr wiederzugebenden Erfahrungen erweitern das bisherige Bild soz. in 1) Über seine 'hunderte' von Exkursionen s. Muldoon 2 . 1 6 6 ; über seine Vertrauenswürdigkeit spricht Carrington (!) das. S. XVIII. Über seine geringe 'okkultistische Vorbildung": S. 5. 2) a. a. 0 . 1 8 f. 110 f. 103.129. 3) Das. 116. Vgl. 96.105 (1.172 f. 4) Auch Muldoon drängt sich diese Parallele aut: 121 ff. 1901. 216. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 311 konzentrischen Kreisen: die Exkursion hält länger an und das Schauen des hinausversetzten Ich erweitert sich - zuerst gleichsam im normaloptischen Sinn, sodann aber in neuartiger Weise, indem es teils in unzweideutiges Hell- und Fernseihn, teils in scheinbar phantastisches visionäres Erleben übergeht. Aber schon jene 'gleichsam normal-optische' Erweiterung des Schauens beschert uns die wichtige Tatsache, daß der Exkurrierende mitunter Dinge beobachtet, von denen er zuvor ein normales Wissen nicht besaß. Diese Tatsache sowie der weitere Übergang zu Wahrnehmungen, die nicht mehr der unmittelbaren 'Ortsanwesenheit' des Exkurrierenden zu entspringen scheinen, sondern einer unzweideutigen Hellsehleistung, sollen im folgenden die Grundlage der Anordnung abgeben; dagegen soll die Art der Auslösung von jetzt ab nur nebenher erwähnt werden. Schon in mehreren der obigen Berichte trat zu der Wahrnehmung des eigenen Körpers noch die eines Stücks seiner unmittelbaren Umgebung. Die nächstfolgenden Beschreibungen erweitern diese Mehr- Wahrnehmung bis an die Grenzen des Zimmers oder noch ein wenig darüber hinaus. 25. So behauptet Dr. Franz Hartmann, unter der Einwirkung des Chloroforms beim Zahnarzt sich 'neben dem [Operations-]Stuhl stehend gesehen zu haben, in welchem mein Körper lag. Ich erschien mir selbst als dieselbe Person, wie in meinem normalen Zustande. Ich sah alle Gegenstände im Zimmer, hörte alles, was gesprochen wurde; aber als ich versuchte, eins von den Instrumenten auf einem kleinen Tisch neben dem Stuhle aufzuheben, war ich dazu nicht imstande, da meine Finger hindurchgingen.' Ähnliches will er oft erlebt haben.1 26. Den hier erwähnten Versuch, sich im Zustande der Exkursion der eigenen Körperhaftigkeit zu vergewissern, beschreibt uns fibrigens noch schlagender Dr. E. v. Krasnicki: dreimal 'steht' er vom Nachmittagsschlummer 'auf', um sich wieder mit einem 'Ruck' auf seinem Sofa zu finden. Während er im Zimmer "umhergeht', versucht er nach dem Ofen zu schlagen, um seines Wachens gewiß zu werden, fflhlt aber fast nichts dabei, und selbst als er schließlich die Hand an den Ofen 'schmettert', keinen Schmerz.2 27. In räumlicher Beziehung unmittelbar an die eben mitgeteilte Hartmann sehe Beobachtung schließt sich die folgende, gleichfalls narkotische Erfahrung an. Herr Roger v. C.... berichtet, daß er während einer Operation den Saal, die Landschaft vor dem Fenster, das Sonnenlicht auf ihr betrachtet habe, wobei er sich in einem 'Leibe freischwebend' fortbewegte. Dann sah er die an der Operation Beteiligten, den operierten Leib, seinen mit einem Tuch bedeckten Kopf, und hörte die Gespräche des Arztes und seiner Gehilfen. 'Der Arm des Chirurgen ging durch mich hindurch... Ich fohlte mich getrieben, das verdeckte Gesicht anzusehn. Es erschien mir sehr be- 1) OR 1908 160. 2) ÜW VII 3l. 312 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens kannt... Mir kam der Gedanke, d a ß der Leib mir gehöre, daß ich sein Herr und Eigentfimer sei. Diese Vorstellung wurde mir bald zur festen Überzeugung. Der Körper kam allmählich zu sich, ...mich zog ein unwiderstehliches Verlangen, von ihm Besitz zu ergreifen... Es war mir, ...wie wenn er ein Teil von mir selbst würde. Plötzlich vergingen mir die Sinne, die Gestalten im Saal verschwanden vor meinen Augen und ich wurde bewußtlos. Als ich wieder erwachte, lag ich im Bett und litt furchtbare Schmerzen, - die Folgen des Eingriffs.'1 28. Als weiteres Beispiel hierfür, mag ein Bericht dienen, den der namhafte Elektrotechniker Cromwell Varley, F.R.S., als Zeugie vor dem bekannten Untersuchungs-Ausschuß der 'Dialektischen Gesellschaft' erstattete. Varley hatte, im Bette liegend, als Mittel gegen Halskrämpfe' einen Chloroformschwamm vor den Mund genommen. "Nach einer kleinen Weile wurde ich wieder bewußt, sah meine Frau eine T r e p p e hoch [wo sie sich tatsächlich befand] und mich selbst auf dem Rücken, mit dem Schwamm vor meinem Munde, war aber gänzlich außerstande, mich zu bewegen.'2 Ich führe noch zwei weitere Fälle an, in denen sich die Wahrnehmung wieder zum Teil auf eine gleichzeitige Operation bezog. 29. Den ersten hatte Hr. Studienrat Dr. Herman Wolf in Amsterdam die Güte mir brieflich mitzuteilen; das Subjekt, dessen eigene Niederschrift im nachstehenden wiedergegeben wird, war der Schuldiener B. Landa, der 'vor einigen Jahren' nach einem Unfall sich dem Chirurgen stellen mußte und dabei das folgende erlebte: 'Ich befand mich in einem furchtbar nervösen Zustand, bis ich für die Operation narkotisiert wurde. Während einiger Zeit (wie lange, erinnere ich mich nicht mehr) war ich mir nichts bewußt. Plötzlich eine heftige Reaktion (?), die verbunden war mit einem heftigen inneren Widerstand, als ob ich auseinandergerissen werden müßte. Ebenso plötzlich und kurz wie die Reaktion kam die Ruhe, ich sah mich selber liegen. Ein scharf umrissenes Bild des Operationstisches, auf dem ich, frei schwebend, von oben herab mich liegen sah, die Wunde der Operation auf der rechten Seite des Körpers, den Arzt mit einem nicht näher zu erklärenden Instrument in der Hand. Dies alles habe ich ganz klar beobachtet. Ich habe versucht, dies alles zu verhindern. Noch höre ich die Worte, die ich gerufen haben soll: 'Hört auf, was macht ihr da!' Ebenso plötzlich, wie das oben Beschriebene erschienen war, war es auch wieder verschwunden, aber es blieb in mir als unvergeßliches Bild zurück.' 30. Eine andere Beobachtung dieser Art wurde dem Prof. Ch. Richet unter dem 4. Juni 1908 von M. L. L. Hymans mitgeteilt. 'Zweimal', schreibt dieser, 'habe ich bei vollem Bewußtsein meinen leblosen Körper gesehen, mit dem Gefühl, daß er ein für mich äußerlicher Gegenstand sei. Ich will nicht zu erklären suchen, wie ich ohne Augen gesehen habe; ich stelle nur eine Tatsache fest. - Das erstemal war es, als ich im Operationsstuhl eines Zahnarztes saß. Während ich narkotisiert war, habe ich das Gefühl gehabt, zu 1) bei Durvillc 88 IT. 2) Ber. Dial. Ges. II HOf. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 313 erwachen und oben im Zimmer zu schweben, von wo aus ich mit der größten Verwunderung den Zahnarzt betrachtete, der mich behandelte, und den narkotisierenden Gehilfen ihm zur Seite. Ich habe meinen leblosen Körper ebenso deutlich gesehen, wie jeden andern Gegenstand im Zimmer. Das Ganze machte auf mich den Eindruck eines lebenden Bildes. Dies hat nur einige Sekunden gedauert Ich habe von neuem das Bewußtsein verloren und bin im Stuhl erwacht mit dem recht klaren Eindruck des Gesehenen.1 Die nächsten beiden Fälle zeigen nicht die narkotische Auslösung, die Hinausversetzung tritt vielmehr soz. 'von selber' ein. 31. Caroline D. Larsen berichtet folgendes: 'Plötzlich überkam mich eine sehr seltsame Erfahrung: ein Gefühl tiefer Beklemmung und Furcht, etwa wie vor einem Ohnmachtsanfall. Ich suchte mich zusammenzureißen, aber vergeblich. Die überwältigende Bedrückung nahm zu, und bald überschlich mich eine Erstarrung, die jeden Muskel lähmte. In diesem Zustand verharrte ich einige Zeit. Mein Geist dagegen arbeitete noch so klar wie je. Zunächst hörte ich noch die Musik aus dem Unterstock deutlich, aber nach und nach entschwanden mir die Töne, bis alles eine Leere und ich völlig ohne Bewußtsein war.2 Wie lange dieser Zustand dauerte, kann ich nicht sagen... Das Nächste, was ich wußte, war, daß ich, ich selbst, auf dem Fußboden neben meinem Bette stand und aufmerksam meinen eigenen, darin liegenden fleischlichen Körper betrachtete . . . Ich erkannte jede Linie des wohlbekannten Gesichts, bleich und ruhig wie im Tode, mit fest geschlossenen Augen und halbgeöffnetem Munde. Arme und Hände lagen schlaff und leblos neben dem Körper... Ich wandte mich um und schritt langsam zur Tür, ging hindurch und in den Vorsaal, der zum Badezimmer führte... Die Macht der Gewohnheit veranlagte mich, die Bewegung des Lichteinschaltens zu machen, was ich natürlich nicht wirklich tat. Aber es bestand gar kein Bedürfnis nach Licht, denn von meinem Körper und Gesicht strömte ein starkes weißliches Licht aus, welches das Zimmer strahlend erhellte.'3 32. Die demnächst folgende Erfahrung zeichnet sich aus durch die Genauigkeit, mit der das Subjekt seine seelischen Vorgänge und Erlebnisse beobachtet zu haben scheint; außerdem begegnen wir wiederum dem Versuch, durch Handhaben von Gegenständen sich der eignen 'Wirklichkeif zu vergewissern. - Der Erzähler, M. René C., hat die Polytechnische Hochschule durchgemacht und den Doktorgrad der Naturwissenschaften erworben. Das Erlebnis der 'bewußten Ichausscheidung' ist ihm mehrfach zuteil geworden. Eine dieser Erfahrungen schildert er u. a. wie folgt: 'Das Schwindelgefühl verstärkte sich; mein Bewußtsein trübte sich einen Augenblick, klärte sich dann aber rasch wieder: ich stand aufrecht im Zimmer und wußte, daß ich [von meinem Leibe] getrennt war. Mein Denken erlangte die äußerste Klarheit. Ich gab mir vollkommen Rechenschaft von mei- 1) RM 1930 190. 2) Vgl. Muldoon 163.165. 3) Nach Larsen bei Muldoon S. XXVI. 314 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens nem Zustand; ich zergliederte sorgfältig meine Empfindungen und Gedanken und war mir der Tatsache bewußt, daß ich sie zergliederte, ja auch bewußt dieses Bewußtseins selber. Obgleich es Nacht war, sah ich deutlich, aber nicht ganz in der Art, wie man das Tageslicht im Wachen wahrnimmt. Ich trug keine Bekleidung auf meinem 'fluidischen' Körper. Ich stand aufrecht und konnte mich fortbewegen, gehend oder über den Fußboden hingleitend. Ich sah vollkommen [deutlich] meinen fleischlichen Körper, der leblos auf dem Bette ausgestreckt lag, wie ein auf dem Rücken liegender Leichnam.' R.C. schildert dann einige der Überlegungen und Versuche, die er in diesem Zustand anstellte: z. B. die willkürliche 'Objektivierung' von Vorstellungen. Doch vermochte er seinen stofflichen Körper zu keiner Bewegung zu bringen. Den elektrischen Lichtschalter drehte er anscheinend mehrmals, sah aber keine Beleuchtung eintreten. Durch 'Autosuggestion' erweckte er sich 'allmählich und ohne Erschütterung', schrieb seine Erfahrung nieder und schlief dann zwei Stunden lang tief und erfrischend. 1 Eine weitere Selbstbeobachtung schließt sich hier bezüglich des Umfangs des Geschauten ohne weiteres an. Im übrigen enthält sie eine Verwicklung, wie ich sie sonst nirgends angetroffen habe. Die Exkursion wird nämlich erstmalig fast 10 Jahre später während einer 'Ohnmacht' erinnert, bleibt dann aber dauernd im Gedächtnis haften. Der Zweifler wird deshalb den Bericht natürlich für wertlos erklären. Auch dürfte er mit Spott auf den Umstand hinweisen, daß das erinnernde Ich, das typische eines halberwachsenen Knaben, identisch sein soll mit dem ehemals exkurrierenden eines 18-monatigen Kindes! Ich will mit diesem Zweifler hier nicht rechten; der erfahrene Parapsychologe wird es ohne weiteres verstehn, daß ich gerade in diesen beiden Umständen eine Steigerung der Vertrauenswürdigkeit und Bedeutsamkeit des Berichts erblicke. Wie dem auch sein mag: ich rücke die Erzählung hier ein, wie ich sie finde. Wer ihre besonderen Zumutungen als zu stark empfindet, der lasse sie ruhig beiseite. 33. Ein Mann, den der Sammler des Falles, der Maler P.-E. Cornillier, als kritisch und besonnen in Beobachtung und Urteil bezeichnet, beschreibt also den seltsamen Vorgang, daß während einer Ohnmacht, in die er im Alter von 11 Jahren durch einen Schlag auf den Kopf verfiel, ihm ein Exkursionserlebnis aus frühester Kindheit, im Alter von 18 Monaten, deutlich in die Erinnerung trat. 'Ich war wieder ein ganz kleines Kind, ein Baby geworden, und dieses Baby lag auf einem Bett in einer Stube, die mir unbekannt war. Aber seltsam: obgleich dies Baby ich selbst war, sah ich es an und erblickte es wie einen außer und unter mir befindlichen Gegenstand. Das, was es erblickte und sah, war ein andres Ich... im Räume, nahe der Zimmerdecke; aber ein 'andres Ich' mit Bewußtsein und Wahr- 1) R S 1927 217 II. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 315 nehmung, welches wußte, daß dieser kleine Körper auf dem Bette der seine war.' Der Berichterstatter schildert dann ein aus leuchtenden Funkten bestehendes Band zwischen Körper und außenbefindlichem Ich (eine typische Einzelheit vieler verwandter Vorgänge), sein Betrachten der Möbel im Zimmer, sein Bewußtsein, daß Wände, Decke und Türen für das 'Ich' kein Hindernis sein würden; endlich die Beobachtung zweier Menschen im Zimmer, eines unbekannten Mannes und seiner Mutter. Als letztere sich dem Bette näherte und den Körper des Kindes in ihre Arme riß, fühlte er sich von diesem 'unwiderstehlich angezogen', und sein Bewußtsein der Szene schwand. Er fühlte gleichsam eine heftige Entladung dem Rückenmark entlang und öffnete die Augen. Die Erinnerung an diese Erinnerungsvision wurde mit der Zeit nicht schwächer, sondern lebhafter und in allen Einzelheiten deutlicher. Fragen an seinen Vater hätten ergeben, daß die Familie zur Zeit, da der Knabe 18 Monate alt war, tatsächlich eine der Vision entsprechende Stube bewohnte: der Knabe hatte einen schweren Anfall von Krupp gehabt, der Luftröh renschnitt war erfolglos gewesen, und der Arzt hatte ihn für verloren gehalten. Er sagte dies der Mutter, und es spielte sich jener Auftritt ab, den der Knabe sah und der Mann erinnerte.1 34. Der folgende Bericht führt uns unzweideutig über die Wände des Zimmers hinaus, in welchem der (nachher auch wahrgenommene) Körper der Exkurrierenden liegt. Es verdient betont zu werden, daß das Subjekt dieser Selbstbeobachtung, Frl. Sophie Swoboda, mehrfach ähnliche Erfahrungen gemacht hat. - An dem hier fraglichen Tage war sie unter heftigen Kopfschmerzen auf einem Sofa eingeschlafen, glaubte zu bemerken, daß ihre Mutter leise das Zimmer verlasse, erwachte darauf anscheinend, fühlte sich leicht und schmerzlos, erhob sich und eilte der Mutter nach, um ihr die günstige Veränderung zu berichten. Sie fand die Mutter strickend beim Vater sitzen, der ihr vorlas, stellte sich neben die beiden, blieb aber dauernd unbeachtet. Selbst als sich die Mutter nach einiger Zeit erhob, um nach der Tochter auf dem Sofa zu sehn, konnte sich diese ihr nicht bemerklich machen, sah sich aber selbst leichenblaß und mit geschlossenen Augen auf dem Sofa liegen. Sie fühlte sich dann wie von einem Schlag auf das Ruhebett geworfen und öffnete schwer und mühsam die Augen. Ihre Eltern setzte sie in Erstaunen, indem sie ihnen die gelesene Stelle und im Gespräch geäußerte Ansichten z.T. wortgetreu wiederholte, obgleich sie sich drei Zimmer von ihnen entfernt, bei geschlossener Tür, befunden hatte.2 Ich schließe eine Aufzeichnung des amerikanischen Schriftstellers Fitzhugh Ludlow an, von dem wir ein glänzend geschriebenes Buch über seine Erfahrungen als gewohnheitsmäßiger Haschischgenießer besitzen. Bemerkenswert in seinem Bericht ist wiederum die Betonung des klaren und wägenden Bewußtseins während der Exkursion, des weiteren die Ausdehnung der Beobachtungen über den Bereich des Zimmers hinaus, endlich die Wahrnehmung einer 'rücksendenden' Stimme, - ein Zug, 1) RS 1927 110 n. 2) PS VI 294. 316 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens den der Belesene aus zahlreichen Berichten über 'Seelenreisen' erinnern wird. 35. Als völlig einzigartig (!) unter allen seinen Erfahrungen unter Haschisch berichtet Ludlow, er habe eines Tages während des Delirs bemerkt, daß 'die Seele... den Körper verlassen hatte... Aus der Luft, in der ich schwebte, blickte ich hinab auf mein ehemaliges Behältnis; ...die Brust hob und senkte sich, . . . die Schläfen pulsten und die Wangen färbten sich. Ich betrachtete den Körper prüfend und voll Verwunderung; er schien mich nicht mehr anzugehn, als der eines Fremden... Der Geist war sich bewußt des Besitzes aller m e n s c h l i c h e n Fähigkeiten, Verstand, Gefühl und W i l l e . . . und stand doch völlig tinabhängig beiseite. In diesem meinem bevorzugten geistigen Zustande wurde ich durch keinen Gegenstand der dichteren Welt gehemmt. Für mich selbst war ich sichtbar und berührbar, und doch wußte ich, daß kein körperliches Auge mich sehen könne. Durch die Wände der Zimmer konnte ich aus- und rückwärts hindurchgehen und durch die Decke die Sterne unverdunkelt schauen. Dies war weder Sinnestäuschung noch Traum Eine Stimme forderte mich auf, in den Körper zurückzukehren, indem sie sagte: .. Die Zeit ist noch nicht da.' Ich kehrte zurück . . . ' 1 Die nunmehr folgenden Fälle gehen über die bisher wiedergegebenen insofern hinaus, als das Subjekt ausdrücklich die Wahrnehmung von Dingen außerhalb seines Zimmers beschreibt, die ihm bis dahin unbekannt waren: es beobachtet mithin etwas ihm Neues, was es in der zur Zeit gegebenen Lage seines Körpers normalerweise überhaupt nicht beobachten könnte. - Die ersten drei zu berichtenden Erlebnisse enthalten diesen Zug in etwas zweideutiger Form, indem hier und da eine Erschließung des 'Wahrgenommenen' aus im Schlaf beobachteten Geräuschen denkbar erscheint. Ich führe sie gleichwohl einleitend an; die Wahrnehmung des Leibes wird in allen eindeutig behauptet. 36. Der schon oben erwähnte Cromwell F. Varley hatte einmal auf Reisen die Absicht, rechtzeitig in der Frühe zu erwachen. 'Der Morgen kam und ich sah mich selbst im Bette fest schlafen, versuchte wach zu werden, konnte es aber nicht. Da erblickte ich einen Hof, in dem ein Haufen Bauholz lag, dem sich zwei Männer näherten. Sie stiegen auf den Holzhaufen und hoben einen schweren Balken herunter. Dabei fiel mir ein zu träumen, eine Bombenkugel schlüge vor mir e i n . . . Dies weckte mich.' Eine sofort angestellte Besichtigung durchs Fenster habe die restlose Wirklichkeit des Gesehenen erwiesen. 'Am Abend, als ich diese Stadt betreten hatte, war es dunkel gewesen, und ich wußte nicht einmal, daß ein Hof vorhanden war.'2 Der folgende Bericht ist offenbar jahrelang nach dem Erlebnis niedergeschrieben, aber anscheinend aus ziemlich klarer Erinnerung. Ich gebe 1) Ludlow 74 f. 2) Ber. Dial. Ges. II 111 f. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 317 ihn trotz seiner Länge wieder, weil er die erste Austrittserfahrung Muldoons, also eines wahren Meisters in diesem Fache betrifft, und weil gerade die Häufung der Fälle die Glaublichkeit übereinstimmender Einzelzüge erhöhen soll. 37. Im Alter von 12 Jahren und angeblich 'so gut wie nichts' von den "höheren Dingen' wissend, war M. von der Mutter zu einem spiritistischen 'Camp-meeting' in Clinton, Iowa, mitgenommen worden, wo sie in einem Hause abstiegen, das mehrere bekannte Medien beherbergte. Abends gegen 10,30 eingeschlummert, kam er nach mehreren Stunden Schlafes halbwegs zu sich, ohne recht zu wissen, wo er war, und ohne sich rühren zu können. Dann glaubte er zu schweben und fühlte einen sehr starken Druck in der Gegend des verlängerten Rückenmarks... Allmählich stellten Gehör und Gesicht sich ein. 'Worte könnten mein Staunen nicht beschreiben. Ich schwebte I Starr wagerecht schwebte ich in der Luft, einige Fuß über dem Bett... Ich wußte [jetzt] genau, wo ich war, konnte mir aber mein seltsames Verhalten nicht erklären . . . Ich bewegte mich gegen die Zimmerdecke zu . . . Ich glaubte natürlich, daß dies mein normaler Leib sei . . . , der sich aber unbegreiflicherweise der Schwerkraft entzogen hatte. Es war zu unnatürlich, als daß ich es hätte verstehen können, und doch zu wirklich, um es zu bestreiten . . . Als ich mich etwa 6' über dem Bett befand, wurde ich unwillkürlich, wie von einer unsichtbaren Kraft, aus der wagerechten Lage in die senkrechte aufgerichtet und auf den Fußboden des Zimmers gestellt. Dort stand ich etwa 2 Minuten, noch immer unfähig, mich aus eigenem Antrieb zu bewegen, und gerade vor mich hinstarrend... [Schließlich] tat ich einen Schritt, wobei der Druck [im Hinterkopf] sich verstärkte und meinen Körper in einem spitzen Winkel vorspringen ließ. Es gelang mir, mich umzuwenden. Da sah ich mich selbst.1 Ich fing an zu glauben, ich sei verrückt. Da lag ein zweites Ich r u h i g auf dem B e t t e ! . . . Meine beiden gleichen Körper waren verbunden durch ein d e h n b a r e s Kabel, von dem das eine Ende in der Hals-Gegend meines astralen Doppelgängers befestigt war, während das andere Ende zwischen den Augen des fleischlichen Leibes haftete. Dieses Kabel durchmaß den Abstand von etwa 6', der uns trennte. Während dieser ganzen Zeit hatte ich Mühe, mein Gleichgewicht zu halten, und schwankte bald nach der einen, bald nach der andern Seite. Da ich die wahre Bedeutung meines Zustands nicht kannte, war mein erster Gedanke bei diesem Anblick, daß ich während des Schlafes gestorben s e i . . . Angestrengt bemüht, den magnetischen Zug des Kabels zu überwinden, begab ich mich in das andere Zimmer, wo meine Verwandten schliefen, in der Hoffnung, sie zu wecken und ihnen meinen schrecklichen Zustand mitzuteilen. Ich versuchte, die Tür zu öffnen, fand aber, daß ich h i n d u r c h g i n g . . . ! Von Zimmer zu Zimmer gehend, versuchte ich krampfhaft, die schlafenden Bewohner des Hauses zu wecken. Ich packte sie, rief sie an, versuchte sie zu schütteln, aber meine Hände gingen durch sie hindurch, 1) eigentlich: 'da waren zwei Iche'. 318 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens als wären sie nur Dampf... Alle meine Sinne erschienen normal, ausgenommen das Getast... Ein Kraftwagen fuhr am Hause vorüber; ich konnte ihn deutlich sehen und hören. Nach einer Weile schlug die Uhr zwei; ich blickte hin und sah sie eben diese Stunde zeigen.' Nach etwa einer Viertelstunde solchen Umhergehens verstärkte sich deutlich der Zug am 'Kabel'; Muldoon wurde in Zickzacklinien nach dem stofflichen Körper hin zurückgezogen, fühlte sich wieder wie gelähmt und schwebte abermals wagerecht über dem Bette, bis das Phantom plötzlich in den Körper zurückfiel, wobei alle Muskeln desselben zuckten und ein scharfer Schmerz sie durchschoß. M. lebte wieder im Leibe.1 38. Von der gleichen Art war das zweite der beiden Exkursionserlebnisse des Herrn L. L. Hymans, dessen erstes schon oben mitgeteilt wurde. 'Ich war', schreibt dieser, 'in London in einem Hotel. Ich erwachte morgens ein wenig unwohl (ich habe ein schwaches Herz), und gleich nach dem Erwachen fiel ich in Ohnmacht. Zu meinem größten Erstaunen befand ich mich bald im oberen Teil des Zimmers, von wo aus ich meinen leblosen Körper im Bett befrachtete, dessen Augen geschlossen waren. Ich versuchte ohne Erfolg, in meinen Körper wieder einzugehen, und schloß daraus, daß ich tot sei. Ich begann darüber nachzudenken, was die Leute vom Hotel, meine Verwandten, meine Freunde sagen würden. Ich fragte mich, ob gerichtliche Nachforschungen stattfinden und wie sich meine Geschäfte abwickeln würden. Sicherlich hatte ich weder das Gedächtnis, noch das Selbstbewußtsein verloren. Ich sah meinen leblosen Körper wie einen Gegenstand für sich; ich war imstande, mein Gesicht zu betrachten. Doch konnte ich nicht das Zimmer verlassen; ich fühlte mich soz. angekettet, festgelegt in der Ecke, wo ich mich befand. - Nach 1 bis 2 Stunden hörte ich mehrmals an die abgeschlossene Tür klopfen, ohne ein Lebenszeichen geben zu können. Kurze Zeit danach erschien der Hauswart des Hotels auf dem Balkon, zu dem eine Feuerleiter emporführte. Ich sah, wie er das Zimmer betrat, ängstlich meinen Körper anschaute und dann die Tür öffnete. Bald kamen die Hotelverwalterin und Andere herein. Ein Arzt traf ein, ich sah ihn den Kopf schütteln, als er mein Herz abhorchte, und dann einen Löffel zwischen meine Lippen bringen. Ich verlor das Bewußtsein und erwachte im Bett. Alles dies hat mindestens 2 Stunden gedauert.'2 Die 'Ankettung' in dieser Beobachtung mag man versuchsweise auf eine Unnachgiebigkeit' jenes rätselhaften 'Bandes' zurückführen, welches soeben auch Muldoon erwähnte und auf das ich noch zu sprechen komme. Die lange Dauer der Exkursion in diesem Fall erscheint keineswegs außerordentlich; ich bitte die Fälle 43, 46, 51,53 zu vergleichen. Auch die nächstfolgenden drei Fälle lassen hinsichtlich der Wahrnehmung von Unbekanntem gewisse Bemängelungen zu, - so nahe- 1) Muldoon 5 ff. Vgl. die beiden Berichte bei Lambert, Helen C. 32 f. 2) RM 1930 190 f. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 319 liegend, daß ich sie nicht im einzelnen auszudeuten brauche. Indem sie uns auf klarer ausgestaltete hinführen, bereichern sie zugleich unsre Anschauung des Kernstücks dieser Tatsachenschau: der Wahrnehmung des 'verlassenen' Leibes von außen. 39. Das erste Beispiel berichtete Mrs. J. P., eine Diplomabsolventin der Universität von Californien, ihrem Bekannten, dem Prof. James Hyslop. 'Im Alter von 24 Jahren wurde mir ^gelegentlich eines chirurgischen Eingriffs ein Anästhetikum verabreicht. In dem Augenblick, da ich wieder zu mir kommen wollte, war es mir, als befände ich mich frei im Zimmer, völlig ich selbst, obgleich ohne meinen Körper. Ich fühlte mich in einen Geist verwandelt und glaubte, mittels des Schmerzes den so sehr herbeigewünschten Frieden erlangt zu haben. Ich betrachtete meinen unter mir auf dein Bett ausgestreckten Körper. Im Zimmer befanden sich die beiden Schwestern meiner Schwiegermutter, von denen die eine auf dem Bett saß und meine Hände wärmte, während die andere, auf der gegenüberliegenden Seite stehend, mich anblickte... Ich hatte nicht den geringsten Wunsch, wieder in meinen Körper einzugehen, fühlte mich aber gegen meinen Willen gezwungen, in ihn zurückzukehren. - Das Merkwürdigste an meiner Erfahrung ist aber dies, daß ich, kaum erwacht, die Frage stellte: Wo ist Mrs. K . ? . . . In der Tat war Mrs. K. nicht zugegen gewesen, als ich einschlief, und erst eingetreten, als ich bereits schlief und die Augen vollkommen geschlossen hatte. Auf eine Frage der Schwiegermutter erwiderte ich: Ich habe sie dort stehen gesehn.' - Es ist bedeutsam zu hören, daß Mrs. J. P. seit diesem Erlebnis behauptete, das Überleben der Seele zu begreifen.1 40. Der demnächst folgende Bericht stammt von M. Charles Quartier, jedem Leser der 'Revue Métapsychique' bekannt als deren ständiger und zweiflerisch eingestellter Besprecher von Fachschriften. - 'Im September 1918 war ich sehr geschwächt durch die sog. spanische Grippe und mein Körper völlig heruntergekommen infolge der langen Kriegsunterernährung; während meiner Genesung geschah es mir daher häufig, daß ich ganz unerwartet in Ohnmacht fiel. Eines Nachmittags nun lag ich auf dem Sofa in einer Ecke meines Zimmers und ruhte mich aus. Währenddessen unterhielt sich meine Mutter in der Vorhalle mit eingetroffenen Besuchern. Plötzlich sah ich mich selbst, als wäre ich vom Sofa gefallen: Kopf und Oberkörper auf dem Fußboden, aber die Beine noch auf dem Sitz. Dann hatte ich dreierlei Gefühle, ohne daß ich sagen könnte, ob gleichzeitig oder nacheinander: eine sehr angenehme und kaum zu beschreibende Empfindung der Ausdehnung, der Fülle, des Allumfassens,2 der äußersten Leichtigkeit, mit einem Wort: eines unwahrscheinlichen Wohlgefühls, wie ich es nie seitdem im gleichen Maß empfunden habe. Dann des weiteren ein Gefühl des unvernünftigen, fast kopflosen Schreckens, entspringend aus dem Ungewohnten des Anblicks und dem Bewußtsein, daß ich mich einer normalerweise unmöglichen Tatsache gegenüber befand: sich selbst zu sehen ohne Hilfe eines 1) JAmSPR 1908 515. 2) d'universalité. 320 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens Spiegels; in diesem Zimmer aber befand sich nicht einmal der Schatten eines Spiegels. Endlich der Gedanke oder das Gefühl, daß es sehr gefährlich sein könne, falls ich so mit dem Kopfe abwärts verbliebe, und daß man um jeden Preis mich aufheben müsse, was ich zu tun versuchte (jedenfalls kam es mir so vor), immer soz. von außen, als hätte es sich darum gehandelt, den Körper eines Fremden aufzuheben, um ihn an seinen Platz zurückzulegen, - natürlich ohne jeden Erfolg. Dann glaubte ich in der Vorhalle zu sein, wo ich versuchte, die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu erregen, die mit ihren Besuchern sprach und plötzlich erklärte: Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich muß nachsehen, was mein Sohn macht; mir scheint, er hat mich gerufen. Danach erinnere ich mich an nichts mehr, bis ich in normaler Lage auf dem Sofa erwachte, meine Mutter neben mir und ängstlich um mich bemüht, wie um einen Ohnmächtigen.' (Es folgen einige erörternde Bemerkungen nebst dem Ausdruck des Bedauerns, daß das Erlebnis nicht sofort aufgezeichnet wurde, sowie ein bestätigendes Zeugnis der Mutter über ihren Anteil an dem Hergang und die sofortige Erzählung des Sohnes. Herr Quartier war tatsächlich vom Sofa gefallen, und die Mutter hatte des Beistandes ihrer Besucher bedurft, um ihn aufzuheben.)1 Zwei andre von Dr. Osty mitgeteilte Berichte (geschrieben am 3. Mai 1930) stammen von Mme Nathalie Annenkoff, einer Dame, von deren paranormalen Leistungen mehrfach in der ßev. Met. die Rede gewesen ist. Der zweite bietet keinerlei Wahrnehmungen von Unbekanntem, sei aber im Zusammenhang hier eingeschoben. 41. *Es ist vier Jahre her, daß meine erste [Erfahrung von 'Austritt aus dem Leibe'] stattfand. Ich wußte damals nicht, daß dergleichen möglich sei, da ich keinerlei Vorstellung von solchen Dingen hatte. An einem sehr schönen und warmen Tage im Frühjahr 1926 saß ich auf dem Friedhof am Rande des Grabes meiner eben gestorbenen kleinen Tochter. Ich war bedrückt und traurig, aber bei guter Gesundheit. Ich erinnere mich genau, daß ich während des Beobachtens der Futter suchenden Ameisen in den eben gepflanzten Blumen mich körperlich und seelisch immer leichter werden fühlte. Mein erster Eindruck war, daß meine Beine und Arme kein Gewicht mehr hatten, dann der Unterleib, dann die Brust. Und plötzlich befand ich mich über und zur Seite meines Körpers, den ich am Rande des Grabes sitzen sah. Ich betrachtete meine müde aussehende Gestalt und bemerkte sogar, daß mein Mantel mit Erde beschmutzt war. Ich hatte die Empfindung, über meinem Körper zu schweben in einem völligen Glücksrausch. Ich hatte das Gefühl einer großen und leuchtenden Lebenslust, als lebte ich tausend Leben zugleich, und einer vollkommenen Ruhe. Ich konnte mich nicht bewegen und fühlte kein Bedürfnis danach. Aber ich konnte sehen, begreifen und das Gefühl eines innerlichen und glücklichen Lebens haben. Mein Körper erschien mir wie ein alter Fetzen, wie etwas Abgetanes. Ich dachte: Dies ist der Tod! Und doch war ich voll 1 ) RM 1930 1911. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 321 Lebenslust. Ich sah den Friedhofswärter sich meinem Körper nähern, ihn anfassen und befühlen, mich anrufen und dann davoneilen. Er sagte mir später, daß er gegangen sei, eine Ambulanz zu holen, und daß meine Hände und Gesicht schon angefangen hätten zu erkalten. Als ich ihn forteilen sah, begriff ich, daß er mich für tot hielt, und wurde plötzlich von Schrecken erfaßt. Dies ist der Tod, dachte ich, wie wird mein Mann ohne mich leben? Aber ich fühlte mich so lebendig, daß ich mir sagte: Ich muß mich in meinen Körper zurückbegeben. Ich versuchte, wieder in ihn einzugehen, und fürchtete doch, daß ich nicht dazu imstande sein würde. Zuerst kehrte das Gefühl der Schwere wieder, dann die Schmerzen, die kleinen Unbehaglichkeiten, an die wir so sehr gewöhnt sind, daß wir sie nicht mehr bemerken. Schließlich kam die Traurigkeit und das Bedürfnis zu weinen . . . ' 41a. 'Vor zwei Wochen hat sich diese Erfahrung erneuert. Ich las eines Abends im Bette ein heiteres Buch, über dessen drollige Torheiten ich vor mich hin lachte. Plötzlich hatte ich den Eindruck, mich selbst zu verlassen, und sah meinen daliegenden Körper mit dem Buch in den Händen, während ich mich selbst in der Luft fühlte, sehr glücklich und mit einem Gefühl verinnerlichten Lebens. Ich betrachtete meinen Körper, fand, er sehe gut aus, und sagte zu mir: Es ist ein Jammer, so jung zu sterben. Ich näherte mich meinem ausgestreckten Körper und versuchte, wieder in ihn einzugehen. Sogleich fühlte ich, daß er mich [gewissermaßen] einsog,1 wie ein Löschblatt oder ein Schwamm das Wasser aufsaugt. Mein Mann läutete; ich erhob mich, um ihm zu öffnen.' 2 Neben dem Gefühl der Leichtigkeit, Ruhe und 'Euphorie' fällt auch hier auf, daß das Subjekt während der Exkursion sich für gestorben hält, zudem, daß es durch dieselbe in einen Zustand mehr 'innerlichen' Lebens gelangt zu sein glaubt. Die Wahrnehmungen enthalten Einzelheiten, die aus schwachbewußten Körperempfindungen nicht abgeleitet werden können (wie z. B. die des erdbeschmutzten Mantels). Auch die völlige Rückverwandlung des Gefühlstons beim Abschluß der Exkursion ist sehr beachtenswert. Besonders schlagend nun aber tritt die Wahrnehmung einer normal unbekannten Einzelheit in einem Bericht des Prof.M.B. in Ledec (Böhmen) hervor, den wiederum Dr. Kuchynka mitteilt. 42. Prof. B. hatte, während der Arbeit in seinem 'Atelier', zufällig eine Schrift über 'Yogismus' in die Hand bekommen und darin auch eine Anleitung gelesen, 'wie man aus seinem Leibe heraustreten könne'. Trotz seiner ausgesprochenen Ungläubigkeit versuchte er, einem 'abenteuerlichen Einfall' folgend, sehr gewissenhaft die vorgeschriebenen Übungen. "Natürlich ohne Erfolg.' Er legte also das Buch beiseite und begab sich ins Schlafzimmer, wo er über einem gleichgültigen Buche 'wahrscheinlich' einschlief. 'Im nächsten Augenblick erwachte ich wie aus einem bösen Traum, aber ich hatte die 1) Vgl. o. die Fälle 3, 7, 33, 37. 2) a . a . O . 1921. M a t t i e s e n Das persönliche Überleben II 21 322 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens Augen geschlossen. Ich fohlte jedoch, daß ich mich nicht in der vorigen Lage befand, also rücklings, sondern daß ich wagerecht mit dem Gesicht nach unten schwebte. Ich bin Maler und kann mir infolge meines geschulten Bildergedächtnisses nachträglich die Einzelheiten dessen, was ich gesehen habe, ins Bewußtsein rufen. Als hätte ich es heute gesehen, erinnere ich mich an folgendes Bild: Ein schlichtes, hell erleuchtetes Schlafzimmer, neben dem Bett ein Tischchen mit einem Glase Wasser und einer tickenden Uhr, ein Teppich, und auf dem Bette mein eigenes Gesicht mit geschlossenen Augen, mit den Zügen eines Leichnams un'd mit im Todeskampf zusammengebissenen Zähnen. Mein erster Gedanke war, daß ich aus dem unendlichen Strom des Lebens und Todes entschlüpft sei, wie wenn sich der Fuß aus dem Gelenke verstaucht und nicht zurück kann . . . Dies Gefühl, daß ich gar nicht sterben könne, rief in mir einen grenzenlosen Schauder hervor, wie ich ihn weder zuvor noch nachher je erlebt habe. Es kam mir der Gedanke, wie man meinen Leib finden und begraben würde, und ich bin doch nicht gestorben und kann es niemand mitteilen! Ich spannte übermenschlich meinen Willen an, dann hatte ich das Gefühl, wie wenn der verstauchte Fuß in das Gelenk wieder hineinfiele, und ich sah die bekannte Decke und lag in meinem Bette. Meiner Gefwohnheit gemäß bemühte ich mich, mir alles logisch zu erklären: Ich war wahrscheinlich eingeschlafen und hatte einen schweren Traum gehabt. Aber drei Gründe überzeugen mich, daß es sich nicht so verhalten hat: 1. Nie zuvor war ich imstande gewesen, mir mich selbst mit geschlossenen Augen vorzustellen. 2. Noch in der ersten Lage nach dem Erwachen wurde ich mir dessen bewußt, daß ich von oben neben dem Bett ein heruntergefallenes Buch mit einem zusammengeknifften Blatte gesehen hatte. Es war heruntergefallen, nachdem ich das Bewußtsein verloren hatte. In meiner Lage [im Bette] konnte ich es nicht sehen, wohl aber in der neuen, oben beschriebenen Lage... Das Buch lag tatsächlich, wie ich nachher fand, in dem von mir gesehenen Zustand auf dem bewußten Platz. Außerdem bemühte ich mich, mir die Ansicht des Bettes und des Schlafzimmers, so wie ich sie gesehen hatte, zu verschaffen, fand aber, daß es nur dann vollständig möglich wäre, wenn ich mich auf ein ungefähr i / i Meter über dem Bette wagerecht aufgehängtes Brett legen würde. 3. In der Furcht, nochmals einzuschlafen, zeichnete ich mich selbst nach der Erinnerung, und dabei erinnerte ich mich, daß ich auf einem meiner zusammengebissenen Zähne ein kleines Fleckchen bemerkt hatte. Ich dachte: Es ist mir nichts bekannt von einem Fehler oder einer herausgefallenen Plombe. Vor dem Einschlafen habe ich es nicht gesehen . . . Ich sah in den Spiegel: der Fleck war tatsächlich da. Aber es war kein Fehler im Zahn, sondern ein Mohnkorn aus einem Kuchen, den ich vor dem Einschlafen gegessen hatte, das dort stecken geblieben war. - Weder vorher noch nachher ist mir oder sonst jemand aus unserer Familie etwas Übernatürliches zugestoßen; es waren auch keine Nervenkrankheiten oder Neigungen dazu vorhanden.'1 1) ZmpF 1931 171 f. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 323 Der nächste Bericht gehört in mehr als einer Hinsicht zu den bemerkenswerteren. Der Berichterstatter beschreibt, ehe die Wahrnehmung des eigenen Leibes erwähnt wird, in seltsam anschaulicher Weise den Vorgang des Sterbens bis zum Austritt des Ich. Die Behauptung der Wahrnehmung von normal Unbekanntem ist sehr bestimmt, das Bewußtsein angestellter Beobachtungen sehr deutlich, und die Erfahrung geht schließlich in Schauungen unirdischen Inhalts über, spielt also insofern in jenen Typ hinüber, der den Abschluß unsrer Reihe bilden soll. 43. Das Subjekt dieser Erfahrung, Dr. A. S. Wiltse, Arzt in Skiddy im Staate Kansas der U. S. A., war in der schwersten Phase eines Typhus schließlich eine Stunde lang ohne Puls und wahrnehmbaren Herzschlag und wurde von mehreren Anwesenden fQr tot gehalten. Er glaubt, eine Zeit lang bewußtlos gewesen, dann aber wieder zu sich gekommen zu sein, und zwar als sein 'wahres Ich', aber doch noch innerhalb des normalen Leibes, dessen anatomische Wunder er mit der Teilnahme des Arztes betrachtete.1 'Ich überlegte in Ruhe folgendermaßen: Ich bin gestorben . . . und doch bin ich ein Mensch, wie nur je zuvor... Ich beobachtete den merkwürdigen Vorgang der Trennung von Seele und L e i b . . . Als ich hervortrat, sah ich zwei Damen mir zu Häupten sitzen. Ich schätzte den Abstand vom Kopfende meines Bettes bis zu den Knien der einen Dame und schloß, daß ich genügend Raum haben würde, dort zu stehen... Ich schien durchsichtig, von bläulicher Farbe und vollkommen nackt zu s e i n . . . [Dem Blick einer der Anwesenden folgend,] sah ich meinen eigenen L e i c h n a m . . . Ich war überrascht von dem bleichen Aussehn des Gesichts. Ich hatte tagelang in keinen Spiegel geblickt und geglaubt, ich sei nicht so blaß, wie die meisten Schwerkranken . . . Ich sah mehrere Personen um den Leichnam herum sitzen und stehen und bemerkte insbesondere zwei Frauen, die anscheinend zu seiner Linken knieten... Ich habe seitdem erfahren, daß dies meine Frau und meine Schwester waren.' W. suchte sich den Anwesenden bemerklich zu machen, aber ohne Erfolg, worüber er lachen mußte, was aber, zu seiner Verwunderung, die Trauemden auch nicht hörten. 'Sie sehen nur mit den Augen des Leibes', sagte er zu sich selbst, 'sie betrachten, was sie für 'mich' halten. Aber sie irren. Das bin nicht ich. Dies bin ich, und ich bin so lebendig, wie nur je.' Er begab sich durch die Tür hinaus, schritt die Treppe hinab und betrat die Straße. 'Ich hielt an und blickte um mich. Nie sah ich die Straße deutlicher, als in diesem Augenblick. Ich beobachtete insonderheit die rote Färbung des Bodens und die Auswaschungen, die der Regen [während meiner Bettlägerigkeit] verursacht hatte . . - Der Rest des mehr als 6 engbedruckte Seiten beanspruchenden Erlebnisses geht allmählich in erdfremdes Schauen über, ist aber durchweg von äußerster Ausführlichkeit in Einzelheiten und Sicherheit der Erinnerungen. - Die von Dr. Wiltse gemachten Beobachtungen im Zimmer und auf der Straße stimmten, wie sich nachträglich feststellen ließ, mit den Tatsachen überein.* 1) Über hellsichtige Innenschau vgl. Sollier; Müller; Mattlesen 403 fl. 407 f. 2) Pr VIII 180 fl. (stark gekürzt). 21* 324 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens 44. Etwa ebenso reich an räumlich umfassenden Wahrnehmungen während der Exkursion ist folgende Erfahrung des Herrn W. A. Laufmann, eines; kaufmännischen Reisenden. Laufmann, der unterwegs in Omaha fast zwei Tage lang 'für tot' gelegen hatte, beschreiht zunächst den Vorgang seines 'Sterbens' nicht unähnlich den Angaben Dr. Wiltses. 'Ich hatte das Bewußtsein von etwas gleich einem Watteball, der sich loslöste und ausbreitete, in der Größe eines Mannes, wenigstens drei Fuß größer als ich.1 Ich stand mitten im Zimmer und sah deutlich meinen toten Körper auf dem Bette liegen. Ich machte mich daran, das Zimmer zu verlassen und begegnete einem der Ärzte. Ich wunderte mich, daß er nichts zu mir sagte, aber da er sich nicht bemühte, mich anzuhalten, begab ich mich auf die Straße hinaus.' Hier traf er einen Bekannten, Mr. Milt Blose. 'Ich versuchte, ihn zur Begrüßung auf den Rücken zu klopfen, aber mein Arm ging geradewegs durch ihn hindurch... Es war mir ganz unmöglich, seine Aufmerksamkeit zu erregen . . . Ich sah ihn deutlich die Straße überqueren und ein kleines Terrisrad' in einem Fenster anschauen.' Laufmann begab sich dann wieder ins Krankenhaus zurück, durch die Tür in sein Sterbezünmer, sah wiederum seinen Leichnam und hörte die Ärzte den Fall erörtern. Als einer versuchsweise seinen Füßen einen elektrischen Apparat anlegte, empfand er es deutlich, 'während ich draußen mitten im Zimmer stand, und unter heftigstem Schmerzgefühl wußte ich, daß ich wieder im Leibe sei.' Herr Laufmann besitzt Briefe und Telegramme, aus denen hervorgeht, daß Herr Milt Blose an dem betreffenden Tage wirklich in Omaha war, jene Straße hinabschritt und das Ferrisrad im Fenster betrachtete.2 'Unter dem Schutze' gleichsam der ärztlichen Selbstbeobachtung des Dr. Wiltse füge ich hier eine weitere Jugenderinnerung S. J. Muldoons. ein, die etwa in gleichem Umfang die Wahrnehmung um den 'Leichnam* anwesender Personen zeigt. 45. Eines Tages im Sommer 1916 wollte er einen vom Sturm über die Straße und den Bürgersteig geworfenen elektrischen Leitungsdraht aus dem Wege räumen und ergriff ihn, worauf die Hochspannung ihn sofort bewußtlos nieder- und über die halbe Straße warf, wie ihm seine Kameraden später erzählten. 'Alsbald kam ich außerhalb meines stofflichen Leibes zu mir und sah ihn daliegen . . . Ich konnte die furchtbare Elektrizität [mit rasenden Schmerzen] mich durchströmen fühlen, während ich mehrere Fuß von meinem natürlichen Leibe entfernt stand, der in Berührung mit dem Drahte war.3 Ich konnte mich aus eigenem Willen nicht rühren. Die Arme meines astralen Leibes wurden starr gehalten - als griffen sie einen Draht, der nicht da war -, gerade wie meine wirklichen Arme einen Draht fühlten, der wirklich da war . . . Inmitten dieser Höllenqualen konnte ich die andern Knaben neben mir stehen sehen, die stumm vor Angst mich nicht zu berühren wagten... Vergeblich schrie ich ihnen zu, nach Hilfe zu laufen, aber sie konnten weder 1) Vgl. o. die Fälle 10 u. 24. 2) Bd IV 4381. 3) Diese "doppelte Empfindung' erinnert an die bekannte 'Synästhesie' zwischen Medium und Phantom. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 325 mich im astralen Leibe sehen, noch meine flehentlichen Bitten hören... Plötzlich schienen sie zu sich zu kommen... Ich konnte sehen, wie sie umherliefen, mit aller Macht um Hilfe schreiend. So stand ich da, hilflos, mehrere Minuten lang, die mir wie ebenso viele Jahre erschienen. Dann, Gottlob, konnte ich Leute sehn, die aus allen Richtungen der Nachbarschaft auf die Stelle zu rannten, und glaubte zu wissen, daß irgendeiner mich aus meinen Qualen befreien würde. Unter ihnen war M., der, fast einen Häuserblock entfernt, über einen Zaun kletterte, - einer meiner besten Freunde . . . Auch zwei Frauen aus den umliegenden Häusern kamen herbeigelaufen. Ich kannte auch sie. Und dort liefen ein Mann und sein Sohn auf mich zu - der Mann mit einem Beil in der Hand und in Gummistiefeln. Dieser bfickte sich, um meinen physischen Körper aufzuheben, und während er dies tat, war mir, als schwänge ich mich in ihn zurück und wäre wieder bewußt da, während alle Nachbarn mich umstanden und zusahen. Alle in diesem Bericht Erwähnten sind noch am Leben und würden sich für die Echtheit des Erlebnisses verbürgen, soweit die äußere Beobachtung ging... Alle waren erstaunt, daß ich 'ins Leben' zurückkehrte, wie sie sagten, und der herbeigerufene und untersuchende Arzt war gleichfalls! verblüfft, angesichts der Zeit, die ich am Drahte gehangen, und desseri Stromspannung. Tatsächlich hatten die Zuschauer geglaubt, der Tod sei schon längst eingetreten. Die Knaben sagten, es wären etwa 10 Minuten verstrichen von meiner ersten Berührung des Drahtes bis zum Abgenommenwerden.' 1 In den demnächst anzuführenden Fällen ist ein weiteres beträchtliches Anwachsen der Wahrnehmungen auf Grund vermehrter und freierer 'Ortsbewegung' der Hinausversetzten festzustellen, und dies soll, neben der gelegentlichen Erfahrung von vorher gar nicht Gewußtem, der Gesichtspunkt ihrer Zusammenstellung sein. 46. Ich beginne mit der kurz zusammenzufassenden Erfahrung eines Leutnants, der durch entweichendes Kohlengas während des Schlafs in den Zustand des Ich-Austritts geraten war. Er fand sich plötzlich mitten im Zimmer stehend, las in einem Buch auf seinem Tisch, vermochte aber das Blatt nicht umzuschlagen, ging durch die Wand ins nächste Zimmer, sprach zu dem dort zeichnenden Kameraden, berührte ihn, blies ihn an, aber ohne sich bemerkbar machen zu können, kehrte in sein Zimmer zurück, sah seinen Körper noch auf dem Bette liegen, ging durchs Fenster auf die Straße, dann zum Bahnhof, beobachtete das Hinundherschieben der Züge, betrat einen Tunnel, von dessen Vorhandensein er bislang nichts gewußt hatte, und beobachtete die Arbeiter; schließlich sah er seinen Burschen seinen Körper rütteln und das Fenster aufreißen. Alle diese Wahrnehmungen seien am nächsten Tage nachgeprüft und bestätigt worden.2 1) Muldoon 187 H. 2) OR 1908 159 f. 326 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens 47. Eine Selbstbeobachtung von Mme Eugénie Garcia (wenn ich rccht verstehe, im somnambulen Zustand niedergeschrieben und darum - nun: verdächtig oder doppelt vertrauenswürdig?!) lautet u.a. wie folgt: Das erstemal, als ich mir meiner Hellsinnigkeit im Zustand der Hinausversetzung bewußt war, erlebte ich folgendes: Ich sah mich auf einmal aufrecht an der Stelle, wo man mich eingeschläfert hatte; ich hatte doch im Stuhl gesessen, und nun hatte ich mich aufgerichtet, ohne es zu merken! Ich betrachtete mich: ich war ganz leuchtend und durchsichtig, leicht wie eine Feder! Plötzlich wurde ich meinen Leib gewahr, der unbeweglich im Lehnstuhl ausgestreckt lag. Drei oder vier Personen umgeben ihn und betrachten ihn aufmerksam. Ich sehe ihn mir auch an, wie die andern a l l e . . . Er erscheint mir ganz durchsichtig, ich sehe in sein Innerstes hinein.' Zugleich glaubte sie die Gedanken ihres Magnetiseurs zu lesen. 'Nachdem ich mich selber genügend betrachtet hatte, besah ich mir die Umstehenden. Sie erschienen mir so wie im wachen Zustand, nur waren sie alle durchsichtig... Darauf besah ich mir die Umgebung, aber statt undurchdringlicher Möbel und Mauern erblickte ich lauter durchsichtige Dinge, alles war wie Glas. Ich sah auch die Wohnung unsres Nachbarn und die Personen darin, als wenn wir uns in einem Haus von Kristall befänden. Dann kam mir der Gedanke, mich ein wenig im Freien zu ergehen. Ohne meinen Leib aus den Augen zu verlieren, wurde ich ebenso schnell, wie man seine Gedanken von einem Ort auf den andern richtet, von einem Ende von Paris nach dem andern entrückt. Ich sah die Häuser, die Leute und Wagen, aber alles durchsichtig wie Glas... Auf einmal fühlte ich eine heftige Erschütterung und fand mich mitten im Zimmer wieder, das ich verlassen hatte. Ich unterschied noch undeutlich meine beiden Körper, aber nach und nach wurde es dichter und schwerer um mich her und ich sah nichts mehr; man weckte mich.' - Ähnliche Erfahrungen will die Dame 'mehrere hundert Male' gehabt haben.1 Die nächste Beobachtung beschreibt uns eins der berühmtesten Medien, Mrs. Leonard, - ein Umstand, der uns noch bedeutsam werden wird. 48. 'Eines Nachmittags ruhte ich auf meinem Bett in dem halbverdunkelten Zimmer, als ich das seltsame Gefühl hatte, über das Bett erhoben zu werden. Ich konnte das Bett mit meinem natürlichen Leibe gar nicht fühlen. Ich dachte, ich müsse im Begriff sein, meinen Leib zu verlassen, wurde wachsam und interessiert und ein wenig aufgeregt; aber sofort verließ mich das Gefühl des In-der-Luft-Schwebens... und ich fand mich auf dem Bette ruhend... Während einiger Wochen danach legte ich mich stets mit der Erwartung... und Hoffnung nieder, daß sich die Erfahrung wiederholen würde, doch wurde ich darin enttäuscht und gab die Hoffnung schließlich auf. Eines Nachmittags..., um mich für die Sitzung [mit einem Ehepaar] vorzubereiten, legte ich mich aufs Bett auf meine rechte Seite. Ich fühlte 1) Durville 76 H. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 327 mich ein wenig schläfrig, aber plötzlich verschwand die Schläfrigkeit und wich einem äußerst ruhigen Gefühl ohne jede Müdigkeit. Dann fühlte ich eine Art prickelnder Erschütterung,1 als ginge ein leichter elektrischer Strom durch meinen Körper, und hatte wiederum das Gefühl, nicht auf dem Bette zu ruhen. Ich konnte ganz klar denken... Was nun geschah, werde ich nie vergessen: es war wunderbar. Ich bewegte mich nicht im mindesten willkürlich, weder Glied noch Muskel, und meine Augen waren geschlossen. Ich fragte mich, wie hoch wohl mein Körper sich über dem Bette befände, öffnete mit einiger Anstrengung die Augen, blickte nieder und sah meinen irdischen Leib auf dem Bette ruhend, während ich in meinem astralen Körper über ihm zu verharren schien. Wie klar meine Gedanken waren, ist aus folgendem zu ersehen: Ich bemerkte, daß der Kopf meines irdischen Leibes auf einem bestimmten Nachtzeugbehälter mit gestickten Ecken lag. Ich war überrascht, ihn darauf zu sehen, denn ich entsann mich nicht, die Tasche am Morgen mit der zuvor benutzten vertauscht zu haben. Mir kam auch der Gedanke, wie seltsam es sei, daß mein Kopf darauf lag, weil das gar nicht meiner Gewohnheit entspricht. Ich empfand Befriedigung darüber, daß ich alle diese Dinge bemerkte.' Sie fühlte dann die Entfernung von ihrem Leibe wachsen und erregte sich bei dem Gedanken, ob sie auch werde zurückkehren können. Dies zog sie, nachdem sie schon über dem Bettrande geschwebt hatte, 'etwa einen Fuß gegen den Körper zurück.' Dann aber entschloß sie sich, 'komme was wolle', alles durchzumachen, hörte ihren Mann die Wohnungstür öffnen und mit jemand im Vorraum sprechen, betrat selber diesen, stellte fest, daß der Unterredner der 'Gasmann' war, und sah, wie ihr Gatte einer die Treppe herabkommenden Magd ohne ein Wort ein Geldstück gab, was ihr seltsam erschien und wonach ihn zu fragen sie sich ganz 'planmäßig' vornahm, - wie auch nach dem Gasmann. Sie bemerkte dann, daß sie wieder in ihrem Schlafzimmer war, 'ohne zu wissen, wie', spürte ein Nachlassen der Klarheit ihres Denkens, befand sich dann aber zu ihrer Überraschung in einem ihr völlig fremden Zimmer, wo sie das Ehepaar sah, das sie zur Sitzung erwartet hatte, und ein Gespräch dieser Leute mit einem Dritten anhörte, den sie zur Teilnahme an der Sitzung aufforderten, was ihr ganz unglaubhaft erschien. Das ziemlich ungewöhnliche Aussehn des Fremden prägte sie sich bewußt ein. - Es folgt eine Begegnung mit dem verstorbenen Sohne des Ehepaars [!], den sie diesem schon einmal hellsichtig beschrieben hatte und der ihr jetzt eine [verstorbene] Kusine Gertrud nennt, von der sie bislang nichts gewußt hat.2 Diese sah sie an einem Flügel spielen. Dann befand sie sich zunächst wieder über ihrem Leibe und ging nach einigen Befürchtungen in ihn ein. Alles Gesehene erwies sich als richtig: auch das Trinkgeld an die Magd für einen vor zwei Tagen geleisteten kleinen Dienst, der "Fremde' als Sitzungsteilnehmer (es war der Bruder der Dame) und die 'Kusine Gertrud.'(r) 1) a tlngling sort of thrill. 2) Diese "medialen' Schauungen während der Exkursion sind sehr zu überlegen. Vgl. u. mehr. 3) Leonard 95 B.; vgl. 102, 103 JI. 328 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens 49. Der demnächst folgende Bericht wurde 'wenige Tage' nach dem Erlebnis dem Arzte - Dr. Gibier - übergeben, den das Subjekt, durch seine Erfahrung beunruhigt, zu Rate gezogen hatte. - Mr. H., ein begabter Radierer, Sohn "medial' veranlagter Eltern, aber angeblich bisher ohne jeden Sinn fttr 'spiritistische' Erfahrungen, hatte sich eines Tages heimkehrend 'seltsam matt' gefohlt und auf einem Sofa ausgestreckt. 'Ich empfand Schwindel und Leere, und die Dinge der Umgebung schienen sich um mich zu drehen. Plötzlich fand ich nfich in die Mitte des Zimmers versetzt... Zunächst sah ich mich auf dem Sofa a u s g e s t r e c k t , ganz bequem, ohne Steifigkeit, nur meine linke Hand war erhoben, der Ellbogen aufgestützt, und meine Hand hielt die brennende Zigarre, deren Schein man in dem vom Lampenschirm erzeugten Halbschatten erblickte. Ich hatte den Eindruck, daß nichts im Leben je so völlig wirklich gewesen sei.' H. glaubte tot und ein Geist zu sein und dachte mit Bedauern an Arbeiten, die er unvollendet gelassen. 'Ich näherte mich dem Körper, . . . sah mich selber atmen, aber mehr als das, ich sah mein eigenes Inneres und bemerkte, daß mein Herz langsam und schwächlich, wiewohl regelmäßig schlug. Ich sah mein Blut rot durch große Gefäße strömen.'1 Er versuchte die Lampe auszudrehn, die in gefährlicher Nähe des Bettes stand. 'Ich konnte das Rädchen mit dem gekerbten Rande vollkommen deutlich fühlen, . . . aber meine Finger waren gänzlich außerstande, es zu drehen. . . . Er bemerkte dann, als er vor den Spiegel trat, daß sein Blick die Wand durchdrang, daß er die Rückseiten der Bilder und Möbel in seines Nachbarn Stube sehen konnte, deren Inneres offen vor ihm l a g . . . 'Sobald ich den Wunsch hatte, [diesen Raum] zu betreten, fühlte ich mich dorthin versetzt, . . . zum erstenmal in meinem Leben.' Er p r ä g t e sich den Anblick des Zimmers genau ein, merkte sich insbesondere die Titel mehrerer Werke auf einem Bücherständer u. a. m. Das weitere ist ihm aber nur dunkel erinnerlich. Er meint in Italien gewesen zu sein, weiß aber nicht, was er dort getan. Der bloße Gedanke führte ihn hierhin und dahin... Früh um 5 erwachte er auf seinem Sofa, steif und kalt. Am selben Tage noch betrat er unter einem Vorwande das Zimmer seines Nachbarn und überzeugte sich, wie er versichert, von der Richtigkeit seiner nächtlichen Beobachtungen in jeder Einzelheit.8 Wie man sieht, sind in diesem Falle die nächsten über das eigene Zimmer hinausführenden Beobachtungen von größter Bestimmtheit, während die sehr viel weitergreifenden - wenigstens in der Erinnerung - höchst unbestimmt erscheinen. Die folgenden Berichte leiden nicht an dieser Nebelhaftigkeit. 50. Der erste Zeuge, Herr Alexei Semjonow, ein Schriftsteller von guter Urteilskraft (nach der Aussage Cornilliers) und offenbar Spiritist, war experimentweise anscheinend in einer 'Sitzung' seiner Freunde aufgetreten, während er selbst im Schlafe lag, hatte aber keinerlei eigene Erinnerung an dieses Auftreten bewahrt. 'Später, während der Nacht, erwache ich plötzlich, 1) Vgl. den Fall bei Solller 60. 2) Gibier, Psych. 146 ff. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 329 ich bin mitten im Zimmer, ich habe eine unbestimmbare Empfindung - Wohlgefühl und Beklemmung zugleich. Indem ich mich fortbewege, bemerke ich mit Schrecken, daß ich durch die Stühle hindurchgehe! Ich sehe auf mein Bett und erblicke mich selbst darin, auf meinem rechten Arme schlafend, mit zusammengezogenem Körper. Ich blicke in den Spiegel und sehe zwei Alexeis: den einen stehend, bekleidet, aber wie eine Wolke, den andern liegend, im Hemde und körperhaft. Der einzige Gedanke, der mich bewegt und den ich mir wiederhole, ist dieser: Es ist 10 Minuten nach 12 (ich weiß nicht, weshalb). Unvermittelt, ohne jeden Grund, denke ich an den Trocadero-Platz. So unglaublich es klingt: ich befinde mich augenblicklich dort am Eingang der Avenue Henri Martin. Der Anblick des Platzes, kalt und schwarz unter einem regnerischen Himmel, macht einen schmerzlichen Eindruck auf mich. Ich bin wieder in meinem Zimmer. Dann denke ich an Sie (Cornillier), und augenblicklich bin ich in Ihrem Atelier. In mein Zimmer zurückgekehrt, überkommt mich eine seltsame, greuliche Empfindung, eine Art von Beklemmung, von Schwindel,' - der Körper im Bett erscheint jetzt mehr zusammengekrümmt, der Raum vernebelt, S. sieht Gestalten um sich, glaubt zu sinken, hat eine strahlende Vision, erblickt seinen (offenbar verstorbenen) Großvater und einen Unbekannten, die sich um ihn bemühen, fällt in ein Loch, usw.1 51. Den folgenden, in manchem verwandten Bericht liefert R. D. Owen, •der bekannte Forscher, 'aus erster Hand', woraus wir wohl schließen dürfen, daß er sich - wenn auch nicht der Ich-Form, so doch in allem Wesentlichen der eigenen Worte der Berichterstatterin bedient, einer Mrs. A., Gattin eines englischen Obersten in Woolwich. 'Eines Nachts [im Juni 1857], plötzlich zum Bewußtsein kommend, hatte sie das Gefühl, als stehe sie neben ihrem Bette und blicke auf ihren eigenen Körper herab, der dort zur Seite ihres schlafenden Gatten lag. Ihr erster Eindruck war, daß sie plötzlich gestorben sei, und dieser Gedanke wurde bestärkt durch das blasse und leblose Aussehn des Körpers, dessen Gesicht ohne jeden Ausdruck war und dessen ganze Erscheinung keinerlei Anzeichen von Leben darbot. Sie blickte ihn eine Zeitlang neugierig an, indem sie sein totes Aussehn mit dem der frischen Gesichter ihres Gatten und ihres schlafenden Kindchens in einer Wiege dicht dabei verglich. Einen Augenblick empfand sie ein Gefühl der Erleichterung darüber, daß sie den Qualen des Sterbens entronnen wäre; aber im nächsten Augenblick bedachte sie, welchen Kummer ihr Tod dem Überlebenden bereiten würde, und ihr kam der Wunsch, daß sie ihm die Nachricht schonend beibringen könnte. Während dieser Gedanken fühlte sie sich zur Wand des Zimmers hinbewegt und meinte, daß diese ihrer weiteren Fortbewegung Halt gebieten würde. Aber nein: sie schien sich durch dieselbe ins Freie zu begeben. Außerhalb des Hauses war ein Baum, und durch diesen schien sie ebenfalls hindurchzugehn, als böte er keinen Widerstand. Alles dies geschah ohne jeden Wunsch von ihrer Seite. Ebenso fand sie sich, ohne es gewünscht oder entartet zu haben, 1) RS 1927 155 0. 330 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens bald danach auf der gegenüberliegenden Seite des Stadtplatzes [an dem ihr Haus lag], nahe dem Eingang des sogenannten Magazins [Woolwich ist bekanntlich Englands wichtigster Waffenplatz]. Dort sah sie, wie gewöhnlich [im Wachen], einen Posten und beobachtete seine Uniform und Erscheinung genau. Aus dem unbekOmmerten Benehmen des Mannes schloß sie mit Gewißheit, daß, obgleich sie selbst in seiner Nähe zu stehen glaubte, der Soldat sie nicht sah. Darauf begab sie sich zunächst zum Arsenal, wo sie ebenfalls eine Schildwache wahrnahm, kehrte dann zu den Kasernen zurück und hörte dort die Uhr 3 schlagen. Unmittelbar darauf befand sie sich im Schlafzimmer einer vertrauten Freundin, Miss L. M., die damals in Greenwich lebte [etwa 5 km von Woolwich entfernt]. Mit ihr glaubte sie eine Unterhaltung zu beginnen, deren Sinn sie aber nachher nicht deutlich erinnerte; denn bald nach Beginn derselben kam ihr zu Bewußtsein, daß sie nichts mehr sah und hörte. Ihre ersten Worte, als sie am nächsten Morgen erwachte, waren: 'Ich bin also doch nicht tot?" - Zwei Tage später traf sie ihre Freundin M., und ohne jedes andeutende oder fragende Wort von ihrer Seite berichtete diese, im natürlichen Verlauf des Gesprächs, daß sie in der vorvergangenen Nacht um 3 Mrs. A. gesehn und mit ihr 'eine ziemliche Unterhaltung' geführt habe. Oberst A. wurde bald darauf nach Indien versetzt und so zunächst von seiner Frau getrennt. Aber der heißeste Wunsch derselben, auch ihn einmal nächtlicherweile in dieser Art zu 'besuchen', blieb unerfüllt. Der Bericht an Owen erfolgte im Febr. 1859, also 20 Monate nach dem Erlebnis.1 52. Auch Muldoon berichtet eine Erfahrung von ähnlich weitem räumlichem Ausgreifen. - An einem schönen Sommerabend des Jahres (924 hatte er sich, in einer weltschmerzlichen Stimmung wegen der Rätsel des Daseins, auf sein Bett geworfen, als er 'eine Art kühle Woge' über sich hinfluten und seine Glieder starr und gefühllos werden spürte. 'Ich war bewußt, aber unfähig zu sehen, hören, fühlen oder mich zu bewegen.' Seinen früheren Erfahrungen gemäß erwartete er eine Hinausversetzung. 'Ich wurde aufwärts in die Luft bewegt, etwa 10' seitwärts, wo die Gesichtswahrnehmimg von neuem einsetzte.' Die Luft um ihn, zunächst neblig erscheinend, klärte sich. Er wurde aufgerichtet und - hin- und herschwankend - auf den Fußboden gestellt. 'Als ich den Bereich der fesselnden Wirkung des 'Bandes' überschritten hatte, war ich wieder frei und normal und bewegte mich kurze Zeit durch das Haus hin, dann hinaus und auf die Straße. Kaum hatte ich diese erreicht, so umgab mich ein fast verwirrender Anblick, und ich bemerkte, daß ich in einem fremden Hause war, ich wußte nicht wo... Vier Personen waren in dem Zimmer, eine davon ein Mädchen von etwa 17 Jahren.' Er entspannte sich bewußt, wovon er Klarheit über den Sinn seiner Anwesenheit unter diesen Fremden erwartete. 'Kaum hatte ich das getan, so bewegte sich mein Körper ohne Anstrengung meinerseits in eine Stellung dicht vor der jungen Dame, die übrigens an einem schwarzen Gewände nähte.' Da er trotzdem noch nichts begriff, ging er im Zimmer umher und 1) Owen, Footfalli 256 fl. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 331 merkte sich v e r s c h i e d e n e Gegenstände. Dann, ehe er sich hinausbegab, sah er sich das Haus nochmals von innen und außen an: es war ein Farmhaus. 'Sogleich war ich wieder zurück in meinem eigenen Zimmer und sah h i n a b auf meinen f l e i s c h l i c h e n Körper, der noch auf dem Bette lag. Da ich immer bei ausgedehnten Hinausversetzungen etwasvorsichtig gewesen bin, beschloß ich, wieder in den normalen Leib einzugehen, und tat es durch den bloßen Willen...' Sechs Wochen später traf er jene junge Dame, während sie ihr Auto verließ und ein Haus in Muldoons unmittelbarer Nachbarschaft betrat. Er stellte sich ihr vor und knOpfte eine Bekanntschaft an, die sich bald zur Freundschaft auswuchs. Das geschaute Farmhaus lag, wie sich erwies, 15 engl. Meilen in gerader Linie von seinem Heim entfernt. Alles Gesehene erwies sich als wahrheitsgetreu.1 53. Im folgenden Fall, den der reformierte Geistliche L. J. Bertrand berichtet, scheint ausgesprochenes Fernhellsehen auf der Höhe der Exkursion zu den üblichen Bestandteilen derselben hinzugetreten zu sein. Bertrand hatte sich während einer Bergbesteigung von seinen Gefährten getrennt und am Rande eines Abhangs niedergelassen, als er sich von einer Lähmung ergriffen fühlte, die ihn sogar verhinderte, ein Streichholz fortzuwerfen, mit dem er sich eine Zigarre hatte anzünden wollen und das ihm bereits die Finger verbrannte. Er hielt den Anfall für hereinbrechenden 'Schneeschlaf', beobachtete das allmähliche Absterben der Füße und Hände, dann der Knie und Ellbogen, des Rumpfes und Kopfes, und schließlich das 'Ausgehen' des Lebens. Er hielt sich für ' t o t ' und hatte das Bewußtsein, als eine Art 'Ball o n ' in der Luft zu schweben. 'Niederblickend, war ich erstaunt, meine eigene t o t e n b l a s s e s t e r b l i c h e Hülle zu e r k e n n e n . Seltsam, sagte ich zu mir selbst, dort ist mein Leichnam, in dem ich lebte und den ich als mein Ich bezeichnete, als wenn der Rock der Körper wäre und der Körper die Seele . . . ' Er sah die Zigarre in der Hand des 'Leichnams' und stellte sich vor, was die Gefährten sagen würden, wenn sie seinen Körper fänden. Dann nahm er wahr, daß diese einen Weg zum Gipfel wählten, den sie ihm hatten versprechen müssen, n i c h t zu benutzen, und daß der Führer sich heimlich gewisse Speisevorräte seiner Schutzbefohlenen aneignete. 'Hallo, sagte ich, dort geht meine Frau nach Lungern, und doch sagte sie mir, sie werde nicht vor morgen... abreisen.' Er fühlte sich abwärts in den Körper zurückgezogen, geriet in 'Verwirrung und Chaos', im Gegensatz zu der völligen Klarheit zuvor, und fand, als er zu voller Besinnung kam, daß die Genossen ihn aufgefunden und 'wiederbelebt' hatten. Er hielt ihnen ihren Wortbruch und dem Führer seinen Diebstahl vor, und der Mann, der den Teufel vor sich zu haben glaubte, nahm Reißaus unter Verzicht auf seinen Lohn. Auch was B. bezüglich seiner Frau gesehen, erwies sich als richtig. Er behauptet, später genaue Kenntnis von Orten gehabt zu haben, die er in seinem tod ähnlichen Zustand zum ersten Mal gesehen.* Die abschließend anzuführenden Beispiele gehören in die Gruppe der ganz ins 'Erdfremde' übergehenden Schauungen,1 - ein Zusammen - 1) Muldoon 183 ff. 2) Pr VIII 194 II. 3) Vgl. o. ichon d. Fan WllUe (IS). 332 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens Hang, dessen Bedeutung hier noch nicht verständlich gemacht werden kann. Ich beschränke mich auf den Nachweis, daß auch diese (vermutlich sehr bedeutsamen) Visionen in ihren Anfangs- oder aber Endabschnitten die uns beschäftigenden Merkmale der Hinausver9etzung mit den bisherigen Fällen gemein haben. 54. Der bekannte, medial hochbegabte Rev. W. Stainton Moses berichtet unterm 25. Jan. 1874, daß er an einem frühen Nachmittage schreibend an seinem Tisch gesessen, aber bestimmt nicht eingeschlafen gewesen sei, als er eine ausgedehnte visionäre Wanderung erlebte, deren Anfang allein uns hier angehen soll. 'Das erste (sagt er nämlich), dessen ich mich erinnere, war, daß ich neben meinem Körper stand und ihn a n b l i c k t e . . . Der Geist-Leib schien sich abgetrennt zu haben und ein unabhängiges Dasein zu führen...'1 55. Nicht unähnlich erzählt Hemme Hayen, ein niederdeutscher Mystiker des 17. Jahrhunderts, von einer Erfahrung, die so begann: ' . . . Ich lag morgens im Bett; es war schon heller Tag und ich wachte schon ganz hell. Mein Gemüt lag in tiefer Betrachtung, und in der Entzückung, die ich bekam, schied mein neuer Mensch, gleich als bei der Seiten am Bett, von dem alten ab und ließ mich auf dem Bett liegen wie einen toten Klotz. Mich umwendend sähe ich meinen natürlichen Leib also tot liegen, ich selbst aber kam wieder in den hohen Glanz' usw.8 56. Ein andres Medium, das sich hier zum Worte meldet, ist die namhafte Mrs. Finch. Diese begab sich, wie sie erzählt, eines Nachts zu Bett mit dem festen Entschluß, den Namen eines Freundes zu finden, den Prof. Richet ihr schon seit 24 Stunden vergeblich telepathisch zu übermitteln versucht hatte. 'Kaum hatte ich den Kopf aufs Kissen gelegt, so glaubte ich mich außerhalb meines Körpers zu befinden. Letzteren sah ich regungslos auf dem Bette liegen. Ich bewegte mich vom Bette f o r t . . . u n d es folgt nun eine traumhafte Begegnung mit Richet und eine übernormale Erkenntnisleistung verwickelter Natur.3 57. Das Nachstehende berichtet Dr. Vogl von seiner eigenen Gattin, 'die Sich nie mit Dingen dieser Art befaßt und nie etwas darüber gelesen hat.' 'Ich hatte mich eben zu Bette gelegt (berichtete sie ihm gelegentlich) und war noch ganz munter, als ein Gefühl über mich kam, als ob etwas Schweres von meinen Füßen aufwärts über mich hinginge. Meine Glieder wurden starr, ich wollte dich rufen, konnte es aber nicht mehr. Da mit einemmal sehe ich deutlich meinen eigenen Leib im Bette liegen und denke: Nun bist du gestorben...' Es folgt dann eine kurze Vision, die Dr. Vogl selbst mit dem bekannten 'Sommerland' der Spiritisten in Beziehung setzt, die uns aber hier noch nicht zu beschäftigen braucht.4 58. Der demnächst zu Wort kommende Berichterstatter hatte während einer Krankheit eine plötzliche Ohnmacht herankommen gefühlt und der anwe- 1) Pr XI 36. 2) Kanne I 23. 3) PS XXXIV 592 f. 4) Vogl 9 f. Vgl. seine Mitteilungen über Franz Richtmann in PS L 28 D. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 333 sende Arzt danach das Erlöschen des Pulses und Erkalten des Körpers festgestellt. Der genau beschriebene Austritt aus dem Leibe führte das Subjekt anscheinend fast unmittelbar (es wird nur ein 'Schweben über den Häusern* kurz erwähnt!) in eine durchaus unirdische Umwelt, und erst bezüglich der Rückkehr wird folgendes berichtet: 'Ich sah, statt der Wunder um mich her, die Gebäude und den Sonnenschein auf dem Schnee tief unter mir, . . . fühlte mich schnell abwärts und rückwärts gezogen... durch ein Fenster und in ein Zimmer hinein. Dort bemerkte ich nur einen jungen Mann, der anscheinend tot auf einem Ruhebett lag', in diesen fühlte er sich hineingezogen und - 'das Hirnbewußtsein war wieder mein.'1 59. Ganz ähnlich - und hier deutlich zu Beginn u n d beim Abschluß der Exkursion - sind die äußerst genauen Beobachtungen des Lokomotivführers Skilton, der sich während des Ausladens eines Güterwagens (anscheinend auf einen Schock hin) plötzlich von einer weiß gekleideten Gestalt in die Geisterwelt geführt fühlte. 'Wir bewegten uns mit Blitzesschnelle soz. aufwärts und ein wenig gegen Südost; ich konnte die Höhen, Bäume, Gebäude und Straßen sehn, während wir nebeneinander aufstiegen, bis sie unserm Gesicht entschwanden.' In der Geisterwelt traf er u. a. abgeschiedene Verwandte, die er aber nur stumm anblicken durfte, bis sein Begleiter ihm sagte, daß sie nun zurückkehren müßten. T)arauf machten wir uns auf den Rückweg und verloren jenes himmlische Land bald aus den Augen. Als wir in den Gesichtskreis dieser Welt kamen, sah ich alles wie aus großer Höhe, die Bäume, Häuser, Hügel, Straßen und Flüsse, so natürlich wie nur möglich, bis wir zu dem Güterwagen kamen, dessen Tür ich geöffnet hatte, und ich mich dort im Leibe vorfand und [der Führer] meinen Augen entschwand... ' 2 60. Ich schließe mit einer verwandten Erfahrung des bedeutenden Mediums Mrs. d'Espérance. Die Dame hatte sich, während einer Genesung, an einem Sonntag Morgen mit einem Buch auf ein Sofa gelegt, sich aber in Gedanken mit Fragen spiritistischer Wahrheit oder Täuschung und ihren Pflichten in dieser Hinsicht beschäftigt. 'Ich fühlte eine seltsame Ohnmacht mich überkommen3 und die Seiten [des Buches] wurden merkwürdig undeutlich... Alles wurde dunkel, und ich war gewiß, daß ich wieder zu erkranken im Begriff sei . . . Die Schwäche ging aber fast augenblicklich vorüber [ ! ] - . . Ich blickte auf mein Buch; seltsam, wie fern und undeutlich es erschien. Ich hatte mich vom Sofa fortbewegt, aber da war jemand a n d r e s , der das Buch h i e l t ! Wer konnte es sein? Wie wunderbar leicht und stark ich mich fühlte!... Zum e r s t e n mal wußte ich, was es hieß, zu leben. Wie seltsam! Das Zimmer erschien so klein, so geschrumpft, so dunkel, und jene blasse Gestalt auf dem Sofa - wer war sie? Ich glaubte etwas an der ruhig Daliegenden zu erkennen, mich unbestimmt zu erinnern, sie gekannt zu haben . . . Ich bewegte mich auf das Fenster zu . . . Die Wände schienen sich zu nähern, zu verschwinden; aber wohin, konnte ich nicht sagen.' - Sie sah dann einen Treund', fühlte sich in eine seltsame Landschaft versetzt, und lange quasi-symbolische Erlebnisse und Gespräche gaben ihr Klarheit über 1) Bd I 259. 2) Pr XI 560 f. 3) I feit a eurloualy faint linttng feniatlon. 334 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens die Fragen, mit denen sie sich zuvor beschäftigt hatte. Beim Abschluß der Erfahrung hatte sie 'ein seltsames GeffihI einer starken Anziehung' - Sind vergeblich versuchte ich, mich ihrem Einfluß zu entziehn... Wie beim Verlassen des Körpers schienen die Wände des Zimmers sich zu nähern und zurfickzuweichen. Ich durchschritt gleichsam einen Nebel und stand da, mit demselben GeffihI der Unwirklichkeit, während ich die Frau beobachtete, die noch immer, das Buch in der Hand, dalag, schlafend oder tot. Ich wußte jetzt, daß dieses Weibes Gestalt das Gefängnis war, aus dem ich entwichen, und daß ich in die Gefangenschaft zurückkehren mußte... Die frühere Empfindung von Schmerz, Ohnmacht und müder Bedrücktheit [überkam mich], und dann war ich mir wieder bewußt, mit dem Buch in der Hand auf dem Sofa zu liegen. Ich öffnete meine Augen; alles um mich her war unverändert... Wie lange ich fortgewesen, weiß ich nicht, denn in der Welt der Wirklichkeit, die ich besucht hatte, ist weder Zeit noch Raum, noch irgend ein Maßstab wie auf Erden... Mag man sagen, daß ich geträumt habe: das macht nichts; denn ich weiß, daß es kein Traum war, sondern ein echter und unbestreitbarer Vorgeschmack des Lebens.. .'l Ich habe, wie vorausgesagt, mich nicht gescheut, den Leser hier mit Anschauung des fraglichen Tatbestandes förmlich zu 'tränken', um ihm •die fruchtbare Einfühlung in diesen nach Möglichkeit aufzuzwingen. Wenn ich bedenke, auf Grand wie geringer Quellenkenntnis, wie flüchtigen Suchens und Fragens die obige Sammlung von 60 Fällen zustandegekommen ist, so erscheint sie mir noch reichlich dürftig, und ich gelange zur Überzeugung, daß sorgfältige Nachforschung und ausgedehnte Umfrage ihre Zahl in die Hunderte steigen lassen könnte. Damit würde sich erweisen, daß die Exkursion nicht ein seltener Ausnahmefall, sondern ein leidlich verbreitetes Erlebnis ist. - Diese Aussicht erleichtert es auch, darüber wegzusehen, daß die vorgelegten Berichte nicht durchgehends die wünschenswerte Zuverlässigkeit als psychologische Urkunden besitzen. Die Befähigung der Subjekte zu vollgültigem Zeugnis kann in manchen Fällen bezweifelt werden und bleibt in andern ungewiß; auch ist der zeitliche Abstand zwischen Erlebnis und Bericht nicht selten so groß, daß selbst für gute Zeugen die Einwirkung von Fehlerquellen nicht auszuschließen ist. Indessen vermindern sich diese Bedenken, wenn man die Berichte in ihrer Gesamtheit überblickt. Ihre Übereinstimmung in seltsamen Einzelheiten, die gerade unter metapsychologischen Gesichtspunkten unverkennbare 'Natürlichkeit' besitzen und deren unabhängige und übereinstimmende Erfindung nicht glaubhaft erscheint, erzeugt bei unbefangener Vertiefung in die Berichte "in ständig wachsendes Vertrauen in ihre Glaubwürdigkeit im großen und ganzen, wie auch in vielen Einzelheiten. Ich werde auf manche 1) d'Etp&ance 355 0. 383 B. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 335 dieser immer wiederkehrenden Einzelheiten im Verlauf der folgenden Überlegungen zurückkommen müssen und überlasse es deshalb hier dem Leser, sein Vertrauen in die Berichte ihrem frischen Eindruck selbst zu entnehmen. Auf alle Fälle glaube ich mich berechtigt, in ihnen die Festlegung eines Typs von Erfahrung zu erblicken, also einer natürlichen Klasse von Erlebnissen, die durch bestimmte Hauptmerkmale eindeutig gekennzeichnet ist. Von diesen Merkmalen erscheint mir einstweilen eins durchaus mehrdeutig: nämlich die fast durchweg auf Erschlaffung des sinnenmäßigen Anschlusses an die Wirklichkeit gegründete Art der Auslösung von Exkursionen. Denn aus solcher Entspannung und Schwächung ließe sich offenbar ebenso gut die wirkliche Absonderung einer abnormen Leiblichkeit, wie auch ein hellseherisches Verhalten, oder schließlich ein Überwuchern bloß 'traumhafter' Vorstellungen leidlich natürlich ableiten. Wir dürfen also bezüglich dieses Merkmals nur sagen, daß, falls das Erlebnis aus sonstigen Gründen als wirkliche Absonderung des Ich zu bewerten wäre, die Art seiner Auslösung jedenfalls dieser Auslegung nicht widerspräche. Dagegen müssen wir ein anderes Hauptmerkmal, nämlich die eigenartige Verschiebung des Wahrnehmungszentrums, genau überlegen, da es sich dabei offenbar um die grundlegende Auffassung des ganzen Vorgangs handelt. Wir stellen damit die Frage, ob die Hinausversetzung des Ich eine bloß scheinbare sei, d.h. in bloße Vorstellungen, wenn auch teilweise durch Hellsehen erlangte, sich auflösen lasse. - Ich glaube diese Frage behandeln zu dürfen, ohne von vornherein ein weiteres Merkmal mehrerer der angeführten Berichte zu erwägen: nämlich den Austritt eines gestalteten Leibes. Nicht alle Subjekte behaupten die Beobachtung eines solchen, und ich will deshalb annehmen, daß diese Einzelheit zunächst vernachlässigt werden darf (gleichviel ob man sie für traumhafte Zutat, oder für Erinnerungsillusion, oder für sonst etwas halten mag); ich will also auch die immerhin denkbare Deutung beiseite lassen, daß das Erleben des hinausversetzten Ich zum Teil auf echter 'optischer* Wahrnehmung durch einen abnormen Sehapparat beruhe. Damit begebe icih mich offenbar zunächst des stärksten Arguments, das sich für eine 'realistische' Auffassung der Exkursion gewinnen ließe. Aber diese Preisgabe kommt jedenfalls dem Gegner der hier vertretenen Auffassung zugute und ist insofern gerade von seinem Standpunkt a< J unbedenklich. Ich will demnach einstweilen 'so tun', als ob wir es normalerweise im Grunde stets nur mit einem 'wahrnehmenden Ichbewußtsein' zu tun hätten, das während des normalen Wachseins seine Stelle im Raum 336 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens 8er Dinge durch den physiologischen Leib der Wahrnehmung angewiesen erhielte. Der Anschein, den die Berichte erzeugen, besteht dann darin, daß während gewisser abnormer Zustände, ausgelöst durch die Ausschaltung des Wahrnehmungsapparats, eine Verschiebung jener 'Stellenanordnung' im Räume eintreten könne; und die Frage, auf die sich unsre Untersuchung zuspitzt, läßt sich zunächst so fassen: wieweit dürfen wir diesen Vorgang als einen soz. 'realen' auffassen, das heißt: als ein echtes Erleben innerhalb der räumlichen 'Wirklichkeit', also als mehr, denn bloßes sich wandelndes 'Vorstellen' - innerhalb des normalen (auch physiologischen) Schauplatzes alles Vorstellens - in Bildern räumlicher Wirklichkeit ("Bildern', wie wir sie etwa auch im Traum, in der Erinnerung und in der Halluzination erleben). Wir streifen hier augenscheinlich grundlegende Fragen der Erkenntnistheorie: die Frage nach dem Wesen von Wahrnehmung überhaupt und naqh der Natur und Wirklichkeit des Raumes. Aber auch diese unabsehbaren Probleme möchte ich um der Vereinfachung willen nach Möglichkeit ausschließen. Ich kann es wohl am ehesten, indem ich auch hier Begriffe voraussetze, die dem Gegner einer möglichst 'realen' Auffassung der Exkursion am weitesten entgegenkommen. Legen wir also dem Folgenden eine Auffassung des Raumes als lediglich 'intrasubjektiven anschaulichen Beziehungssystems' zugrunde, innerhalb dessen das räumlich wahrnehmende Ich sich jeweils eine bestimmte 'Stelle' angewiesen findet, die sich normalerweise nach der räumlichen Anordnung seines Leibes bestimmt Selbst unter solchen Voraussetzungen bleibt der Unterschied von räumlichem 'Wahrnehmen' der Dinge einerseits und räumlichem 'Vorstellen' oder selbst Halluzinieren' anderseits in Kraft. Auf eine ausführliche Darlegung dieses Unterschieds brauche ich mich hier nicht einzulassen; wir wissen alle, daß es zweierlei ist: ob wir uns einen entfernten Ort, sagen wir: den Pariser Platz in Berlin, mit größter, selbst 'halluzinatorischer' Deutlichkeit 'vorstellen', oder ob wir ihn 'an Ort und Stelle wahrnehmen'. Im äußersten Falle freilich könnte jene halluzinatorische Vorstellung einen solchen Grad erreichen, daß wir den Ort, wo wir uns befinden, völlig aus dem Bewußtsein verlieren und auf dem Pariser Platz anwesend zu sein glauben. Wäre damit der Tatbestand der 'Exkursion' gegeben? Vielleicht, - falls noch die anscheinende Wahrnehmung dessen hinzuträte, was zur Zeit auf dem Pariser Platz vor sich ginge, falls also die Halluzination sich wie Wahrnehmung 'anfühlte' und zugleich inhaltlich wahr wäre. Aber alle Stufen vor dieser letzten sind jedenfalls ohne weiteres von echter Wahrnehmung zu unterscheiden, also Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 337 auch eine in der 'Vorstellung' (und sei es die lebhafteste) vollzogene Hinbewegung von Ort zu Ort - von einer echten Wanderung unter gleichzeitiger 'Wahrnehmung' des Weges. Welcher dieser beiden Typen von Geschehen ist in den angeführten Erfahrungen verwirklicht? Ich kann nach reiflicher Überlegung nur antworten: je mehr ich mich hingebend in das Wesen der berichteten Erlebnisse versenke, desto unähnlicher erscheint es demjenigen des traumhaft-halluzinatorischen 'Vorstellens', desto ähnlicher demjenigen der 'Wahrnehmung'. Selbst die Subjekte mehrerer der zu Anfang wiedergegebenen 'einfachen', ganz unvermittelt aus dem 'Wachsein' hervorgehenden Erfahrungen würden sich fraglos lebhaft gegen die Behauptung sträuben, sie seien das Opfer einer plötzlich hereinbrechenden Halluzination geworden - mit ihrem eignen Leib und dessen nächster Umgebung als Inhalt; vielmehr bekunden sie die Überzeugung, daß sie dies alles augenblicksweise wirklich 'gesehen', 'wahrgenommen' haben, nur eben von einem Blickpunkt aus, den sie normalerweise nie einnehmen können: von einem Daneben oder Darüber aus. Und es stützt diese Auffassung ganz entschieden, daß die meisten Subjekte über ihren Zustand während der Hinausversetzung Angaben machen, die diesem eine große Klarheit des Bewußtseins, ja des Ich- und Selbstbewußtseins zuschieben und ihn damit in bestimmten Gegensatz stellen zu einem halluzinierenden, also vermutlich verwirrten oder sonstwie gestörten Geisteszustand, oder gar zu einem 'Traum', als was der Gegner den Zustand zunächst wohl aufzufassen geneigt ist. Auf den Einwand, das ganze Erlebnis sei nur traumhaft oder Einbildung, erwiderte z.B. Dr. Funk:1 es sei weder dies, noch jenes. 'Wenn die ganze Welt aufstünde, . . . würde für mich das nicht das geringste bedeuten; ich bin schlechthin gewiß, daß ich so frei von meinem fleischlichen Leibe gewesen bin, als ich je sein werde, und daß mein Leben in der Trennung von ihm weitaus wunderbarer war, als irgendein Leben, das ich jemals in ihm erfahren habe...' Ebenso Muldoon: 'Wenn ich darüber nachdenke, so fällt es mir sehr schwer zu glauben, daß bewußte astrale Hinausversetzung nicht allgemein bekannt sei. Ich kann mir kaum vorstellen, daß ein so wirkliches Erlebnis je bezweifelt wird, daß man es nicht gelten läßt, gerade wie man körperliches Leben gelten läßt. Aber schließlich würde ich nicht so denken, wenn ich es nicht selbst so häufig erfahren hätte. Ist man bewußt hinausversetzt, so gibt's kein Fragen; man weiß es. Ich weiß es - genau so gut, wie ich weiß, daß ich hier sitze und diesen Brief [an Mr. Carrington] schreibe. Aber wie kann ich das Andern beweisen? Man könnte mir sagen, daß ich träume, wenn ich körperlich bewußt bin, und ich könnte nicht das Gegenteil beweisen. 1) Vgl. o. S. 302 f. M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben 11 22 338 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens Es ist selbstverständlich.. S1 - Verwandte Äußerungen werden dem Leser aus einer großen Zahl der obigen Berichte erinnerlich sein: Das hinausversetzte Subjekt behauptet ausdrücklich, 'dieselbe Person, wie im normalen Zustand, und vollkommen 'wach' gewesen zu sein, ja während der Exkursion sich erstmalig als 'wahres Ich', als endlich 'wahrhaft lebend', 'lebendiger denn je' gefühlt zu haben, gerade weil es sich der 'großen Verwandlung', die mit ihm vorgegangen, vollkommen bewußt war. Der schwerkranke österreichische General hat plötzlich die Empfindung, Völlig gesund und kräftiger, jünger als je' zu sein; Mrs. Quentin hat das 'herrliche Gefühl unbegrenzter Freiheit' und ist sich Völlig ihrer Umgebung bewußt'; auch Mrs. Leonard führt gewisse Beobachtungen an, um zu beweisen, Svie klar ihre Gedanken waren'. Zahlreiche Subjekte berichten von genauester und ausgedehntester Selbstbeobachtung und Selbstzergliederung, und sind eben darum später imstande, die durchaus vernünftigen und oft verwickelten Überlegungen zu beschreiben, die sie als bewußte und denkende Wesen während der Hinausversetzung angestellt haben; nicht minder aber die Genauigkeit, die Deutlichkeit, die 'Interessiertheit', ja 'Verwunderung', mit der sie den eigenen Leib oder 'Leichnam', die Einzelheiten seiner engeren oder weiteren Umgebung 'beobachtet' und sich gemerkt, ja die Entfernung zwischen dem neuen Blickpunkt und dem verlassenen Leibe genau nach Schritten, Metern, selbst Zentimetern abgeschätzt haben; zum mindesten wird die Lokalisierung jenes Blickpunkts durch Beziehung auf gewisse Dinge in der Umgebung des Leibes festgelegt - z. B. 'an der Zimmerdecke', 'zu Füßen des Bettes' u.a.m. Auch steht es damit keineswegs im Widerspruch, belegt vielmehr auf andre Weise die seelische Selbständigkeit des 'wahren Ich' in seiner Absonderung, wenn einzelne Subjekte zunächst im Ungewissen darüber erscheinen, ob der wahrgenommene 'Leichnam' auch wirklich ihnen zugehöre; wie denn gelegentlich sogar der Wunsch bezeugt wird, nicht wieder in diesen einzugehn. Die Subjekte ausgedehnterer Erfahrungen vollends schreiten vielfach zu einem bewußt experimentellen Verhalten fort, prüfen ihre Lage, ihre Macht oder Ohnmacht gegenüber der wahrgenommenen Wirklichkeit, versuchen eine willkürliche Fortsetzung gerade ihrer räumlichen Verschiebung, machen Einzelbeobachtungen, um sie später nachzuprüfen, usw. Ich übersehe nicht, daß die Wirklichkeitstreue der Wahrnehmungen des Exkurrierenden sich in gewissen Fällen und Einzelheiten zu trüben scheint, noch auch daß sie zuweilen in ein völlig erdfremdes Erleben übergeht. Was das erstere betrifft, so werden ja sogar Aussagen Narkotisierter behauptet, die mit den angeblich beobachteten Vorgängen (z.B. einer Operation) keineswegs übereinstimmten.8 Aber weder in solchen Tatsachen, noch in den andern erwähnten vermag ich eine Widerlegung der Feststellung von 'Wahrnehmung' zu erblicken. Niemandem wird es einfallen, halluzinatorisches Erleben unter Chloroform 1) Muldoon S. XLI. Vgl. Yram 45. 57 f. 641. 2) Ich kenne freilieh nur einen Fall, wo diese Behauptung mehr als ganz unbestimmt auttritt: JSPR XI 268. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 339 oder in andern abnormen Zuständen, oder gar - was ja meist völlig genügen dürfte - gelegentliche Erinnerungsfälschungen nach dem Erwachen als unmöglich hinzustellen. Was hindert uns ferner, selbst in einem Zustand echter Exkursion die Beimischung halluzinatorischer Bestandteile in das wirklichkeitgemäße 'Wahrnehmen' zuzugestehen, oder eine solche wirklichkeitnahe Exkursion in einen Zustand übergehen zu lassen, worin jene Wirklichkeitöähe aufgehoben, das Subjekt in sein innerstes Denk- und Vorstellungsleben eingesponnen wäre, oder aber in eine völlig neuartige 'Wirklichkeit' versetzt? Nichts hindert uns an solchen Annahmen; im Gegenteil: sie haben gerade vom Standpunkt unserer Deutungsbegriffe aus die höchste Natürlichkeit und vertragen sich vorzüglich mit der Überzeugung, daß mindestens ein Teil - und meist der überwiegende - des Erlebnisses echte Wahrnehmungsart im angegebenen Wortsinn habe.1 So nahe dies alles liegt: es ist gleichwohl ein ebenso entschlossener, wie seltsamer Versuch gemacht worden, das ganze Erleben des Hinausversetzten von Anfang an als Halluzination zu deuten; und ich möchte ihn nicht unerwähnt und unwiderlegt lassen, weil ich die Art unsrer Gegner kenne, sich ohne Prüfung auf einen Einwand als 'Widerlegung' unbequemer Tatsachen zu berufen, bloß weil er nun einmal ausgesprochen worden ist. - Jener Versuch geht von Dr. Osty aus, dem scharfsinnigen französischen Forscher, Herausgeber der Hevue Metapsychique' und Leiter des Pariser Institut de Mitapsychique. Osty gründet ihn auf eine TTieorie, welche Dr. Paul Sollier für die Tatsache der 'Autoskopie' aufgestellt hat, d. h. der Wahrnehmung des eigenen Phantoms außerhalb des Körpers. Dieser Tatbestand des Erblickens des eigenen 'Doppelgängers' ist wohlbekannt,* aber keineswegs deicht zu deuten. Ich habe ihn in der *Reihe', die dieses Kapitel eröffnete, nicht mit aufgezahlt, weil ich mir keineswegs darüber klar bin, ob er Oberhaupt in diese gehört und wie er etwa in sie einzuordnen wäre. Gründliche Anh&nger der Lehre vom fluidalen Leibe sprechen hier natürlich ohne weiteres von seiner Hinausversetzung, und wer kann mit Gewißheit sagen, daß sie unrecht haben? Eine Schwierigkeit ergäbe sich natürlich daraus, daß, wie die Selbstwahrnehmung beweist, trotz solcher Hinausversetzung des 'innerlichen' Leibes - der 'grob-stoffliche' nicht nur völliges Leben, sondern auch klares Bewußtsein bewahrt. Man könnte Bewußtseins-Teilung vermuten; aber man müßte mindestens auch noch die Entbehrlichkeit des Astralleibes für die Aufrechterhaltung von leben' zugestehen! Und das müßte gerade jenen Gründlichen als eine harte Zumutung erscheinen. So sehr also eine 'realistische' Auffassung der Autoskopie auch die gleiche Auffassung der Exkursion unterstützen würde, so erscheinen mir die Bedenk- 1) Vgl. Mattlesen 675-84. 2) S. z. B. Keiner, Seh. 171 0.; du Prel. Mon. See]. 192 f.; Gurney II 217; PrX74.199; Solller 7 S. (das. viel Literatur) tuw. 82* 340 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens lichkeiten dieser Hilfe doch sehr bedeutend, und da wir ihrer nicht bedürfen, so gehen wir ihr lieber aus dem Wege. Dr. Sollier ist von solcher übernormalen Auffassung des 'Sich-selber- Sehens' natürlich weit entfernt. Seine rein halluzinatorische Theorie geht von der Sensibilitätsstörung aus, die er bei jedem seiner Subjekte beobachtet hat. Infolge dieser Störung fühle das Subjekt nicht mehr, daß es normal in seinem Körper lebe; dieser erscheine ihm infolge der Aufhebung oder Veränderung der Körperempfindungen mehr oder weniger fremd. Daraus entstehe für das Subjekt die Einbildung, daß 'sein bewußtes (denkendes) Ich bis zu einem gewissen Grade exteriorisiert sei'. Bei dem herrschenden Zustande verminderter Selbstkritik1 aber fühle sich die Einbildungskraft gedrängt, jene 'Illusion' der Exteriorisierung des Ich dadurch zu vervollständigen, daß sie die Gesichtsvorstellung des Körpers objektiviere, - im äußersten Fall bis zur vollständigen Berührungs-, Gehörs- und Gesichts- Halluzinierung des Leibes im Außenraum. Diese Theorie, welche Dr. Osty für die Sollierschen Fälle von Autoskopie als die richtige ansieht, scheint ihm nun aber auch die scheinbar entgegengesetzten Fälle der Wahrnehmung des eigenen fleischlichen Körpers von außen her zu deuten. Auch in diesen bestehe vor allem eine Einengung2 des Bewußtseins und folglich eine Störung der Empfindungen (man bedenke die Rolle der künstlichen Anästhesie, der Synkope, der Katalepsie usw. in Fällen von Exkursion). Die Subjekte beider Klassen bekunden denn auch die gleichen Empfindungen: 'Abstand des Phantoms, Gefühl der Leichtigkeit und dés Wohlseins, der Exteriorisierung, einer bestimmten räumlichen Anordnung des Doppelgängers, zuweilen in der Höhe, usw.' - Genügt nun aber auch in den Fällen der zweiten Gattung, also denen der echten 'Exkursion', die von Dr. Osty angenommene 'Arbeit der Einbildungskraft', um die extreme Ausgestaltung des Phänomens zu erklären? In den Fällen von Autoskopie (so argumentiert er) besteht diese Arbeit offenbar in der sich steigernden Ausbildung einer Halluzination. Zu Beginn finden wir - rein negativ - einen wechselnd großen Ausfall des Körpergefühls, so daß das Subjekt 'außerhalb seiner selbst zu denken' glaubt; oder es 'fühlt sich als zwei': als Körper und als (noch unsichtbarer) Doppelgänger, welcher der 'Sitz des Denkens' geworden ist. Bearbeitet die Einbildungskraft dann diese 'Suggestion der Verdoppelung' weiter, so wird sie die 'Persönlichkeit des Doppelgängers vervollständigen, indem sie ihm einen Körper und zuweilen auch die Sprache zuteilt: das Subjekt sieht sich... und hört sich mitunter auch'. Auf dieser Stufe weiß das Subjekt aber noch, daß das gesehene und gehörte Phantom bloß ein 'double' ist und nicht die eigentliche Persönlichkeit.8 'Noch ein wenig weiter (sagt Osty), und die Arbeit der Einbildungskraft erzeugt die gleiche Vision des Doppelgängers, aber mit dem Gefühl, daß vom denkenden Ich nichts mehr im Körper verbleibe und daß es vollständig in den 'double' übergegangen sei. Der sich steigernde 1) contrôle. 2) amoindrissement. 3) la personnalité principale. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 341 halluzinatorische Vorgang gipfelt also schließlich darin,1 daß das Subjekt gleichzeitig vollständig das Gefühl, in seinem 'double' zu denken, und eine vollständige Vision seines Körpers hat, wie er im Augenblick ist. Das Subjekt glaubt sich vor seinem Körper zu befinden, außerhalb desselben zu denken und wahrzunehmen, ihn also vollständig verlassen zu haben... Der scheinbare Unterschied [der beiden Arten von Fällen] würde also beruhen auf einer größeren Intensität der Halluzination [in der zweiten Gattung], aus der sich eine verstärkte Illusion ergibt.'2 Es ist also Ostys Meinung, daß die Fälle von Exkursion (in unserem Sinn) durch eine Steigerung des halluzinatorischen Vorgangs aus den extremen Fällen von Autoskopie (im Sinne Solliers) hervorgehn. Der extremste Fall von Autoskopie nun zeigt uns ein grell sichtbares und etwa auch laut und selbständig redendes Eigenphantom in klar bestimmbarem Abstand im Außenraum. Wie kann dieser 'halluzinatorische Vorgang' - ohne sein Grundwesen zu verändern! - noch gesteigert werden? Ist es wirklich eine solche Steigerung, wenn das Subjekt seine Lokalisierung im Leibe, also jedenfalls an einem Wahrnehmungspunkte vor dem double, plötzlich aufgibt und in den double hineinschlüpft? Sicherlich nicht. In diesem Augenblick müßte ja doch die 'Halluzination' des double völlig verschwinden; denn natürlich kann das Ich nicht gleichzeitig seinen Körper vor sich halluzinieren und ausschließlich 'in' diesem halluzinierten Körper denken. Dr. Osty empfindet auch offenbar selbst die Nötigung, den Fortbestand der Halluzination des Körpers irgendwie zu retten, und er tut es durch einen logischen Winkelzug, der sich - wie stets in solchen Fällen - durch eine Zweideutigkeit des Ausdrucks verrät. Die Gipfelsteigerung des 'halluzinatorischen Vorgangs' soll sich äußern - außer in dem ^Gefühl, im double zu denken', auch noch in der 'vollständigen Vision des Körpers, wie er im Augenblick ist', d.h. doch wohl: wirklich ist. Warum, frage ich, heißt es hier 'Vision', und nicht - wie vordem - 'Halluzination'? Offenbar, weil Dr. Osty sich unbewußt scheut, durch den Gebrauch des gleichen Ausdrucks darauf aufmerksam zu machen, daß das Wort 'Halluzination' hier einen völlig anderen Inhalt bezeichnen würde, als zuvor; nämlich nicht das nach außen geworfene -Bild des eigenen Leibes, und zwar fast immer in einer Form, wie er keineswegs 'im Augenblick wirklich ist', sondern das Bild des wirklichen Leibes, vollkommen so, wie er im Augenblick ist und jedem Dritten erscheinen würde, also mit allen Zufallsmerkmalen seines tatsächlichen Zustandes zur Zeit der Exkursion: Hingestrecktsein, Blässe des Gesichtes, offener Mund, schwarzer Fleck auf einem Zahn, Zigarette oder Buch in der Hand, Schmutz am Mantel usw. Dr. Osty unterschlägt uns also vollkommen die entscheidende Tatsache, daß auf dem angeblichen Gipfel des 'halluzinatorischen Vorgangs' der Hauptinhalt desselben keineswegs an Schärfe der Wahrnehmung oder Reichhaltigkeit der Züge sich steigert, sondern gänzlich verschwindet und durch einen völlig an- 1) en se parachevant le Processus hallucinatoire aboutit flnalement en ceci . . . 2) RM 1930 195. 342 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens d e m ersetzt wird. Damit ist natürlich jede Ableitung der Exkursion aus der Autoskopie durch 'Steigerung' widerlegt und der unmittelbare Zusammenhang beider Oberhaupt verneint. Richtete sich dieser Einwand gegen den angeblichen Abschluß der Entstehung von Exkursionserlebnissen, so erhebt sich ein andrer gegen deren angeblichen Ausgangspunkt. Für Dr. Ostys Theorie ist es wesentlich, daß der 'halluzinatorische Vorgang1 von einer möglichst weitgehenden Empfindungslosigkeit des Subjektes ausgehe: denn gerade diese soll ja das Gefühl bewirken, man sei nicht mehr reefit im Leibe, woraus dann die halluzinatorische Selbstwahrnehmung außerhalb des Leibes und - auf Grund des nachgewiesenen Trugschlusses - auch die von außerhalb des Leibes her folgen soll. Tatsächlich ist auch in a l l e n Fällen Solliers eine krankhafte Empfindungslosigkeit als ursprüngliches Dauersymptom gegeben; Daß ähnliches aber bei unseren Exkursionserlebnissen keineswegs der Fall ist, davon kann sich der Leser durch einen Blick in unsere Beispiele leicht Oberzeugen. Von k r a n k h a f t e r Empfindungslosigkeit (wie bei Sollier durchweg) ist hier überhaupt fast nirgends die Rede. Narkose und Schlaf bedeuten natürlich auch bei Gesunden eine vorübergehende Aufhebung der Empfindungen. Sehr fraglich dagegen ist diese schon, wenn die Exkursion sich aus einem Zustande der Ermüdung, der bloßen 'Versonnenheit' oder der 'träumerischen Stimmung1 heraus entwickelt.1 In andern Fällen aber ist auch von Derartigem nichts zu finden: der Austritt erfolgt urplötzlich aus vollem Wach- oder gar Tätigsein heraus,2 oder auf Grund eines Willensakts (r), oder nach einem bloßen flüchtigen Schwindelgefühl.4 Daß auch in allen solchen Fällen eine Untersuchung des Subjekts Empfindungslosigkeit gefunden haben würde, ist natürlich selbstverständlich; ebenso selbstverständlich aber, daß diese die Folge der Exkursion, d.i. der Abwanderung des empfindenden Subjekts, nicht aber ihre letzte Ursache gewesen wäre. Diesem Sachverhalt entspricht es aber auch, daß die Subjekte echter Exkursion in keinem Fall das dargeboten haben, was Dr. Osty als Vorstufe ihres Erlebnisses ansieht und was man daher doch sehr häufig bei ihnen zu finden erwarten müßte: nämlich die Autoskopie in Solliers Sinn. Stellte diese wirklich eine zu 'steigernde' Vorstufe jener dar, so wäre es doch im höchsten Grade seltsam, wenn gerade die Subjekte, die keinerlei Empfindungslosigkeit als einleitendes Symptom verraten, jederzeit sofort in die äußerste Form des 'halluzinatorischen Vorgangs' hineinsprängen, während diejenigen, die jenes Symptom in aufdringlichstem Maße zeigen, sich mit den Anfangsstufen begnügten! Das Auftreten der Ursache stände dann buchstäblich im umgekehrten Maßverhältnis zum Auftreten der Wirkung; eine Schlußfolgerung, die einer Widerlegung gleichkommt Dr. Osty kann sich nun freilich selbst nicht ganz des Gefühls erwehren, daß seine Theorie den Fällen echter Exkursion noch etwas schuldig bleibe: von den Fällen Sollierscher Autoskopie unterscheiden sie sich ja auch noch dadurch, daß zur 'Selbstschau' die Wahrnehmung 'von örtlichkeiten und 1) S. die Fälle 1,2, 3, 52. 2) 21,22,31,41,45,59 . 3)23,24. 4)31,32. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 343 von belebten Szenen' hinzutritt. Ist die 'Vision' des eigenen Leibes von außerhalb - eine 'Halluzination', so werden wohl auch jene weiteren Wahrnehmungen - Halluzinationen sein müssen? Nun, Osty läßt uns die Wahl zwischen mehreren Erklärungen für ihren Hinzutritt. Entweder könne man annehmen (Venn man entschlossen ist, die Grenzen der klassischen Psychologie nicht zu überschreiten'), daß das scheinbar hinausversetzte Subjekt neben der Halluzination seiner selbst eine normale Wahrnehmung des rings umher Geschehenden habe, die es dann mit jener Halluzination zu einem Ganzen verarbeite (dessen scheinbare Gleichartigkeit nachträglich in der Erinnerung noch gesteigert werde). - Diese Möglichkeit scheint mir so gut wie nie gegeben zu sein: denn das hinausversetzte Subjekt hat fast stets, seinem Zustand entsprechend, die Augen geschlossen, könnte also das Bild der Umgebung und des Geschehens in ihr höchstens auf Grund von Gehörsoder Berührungs - Wahrnehmungen - halluzinatorisch erzeugen. Solche Wahrnehmungen aber sind entweder gar nicht gegeben, oder sie reichen nicht annähernd hin, die Gesichtseindrücke zu erklären. - Oder (sagt Osty) man könne unter Umständen auch telepathische Einflüsse von außerhalb zur Ergänzung des halluzinatorischen Kerns heranziehen, nach Art gewisser übernormaler Einsprengsel unserer Träume. - Auch dieser Gedanke erscheint mir von sehr untergeordneter Bedeutung; denn in der überwiegenden Mehrheit der Fälle von Exkursion ist das Subjekt allein, ein telepathischer Geber für ergänzende Wahrnehmungsinhalte also gar nicht zu finden. - Ostys Theorie versagt damit endgültig auch in ihren Hilfsannahmen. - Sei nun aber auch das Wahrnehmen des Exkurrierenden von bloßem Halluzinieren zu unterscheiden: was hindert uns, in diesem angeblichen Wahrnehmen ein Hellsehen (in der vollen Deutlichkeit des Wahrnehmens) zu erblicken, d.h. ein 'rein geistiges', von allen Rücksichten auf räumliche Anordnung unabhängiges 'Schauen' dessen, was z.Z. normal-sinnlich nicht wahrgenommen werden kann? Nun, diese Deutung des Vorgangs ist m. E. ebenso einfach wie bündig auszuschließen. Gewiß geschieht auch das hellsichtige Schauen des Unwahrnehmbaren gewöhnlich anscheinend von einem bestimmten 'Blickpunkt' aus; d.h. das übernormal erlangte Schauen versinnlicht sich in einem Bilde von der Art und Anordnung der normalen Wahrnehmungsbilder; 1 aber diese Art und Anordnung dürfen wir wohl als etwas Abgeleitetes betrachten, als eine 'Übersetzung' des eigentlichen Hellsehens in die Erscheinungsart von Wahrnehmungen; bezieht sich doch oft genug das Bild auf etwas Zukünftiges, also noch gar nicht objektiv Gegebenes, oder stellt sich als symbolische Einkleidung des Hellwissens dar, - wobei sich solche Einkleidung doch auch wieder 'blickpunktmäßig' gestaltet. Beim Kernerlebnis des Hinausversetzten dagegen gewinnen wir den überwältigenden Eindruck, daß das Schauen allem 1) Vgl. Mattiesen 6691. 344 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens zuvor durch eine veränderte 'räumliche Anordnung' von wahrnehmendem Ich und wahrgenommener Wirklichkeit zu einander bestimmt wird, nämlich durch eine wirkliche Hinausverlegung jenes Ich aus seinem Leibe, den es ja in vielen Fällen unmittelbar vorher noch vom normalen Blickpunkt - im Kopfe - aus angeschaut hat. Ausschlaggebend aber ist ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen hellseherischem Schauen und dem Schauen des körpernah Hinausversetzten. Der Hellsehende hat stets einen besonderen Anlaß oder Anreiz, eben das Geschaute zu schauen. In Fällen spontanen Fernsehens läßt sich wohl stets ohne Mühe eine Anteilnahme des Subjekts am Inhalt seines Schauens ermitteln. Was es schaut, betrifft meist seelisch nahestehende Personen oder wichtige Dinge. In zahllosen Fällen dürfen wir ohne weiteres annehmen, daß der Fernschau ein 'Aufruf jener seelisch nahestehenden Person vorausgegangen sei, der zur Fernschau dringend herausforderte: wie denn viele Erlebnisse, die meist als 'Telepathie' eingeordnet werden, ihrer Art nach unstreitig als Fernschauleistungen anzusehen sind. Während A, sagen wir, verunglückt, 'erblickt' B unvermutet Umgebung und Hergang des Unglücksfalls, nicht in der Art, wie B ihn erlebt und etwa telepathisch übertragen könnte, sondern wie ein unbeteiligter Zuschauer den Vorgang an Ort und Stelle beobachten würde.1 Auch in den Fällen ortsbewegter Fernschau (der travelling clairvoyance) erfolgt die übernormale Wahrnehmung stets gemäß dem fortlaufenden A u f t r a g eines Versuchsleiters, oder doch zum mindesten unter dem Antrieb eines (meist suggerierten) Wunsches oder Willens des Hellsehers; womit dann wieder jene 'Anteilnahme' oder jener 'Anreiz' gegeben ist, von denen eben die Rede war.2 Gleichgültig also, ob diese Anteilnahme einer Gefühlsbindung oder einer experimentellen Suggestion entspringt: das Hellsehn erfolgt in jedem Fall nach Richtlinien des Sinnes, die mit dem Inhalt der übernormalen Wahrnehmung zusammenhängen. Ganz anders verhält es sich mit den Inhalten, die das Exkursionserlebnis e i n l e i t e n . Keins unsrer Subjekte e r w a r t e t e oder wünschte seinen Leib, sein Bett, sein Zimmer zu sehen. Keins von ihnen konnte dadurch etwas erfahren, was nicht schon seinem v e r t r a u t e s t e n und g l e i c h g ü l t i g s t e n Wissen angehörte. Jedes von ihnen war durch die Wahrnehmung dieses Gleichgültigen überrascht. Aber dieser Seltsamkeit des Wahrgenommenen vom Standpunkt der Zweckhaf t i g k e i t alles Hellsehens aus - steht die Selbstverständlichkeit dieses Wahrgenommenen unter der Voraussetzung einer Blickpunktver- 1) Vgl. Mattlesen 386 ff. 2) Das. 391 II. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 345 lagerung gegenüber. Ist die Exkursion, was sie zu sein scheint, nämlich eine Abwanderung des wahrnehmenden Ich aus dem normalen Mittelpunkt seiner räumlichen Einordnung in die Welt: aus seinem Leibe, - so ist nichts n a t ü r l i c h e r , als daß die ersten Wahrnehmungen dieser Wanderung den Leib und seine nächste Umgebung zeigen. Dem gänzlichen Fehlen jedes bedeutungsmäßigen Anreizes entspricht hier also das n a t ü r l i c h e Gegebensein einer räumlichen Verursachung. Und dieser Unterschied erscheint mir ausschlaggebend für die Begründung einer Sonderklasse von Vorgängen, auch wenn wir die Frage völlig beiseitelassen! wie denn jene ersten Wahrnehmungen des Exkurrierenden Zustandekommen und wieso sie Sinnesqualitäten darbieten, die für gewöhnlich auf der Mitwirkung des Auges und des Sehhirns beruhen. Mag sie, wer will, als hellseherische bezeichnen: was wissen wir denn viel darüber, was Hellsehen ist? Dennoch sondern sie sich gründlich von den Leistungen ab, die wir f ü r gewöhnlich als hellseherische bezeichnen, und ordnen sich auf Grund der Art ihres Auftretens innerhalb des Raum-Zeit-Ablaufs weit natürlicher dem Begriff der Wahrnehmung unter. Ich selber hätte am Ende nichts dagegen, wenn man den Spieß umkehren und sagen wollte: a l l e Wahrnehmung sei 'Hellsehen', d. h. ein unmittelbares 'Erfassen' des Außer-Uns durch das Ich, nur eben im normalen Falle eingeschränkt und gleichsam 'kanalisiert' durch den physiologischen Wahrnehmungsapparat. Auch dann ja bliebe der grundlegende Unterschied bestehen, daß für den Exkurrierenden eben diese Kanalisierung zeitweilig aufgehoben wäre oder - was weiß ich? - durch eine andere ersetzt, die ihm ein räumlich geordnetes Wahrnehmen von einem außerleiblichen Blickpunkt aus ermöglichte. Dabei widerspricht dieser Auffassung weder, daß in seltenen Fällen offenbar 'überstürzter' Exkursion jene typischen ersten Wahrnehmungen zu fehlen scheinen, noch auch daß zuweilen (wie wir sahen) im weiteren Verlauf der Exkursion anscheinend Hellsehn der herkömmlichen Art sich zeigt. Auch eine im normalen Zustand erfolgende Hellsehleistung grenzt ja doch irgendwo an Wahrnehmungen im gewöhnlichen Sinn, und überdies fehlt es nicht an Gründen, im Zustande der Hinausversetzung, also 'Hirnentbindung', an sich eine Erleichterung des Hellsehens überhaupt zu erblicken. Aber auch das gelegentlich berichtete Übergehn in völlig 'erdfremdes' Schauen kann unsrer Auffassung keine Schwierigkeiten bereiten. Was wir noch als 'Wahrnehmung' deuten müssen, soll ja ausdrücklich nur den 'ersten Schritt' auf einem Wege bezeichnen, dessen Ende unabsehbar ist. Einmal wird ja der Anschluß an das, was uns als normale 346 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens Wirklichkeit erscheint, sich lösen, und es wird der Übertritt in eine Jenseitswelt erfolgen, in welcher bildhaftes Erleben einen anderen Sinn hat, als die 'Wahrnehmung von Objektivem', - sei es der Sinn von Träumen', oder 'symbolischem Schauen', oder was sonst Jenen Übertritt kann offenbar auch der zu Lebzeiten 'vorübergehend Gestorbene' schon vollziehen; und was er als 'Rückkehrer' davon berichtet, mag vielleicht dereinst beitragen zu unsrcm Verstehen des Lebens der Abgeschiedenen. Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß sowohl der subjektive Erlebnischarakter, als auch die Art der Abfolge der ersten Eindrücke des Exkurrierenden - diese Eindrücke als 'Wahrnehmungen' erweist (gleichviel im Rahmen welcher erkenntnistheoretischen Lehre und welcher Annahmen über die 'Leiblichkeit' des Hinausversetzten): im echten Exkursionserlebnis findet sich das klar-bewußte und fühlende, zu Überlegung und vernünftigem Wollen befähigte Ich aus dem Leibe hinausversetzt, unter natürlicher Verschiebung seines bisherigen Verhältnisses zu den Dingen im Raum. Es ist nun aber ohne weiteres klar, daß damit ein Zustand als erlebt behauptet wird, den der Spiritist als die Eingangsphase des persönlichen Fortlebens - unmittelbar nach der Ablösung vom Leibe - vermuten muß. Wie das Fortleben auch beschaffen sein mag: ich kann mir keine wahrscheinlichere und natürlichere Form seines Beginnes denken, als eben jene, die uns der Exkulpierende beschreibt. Und die Versuchung zu dieser Gleichsetzung verstärkt sich noch, wenn wir bedenken, daß die 'AbSchwächung' des Wachlebens, die wir als Auslösung des Austritts kennen lernten, wesensverwandt ist jener gründlichsten aller 'Schwächungen': dem Sterben; wie denn auch viele Exkursionen beobachtet wurden in Zuständen, die mit guten Gründen als Sterben, wenn nicht gar als eingetretener Tod aufgefaßt wurden. Es hegt also durchaus im Sinne unsres Gedankengangs, den Zustand der Hinausversetzung in solchen Fällen als 'vorübergehenden Tod' zu bezeichnen, als zeit- und teilweise Vorwegnahme des Zustands nach dem Tode, und dementsprechend das Gestorbensein als Exkursion von unbestimmter Dauer. Und im Grunde sprechen ja Exkurrierende selbst diese Auffassung häufig aus; wie viele von ihnen nicht waren in diesem Zustande überzeugt, daß sie nun 'tot' seien, das Sterben glücklich hinter sich und folglich die Frage nach dem Überleben durch eigne Erfahrung entschieden hätten!1 Ja manche von ihnen stellten, wie wir wissen, unter dieser ausdrücklichen Voraussetzung sehr 1) Vgl. o. die Falle 7, 14f., 38f., 41, 49, 51, 53, 57. Auf Entsprechendes bei 'Somnambulen' (d. h. doch oft: hypnotisch Exkurrierenden oder Exkursionsbereiten) hat du Frei mehrfach •erwiesen: z.B. Ph. d. H. 496; vgl. Mra. Finch: PS XXXIV 654 f.; und auch lebende 'Komunikatoren* zeigen ahnliches: vgl. o. S. 233 f. und UW VIII 10 ff. Austritt des Ich mit Wahrnehmung des eignen Leibes 347 'passende' Überlegungen bezüglich ihrer Hinterbliebenen und Hinterlassenschaft an! Unter solchen Voraussetzungen wäre des weiteren aber auch zu erwarten, daß in den Schilderungen des Sterbens, die uns angeblich von endgültig Gestorbnen geliefert werden, sich Einzelheiten finden, die mit wesentlichen Zügen der Exkursionserfahrung Lebender übereinstimmen. Man mißverstehe micht nicht dahin, daß ich hiermit eine weitere Bezeugung dieser Erfahrung von denen zu beschaffen suche, deren Zeugnis doch nur unter spiritistischen Voraussetzungen in Betracht kommt, während doch die Erörterung der Exkursion diese Voraussetzungen erst beweisen soll. Ich will bloß darauf hinweisen, daß eine Erwartung, die sich bestätigen müßte, falls meine Deutung der Exkursion die richtige ist, sich auch wirklich bestätigt. Unser Tatbestand ordnet sich damit in einen Zusammenhang ein, der den Eindruck seiner Natürlichkeit und Wirklichkeit verstärken muß. An Berichten Abgeschiedener über ihr Sterben, worin Merkmale der Exkurs ionserfahrung eingeflochten sind, ist nun tatsächlich kein Mangel; und zwar soll hier als Mindestes die ausdrückliche Angahe gefordert werden, daß der Verstorbene seinen eigenen Leichnam gesehen habe. Diese Angabe findet sich z. B. in einer Kundgebung, die Prof. Barrett *unter spiritistischen Voraussetzungen am einfachsten erklären zu können glaubte.' 'Die Tür (heißt es hier) wurde geschlossen und alles war still. Ich nahm dann zunächst wahr, daß ich nicht auf dem Bette lag, sondern ein wenig darüber in der Luft schwebte. Ich sah in dem trüben Lichte den KOrper gerade ausgestreckt und mit zugedecktem Gesicht. Mein erster Gedanke war, wieder in ihn einzugehn, aber der Wunsch danach verging mir bald völlig.' Es werden dann Ortsbewegungen im Zimmer, im Hause, ins Freie hinaus beschrieben, die dabei gesehenen Personen richtig bezeichnet, die Verwunderung ausgedrückt, daß niemand den Verstorbnen gehört oder gesehen habe, usw.1 - Die Schilderang stimmt also völlig überein etwa mit der des Dr. Wiltse,2 der für tot gehalten wurde, aber später ins Leben zurückkehrte und seinen Bericht daher mündlich liefern konnte, anstatt durch ein Medium. Zahlreiche Beispiele dieser Art finden sich auch in Bozzanos vergleichender Untersuchung von Beschreibungen des Sterbens durch Verstorbene.* So bekundet z.B. der Geist des Dr. Horace Abraham Ackley: 'Ich fühlte mich über meinen Leichnam erhoben, in geringem Abstand von ihm, von wo aus ich deutlich die Personen, die meinen Körper umstanden, wahrnahm.' - Noch deutlicher im Kernpunkt drückt sich 'Jim Nolan' durch das Medium Hollis aus: 'Mein Körper lag auf dem Feldbett ausgestreckt, und ich sah ihn.' - Eine nicht genannte 'gebildete Dame' wiederum berichtet durch Vermitt- 1) Barrett, Threshold 195 f. 2) o. S. 323. 3) RS 1928/B. 348 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens lung der Mrs. Duffey, daß sie zunächst die Reden zweier Freundinnen über sie selbst 'aus dem benachbarten Zimmer' vernommen habe, die sich mit peinlicher Offenherzigkeit Ober sie als eine Verstorbene unterhielten, was sie verblüffte, da sie sich durchaus 'am Leben' fühlte. Als sie die Unterredung unterbrechen wollte, sah sie mit Schrecken eine 'Gliederpuppe'1 auf ihrem Bette ausgestreckt, mit bleichem Gesicht, gekreuzten Armen, aufwärts gekehrten Fußspitzen, und erkannte die Züge als ihre eigenen. 'Mein Gott, ich war also wirklich tot!' - Ein im Kriege Gefallener sieht sich selbst sofort nach dem Ableben auf dem Grabenrande 'in soldatischer Kleidung'. 'Als mein Freund Frank sich meinem Leichnam näherte, um sich zu überzeugen, daß ich wirklich tot sei, nahm ich ihn noch einmal wahr wie mit den leiblichen Augen.' - Der Geist eines 'bekannten hohen städtischen Beamten' in Amerika: Unmittelbar nach dem 'Erwachen' in einem neuen Zustand 'sah ich mich ausgestreckt, still und reglos, in meinem Bette, ein Umstand, der mich mit Verwunderung erfüllte, da ich nicht im geringsten vermeinte tot zu sein.'2 Wieder ähnlich berichtete 'Etta Macleod' ihrer Schwester durch Mrs. Piper, das letzte, was sie durch ihre Augen gesehen habe, sei das Gesicht ihrer Mutter gewesen (die Sitzerin war des Glaubens, ihre Schwester sei mit geschlossenen Augen gestorben, und erfuhr erst nach der Sitzung, daß sie bis zum letzten Atemzuge ihre sie stützende Mutter angeblickt hatte); danach sei ihr bewußt geworden, daß sie sich mitten in einem Zimmer befand, 8 und sie habe ihren Körper unter etwas Weißem gesehn.'4 - Oder: Oberst E. K. Johnson erhielt durch Mrs. Wriedt von einem im Kriege hingerichteten Offizier (durch 'direkte Stimme') die Aussage: 'Ich erwachte am dritten Tage und sah meinen eigenen Körper'; und dieselben Worte gebrauchte ein früherer Mitschüler, der sich ihm durch das gleiche Medium mitteilte.6 Wir sehen also, daß die natürliche Erwartung sich reichlich bestätigt, es müßten, falls unsre Deutung der Exkursionserfahrung richtig ist, genau entsprechende Schilderungen seitens Verstorbener sich finden. 2. Der Austritt des Ich von außen wahrgenommen Mit dem Vorstehenden sehe ich das 'Kernstück' unsrer gesamten Reihenbildung6 als erwiesen an: die Hinausversetzung eines selbstbewußt fühlenden, wollenden und überlegenden Ich, das seinen Leib von außen anschaut. Im Lichte dieser Gewißheit gewinnen nun aber auch die übrigen Glieder der beiden Reihen, die wir zunächst einer gewissen Zweideutigkeit anheimgaben, ein verändertes Aussehen; indem 1) mannequin. 2) a. a. O. 1928 342. 391.489. 540; 1929 101. 3) she became conaclout In a room. 4) Pr XIII 448. 351. 5) Moore 282. Vgl. noch Travers Smith 25 t.; Moldoon 220; Marryat 1141.; Bennett 16 t.; Allison 265. 280; Stead, Death 2; RS 1861 124; Pr XXVIII 422 ff.; Flammarion III 174 f. (Wach-Erscheinung einer eben Ver- (torbenent). 6) o. S. 3001. Der Austritt des Ich von außen wahrgenommen 349 sich jetzt ein fester Ausgangspunkt für ihre richtige Deutung ergibt Ich will also im folgenden noch einige von ihnen belegen, wenn auch sehr viel flüchtiger als jenes Kernstück und mit merklich gelockerter Anforderung an die Beglaubigung der Einzeltatsachen. Aus der natürlichen Zusammenstimmung aller Teilansichten der Exkursion wird sich immerhin eine noch gesteigerte Sicherung dieses überragend wichtigen Tatbestands ergeben. Aus Gründen der Darstellung will ich mit der Tatsache beginnen, daß die Exkursion nicht nur dem Hinausversetzten selbst, sondern unter Umständen auch einem außenstehenden Beobachter als die Absonderung einer objektiven Leiblichkeit vom fleischlichen Körper erscheint. Ich habe, wie erinnerlich, gerade diese Frage eines Exkursionsleibes bisher beiseite gelassen, als für die Erhärtung des Kernstücks an sich nicht erheblich. Es ist jedoch klar, daß die 'objektive' Feststellung eines solchen 'Vehikels' der Exkursion für deren 'realistische' Auffassung sehr ins Gewicht fallen müßte; indem dann nicht nur eine Verlagerung des Blickpunkts eines 'Bewußtseins' vorläge, sondern auch die Ortsveränderung eines dinglichen Wesens. Solche Beobachtungen von außen wären nun offenbar, wenn unsere Grundauffassung der Exkursion richtig ist, wiederum sowohl zu Lebzeiten des Subjekts, als auch während der endgültigen 'Exkursion', also des Sterbens, zu erwarten. Und nachdem wir schon im vorstehenden diese Doppelbeziehung der Exkursion berücksichtigt haben, mag das gleiche auch bei ihren weiteren Formen zugestanden werden. Was nun Beobachtungen zu Lebzeiten anlangt, so verweise ich zunächst nur kurz auf Rochas' und Durvilles Angaben über die durch 'magnetische Striche' bewirkte Aussonderung empfindender 'Schichten' (couch.es), parallel zum Körperumriß eines Subjekts, die sich dann zunächst zu zwei Halbphantomen zu beiden Seiten des Körpers verdichten sollen, die sich schließlich zusammenfügen (zuweilen durch Aufstieg über den Kopf des Subjekts) und damit, nach Ansicht Rochas', den 'Astralleib' zur Darstellung bringen.1 Beweise hierfür will er, abgesehn von Aussagen einzelner Versuchspersonen, wesentlich durch 'Abtasten' der Luft, also durch Feststellung der Empfindungsverlagerung gewonnen haben. In Durvilles leidlich ähnlichen Feststellungen finden wir übrigens die seltsame Angabe, daß dieser durch längere 'Magnetisierung' zustande gebrachte double zunächst alle Stellungen und Gebärden der Versuchsperson nachgeahmt habe, was uns an gewisse Angaben über 'Doppelgänger' erinnert, z. B. den der (doch wohl nicht bloß sagen- 1) Näheres s. Mattlesen 415 f. S77 ff. Ich komme hieraul in dem nachzuliefernden Abschnitt Ober objektive Phantome zurück. 350 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens haften) Mlle Sagee.1 Auch der von Durville beobachtete double war stets durch ein 'Band' mit dem Leihe des Subjekts verbunden, und zwar nach den Beobachtungen der Subjekte selbst, nach denen anwesender Hellsichtiger, und vielleicht auch nach Durvilles eigenen. Ähnlich berichtet M. Lecomte, daß die von ihm hypnotisierte Mme Z. ihren Körper und außerdem, 1 m von diesem entfernt, ihren 'Astralleib' als leuchtende blaue Wolke gesehen habe.* Man fragt sich natürlich bei solchen Angaben, wo denn das angeblich gleichfalls beobachtende Subjekt sich befinde und von wo aus es seine Wahrnehmungen mache: befindet es sich im physischen Leibe und 'sieht' sein hinausversetztes Phantom, oder haust es in diesem und sieht den verlassenen Leib, wie in so vielen der obigen Exkursionen? Im zuletzt erwähnten Fall wäre, nach Mlle Mireilles, also einer Dritten, Behauptung, weder das eine noch das andre der Fall gewesen. Mireille behauptete nämlich, in der Mitte des 'Bandes', das *beide Leiber verknüpfte', eine Veit heller leuchtende Stelle' zu sehen, die nach ihrer Auffassung 'zum Geiste der Mme Z.' gehörte, der also ihrem 'Astralleibe' nicht völlig gefolgt wäre. Das klingt natürlich sonderbar genug, und ich gebe es mit größtem Vorbehalt wieder. Immerhin fällt auf, wie seltsam es mit Angaben andrer Meister der Exkursion übereinstimmt. Muldoon behauptet, daß das Bewußtsein meist, aber nicht immer, erst nach erfolgter Hinausversetzung 'draußen' allmählich erwache, zunächst in der Art des Träumens, sodann in völliger Klarheit; ferner aber auch, daß eine Art zwischen fleischlichem und exkulpierendem Leibe schwankender Lokalisierung des Bewußtseins statthaben könne. Er führt zunächst (nach Carrington) gewisse Beobachtungen an, die ein doppeltes Bewußtsein in beiden 'Leibern' gleichzeitig zu beweisen scheinen. So habe z.B. Dr. van Eeden, der bekannte holländische Arzt und Dichter, während fortgesetzter Versuche mit seinem Traumleibe' es schließlich dahin gebracht, sich während der Schlaf-Exkursion 'deutlich zu erinnern, daß er schlafend im Bette gelegen, mit auf der Brust gekreuzten Armen; und gleichzeitig ebenso deutlich, daß er durchs Fenster hinaus- und einen Hund heranlaufen gesehn, der ihn durchs Fenster anblickte und dann wieder fortlief, - und andre Einzelhelten dieser Art Danach erinnerte er sich, daß er auf das Ruhebett zu geglitten, auf welchem sein irdischer Körper lag', und wieder hineingeschlüpft wäre. 'Er hatte die äußerst deutliche Empfindung einer Zweiheit des Bewußtseins in den beiden Leibern.' Ähnliche Erfahrungen, sagt Muldoon, habe auch er häufig zu machen geglaubt, aber bei genauerer Beobachtung neige er zur Auffassung, daß hier doch nur ein 'doppeltes Funktionieren des Sehens' - oder sagen wir: der Wahrnehmung seitens eines Bewußtseins vorliege; wobei jenes 'Band' die Verknüpfung zwischen 1) Ihre Bekrittelung z.B. bei Hornig II 313. Verwandte Falle ". Delanne I 100 f. 194; Flanrmarion II 50; Horst 86. 138; Stead 50. 2) Rocha", Sern. 52 ff.; Durville in AOP1906 291 ff.; Lecomte in ÜW IV 204 n. bei Mattlesen 605. Der Austritt des Ich von außen wahrgenommen 351 den beiden Wahrnehmung vermittelnden Leibern bilde; denn wenn der normale Leib gleichzeitig mit dem hinausversetzten - Bewußtsein haben könnte, so dürfte der letztere ja nicht mehr als notwendiges Verbindungsglied zwischen seelischem Leben und Körper gelten, ja es bestände die Möglichkeit, daß nach der Trennung des 'Bandes' (also dem Todel) Bewußtsein im fleischlichen Leibe fortbestehe. Wenn aber jenes gleichzeitige Sehen durch die Augen des normalen und die des astralen Leibes geschehe (was sehr selten sei), so könne das Subjekt den Astralleib und dessen Bewegungen beobachten, gerade als wenn es sich im irdischen befände, und doch gleichzeitig imstande sein, auch den physischen Leib zu sehen, der mit geschlossenen Augen auf dem Bette liegt1 Von hier aus erwäge man ein Erlebnis des 18 jährigen Boru, der von der Arbeit aufsteht, um etwas im Nachbarzimmer nachzuschlagen, und - mit dem Buch in der Hand auf der Schwelle stehend - sich selbst am eben verlassenen Schreibtisch gewahrt. 'Ich sah mich im Hausanzug am Schreibtisch sitzen und den Satz schreiben, den ich im Geist Oberlegte oder bildete. Ich weiß nicht, wie lange das dauerte, aber es fehlte nichts in diesem Gesicht, weder die Lampe mit ihrem grünen Schirm, noch die kleine Bücherreihe mir zu Häupten, noch die Hefte, das Tintenfaß, usw Ich hatte das klare Bewußtsein, vor der Tür zu stehen... Aber gleichzeitig hatte ich das GefOhl, auf einem Stuhl zu sitzen und mit meinen Fingern den zum Schreiben nötigen Druck auf meine Feder auszuüben. Ich sah den sitzenden Boru; mehr als das: ich sah und las den Satz, den er schrieb, und doch war er 2 oder 3 m von der Tür entfernt. Darauf bin ich an den Tisch herangegangen, und die Verdoppelung war zu Ende.' * Das alles mag vertrackt genug klingen. Aber man nehme es ruhig hin. Wir tun in diesen Fragen die ersten tastenden Schritte und müssen jedes angebliche Stück Erfahrung geduldig nach allen Richtungen wenden, um ihm irgendweich" Andeutungen für künftiges Verstehen abzugewinnen. An den seltsamen und mannigfachen Beobachtungen dieses Gebietes ist doch bei weitem das Seltsamste, wie deutlich sie sich nach allen Seiten hin untereinander verzahnen. Die klar bewußte Hinausversetzung des Ich ist uns ein fester Ausgangspunkt geworden. Und ebenso wissen wir, daß sie den tieferen Schlafzuständen eigen ist. Jetzt tritt uns die Behauptung entgegen, daß der bewußten Exkursion die Beobachtung eines anscheinenden Exkursions- Trägers durch Dritte entspricht, und hiermit verwebt sich die weitere Angabe, daß auch das hinausversetzte Subjekt selber nicht nur den verlassenen Leib, sondern unter Umständen auch den der Exkursion wahrnehmen könne; und dies werde ermöglicht durch eine Bindung des wahrnehmenden Ich an 'beide Leiber gleichzeitig'." Nehmen wir dies alles zur Kenntnis und ver- 1) Muldon 95 ff. 163 ff. 54 ff. Vgl. Stead 32. 2) Delanne I 388. Vgl. FUunmarkm II 71. 3) Die letztere Feststellung widerspricht dem (auch von mir geftufierten) Bedenken gegen die Möglichkeit der Hinausversetzung eines (doch lebensnotwendigen'!) 'Astrallelbes' während erhaltenen Lebens und Bewußtseins. Ich verweise dabei auch auf die häufige Beobachtung, daß der Exlcurrlerende und etwa in der Ferne Wahrgenommene sein Erleben gleichzeitig laufend beschreibt. 352 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens folgen zunächst noch weiter, wieviel Methode sich in all diesem Wahnsinn entdecken läßt. In Rocheis' und Durvilles Versuchen sollte das hinausversetzte Phantom nur mittelbar festzustellen sein. Doch ist dies keineswegs die Regel; weit eher ein Gesehenwerden des hinausversetzten Subjekts in lebensgleicher Erscheinung. Erstreckt sich die Exkursion nur auf kurze Entfernungen, so ergibt sich die Möglichkeit, daß normaler Leib und Phantom gleichzeitig von Dritten beobachtet werden. Frl. Swoboda z.B., die wir bereits als ungesehen Exkurrierende kennen lernten, wurde angeblich bei andrer Gelegenheit von einer Dritten wahrgenommen: Während sie neben einer Frau N. auf einem Sofa saß und dem Klavierspiel ihrer Freundin Irma (Frau N.s Tochter) zuhörte, lehnte sie sich mit geschlossenen Augen zurück, trat im Geiste an die Seite der Spielerin und bemerkte, wie: die Hausfrau verwundert nach ihr (am Klavier) sowie nach ihrem Platz auf dem Sofa blickte, wo sie (Sophie) nun sich seihst mit geschlossenen Augen liegen sah. Sie eilte in ihren Körper zurück, schlug die Augen auf, und Frau N. versicherte ihr, sie hätte sie neben dem Klavier und zugleich auf dem Sofa gesehen.1 Findet dagegen die Hinausversetzung auf große Strecken statt, so muß sich ein etwaiges Wahrgenommenwerden des Subjekts natürlich auf dessen 'Phantom' beschränken. Fälle dieser Art sind jedem nur mäßig Belesenen in Masse vertraut; er hat sie nur vermutlich unter sehr anfechtbarer Benennung kennen gelernt. Die englische Forschung sah in ihnen Belege für den Tatbestand der doppelten oder 'gegenseitigen Telepathie':2 ohne Frage ein schwerer Mißgriff.3 Der Tatbestand ist ja doch der, daß A am fernen Orte bei B anwesend zu sein glaubt, diesen und seine Umgebung in natürlicher Weise 'wahrnimmt', zugleich aber auch von diesem wahrgenommen wird, wobei sich häufig A's 'Erleben' am fernen Ort und B's Wahrnehmungen in seltsamster Weise entsprechen. Hätte man dies als reines Fernsehen A's, verbunden mit der telepathischen Erregung 'entsprechender' Halluzinationen in B, bezeichnet, so ließe sich solche Auffassung wenigstens leidlich verfechten. Völlig befriedigen könnte sie allerdings schwerlich. Es fällt ja schon auf, daß zuweilen A am fernen Orte gar nicht von demjenigen gesehen wird, den er voraussetzungsgemäß hätte telepathisch beeinflussen müssen, sondern von einem 'unbeteiligten' Dritten.4 Ja wir haben Fälle, in denen dieser wahrnehmende Dritte ein dem hinausversetzten Subjekte völlig Fremder und nur zufällig in der Nähe dessen ist, den gleichsam zu 'besuchen' das Subjekt doch auszog; ein Fremder, der denn auch die "Erscheinung' gar nicht erkennen kann, sie aber doch so genau be- 1) P S VI 346; vgl. Delanne 1192; HB 1925 215; Crowe 141. 2) reciprocal tel. (Gurney 1 227; II 153). 3) vgl. o. S. 120t. 148t. 152. 4) z. B. Gurney II 162 f. Der Austritt des Ich von außen wahrgenommen 353 schreibt, daß andere sie identifizieren können;1 oder der das Subjekt erst bei einer späteren leiblichen Begegnung wiedererkennt. Dies letztere belegt z.B. der Fall der Frau "Beta', die mehrfach in eben dem Zimmer eines fern in Schottland gelegenen Hauses sichtbar 'spukte', in welchem später ihr Gatte, der das Haus zwecks Jagens und Fischens mietete, sein Schlafzimmer einrichtete. Der Dame war, als sie ihrem Gatten nachreiste, das ganze Haus bereits 'bekannt', und sie wurde von dessen Besitzerin, Lady B., gleich bei der ersten Begegnung als jene Spukende erkannt.3 Wir lesen ferner Berichte, nach denen das fernanwesende Phantom durch sein Benehmen ein Bewußtsein der Ortsanwesenheit Dingen und Menschen gegenüber verraten habe. Ein Herr Theodor Pommer fühlte sich, als er von Hause verreist war, zu seiner schmerzlich vermißten jungen Frau versetzt - 'aus sich herausgehoben' -, sah sie an ihrem Tisch mit Handarbeit beschäftigt, setzte sich (seiner sonstigen Gewohnheit entsprechend) vor ihr auf eine Fußbank und blickte, an sie gelehnt, zu ihr empor, wobei er auch bemerkte, daß ihre Handarbeit, die sie vor ihm zu verbergen suchte, in einer 'Börse mit Rosen und Vergißmeinnicht und dem verschlungenen Namenszug der beiden' bestand und daß die junge Gattin 'selig lächelnd zu ihm niedersah'. Ein Brief derselben meldete ihm tags darauf, daß er *plötzlich an Ihrer Seite gewesen sei; sie habe ihm mit einer ihr jetzt unerklärlichen Ruhe ins Auge geblickt', . . . doch sei er, als jemand eintrat, plötzlich verschwunden gewesen. Die Börse, die sie für seinen Geburtstag heimlich vorbereitete, konnte er ihr nach seiner Heimkehr genau beschreiben.9 Andre Fälle gehen in der Kraßheit des ortsgemäßen Benehmens noch hierüber hinaus. - Ein Oxforder Student, P. H. Newnham, fühlt sich in einem 'einzigartig deutlichen und lebhaften Traum' mitten unter die ferne Familie seiner Braut versetzt, bemerkt zuletzt, daß die junge Dame das obere Ende einer Treppe erreicht hat, eilt ihr nach, holt sie ein und schlingt von hinten beide Arme um sie. Mit seinem Bericht über diesen 'Traum' sich kreuzend, trifft ein Brief der Braut ein, nach welchem diese zur gleichen Zeit, während sie tatsächlich die Treppe hinaufstieg, hinter sich seine Schritte vernommen und sich von seinen Armen umschlungen gefühlt habe.* Es fehlt auch nicht an Berichten, nach denen der Exkurrierende am fernen Orte nicht nur Dinge wahrnimmt, von denen er normal nicht wissen konnte, sondern auch Worte zu äußern glaubt, die völlig übereinstimmend als vom geschauten Phantom geäußerte dort gehört werden.6 Den Anschein einer objektiv-körperlichen Fernanwesenheit, also auch den der quasi-objektiven Wahrnehmung des Hinausversetzten, erwecken schon diese Tatbestände. Doch könnten unter Umständen auf 1) z. B. Pr VII 41 fl. 2) Aus The Spectator In ÜW X 411. Vgi. d. Fall Buchner 278. 3) Daumer I 179 ff. 4) Gumey I 225; auch Myen I 418 t. S) z. B. Gumey I 318 f.; I I 159 f.; M I I I 182; TR X X X I I I 442; Lombroio 2921. 515. Mattieseiii Du persönliche Überleben 11 tt 354 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens solche Phantome der bewußten Fernversetzung natürlich auch noch andre jener Überlegungen sich anwenden lassen, die zur Anerkennung einer gewissen Objektivität der Telephanie bzw. des Spukes führen. - Wie weit das gehen kann, werden wir gleich erfahren. Doch sei zunächst auch von der Seite des Subjektes her auf Merkmale hingewiesen, die seine Anwesenheit am fernen Ort und sein Wahrgenommenwerden daselbst über das billige Schema 'Telepath ie-plus-Hellsehn' hinausrücken und vielmehr als wirklichen Ich-Austritt in unsrem 'realistischen' Sinn erscheinen lassen. Wir begegnen nämlich auch Fällen, in denen die Erfahrung des Fernerscheinenden mit uns vertrauten Kennzeichen wirklicher Hinausversetzung einsetzt und auch das Gefühl einer umfangreichen Bewegung durch den Raum einschließt. Dergleichen berichtet z.B. J. A. Hill von der uns schon bekannten Mrs. Napier. Ihre fraglichen Erfahrungen überkommen sie meist im Bette, unterscheiden sich aber stark von allen normalen Erscheinungen des Schlafes. Auf ein Gefühl des Prickeins, das durch den Körper vom Kopf bis zu den Füßen lfiuft und dem von einer galvanischen Zelle erzeugten ähnelt, folgt kataleptische Starre, in gewissen Fällen auch das 'peinliche Gefühl des Austritts aus dem Leibe und dann die unbeschreiblich angenehme Empfindung rascher Fortbewegung durch den Raum bis zu irgendeiner entfernten Stadt, von wo sie wahres Wissen zurückbringt, von solcher Art, daß es durch Raten, Schlüsse oder vorheriges Wissen sich nicht erklären läßt.' Mr. Hill erwähnt kurz ein derartiges Ferngesicht, welches an das des hinausversetzten M. Bertrand erinnert,1 und berichtet dann ausführlicher folgendes Erlebnis: 'Mrs. Napier glaubte sich [eines Tages um 10 Uhr vorm., während sie in ihrem Zimmer lag] nach dem üblichen 'Reise'-Gefühl in ihrer alten Heimat zu befinden, 60 engl. Meilen von ihrem gegenwärtigen Wohnort entfernt. Sie hatte versucht, dies zu tun, denn sie hatte ein Gefühl, daß der Zustand ihres Vaters, eines dauernd Leidenden, sich verschlimmert habe.. 'Im Geiste' in dessen Hause angekommen, begab sie sich dife Treppe hinauf und ins Zimmer ihres Vaters. Sobald sie durch die Tür hindurch war, sah sie ihn aufrecht im Bette sitzen und anscheinend kränker; er wandte den Kopf, sah sie und rief: 'Ach, da ist ja Mabell' In diesem Augenblick überwältigten sie die Schwäche und das Gefühl des Zurückgezogenwerdens (1), die dem Abschluß dieser Erfahrungen vorausgehn, und nachdem sie durch den Raum zurückgeeilt war, erwachte sie wieder in ihrem Leibe. - In einem sofort abgesandten Brief nach Hause beschrieb sie den Vorfall. Dieser Brief kreuzte sich mit einem am nächsten Morgen eintreffenden von ihrer Stiefmutter, welche meldete, daß der Zustand des Kranken sich verschlimmert und daß er während eines Anfalls seine Tochter an der Türe stehend zu sehen geglaubt habe. Er habe ihren Namen ausgerufen mit den Worten 'Da ist ja Mabell' oder ähnlichen. Die Zeitpunkte fielen genau zusammen, soweit sich das feststellen ließ.'2 1) o. S. 331. 2) HUI, New Evid. 171. Vgl. die Falle Piobb und MUe B.: Delanne I 237 f. 239. Der Austritt des Ich von außen wahrgenommen 355 Hill scheint eine Schwierigkeit darin zu finden, daß Mrs. Napier ihrem Vater in einem rosa Kleide erschien, während sie zur Zeit ein blaues trug, das er nie gesehen hatte. Aber ganz abgesehen davon, daß der Vater durch irgendein 'Licht' um das Phantom (oder gar von seiner Erinnerung) getäuscht worden sein mag, steht natürlich dem Exkurrierenden die Ausgestaltung seines Phantoms im einzelnen frei, wie uns hundert Beispiele von Autotelephanie beweisen. - Tun wir indessen einen weiteren Schritt. Wenn uns die obigen Betrachtungen gelehrt haben, das Sterben mit der Exkursion des Lebenden annähernd gleichzusetzen, so müssen wir erwarten, daß auch an Sterbebetten - so oft überhaupt die Wahrnehmung für gewöhnlich unwahrnehmbarer Dinge sich ermöglicht - die Absonderung eines Exkursionsträgers beobachtet werde. Diese Erwartung erfüllt sich sogar in besonders reichlichem Maße. - Ich beginne mit Fällen, in denen diese Wahrnehmungen 'dritter Anwesender' nur ungestaltete Gebilde darbieten, deren Bedeutung denn auch fraglich erscheinen mag. Miss W., eine Dame, die Frederic Myers persönlich kannte, sagt in einer Beschreibung des Todes ihres Vaters gegen Mitternacht des 16. Nov. 1862 im Beisein seiner Angehörigen: 'Das Kaminfeuer gegenüber dem Fußende des Bettes strahlte ein stetiges und gedämpftes Licht aus, und nur eine Kerze brannte im Zimmer. [Einige Minuten nach dem Verscheiden], während wir [auf den Toten] hinblickten und kaum noch das Geschehene begriffen, flüsterten plötzlich ich und mein jüngster Bruder gleichzeitig 'Sieh doch', und erblickten beide eine dampfartig leuchtende Masse, die kreisförmig über meines Vaters Kopfe zitterte.1 Es war, als ob der Atem selber leuchtend geworden wäre und über der hingestreckten Gestalt schwebte . . . Niemand von den Andern sah es.' (Suchten auch sie es zu sehen, oder gaben sie nicht Acht darauf? Das bleibt leider ungewiß.)2 Miss Dorothy Monk berichtet, offenbar kurz nach dem Erlebnis, eine gleichfalls 'kollektive' Wahrnehmung am Bette ihrer am 2. Jan. 1922 nach langem Krankenlager verstorbenen Mutter. 'Gegen 7 Uhr an jenem verhängnisvollen Abend öffnete die Kranke, in komatösem Zustande, den Mund; von diesem Augenblick an haben wir alle eine kleine weiße Wolke beobachtet, die sich über ihrem Kopfe bildete und bis zur Rücklehne des Bettes verlängerte. Sie trat aus dem Kopfe aus, verdichtete sich aber hauptsächlich am gegenüberliegenden Ende des Bettes. Sie hielt sich schwebend in der Luft, wie eine dichte Wolke weißen Rauches, zu Zeiten undurchsichtig genug, um die Bettlehne unsren Blicken zu verdecken, doch veränderte sie unablässig ihre Dichtigkeit... Meine 5 Schwestern waren zugegen, und wir alle sahen dies außerordentliche Phänomen. Dann trafen mein Bruder und mein Schwager ein und konnten es ihrerseits beobachten. Ein blaues Licht erhellte die 1) a vaporous lumlnosity, quivering in a circle . . . 2) JSPR IV 68. Vgl. den Fall au" Lt 1887 bei Bozzano, A prop. 136 f. 23* 356 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens Mitte der Wolke; von Zeit zu Zeit erschienen plötzlich helle Funken gelblichen Lichtes... Wahrend mehrerer Stunden veränderte sich die Erscheinung nicht merklich; nur ein Kranz gelblicher Strahlen umgab den Kopf der Sterbenden... Gegen Mitternacht verschwand alles, obgleich Mama erst 7,30 morgens verschied.'1 Mit diesem Bericht vergleiche man den von drei Verwandten Tweedales gelieferten Ober ihre Wahrnehmung beim Tode seiner Schwiegermutter, Mrs. Mary Burnett. Am Sterbebette derselben wachten während der Nacht vom 28./29. Juli 1921 Mrs. Tweedale, ihre Tochter Marjorie und eine gewisse Mrs. Proud. 'Es war nach Mitternacht, und das Zimmer durch eine Lampe hell erleuchtet. Plötzlich sah meine Tochter Marjorie eine kleine Wolke grauen Rauches, vergleichbar dem Rauch einer Zigarette, über dem Körper der im Bette liegenden Mrs. Bumett schweben. Zuerst erschien die Wolke etwa 3-4" im Durchmesser und schwebte in der Luft einige Zoll über der Bettdecke und gerade Ober dem Unterleib der bewußtlosen Frau. Überrascht von dem Anblick, lenkte meine Tochter sogleich die Aufmerksamkeit meiner Frau und der Mrs. Proud auf die seltsame Erscheinung, und alle drei das Bett dicht Umstehenden sahen deutlich die Rauchwolke und beobachteten sie sorgfältig. Sie nahm allmählich an Umfang zu, bis sie die Größe eines Tellers hatte (wie sie sich ausdrückten). Dann nahm zu ihrer wachsenden Verwunderung der obere Teil der Rauchwolke eine tief purpurn leuchtende Farbe an, . . . und bald begann sich ein schöner Strahlenkranz um das Haupt der Sterbenden zu bilden. Er war zuerst von blasser Färbung, die sich aber allmählich gleichfalls zu einem tiefen Purpur verstärkte, in auffallendem Gegensatz zu den weißen Kissen. Er hatte einen Abstand von etwa 3" vom Kopfe, war ungefähr 4" breit und am äußeren Rande tiefer gefärbt, während das Innere blasser und durchsichtiger erschien. Der äußere Rand war unregelmäßig oder gezackt, gleichsam in eine Anzahl von Lichtern oder Flammen gespalten. Sobald diese wundersame Bildung vollendet war, begann das tiefpurpurne Licht jedes der Augen zu umgeben und den Umriß der Nase und schließlich des Mundes nachzubilden. [Dies alles zusammen] blieb den 3 Zeugen fast 20 Minuten lang sichtbar, während welcher ganzen Zeit sie die Erscheinung mit angespannter Aufmerksamkeit beobachteten. Meine Frau führte mehrmals ihre Hand durch die purpurne Lichtwolke, ohne sie von der Stelle zu rücken oder auf Widerstand zu stoßen; aber wenn sie die Augen schloß, waren Wolke und Strahlenkranz nicht mehr sichtbar, was ihr wirkliches Dasein außerhalb ihrer Augen bewies. - Die leuchtende Wolke und anderen Lichter verschwanden vor 1 Uhr nachts, aber der 'Tod' der Mrs. Burnett trat erst um 5 Uhr nachm. ein, 167j Stunden nach der Bildung der ersten Wolke, während welcher ganzen Zeit Mrs. Burnett ohne Bewußtsein lag.'" Daß wir solche Beobachtungen nicht als kollektive Halluzinationen beiseite schieben dürfen, erscheint mir bei der Unerwartetheit des Vor- 1) Lt 1922 182. (Perofinl. Nachfragen des Mr. D. Gow erhöhen die Glaubwürdigkeit des Berichts.) Vgl. Barrett 108 f. 2) Tweedale 88 f. Vgl. noch PS 1918 293 f.; Clarke 321. Der Austritt des Ich von außen wahrgenommen 357 gangs und der ruhigen Sorgfalt seiner Beobachtung gewiß. Dagegen kann man zweifeln, ob wir es hier überhaupt mit Erscheinungen eines sich ablösenden 'feineren Leibes' zu tun haben, und nicht vielmehr mit irgendwelchen physiologischen 'Strahlungen' des absterbenden Körpers, oder gar mit ungestalteten Ausscheidungen etwa von der Art des vielbesprochnen Teleplasma'.1 Es ist aber freilich auch denkbar, daß solche Deutung nach der Seite der Vorsicht irrt; daß sie etwas für gar nicht phantomverwandt ansieht, was in Wahrheit nur die erste Vorstufe einer Phantombildung, oder gar ein bloß unzulänglich wahrgenommenes Phantom, etwa die 'Aura'-artige Umhüllung eines solchen darstellt.1 Jedenfalls sind Beobachtungen mindestens ebenso häufig, in denen die anscheinend formlose Ausscheidung zur Wahrnehmung eines voll ausgebildeten Phantoms des Sterbenden ü b e r l e i t e t . Wahrnehmungen dieser Art will z. B. Mrs. Joy Snell gemacht haben, die jahrelang Krankenpflegerin aus Liebe zur Sache gewesen war, ehe sie sich ganz diesem Berufe widmete. Ich kann nicht sagen, wieviel Gewicht ihre Angaben besitzen. Jedenfalls bezeichnet sie die 'Ausbildung des Geist-Körpers über dem abgestreiften irdischen Leibe' als einen ihr 'vertrauten Anblick'.3 Von dem Sterbebett einer gewissen Maggie, der ersten (!) Sterbenden, der sie beigestanden, berichtet sie u. a. folgendes: 'Sobald Maggies Herz zu schlagen aufgehört hatte, habe ich deutlich etwas dem Dampf aus einem Kochtopf Ähnelndes von ihrem Körper aufsteigen, in einigem Abstand über ihm Halt machen und sich zu einer Gestalt verdichten sehen, die mit derjenigen meiner Freundin übereinstimmte. Diese Gestalt, zunächst wenig geformt, nahm allmählich bestimmtere Umrisse an, bis sie vollkommen deutlich wurde. Sie war von einer Art weißen Schleiers eingehüllt mit perlfarbenen Streiflichtern, unter dem die Formen deutlich hervortraten. Das Gesicht war das meiner Freundin, aber verklärt und ohne jeden Zug der Krämpfe, die es während des Todeskampfes verzerrt hatten...' Ähnliches will sie, wie gesagt, später 'ständig' an Sterbebetten beobachtet haben, und diese Gestalten seien stets 'identisch' mit denjenigen gewesen, von denen sie sich ablösten.1 Beobachtungen dieser Art - auch von seiten anscheinend besserer Zeugen - sind, wie gesagt, von seltsamer Häufigkeit. Ein Mr. P.A. berichtete der Ges.f.ps.F.: 'Ich sah einen schwärzlichen Dampf meines Vaters Haupt verlassen, als er (vor etwa 12 Jahren) starb, und dieser Dampf formte sich zu einer Gestalt in voller Lebensgröße, und die 7 folgenden Nächte sah ich sie in meinem eigenen Zimmer, . . . jede Nacht lichter werdend, bis sie in der siebenten völlig strahlend, ja blendend erschien. Sie hielt etwa l1 /: Minuten an. Es war dunkel, so oft das Phantom erschien, und ich war völlig wach, beim Zubettegehen; mein Alter 32 Jahre.'5 1) So Barnard 213. 2) Dies wird der Abschnitt Ober objektive Phantome glaublicher machen. 3) Barrett, Vis 112. Prof. B. nennt sie 'a careful and consclentious recorder' (29). 4) Bei Bozzano, A prop. 138 f. Vgl. ethnolog. Parall. das. 140f. 5) Pr X 117. 358 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens Wieder ähnlich bezeugt eine gewisse Mary Carpenter im 'Banner of Light', daß sie selbst im Trans am Sterbebett ihrer Mutter das allmähliche Absterben der Glieder und die Bildung 'eines lichten Balles Ober dem Kopf' beobachtet habe, welcher anwuchs und zu einer menschlichen Gestalt wurde, 'die schließlich nur durch einen silbernen Faden mit dem Körper in Verbindung stand' [!]. Sie sah dann aber angeblich noch weiter - und das ffihrt uns zu einer besonderen Form dieser Beobachtungen -, daß die Verstorbene von Geistern begrüßt wurde und mit ihnen gemeinsam entschwebte.1 Auch im folgenden Fall verknüpft sich die Beobachtung einer Absonderung vom Sterbenden mit dem Schauen einer andern geistigen Wesenheit beim Sterbenden,! was am Ende unser Vertrauen in beide Wahrnehmungen steigern darf, insofern es naheliegt, beide auf die gleiche Erhöhung der Wahrnehmungsfähigkeit des Perzipienten zurückzuführen. Mrs. M. S. in Edinburgh, gleich Mrs. Snell eine passionierte, aber nicht berufsmäßige Krankenpflegerin, saß eines Tages am Krankenbett einer sechsjährigen, von ihrer Mutter arg vernachlässigten Kleinen, namens Nelly, als das Kind plötzlich ein freudestrahlendes Gesicht zeigte, während das ganze Ziimmer licht-erfüllt erschien. Während nun Mrs. S. über dem Bette ein 'Kind' erblickte, welches die Sterbende gleich darauf mit dem Namen seiner verstorbenen Schwester Lilly anrief, 'sah sie gleichzeitig einen 'Nebel' aus dem Kopfe des kranken Mädchens aufsteigen und mit einem darüber befindlichen Gebilde verschmelzen, das wie eine zweite, in Nebel gehüllte kleine Mädchengestalt erschien. Diese Gestalt war bereits zur Hälfte verdichtet, als die Mutter das Zimmer betrat: alsbald verschwand alle 'fluidische' Verdichtung und kehrte in den Körper des Kindes zurück, während der Ausdruck der Freude auf seinem Gesicht in den des Leidens überging.' Erst als die Mutter sich auf Mrs. S.s Rat entfernte, trat der erste Zustand wieder ein, das Kind starb, und beide Gestalten verschwanden zusammen.3 So gering die Zuverlässigkeit der ganzen Beobachtung und Beschreibung auch sein mag, so seltsam natürlich erscheint mir doch die genaue Entsprechung von Gesichtsausdruck - also innerem Erleben - der Sterbenden und äußerer Beobachtung von Exkursionsmerkmalen. Denn wir entsinnen uns, wie häufig Exkurrierende diesen Wechsel von Glücksgefühl (während der Hinausversetzung) und erneutem Schmerz (beim Wiedereintritt) beschrieben.4 In andrer Weise erinnert an unser 'Kernstück' der Exkursionserfahrung ein Fall, den eine nicht benannte 'Doktorin der Medizin' berichtet. Hier wird nämlich das so oft beschriebene Betrachten des eigenen Leibes als Tun des schon hinausversetzten Sterbenden beobachtet, und 1) Bei v. Langsdorf!. Vgl. auch Davis 163 IT.; PS X 365. 2) vgl. Bd. 1 S. 79 II. 3) Lt 1917 282. 4) Die dabei vorauszusetzende 'Reperkussion' des GlücksgefUhls auf den Geslchtsausdruck dürfte nach dem S. 3501. Gesagten keine Schwierigkelten bieten. Der Austritt des Ich von außen wahrgenommen 359 die offenbar völlige Unerwartetheit der ganzen Wahrnehmung erhöht unstreitig ihr Gewicht. 'Da ich sah', schreibt die Zeugin, 'daß der Kranke nur noch wenige Augenblicke zu leben hatte, überlegte ich mir, wie ich die Familie vorbereiten solle, als ich plötzlich das Gefühl einer 'Anwesenheit' mir zur Seite hatte; ich wandte mich um und verharrte wie vom Blitz getroffen: denn ich sah vor mir den Kranken in Person, der im selben Augenblick verschieden war. Diese 'Geistform' schien sich meiner Gegenwart nicht bewußt zu sein, sondern blickte auf ihren eigenen Leichnam mit einem aus großer Betroffenheit und Schrecken gemischten Ausdruck.1 Ich richtete den Blick ebenfalls einen Augenblick lang auf den starren Körper des Toten; als ich mich wieder umkehrte, war jene Gestalt verschwunden; aber die Überzeugung verblieb mir, daß ich dem Abschied einer Seele beigewohnt hatte.'1 Eine der merkwürdigsten Beobachtungen dieser Art ist die von einem Herrn G. dem Dr. med. C. Renz in San Francisco mitgeteilte, die ich hier nicht übergehen kann. Das Subjekt der Erfahrung war ein Kaufmann der Stadt, dessen Gattin Dr. Renz wahrend ihrer letzten Krankheit behandelt hatte und dessen eigenhändigen Bericht er seinem Zeugnis vorausschickt. Der Perzipient erwähnt zunächst, daß er 'fast strenger Nicht-Trinker und weder nervös noch phantastisch' sei, vielmehr 'kaltblütig, ruhig und besonnen', dazu allem Übersinnlichen als Zweifler, ja feindlich gegenüberstehe. Auch Dr. Renz bezeugt von ihm aus genauer persönlicher Bekanntschaft, daß er überall 'als ein äußerst ruhiger, gleichmütiger und tatkräftiger Geschäftsmann' und nüchterner Wirklichkeitsmensch gelte und in einem an Aufregungen reichen Leben niemals eine Sinnestäuschung irgendwelcher Art gehabt habe. Auch unmittelbar nach dem zu schildernden Erlebnis habe G. mit größter Ruhe und Klarheit alle erforderlichen Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Ableben seiner Frau getroffen. Am Nachmittag des 23. Mai 1902 gewann G. die Gewißheit, daß seine Frau im Sterben liege. Ihre Hand in der seinen haltend, saß er an ihrem Krankenlager, umringt von einigen vertrauten Freunden, dem genannten Arzt und zwei Krankenschwestern. Am Abend begaben sich alle, außer dem Gatten, ins Eßzimmer, um etwas zu genießen. 'Eine Viertelstunde darauf (schreibt G.), also 15 Minuten vor 7 - ich weiß dies so genau, weil eine mir zugewandte Uhr auf dem Ankleidetische stand - sah ich unwillkürlich nach der Tür und bemerkte, daß drei getrennte, aber deutliche Wolkenstreifen ins Zimmer hereingeweht wurden. Jede Wolke schien etwa vier Fuß lang und 6-8 Zoll breit zu sein, und die unterste war 2 Fuß vom Fußboden entfernt; die andern schienen sich in Abständen von 6 Zoll zu bewegen.' G. stand auf und öffnete die Tür, aber niemand - am wenigsten ein vermuteter Raucher - war auf dem Gang oder in den Nebenzimmern 1) Vgl. o. S. 347 f.! 2) Underwood 302. Vgl. Morgan 1271. 360 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens zu finden. Die Wolken näherten sich inzwischen dem Bette, das sie 'vollständig einhüllten'. 'Als ich dann in den Nebel starrte, gewahrte ich zu Häuptei" meiner sterbenden Frau eine weibliche Gestalt, etwa 3 Fuß hoch, durchsichtig, aber wie ein heller Schein von leuchtendem Golde; eine Frauengestalt von so erhabnem Aussehn, daß mir die Worte fehlen, sie zu beschreiben. Gehüllt in ein 'griechisches' Gewand mit langen, lose herabhängenden Ärmeln, stand die Gestalt in ihrem vollen Glanz und ihrer Schönheit unbewegt da, die Hände Aber meine Frau erhoben . . . Zwei andre Gestalten in Weiß knieten an der Seite meines Weibes, anscheinend gegen sie gelehnt; weitere Gestalten schwebten mehr oder weniger deutlich Ober dem Bette. Uber meiner Frau, aber durch ein Band mit ihr verbunden, das über dem linken Auge von der Stirne ausging [1], schwebte eine unbekleidete weiße Gestalt empor, anscheinend ihr Astralkörper. Zeitweilig verhielt sich die so verbundene Person vollkommen ruhig, dann wieder schrumpfte sie zusammen, bis sie nicht größer als etwa 18 Zoll war. Der Körper war vollständig ausgebildet, einschließlich Arme und Beine. Während der Astralleib so an Umfang abnahm, wandte er sich öfters heftig hin und her, schlug mit Armen und Beinen um sich, vermutlich um sich freizumachen und zu entkommen... Dann wurde er wieder ruhig, nahm von neuem an Größe zu, und dasselbe Spiel begann von vorne. Dieses Gesicht, oder was sonst es war, habe ich ununterbrochen während der ganzen 5 Stunden gehabt, die dem Tode meiner Frau vorausgingen. Unterbrechungen, wenn ich z.B. mit meinen Freunden sprach, die Augen schloß oder den Kopf abwandte, konnten das Gesicht nicht im geringsten beeinflussen; denn sobald ich den Blick wieder auf das Sterbebett richtete, war t(uch die Geist-Erscheinung zu sehen. Die ganzen 5 Stunden lang hatte ich ein seltsames Gefühl der Bedrückung, eine schwere Last lag mir auf Kopf und Gliedern, die Augen waren schwer und voll Schlaf... Mehr als einmal sagte ich zum behandelnden Arzte: Doktor, ich verliere den Verstand. Endlich trat der verhängnisvolle Augenblick e i n . . . Mit dem letzten Atemzug und Seufzer, als die Seele den Körper verlassen hatte, war das verbindende Band plötzlich gerissen [!] und die astrale Gestalt verschwunden. Auch die Wolken und Geistergestalten verschwanden augenblicklich, und seltsam: das schwere Gefühl, das mich bedrückt hatte, war mit einem Male gewichen. Ich war wieder ich selbst, kaltblütig, ruhig und besonnen...'1 Ich brauche nicht zu sagen, welche Einzelheiten dieses Berichts vor allem phantastisch und verdächtig erscheinen müssen, solange man ihn für sich betrachtet. Die Sache ändert sich aber, sobald man ihn in die Gesamtheit uns res Wissens einordnet. Jeder seiner Einzelzüge 1) JSPR XIII 308 0. - Auf die merkwürdigen von Frau Prot. Wereide-Oslo beschriebenen 'Schatten'-Wahrnehmungen bei erst demnächst Sterbenden (ZP 1928 599 ff.) möchte ich ihrer Mehrdeutigkeit wegen hier nicht eingehen. Der Austritt des Ich von außen wahrgenommen 361 findet dann Seitenstücke in Beobachtungen von ungleich stärkerer Sicherung. 'Rauchwölkungen' als einleitende Stufe bedeutungsvoller Phantome sind uns längst etwas Vertrautes geworden. Darüber, daß Jenseitige einen Sterbenden 'abzuholen' kommen, habe ich ein ganzes Kapitel schreiben müssen. Die eigenartige Bekleidung der Abholenden in diesem Falle finden wir bei zahlreichen wohlverbürgten Materialisationsphantomen wieder, brauchen uns also bei diesen nicht einmal materialisierten schwerlich darüber zu wundern. Die Beobachtung wechselnder Größe des ausgetretenen 'feineren Leibes' findet in der oft behaupteten Tatsache wechselnden Umfangs materialisierter Gestalten ein Seitenstück, und wiederholt sich überdies in andern verwandten Erfahrungen. Die Wahrnehmung eines von der Stirn der Sterbenden ausgehenden 'Bandes' fällt um so mehr ins Gewicht, als Dr. Renz uns versichert, der Gatte habe 'nie etwas über okkulte Dinge gelesen'. Daß dieser allein etwas sah, erklärt sich ungezwungen dadurch, daß er allein sich in einem abnormen Zustand besonderer Wahrnehmungsfähigkeit befand, herbeigeführt vielleicht eben durch jene Vorgänge auf einer abnormen *Ebene'; weshalb denn auch deren Abschluß ihn sogleich in normales Wachsein zurückfallen ließ. Eine rein halluzinatorische Deutung wird schließlich auch durch das oben angeführte Zeugnis des Arztes unwahrscheinlich gemacht Durch solche Feststellungen erledigt sich überhaupt ein gut Teil der üblichen Kritik solcher Sterbebettgesichte, die sich darauf beruft, daß 'die Umstände eines Sterbens nicht dazu angetan seien, besonnenes Urteil und kühle Beobachtungen übernormaler Tatsachen zu fördern,' weil sie einen 'Zustand gefühlsbetonter Leichtgläubigkeit schaffen, der die Unterscheidung von Wirklichem und Scheinbarem aufhebt.'1 Wir haben überdies gesehen, daß manche Sterbebett-Beobachtungen dieser Art von völlig TJnbeteiligten' unter psychologisch vorzüglichen Bedingungen und zu ihrer eigenen größten Überraschung gemacht werden. Jener Einwand ist eben von jener Art, die dem entschlossenen Zweifler oder Animisten häufig unterläuft: er geht nicht von genauer Kenntnis der Berichte aus, sondern von einer fertig mitgebrachten Ansicht darüber, wie sie zustande gekommen sein 'müßten'. Ein anderer Einwurf, den Barnard - gleichfalls nur flüchtig - andeutet, 2 könnte eher zu denken geben, sofern man die Tatsachen objektiver Phantomatik als wahr unterstellt. Warum sollte das tatsächlich Beobachtete nicht einfach ein 'materialisiertes ektoplastisches Gebilde sein, das die Gestalt des Sterbenden annimmt'? In der Tat, warum sollte es nicht? Aber ist dies wahrscheinlich, und wäre eine solche An- 1) Baraard 224. 2) a. a. O.; vgl. 200, und Sudre bei Bozzano, A prop. 91. 362 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens nähme 'wissenschaftlich' begründet? Wir müßten voraussetzen, daß viele Personen sich in ihrer Todesstunde, und nur in ihr, als Materialisationsmedien entpuppen! Darüber hinaus aber pflegen Tatsachen in der Natur untereinander in einem Zusammen hang zu stehen, der uns unter Umständen zwingt, die eine durch die andere zu deuten. Steht erst die Tatsache der bewußten Exkursion fest und haben wir Gründe, den Vorgang des Sterbens eben als solche aufzufassen, so gewinnt auch die Beobachtung eines in der Todesstunde vom Leibe sich absondernden phantomhaften Gebildes ein völlig neues Aussehen. Denn persönliches Bewußtsein ist überall in unsrer Erfahrung mit irgendeinem 'Träger* verknüpft, und anderseits wissen wir von sehr zahlreichen Phantomen, die durch ihr ganzes Verhalten ein solches persönliches Bewußtsein verraten. Dies alles legt offenbar den Schluß nahe, daß die Absonderung eines bewußten Ich - auch im Sterben - und die gleichzeitig wahrnehmbare Absonderung eines Phantoms die 'Innen-und Außenseite' des gleichen Vorgangs darstellen. Ich gestehe, daß es u.a. eben Zusammenhänge dieser Art sind, was mich hindert, die uralte Lehre von 'feineren Leiblichkeiten' des Menschen übereilt beiseite zu schieben. 3. Der Austritt des Ich in objektiver Selbstbezeugung Indessen ist hiermit das Netzwerk zusammenhängender Tatsachen noch nicht abgeschlossen; vielmehr setzt sich nach allen Richtungen Masche an Masche an, um unser Denken zu fangen und an dem Ufer einer bestimmten Gesamtauffassung zu landen. Ich will die wichtigsten dieser Erweiterungen unsres 'Kernstücks' noch kurz besprechen; in den meisten wird man Glieder unsrer ursprünglichen Reihenbildung wiedererkennen. Unter den Sicherungen der objektiven Natur des hinausverlegten Ich- Trägers dürfte die Photographie mit der Zeit an Wichtigkeit gewinnen; vor allem natürlich bei experimentell herbeigeführten Hinausversetzungen. Hier haben französische Forscher die ersten Schritte getan, deren Sicherheit sehr verschieden beurteilt werden mag, deren grundsätzliche Wichtigkeit aber kaum zu bezweifeln ist. Rochas, dessen Exteriorisationen vermittels magnetischer Striche wir schon keimen, hat z. B. den Ort des solcher Art ausgeschiedenen Phantoms, der von der Somnambulen selbst schon bezeichnet worden war, nicht nur durch Abtasten der betr. Stelle, sondern auch durch entsprechende Einstellung einer Kamera festzustellen versucht. Eine viertelstündige Belichtung, w&hrend welcher die Somnambule ihren Doppeigfinger 'bläulich leuchtend, kaum unterscheidbar am Leibe, aber mit Ausströmungen aus den Der Austritt des Ich in objektiver Selbstbezeugung 363 Füßen und sehr deutlich im Profil, . . . umgeben von beweglichen Flammen' zu sehen vorgab, lieferte angeblich auf der entwickelten Platte 'ein Profil, aber unter der Nase und am rechten Auge zwei Flecken, deren mikroskopische Untersuchung davon überzeugte, daß keine Plattenfehler vorlagen/ Nach der Lage dieser Punkte will dann Rochas zwei entsprechend gelegene 'hypnogene' Punkte an der Somnambulen entdeckt haben, von denen er vorher nichts gewußt habe.1 - Dürften wir dieser letzteren Feststellung trauen, so ergäbe sie nicht nur eine Bestätigung der gesamten Beobachtung an sich, sondern auch einen andeutungsreichen Ausblick in ein besonders dunkles Gebiet der Psychopathologie. Ich habe schon an anderem Ort auf allerhand merkwürdige Zusammenhänge der keimenden Metaphysiologie mit der Lehre von der 'großen' Hysterie verwiesen;2 hier muß ich mir leider eine Abschweifung in diese Randgebiete versagen. Auch Baraduc, ein andrer französischer Somnambulenforscher, hat eine Aufnahme erzielt, welche einige Fuß über dem Kopfe der schlafenden Mlle Suzanne de L. eine Art 'Ballon' zeigt, zu dem ein 'Faden' (!) sich hinaufzieht. 3 Wir erinnern uns dabei natürlich an verwandte Angaben mancher bewußt Exkurrierenden, z.B. der Herren Bertrand und Laufmann und einer Kranken Charpignons,4 an manche Beobachtung über Entstehung von Phantomen in Experimentalsitzungen und an verwandte Wahrnehmungen an Sterbebetten. Die Versuchung liegt nahe, diese scheinbar ungestaltet kugelförmigen Gebilde als Vorstufen, oder Umhüllungen, oder Ausstrahlungen deutlicher phantomhaft gestalteter Körper aufzufassen. Übrigens will Baraduc auch über dem Körper einer Sterbenden eine daraus entweichende 'weiße Wolke' photographiert haben.4 Doch muß natürlich auf diesem Gebiete möglicher Forschung eine Entscheidung ganz der Zukunft anheimgestellt bleiben. Eine andre Gruppe von Objektivitätserweisungen durch den Exkurrierenden selbst - und zwar wieder während des Lebens und auch zur Zeit des Sterbens - soll etwas zahlreicher, wenn auch in knappster Form, belegt werden, und wieder unter Verzicht auf ausführliche Beglaubigung, da es sich hier doch nur um ergänzende Argumente handelt Ich denke an die wohlbekannten und massenhaft gemeldeten Falle, in denen jemand, dessen Exkursion auf Grund bewußten Erlebens oder aus allgemeinen Gründen anzunehmen ist, am fernen Orte objektive Wirkungen ausübt, in Form von bloßen Geräuschen, Schritten und Klopflauten, oder von Bewegung und Zerstörung von Gegenständen. Es handelt sich hier um Vorgänge, auf deren Beglaubigung an sich ich leider verzichten muß: ich habe sie z.T. in dem Abschnitt über objek- 1) bei du Prel, Magie I 71 f. 2) Mattlesen 792 f. 3) S. Venuchibeschreibuiig und Bild: Baraduc 272 ff. 4) o. Fälle Nr. lOf. 44. 53. 5) Bei Baraard 213. 364 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens tive Phantome geliefert, dessen Abdruck aus Rücksichten des Umfangs verschoben werden mußte. Man setze also die Möglichkeit der nachstehend erwähnten Phänomene (unter Vorbehalt) voraus und lege allen Nachdruck auf den Sinn, der ihrem Auftreten innerhalb unsres gegenwärtigen Zusammenhanges zukommt. Recht zahlreich sind die Fälle, in denen ein Exkurrierender seinen 'Besuch' in der Ferne bewußt damit einleitet, daß er an eine bestimmte Türe 'klopft', welches Klopfen auch entsprechend gehört wird.1 Die übliche Deutung beruft sich auf Halluzinationen des 'Besuchten', die, zur 'Abrundung' des Erlebnisses, der eigentlichen, rein telepathisch erzeugten Erscheinung soz. vorgelagert würden. Eine solche theoretische Vorsicht wird uns allmählich immer fragwürdiger werden. In der Tat wäre ein wirkliches lilopfen an der Tür' eine geringfügige Leistung, verglichen mit anderen, die uns im Zusammenhang mit erschließbarer oder verbürgter Exkursion berichtet werden, also in Verbindung mit einem Sterben oder mit der bewußten Hinausversetzung eines Lebenden. Beginnen wir diesmal mit Fällen der ersteren Art. Mme J. de Vasconcellos, eine Dame von hoher Bildung,' hatte am 15. Jan. 1915 ihren 41 Jahre alten, seit langem kranken Bruder verloren, einen Mann von hohen Gaben des Geistes und Charakters, der soz. von Natur an ein Überleben geglaubt hatte. 'Zwei Tage nach seinem Tode, während der Nacht und zur Stunde seines Hinscheidens (10 Min. vor 3 Uhr morgens),2 wurde ich durch einen starken Lärm zur Seite meines Bettes geweckt Das Zimmer war elektrisch erleuchtet, und der Lärm kam von der Waschtruhe her, die 1 m von meinem Bette entfernt stand. Einer von den Griffen der Truhe vollführte mit Heftigkeit deutliche und sehr kräftige Schläge! Ich hatte nicht den Mut, gleich nach der Seite hinzusehen, von der die Schläge herkamen. Nach kurzer Pause begannen sie von neuem. Ich wandte den Kopf, nicht ohne Erregung; die Schläge hörten auf, aber ich hatte nicht mehr den Mut hinzublicken und legte mich wieder auf den Rücken. Die Schläge begannen noch mehrmals von neuem, und alsbald durchdrang ein mächtiger Strom, dessen seltsames Geräusch ich nie vergessen werde, mein ganzes Bett bis zum äußersten Ende des Zimmers.3 Ich hatte den Eindruck, daß dieser starke Strom, den ich nicht erklären kann, denn er hatte nicht die Art eines Luftzuges, mein Bett zerbrechen werde, und das unablässige Krachen war so stark, daß es einen belgischen Herrn und seine Frau erweckte, die das Zimmer nebenan bewohnten und die ich ausrufen hörte: 'Was ist denn los?' Dieser starke Strom durchdrang noch ein zweites Mal mein Bett in der Richtung der Truhe, und wieder tat einer der Griffe mit Gewalt mehrere sehr deutliche Schläge, wie von einer unsichtbaren Hand gefaßt. Ich konnte nicht 1) Gurney II 595 f. 59"; Harrison 146. 2) vgl. Bd. I S. 71 ft.. 3) traversa tout mon lit Jusqu'à l'extremité de la chambre. Vgl. dazu General Farmen tiers Fall: Flammarion, L'Inconnu 67 ff. Der Austritt des Ich in objektiver Selbstbezeugung 365 wieder einschlafen. Am Morgen sagte mir meine Zofe, ehe ich ihr von diesem Vorgang gesprochen, daß gegen 3 Uhr jemand versucht habe, ihre Tür zu öffnen; sie hatte Licht gemacht und gefragt, wer da sei, aber keinerlei Antwort erhalten.'1 Die Wahrnehmung der Zofe, falls man sie nicht auf wohlfeile, um nicht zu sagen gemeine Art entwerten will (wogegen aber eigentlich das Ausbleiben jeder Antwort spricht), scheint gegen eine mediale Betätigung der Perzipientin selbst zu sprechen; ein Gesichtspunkt, den ich gleich ausführlicher erörtern will. Man darf auch nicht übersehn, daß sowohl das 'Fingern' an der Tür, als auch der Strom eines Tluidums' durchaus typische Bestandteile ausgesprochen örtlicher, also nicht an bestimmte Personen gebundener Spuke sind. Der Tatbestand der 'Kollektivität' in räumlicher Trennung spricht nachdrücklich für Erzeugung der Phänomene durch einen von beiden Beobachterinnen unabhängigen Dritten. Wir besitzen ferner mehr oder minder glaubhafte Berichte über Sterbende, die sich anscheinend bei ihren entfernten Nächsten melden, indem sie eine Glockenschnur ziehen und läuten;* oder ein vom Agenten dem Beobachter geschenktes, ganz sicher auf einem Tische liegendes Buch zur Erde werfen;(r) oder einzelne normal unberührte Tasten eines Klaviers anschlagen;1 oder Haustüren sehr geräuschvoll und mehrmals nacheinander öffnen.6 Besonders häufig auch geschehen solche Todesanmeldungen' bekanntlich durch das Herabfallen von sicher aufgehängten Bildern, das Stehenbleiben gut aufgezogener Uhren, das unerklärliche Zerspringen von Gläsern, Ringen u.dgl.6 Der gedankenlose Einwurf, der sich auf irgendwelche normale Ursachen solcher Ereignisse versteift, sie also rein 'zufällig' mit dem ungefähr gleichzeitigen Todesfall zusammentreffen läßt, erledigt sich oft genug durch irgendwelche Besonderheiten des Vorgangs. In einem von Prof. Alexander mitgeteilten Fall hatte die in dem Bilde Dargestellte, die Mutter des Herrn Carlos Jansen, ihrem Lieblingsgroßsohn versprochen, im Fall ihres Todes - sie lebte in Brasilien - sich durch Herabwerfen ihres Bildnisses 'anzumelden' (das Bild lehnte auf einem Möbelstück an die Wand).7 - In einem andern von Prof. Alexander berichteten Falle von Bilderstürzen spricht gegen Zufall die Verdoppelung des Vorgangs, seine Verknüpfung mit anderen, hier nicht zu behandelnden spukhaften Vor- 1) Flammarion III 195 f. Der Bericht Ist vom 9.11.1920. Vgl. femer a. a. 0.142; Hill, New Evid. 121f.; JSPR XI 3201.; XII 196 f.; XXIV 94 ff. 2) Flammarion II 280 ff. (vier Zeugen; der Glockenzug befindet sich im Hause); L'Inconnu 168 t. 3) LO 1919 23 (Bozzano, Ph4n. 142 f.). 4) Bericht des Kunstmalers Ed. Paris: Flammarion, L'Inconna 1081. (drei Perzipienten; 1'/. Jahre sp&ter berichtet). 5) Bericht (2. Hand und sehr spat) v. Caroline Baeschly a. a. O. 112 f. 6) z. B. PS XII385 ff.; XXV 289 ff., Beilage S. Vf.; PrAm 429; o. S.97ff.; Bd. 166 ff. 120. 7) Bozzano, Phta. 123f. Vgl. Pr XIX 243. 366 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens gängen, und das Aufhören letzterer nach Erfüllung eines Wunsches des Verstorbenen. (Die Bilderstürze erfolgten erst über 30 Stunden n a c h dem Tode.) Dr. Albert Brandäo starb am 9. Mai 1887 in Säo Paulo, Brasilien. Sein Schwiegersohn, Sr. G. Netto, ein in Brasilien bekannter Schriftsteller, hörte davon am Tage darauf. Um 9,30 abends am 10., während dieser im Oberstock seines Hauses sich aufhielt, stürzte ein 'großes und schweres Bildnis des Dr. Brandäo von der Wand herab, um 11 ein anderes Ölbild in einem anderen Zimmer, das noch ein drittes, darunter hängendes, mitriß. 'Die Schnur, die das Bild getragen hatte, war unverletzt, der Nagel an seinem Platz.' Dr. Brandäo hatte den lebhaften Wunsch geäußert, daß Sr. Netto sich zweier seiner Töchter annehme; als dieser sich dazu entschloß, hörten die sonstigen Vorgänge auf.1 Unter Fällen stehengebliebener Uhren wiederum finden wir einen Bericht des Mr. G.-W. Fry, der, als er die Uhr aufziehen wollte und bemerkte, daß sie garnicht abgelaufen war, ein 'seltsames Licht das Zifferblatt überfluten' sah, wobei 'die Worte: Ich bin tot,2 ich bin tot' in der Stimme seines Bruders Gideon aus ihr hervortönten. 'Die Worte wurden deutlich ausgesprochen. Ich war so stark beeindruckt, daß Bruder Gid in diesem Augenblick gestorben und dies seine letzten Worte seien, daß ich rasch den Brief verschloß [den ich eben an ihn geschrieben hatte], ihn beiseite legte und nicht der Post übergab.' Die Uhr war um 9,45 abends stehen geblieben, der Bruder um die gleiche Zeit gestorben. Der Sterbende hatte den fernen Bruder um sich gewähnt und seine letzten Worte waren die von diesem gehörten: 'I'm gone, I'm gone' gewesen.3 Auf Herrn v. Hirschheydt-Riga bezieht sich ein in seiner Art einziger Bericht, der ein ähnliches Indiz in besonders merkwürdiger Form darbietet, v. H. hatte während des Krieges mit dem Obersten H. die bekannte Verabredung betr. Todesankündigung des zuerst Sterbenden getroffen. In der Stunde des 'unerwarteten' Todes des letzteren wurden anhaltend 'klingende Töne' in einem metallenen Aschenbecher hörbar, der auf v. Hirschheydts Schreibtisch 'gerade vor dem Bilde des Obersten H.' stand. Es war, 'als ob mit einem harten Gegenstande an den Rand des Aschenbechers geschlagen' würde.1 Auch unter den Fällen zerspringender Ringe finden wir solche mit besonderen Hinweisen auf einen Zusammenhang zwischen Tod und Phänomen. In einem, den Mr. Glardon der Ges. f. ps. F. berichtete, war der plötzlich unterm Handschuh einer Dame bei ruhigem Sitzen (in Nervi) schmerzhaft zerspringende Ring das Geschenk eines g l e i c h z e i t i g in Amerika verstorbenen Herrn, der ihr überdies gesagt hatte, daß er sie benachrichtigen werde - nach einem Bericht sogar: d u r c h diesen Ring -, falls ihm etwas zustieße.5 - Miss A. Johnson erwägt die Möglichkeit, daß die Trägerin des Ringes, telepathisch benachrichtigt, mit einem Sinwillkürlichen Muskelkrampf in den Fingern' reagiert habe. Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, daß ein Krampf, der einen Ring zersprengt, als solcher unbemerkt bleibt, und nach beiden Be- 1) Lt 1898 443. 2) gone. 3) Pr XIV 240 f. 4) 2. Hand, aus P. v. Rechenberg- Linten, 'Lebenserinnerungen' bei Usthal 53. 5) Pr XIV 243 f. Der Austritt des Ich in objektiver Selbstbezeugung 367 richten hat die Trägerin nur einen plötzlichen Stich in den hinbeweglich auf den Knieen ruhenden Händen' gespürt. Überdies steht der Fall in natürlicher Nachbarschaft zu anderen, in denen ein Todesfall sich verknüpft mit dem Zerspringen von Tischplatten, Spiegeln, Gläsern, Ketten u. dgl.1 Damit sind wir indessen schon zu einem neuen Gesichtspunkt übergegangen. Wie gewisse psychologische Indizien für einen Zusammenhang des fraglichen Vorgangs mit einem gleichzeitigen Todesfall sprechen, so erweisen andere Besonderheiten die übernormale Art der Leistung an sich. Das äußerste Zugeständnis des Zweiflers scheint hier in der Annahme zu bestehen, daß in der Spannung des Todes gewisse ' v i b r a t o r i s c h e ' Erschütterungen vom Sterbenden ausgehn, die in der Behausung des Perzipienten dje abnormen Vorgänge zuwege bringen. Daß eine solche Wirkung unter Umständen auf Entfernungen wie von Amerika nach Europa ausgeübt werden müßte, könnte sie m. E. nicht widerlegen, solange wir über den mechanischen Hergang und die Natur der beteiligten 'Wellen' doch so gut wie gar nichts wissen.2 Dagegen scheitert die Harmlosigkeit solcher Deutung sofort an der verwickelten Sonderbarkeit der beobachteten Vorgänge. Bei Herabfallen von Bildern fällt z.B. auf, daß weder die haltenden Nägel gelockert sind, noch die tragenden Schnüre am Punkte der Berührung mit dem Nagel durchgewetzt, sondern an irgendeiner andern 'zerrissen' oder 'wie durchschnitten', wenn nicht gar - überhaupt unversehrt(!);8 oder daß das Bild sich nur von der Wand abhebt und dann 'mit lautem Schalle' an sie zurückklappt;1 oder daß das bereits gefallene Bild noch eine Strecke weit über den Fußboden hingleitet,5 oder 'herabschwebt',6 oder gar 'durch das Zimmer fhegt'.7 - Aber noch Krasseres wird berichtet. Ein "preußischer General' erzählt uns, dafi er, als Rittmeister in Potsdam, morgens 11 Uhr an einem strahlend sonnigen Tage, in heiterer Stimmung vor seinem Spiegel sich zur Parade herrichtend, plötzlich gesehen habe, wie 'sein schwerer Reitermantel', der auf einem neben dem Spiegel stehenden Stuhle lag - 'nicht Ober die Lehne geworfen, sondern auf dem Kissen ruhend' -, 'sich ganz langsam bis zur Manneshöhe emporhob, so eine Sekunde stehen blieb und dann ebenso langsam wieder auf den Stuhl zurücksank.' Die Sache wurde sofort der Mutter des Offiziers erzählt, welche darüber 'ungläubig lächelte'; aber am Tage darauf lief die Nachricht ein, daß ein Bruder des Perzipienten morgens um 11 in Magdeburg im Duell erschossen sei.8 - Hier ist das Phänomen so "handmäßiger' Natur, daß der Gedanke an ein anwesendes, wennschon unsichtbares Phantom sich nahelegt. 1) Daumer, Reich 94; Sph XII 11; ZP 1927 166 ff.; Splittgerber II 141; Iiiig 41. Vgl. Bd. I. S. 200. 2) Dies gegen Bozzano, Phta. 175 t. 3) Bozzano, Phta. 121. 128. 130; Flammarion II 349; III 216 f. 4) PS XII 385 II. (1. Hand); vgl. VIII3721. 5) Bozzano, a.a. O. 134. 6) Daumer I 238 f. 7) Bericht 1. Hand von Will. Brown, M. A., Dr. med. (Oxford), Dr. ac. (London), Mitgl. d. legi. Arztegesellsch. 8) Daumer, Reich 102 (durch Vermittlung 'einer sehr geachteten Dame'). 368 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens Was sollen verhältnismäßig ungestaltete Schwingungen, und wenn sie noch so stark am Wirkungsorte eintreffen, in solchen Fällen ausrichten? Wo und wie an Bilderschnüren, Uhrpendeln, Spiegelscheiben u. dgl. m. angreifen? Wie z. B. sollen sie ein Uhrpendel - nicht anhalten, sondern - aus dem Gehäuse herauswerfen?1 Aber selbst wenn wir von allen feiner 'gestalteten' Meldephänomenen absehen wollten: woher auch dann noch die unerklärliche 'Selektivität* jener wunderbaren 'Vibrationen?? Nach welchem Gesetz entdecken sie im Raum gerade die Uhr, die Bildschnur, den Ring, die dem offenbaren 'Adressaten' der Leistung gehören, deren Beeinflussung also unter allen Uhren, Schnüren und Ringen der Welt allein Sinn hat? Warum sprengt die gleiche Schwingung auf ihrem Wege nicht Tausende von Schnüren und Ringen, die zufällig auf sie 'abgestimmt' sind, und läßt Zehntausende von Uhren anhalten? - Der 'hanebüchenste' Fall einer 'handmäßigen' Leistung, von dem ich weiß, enthält zugleich einen besonders eigenartigen Hinweis auf ihr wahres Subjekt, nämlich die Übereinstimmung der Leistung mit den gewohntesten und insofern 'persönlichsten' Beschäftigungen der eben Verstorbenen. Die außerordentliche Natur des Vorgangs mag allerdings den Zweifel erregen, ob der Rang der Zeugen der Beweislast solcher Behauptungen gewachsen sei. Ich möchte freilich umgekehrt sagen, daß bei der äußerst handgreiflichen Natur des Vorgangs seine falsche Beobachtung unglaubhaft ist, so daß uns tatsächlich, wenn wir ihn leugnen wollen, kein andrer Ausweg bliebe, als entweder die blöde Berufung auf Halluzination, oder die Behauptung lügnerischer Erfindung; angesichts der Schilderung des einen Zeugen als "biederer Werkmeister' wohl eine aussichtslose Ausflucht. In diesem Fall also vernahmen dieser, Herr K. in Lichterfelde, und seine Schwester unmittelbar nach dem tief erregenden Hinscheiden ihrer Mutter, einer Wäscherin, vom Waschfaß in der Küche her ein Geräusch, welches die Schwester veranlaßte, hinzugehn und den Bruder zu rufen; worauf beide sahen, wie sich 'an der Wäsche alle die Manipulationen vollzogen, die geschehen, wenn die Wäsche gewaschen und ausgewrungen wird; nur war die Person, die hantierte, für uns unsichtbar. Wir sahen nur die Wäsche sich von selbst heben, schwingen und ausgewrungen in das nebenstehende Gefäß fallen. Und dies alles mit einer Hast und einem Eifer, daß wir uns verwundert ansahen. Meine Schwester eilte zur Nachbarin. Auch sie wurde Zeugin des Vorgangs. Nach etwa 4-5 Minuten nahm die Kraft und Schnelligkeit der Bewegung ab, bis gänzliche Ruhe eintrat Nichts ähnliches hat sich später ereignet.'1 1) Bericht elnei 'aufgeklarten Chemiker"" durch Dr. A. Cobenzl (auch Chemiker) im 'Türmer', woran* b d Urthal 49. 2) Ber. von A. Schumann in ÜW 400 f. Vgl. BP I 124; II 11; Daumer II 90. Der Austritt des Ich in objektiver Selbstbezeugung 369 Erwägen wir ohne Vorurteil sowohl die Formgestaltung des. Phänomens, als auch seine 'örtliche Selektivität', so fühlen wir uns zur Annahme gedrängt, daß seine Bewirkung irgendwie von der räumlichen Nähe der Verstorbenen abhing, die dann zum Zwecke der Leistung deren Schauplatz 'aufgesucht' haben, also 'exkurriert' sein müßte. Indessen bietet sich noch ein Ausweg aus solcher Folgerung an. Wie schon die obigen Berichte erkennen lassen, ist in vielen der fraglichen Fälle von einer 'Erscheinung' des Sterbenden oder von sonstigen unmittelbaren Hinweisen auf seine Anwesenheit nicht die Rede. Was hindert uns also, die Rolle des Sterbenden auf eine bloße 'telepathische Benachrichtigung' von seinem Zustand zu beschränken, alles an den Leistungen aber, was die 'Anwesenheit' eines Bewirkenden zu fordern scheint, einem fraglos Anwesenden zuzuschreiben, nämlich - dem Perzipienten? Es finden sich tatsächlich Umstände, die sich ebenso gut, wenn nicht besser, in eine solche animistische Deutung zu schicken scheinen. Ich denke an Fälle, in denen die Leistung eintritt entweder in dem Augenblick, da die Perzipienten die Nachricht von dem Todesfall erhalten, also vermutlich eine seelische Erschütterung erleben, die am Ende in einer unterbewußt ausgelösten abnormen Wirkung abreagiert werden könnte;1 oder in dem Augenblick, da die Lebenden das Andenken des Verstorbenen wieder wachrufen, wovon Ahnliches gelten möchte.2 Zwar könnte auch der Spiritist solchen Zusammenhängen manche 'hübsche' Deutung abgewinnen; aber sein Gggner dürfte sich darauf berufen, daß hier ein natürlicher 'Anstoß' auf seiten des Lebenden wirklich gegeben sei, während ein solcher für den Verstorbenen erst zurechtgelegt werden müßte: etwa indem wir ihn der Todesnachricht beobachtend 'folgen', oder durch das Gedenken der Hinterbliebenen 'aufgerufen' werden ließen. Immerhin glaube ich, daß auch mit dieser Ausflucht das letzte Wort nicht gesprochen ist. Man wird zunächst zugeben müssen, daß eine 'paraphysikalische' Leistung im Falle eines Entkörperten an sich wahrscheinlicher ist, als im Falle eines beliebigen Lebenden: denn jener befindet sich doch in einem allem Übernormalen wesensverwandten Zustande; für den Lebenden aber wäre fast ausnahmelos die Voraussetzung zu machen, daß er anläßlich eines so gewöhnlichen Vorgangs, wie einer telepathischen Benachrichtigung, zum ersten und meist einzigen Mal in seinem Leben die Fähigkeiten eines 'telekinetischen Mediums' entwickle, also Fähigkeiten von äußerster Seltenheit, die sich doch eigentlich da, wo sie vorhanden sind, auch sonst noch offenbaren 1) Vgl. hierzu d. Fall Bozzano, Ph6n. 128. 2) Vgl. das. 130. Mmttiesen, Das persönliche Überleben II 24 370 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens müßten. Es ist doch klar, daß nach der animistischen Theorie die Erzeugung des Phänomens durch den Beobachter seihst keinen andern Zweck verfolgen könnte, als ihn gewissermaßen auf die 'unterbewußt empfangene' Todesnachricht hinzustoßen, oder dieser Ausdruck zu geben. Dann aber wäre es im höchsten Grade sonderbar, daß der Lebende einen Weg von solcher abnormen Gewaltsamkeit wählte, den einfachsten aber unbeschritten ließe, nämlich den Aufstieg einer unterschwelligen Vorstellung in sein waches Bewußtsein. Warum sollte der Perzipient die 'Linie des größten Widerstandes' wählen, nur um sich auf etwas aufmerksam zu machen, was er eigentlich doch schon weiß ? - Im Falle des Abgeschiednen dagegen läge die Sache ganz anders: er befände sich dem Perzipienten als einem unabhängigen Wesen gegenüber, und es hinge von völlig undurchschaubaren Bedingungen ab, ob es ihm gelingt, sein Gegenüber telepathisch zu beeindrucken, oder ihm zu 'erscheinen', oder ihm ein 'physikalisches Phänomen' vorzuführen. Es ist zwar richtig, daß von einigen der beschriebenen Leistungen durchaus nicht, und von andern nicht ohne weiteres einzusehen ist, wie denn ein unsichtbar anwesendes Phantom sie zuwegebringe. Aber bei den meisten liegt eine solche Sonderdeutung sogar sehr nahe (wovon man sich leicht durch einen Blick in die Berichte überzeugen kann), und die einstweilen unerklärlichen teilen diese Eigenschaft durchaus mit Vorgängen der Experimentalsitzung, bei denen doch auch die unmittelbare Nahe eines Mediums erfordert wird; ist aber hier die Leistung nicht den Sitzern (also den 'Perzipienten') zuzuschreiben, so bleibt für die Rolle des Verursachers auch undurchschaubarer Leistungen bei Todesfällen nur der Sterbende übrig. Hierzu kommt aber ein weiteres. Ich sagte, daß 'in vielen der fraglichen Fälle von einer Erscheinung des Sterbenden oder von sonstigen unmittelbaren Hinweisen auf seine Anwesenheit nicht die Rede' sei. In vielen; doch muß ich jetzt hinzufügen: keineswegs in allen. Mitunter hat der Perzipient während eines krassen Meldephänomens das 'Gefühl, daß jemand ungesehen anwesend sei', und fühlt sich etwa noch berührt (wie in einer guten Materialisationssitzung!);1 oder er glaubt z.B. an einem ins Schaukeln geratenden Ofenschirm den Formeindruck der Hand zu sehen, die ihn bewegt;2 oder er vernimmt angeblich 'schleichende Schritte' auf die Uhr zu, die gleich darauf angehalten wird.3 In einem Falle, den eine hochgebildete Dame im Herbst 1915 M. C. de Vesme, dem Herausgeber der 'Annales des sciences psychiques', mitteilte, hörte deren langjährige Zofe, während der Abwesenheit ihrer Herrin, des Nachts jemand in ihrem Zimmer (und außerdem die Glocke läuten), während drei Tage später in dem Augen- 1) z. B. PS 1902 414. 2) Das. 413 (angeblich genau um die Zeit des Todesfalls). 3)ÜW X 331. Der Austritt des Ich in objektiver Selbstbezeugung 371 blick, da die Dame die Nachricht erhielt, daß ihr Sohn gefallen sei, ein großes Bild zu Boden stürzte, dessen Schnur 4 cm von der sehr abgenutzten Nagelstelle entfernt 'zerrissen' war. Die Wahrnehmungen der Zofe folgten anscheinend kurz auf die zum Tode führende Verwundung.1 Es fehlt aber auch nicht ganz an Fällen, in denen die Leistung sich mit der vollausgebildeten Erscheinung des gleichzeitig Sterbenden verbindet. Ich erinnere an einige früher mitgeteilte Berichte, wie den des Dr. Isnard oder den der Mrs. Dora Blackwell;8 außerdem aber an einen früher viel angeführten Fall, für dessen 'unzweifelhafte' Glaubwürdigkeit sich der sonst so ungläubige Wieland eingesetzt hat. - Die Erscheinende war eine 'edle, fromme und allgemein geehrte Dame, die dem Zustande des Schlafwandeins unterworfen war.' Selbst Protestantin, 'stand sie mit dem an Geist und Gemüt vorzüglichen Beichtvater eines benachbarten Benediktinerklosters, dessen Lehensmann ihr Gemahl war, sowie auch letzterer selbst, in so vertrauten Verhältnissen, daß man den Pater als Familienglied betrachtete.' Dieser wurde nach Bellinzona versetzt, um daselbst Mathematik und Physik zu lehren. 'Nach Jahr und Tag' erkrankte die Dame anscheinend ungefährlich, sie sagte aber ihren Tod voraus und starb zur angesagten Zeit. Gegen Mitternacht dieses Tages äußerte sie lächelnd zu ihrer Tochter: 'Nun ist es Zeit, daß ich gehe und von dem Pater Abschied nehme', worauf sie zu 'entschlummern' schien. Gleich darauf starb sie. - 'Zu derselben Stunde, wie sich nachher ergeben hat, saß der Pater zu Bellinzona . . . mit der Ausrechnung einer mathematischen Aufgabe beschäftigt... Von der Erkrankung seiner Freundin wußte er nichts, dachte auch nicht an s i e . . . Da hört er einen starken Knall, als wäre der Resonanzboden [einer an der Wand hängenden, von ihm sehr geliebten] Pandore gesprungen. Er fährt auf, sieht sich um und erblickt mit einem Erstaunen, das ihn starr macht, eine weiße, der erwähnten Dame vollkommen gleichende Gestalt, die ihn freundlich-ernst anblickt und dann sofort verschwunden ist.' Eine Untersuchung ergab, daß der Resonanzboden tatsächlich gesprungen war. 'Wenn ein solches Zusammentreffen Zufall ist', so schließt Wieland seine Wiedergabe des Falles, 'so möchte ich wissen, was man absichtliche Ursache und Wirkung nennen kann.'9 Hier fällt noch besonders die Tatsache ins Gewicht, daß das Subjekt einer mit dem 'physikalischen Phänomen' zusammenfallenden Erscheinung sich anscheinend selbst an den Ort zu versetzen wünscht, wo es dann auch gesehen wird. Es hätte den Vorgang noch wirksamer abgerundet, wenn dies Subjekt vor dem Tode noch einmal zu sich gekommen wäre und berichtet hätte: 'Jetzt bin ich bei dem Pater gewesen und habe Abschied genommen', oder gar: 'jetzt habe ich ihm 1) ASP 1916 122. Vgl. auch den nicht voll-paraphysikal. Fall: Flammarlon II 120 f. 2) o. Bd. I 120 u. 157 fl. 3) Wielands Werke (Leipzig 1805) XXXVI 239. Vgl. RB 1925 240; PS XXI 51 fl. (beide Fälle schwach bezeugt). 24* 372 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens ein Zeichen gegeben'.1 Bedenken wir aber, wie häufig die Fälle sind, in denen ein selbstbezeugtes Bewußtsein der Fernexkursion auf Seiten des Sterbenden sich wenigstens mit seiner gleichzeitigen Fernerscheinung verbindet, so möchten wir es feist als Sache des Zufalls bezeichnen, ob solche Fernerscheinung sich noch mit einer paraphysikalischen Leistung verknüpfe, oder nicht. Überdies kennen wir ja schon Berichte, nach denen ein kürzlich Gestorbener sich genau mit der Leistung kundgibt, die er zu Lebzeiten für diesen Fall in Aussicht genommen hatte,2 - als wenn Wielands 'allgemein geehrte Dame' vor ihrem 'Entschlummern' gesagt hätte: 'Jetzt will ich zum Pater gehn und seine Pandore sprengen.' - Aber auch das ist noch nicht alles. Wir haben uns im Bisherigen ausdrücklich auf objektive 'Anmeldungen Sterbender' beschränkt und dabei gelegentlich bedauern müssen, daß uns das eigne Zeugnis des Subjekts über sein vermutliches Exkursionserlebnis entging. Ein solches Eigenzeugnis wäre aber zu beschaffen, falls ähnliche Leistungen je von exkurrierenden Lebenden bewirkt würden. Diesen Tatbestand, den wir im Rahmen unsres Gedankengangs durchaus erwarten müssen anzutreffen, versprach ich an zweiter Stelle zu belegen; er würde uns überdies ein neues Beispiel dafür hefern, inwiefern die an im istische Form eines Vorgangs sowohl zur Erhärtung als auch zur Deutung seiner spiritistischen Formen beitragen kann. - Die reiche Erfahrung Muldoons liefert uns Beispiele dieser Art; und obwohl es enttäuschen muß, daß sie uns nur als Erinnerungen des Subjektes selbst berichtet werden, so nimmt ihnen doch der eben betonte natürliche Zusammenhang der Tatsachen immerhin einen Teil ihrer Beweislast ab. Den an sich eindrucksvollsten dieser Fälle wage ich trotzdem nur mit Vorbehalt anzuführen, und unter Hinweis auf das ausgezeichnete Leumundszeugnis, das ein so kritischer Forscher wie Carrington unsrem Helden ausstellt. In der Nacht des 26. Feb. 1928, zwischen 11.30 und 12 Uhr, hatte Muldoon, von starken Schmerzen befallen, mehrfach vergeblich nach seiner im Oberstock mit dem jüngeren Bruder zusammen schlafenden Mutter gerufen und war schließlich, sich aus dem Bette schleppend, in Ohnmacht gefallen und dann außerhalb des Leibes zu sich gekommen. Er bewegte sich nun die Treppe hinauf. 'Ich ging durch die Wand des Zimmers meiner Mutter und sah sie nebst meinem kleinen Bruder fest schlafend auf dem Bette liegen. Dieser Eindruck war sehr klar, aber in diesem Augenblick trat eine Lücke in meinem Bewußtsein ein (beiläufig bemerkt, nichts ungewöhnliches in solchen Fallen). Als ich wieder bewußt wurde, stand ich nahe dem Fußende des Bettes . . . und sah beide, Mutter und Bruder, in Verwirrung, 1) Vgl. immerhin den bei Piper 141 zit. Fall aus Flammarion. 2) Bd. I S. 64 fl. Bozzano verzeichnet fünf Fälle dieser Art. Der Austritt des Ich in objektiver Selbstbezeugung 373 erstere auf dem Fußboden neben dem Bette stehend, den andern fast außerhalb des Bettes; sie sprachen erregt davon, daß die Matratze aufgehoben und sie aus dem Bette gerollt worden seien, während sie schliefen! Alles dies war sehr deutlich. Ich war so klar bewußt, wie ich nur je im Fleische gewesen. Augenblicklich verschwand ich aus dem Zimmer; ich wurde zu meinem Körper hinab- und in einer spiraligen Bewegung in ihn hineingezogen, wobei ich eine heftige Erschütterung erfuhr. Ich rief sofort von neuem nach meiner Mutter, und sie kam die Treppe herabgelaufen, - aber so erregt, daß sie gar nicht darauf achtete, daß ich außerhalb des Bettes auf dem Fußboden lag, und begann mir zu erzählen, daß 'Geister' die Matratze aufgehoben und sie aus dem Bette gerollt hätten! Sie sagte, die Geister hätten sie nicht einmal, sondern mehrmals aufgehoben, und gestand, sehr in Schrecken gewesen zu sein.'1 (Dies erinnert an die recht zahlreichen Berichte, nach denen gesehene Phantome Lebender oder Sterbender wenigstens die Bettdecke des Perzipienten herabgezogen oder auch die Bettvorhänge geöffnet haben sollen, - was natürlich meist für Halbschlaf- Halluzination des letzteren erklärt wird.2) Mäßig beglaubigte Fälle verwandter Art ließen sich in ziemlicher Zahl anführen und würden in der Häufung kaum verfehlen, einen an sich zu erwartenden Tatbestand leidlich zu erhärten.5 Die oben als Exkurrierende-mit-Selbstschau erwähnte Alma Haemmerl6 z.B. machte eines Abends den Versuch, einer Kusine (bei deren Mutter sie auf dem Lande zu Gaste war) ohne vorherige Benachrichtigung zu erscheinen. 'Ihr Zimmer lag im Erdgeschoß, und ich wollte durch das auf den Hof blickende Fenster 'eintreten'. Ich versuchte zunächst, den Fensterladen zu öffnen, was mir nicht gelang; daher entschloß ich mich, durch eine einfache Willenshandlung einzutreten. Der Lärm, den ich beim Versuch, den Laden zu öffnen, gemacht hatte, weckte meine Kusine, die aus dem Bette sprang, um zu sehn, was los sei. Sie sah mich vor sich... Am andern Tage drückte sie mir ihr Erstaunen darüber aus, daß sie die Fähigkeit des Astralkörpers, Gegenstände zu bewegen, habe feststellen können.'4 Ein noch älterer Fall sei gleichfalls mit allem Vorbehalt angeführt. - Die 'Autosomnambule' Susette B., die behauptete, ihren Geist willkürlich, wohin sie wolle, versetzen zu können, 'trat bei Dr. Ruffli in Seengen, Kanton Aargau, dem sie einen Besuch angekündigt hatte, im Nachtgewand [vielleicht nur als 'weiße', leuchtende Erscheinung?] ins Schlafzimmer und blies der Frau R. das Licht aus. R. und seine Frau, beide wach, sahen sie auf das deutlichste und schrieben sogleich an Susettes Eltern nach Z.; sie war zu der Stunde im tiefen magnetischen Schlafe, wie eine Leiche dagelegen. Auch ihrer Mutter blies sie einmal spukend das Licht aus und rauschte dann an 1) Muldoon 200 f. (Fragwürdiger da". S. X X X V I I I . ) 2) Gurney I 3181. 416. 566 f . ; II •487; Harrijon 49 f.; Pr III 111; PS X X I I 568. 3) APS IV 117; Aksakow 587. 611; Delanne I 221; Cornilller 144 f.; Usthal 46; Nielsen 108. 4) Bei Delanne I 233. 374 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens ihr vorüber, wie Papier', - das hundertfach beschriebene 'Rascheln' der Spuke.1 Hier wäre auch der Ort - falls der verfügbare Raum es zuließe -, auf gewisse Fälle stark ausgebildeter sog. 'Poltergeist'-, also gehäufter paraphysikalischer Leistungen einzugehen, mit denen sich Anzeichen ihrer Bewirkung durch das Phantom eines entfernten Lebenden verbinden. Ich erinnere Belesen" an den merkwürdigen Prozeß, der sich i. J. 1851 mit den Vorgängen im Hause des M. Tinel, Curé von Cideville in Nordfrankreich, beschäftigte, der von dem Hirten Thorel wegen übler Nachrede verklagt worden war. Das Verhör der z. T. hochgebildeten Zeugen brachte u. a. zutage, daß Thorel gelegentlich während der - großenteils 'handmäßigen' - Vorgänge im Hause des Curé 'gesehen' worden war, daß er sich zauberischer Kräfte rühmte und wahrscheinlich von einem persönlichen Feinde des Curé, namens Gosselin, zu ihrer Ausübung in diesem Falle angestiftet worden war. Doch kann ich, wie gesagt, auf die durchaus erforschenswerten Tatsachen hier nicht näher eingehn. Thorel wurde abgewiesen. 2 - Soviel über die Beglaubigung von Exkursionen Lebender und Sterbender durch äußerlich beobachtbare objektive Wirkungen. Erinnern wir uns nun aber der früheren Formel, daß der Gestorbene sich im Zustande dauernder Exkursion befinde, so erhebt sich ganz natürlich die Frage, ob - nein, die Erwartung, daß auch der längst Verstorbene seinen Exkursions zustand auf ähnliche Weise objektiv betätigen werde. Nun, diese Erwartung bestätigt sich im vollsten Maße; denn alles, was wir über objektive Wirkungen in Verbindung mit Spukphantomen oder identifizierbaren Materialisationen wissen, stellt ja genau den Tatbestand dar, nach welchem hier gefragt wird. Um so mehr muß ich bedauern, daß ich diese letzte und ergiebigste Bestätigung größtenteils erst später (in dem oft erwähnten Abschnitt über objektive Phantome) werde nachliefern können. Jedenfalls darf man behaupten, daß im großen und ganzen jeder Bestandteil der objektiven Phantomatik - Art und Stufen der Bildung, sowie alle Formen der 'Leistung' - sich in genauen Entsprechungen an Lebenden, an Sterbenden und an längst Gestorbenen belegen läßt Ja dieser Parallelismus erstreckt sich, wie ich abschließend zeigen möchte, bis in sonderbarste Einzelheiten, und neben dem erwiesenen 1) M IV 105 (auch Daumer I 167 f.)- 2) Der längste und früheste gedruckte Bericht bei Mirville. Eine Abschrift der Akten im Besitz der S. P. R. - S. A. Lang in Pr XVIII 454-163; Owen, Footfalls 196 f. Vgl. den berühmten Fall des Drummer of Tedworth bei Glan vil 270 fl. (auch Görres I I I 370 0.) und den von Dr. Grauet berichteten: Pr XVIII 464-80. Besondere Merkmale des Ich-Austritts 375 natürlichen Zusammenhang von Beobachtungen verschiedener Herkunft sind auch diese 'sonderbaren Einzelheiten' an sich geeignet, unsre 'realistische' Auffassung der Exkursion von neuem zu bestärken; nicht etwa weil wir den Sinn und die Bedeutung solcher Einzelheiten für den Austritt eines (quasi-objektiven) Ich-Trägers schon wirküch begriffen, sondern weil ihre so häufige und unabhängige Beobachtung ganz unverständlich bliebe, falls Exkursion ein ausschließlich 'subjektives' Erlebnis wäre. 4. Besondere Merkmale des Ich-Austritts Die erste und merkwürdigste dieser Einzelheiten ist die Wahrnehmung eines den Exkursionsträger mit dem fleischlichen Leibe verbindenden Bandes oder Fadens, einer Art 'Nabelschnur', deren 'Zug' den Hinausversetzten schließlich zur 'Rückkehr' zwingt. Diese Beobachtung findet sich nicht in allen Berichten erwähnt; doch folgt gewiß gerade hier aus dem Nicht-Beobachten oder Nicht-Beachten noch lange nicht das Nicht-Vorhandensein. Man wird sich dieser Einzelheit aus vielen der obigen Berichte erinnern. Das Subjekt in P.-E. Cornilliers Falle spricht von einem aus leuchtenden Punkten bestehenden Bande zwischen Körper und hinausversetztem Ich; M. Bertrand, der während einer Bergbesteigung im Zustande des 'Schneeschlafs' exkurriert, findet den 'Fesselballon', der sein Ich birgt, an seinen Leib gebunden durch 'eine Art dehnbaren Fadens', den er zu seinem Bedauern nicht durchschneiden kann, an dem er aber schließlich wieder 'abwärts gezogen' wird. Die von M. Lecomte hypnotisierte Mireille erblickt den 'Astralleib' der gleichfalls eingeschläferten Mme Z. und eine leichte bandartige Verbindung zwischen ihm und dem Erdenleibe. Ludlow, der hochbegabte Narkotiker, ffihlt gleichfalls 'im Augenblick der hingerissensten Seligkeit' 'die Bande - cords -, welche die beiden geheimnisvollen Teile unsrer Zweiheit zusammenbinden, bis aufs äußerste gespannt.' Ein andrer Hinausversetzter fühlt beim Abschluß seiner Erfahrung 'einen leichten Zug und sieht einen schattenhaften Faden, . . . der sich abwärts von mir... in eine Öffnung hinein erstreckte . . . ' Einer wieder behauptet, von seinem formlosen Körper' sei 'ein leuchtender Draht' ausgegangen, 'von dem ich wußte, daß er mich mit meinem fleischlichen Leibe verband', und auch hier schloß die Erfahrung mit dem üblichen 'Zug' an diesem Faden.1 Muldoon hat, entsprechend der Häufigkeit seiner Exkursionen, auch diese 'Schnur' besonders häufig und so genau beobachtet, daß er leidlich ausführliche Angaben machen kann. - Solange dies 'astrale Band' oder 'Kabel' erhalten bleibt (behauptet er), kann der Hinausversetzte in seinen Leib zurückkehren; ist es durchschnitten, so tritt der Tod ein. Die Dehnbarkeit des 1) o. S. 315. 317. 331. 3501.358. 360 f . ; Lucifer XIV (1894 ) 266; Yram 71. 75. 376 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens Fadens geht Ober alle Begriffe und läßt sich nicht mit der irgendeines stofflichen Bandes vergleichen. Je geringer der Abstand zwischen den beiden KArpern, desto dicker das astrale Kabel, desto stärker auch der 'magnetische Zug*, den es ausübt. Bei großer Nähe hat das Band den ungefähren Durchmesser einer großen Münze, und nur die umgebende 'Aura* läßt es etwa 6 Zoll dick erscheinen. Bei einem gewissen (nicht genannten) Abstand erreicht es seinen geringsten Durchmesser, den eines gewöhnlichen Zwirnsfadens, der sich dann auch bei "Vergrößerung des Abstands nicht weiter verringert. Solange dieser Abstand nicht über die Erreichung jenes Mindestmaßes hinaus gewachsen ist, soll sich der Herzpuls und jeder Atemzug des Astralleibs wahrnehmbar durch das Band hindurch bis in den fleischlichen Leib hinein fortpflanzen. Wird das Band sehr gestreckt, so nimmt, wie gesagt, sein Durchmesser ab; aber auch sein Widerstand vermindert sich.1 Alle solche Angaben schiebt natürlich nicht nur der 'Wissenschafter', sondern auch der tonservativ' eingestellte Metapsychologe meist ohne weiteres beiseite. Mich selbst verhindert daran, wie gesagt, die seltsame Wiederkehr verwandter Beobachtungen auf verschiedenen, aber wesentlich verknüpften Gebieten der Phantomatik. Wir begegnen solchen bei der durch hypnotisch-'magnetische' Verfahren bewirkten Bildung (oder Hinausversetzung!) eines double; beim Vorgang der experimentellen Materialisation; bei der Beobachtung einer metaphysiologischen Seite von Kundgebungen durch ein Medium, und bei derjenigen des Sterbens. In ersterer Hinsicht fanden sowohl Rochas als auch Durville die Versuchsperson mit ihrem Phantom verbunden mittelst einer 'fluidischen Schnur' von rundem oder auch bandartigem Durchschnitt, welche stellenweise Schwellungen aufwies, gewöhnlich, aber nicht immer, am Nabel des Subjektes ansetzte und etwa an der entsprechenden Stelle des Phantomes mündete. Auch dieses Band war gewissermaßen dehnbar und konnte, wenn gereckt, einen deutlich empfundenen Zug aufs Subjekt ausüben, und durch diese Verbindung sollte - wie bei unsern Exkurrierenden - ein Austausch in beiden Richtungen sowohl .von Stoffen, als auch von Lebensvorgängen stattfinden. - Auch bei Materialisationen werden uns ähnliche Eigenschaften, Ansatzstellen und Leistungen des 'Bandes' wiederholt beschrieben; nur darf hier, der Eigenständigkeit des Phantoms entsprechend, eine Zertrennung des Fadens vorgenommen werden, die dann gelegentlich sogar jene Selbständigkeit noch stärker zutage treten läßt*. An Sterbebetten dagegen wird, in natürlich-gegensätzlicher Entsprechung, die Beobachtung gemacht, daß erst die Zertrennung des Fadens den Tod als Vorgang vollendet.3 l)Muldoon27. 29-33. Vgl. 183 ff. 2) Die Belege hierfQr werden wiederum nachgeliefert. 3) Davis 163 ff. - Eine Hellseherin, Un. Nenner, behauptete, dafl bei Phantomen Lebender stets 'eine ich wach leuchtende Schnur von Lieht von der Erscheinung ausgehe', nie aber bei Phantomen Verstorbener: PsSc V 283. - Die Nachweise für die übrigen Angaben dieses Absatzes wird der später zu verötT. Abschnitt über objektive Phantome bringen. Besondere Merkmale des Ich-Austritts 377 Aber fast die eigenartigste Bedeutung gewinnen, vom inzwischen erreichten Standpunkt aus, die früher mitgeteilten Beobachtungen dieses rätselhaften 'Fadens' im Rahmen der Ausnutzung von Medien zum Zwecke von Kundgebungen Abgeschiedener. Die Verfahren solcher Kundgebung gipfelten, wie erinnerlich, in der Besitzergreifung des Mediums durch den Geist, der vollen possessio, und es mußte unentschieden bleiben, ob nicht schon die mittelbare Kundgebung durch eiden Körper deutlich unterscheidet' (vielleicht ist dies ein kleiner Irrtum der Erinnerung?); und andre Exkurrierende finden für ihre "Rückkehr' den bezeichnenden Vergleich: es sei gewesen, wie wenn 'der verstauchte Fuß in das Gelenk wieder einfiele', oder man habe zu warten, 'bis alles in Ordnung, gleichsam wieder fest ineinandergefügt ist.' * Muldoon widmet einen kleinen Abschnitt seines Buches den von ihm sogenannten Reperkussionsger&uschen, die beim Zurückschnellen des Astralleibes "nahe dem Ohr oder im Innern des Kopfes' vernommen werden. 'Ein sehr gewöhnliches ist 'pop', als wenn ein Spielballon nahe dem Ohr zerplatzte. Ein andres ist ein lautes 'siss', und zuweilen ein Ton im Innern 1) XXVIII 380. 2) ZP 1932 449. Vgl. auch die von Prof. Beth beachrlebenen Hocke'; den '"hock' der fernvenetzten Mn. Crans (PrAm I 440; auch Myera II 374 f.), einen Fall von nachfolgendem 'Kophchmerz': RB1925 215; Kerner, Seh. 172 ('elektrische EnchQtterong'); Gorney I 555 Anm. 382 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens des Gehirns, der dieses erzittern läßt. Ein weiteres ist ein knisternder Ton, ähnlich dem von elektrischen Funken beim Überspringen zwischen den Polen einer Batterie. Dieser Ton . . . scheint im Kopfe zu sein, nahe der Rückwand des Schädels...' Zuweilen wieder sei es, als 'erzitterte' das Gehirn wie ein geschlagenes Trommelfell.. Z1 - Ein andrer Exkurrierender dagegen, Mr. Oliver Fox (eigentlich Mr. Hugh G. Callaway), hört 'eine Art scharfes" Ticken', 'ein kleines dick', kurz ehe er sich aus dem Leibe 'ausgeschlossen' findet.8 Jedem Belesenen fällt hierbei natürlich der berühmte stiap - das Schnappen - ein, das Mrs. Piper als regelmäßiges Anzeichen ihrer Rückkehr in den Leib nach Abschluß des Trans beschrieb. 'Ein Schnappen in meinem Kopf, *hörten Sie meinen Kopf schnappen?' - ähnliche Worte sprach sie häufig in ihrer ja überhaupt so aufschlußreichen Phase-des-Erwachens aus, worauf sie sich anscheinend 'besser fühlt', als kurz zuvor.9 - Einmal, nachdem das Zusichkommen beängstigend lange gedauert und der normale Atem sich nicht hatte einstellen wollen, äußerte sie gegen Ende der Zwischenphase: 'Ich hatte solch schlechten Schnapp. O, da ist noch einer,' und beide erschienen ihr schmerzhaft, ganz gegen ihre Gewohnheit. 'Ach, Alta', sagte Mrs. Piper zu ihrer Tochter (die um sie bemüht war), sobald sie diese erkannte, 'ich glaubte, ich sei tot. Ich hatte solch schrecklichen Fall.' Und diesem Vorgang folgte ein starkes, 24 Stunden anhaltendes Kopfweh!4 Man kann dies alles natürlich als durchaus zweideutig bezeichnen, und Mrs. Sidgwick führt noch andre Begleitempfindungen des Zwischenzustands an, die - wie z.B. das 'Prickeln' - auf Umschaltungen der Blutzufuhr deuten könnten. Ja einmal sagte das Medium sogar: 'Ich habe das Gefühl, als wäre da irgendeine Teilung in meinem Hirn.'6 Aber könnten nicht am Ende beiderlei Deutungen zusammen bestehn? Die beherrschende Tatsache des Ich-Austritts ist nun schon soweit gesichert, daß alle rein physiologischen Kennzeichen abnormer Bewußtseinszustände von ihr aus eine neue Beleuchtung empfangen. Die Erörterung solcher andeutungsreichen Einzelheiten ließe sich fortsetzen. Es könnte z.B. auf den subjektiven Eindruck des 'Sich-ausdehnens des Leibes' zu Beginn der Exkursion verwiesen werden, was vielleicht die Ablösung des Ich-Trägers vom Leibe andeutet: eins unsrer Subjekte, das sich 'imstande fühlt, den Körper bewußt zu verlassen,' sagt ja ausdrücklich, daß eben dieser Vorgang 'einem plötzlichen Sichausstrecken der Länge nach vergleichbar sei,' und Hr. Laufmann gebraucht die Worte: 'ich hatte das Bewußtsein von etwas gleich einem Watteball, der sich loslöste und ausbreitete, in der Größe eines 1) Muldoon 137 f. 2) Das. S. XXXI; vgl. X X X I I I und Dr. Alrutz' Ref. In Pr XXXIV 170. 3) S. z . B . X X I I 151; XXIII 186f.; XXVIII 549. 4) XXVIII 516f. Dies doppelte 'Schnappen' war in späteren Jahren die Regel: XXVIII23. Vgl. auch Prof. Schäfer In R B 1926 56 f. 5) XXVIII 23 f. Besondere Merkmale des Ich-Austritts 383 Mannes, wenigstens 3' größer als ich.'1 Es könnte ferner verwiesen werden auf das hiermit leicht durchschaubar verwandte Bewußtsein einer 'leuchtenden Dampfwolke' u.dgl. als Vorstufe oder Umhüllung eines gestalteten 'fluidischen Leibes',2 u. a. m. Doch erscheinen mir sichre theoretische Schritte auf diesem schwankenden Boden noch gar nicht möglich; sie müssen späteren Zeiten vorbehalten werden, die über reichere Beobachtung und vorbereitende Einsichten verfügen. Nur folgendes sei, zur Sicherung des Vorgebrachten, noch mit wenigen Worten ausgesprochen. Die Erfahrungen der Exkursion und der Wahrnehmung entfernter Dinge von einem außerkörperlichen Blickpunkt aus scheinen in unmerklichen Abstufungen überzugehn in Erfahrungen des Fernschauens 'im Leibe' und bei mehr oder minder erhaltenem Bewußtsein der normalen Umgebung; dabei wird aber auch das Ferne von einem soz. natürlichen Blickpunkt aus geschaut. Und etwa in der Mitte dieser Reihe würden dann jene Leistungen des 'hellsehenden Reisens' liegen,3 bei denen das Subjekt sich gleichfalls - und zwar auf bestimmten Wegen - durch den Raum fortzubegeben glaubt, 'unterwegs' allerlei beobachtet und 'am Ziel' etwa Zimmer durchwandert und Treppen steigt; dies alles aber - meist wohl in einem hypnotischen Zustand - gleichzeitig mündlich zu beschreiben vermag.4 Dabei fällt auf, daß auch nach anscheinend mehr 'subjektivem' Fernsehn ('vom Leibe aus') die Symptome der Rückkehr in den normalen Zustand zuweilen an die der 'Heimkehr in den Leib' erinnern; wenigstens werden sie nicht nur als Erschöpfung, Denkunfähigkeit, Gefühl der Ausgeleertheit und Kopfweh beschrieben, sondern gelegentlich geradezu als 'heftige Erschütterung.'6 Wir brauchen nun, meine ich, in der Tatsache dieser Reihe von Übergängen bis zu einem scheinbar ganz andersartigen Endpunkt keinen Widerspruch zu finden gegen eine 'realistische' Auffassung der Exkursion im engeren Sinne. Mein könnte etwa sagen, daß eine 'rein erkenntnismäßige' übernormale Erfassung des Fernen - das Subjekt gewissermaßen 'nach sich ziehe' und zu einer sich steigernden 'Bilokation' veranlasse, deren äußerste Entwicklung zusammenfiele mit der äußersten (zu Lebzeiten möglichen) Entseelung des Leibes und der 'Anwesenheit' des Subjekts am Orte der Fernschau. Aber die Rätsel solcher Bilokation dürften sich restlos lösen nur einem metaphysischen Verständnis des Raumes und des Ineinander von Raum und Bewußtsein, von Objektivität und Subjektivität Gehen wir dieser Untersuchung aus 1) o. S. 309. 324. 2)o. S. 305. 3) travelling clairvoyance der engl. Forschung. 4) Wie auch die Subjekte mancher objektiver Leistungen am Exkurstonaortt - Vgl. zu diesen Fragen Mattiesen 392 II. 670 B. 5) commotlon vlolente: Floumoy 368. 384 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens dem Wege, so bleibt uns nur die Feststellung übrig, daß die Grenzf ä l l e der fraglichen Reihe jedenfalls wesentliche Unterschiede zeigen: das wahre Halluzinieren eines 'fernen' Tatbestandes ist etwas deutlich anderes, als das Erlebnis der wahrnehmenden Anwesenheit am Orte dieses Tatbestandes, die sich - wie wir jetzt wissen - erweisen kann nicht nur durch "Erscheinen' des Subjekts am fernen Ort, sondern auch durch objektives Wirken daselbst Es ist wohl klar, daß wir mit dieser Reihenbildung das Kernproblem aller Metaphysik in Händen halten. Die entscheidende weltanschauliche Bedeutung der metapsychischen Tatsachen wird uns hier greifbar. Die Herren Philosophen und philosophischen Physiker haben demnach das Wort 5. Der Austritt des Ich als spiritistisches Argument Ich habe mich, wie vorher angekündigt, bei allen Tatsachen, dk. das 'Kernstück' des Exkursionserlebnisses umlagern und ergänzen, mit einer sehr viel flüchtigeren Darstellung und dürftigeren Beglaubigung begnügt Es ist der natürliche innere Zusammenhang aller dieser Tatsachen - untereinander und mit dem Kernerlebnis -, was ihre Glaublichkeit im einzelnen erhöht und sie an der Deutung des Ganzen mitwirken läßt Dieses Deutungsergebnis können wir nunmehr in folgenden Worten zusammenfassen: Die bewußte Persönlichkeit des Menschen, mit allen Merkmalen seelischen Lebens begabt, kann ihren fleischlichen Leib unter Umständen schon zu dessen Lebzeiten vorübergehend Verlassen', in einem Träger oder 'Vehikel', dem zwar eille Rätsel des Thantoms' anhaften, irgendwelche 'Objektivität' aber nicht abzusprechen ist; und alle Merkmale eines solchen Austritts des Ich wiederholen sich in der Stunde des Sterbens. Die hieraus unmittelbar sich ergebende Schlußfolgerung liegt auf der Hand: wie der zu Lebzeiten seinen Leib Verlassende bewußt persönlich weiterlebt, so lebt auch der ihn im Sterben Verlassende bewußt persönlich weiter. Anders gefaßt: ein Ich mit allen Eigenschaften seelischen Lebens kann außerhalb des Leibes bestehen; folglich kann es auch bestehen, wenn der Leib als solcher zu bestehen aufgehört hat. Der Exkursionszustand stellt jedenfalls die wahrscheinlichste Form dar, unter der wir uns den Beginn persönlichen Fortlebens vorzustellen vermögen. Weist er uns aber den Anfang des Überlebens als beobachtete Tatsache auf, so können wir seine Fortsetzung ruhig sich selbst überlassen. Ce n'est que le premier pas qui coûte. Kann ich nur eine Minute lang erweislich 'außerhalb' meines Leibes und unabhängig von ihm als selbstbewußte Person bestehen, so ist für diesen Bestand ein baldiges Ende zunächst gar nicht abzusehen. Der Austritt des Ich als spiritistisches Argument 385 Dieses Schlußverfahren nun könnte, soweit ich sehen kann, nur unter einer Voraussetzung bestritten oder doch bemängelt werden: nämlich wenn man annähme, daß die Möglichkeit der Exkursion überhaupt abhänge von der Erhaltung wenigstens eines Mindestmaßes an Lebensvorgängen des fleischlichen Leibes (wie es ja selbst in Fällen scheinbar schon eingetretenen Todes vorausgesetzt werden mag). Der lebende Leib müßte also als unerläßlicher 'Nährboden' oder 'Ankergrund' gefordert werden für ein seelisches Erleben außerhalb seiner Grenzen, wie er nach landläufiger Ansicht unerläßlich ist für das Zustandekommen ichbewußten Lebens innerhalb seiner Grenzen. Jene Voraussetzung des Gegners nun gewinnt ein sehr verschiedenes Aussehen, je nachdem, ob wir das außerleibliche Erleben als einen rein seelischen Ablauf ansetzen, oder als einen zugleich seelischen und 'metaphysiologischen', also an einen dinglichen Träger gebundenen. Der erste dieser beiden Ansätze muß dem orthodoxen Physiologen (also unserm eigentlichen Gegner!) ohne weiteres sinnlos erscheinen, sodaß er ihn nicht gegen uns ausspielen kann. Den bewußten, ich-haften Erlebnisablauf denkt er sich ja an gewisse nervöse Vorgänge gebunden; Wahrnehmen, Überlegen, Wollen usw. 'entstehen' für ihn im Gehirn, und es ist diese Gebundenheit ans Gehirn, was die Lokalisierung auch des 'Ich' im Kopfe und seine vertraute Einordnung in den Wahrnehmungsraum bedingt Es muß also diesem Gegner undenkbar erscheinen, daß der hirnerzeugte Ablauf des bewußten Ich-Lebens unter Umständen auch außerhalb des Leibes draußen im Räume stattfinde. - Freilich, viele Psychologen vertreten heute einen Standpunkt, der solche 'Erzeugung' seelischen Lebens durch das Gehirn verneint, diesem Leben vielmehr metaphysische Selbständigkeit zugesteht. Aber mit diesem Standpunkt hätten wieder wir keinen Streit; er könnte die Tatsache der Exkursion als Bestätigung willkommen heißen und müßte die Forderung fortbestehender Hirntätigkeit als Voraussetzung seelischen Erlebens außerhalb des Leibes zurückweisen. Lassen wir also diese Fassung des Einwands beiseite und erwägen jene andere, welche die Exkursion an irgendeinen metaphysiologischen Träger gebunden sein läßt. Unsre Frage nimmt dann folgende Gestalt an: Ist es denkbar oder wahrscheinlich, daß ein Bewußtseinführender 'Leib-der-Exkursion' zwar während erhaltenen normal-physiologischen Lebens imstande sei, den sichtbaren Leib zu verlassen, mit dem Absterben desselben aber diese Fähigkeit verliere, weil er gleichzeitig mit jenem zugrunde geht? Rein metaphysiologisch betrachtet, läßt diese Frage sich mit Bestimmtheit weder bejahen noch verneinen, weil unser Wissen von den Lebensbedingungen nicht-physiologischer M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben II 25 386 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens Leiblichkeiten an sich noch viel zu geling ist Und müßten wir es hierbei bewenden bissen, so wäre die Frage nach der spiritistischen Beweiskraft des Exkursionserlebnisses etwa so zu beantworten: Die Hinausversetzung eines bewußten Phantoms während des Lebens beweist nicht unbedingt ein entsprechendes Überdauern des Todes; doch macht sie dieses sehr wahrscheinlich, indem sie ein Hauptbedenken gegen dasselbe beseitigt: das Bedenken, welches sich darauf beruft, daß ichbewußtes Leben bisher überhaupt nur innerhalb eines physiologischen Leibes beobachtet worden sei. Die Exkursion beweist jedenfalls, daß solches ich-bewußtes Leben außerhalb des Leibes überhaupt möglich sei, und damit ist fraglos die Möglichkeit bewiesen, daß es auch nach dem leiblichen Tode erhalten bleibe. Im Zusammenhang der zahlreichen sonstigen Argumente für das Überleben fiele auch dies sehr stark in die Wagschale. Indessen würde der Einwand, daß ein Exkursionsleib nur während des Lebens seines physiologischen Partners lebensfähig 9ei, sogleich in sich zusammenfallen, wenn auch nur in einem Falle durch Beobachtung- von-außen das Dasein eines objektiven Phantoms erwiesen wäre, das von keinem lebenden Leibe abhinge. Bei der Entscheidung, ob es solche gebe, müßten natürlich zunächst alle jene Materialisationsphantome ausscheiden, die augenscheinlich an die Anwesenheit eines Mediums gebunden sind, solange auch nur die Möglichkeit besteht, daß die Bedingungen ihres Auftretens ausschließlich in Lebensvorgängen des Mediums wurzeln. Eine solche Verwurzelung ist aber so gut wie ausgeschlossen bei gewissen Spukphantomen; ein einziger Fall von unbestreitbarer Objektivität eines identifizierbaren Spuks würde demnach das gegnerische Bedenken tatsächlich beseitigen und die Möglichkeit erweisen, daß eine abnorme Leiblichkeit, die einem bestimmten Verstorbenen 'zugehört', nach dem Absterben des 'entsprechenden' normalen Leibes fortbestehe. Dagegen würde es nicht erforderlich sein, daß eine solche Leiblichkeit zugleich Anzeichen bewußten Innenlebens darböte. Jenes 'Bedenken' entstand ja nur auf Grund der angenommenen Unmöglichkeit, daß eine abnorme Leiblichkeit nach dem Tode ihres fleischlichen Partners überhaupt noch fortbestehe; wogegen ihre Beseelung durch ein persönliches Bewußtsein eben durch das Erlebnis der Exkursion gewährleistet werden soll, also die Beobachtung, daß man sich bewußt und in einer 'Leiblichkeit' fühlen könne außerhalb des normalen Leibes. Wäre zugleich mit dem objektiven identifizierbaren Spukphantom auch der Nachweis seines ich-bewußten Innenlebens gegeben, so wäre ja der spiritistische Beweis ohnehin geliefert und die Heranziehung des Exkursionserlebnisses gar nicht mehr erforderlich. Der Austritt des Ich als spiritistisches Argument 387 Die Frage nun, ob identifizierbare objektive Spukphantome vorkommen, ist schon in einem früheren Kapitel dieses Buches bejaht, wenn auch noch nicht belegt und beglaubigt worden. Der hier erstrebte krönende Beweis der spiritistischen These vollendet sich somit im Rückgriff auf andere Teile unseres Gesamtgedankengangs. Ein solches Ineinandergreifen verschiedenartiger Beweisketten aber muß uns als Selbstverständlichkeit erscheinen in einer Untersuchung, die auf Wissenschaftlichkeit Anspruch erhebt, insofern alle Teile einer echten, auf Tatsachen gegründeten Wissenschaft in unauflöslichem innerem Zusammenhang stehen und folglich auch logisch aufeinander angewiesen sind. - Damit ist auch der m. £. einzige denkbare Einwand gegen unser Schlußverfahren beseitigt, - ein Einwand übrigens, der auch abgesehen von seiner Widerlegbarkeit einer windigen Ausflucht weit ähnlicher sieht, als einem ehrlichen Zweifel. Es besteht demnach zu Recht, daß der Tatsachenzusammenhang der Exkursion das Überleben der Persönlichkeit mit allen Eigenschaften seelischen Lebens endgültig beweist. - Wie es aber jedem, der einem Beweise zustimmt, nur willkommen sein kann, wenn man ihm Tatsachen aufweist, die er unter Voraussetzung des Bewiesenen zu finden erwarten müßte, - so will auch ich hier schließlich noch einen Tatbestand anführen, der vom Standpunkt unsrer letzten Argumente aus besonders natürlich, ja selbstverständlich erscheinen darf. - Bedeutet nämlich der Austritt aus dem Leibe zugleich den Eintritt in die 'Geisterwelt' oder doch eine Annäherung an sie und soz. das Betreten ihrer Vorhöfe,1 so liegt die Erwartung nahe, daß wenigstens ab und zu in jenem Zwischenzustand oder 'Niemandsland' der Ejckurrierende mit Bewohnern des wirklichen Jenseits zusammentreffen werde, die sich zeitweilig seinem Zustand angenähert haben, wie umgekehrt er ja ihnen kraft seiner Hinausversetzung vorübergehend mehr wesensverwandt geworden ist Dieser Tatbestand - dessen Wesen und Wichtigkeit bisher noch niemand erkannt zu haben scheint - ist uns sogar in früheren Abschnitten schon flüchtig begegnet. Ich erinnere z. B. daran, daß der sich wie ein Geist durch ein fernes Medium kundtuende lebende Gordon Davis (der sich begreiflicherweise selbst für tot9 hielt!) von seinem verstorbenen Bruder Frank herangebracht sein sollte. Auch das von M. Cornillier veröffentlichte Exkursionserlebnis des Elektrotechnikers Semjonow (mit Erblicken des eigenen Leibes) zeigte eine Begegnung mit seinem verstorbenen Großvater und 'einem Unbekannten'. Ersterer hielt offenbar selbst den Enkel für gestorben oder doch in unmittel- 1) Vgl. das Ubergehn von irdischem Schauen de* Exkurrierenden zu erdfremdem: o. S. 8510. 388 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens barer Todesgefahr. Semjonow kam nach vorübergehendem Bewußtseinsverlust auf seinem Bette sitzend und 'ganz zerschlagen' zu sich, erblickte die beiden Gestalten auch jetzt noch und hörte sie darüber sprechen, daß nun 'die Gefahr wohl vorüber sei'!1 Auch Mlle Grégoire erblickte während einer 'hellsehenden Reise' nach einem fernen Ort nicht nur dort anwesende Lebende, sondern auch Verstorbene 'wie mit den Augen', hörte ihre Worte oder Verstand wenigstens ihren Sinn', während sie sich 9elbst in einem Spiegel (!) als "hellgraue Dampfsäule' wahrzunehmen glaubte.8 - Endlich hat ja auch die Exkursion des Mediums während des Transdramas uns mehrfach den Tatbestand des Zusammentreffens mit Jenseitigen vorgeführt. Einige weitere Beispiele mögen ihn zu noch größerer Deutlichkeit und Glaublichkeit erheben. - Der folgende Fall ist älterer Herkunft und - nach Art der Zeit - nur schlecht verbürgt. 'Ein deutscher Missionar reist zur Herstellung seiner Gesundheit nach Deutschland, stirbt aber daselbst. Da zeigte er sich seinem Nachfolger Winter in Indien. Er geht durch dessen Schlafzimmer, in dessen Studierzimmer und schlägt hier das Rechnungsbuch des örtlichen Missionsfonds gerade da auf [wir mögen annehmen, daß das Buch aufgeschlagen gelegen und das Phantom nur durch eine Geste angedeutet habe, was es wolle], wo er, der Verstorbene, die Bilanz gezogen, so andeutend, daß eine in Madras hinterlegte Summe wiedererhoben werden könne, worüber er, vom Tode überrascht, nicht mehr hatte schreiben können. [Ein typisches Spukmotiv, wie wir aus Früherem wissen.] Winter erklärt, daß er im Moment der Erscheinung magnetisch halbwach und dann a u ß e r dem Leibe war, so daß er dem Geiste in das Studierzimmer folgte und mit ihm in das Buch sah, wobei es um sie licht war. Gleich darauf war die Erscheinung verschwunden; sofort befand sich auch Winter wieder in seinem Körper [aus dem ihn der anwesende Abgeschiedene soz. hervorgelockt haben mochte] und in wachem Zustande mit voller Erinnerung des Vorgegangenen.'8 In Mrs. Crowes Sammlung finden wir einen wesensähnlichen Fall (anscheinend von ihr selbst gesammelt), dessen Subjekt 'die Mutter einer sehr angesehenen jetzt in Edinburgh lebenden Psrson' ist. Jene war bereits für tot gehalten und ihre Bestattung vorbereitet worden, als sie wieder Lebenszeichen von sich gab und, zu sich gekommen, berichtete: 'sie sei am Himmelstor gewesen [sagen wir: sie habe sich in die Geisterwelt entrückt gefühlt], wo sie einige 'eingehen' sah, während i h r gesagt wurde, sie sei noch nicht bereit.4 Unter denen, die an ihr vorübergegangen und zugelassen worden wären, hätte sie auch Mr. Soundso, den Bäcker, gesehen, und das Bemerkenswerte war, daß während der Zeit, die sie im Trans verbrachte, dieser Mann tatsächlich gestorben war.'6 1) o. S. 329. 2) RM 1927 431. Vgl. femer Passavant 255 f.; HB 1925 363 f., Yram 57 und Mrs. Leonards Exkursionserlebnis o. S. 327. 3) M V 91 ; auch Daumer I 166. 4) Das häufig beobachtete Motiv der 'Zurückweisung' noch nicht zum Sterben 'Bestimmter' aus dem Jenseits. Vgl. MatUesen 289. 293. 784. 5) Crowe 1351. Vgl. Illigs Fall in ZP 1932 63 und den des Th. Say: JSPR XIII 87 f. Der Austritt des Ich als spiritistisches Argument 389 Ich möchte hierbei auch an die gelegentlich berichteten Träume 'ganz besonderer Art' und von 'höchster Wirklichkeit* erinnern, in denen man innerhalb einer eigenartig schönen Landschaft mit Verstorbenen zusammentrifft und sich mit ihnen unterhält.1 Wir sind indessen nicht auf solch verstreute und mangelhaft verbürgte ältere Belege angewiesen, an denen der strenge Kritiker nur mäßiges Gefallen finden dürfte, sondern besitzen ein Zeugnis, das der Prüfung durch die anspruchsvollste Körperschaft unsres Faches standgehalten hat. Miss Minnie Wilson2 wurde bald nach ihrem Erlebnis in einer Sitzung der Londoner Ges. f. ps. F. einem Kreuzverhör unterworfen, und ihren Aussagen darf das höchste Vertrauen geschenkt werden, das die Erinnerung an abnorme Erfahrungen im besten Falle beanspruchen kann. Die Tatsachen sind kurz folgende: Am Mittwoch, d. 29. Mai 1907 erschoß sich in London ein angesehener Offizier, Kapitän Oldham, infolge der Ablehnung eines von ihm gemachten Heiratsantrags. Sein Patenkind, die 17- jährige Miss Wilson, mit der er in sehr herzlichen Beziehungen gestanden hatte, genoß zur Zeit, obgleich selbst nicht katholisch, ihre Erziehung in einem belgischen Konvent. Ihre Mutter, eine gute Freundin des Selbstmörders, meldete der Tochter erst eine Woche nach dessen Ableben den 'plötzlichen Tod des Onkel Oldham' und den Tag seines Begräbnisses, aber nichts weiter. Am Sonnabend, dem 1. Juni war Miss Wilson in der Kirche ihres Konvents damit beschäftigt, einer Konventualin, der Mère Columba, beim Säubern zu helfen. 'Ich stand auf einer Leiter, um ein Bildwerk abzustäuben, als ich zu meiner ziemlichen Überraschung ein Mädchen, das vor einiger Zeit [die Schule] verlassen hatte, in der Kleidung einer Nonne auf mich zukommen und mir winken sah, daß ich ihr folgen solle: es verursachte mir einen ziemlichen Schock, mich selbst auf der Leiter zu sehen, während ich doch der Nonne folgte. Durch eine [Seiten]tür [der Kirche] erreichte ich die [nicht öffentliche] Kapelle [der Nonnen], auf einem Wege, den ich nie zuvor betreten hatte. Während ich in einer der Kirchenbänke kniete, war ich sehr erstaunt, Onkel Oldham auf mich zukommen zu sehen, da Mutter mir nicht mitgeteilt hatte, daß er die Absicht habe, nach Belgien zu kommen. Mir schien, daß etwas nicht in Ordnung sei, weil er einen so schmerzlichen Ausdruck hatte; er nahm meine Hand in die seine und sagte, er habe etwas sehr Unrechtes getan, und es würde ihm sehr helfen, wenn ich für ihn betete; dann sagte er mir, daß er von der Frau, die er liebte, abgewiesen worden sei und sich in der Verzweiflung erschossen habe... Als ich mich [plötzlich] wieder auf der Leiter fand, muß ich etwas bleich ausgesehn haben; Mère Columba veranlaßte mich daher, mich auf eine Weile hinzulegen. . . Einige Tage danach hörte ich von Mutter, daß Onkel Oldham wirklich 'plötzlich ge- 1) Vgl. Vogl 9 f.; Thomas, Life 278; Gumey II 413 t. 2) Pseudonym, wie alle Namen in der Veröffentlichung des Falles. 390 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens sterben' sei. Es erschütterte midi, da ich nicht wußte, wem ich glauben sollte...' Diese Aussage ist am 15. Marz 1908 verfaßt. Vom 4. Sept. 1907 stammt ein ausführliches Zeugnis zweiter Hand seitens der Mutter, welcher Miss Wilson bei ihrer Ankunft In England (6. Aug.) auf den Kopf zugesagt hatte, was sie wußte, und dann den Vorfall ausführlich erzählt hatte. Wir erfahren daraus, daß die zuerst gesehene Schulfreundin zu jener Zeit tatsachlich den Schleier genommen hatte, wovon Miss Wilson aber nichts wußte; daß der Weg zur Kapelle sie durch das Refektorium der Nonnen führte, welches niemand außer diesen betreten durfte, das sie aber zutreffend zu beschreiben imstande war (einschließlich eines Bildes an der Wand, von dessen einer Gestalt mehrere 'rote Bänder" herabhingen); daß, als sie in der Kapelle niederkniete, sie jemand 'nahe fohlte' und, aufblickend, Onkel Oldham gewahrte; daß nach den 'Reden' des Kapitäns dieselbe Nonne sie wieder hinausführte und sie sich in benommenem Zustande1 auf der Leiter fand, jedoch imstande war, herabzusteigen. Aus Miss Wilsons Verhör vor der Ges. f. ps. F. am 30. März 1908 kann schließlich noch erwähnt werden: daß sie weder die Dame kannte, welche Kapitän Oldhams Hand zurückwies, noch von seiner Liebe überhaupt gewußt hatte; daß der Nonne, welche sie führte, das Innere des Refektoriums bekannt war, daß diese aber den Verstorbenen nicht kannte; daß die 'roten Bänder' auf dem Bilde im Refektorium in triefendem Blut auf einem Heiligenbilde bestanden, - wie Miss Wilson feststellen konnte, als sie am Ende des Semesters gelegentlich einer Preisverteilung das Refektorium zum erstenmal betrat; daß Kapitän Oldham in der Kapelle ihre Hand zu berühren schien, sowie daß sie nichts von dem 'Rückwege' aus der Kapelle bemerkt und sich nicht nochmals auf der Leiter stehend gesehen habe. - Die Möglichkeit, daß Miss Wilson durch Zeitungen von Kapitän Oldhams Tode erfahren, muß als ausgeschlossen gelten; Zeitungen drangen In den Konvent überhaupt nicht; Briefe an die Schülerinnen wurden geöffnet, ehe sie abgeliefert wurden.2 - Ahnlich verlief ein von der amerikanischen Schwestergesellschaft veröffentlichter Fall, den ich nur ganz kurz zusammenfasse: Eine Mrs. N. J. Crans glaubte nach dem Zubettegehen 'den Körper zu verlassen' und "hinzugleiten's und fühlte sich in ein ihr fremdes Zimmer versetzt, wo sie ihren Schwiegersohn Charles schlafend erblickte, und dessen Einrichtung sie sich genau betrachtete und merkte, einschließlich eines am Rückenstück zerbrochenen Stuhles zu Häupten des Bettes. Darauf sah sie ihre verstorbene Tochter ins Zimmer treten, sich über Charles, ihren Gatten, beugen, ihn küssen und wieder hinausgehn, obgleich Charles, der sie erkannte, sie zurückzuhalten suchte. Ihre Mitteilung des Traumes' an den Schwiegersohn kreuzte sich mit einem Brief desselben, der ihr inhaltlich einen entsprechenden 'Traum' berichtete. Auch ihre Beschreibung des Zimmers erwies sich als völlig genau. Die beiden Träumer lebten 6 Tagereisen voneinander entfernt.1 1) dazed. 2) JSPR XIII 228 O. (Gel. durch Prof. Barrett.) 3) drifting lensatlon. 4) PrAm I 446 (auch Myert II 374 f.). Der Austritt des Ich als spiritistisches Argument 391 Eine animistische 'Konstruktion' solcher Vorgänge ist natürlich in logischer Strenge nicht auszuschließen. Also etwa: Mrs. Wilson unterrichtete telepathisch ihre Tochter von der wahren Natur des Todesfalles; die junge Nonne, welche Refektorium und Kapelle aus eigener Anschauung kannte, übertrug dies Wissen (gleichfalls telepathisch) auf Miss Wilson, und aus alledem zimmerte diese ihren visionären 'Traum' zurecht. - Es sollte mich freilich wundern, wenn solche sinnreiche Sinnlosigkeiten auf dieser Stufe unsrer Untersuchung noch Eindruck auf meine Leser machen könnten. Warum z. B. erwies die junge Nonne ihre telepathische Gefälligkeit gerade in dem Augenblick, da Mrs. Wilsons telepathische Mitteilung - vermutlich längst erfolgt - in der Tochter Bewußtsein zur Vision erblühte? Diese junge Nonne befand sich z. Zt. irgendwo in der Fremde - niemand wußte wo! -, und von Kapitän Oldham hatte sie nie das Geringste gewußt. Wieso also trat sie so gelegen in Tätigkeit und mischte ihre eigene Erscheinung in ein Erlebnis, das sie gar nichts anging? Nun, ich bin überzeugt, daß ihre 'Erkennung' durch Miss Wilson überhaupt ein Irrtum war und daß es sich in Wahrheit um irgendeine verstorbene Nonne handelte, die soz. die Begegnung mit dem Selbstmörder 'vermittelte'. Miss Wilson befand sich - daran lassen die Einzelheiten ihres Berichts nicht zweifeln - in echter Exkursion; in dieser war sie daher imstande, mit zwei Abgeschiedenen 'zusammenzutreffen', von denen der eine ihr eine Schuld gestehen und sie um ihre Gebete bitten wollte, - zwei typische Spukmotive, wie wir wissen. Der Fall Wilson-Oldham verbürgt damit für jeden, dem Forschung auch Zusammenschau bedeutet und nicht das Zerstückeln der Wirklichkeit zugunsten vorgefaßter Begriffe, - den Tatbestand, den wir am Abschluß unsrer Untersuchungen noch zu finden hofften; er bildet - gleich dem Fall des John Black - einen jener kostbaren Glücksfunde, aus denen zuweilen mehr Erkenntnis zu gewinnen ist, als aus hundert Alltäglichkeiten der Beobachtung; er liefert, recht verstanden, die schönste Bestätigung, die unsre Auffassung der Exkursion sich wünschen konnte: er zeigt uns den 'vorläufigen, vorübergehenden Geist' der Lebenden und den 'endgültigen Geist' des Abgeschiedenen imstande, an der Schwelle ihrer beiden Welten im gleichen Zustande zusammenzutreffen, und beweist uns damit, daß das Sterben selbst nicht mehr als eine Zustandswandlung des Lebens ist. Dies Endergebnis der bündigsten aller spiritistischen Beweisführungen gewinnt nun aber schließlich auch rückwirkende Kraft für alle vorausgegangenen Argumente. Der animis tische Gegner mochte sich dort darauf herausreden, es fehle ihnen allen, oder doch einigen, die zwin 392 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens gende Kraft; sie täten zwar die Einfachheit und Natürlichkeit spiritistischer Deutungen dar und begründeten damit einen außerordentlichen Grad von Wahrscheinlichkeit, ohne aber einen Beweis zu liefern, der kein Entrinnen offen ließe. Er wird indessen zugeben müssen, daß ein geringer Zuwachs an Gewicht genügen würde, die sinkende Wagschale der Überzeugung völlig zum Niederschlagen zu bringen. Dieser Zuwachs ist jetzt in reichlichem Maße beschafft. Für den, der die Gesamtheit unsrer Argumente überblickt, muß es feststehn, daß jene Künsteleien sich nicht länger verlohnen, mit denen man sich der Beweiskraft mancher früheren Argumente zu entziehen hoffte. Auch kommt es schließlich nicht darauf an, den letzten zu den früheren Beweisen und diese untereinander zu 'addieren'; vielmehr entdecken wir, daß alle einzelnen Gruppen sich innerlich ineinandergreifend ergänzen. Die meisten der früher dargestellten Argumente liefen ja darauf hinaus, den erscheinenden oder sich kundgebenden Abgeschiedenen als eigentlichen Aktivitätskern der beobachteten Vorgänge herauszuschälen. Jetzt, in den Tatsachen der Exkursion, haben wir den Entkörperten soz. von innen her als aktive Persönlichkeit unmittelbar anschauen können, und zwar als Persönlichkeit von normalen Ausmaßen im Fühlen, Wollen, Erinnern, Überlegen, genau entsprechend den beobachteten Eigenschaften des Kommunikators in so vielen Kundgebungen spiritoiden Gepräges. Wir haben überdies den Wunsch des vom Leibe Gelösten, zu erscheinen und sich den Lebenden kundzugeben, als sein bewußtes Erlebnis feststellen können. In vielen Fällen gelang ihm die Verwirklichung dieser Wünsche nicht: er glaubte, man müsse ihn sehen, aber man sah ihn nicht; er meinte, man müsse ihn hören, aber man hörte ihn nicht In andern Fällen dagegen wurde er gesehen und gehört, sqin objektives Wirken beobachtet. Der hinausversetzte Lebende tut mithin alles, was in tausend Fällen mit umstrittener Deutung ein Verstorbener zu tun scheint und zu tun behauptet. Auf jeder Linie des Wollens also gehen die Leistungen Lebender ohne Bruch in die entsprechenden Leistungen Abgeschiedener über; und selbst die Bekundung eines Subjektes durch ein zweites, fortschreitend bis zu dessen anscheinender Besitzergreifung, beobachteten wir ja im Falle der Lebenden so gut, als in dem der Verstorbenen. Damit rundet sich das ganze Gewebe der Tatsachen zur Einheit und schließt sich der Kreis der Beweisführung. Daß der Verstorbene sich willkürlich zeigt und äußert, erscheint nicht länger als bestreitbare Folgerung aus Indizien, sondern als unmittelbare Formulierung von Tatsachen der Selbstbeobachtung. Damit kommt der Streit der Deutungen zur Ruhe; die Auslegung versinkt in der Feststellung. Anhang: Ein eigenes Erlebnis und eine letzte Abwehr 393 6. Anhang: Ein eigenes Erlebnis und eine letzte Abwehr Die Aufgabe dieses Buches ist hiermit erfüllt. Ehe ich aber die Feder aus der Hand lege, will ich noch zweierlei tun. Zunächst möchte ich unsern Bestand an Tatsachen um einen verwickelten Fall aus eigner Erfahrung vermehren; und zweitens ein letztes Argument des Gegners beseitigen, das selbst nach Anerkennung aller vorgebrachten Beweise sich gegen ihren vollen Ertrag richtet und somit ans Ende ihrer Erörterung gehört. Jener Fall hätte freilich, in seine Teile zerlegt, an verschiedenen Stellen meines Gedankenganges sich einflechten lassen. Daß ich ihn hier anhangsweise als Ganzes mitteile, hat wesentlich persönliche Gründe. Die wissenschaftlich-unpersönliche Arbeit an diesem Buche stand vor ihrem Abschluß, als dies Erlebnis über mich hereinbrach und mir Gelegenheit gab, die Wahrheit, auf deren Begründung ich die beste Arbeit meines Lebens verwendet habe, gleichsam am eignen Leibe zu erproben. Indem sich mir aber das Mitzuteilende als Einheit erschütternden Erlebens darbot, durfte mir seine logisch-darstellerische Zerstückelung wohl widerstreben. Anderseits findet es gerade hier die passendste Stelle, weil es einen Bestandteil enthält, der mit der zuletzt besprochenen Form der Exkursionserfahrung zusammenzufallen scheint: jener Form, die uns das Beisammen des Hinausversetzten mit einem Abgeschiedenen zeigt Am 15. Oktober 1933 verstarb meine Frau, noch in den besten Jahren stehend, an den Folgen einer sog. 'spontanen subarachnoidalen Blutung', hervorgerufen durch Aneurysmabruch an einer Basalarterie des Gehirns. Unsre 23 jährige Ehe - ich muß dies zum Verständnis des Folgenden sagen - war eine äußerst glückliche gewesen. Eine bestimmte 'Abmachung', daß der von uns zuerst Sterbende sich dem Andern, falls möglich, kundtun solle, hat zwischen uns nicht bestanden. Immerhin haben wir von der Erwünschtheit solcher Kundgebungen gelegentlich gesprochen. Vorausschicken muß ich ferner einige Worte über die Perzipientm der zu beschreibenden Erscheinungen. - Im Herbst 1925 trat ich mit Hrn. Hinrich Ohlhaver in Hamburg, dem bekannten Verfasser von Die Toten leben', und seinem Sohne Erwin zuerst in brieflichen, und dann auch in persönlichen Verkehr. Hr. Erwin Ohlhaver suchte mich zweimal in Rostock auf, das zweite Mal, im Frühling 1929, in Begleitung seiner Braut und jetzigen Frau, Anna Ohlhaver. Die junge Dame, ein Mensch von großer Anmut, Reinheit und Innigkeit des Wesens, gewann sogleich meiner Frau und meine Zuneigung; doch wurden Briefe zwi 394 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens sehen ihr und uns im Laufe der folgenden Jahre nur äußerst selten gewechselt; zuletzt sogar über 2 Jahre lang gar nicht, ohne daß die geringste Störung unsrer persönlichen Beziehungen erfolgt wäre. - Im Juli 1933 schrieb ich einen Brief allgemeinen Inhalts an Hrn. Ohlhaver sen., der aber mehrere Monate liegen blieb, da ich mir der veränderten Anschrift des Empfängers nicht sicher war. Mehr als 5 Wochen nach dem Tode meiner Frau, am 21. November, fügte ich diesem Brief eine entsprechende Nachschrift bei und übergab ihn, unter Benutzung der früheren Adresse, eingeschrieben der Post, es dieser überlassend, den Empfänger ausfindig zu machen. Darauf erhielt ich zwei am 25. Nov. geschriebene Briefe der Frau Anna Ohlhaver und ihres Schwiegervaters, denen ich, alles nicht wesentliche beiseite lassend, die folgenden Mitteilungen entnehme. Nach Worten der Teilnahme schreibt Hr. Ohlhaver: 'Über zwei kleine Vorkommnisse muß ich Ihnen in diesem Zusammenhang berichten. Vor etwa 4 Wochen sagte Anna, Erwins Frau, zu mir: 'Eben (am hellen Tage und mitten bei der häuslichen Arbeit) habe ich Frau Dr. Mattiesen gesehen. Sie sagte mir etwas von B l u t u n g und hat mir aufgetragen, viele herzliche G r ü ß e zu bestellen.' Eine Woche später waren Anna und ich in Hamburg in einer Konditorei und tranken eine Tasse Kaffee, da sagte Anna zu mir: 'Das ist doch komisch, eben habe ich wieder Frau Dr. Mattiesen gesehen, und wieder bat sie mich, viele, viele Grüße zu bestellen.' Beide Gesichte dauerten jedesmal nur wenige Sekunden, wir waren nicht geneigt, ihnen irgendwelche Bedeutung beizumessen, und am a l l e r w e n i g s t e n haben wir die Vermutung gehabt, Ihre Gattin könne nach dem J e n s e i t s überg e s i e d e l t sein. Wir betrachteten die Vorkommnisse als Erinnerungsbilder, umso mehr, als wir uns oft mit Ihnen beschäftigten... Bei Ihrer Trauerbotschaft überraschte mich der Ausdruck 'Gehirnhautblutung', und sofort erinnerte ich mich, daß, als Anna zum ersten Mal Ihre Gattin gesehen haben wollte, sie hinzufügte, Ihre Gattin habe ihr etwas von Blutung gesagt. Heute bin ich überzeugt, beide Vorkommnisse hatten einen wahren Hintergrund: Ihre Gattin wollte uns ihren Heimgang und die Ursache des Abscheidens, die Gehirnhautblutung, mitteilen, in der Hauptsache aber wollte sie uns beauftragen, Ihnen viele herzliche Grüße von ihr zu übermitteln, da sie eine direkte Bestellung bei Ihnen nicht ausführen konnte.' Die Perzipientin selbst spricht sich über ihre beiden Schauungen u. a. in folgenden Worten aus:1 '[Bei dem ersten Gesicht] wunderte ich mich über die Innigkeit, mit der mir Ihre liebe Frau G r ü ß e sagte, und doch fühlte ich auch irgendwelche Not. D e u t l i c h höre ich noch das Wort ' B l u t u n g ' , aber ich d e u t e t e es f a l s c h , weil mir Ihre liebe Frau bei unsrem damaligen Besuch bei Ihnen erzählte, 1) Ich laue eingestreute Anreden fort, kürze leicht, stelle wegen der Kürzungen einiget um und iperre einzelne Worte. Anhang: Ein eigenes Erlebnis und eine letzte Abwehr 395 dafi sie etwas angestrengt sei, weil sie unwohl wäre... Aucb die Grüße, die sie mir auftrug, v e r s t a n d ich nicht, weil ich ja nicht ahnte, daß Ihre Frau in die jenseitige Welt eingegangen war... Nun kann ich mir auch dieses Drängen zum Schreiben erklären, d u mich im Augenblick ganz ausf ü l l t e . - Auffallend war es kurz darauf in einem Kaffee, wo ich mich mit unsrem Vater angeregt Ober geschäftliche Dinge unterhielt: ich mußte mich seitwärts wenden, sah wieder ganz deutlich Ihre Frau und fühlte ein ganz außerordentliches Drängen, an Sie zu schreiben... Nun erkenne ich deutlich, daß Ihre liebe Frau in großer Sorge um Sie war und durch mich die Möglichkeit hatte, sich bemerkbar zu machen, um Ihnen innige Grüße zu übermitteln. Wenn ich mich jetzt zurückversetze, so fühle ich noch deutlich dieses förmliche Aufdrängen: Schreiben, s c h r e i b e n ! . . . Aber n i e kam mir bei diesen Gesichten der Gedanke, daß sie in die jenseitige Welt hinübergegangen sei.' In einem weiteren Briefe vom 30. November fügte Frau Ohlhaver, auf Fragen meinerseits antwortend, noch folgendes über diese beiden Schauungen hinzu: 'Beim ersten Mal gewann ich den Eindruck, daß Ihre liebe Frau ganz bekümmert, geradezu unglücklich war. Hilflos unglücklich ist wohl die treffendste Bezeichnung für den Ausdruck des Gesichts, wie ich es sah.' (Frau O. fügte bei, daß sie, um mich zu schonen, sich zunächst nicht so stark ausgedrückt habe.) 'Schließlich aber wandelte sich der Ausdruck in Wärme und Güte. Nun, ich weiß: wie es damals um Sie stand, konnte es garnicht anders sein, als daß der Ausdruck eines tiefen Kummers in ihrem Gesicht vorherrschte. [Was die Äußerungen des Phantoms betrifft, so] ist es mir, als hätte ich besonders das Wort 'Blutung1 und 'viele, viele Grüße' mit dem inneren Ohr vernommen. Daß ich deutliche, sprachlich geformte Sätze gehört hätte, möchte ich eigentlich nicht sagen. Ich stehe bei diesen Erlebnissen, deren ich schon öfter ähnlich zutreffende hatte, unter dem Eindruck, daß mir von den Jenseitigen bestimmte Eindrücke eingegeben werden, die dann in mir so weit eine gedanken-sprachliche Formung annehmen, daß ich mich gleichsam in einer Zwiesprache mit den Jenseitigen befindlich fühle. -• Im Kaffee fühlte ich ganz plötzlich einen Zwang (woher er kam, kann ich nicht sagen), den Kopf zu wenden, und sah dann wieder das Gesicht Ihrer lieben Frau, aber keine Gestalt. Diesmal war der Ausdruck nicht mehr so verzweifelt, aber so ungeduldig, als wollte sie mir einhämmern, daß ich schreiben solle; ich hörte wieder ' G r ü ß e ' , und dann war das Gesicht wieder weg. Ich sagte zu Papa: 'Was man sich manchmal doch zurechtf a n t a s i e r t : eben habe ich wieder Frau Dr. Mattiesen gesehen. Wir sollen schreiben.' Aber auch Papa legte der Sache keine t i e f e r e Bedeu* tung bei, sondern sagte nur: Ja, wir müssen notwendig schreiben, aber erst möchte ich in unsern Angelegenheiten klarer sehen, und so weit sind wir noch n i c h f . . . Leider ist die mediale Gabe bei mir sehr schwach, und es ist mir nicht möglich, mich willkürlich mit Jenseitigen in Verbindung zu setzen; sondern ein solches Erleben ist immer ganz spontan 396 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens und meistens ganz kurz, aber während dieser kurzen Zeitspanne spielen sich manchmal Erlebnisse ab, die normalerweise Stunden diesseitigen Geschehens beanspruchen würden.' - Zum Verständnis dieser Vorgänge mögen die folgenden Überlegungen dienen. - Der Tod meiner Frau ist ausschließlich im Hostocker Anzeiger5 am Abend des 16. Oktober öffentlich, und im Laufe der nächsten Tage und Wochen einer Anzahl von Verwandten, Freunden und Bekannten brieflich durch mich bekanntgegeben worden. Von diesen, soweit sie vor dem ersten Gesicht benachrichtigt wurden, ist niemand mit der Familie Ohlhaver bekannt. Daß Frau O. aus keiner dieser denkbaren Quellen ein normales Wissen von dem Todesfall geschöpft, unterstelle ich darum als gewiß, wiewohl dem Gegner die Vermutung unbenommen bleibt, daß sie in irgend einem Café oder irgend einer Gosse eine Anzeigenseite des Rostocker Blattes mit dem bekannten 'Netzhautrande' 'unbewußt' wahrgenommen habe. Wem die blöde Willkür solcher Annahme gegen den logischen Geschmack geht, der wird nunmehr natürlich telepathische Benachrichtigung des Mediums durch einen der normal Wissenden annehmen. Und zwar würde dann wohl ich vor allem der Ehre teilhaftig werden, als meines Wissens der einzige, der mit Frau Ohlhaver bekannt war, also erhöhte Aussichten auf 'Rapport' hatte; überdies als der weitaus am schwersten Getroffene, mithin am stärksten 'affektgeladene' telepathische 'Geber'. Verwunderlich könnte auch dann noch erscheinen, daß ich diese 'Mitteilung' nicht auf dem Gipfel der Affektladung ausgeübt hätte: in den ersten Tagen nach dem Schicksalsschlage, sondern erst zwei Wochen später. Aber auch da bietet ja der gefällige Begriff der 'Latenz' einen Ausweg. Frau Ohlhaver mag 'sofort' unterrichtet worden sein; aber ihr Unterbewußtsein' wartete eine günstige passive Einstellung des 'Oberbewußtseins' ab, ehe es sein Wissen in Bildern 'emporschickte'. Diese passive Einstellung fand es verwirklicht im ersten Falle während häuslicher Arbeit, im zweiten während einer angeregten geschäftlichen Unterredung in einem großstädtischen Kaffeehause. Hr. Ohlhaver ist ein Mann, der in großen Summen zu rechnen gewohnt ist Doch würde man den Geist einer jungen Frau von heute unterschätzen, wenn man bezweifeln wollte, daß geschäftliches Verhandeln mit solchem Mann ihr nicht genügende Geistesmuße übrig ließe, um die rechte Bühne für das Emporspringen unterbewußt gespeister Visionen herzustellen. Wollte man aber trotzdem die Augenblicke, in denen es dem 'Unterbewußtsein' der Frau Ohlhaver beliebte, sein Wissen sinnlich zu entfalten, für die denkbar ungeeignetsten und unwahrscheinlichsten erklären, so stände dem Animisten eine weitere und unvergleich Anhang: Ein eigenes Erlebnis und eine letzte Abwehr 397 lieh feinere Deutung zur Verfügung. Frau Ohlhaver ist die Schwiegertochter des volkstümlichsten deutschen Vertreters des Spiritismus; kein Zweifel also (auch wenn sie dessen nicht geständig wäre), daß nicht nur sie selbst diesem Wahne huldigt, sondern vor allem auch ihr Unterbewußtsein' davon vollgesogen ist Auf Grund dieser Einstellung hätte es sich den Plan zum Ausbau eines 'Beweisfalles' von unerhörter Verfeinerung erdacht. Zunächst hätte es, wie gesagt, sein Wissen zwei Wochen lang für sich behalten, um schon damit einer 'telepathischen Deutung' entgegenzuarbeiten; denn nach dieser wäre - als das Wahrscheinlichste - zu erwarten gewesen, daß die telepathische 'Sendung' gleich nach dem Todesfall erfolgte und der Frau Ohlhaver in ihrer ersten seelischen Ruhelage bewußt wurde. Diese offenbare Gefahr durchschauend, beschloß ihr 'Unterbewußtsein', die Bekanntgabe an das Oberbewußtsein nicht nur zu verschieben, sondern auch zu 'tarnen', und der Grad von Vollendung, den es dabei erzielte, muß Bewunderung erregen. Die Tarnung nämlich entschied sich für eine dramatische Umwegigkeit von verblüffend spiritistischer Formung. Ou - so wollen wir das Unterbewußtsein der Frau Ohlhaver bezeichnen - ließ die Verstorbene 'erscheinen' und 'reden', oder doch gewisse Wortvorstellungen übertragen. Als 'Erscheinung' zeigte sie eine 'bekümmerte', 'unglückliche' Miene, von irgendwelcher 'Not' bedrückt: das Natürlichste von der Welt, wenn es sich um eine Autophanie, eine selbstgewollte und selbsterzeugte Erscheinung der Verstorbenen handelte, denn diese hatte, im Bewußtsein meines Grams und ihrer Unfähigkeit, mir unmittelbar etwas Tröstendes zu sagen, die stärksten Gründe, 'unglücklich' und 'notgedrückt' zu erscheinen; zudem haben uns ja zahlreiche Beobachtungen gelehrt, daß auch Lebende imstande sind, Mienenspiel, Gebärde und Reden ihrer Autophanien im Sinn ihres Interesses am Erscheinen, also im Sinn eines bestimmten Mitteilungsdranges, dramatisch- episch zu gestalten, und dasselbe müssen wir natürlich auch den Autophanien Verstorbener zugestehn, falls diese Lebende sind. Ou hätte also keine spiritistisch-'natürlichere' Ausbildung der Vision bewirken können, als indem es ihr jene Züge verlieh. Weiter aber mußte Ou offenbar daran liegen, ein Verständnis dieser Schauung seitens 0 0 (der 'oberbewußten' Frau O.) zunächst zu verhindern, die Deutung der Vision vielmehr mir selbst für später vorzubehalten. In der Tat mußte durch diese List der spiritistische Schein des ganzen Vorgangs bedeutend gesteigert werden. Bei einer telepathischen Benachrichtigung der Dame wäre in erster Linie etwa ein Auftreten des abstrakten Wissens 'Frau M. ist tot', und erst in zweiter Linie der Eintritt einer Vision, als 'Ausgestaltung' jenes Wis 398 Das Argument aus der Vorwegnähme .des Sterbens sens, zu erwarten gewesen. Trat also von vornherein eine dramatisch durchgebildete Vision ein, so mußte sie eigentlich ihre Deutung ohne "weiteres mit sich führen. Dies aber sagte sich auch Ou" ein in allen Feinheiten animistischer Deutungskunst erfahrenes Wesen. Es wählte daher den einzigen Ausweg: eine durch sinnvolle Mimik und Rede gekennzeichnete Vision zwar eintreten zu lassen, die ihr zugehörige Deutung aber zurückzubehalten und damit die Unverständlichkeit jener Kennzeichnung zu sichern. Ja mehr: es ließ das Phantom zwar 'reden', aber offenbar in schwer verständlichem Murmeln, sodaß nur zwei Äußerungen deutlicher aufgefaßt wurden: 1) das Wort'Blutung', das vorzüglich geeignet war, einen nachträglichen Erweis persönlichen Wissens auf seiten des Phantoms zu ermöglichen, und dabei doch dunkel, ja zweideutig genug, um ein sofortiges Verstehn des Geschauten zu verhindern. Ebenso sinnreich war die zweite deutlich 'durchgelassene' Äußerung gewählt: 'Grüße, innige Grüße senden.' Unter spiritistischen Voraussetzungen, die ja Ou zu fördern wünschte, müßte gerade dies als überwältigend natürlicher Ausdruck der seelischen Lage der Verstorbenen erscheinen: diese hat endlich einen Menschen entdeckt, dem sie sich sichtbar und hörbar machen kann, durch den also für sie eine Botschaft an den geliebtesten Hinterbliebenen ins Bereich der Möglichkeit tritt; mit einem 'ganz außerordentlichen, ungeduldigen Drängen', das die Perzipientin 'ganz ausfüllt', bestürmt sie diese: 'Schreiben, Grüße senden.' Wenn etwas die ganze Verschlagenheit von Ou offenbaren könnte, so ist es die kluge Berechnung, mit der es ein Verständnis selbst dieser Worte durch 0 0 verhinderte. Denn wie nahe mußte ein solches liegen! Wie sehr hätten Frau Ohlhavers Tbewußte' spiritistische Überzeugungen ihr den Gedanken geradezu auf die Zunge legen müssen: das kann nur eine Verstorbene sein, die ihren Mann nicht anders zu erreichen imstande ist. Ja mein müßte hier über die 'bewußte' Frau Ohlhaver, die einen klaren Verstand hat, eigentlich verwundert den Kopf schütteln, wenn man nicht eine zweckvolle Hemmung seitens ihres Unterbewußtseins' annähme, nach Art der sogen, 'negativen Halluzinationen': sie sollte die der Sachlage entsprechend natürlichste 'spiritistische Dramatik' erleben, und dennoch um die auf der flachen Hand liegende Deutung herumgeführt werden, wie die blinde Henne um den fetten Regenwurm. - Aber was mehr ist: auch ihr Schwiegervater, ein Mann des gesunden Menschenverstands und natürlichen Scharfsinns, wenn es je einen gab, dazu ein gewiegter Spiritist, durfte nicht sehen, was seine Überzeugungen ihm eigentlich unter die Augen halten mußten, - sollte der 'Fall' nicht verdorben werden. Man kommt hier schwerlich um die Annahme herum, das Unterbewußt Anhang: Ein eigenes Erlebnis und eine letzte Abwehr 399 sein der Schwiegertochter habe auf das Ohlhaver-seniorsche Unterbewußtsein eine 'telepathische Hemmung' ausgeübt! Man braucht sich auch nicht darüber zu wundern, daß solche Undurchlässigkeit der Scheidewand zwischen O und U so leicht zu erzielen 9eL Gerade dem Animisten gilt sie - zugunsten seiner Theorien - als selbstverständliche Tatsache. Allerdings ist diese Undurchlässigkeit auch wieder von erstaunlicher Wandelbarkeit. Sie schwankt zwischen der Dichtigkeit einer Panzerplatte und der Löchrigkeit eines Kohlensiebes. Und zwar treten diese Gegensätze ohne weiteres auch gleichzeitig auf: die Scheidewand zwischen Ou und 0 0 z.B. läßt die visionären Inhalte durch, ihre Deutung dagegen nicht. Und eigentlich das Erstaunlichste ist: daß dieses Schwanken letzten Endes durchgehends den Zwecken der animistischen Deutungskunst dient Man muß nur mit dem Unterbewußtsein auf vertrautem Fuße stehn - und es kann einem schlechterdings nichts abschlagen... Die notwendigen Voraussetzungen des Animisten in diesem Falle formulieren, heißt sie ad absurdum führen. - Ein möglicher, ja wahrscheinlicher Einwurf erheischt schließlich allerdings Erwähnung, ehe wir jene ersten Gesichte verlassen: 'wußte' denn meine Frau von der Art ihrer Erkrankung, sodaß ihre Erinnerung sie befähigt hätte, von einer 'Blutung' als Ursache ihres Todes zu sprechen? Die Antwort lautet selbstverständlich: nein. Man teilt einer Leidenden, nur selten zu vollem Bewußtsein Erwachenden nicht mit, daß eine Ader in ihrem Kopfe gerissen sei. Der aber müßte seltsam unwissend sein, der darin einen Beweis erblickte, daß die fragliche Äußerung nicht von der Erscheinenden habe herstammen können. Ich sehe dabei, gerne ab von der Möglichkeit, daß meine Frau, nach ihrem Tode tun ihre Nächsten anwesend, aus deren Gesprächen über die Art ihrer letzten Krankheit jenes Wissen geschöpft habe. Das wäre zwar in Übereinstimmung mit zahlreichen Beobachtungen über das Verfolgen irdischer Ereignisse, Taten und Reden durch Abgeschiedene. Doch könnte mir der Gegner erwidern - falls er sich auf den vorliegenden Fall beschränkte -, daß ich zu seiner Deutung nicht voraussetzen dürfe, was ich durch ihn zu beweisen suche. Ich will midi daher nur auf die allgemein bekannte und auch von Animisten sehr häufig ins Feld geführte Tatsache berufen, daß unser 'Unterbewußtsein' eine Kenntnis der inneren Körpervorgänge besitzt, die weit über die des wachen Ich hinausgeht. Was wir der hellseherischen und 'psychometrischen Ferndiagnose' nach vielen verbürgten Versuchen zutrauen müssen, das müßten wir a fortiori der übernormalen Selbstdurchschauung erst recht zutrauen, auch wenn es nicht durch besondre 400 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens Beobachtungen erwiesen wäre. Sorgfältige Feststellungen der alten Somnambulenforscher und moderner Hypnologen, wie etwa der Doktoren Sollier und Comar, lassen darüber keinen Zweifel bestehn.1 Es ist also gut animistische Annahme, daß meine Frau (die zum Überfluß zeitlebens Hellsichtigkeit bewiesen hatte) schon vor ihrem Ende eine unterbewußte Erkenntnis ihres Leidens besaß, und es versteht sich von selbst, daß ihr überlebender Teil auf das Wissen ihres Unterbewußtseins noch höheren Anspruch hatte, als auf ihr sonstiges normales. * Nachdem Frau Ohlhaver durch mich vom Tode meiner Frau erfahren und damit zugleich das nachträgliche Verständnis ihrer beiden Visionen erlangt hatte, erschien ihr die Verstorbene noch mindestens viermal. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß die Bedeutsamkeit dieser Gesichte nicht die gleiche sein kann, wie die der vor Empfang der Todesnachricht erlebten. Ich will sie aber doch in Kürze mitteilen, da sie durchaus nicht des Lehrreichen entbehren und jenes ungefähre Seitenstück zum Falle Oldham-Wilson sich eben unter ihnen befindet. Die erste dieser Schauungen erfolgte, einem Brief der Frau Ohlhaver zufolge, anscheinend in der zweiten Nacht nach Absendung ihrer ersten Mitteilung an mich. 'Gegen 1/21 Uhr nachts', als sie ihr Abendgebet sprach und dabei auch meine Frau und mich 'miteinschloß', - 'sah ich (schreibt sie) Ihre liebe Frau wunderschön, geradezu strahlend. So schön und glücklich war der Ausdruck, wie ich persönlich ihn nie bei ihr gesehen habe. Ich fragte sie, ob sie sich wohl freue, daß ich ihre Grüße übermittelt habe. Da nickte sie strahlend. Ich fragte sie nun, natürlich nur gedanklich, ob wir nun zu Ihnen gehen wollten; sie solle von mir die Kraft nehmen und versuchen, sich Ihnen bemerklich zu machen. [Darauf] sah ich Sie im Bette liegen und Ihre Gattin zu Ihnen gehen ..'. Bis hierher könnte ich es mir alles als Wunschbild meinerseits erklären. [Dies ist nicht das einzige Mal, daß Frau O. eine kritische Einstellung ihren Erfahrungen gegenüber zum Ausdruck bringt.] . . . Nun aber kommt der Punkt, der mich stutzig machte und mich geradezu enttäuschte: daß nämlich Ihre Frau gar nichts unternahm, sich Ihnen sichtbar oder fühlbar zu machen, sondern sich in unendlicher Liebe über Sie beugte und alle Kräfte in den zwei Worten zu vereinigen schien: 'Ruhe und Schlaf.' Sie legte dabei die Hand auf Ihre Stirn, das Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, und sie verharrte eine Weile in dieser Stellung. Ich selbst sah mich schemenhaft seitwärts stehen, und mein ganzer Wille war darauf gerichtet, Kraft herzugeben. [Aber das Verhalten Ihrer Frau] war ganz gegen meine persönliche Einstellung, und wenn mir nur meine Fantasie [dies Erlebnis] eingegeben hätte, so hätte Ihre Frau bestimmt ver- 1) Sollier. Vgl. Mattleaen 403 ff. u. o. S. 323. Anhang: Ein eigenes Erlebnis und eine letzte Abwehr 401 sucht, sich Ihnen bemerkbar zu machen, denn darauf waren alle meine Gedanken gerichtet.' Hier hätten wir also, wie mir scheint, das eben besprochene Beisammensein einer hellsehend exkurrierenden Person mit dem Phantom einer Verstorbenen in einer realen Umgebung. Das Erlebnis der Frau Ohlhaver ist somit an sich und seiner Art nach durchaus glaubhaft, und mir liegt hier lediglich an der Aufweisung gewisser Bestandteile darin, die jedenfalls nicht aus ihrem normalen Wissen abzuleiten sind. Frau O. konnte nicht ahnen, daß das, was sie schwer 'enttäuschte', vom Standpunkt der Erscheinenden aus im höchsten Grade natürlich und bezeichnend war. Mein Schlaf ist nämlich ein wunder Punkt meiner 'Konstitution'. Es hat Zeiten gegeben, da jede Nacht beinahe ein kleines "Problem' für sich darstellte und der Schlummer, einmal unterbrochen, sich nur nach längerem Warten wieder herstellte. Für meine Frau war er daher häufig ein Gegenstand der Sorge und fast übertriebener Schonung. Mich zu wecken und wachzuhalten - in diesem Fall also durch eine 'Erscheinung' und die damit verbundene tiefe Erregung - wäre ihr im allerhöchsten Grade 'gegen den Strich gegangen'. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob unter diesen besondren Umständen ein Abweichen von ihrem Grundsatz nicht doch 'natürlich' gewesen wäre. Jedenfalls tat sie als Phantom, was sie als Lebende in entsprechender Lage unfehlbar getan hätte: sie suchte meinen Schlaf nicht nur zu schonen, sondern nach Kräften zu vertiefen. Tatsache ist, daß ich in jener Nacht zum erstenmal seit ihrem Hinscheiden einen für mich ganz ungewöhnlich langen, 9 stündigen und wunderbar erfrischenden, tiefen Schlaf genoß. Ob dies eine Folge der durch die Verstorbene ausgeübten 'Suggestion' (wenn nicht gar 'Magnetisierung'!)1 war, oder aber eine Folge der inneren 'Entspannung' durch die am Abend zuvor erhaltene Nachricht von ihren ersten Erscheinungen und 'Grüßen', vermag ich nicht zu entscheiden; es kommt aber darauf auch weniger an, als auf das außerordentlich 'persönlich-wahre' Verhalten der Erscheinung, im völligen Gegensatz zu den Erwartungen der Perzipientin; was gewiß gegen alle Regeln auch einer Unterbewußtseins'-Psychologie verstoßen würde, falls Frau Ohlhaver selbst die Vision erzeugt hätte. Man müßte sich denn wiederum auf die grauverhangene See animistischer Hilfsannahmen einschiffen wollen... 1) Auch diese Möglichkeit ließe sich ausgiebig belegen. (Vgl. z. B. den Fall U. Cabral: Pr X 3831. u. Gurney II 88.) Mattieses, Das persönliche Überleben II 2" 402 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens Die nächste Erscheinung fand am 4. Dezember statt, und Frau Ohlhaver teilte mir darüber am nächsten Tage und in einem weiteren Briefe folgendes mit. Ungefähr um 1/212 Uhr - ich war ganz allein in meiner Wohnung - ging ich zu Bett. Ich hatte die Nachtlampe ausgedreht, als ich plötzlich wieder Ihre Frau sah, und zwar mit einem Hunde. Sie freute sich anscheinend ganz königlich, daß sie sich mir mit dem Tiere zeigen konnte. Es war mir, als sollten Sie sich nun auch darüber freuen und als sollte dies für Sie eine Überraschung sein; als wollte sie Sie fragen: Kennst du ihn nicht? So strahlend glücklich und stolz war sie und so voll Erwartung, ob Sie das Tier nun auch kennen würden. Der Hund schien sehr an Ihrer Frau zu hängen. Es war, als ob Ihre Frau zu ihm gesagt hätte: Komm, wir wollen jemand eine ganz große Freude machen. So überglücklich strahlend standen beide da und warteten nun die Wirkung ab. Auch von dem Tier hatte ich den Eindruck, als ob es verstanden hätte und sich mächtig freute. Merkwürdig war auch, daß ich gar nicht unter dem Eindruck stand, daß das Gesicht mir gälte. Kann das nun richtig sein? Haben Sie einen Hund gehabt, der sich jetzt in treuer Anhänglichkeit Ihrer Frau zugesellt haben könnte? Sie können sich vorstellen, daß es für mich etwas komisches hat, Ihnen Dinge zu schreiben, von denen ich nicht weiß, ob sie die geringste Beweiskraft in sich tragen.' Auch hier braucht uns die Frage nach dem 'ontologischen Status' des Gesichtes gar nicht zu beschäftigen. Ob Tiere überleben, ob sie sich im Jenseits wieder zu ihren Herren gesellen, das darf hier ruhig dahingestellt bleiben. Wir wissen, daß Tiere gleich Menschen 'spuken', und daß in Materialisationssitzungen auch 'identifizierbare' Phantome von Tieren auftreten, die ihre anwesenden Herren mit allen Anzeichen tierischer Freude begrüßen.1 Frau Ohlhaver macht auch Angaben, die an ein solches Hundephantom immerhin denken lassen könnten. Nachdem nämlich das 'Bild' verschwunden war, hörte sie 'deutlich wahrnehmbar ein Atmen, als wenn ein Hund an meinem Bette stünde und mich begrüßte... Ich erschrak und brannte das Licht an, um mich zu überzeugen, daß ich tatsächlich wach sei. Dazu mußte ich mich umdrehn, und nun hörte ich deutlich das Atmen auf der andren Seite. Nun drehte ich mich wiederum, da hörte ich das Atmen wieder auf dieser Seite. Es war wirklich etwas unheimlich, und doch war innerlich eine wundervolle Ruhe in m i r . . . Ich hätte vielleicht nicht gewagt, Ihnen dies zu schreiben, wenn ich nicht tatsächlich mit vollen Sinnen deutlich das Atmen des Tieres wahrgenommen hätte, - in allem ganz charakteristisch das eines Hundes.' Man mag hiernach das Wesen dieser Erscheinung an sich beurteilen, wie man will: ausschlaggebend soll hier nur die Frage nach dem 'Mitteilungswert' ihres besonderen Bestandstücks sein. Meine Frau 'zeigte 1) Bozzano, Animaux 140; Lt 1921 490; Leonard 137; Duncan 105f. 131. Anhang: Ein eigenes Erlebnis und eine letzte Abwehr 403 sich', und sie 'zeigte' einen Hund; wie ja Kommunikatoren dem wachen ebenso gut, wie dem in Trans liegenden Medium nicht nur sich selbst, sondern auch 'Attribute', Dinge, selbst Landschaften 'zeigen',1 in dem offenbaren Wunsch, etwas mitzuteilen und sich selbst dadurch zu identifizieren. Hatte nun auch hier dies besondere Zeigen einen solchen Sinn, und was konnte gegebenenfalls die Perzipientin darüber wissen? Was zunächst den Wahrheitsgehalt der Erscheinung anlangt: Allgemeine Tierliebe war bei meiner Frau in einem ganz und gar ungewöhnlichen Grade entwickelt. Vor allem aber war sie das, was Unverständige eine 'Hundenärrin' nennen würden, die selbst fast jeden fremden Hund auf der Straße soz. ansprach, von kleinen Hunden aber kaum 'fortzubringen' war. Zeitlebens hatte sie Hunde besessen, und wir im Verlauf unsrer Ehe deren drei. Unter diesen überragte einer, ein schwarzbrauner Terrier unechter Rasse, durch außerordentlichste Begabung alle andern, die wir je gekannt; auch hatte dieses Tier mit hingebender Liebe und Treue an uns beiden gehangen. - Um zunächst festzustellen, ob die Erscheinung diesen Hund 'dargestellt' haben könne, richtete ich an Frau Ohlhaver, ohne ein Wort über den Wert ihrer Erfahrung, die Frage, wie denn der Hund der Erscheinung ausgesehen habe. Die Schilderung, die ihre Antwort lieferte, paßte leidlich auf jenen überbegabten Tidder', wenigstens so weit, als dies zu erwarten war unter Berücksichtigung der Tatsache, daß (wie Frau O. schrieb) 'das Gesicht nur wenige Sekunden Dauer hatte und ich gar nicht die Einzelheiten studierte und festhielt, auch keine Nötigung in dieser Richtung empfand, sondern nur unter dem Eindruck der Gesamterscheinung stand.' Ja Frau O. bedauerte in einem späteren Brief geradezu, daß sie 'den Hund nicht deutlicher gesehn' hätte, sondern nur 'dunkel und schattenhaft'.8 Es muß ja auch als das Natürliche in solchem Falle erscheinen, daß hauptsächlich der gesehene Mensch die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Als Wiedergabe eines nebensächlichen Eindrucks aber paßte, wie gesagt, die Schilderung des Hundes nicht übel auf unser Lieblingstier, ohne es jedoch, wörtlich genommen, ausreichend zu 'identifizieren'. Immerhin durfte man seine Erscheinung für beabsichtigt halten. Was konnte nun anderseits Frau O. von alledem wissen, was vor allem davon, daß jedenfalls ein Hund für meine Frau ein äußerst bezeichnendes 'Attribut' im Rahmen einer sinnvoll bezweckten Erscheinung war? 1) Vgl. Bd. I S. 410. 2) Das sonst noch über den Hund Ausgesagte wäre demnach eben 'Eindruck', 'Gewußtes' gewesen, und nicht 'Gesehenes'. 26* 404 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens 'Von einem Hunde weiß ich nichts', hatte Frau O. schon in der ersten Mitteilung über dieses Gesicht (am 5. Dezember) geschrieben. Indessen: die Möglichkeit 'vergessener Erinnerungen' war hier durchaus zu erwägen. Hunde bildeten natürlich einen besonders beliebten Gesprächsstoff meiner Frau, und es war an sich wahrscheinlich, daß sie diesen auch während des persönlichen Beisammenseins mit Frau O. und ihrem Gatten im Jahre 1929 berührt hatte. Zur Frage, ob dies tatsächlich der Fall gewesen, kann ich nur anführen, was mir Frau O. am 14. Dezember auf eine entsprechende Anfrage erwiderte: 'Weder mein Mann noch ich erinnern uns, daß bei unserm Zusammensein von einem Hunde die Rede war. Bestimmt würde ich es niemals vergessen haben, denn Tiergeschichten beglücken mich immer sehr, und ich ziehe sie dem spannendsten Roman vor. Ihre Frau hätte also in mir eine entzückte Hörerin gefunden. Ich würde auch bestimmt solche Erzählungen seit damals noch in allen Einzelheiten erinnern und würde Ihnen in fester Überzeugung geschrieben haben: 'Ich habe Ihre liebe Frau mit Ihrem alten Freunde, dem klugen Hunde, gesehn.' Ich hätte also nicht erst zaghaft angefragt' Diese Erklärungen erscheinen mir ausreichend, mindestens eine 'kryptomnestische' Deutung auszuschließen. Andre animistische Deuteleien liegen wieder so nahe, daß es mir widerstrebt, sie breitzutreten. • Wenige Teige vor Weihnachten 1933 hat Frau Ohlhaver dann noch zweimal kurz hintereinander meine Frau gesehn; doch ruht eine etwaige Bedeutsamkeit dieser Gesichte so sehr auf rein subjektiven Bezügen, daß sie Unbeteiligten nur schwer glaubhaft zu machen ist; weshalb ich sie bloß ganz kurz behandeln will. - Frau O. war durch mich darüber unterrichtet, daß ihre Mitteilungen, was ja selbstverständlich ist, eine sehr beruhigende und entlastende Wirkung auf mich ausgeübt hatten, und durfte wohl, nach meinem zuletzt erhaltenen Briefe, annehmen, daß diese Wirkimg noch anhielt. In der Tat aber hatten sie mich auch 'verwöhnt', sodaß, als ähnliche eine Zeitlang ausblieben, und zumal beim Herannahen der Festtage, das frühere verzweifelte Gefühl der Trennung mich von neuem überkam. Am 23. Dezember schrieb mir Frau O. einen Brief, worin sie, gleichsam verwundert, mir berichtete, sie habe am Sonntag vorher, und zwar mitten in der "netten Stimmung' einer kleinen Adventsfeier mit ihrem Gatten, meine Frau wiederum gesehn, 'aber nicht so strahlend glücklich, wie die beiden vorigen Male, sondern gleichsam wieder bei mir Hilfe suchend. Und ich empfand ihren Kummer ungefähr in die Worte gefaßt: 'Sag doch bitte meinem Mann, daß ich furchtbar unglücklich bin, wenn er nicht froh ist.' Sofort setzte in mir die Kritik ein, und ich sagte mir, es sei doch wieder Anhang: Ein eigenes Erlebnis und eine letzte Abwehr 405 kein Beweis darin enthalten, und ich wollte Ihnen dieses kleine Erlebnis gar nicht mitteilen. Da erfaßte mich plötzlich ein so überwältigender Schmerz, eine so unaussprechliche Qual, daß ich mich mit aller Macht zusammennehmen mußte, um nicht bitterlich zu weinen.' Als sie sich daraufhin, nach kurzer Überlegung, dennoch zu einem Brief entschlossen hatte, sah sie meine Frau 'wieder, aber entzückend schön und glücklich und dankbar, und anscheinend froh darüber, daß ich meine Bedenken zurückgestellt hatte. Vermöchte ich nur in Worte zu fassen, was sie mir alles an Liebe und Innigkeit auftrug... Sie glauben gar nicht, wie beglückend die Nähe Ihrer lieben Frau war... Strahlt doch ihr ganzes Wesen aus in Liebe, Liebe, Liebe . . . ' - 'Zweimal sah ich seitdem - nur blitzartig - den Kopf Ihrer Frau, mir zulächelnd und glücklich in dem Gedanken, daß ich Ihnen Grüße von ihr bringe.' Es ist klar, sage ich, daß diese letzten Gesichte für eine 'kritische' Beurteilung nicht das gleiche Gewicht haben können, wie alle vorherigen; nicht bloß weil sie sich bestenfalls auf Zustände des Hinterbliebenen beziehen, die - an sich nicht unwahrscheinlich - auch in ihrem zeitlichen Wechsel nur schwer zu bestimmen sind; sondern auch weil entsprechende Mutmaßungen und Befürchtungen auf seiten des Mediums nach allem Vorausgegangenen wohl imstande gewesen wären, solche Gesichte rein subjektiv entstehen zu lassen: als 'Ausdruck' jener Befürchtungen und eines sich anschließenden Spiels von Bedenken und Entschlüssen. Sie hätten zwar, unter der Voraussetzung einer wirklichen Beteiligung der Verstorbenen, wiederum die größte Natürliclikeit und Lebenswahrheit - meine Frau war äußerst gefühlsstark und liebevoll -, könnten aber zum Beweise solcher Beteiligung schwerlich etwas beitragen. * Seit diesen beiden Erscheinungen sind rund drei Jahre verstrichen, ohne daß weitere erfolgt wären. Und wenn es noch eines Beweises dafür bedurft hätte, daß die beschriebenen in keiner Weise von der Schauenden ausgegangen waren, so wäre er mit dieser negativen Tatsache endgültig erbracht. Frau Ohlhaver wußte - zum Überfluß durch mich selbst -, welche tiefe, wenn auch schmerzliche Freude sie mir mit ihren Erlebnissen bereitet hatte, und als ein grundgütiges Wesen hatte sie jede Veranlassung, mir diese Freude auch weiterhin zu bereiten, soweit dies von ihr abhing. Sie hatte auch offenbar, nach animistischer Auffassung, nunmehr die Möglichkeit, diesem Drange unbegrenzt nachzukommen: sie war in gründlichen 'Rapport' mit mir gelangt; sie hatte den Trick gefunden, mir identifizierende Inhalte 'abzuzapfen'; sie konnte daher die visionäre 'Personation' unbehindert weiter ausspinnen und damit nicht nur mich erfreuen, son 406 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens dem auch die eignen medialen Gaben in ein vorteilhaftes Licht rücken. Sie konnte auch dem 'unterbewußten' Streben aller Medien fröhnen: den geliebten Wahn des Spiritismus durch weitere Leistungen der so erfolgreich eingeleiteten Art bei andern zu fördern. Statt dessen - schlechterdings nichts. Wie sehr Frau Ohlhaver selbst darunter litt, offenbarte mir ein am 9. März geschriebener Brief; nachdem ich selbst, um jede Art der 'Suggestion' zu vermeiden, die ganze Zeit über völlig geschwiegen hatte. 'Es bedrückt mich schon lange, daß ich Ihnen noch nicht wieder geschrieben habe. So gern hätte ich Ihnen eine neue Freude bereitet, und recht traurig hat es mich gemacht, daß ich nichts mehr sehe. Aber es ist niemand mehr, der hinter mir steht und mich unablässig drängt zum Schreiben. Alles ist verschwunden. Nichts sehe oder empfinde ich mehr, so oft und innig ich darum gebeten habe. Wenn ich wenigstens den Einfluß Ihrer lieben Frau fühlen würde, den ich doch immer so bezwingend spürte, wie ich noch nie den eines Menschen empfunden habe... Immer habe ich noch gewartet und mich mit Ihrer Frau beschäftigt; aber nichts half. Wie sehr werden Sie wohl gewartet haben.' Ja ein weiterer Brief vom 18. März ließ erkennen, daß nicht nur die 'Erwartungssuggestion', sondern auch der "psychometrische Versuch' außerstande war, die doch voraussetzungsgemäß schon völlig ausgebildete Personation von neuem in Gang zu bringen. 'Anfänglich war ich in freudiger Erwartung (schrieb Frau O.), was ich nun wohl neues erleben würde; aber ein Tag nach dem andern verging, ohne daß ich auch nur das geringste verspürte oder sah. Ich holte mir nun die Bilder und Briefe Ihrer lieben Frau, um so möglicherweise eine innigere Verbindung herzustellen; aber alles war vergeblich, alles wie mit einem Male abgeschnitten... Und welch einen gewaltigen Einfluß fühlte ich [damals stets] von Ihrer Frau ausgehen! Ich hätte irgendwo sein oder eine dringende Arbeit vorhaben können, ich hätte alles liegen lassen müssen: ich konnte nur an das denken, was Ihre Frau mir zeigte und eingab, und fühlte den drängenden Einfluß erst weichen, wenn ich Ihnen geschrieben hatte... Wie sehr Ihr Wohlergehen Ihrer lieben Frau am Herzen liegt, das habe ich tief und deutlich empfunden; und oft, wenn ich meine Briefe an Sie durchlas, war ich betrübt, daß ich es nicht vermocht hatte, diese beglückende Innigkeit und Liebe Ihnen so zu schildern, wie ich sie empfunden hatte.' Hier scheint mir noch einmal sehr glücklich der Kern der Sache ausgesprochen zu sein, in den man sich ganz sachlich einfühlen muß, will man zu einer wahrheitsgetreuen Auffassung der Vorgänge gelangen, und nicht zu einer von vorgefaßten Dogmen verkrüppelten. Nicht um ein einfaches 'Sehen mit übernormal erangelten wahren Teilinhalten' handelt es sich von Anbeginn. In diesem Falle hätte das Medium - das zwingt uns jede Analogie zu glauben - beliebig lange mit seinen Vi Anhang: Ein eigenes Erlebnis und eine letzte Abwehr 407 sionen fortfahren können; wie ja auch der gute Tsychometer' in jedem Augenblick bereit ist, die 'Gegenstände' einer und derselben Person noch weiter zu 'lesen'. Vielmehr steht hier dem Medium eine gefühlsund willensmäßig scharf sich abhebende Fremdpersönlichkeit gegenüber, die auch so handelt, wie sie zu Lebzeiten gehandelt hätte (im Falle der 'Exkursion'), und daneben Wissensinhalte überträgt, soweit sie es zu ihrer Identifizierung für nötig hält (im Falle 'Hund'). Im übrigen aber ist gerade dies nur Nebensache: das beherrschende Anliegen der Erscheinenden ist vielmehr, den Tod überdauernde Liebe zu beweisen und Trost zu spenden. Wer das nicht aus den obigen Darlegungen herausliest, dem fehlt es am gesunden Tatsachengefühl des Wissenschafters. Ein weiteres mögliches Motiv der Erscheinungen dürfte freilich viel eher für mich Überzeugungskraft haben, als für den Außenstehenden, der sich auf die eigentlichen 'Urkunden' des Falles beschränkt findet. Ich will es gleichwohl andeuten. Meine Frau hatte in der Frage des Überlebens bis zuletzt eine seltsam schwankende Haltung eingenommen: manchmal von eigenen Erlebnissen wie eine überzeugte Spiritistin redend, dann aber wieder sehr gründlich zweifelnd. Es läßt sich denken, daß dieser Gegensatz der Meinungen zwischen uns nicht selten Stoff zu langen Gesprächen geliefert hatte, und ich halte es daher für eine wahrscheinliche und natürliche Annahme, daß meine Frau durch ihre Erscheinungen auch zu bekunden wünschte: 'Ich weiß es nun; du hattest Recht.' Es mag mir die Frage entgegengehalten werden: wie denn der Spiritist das plötzliche Abbrechen der Kundgebungen erklären wolle. Nim, jeder ehrlich Denkende kann sich selber sagen, wie viele Möglichkeiten uns dafür gegeben sind. Ich bin indessen nicht verpflichtet, auf irgendeine davon mich festzulegen. Das Reich der Abgeschiedenen birgt doch gewiß für uns mehr Rätsel, als das des Unterbewußtseins, in welchem jedenfalls gerade der Animist sogar besser Bescheid weiß, als das Unterbewußtsein selbst. Alle seine Theorien beruhen auf diesem Wissen, und es geht nicht an, dort, wo es paßt, dies Wissen aufs verwegenste auszunützen, und wo es nicht mehr paßt, das bequeme 'Rätsel' eintreten zu lassen. Die ganze animistische Theorie der Kundgebungen Verstorbener beruht von A bis Z auf den drei - an sich und in ihren echten Grenzen unbestreitbaren - Tatsachen der Fremd- oder Erwartungssuggestion, der übernormalen Wissenserlangung aller Arten, und der Personation. Von diesen stellt die letztere für jedes Unterbewußtsein ein wahres 'Kinderspiel' dar, denn das Maskentragen soll ja fast zum Wesen des Traum-Ich gehören. Als im Besitze übernormaler Fähig 408 Das Argument aus der Vorwegnahme des Sterbens keiten hätte sich Frau Ohlhaver reichlich erwiesen; und die 'Suggestion', sie weiterhin anzuwenden, hatte sich während unsres Briefwechsels natürlich eher verstärkt, als vermindert. Allen Folgerungen aus diesen klaren Begriffen des Animisten widerspricht das Abbrechen der Gesichte aufs peinlichste, und eine Deutung der plötzlich eintretenden Unfähigkeit mag er zwar 'postulieren', aber ohne auch nur die geringste Aussicht auf ihre Begründung eröffnen zu können: denn das Unterbewußtsein ist das wesentlich Fessellose und Unbeschränkte. - Wir hätten also eine durch nichts zu begründende Unbegreiflichkeit gegen eine sehr natürliche und bestimmte - die des Jenseits mit seinen unabsehbaren Möglichkeiten - abzuwägen, und es kann nicht zweifelhaft sein, für welche von beiden wir uns entscheiden müssen; zumal dann der negative Abschluß der Vorgänge sich in völligem Einklang mit den positiven Hinweisen alles Vorausgegangenen befindet. Gewiß mag der Animist, mit einem letzten tour de force seiner Deutungskünste, gerade das Abbrechen der Gesichte, das ein so starkes spiritistisches Argument in sich birgt, für den krönenden Trick des Ohlhaverschen 'Unterbewußtseins' erklären. Frau O. deutet zwar mit keinem Worte an, daß sie den logischen Wert dieser Tatsache auch nur geahnt habe: sie beklagt sie bloß. Aber was ihrem Oberbewußtsein gänzlich fernliegt, mag ja ihres Unterbewußtseins besondere Stärke ausmachen. Dieses hat auch nichts von der Herzensgüte seines Partners: es überläßt den trauernden Gatten mit seiner Sehnsucht nach neuen 'Botschaften' ruhig sich selbst, wenn es ihm nur ein neues überspitztes Argument in dem großen Täuschungsfeldzug nahelegen kann, zu welchem alle Unterbewußtseine der Welt sich verschworen haben: dem 'Beweise' des Überlebens, an das sie ja selber nicht wirklick glauben können. Fragt man nun aber, was ich auf diese letzte Ausflucht des Gegners zu erwidern hätte, so sage ich so deutlich als möglich: nichts. Ich würde ihn vielmehr dazu beglückwünschen. Ich habe nie bezweifelt, daß man alles beweisen und alles widerlegen kann, was einem beliebt, sofern man nur die nötigen Voraussetzungen macht. Ich könnte aber auch nie in Versuchung kommen, dieses Spiel mit Begriffen nach vorgeschriebener Marschlinie mit ehrlicher Wahrheitssuche zu verwechseln. Ich lege denn auch diesen letzten aller unsrer Talle' nur in die Hände derer, die keine Lieblingstheorie oder akademisch geeichte Weltanschauung zu verteidigen haben, sondern unbefangen bereit sind, einen Blick in die Tiefe und Fülle wirklichen Lebens zu tun. Anhang: Ein eigenes Erlebnis und eine letzte Abwehr 409 Nach Preisgabe dieses persönlichen Erlebnisses1 wende ich mich nun der Erledigung jenes letzten Einwandes zu, von dem ich sagte, daß er die echte Form der spiritistischen These selbst nach der Anerkennung ihrer Beweise noch zu verkümmern suche. Auch diese Erledigung nämlich zieht ihre Kraft aus einer Betrachtung des Tatsachenkomplexes der Exkursion. Jener letzte Einwand sucht ausdrücklich die übliche Alternative von Animismus und Spiritismus zu durchbrechen und zu überholen. Man könnte ihn als die Hypothese des 'zeitweiligen Geistes' bezeichnen und damit zugestehn, daß er 'der spiritistischen Ansicht näher steht und nur gewisse Abstriche an ihr macht.' Prof. Oesterreich hat ihn in folgenden Worten formuliert. 'Die spiritistische Hypothese behauptet mehr, als der zu erklärende Tatbestand fordert, [nämlich] daß der angebliche Geist nicht nur zur Zeit seiner medialen Manifestationen, sondern auch in der ganzen Zwischenzeit seit seinem Tode fortgelebt hat. Es könnte aber jemand sehr wohl annehmen, daß in den mediumistischen Phänomenen zwar der Geist eines Verstorbenen wirksam ist, ohne damit jedoch im geringsten zu behaupten, daß er in der ganzen seit seinem Tode verstrichenen Zeit als selbständiges Ich fortgelebt hat. Es könnte nämlich auch sein, daß die Seele nach dem Tode zunächst nicht als selbständiges Ich weiter existiert, wohl aber zeitweilig wieder zu selbständiger vorübergehender Existenz gelangen kann. Es hätten dann die Philosophen recht, welche ein ursprüngliches Hervorgehen der Seelen aus Gott und ein Wiedereingehen derselben in ihn lehren, nur mit der Einschränkung, daß zeitweise die Seelen sich wieder aus Gott zu lösen vermögen. Es wären einzelne mediale Phänomene als wirkliche Manifestationen verstorbener Seelen anzusehen, wobei diese jedoch nicht eine dauernde selbständige Weiterexistenz hätten, sondern nur vorübergehend wieder zum Dasein erwacht wären. Der Vorgang ließe sich gewissen Ichspaltungen, etwa bei Miss Beauchamp, vergleichen, in denen ebenfalls Iche zeitweise auftraten und dann augenscheinlich wieder mit dem Hauptich verschmolzen.' 2 Es ist gut, daß die logische Gewissenhaftigkeit in Abstraktionen auferzogener Gelehrter auch diese Möglichkeit ans Licht gezogen hat und damit dem naiven Menschenverstände zu Bewußtsein führt, wie leicht er sich an Problemen vorüberdrückt, bloß weil es ihm gefühlsmäßig absurd erscheinen würde, sie auch nur aufzuwerfen. In der Geschichte der Philosophie hat ja gerade die Aufstellung von Denkmöglichkeiten, auf die der schlichte Laie nie verfallen wäre, die mächtigsten Folgen nach 1) Die Verpflichtung dazu hat mir erst durch Dritte klargemacht werden müssen. 2) Oesterreich, Bed. 35 f. VgL Mackenzie 287. 300; James in Pr XXIII 118 und Dr. Broads 'temporary mlndldns': Pr XXXVIII 30. 410 Das Argument aus der Vorwegnähme des Sterbens "ich gezogen. Daß die Sonne auch morgen wieder aufgehn wird, ist bekanntlich seit Hume ein Glaube, dem nur die Gewöhnung zur Grundlage dient, während der Philosoph, selbst nach der zentnerweisen Erzeugung erkenntnistheoretischer Schriften, ihn nur als ein Wagnis des Denkens betrachten kann. Das gleiche gilt bezüglich der angeblichen Tatsache, daß außer dem jeweils Denkenden noch weitere Wesen existieren, oder daß die Dinge fortbestehen, nachdem sie der unmittelbaren Wahrnehmung entglitten sind. Man kann es auch nur als eine Lücke des psychologischen Denkens bezeichnen, daß es die gleiche Fragwürdigkeit nicht für die Subjekte anerkennt, mit deren Erlebnissen es sich befaßt und deren Fortbestand - und folglich auch die kausale Geschlossenheit jener Erlebnisse - es offenbar nur leichtfertigerweise voraussetzt. Neben solcher wissenschaftlichen Übereilung möchte es fast entschuldbar erscheinen, wenn der gemeine Mann von einem verreisten Freunde annimmt, daß er auch in der Ferne sein Leben fortführe und nicht etwa bei der 'Rückkehr' von neuem ins Leben trete; oder wenn der Spiritist, dessen Denkfähigkeit ohnehin in erhöhtem Grade verdächtig ist, mit der gleichen fragwürdigen Hast aus dem personhaften Auftreten eines 'Geistes' in zwei Sitzungen schließt, daß dieser auch in der Zwischenzeit personhaft fortgelebt habe. Der Wiederkehrende in beiden Fällen behauptet zwar seine innere Kontinuität mit seinem früheren Auftreten; er erinnert sich des damals Gesprochenen oder Getanen und erweist sich auch charakterlich als der Gleiche. Aber das schließt natürlich nicht aus, daß wenigstens im Falle des Geistes solche Identität der Erinnerungen und des Wesens nur die Folge eines jeweils gleichartigen 'Hervorgehens aus Gott' ist. Der Spiritist darf sich also keineswegs darauf berufen, daß er doch im Grunde nichts andres tue, als was jedermann unablässig im praktischen Leben tut: nämlich die Kontinuität von Wesen annehmen, die zu verschiedenen Zeiten mit allen Anzeichen seelischer Kontinuität beobachtet werden; vielmehr sollte umgekehrt sein Irrtum in uns die Erkenntnis wecken, daß auch der banale Glaube an die Kontinuität unsrer Mitbürger während ihres Ausscheidens aus der unmittelbaren Beobachtung eine theoretische Übereilung darstellt und seine Berechtigung erst zu erweisen hat. Denn das Schlußverfahren dieses Glaubens gleicht in allen Punkten dem des Spiritisten, der ja den Typ des übereilten Denkens in reinster Form vertritt. - Man könnte einwerfen, daß doch der individuelle 'Geist' schon durch einmaliges Auftreten beweise, daß die Bedingungen personhaften Daseins in seinem Fall erfüllbar und erfüllt sind, und daß nicht abzusehen sei, weshalb sie ihm eine Stunde darauf wieder entzogen werden sollten. Es ist nicht abzusehen. Aber sind damit Möglichkeiten Schlußwort 411 widerlegt? Es geziemt dem echten Wissenschaftler, das Mögliche nie über dem scheinbar Wirklichen zu vergessen.1 - In der Buridanischen Schwebehaltung, in die uns diese Überlegungen versetzen, dürfte nun wieder ein geringes Mehrgewicht auf einer der Seiten - soz. eine bloße Handvoll Heu - genügen, um die letzten Rechte streng wissenschaftlicher Skeptik zu beseitigen und einen Zustand leidlicher Gewißheit zu schaffen. Diese 'Handvoll Heu' nun scheinen mir die Tatsachen der Exkursion zu liefern. Denn hier befindet sich der noch Lebende, aber zuweilen für tot Gehaltene, in einem Zustand, in welchem er das erste Stadium der Daseinsart des Verstorbenen vorwegnimmt, worin er aber meist, als 'zeitweiliger Geist', von außerhalb nicht beobachtet wird, während er doch in einen Zustand zurückkehrt, worin er über das Erlebte berichten kann. Er sagt unä, daß er in der Zeit zwischen zwei 'Auftritten' als 'Inkarnierter' - die wir doch wohl den Auftritten des Geistes vermittelst der 'Inkarnation' durch ein Medium vergleichen dürfen - als entleibte und trotzdem ich* haft bewußte Persönlichkeit fortbestanden habe. Und da wir nach obigem allen Grund haben, den Zustand des vorübergehend und den des 'dauernd' Hinausversetzten (zum mindesten in seinem Beginn) zu identifizieren, so folgt, daß die Kontinuität, die im eisteren Falle unmittelbar erlebt wird, auch im zweiten Falle nicht bezweifelt zu werden braucht. Wir dürfen also getrost den Zweifel an der Kontinuität des dauernd entleibten, wenn auch nur zeitweilig beobachtbaren 'Geistes' denen überlassen, die auch des dauernden Daseins der Dinge und ihrer Mitmenschen nicht völlig sicher zu sein - behaupten. Der Solipsismus läßt sich bekanntlich nicht widerlegen. Doch ist die Menschheit im allgemeinen nicht schlecht gefahren, indem sie diese Unwiderleglichkeit auf sich beruhen ließ. Schlußwort Die Beweise für das persönliche Überleben sind so überwältigend, daß die Frage sich aufdrängt, warum sie so geringen Einfluß auf das Denken unsrer Gebildeten haben. Unwissenheit erklärt gewiß den größten Teil davon; denn der Gebildete hing bisher in seinem Denken über Welt und Leben hauptsächlich von der akademischen Wissenschaft ab, und diese hat viel dazu getan, daß die Erörterung unsres Problems unter Ausschluß der 'breiteren Öffentlichkeit' vor sich gehe. Aber auch unter 1) Im gleichen Sinne Ist et auch unwiderleglich (wie Prof. Pigou scharfsinnig betont: XXIII 287), daß der Spiritist niemals das Fortleben aller Menschen beweisen kann, sondern nur da" derjenigen, deren Fortleben er eben - beweisen kann. Natürlich: wesentliche Eigenschaften halten wir für gattungszugehArig; aber - ktanen wir beweisen, dafi alle Menschen schlafen oder sterben? 412 Schlußwort denen, die sich ernstlich mit unsern Tatsachen befassen, ist die animistische Stellungnahme eigentlich weiter verbreitet, als der Schwäche ihrer Begründung entspricht Und wenn auch hier die Kenntnis der spiritistischen Beweismittel vielfach nur eine ganz ungenügende ist, so bleibt doch ein Rest von Widerstand, der durch das rein logische Abwägen des Für und Wider unmittelbarer Argumente noch nicht erklärt wird. In der Tat sind, wie mir scheint, bei diesem Widerstande noch andere Bedenken im Spiel, die nicht in der 'unmittelbaren Argumentation' zutage treten; z.T. rein 'menschliche', also 'alogische', z.T. solche, über die durchaus ernstlich zu verhandeln wäre. Die langjährige Verlästerung des 'Spiritismus', die selbst seinen Namen mit einem Dunstkreis von Verachtung umgeben hat; die Erinnerung an allen Schwindel, der seine Geschichte entstellt, sowie die gefühlsmäßige Abneigung sehr vieler Menschen gegen ein Fortleben überhaupt, - dies sind Hemmungen in der Anerkennung unsrer Wahrheit, gegen die mit 'Gründen' schwer anzugehen ist. Mein weist auch etwa auf die angebliche Trivialität' von 'Geisteraussagen' hin und fragt entrüstet, ob ein durch sie gekennzeichnetes Fortleben wirklich wünschenswert sei. - Darüber hinaus beruft sich ein verantwortungsbewußteres Denken auf die allgemein bekannte 'Abhängigkeit' alles irdischen Seelenlebens von einem 'Zentralnervensystem', woraus man, mit ahnungsloser Übereilung, den Schluß zieht, daß solches Leben ohne physiologische Grundlagen überhaupt nicht denkbar sei. Vor allem aber sind es m. E. gewisse Folgerungen aus der versuchsweisen Zugestehung körperlosen Fortlebens, die den meisten zu Undenkbarkeiten anzuwachsen scheinen und daher - rückwirkend - das Zugeständnis wieder aufheben. Man kann es immer wieder erfahren, daß der mit Beweisen in die Enge Getriebene sich nicht etwa denkerisch gegen solche Beweise wendet, sondern mit Fragen antwortet, die mit dem nackten Zugeständnis des Fortlebens tatsächlich noch nicht beantwortet sind. Wie denn z. B. soll ein 'ewiges Fortleben' echter Personen überhaupt denkbar sein? Verwandeln sie sich schon während der wenigen Erdenjahre oft bis zur Unkenntlichkeit, so müßte eine 'Ewigkeit', falls sie sich 'fortentwickeln', sie doch so weit verändern, daß sie nicht mehr 'dieselben' wären; während ein unverändertes Fortbestehen jedem Begriff von Leben widerspräche. Oder - damit zusammenhängend - entsteht doch die Frage: ob die Verstorbenen noch weiter altern, oder auf welcher Altersstufe sie etwa verharren? Und müßten die ständigen Übertritte von Millionen und Abermillionen ins Jenseits nicht dieses schließlich nachgerade Übervölkern? Leben etwa die Tiere auch fort? Oder nur die 'höheren'? Und falls nur Schlußwort 413 diese, warum nicht alle? Hauptsächlich aber: wie läßt sich denn überhaupt ein Leben außerhalb unsrer Welt der Wirklichkeit denken? Bedürften nicht auch die 'Geister' einer Umwelt, in der allein ihr Leben Sinn und Inhalt gewinnen könnte? Wie wäre jene Umwelt gestaltet, was wäre dieser Inhalt, wie mäße sich jenseitiges Leben zeitlich? Es ist die angebliche Unbeantwortbarkeit dieser und ähnlicher Fragen, was der Anerkennung spiritistischer Beweise mehr Abbruch tut, als die vermeintliche Stichhaltigkeit von Gegenargumenten. Und wer wollte leugnen, daß es Fragen von wirklichem, von außerordentlichem Gewicht sind. Gleichwohl halte ich sie nicht im entferntesten für unüberwindbare Hindernisse auf unsrem Wege. Wäre es auch vermessen, ihre überzeugende und eindeutige Beantwortbarkeit schon heute zu behaupten, so läßt sich m. E. doch zeigen, daß mögliche Antworten im Bereich von Begriffen liegen, die der heutige Stand metapsychischer Forschung uns unmittelbar an die Hand gibt. Ich habe diese Antworten nach bestem Können durchdacht und schriftlich niedergelegt; doch verhindern mich leider die Grenzen, die ich dem Umfang dieses Buches vorgeschrieben finde, sie jetzt alsbald dem ungeduldigen Frager vorzulegen. Es soll geschehen, wenn ich die beiden andern zurückgestellten Abschnitte veröffentliche. Ich muß es also dabei bewenden lassen, zunächst die grobe Tatsache an sich bewiesen zu haben, daß persönliches Seelenleben unabhängig vom Leibe und auch nach seinem Untergange statthat. Und ich möchte schließlich nur dies noch dem Leser zu Bewußtsein führen, der mir geduldig bis hierher gefolgt ist: wieviel neue Fragen - und Antworten aus jener Tatsache unmittelbar entspringen, auch abseits von den eben aufgezählten der spiritistischen Theoretik selber. Für den Psychologen, ja für den Physiologen und Psychopathologen, für den Ethiker und Theologen, für den Religionswissenschaftler und Volkskundler ergibt sich aus der nackten Anerkennung der spiritistischen These ohne weiteres eine Menge neuer Denkaufgaben nicht nur, sondern auch unvermuteter Deutungsmöglichkeiten von Tatsachen, die sein naturalistischer oder dogmatischer Standpunkt bereits verarbeitet wähnte. Ein Tor ist aufgerissen, ein Damm durchbrochen, und noch völlig unabsehbar dehnt sich eine Welt kaum erst zu ahnender neuer Einsichten. Die alte Wahrheit wird uns wieder einmal fühlbar, daß der Weg der Erkenntnis unendlich und jedes erreichte Ziel blos der Anfang, vielmehr der Knotenpunkt neuer Straßen ist. Nur auf einem solchen Knotenpunkt erst einmal festen Fuß zu fassen, konnte das Ziel meiner Arbeit sein. Ich verhehle mir natürlich nicht, daß selbst für diese begrenzte Aufgabe hier noch bei weitem nicht 414 Schlußwort alles getan ist Vieles ist mir sicherlich entgangen, vieles muß ich von der weiteren Mühe Gleichgesinnter erhoffen. Aber etwas ist doch geleistet, und zwar allein auf Grund der Überzeugung, daß nur die Zusammenfassung aller Beweismittel und das ins Einzelne und Letzte dringende Zusehn und Überlegen uns sichere Entscheidungen verspricht Ich will zufrieden sein, wenn ich die Erörterung unsres Problems aus dem Bereich umschränkter, vor allem aber abstrakter Meinungsbildung auf den Boden soz. mikroskopischer Zergliederung der Tatsachen herabgezwungen habe. Nur auf diesem Boden denn auch will ich mich dem Gegner stellen. Die Zeit der halben Treffer aus Ferngeschützen'ist vorüber: wir befinden uns jetzt im Handgemenge um eine neue Stellung; und nur wer jeden Griff und Stich parieren kann, hat Rechte an diesem Kampf, dessen Preis die äußerste Hingabe lohnt. Erklärung der Titelabkürzungen i. Zeitschriften AOP = L'Année occulte et psychologique. AP = L'Année psychologique. APS = The Annals of Psychical Science. ASP = Annales des sciences psychiques. ATM = Archiv für den thierischen Magnetismus. 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B.' 50 289 326 f. 334 413 II5 11 ff. 191 A. 195 216 ff. 260 f. Bacchus, Mrs. 102 Baerwald 5 55A. 105 345 349f. 352 387 II 14 A. 37 A. 160 171 A. 218 Balfour, G.W. II 152 ff. 159 "Baltimore II151 Bancroft II 87 'Banning II99 f. Baraduc II 363 Bard 103 109 •Barkel II 53 •Barker' 304 f. Barker, Dr. II 89 Barnard 6f. 55A. II 108 163A. 361 Barrett, Prof. 364 434 II 347 Barter 27 Bates 293 350 II 95 f. 283 Bathe 424 ff. Bayfield 327A. II 163A. Bay ley, Dr. 332 ff. Beadon 306 350 f. II 29 A. Bellamy 64 Bennett 84 A. Bergmann, Dr. 39 •Berly, de II 219 A. "Bertie- 127 Bertrand II 331 363 Bestennan II 108A. Beth, Prof. II 304 f. 381 A. Binns 179 Birchall 24 •Bischof v. St. Brieux' 130 f. Bishop-Bird 62 •Black' II 244 379 Blackwell 157 ff. II 370 Bleuler 32A. Blodgett 361 f. Böhm, Dr. 39 340 Böhme, Jak. 216A. 426 Namenverzeichnis 'Bonnamy' 56 f. •Bonnard 424 426 Bora II 351 •Botham 292 Bottt 302 'Bouchez' 126 Bouin 65 f. Bourgeois 134 145 Bozzano 2ff. 41 81 86f. 94f. 107ff. 125 215 263A. 267 276f. 307 438 447 f. II 74 82A. 256A. 299 347 367A. Bradley 262f. 403 II 46 101 228f. Brandäo II 366 •Brandt' II 236 •Brenchley 295 Briggs 251 •Brittain 359 378 II 61 88 Broquet 226f. Brown, D. 26 -, Tommy 83 Urownlow' 445 'Burmeisfer' 302f. Barton, Capt. I. 451 'Burton, Sir Rich.' II 284f. Cabral 73 f. Cahagnet 16 II 305 Caltagirone 66 f. Campbell 140 Carington 397 399A. Carpenter II 358 Carrington 352ff. II 310A. 'Cartwright' II 6 24f. 199 201 204 Castex-Degrange 61 'Cauchy' II 293 Cavagnaro 126 'Cavalcante' 203 Cavalli 396 'Chaffin' 429ff. Charpignon, Dr. II 305 309 363 *Chenoweth s. Soule 'Children' 186 ff. Clairon 190 ff. 'Clarke, Sarah'196f. Claughton 453 ff. •Clegg H 58 Qerke 19 22f. 'Coates, Lea' 169 ff. 217 Colt 149 f. •Conant II 379f. 'Conley' 435 f. •Cooper II 228 ff. 241 247 Coppinger 91 Cornillier II 314 380 Cosgrave 89 f. •Crandon, Mrs. II 66 106f. Crans II 381 390 Crawley II 74 Crosby 95 f. Crowe 134 150 207 II 388 •Czernigiewicz II 67 f. Dahl 231 347 369f. II 29 101 f. •Dahl, lag. 231 347 II 29 380 Dallas U 306 Darget 424 Daumer 91 •Davis, Gordon' II 228ff. 239f. 242f. Dawson-Smith 438 f. Delanne 30 Delvert 126 "Deolinda' 73 f. Desfontaines' 450 d'Espérance 309 ff. II 333 f. Dessoir 444A. H 171 'Dickens' Il 68A. 'Dickinson' 153 Dietrich, Dr. 263 374 Dignowitz 166 f. Doctor' II 282 Dodson 203 f. •Domanska II 67 f. 'Dörien' 177 f. Dorr II 185 f. Dowden s. Travers Smith Doyle, A.C.II 292 Dreher, Dr. 383 f. Driesch, Prof. 37 386 399 II 229A. Driesen 195 Drießen 157 Dryden 82 'Duchène' II 293 Duncan 303 II 88 du Potet II 237 du Prel 2 39 41 213 f. 218 II 299A. 346A. Durvllk U 349f. 352 376 Dusart 226f. 'Duvanel' 405f. Edmonds 257 ff. II 238 *-, Laura 258 ff. Namenverzeichnis 427 "Edslev' II 235 Eeden, van, Dr. II 51 A. 277A. 350 378 Elgee 149 'Eliot, G.' II 95 f. •Elliott II 54 77". Ellis, Rev. 82 '-, Col.' 299 Evangelides 259 f. Evans 263 f. Teda' 50 288". 305 327 334 340 393f. 397f. 411". II 4f. 7 11". 18". 27 43". 55 f. 58 75 f. 176 188 191 193". 197 211 f. 216". 249f. 265 267 277 281 288". 8. auch Leonard, Mrs. 'Ferguson' II 247A. •Ferguson, Mrs. 427 Tield, Kate' II 79f. •Finch 252". II 332 Findlay 285 f. Tinney' 301 Fischer, Prof. 236 373 Flammarion 61 93 126 282 448 •Fleuriire 408 f. Flournoy, Prof. 106A. 232f. II 243A. FlOrscheim II 57 Foertsch 137 144 146 •Forbes II 64 f. 151 158 f. 167 179 184 f. 199 •Ford 302 •Forthuny 373 f. •Fox 161". 224f. Fox, Ol. II 382 Frank, Dr. 137 Freieisen 122 Freud, Prof. 215 Frtolle, de 103 •Frizk n 82". Fry H 366 Funk, Dr. II 302f. 337 Galateri, Graf 64 f. Garcia U 326 381 •Garrett 15 376 419 'Gaspar' 140 155 f. Gentes 244 Gibier, Dr. II328 'Gtordani-Brunem' 422 Glardon II 366 Goethe 190 Go"e 151 Goodrich-Freer 325 f. 360 •Gordon II 71 Goreham II 301 Gourlay II 71 f. Green 149 Grégoire II 388 'Griffith' II 254f. 279 Grimm II 66 GOldenstubbe, v. 234A. Gumppenberg, v. II 302 Gunning, Prof. 311 Gurney 12 52ff. 59 64 104 128 II 38f. '-' II 192 195f. 274 U.C. Guthrie 24 -,1.48 Habdank, Dr. II 67 'Hacking' 296 II 293 Haemmerlé II 309 373 Hall, Prof. II 247 Hall, S.C. 155 294 - , Mrs. M. 295 'Hambo' II 73 Happerfield 205 f. •Hardwicke II 66 107 f. Hare, Prof. II 71 •Harford' 205 f. Hart* II 27 259 267 Hartmann, Dr. II 311 -, v. 225 A. 245 249f. •Hauffe 439". Hayen II 332 'H.B.' 46 i. 118 Heintze 142 Heyd 439". Hill 14 28 198 283f. 359f. 378f. 394 402 416f. II 281 283 307 354f. Hinkovic 240f. Hinton II 307 Hirschheydt, v. II 366 Hodgson, Dr. 50 98 f. 229 251 312 355 377 393 396 435 453 II 7ff. 18f. 28 39 79 86 175 192 194A. 200 209 215 242 248A. 252 257". 379 'Hodgson, Dr.' 322f. 332 f. 415 II 114 133-187 passim 213f. 247 273 291 Hodson 281 f. •Holland, Mrs. 281 322f. H 109-144 passim, 153 158 164 168 171 173 180". 195f. 254 264f. 290f. 428 Namenverzeichnis •Hollis II 347 •Home 294 II 299 Homers 89 Hooke 182 Htodahl-Danielsen' 369 f. Hoseasou 361 Hosmer 136 Houdini 301 f. Howard 313 f. 325 Husbands 128 Huschberg, v. 91 f. Hydesville 140 161 ff. Hymans II 312 f. 318 'Hyslop, Charles' II 2 Hyslop, Prof. 81 85 152 245 f. 292 315 ff. 333 344 f. 353 355 377 394 399 II 2 75 80 193 ff. 249A. 256 274 f. '-, -• 342 393 f. II 5 266 '-, Rob.' 315 ff. 333 f. 344 II 192 ff. 203 276 282 Illig 67 70 75 140 f. 144 146 181 f. 214 ff. 'Imperator' (-Gruppe) II 198 248 Ind 182 •Indridason II 90 235 •Ingeborg s.Dahl, I. Irving, Rev. 182 II 18 61 f. 270 282 A. '-, Mrs.' s. Irving, Rev. Isnard, Dr. 120 II 371 Jacks, Prof. 32A. II 40A. Jahn, Prof. 14 f. 39 James, Prof. 106 A. 323 f. 332 360 377 381 f. II 39 213 f. 269 273 Jansen II 365 Jarvis 136 Jencken 224 f. Johnson, Miss A. 234 II 27 106 114 f. 126 128 130A. 161 162f.A. 175 f. 182 188A. 222 363 *-, Mrs. R. II 58 'Joubert, Mme' 437 f. 'Julia X' 87 'Junot, Bennie' II 25 f. 202 283 "alua' 251 f. Karadja, Fürstin 287 II 84 f. Kasnacich, Prof. II 306A. Kelrevich, Sir G. 95 Kelway-Bamber II 3 Kemmerich, Dr. 71 Kerner, Dr. 439 ff. •King, Mrs. II 30 137 264 Kinnaman 165 Knight 71 Kraemer 134 145 Krasnicki, Dr. v. II 311 Kröner, Dr. 246 ff. Kronfeld, Dr. 33 Kuchynka, Dr. II 303 321 Lagarrue 134 145 Lagenest, de 56 Lambert 383 II 162A. 171 269f. Lamont 28 A. •Lancy, S.' II 97 f. Landa II 312 Lane 293 f. Lang, Dr. A. 315 A. 453 Larsen, C. J. II 313 '-, Frau' II 84 f. 288 Laufmann II 324 363 382 Learned 258 'Leather' 283 f. II 289 Lecomte II 350 Lehmann, Prof. 351 •Leonard, Mrs. O. 50 288 f. 299 f. 305 f. 361 363 380 404 418 438 II 3 f. 46 ff. 51 ff. 61 77f. 86 98f. 101 211 216ff. 249f. 326 f. 338 •Lesage 242 ff. Lewin 21 23 Lewis 174 Lewis, Jim' 423 Liébeault, Dr. 415 Lightfoot 138 Linné 42 f. 117 Lodge, Prof. 48 256 289 314f. 362 f. 366 379 394 418 426 II 8 58 105 171 f. 183 f. 187 f. 212 229A. 256 t. 291 '-, Raymond' 289f. 346 394 419A II 12 14 58 f. 188 220 f. 288 '-, Uncle Jerry' 314 f. Lombroso, Prof. 165 II 102 •Long II 71 'Longford, Phil' II 81 f. 293 'Loti, P.' 272f. Ludlow II 315 f. 375 •Lyttelton, The Hon. s.'King, Mrs. •Mac, Misses II 113 ff. 135 142 171 Namenverzeichnis 429 Macdonald, Ob. 47 Mackenzie, Will. 337 A. 'Mackenzie* 164 A. 'Macleane, Dr.' 136 146 Macleod 395 f. II 348 •Maginot 16 Magnussen 250 'Maloy' 179 Mamtschitsch 209 ff. 'Mannors' 98 f. 251 'Mansfield 261 II 242 f. •Mansveld 246 ff. 'Manton' II 292 •Marble' 49A. Marcinowski, Dr. II 307 f. 'Margery s. Crandon, Mrs. Massaro, Prof. II 102 f. Massey 19 Mattiesen, Eleonore 53 f. II 393 ff. Maxwell, Dr. 46 118 II 129ff. 146ff. McDougall, Prof. II 249A. McFarland II 71 Messer, Prof. 341 •Meurice 46f. 118 -, Abbé II 305 Milium II 162 'Millani, A.' 307 f. 'Miller, H.' II 293 f. 'Minger, M.* II 75 Minkowski 6 Mireille II 350 Mitchell, Dr. 369 M'Kay 179 •Moecke 236f. 374 Moir 35 Monk II 355 Monnosi 422 Montagu-Crackanthorpe 36 *Moore 303 II 88 254 '-' 81 Morris 114 194 Morton 115 f. 125 129 •Moses, Rev. W. St. 228ff. 237 304 365 II 248 287 289 299 332 '-, -' 293 f. 350 II 198 246 'Mountain-Jim' 62 Moutin 437 Muldoon II 308 310 317f. 330f. 337 350 f. 372f. 375 f. 381f. Myers, F.W.H. 24 26 35 104 111 127 144 166 206 228 f. 252 382 406 433 453 II 175 f. 239 271 A. 297 299 355 378 381 _ ' 71A 330 415 II 21 f. 25 27 63 ff. 69 f. 114-125 passim, 132 bis 188 pass., 196f. 217A. 225 252A. 253f. 256 259 264 267f. 279f. 290f. •Napier 28 198 II 354 f. 'Nelly' s. 'Thompson Nenner II 376A. Nery 180 449 Neugarten, Dr. 39 Neumann, Ther. 265 f. Newbold, Prof. II 6f. 201 255 270A. 377 Newnham II 353 •Nielsen II lOlf. Nielsson, Prof. '277' II 90 235 "Noel' 330 •Nolan' II 347 'Northcliffe, Lord' 332 415 418 f. II 46 279 288 Notari 94 •Nugent II 294 •NOfilein 244f. 'Ochorowicz, Dr.' II 67 f. O'Donnell 132 144 Oeder 177 f. Oesterreich', Prof. 352f. 384 387 II 160 172f. 409 Ogle 86 Ohlhaver, Anna II 393 ff. H. 11 394 ff. 'Oldham' II 389ff. 'O'Neill' 57 f. Orr 281 f. 350 Osty, Dr. 244 371 f. 408 II 320 339 ff. Owen 34 123 186 191 196 428 II 329 Pagenstecher, Dr. 34 37 40 Paige 99 Paine 258 •Palladino II 102 f. 'Palladja' 209ff. Paracelsus 216 A. Parker 427 'Parry' 137 Pearce 26 Pearson 91 430 Namenverzeichnis Telham' 312ff. 361 £. 393f. 396 n 8ff. 192f. 198 200 209 246 251 255 266 273 276 282 Pelusl 94 "Perch'ai' II 6 Perovsky 195 A. Perreti 447 Teter, R.' Il 75 f. 289 •Peters, Vout 379 394 419 II 188 Peyroutet 371 f. Pfeil, Graf 71 Thinuit, Dr.' 50 98 251 314 f. 358 f. 360 f. 379 397 419 II 8ff. 22 94 198 200 209 247f. 263 281 if. 377ff. Piddington 234 252 333 II 17 f. 21 ff. 130 f. 144 f. 151 156 158 161 164 168 A. 170 177 180 184 201 207 221 ff. 266 271 277 378 Pigou, Prof. II 152 411 A. *Piper, Mrs. 50 98f. 293f. 312ff. 323f. 331 337 347 352f. 365ff. 377ff. 394f. 410ff. 426 452 II 7ff. 21 f. 25f. 28 33ff. 39ff. 79f. 86f. 110-148 passim, 168185 ff. 198 ff. 207 ff. 214 f. 242 246 ff. 252 256 259 261 276 283 291 348 377 ff. 382 s. auch 'Phinuit', 'Imperator', Hector', 'Doctor', 'Pelham' u. a. m. *PIaat 33 38 f. Podmore 3 5 19 23 A. 24 31 36 105 133 163 f. 168 A. 183 ff. 194 225 A. 230 249 258 A. 260 f. Pommer II 353 Poncet 135 146 Tonomarew' 195 Poole 140 f. Pope 324 332 II 214 Pratt 81 Prince, Dr. 318 ff. 342 355 402 404 Il 194 267 , Mrs.' 318 ff. II56 206 287 f. 4- sen.' 320 f. 343 Prinzhorn, Dr. 244 -Purday' 240 Quartier II 319f. Quentin II 304 338 Radclyffe-Hall 289 326 334 U 15 ff. 216 ff. Ramel II306 •Rawson 411 II 69f. 'Rector' II 9 19 25 f. 28 192 200 202 248 f. 257 263 •Recd' 138 147 Reeves 176 •Reimann 236 f. 372 f. 'Renouard' 252 ff. Renz, Dr. II 359ff. *Reuter, v. (u. Frau v.R.) 272 ff. II 50 f. 290 •Revoi' 282 f. 350 II 293 'Rieh' 426 f. Richardson, Dr. II 108 Richet, Prof. 4 32 79 252 ff. II 105 •Richmond II 379 'Ripoll' 263 II 290 Rochas II 349 f. 352 362 f. 376 Rogers 95 f. 'Rosa' 136 147 Rose 121 f. 'Rowbotham' 304 •Ruggles 261 'Russell' 176 Sage 337 339 f. 399 II 248 250 Sagee II 349 f. Sally Beauchamp II 11 Salter, Mrs. s. Verrall, Miss Saltmarsh 101 'Saunders' 285 f. Savage, M. J. 86 368 444 -, Rev. W. H. 452 Schäfer, Prof. 241 II 238 Schapira 273 f. Schermann 236 f. Schiller, Prof. 269A. II 243 A. 287 Scholz, v. II 230A. Schröder, Prof. 245 Schubert, H. II 235 'Schura N. N.' 446f. •Scongall 257 f. 'Scott, Geoff.' II 6 'Seal II 80 f. Seiling, Prof. II 57 Semjonow II 328 f. Serbow 120 Shepard 240 Sidgwick, Prof. 204 365 II 165 , -' 223 f. 333 II 68 ff. 113 115 158 166 192 221 ff. -, Mrs. 175 232A. 234 304 312A. II Namenverzeichnis 431 10 f. 40 f. 130 f. 160 176 188 210 f. 248 f. 250 f. 262 268A. 378 382 'Sidney' 284 II 289 •Silbert 341 Sirchia 66 f. Skilton II 333 •Sloan 285 f. Smedley 83 •Smith, Hei. 232 f. G. A. 24 Mrs. J. P. 135 '-' 433 f. Snell II 357 Soal 231 328 ff. II 228 ff. 247 Sollier, Dr. II 339 ff. Solowjow II 232 f. •Soule 292 f. 318 ff. 342 376 392 411 f. 414 418 II 55 f. 191 194 206 290 Speakman, Dr. II 97 Speer, Dr. 365 Stankewitsch 120 St. Croix 199 f. Stead 57 'Stinson, Walter' II 66 f. •Stockinger II 75 •Stramm 405 f. 'Stromberg' 309 ff. Stuart 432 Sudre 382 Sünner, Dr. 37 236 Suringar, Dr. J. V. II 235 Swaffer 332 415 II 46 Swoboda II 233 f. 237 239 315 352 381 Symonds 136 146 Talbot, Mrs. 349 •Talbot Forbes' 299 f. Tallmadge 249 'Tausch' 292f. Tench 84 Thaw, Dr. 367 Thomas, Ch. D. 287 ff. 343 f. 358 397ff. 402 413 416 418f. II 7 46ff. 75 f. 176 250 260 265 268 '-, sen.' u. , Etta' s. Thomas, Ch. D. u. II 12 A. 258 f. 279 -, J. F. 15 290 347 366 376 392 f. 412 418 ff. II 47 53 ff. Thompson, F. L. 245 f. •-, Mrs. 233 f. 333 390 ff. 409 II 6 17 f. 22 24 f. 63 f. 68 ff. 176 197 201 204 221 ff. 259 271 276 f. 279 378 Thorel II 374 Tischner, Dr. 5 31A. 32 A. 230 386 II 160 f. 256A. •Titus 369 •Tonica 240 f. 'Torrington' 417 Träubel 89 f Travers Smith 231 f. 290 f. 326 328 f. 344 395 434 II 203 A. 234 291 f. Troubridge, Lady 289 326 334 II 216 ff. Turner 257 f. Tweedale 17 f. 169 ff. II 90 f. 356 Tyong, Gräfin 264 •Tyrrell 410 445 •Underwood 433 f. Urysz, Dr. 238 f. •Valiantine 261 ff. II 107 f. Varick 114 f. Varley 152 II 93 312 316 Vasconcellos, de II 364 f. Vatas-Simpson 113 'Vely, Marg.' 330 Venzano, Dr. 227 447 f. •Verrall, Miss II 108-148 passim, 153 155 211 -, Mrs. 20 f. 253 391 f. II 25 27 30 ff. 63 ff. 109-158 u. 163-187 passim 191 f. 199 204 ff. 265 280 Vesme, de II 370 'Vetellini' II 250 A. 'Virgini' 64 f. Vitalis 81 f. Vogl, Dr. II 332 Volpi II 307 •Vuagniaux 369 Wales, Hub. II 291A. Walker II 43 77 f. Ward, Capt. 149 Warner 396 Wason 224 f. •Watson 38 A. 71 360 •Wehler II 57 Wereide II 360 A. Wesermann 29 154 Wesley 115 'West, Rob.' 452 f. 432 Namenverzeichnis •Westoby, F.' II 287 •White 99 'White, Gwyther' II 43£f. 51 f. 98f. White, Mrs. II 47 52f. 77f. 86f. Whiting 79 f. "Whitman, Walt" 89 f. Whymant, Dr. 261 277 Wieland II 371 Wiesler 446f. "Wild, H.' II 256 "Wilde, O.' 231 f. 290f. 327f. II 260 274 Wilkins 121 •Wilkinson 14 283 378f. 410f. 416 II 281 289 -, Mr. R. H 88 •Willett 125-143 passim 155 157f. 170 274 Wilmot 148 f. Wilson, Dr. 81 -, Miss M. II 389". -, Mrs. M. 95 97 Wiltse, Dr. E 323 347 Winter II 388 Winterstein, Dr. v. 216 Wolfe, Dr. 261 Wood, Dr. 445 'Worth, Patience' 330 •Wriedt H 348 'Wflnscher' 166 f. 217 Wyckoff, de 263 Wyld, Dr. II 307 Yearsley 112 •York 368 Young 257f. Sachverzeichnis Ablenkung der Erscheinung (deflected cases) 62 ff. 69 Abschiednehmende Erscheinungen 134 f. 'Abzapfen' von Vorstellungen 13 17 f. 23 44 267ff. 359ff. 387 II 280 295 'Akasha-Chronik' 40 266 Aktivität der Darbietung v. Erscheinungs- od. Kundgebungsinhalten 45 ff. 147 f. 407 ff. 419 421 ff. II 59 76 295 395 Aktivitätszentrum 192 356ff. 407ff. II 239 278 287 ff. 392 Alleinwisserschaft d. Abgeschiedenen 298 ff. Allwissenheit, potentielle, der Medien 44 69 354 375 384f. II 8 Anblicken seitens d. Phantoms s. Mienenspiel 'Angeln', 'Ausstopfen' u. dgl. der Medien 335 II 269f. Animismus als spirit. Beweis 1 ff. s. auch Parallelismus... Anteilnahme am Sterben Hinterbliebener 78 ff. II 358 ff. Anwesenheit, rechtzeitige, des Kommunikators II 277 ff. AnwesenheitsgefOhl 20 48 114 132 181 194 II 86 370 Assoziationsversuche mit Kommunikatoren 397 ff. 'Astrale Bildergalerie' 40 'Astralleib' II 349 ff. Aufrufung des Kommunikators II 278 ff. Aura s.Licht Aussöhnungsbedürfnis 193 ff. 452ff. Aussprache, idenüf., bei possessio II 219 ff. Austritt des Ich s. Exkursion M a t t i e s e n , Das persönliche Oberleben II. Autophanie 12 25 30 49 52 108 145 161 ff. II 397 -, experimentelle 120 ff. Autoskopie II 339 ff. Autosuggestive Selbsttötung als Deutung der Verwirklichung von Sterbebettgesichten 83 Band, metaphysiolog. II 262f. 275 315 317 331 350f. 358 360f. 363 375ff. s. auch Zug... Beichtbedürfnis 196 f. 215 Besessenheit, Besitzergreifung des Mediums 227 248 II 212f. 216ff. 244 f. 273 ff. 295 299 377 Betrug 335 Beweggründe S.Motivierung Beweislast der spiritist. These 385 ff. Bilder, fallende, als Todesankündigung II 365 ff. Bilderzeigen des Kommunikators 409 ff. Bilokation s. Exkursion, Hellsehen Bücherteste 364 II 176 Buchstabenzeigen 410 cross-correspondences s. Kreuzkorrespondenzen Datierte Erscheinungen 71 ff. 109 191 f. Diagnose, hellsieht. 366 f. 371 II 277A. Dichten, unterbewußtes 242A. 'Direkte' Schrift 234A. - Stimme 155 270A. II 202 228 ff. 235 249 254 294 Doppelleistungen, gleichzeitige, von Medien II 242f. Doppellokalisierung der Empfindung II 324 350f. 28 434 Sachverzeichnis double (Doppelgänger) II 349 362 f. 376 Echolalie II 33 Eindruck, lebenswahrer, der Personation 331 ff. 401 ff. 'Einflüsse' beim Psychometrisieren 377 ff. II 281 ff. Einfühlung 340 373 f. 384 s. auch Gedankenlesen, 'Abzapfen' Einmischung fremder Kommunikatoren II 266 f. - des Sitzers II 268 Einwände gegen spirit. Deutung v. Kundgebungen II 227 ff. -, allgemeine, gegen d. spir. These II 412 f. Ekstase II 299 Emanationen (Theorie d. Psychometrie) 37 f. Entsprechungen von Aussage u. Aussage II 50 ff. 249 f. - v. Aussendung u.Aussage II 70ff. - v. Aussage u. Beeinflussung II 79 ff. - v. Aussage u. Erscheinung 98 f. 401 II 85 ff. - v. Aussage u. objekt. Phänom. II 96 ff. -, experimentelle s. Kreuzkorrespondenzen -, Theoretisches üb. II 59 ff. erdfremdes Schauen in Exkursion II 298 300 Erschöpfung des Kommunikators II 202 f. - Exkursion auslösend II 297 305 f. Erschütterung beim Abschluß d. Exkursion II 326 381 ff. Erstmaliges Kontrollieren II 213 ff. Erwartung des Sitzers als 'Aufrufung' II 278 f. Erwartungshalluzination 68 177 181 189 II 88 ff. Exkurrierende mit Verstorbenen beisammen II 229 241 327 329 387ff. 400 f. Exkursion II 233 f. 241 275 297ff. 351 ff. -, animist. Theorien der II 335 ff. - des Mediums während d. Trans II 377ff. Exkursion, experimentelle II 309f. 342 -, spiritist. Deutung der II 346ff. 383 ff. Experimentelle Autophanie 120 ff. - Exkursion II 309 f. 342 - Heterophanie 29 Exteriorisierung s. double, Schichten (couches) Faden s. Band 'Ferne' des Kommunikators II 276f. 278 Fernsehen s. Hellsehen Finden, bellsichtiges 367 ff. Flüstern, unbewußtes 351 Fremdsprachen s. Xenoglossie 'Führer' bei Hysterischen u. Somnambulen 156 339 - bei Medien 338 340 409 ff. II 23 247ff. 8. auch d. einzelnen Namen Gebärden v. Erscheinungen s. Mienenspiel Gebete, Bitte um 198 II 284 Gedankenlesen als Deutung v. Kundgebungen 356ff. Gegenstand, psychometrischer 34 ff. 44 II 280ff. 294f. s. auch Psychometrie Geheimnisse, persönliche, in Kundgebungen 325 f. Gehirn des Mediums hemmend bei Kundgebungen II 260 f. Genie 245 ff. Greifen des Phantoms unmöglich 125 Halluzinieren als Deutung von Erscheinungen 11 81 94 und in Einzelfällen passim - als Deutung d. Exkursion II 337f. Handschriftenerzeugung, identif. 228 ff. II 238 294 Hauptkontrolle s. Führer bei Medien Heilungstendenz im Spuk 215 Hellsehen 2ff. 12 25 32ff. 236f. 245 256 f. 264 ff. II 300 311 - als Deutung v. Exkursionen II 343 ff. - als Deutung v. Kundgebungen 363 ff. -, 'reisendes' 366 II 344 383 Hemmungen des Kommunikators II 258 ff. Sachverzeichnis 435 Heranbringen des Erscheinenden durch e. Dritten 137 - des Kommunikators durch Dritten 229 296 II 75 f. 289f. - des Sitzers II 288 Heterophanie 26 ff. 154 205 Hinausversetzung s. Exkursion, double, Schichten (couches) Hinterlassenschaft beunruhigend 165 181 ff. 424ff. II 286f. Hypnotische Personationen 228 - Schichten II 38f. 42 2Q8ff. Hypnotisierbarkeit von Medien II 39 Hysterie 215 II 363 Identifizierung von Kommunikatoren durch Kundgebungsinhalte 279ff. 1 177 ff. - V.Materialisationen 221 -, Wille zur 418 f. Ideoplastische Bildungen 98 220 ff. II 361 f. Imprägnierung des psychometr. Gegenstandes 37 42 107 f. 'Index' bei telepath. Übertrag. Vorstellungen 355 400f. Innenschau (Körper-) II 323 399 f. Kälte bei Phantomen 122 182 184 Klopftöne, Schläge usw. 75 f. 155 157 162 n 97 ff. 107 363 ff. Kollektive Wahrnehmung v. Erscheinungen usw. 63ff. 85 88ff. 115ff. 120 126 161 ff. 195 201 f. 208 211 219 II 355 f. 364 f. Kollektivpsyche 337; (als Deutung v. Kreuzkorrespond.) II 162 f. 172 Komplementarität v. Kreuzkorrespondenzen II 104 106 109 112 126f. 152 ff. 172 176 Kontrolle s. Führer bei Medien Kontrollieren als realer Vorgang II 212 ff. Kosmisches Bewußtsein s. Über-lch 'Kraft', mediale s. Licht, metaphysiol. Kreuzkorrespondenzen II 104 ff. s. auch Komplementarität -, Beispiele v. II 108 ff. -, Leugnung v. II 128ff. -, Regie der II 131 ff. -, Theorie der, animist. II 156 ff. Kreuzkorrespondenzen, Theorie der, spiritist. 11 174 ff. Kritik, gegenseitige, bei Transpersönlichkeiten II 8 ff. Kryptaesthesie s. Hellsehen Kryptomnesie 239 264 349 ff. II 404 KOnstlerische Leistungen, mediale 242ff. Lärm, spukhafter 76 112ff. 139f. 162 165 181 183 f. 187 191 194 200 423 Latenz von Beeindruckungen 54 ff. 60f.68f.88 102 II396f. Läuten von Glocken 194 Lebender, Verhalten der Erscheinungen 119 ff. 148 ff. 219 -, mediale Kundgebungen 228 ff. Leibes, Wahrnehmung des eigenen 11 298 301 ff. Licht, metaphysiologisches II 261 ff. 275 282 291 f. 305 f. 309 355 f. -, spukhaftes 22 48 72 85 93 112 142 f. 214 II 87 366 Lichtbild, Identifizierung von Erscheinungen nach 14 185 Malmedien 242ff. Materialisationen 220 ff. II 101 ff. 262 361 f. 376 386 Mehrheitsspiel des Transdramas II lff. 189 272 f. 295 377 -, Theorie d. II 37 ff. s. auch Schwierigkeiten ..technische Differenz. Meinungsverschiedenheiten unter Transpersönlichkeiten II llff. 62A. Metaorganismus des Exkurrierenden II 298 300 303 305 317 335 - des Mediums im Kundgebungstrans II 261 ff. 275 377ff. - des Sterbenden II 349 ff. 375 ff. 385 ff. Mienenspiel u. Gebärden von Erscheinungen 125 ff. 149 f. 174 178 184 II 395 400 402 404 f. Mischtheorien des Transdramas II 270 ff. 294 ff. Mißverständnisse unter Transpersönlichkeiten 344 ff. II 17 ff. 190 Monoideismus 213 ff. Morse-Alphabet als Kundgebungsmittel 241A. Motivierung von Erscheinungen 73 436 Sachverzeichnis 124 134f. 147 160ff. s.auch Anteilnahme . . D a t i e r u n g ..., Sterbebett- Erscheinungen, Verabredung ..., zeitliche Lagerung - von Kundgebungen 417 ff. II 293 f. multipersonale Erscheinungen 28 'Nähe' des Kommunikators II 276 f. 295 Namen-Kundgebung schwierig II 209ff. Narkose als Auslösung von Exkursion II 236 f. 297 307 311 f. 316 338 Natürlichkeit, spiritist., von Äußerungen 58 f. 135 f. 146 f. s. auch Selektivität . . . Netzhautrand-Sehen 349 ff. Nicht-Verstehen unter Transpersönlichkeiten II 12 ff. 18 f. 44 f. Nichtwissen des voraussetzungsgemäß zu Wissenden seitens des Kommunikators II 253 ff. Objektivität von Phantomen 202 219ff. II 386f. örtlicher Sinn von Erscheinungen 101 ff. Ortsgemäßes Verhalten von Erscheinungen 124 ff. 148 f. Parallelismus spiritist. und animistischer Vorgänge 8 44 52 119 ff. 148ff. 219 389 II 228ff. 251 ff. 372ff. 392 s. auch Exkursion, spirit. Deutung d.; Mischtheorie d. Transdramas paraphysikalische Phänomene 66 ff. 69 f. 72 75 114 120 162 181 194 206 220 II 97ff. 298 300 363ff. Personation im Medium 336 ff. 388 II 252ff. 271 ff. 295 405 f. 408 -, suggerierte II 246f. 252 -, Wille zur 357 383 II 271 f. Persönlichkeitsdarstellung, vollendete 325 ff. 339f. 401 ff. s. auch Selektivität Phase des Erwachens (nach Trans) II 33 ff. 132 207 211 382 Photographie s.Lichtbild - von Phantomen 309 II 362f. 'physikalische Phänomene' s. paraphys. Ph. Planchetteschreiben Hellsehn erfordernd 363 f. Pluralistik des Transdramas s. Mehrbeitsspiel 'Poltergeist* II 374 possessio s. Besessenheit Psychoanalyse 215 f. Psychometiie 7 32 f. 106 ff. 189 236 340 363 371 ff. 389 II 270 379 406 -, Theorie der 36 ff. 389 psychometrischer Gegenstand als 'Aufrufung' wirkend II 280 ff. Querentsprechungen s. Entsprechungen; Kreuzkorrespondenzen Rachebedürfnis 191 ff. 447 f. Rapport zwischen Kommunikator u. Sitzer II 279f. 282 Reagieren, sinnvolles, spukhafter Vorgänge 76 139 f. -, -, von Erscheinungen 125 ff. - von Transpersönlichkeiten auf Einzelheiten des Transdramas II 5 ff. Rechtzeitigkeit der Anwesenheit des Kommunikators II 277 ff. Reden von Phantomen 28 47 57 f. 62 129 130ff. 151 ff. 170 ff. 175 179 187 194 f. 217 Relativitätstheorie 5 ff. Rückschau 7 353 Rücksendung aus d. Jenseits II 315 f. Schattenwerfende Phantome 202 Schichten ([couches), hinausversetzte II 261 349f. -, seelische 119 216ff. II 242ff. s. auch Spaltungen, seel. Schlaf als Auslösung v. Exkursion II 297 303 ff. 315 - jüngst Verstorbener II 283 Schnappen s. Erschütterung... Schnur s.Band Schock als Auslösung v. Exkursion II 308 f. Schöpfen s. Gedankenlesen Schreiben Schreibunkundiger 224 ff. Schreien, Stöhnen, Seufzen, spukhaftes 47 58 72 114 f. 130 181 191 194 Sachverzeichnis 437 Schreien des Kommunikators 414 Schritte, spukhafte 47 72 76f. 113f. 116 ff. 121 f. 132 158 181 183 187 194 f. 209 II 363 370 Schwierigkeiten im Transdrama II 190ff. 204ff. 'Seelenwirte' 383 400 Selbstmörder als Kommunik. verwirrt II 258 Selektivität des Kundgebungsinhalts 164 389ff. II 4 f. -, fehlerhafte 399ff. -, lebendige 401 ff. Sich-selbst-sehen II 339ff. Sitzerlose Sitzungen 347 Sorge um Hinterbliebene 199ff. s. auch Anteilnahme . . . Spaltungen, seelische (auch als Deutungsbegriff) 51 f. 336 339 383 II 8 ff. 37 f. 40 ff. 197 244 251 272 274 379 -, -, bei Kommunikatoren II 259f. Spielleiter s. Führer bei Medien Spuke 27 46 f. 57 f. 75 ff. 110 ff. 161 ff. 181 ff. 193 ff. -, psychologische Deutung der 213ff. -, psychometrische Deutung der 106 ff. II 283 -, telepathist. Deutung der 105 f. Spuren, wissengebende 39 42 380 ff. II 280 f. Sterbebetterscheinungen 78 ff. II 91 f. 355 ff. Sterben Hemmungen setzend II 257 - von außen beobachtet II 355 ff. 376 - von Verstorbenen geschildert II 347 f, Sterbestunde, Erinnerungen an 403 f. Stil der Kundgebung 326 ff. s. auch Persönlichkeitsdarstellimg Stimme, direkte s. dir. St. Stimme, mit der Kundgebung gleichsinnige, gehört II 46 ff. Stimmklang, veränderter, bei Besessenheit d. Mediums II 219 294 Strahlungen, metaphysiol. II 261 -, 'psychische' 37 Subjektiver Anteil von Transäußerungen II 245 ff. Sympathie s. Rapport Taubstummenalphabet bei Kundgebung benutzt 241 technische Sonderung von Transpersönlichkeiten II 190 ff. 240 Telekinese 226 f. 239f. s. auch paraphysikal. Phfin. Telepathie (besond. als Deutungsmittel) 3 5 13 ff. 22 f. 24 f. 39 87 94 105 139 II 270 278 u. in d. Deutung von Einzelfällen passim - als hauptsächliche Deutung von Kundgebungen 343 ff. II 252 -, 'gegenseitige' II 352 -, universelle 352 ff. 385 II 243 -, vibratorische 386 f. Teleplasma II 357 Tiere als Erscheinungen 170 172f. 222 II 402 f. - als Perzipienten 77 115 211 ff. 219 Todesankündigungen 302 ff. 421 - Unbekannter 306 ff. - durch paraphysik. Phänomene II 363 ff. Transdrama (allg.) 49 409ff. 'Träume' des Mediums während des Transdramas II 377 f. -, 'wirkliche' II 389 Traumerscheinungen 180 429ff. 449 Traumhaftigkeit des Spuks 214 ff. Über-lch, -Geist, -Bewußtsein 8 13 40 ff. 267 f. 356 381 ff. 407 ff. II 295 409 f. Uhren stehenbleibend als Todesanmeldung II 365 ff. Unbekanntheit des Erscheinungsinhalts 11 ff. 53 61 71 85 95 - des in d. Exkursion Erfahrenen 11 316 ff. - des Kommunikators 280ff. 306ff. II 293 f. - des Kundgebungsinhalts 286 ff. Unterbewußtsein 51 58 72 84 II 189 397f. u. sonst noch passim In der Analyse von Einzelfällen -, Pluralität des 51 248 f. Unterredung von Phantom u. Perzipient, mimische s. Mienenspiel... -, sprachliche 140ff. 152f. 162 171 450 438 Sachverzeichnis Verabredung d. Erscheinung 57 59ff. -, spezielle 64 ff. Vererbung v. Fremdsprachen 267A. Verfolgen irdischen Geschehens durch Abgeschiedene II 284 f. Vergeßlichkeit von Kommunikatoren II 254 ff. Verhören der Kontrolle II 21 f. Verkehr zwischen Phantom u. Perzipient 124 ff. 'Verknüpfungen', Verbindungen (Theorie der Wissenserlangung) 379ff. II 284 295 Verpflichtungen, unerfüllte, beunruhigend 173 176ff. Verschmelzung von Ichen s. Kollekttvpsyche Vertretungssitzungen 347 Verwirrtheit Abgeschiedener II 257f f. vierdimensionale Welt 40 f. 400 Vorschau 6f. 42f. 79f. 82ff. Vorstellungsleben des Mediums störend II 264 ff. Wachsein des Exkurrierenden, Fernsehenden, Fern wirkenden II 231 242ff. 383 f. •waking stage s. Phase d. Erwachens Warnung durch Verstorbene 201 f. *Weltlinien' 7 40f. 400 Wiederholung von Aussagen (Nachdruck) 412 f. Witterung s. Spuren Wünsche, unerfüllte, beunruhigend 165 f. 169ff. 174 f. - Exkursion auslösend II 310 Xenoglossie 247 250ff. II 66f. 236 248 -, Theorie d. 264 ff. Xenographic s. Handschriftenerzeugung 'Zeigen' von Einzelheiten 46 ff. II 403 s. auch Aktivität... Zeit als 4. Dimension 5 ff. 41 Zeitirrtümer von Kommunikatoren 361 f. Zeitliche Lagerung von Erscheinungen 52 ff. Zeitmaß, technisches, der Kundgebung II 191 'Zeitweiliger Geist' II 409ff. Zensus der Halluzinationen (S. P. R.) 26 29 31 59 f. 61 74 143 'Zweite' Persönlichkeiten II 8 f. s. auch Spaltungen, seelische Zwischenspiele u. Zwiegespräche, pluralistisch-natürliche, im Transdrama II 23 ff. 64 Zug am 'Bande' des Exkurrierenden II 302 315 318 334 373 375 f. 380 f. Zusammentreffen Exkurrierender u. Verstorbener II 229 241 327 329 387 ff. 400 f. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Herausgegeben von Hanns Bächtold-Stäubli unter Mitwirkung von Eduard Hoffmann-Krayer Photomechanischer Nachdruck (im Format der Originalausgabe 16,5 x 24 cm) der 1927 -1942 erschienenen Ausgabe mit einem Vorwort von Christoph Daxelmüller Groß-Oktav. Ca. 8760 Seiten. 1986. 10 Bände Paperback in Kassette DM 3 5 8 , - Knapp 9.000 Seiten in zehn Bänden, allein dem Thema 'Aberglauben' im weitesten Sinne gewidmet, Ergebnis einer zwanzigjährigen Sammel- und Editionstätigkeit eines vom Thema besessenen Schweizer Volkskundlers, haben zu ihrer Zeit die wissenschaftliche Erforschung des Aberglaubens auf eine neue Grundlage gestellt. In unseren Tagen wird das Werk auch von den nicht-professionellen Bücherlesern wiederentdeckt, die daran glauben, daß die verblüffendsten Dinge zwischen Himmel und Erde möglich sind, oder die ihre Freude haben an den skurrilen Seiten der menschlichen Existenz. Die überraschend stark angestiegene Nachfrage nach dem z.Zt. DM 1.725, - teuren Werk hat den Verlag zur Herausgabe der preiswerten Paperback-Ausgabe veranlaßt. Walter de Gruyter • Berlin • New York Klassiker der Parapsychologie Das persönliche Überleben des Todes Eine Darstellung der Erfahrungsbeweise von Dr. Emil Mattiesen Dritter Band W DE G 1987 Walter de Gruyter • Berlin • New York Unveränderter photomechanischer Nachdruck der Ausgabe 1936/1939 CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek Mattiesen, Emil: Das persönliche Überleben des Todes: e. Darst. d. Erfahrungsbeweise / von Emil Mattiesen. - Unveränd. photomechan. Nachdr. d. Ausg. 1936-1939. - Berlin; New York: de Gruyter ISBN 3-11-011334-1 Bd. 3 (1987). (c) 1936/1939/1987 by Walter de Gruyter & Co., Berlin. Printed in Germany Alle Rechte des Nachdrucks, der photomechanischen Wiedergabe, der Übersetzung, der Herstellung von Photokopien - auch auszugsweise - vorbehalten. Einbandgestaltung: Rudolf Hübler, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Bindearbeiten: Lüderitz & Bauer, Berlin VORWORT zur Ausgabe 1939 Dieser Band, der das Werk beschließt, enthält die drei Abschnitte, die bei der Herausgabe der ersten beiden Bände ausgeschieden wurden, um den Umfang des Buches nicht die ratsamen Grenzen überschreiten zu lassen. Er untersucht zunächst die objektiven 'Erscheinungen' und Materialisationen sowie ihre Bedeutung für das spiritistische Problem, führt also im einzelnen aus, was im 1. Bande auf den drei Seiten des 11. Kapitels des ersten Abschnitts angedeutet wurde. Es folgt eine Besprechung der sog. Bücherteste, die zwar kurz und in gewissem Sinn ergebnislos, aber dennoch nicht ohne Interesse ist. Schließlich werden die 'allgemeinen' Schwierigkeiten erörtert, welche die Anerkennung der spiritistischen Lehre behindern selbst nach vollzogenem Beweise derselben, wobei die vorliegenden Beschreibungen jenseitigen Lebens wohl die wichtigste Rolle spielen. Ich habe den Aufschub in der Herausgabe dieser drei Abschnitte natürlich zu erneuter Durchsicht benutzt, die manches Tatsächliche ergänzt und seine Erörterung \ ertieft hat. - Mit der Aufnahme der ersten beiden Bände darf ich sehr zufrieden sein, auch abgesehn von allen selbstverständlichen Lobsprüchen aus spiritistischen Kreisen im engeren Sinne. Das Buch hat bei unbefangen Urteilsfähigen ein Maß von Anerkennung gefunden, das mich um so mehr erfreuen durfte, als sie z.T. von solchen ausging, die dem behandelten Gebiete bisher fremd oder zweifelnd gegenübergestanden hatten. Die wenigen mißgünstigen Urteile ließen freilich von neuem erkennen, was dem Fachmann ohnehin schmerzlich bewiißt ist: daß weder die Wichtigkeit der Parapsychologie, noch die Ausdehnung ihrer Tatsachen, noch die bereits erzielte Festigkeit ihrer Grundlagen von unsren Gebildeten schon genügend erfaßt sind. Daher machen sich auch immer noch manche Besprecher wissenschaftliclicr Arbeiten auf unsrem Gebiet ihre Sache allzu leicht: sie glauben mit allgemeinen Ge VI Vorwort schmacksurteilen und fertigen Schlagworten auskommen zu können in einem Maße, wie sie es niemals gegenüber wissenschaftlichen Arbeiten andrer Gebiete wagen würden. Die in mehreren Zeitungen abgedruckten Besprechungen eines Dr. Paul Feldkeller verrieten sogar deutlich, daß der Referent das Buch nur zum Teil gelesen hatte; es sei denn, er wolle den Vorwurf auf sich nehmen, seinen Lesern gerade die Argumente des Verfassers völlig verschwiegen zu haben, die dieser ausdrücklich als die 'stärksten und eigentlich entscheidenden' bezeichnet. Ich hatte ferner wiederholt und nachdrücklich darauf hingewiesen, daß mein Grundsatz, die Erörterung bis in letzte Einzelheiten der Beobachtungen vorzutreiben, auch den Gegner künftig zwinge, von abstrakten und allgemeinen Argumenten abzustehn und sich der Feinanalyse zuzuwenden: 'die Zeit der halben Treffer aus Ferngeschützen' sei vorüber; 'wir befinden uns, sagte ich, jetzt im Handgemenge um eine neue Stellung.' Nun, keiner der wenigen Gegner hat zu erkennen gegeben, daß ihm die Kraft dieser Forderung auch nur im mindesten klar geworden war; von der doch gewiß ist, daß sie mit der Zeit sich durchsetzen wird. Einer meiner Kritiker hatte freilich ein - wenn auch angemaßtes - logisches Recht, sich jener Forderung zu entziehen: indem er nämlich schon die Tatsachen meiner Beweisführung nicht - oder nur in engen Grenzen - als solche anerkannte. Mit diesem will ich mich hier in der möglichen Kürze auseinandersetzen, weil dabei auch grundsätzliche Klärungen zu gewinnen sind. Eine Besprechung des Bonner Professors Aloys Müller stellt uns vor den sonderbaren Tatbestand, daß ein Mann, der nicht nur 'von dem persönlichen Überleben des Todes überzeugt' ist, sondern auch von dem Bestehen 'echter parapsychologischer Tatsachen', der überdies 'manche der Phänomene, die ich von Verstorbenen berichte, im Prinzip durchaus für möglich hält,' - mein Buch trotzdem 'ablehnt', also doch wohl nicht bloß umgrenzte Bedenken hegt, sondern das Ganze für durch und durch verfehlt ansieht. Dies muß verblüffen; denn wenn das Überleben eine Tatsache ist, so erscheint es an sich wahrscheinlich, daß die Überlebenden auch irgendwann und irgendwie sich kundgeben werden; gibt aber jemand, der nicht gerade auf den Kopf gefallen ist, sich jahrelang mit dem Sammeln der besten solcher anscheinenden Kundgebungen ab, zerlegt sie nach allen Richtungen, prüft sie auf ihre Vorwort vn natürlichste Deutbarkeit und setzt sich mit den Vertretern sonstiger Ableitungen gewissenhaft auseinander, - so müßte es doch 'mit tollen Dingen zugehn', wenn diese Suche nach Erfahrungsbeweisen für eine an sich wahre Tatsache zu einem Ergebnis führte, das nichts verdiente als Ablehnung in Bausch und Bogen. Prof. Müller gibt uns seine Gründe im einzelnen an. Vier 'Mängel' sind es, in denen sich für ihn die Verwerflichkeit meiner Arbeit zusammenfaßt, und gleich der erste bezieht sich auf die Glaubwürdigkeit meiner Tatsachen. Während ich in meinem früheren Buch über den 'Jenseitigen Menschen' 'eine Art Instinkt für das Sichere' bewiesen haben soll, ist dieses wertvolle Organ inzwischen offenbar der Entartung verfidlen: ich stehe jetzt angeblich 'allen Berichten mit einer fast absoluten Gläubigkeit gegenüber, und selbst ein leiser Zweifel' taucht nur 'überaus selten' auf. Die Folge davon sei, daß 'mindestens 80 bis 90 Prozent der Berichte des Buches der Kritik nicht standhalten'. Dies wäre freilich schlimm, wenn die Behauptung mehr wäre, als ein Beleg für leichtfertige Anmaßlichkeit eines Rezensenten. Ich will mich nicht auf den Standpunkt stellen - an sich durchaus vertretbar -, daß auch mit den mir zugebilligten 10 bis 20 Prozent meine These sich noch beweisen ließe. Vielmehr will ich mich mit dem Gegner auf einen Streit um Prozente einlassen. Ich habe mir die Mühe gemacht, einen ganzen Band meines Buches, und zwar den zweiten als den wichtigeren und originaleren, auf Herkunft und Gewicht meiner Belege hin soz. statistisch zu durchmustern. Ich betrachte dabei als unangreifbar mindestens diejenigen Tatsachen, die entweder den 'Verhandlungen' und dem 'Journal' der engl. Ges. f. psych. Forschung entnommen sind, oder aber den Buchveröffentlichungen der Herren Böhm, Duncan, Findlay, Flournoy, Gurney, Hill, Hyslop, Lodge, Maxwell, Podmore, W. F. Prince, Ch.D. Thomas, J. F. Thomas und der Damen Allison,Keene, H.C. Lambert, Sagendorph, Travers Smith und Walker, mit gewissen Einschränkungen auch denen der Herren Barrett, Bozzano, Owen, Tweedale und der Miss Bates, - und zwar weil die hier verzeichneten Tatsachen nicht bloß mit dem geschulten Bewußtsein wissenschaftlicher Verantwortung gesammelt und dargeboten, sondern auch größtenteils nach Methoden gewonnen sind, die schon an sich eine Fehlfes tstellung nahezu ausschließen. Letzteres gilt z. B. von eigenhändigen 'automatischen' Niederschriften medial Veranlagter, von stenographischen Nachschriften ihrer mündlichen Äußerungen und von der sofortigen, etwa tagebuchmäßigen VIII Vorwort Aufzeichnung äußerer Beobachtungen. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß nicht auch außerhalb der aufgezählten Schriften sich Fälle finden, die infolge der besondren Art ihrer Beobachtung und Bezeugung jede vernünftige Bezweiflung ausschließen. Wenn Prof. Müller gegen diese Abgrenzung meines Bezirks der Sicherheit etwas einzuwenden hat, so erwarte ich die Angabe seiner Gründe mit zuversichtlichem Vergnügen, zumal ich die Vermutung kaum unterdrücken kann, daß ihm - sagen wir - 80 bis 90 Prozent des angeführten Schrifttums nicht aus eignem Studium bekannt sind. - Das Ergebnis nun der Durchsicht meines 2. Bandes auf die Herkunft der verwendeten Belege hin drückt sich in folgenden Zahlen aus: den 'sicheren' Quellen entstammen auf S. 1-70 - 99°/" der angezogenen Tatsachen, auf S. 71 bis 108 - knapp 50"/", auf S. 109-226 - fast 100"/o, auf S. 227-295 - mindestens 95%. Im sechsten Abschnitt, der von den Tatsachen der Exkursion handelt (S. 296-392), sinkt der Prozentsatz auf unter 30°/o, denn diese Tatsachen sind zumeist einzeln aus weit verstreuten Quellen gewonnen, die nicht durchweg als Ganzes zu den besten der Parapsychologie gehören, und gewinnen ihr Gewicht großenteils erst aus der überraschenden Übereinstimmung in. Einzelheiten. Doch ist der Rezensent der Ansicht, daß ich gerade in diesem Abschnitt (den ich für den 'entscheidenden' des Buches erklärte) 'die Erfahrungsgrundlage für die Möglichkeit des persönlichen Überlebens angetastet' habe (wenn auch natürlich 'nicht mit der genügenden Sicherung, Auswahl und Weite'). In Wahrheit sind manche auch der hier angeführten Berichte zu den schlechthin glaubwürdigen zu zählen und für die Begründung meines Hauptargumentes völlig ausreichend. Der Überblick über meine Statistik berechtigt mich also unstreitig, die Schätzung des Kritikers buchstäblich umzukehren und 80 bis 90 Prozent der Tatsachen - mindestens des 2. Bandes - für voll gesichert zu erklären. Hinsichtlich des ganzen Buches bin ich denn auch bereit, gegen jedermann, bei genauer Durchprüfung von Seite zu Seite, den Satz des Vorworts zu vertreten: das Werk sei 'durchzogen von einem Gerüst unangreifbarer Tatsachen, das für sich schon genügen würde, die Ergebnisse der Untersuchung zu tragen.' Prof. Müller tut aber mehr, als das Verhältnis gesicherter und bloß 'kollateraler' Tatsachen auf den Kopf stellen: er schiebt mir eine ganz bestimmte Ansicht über den Ursprung von Gewißheit auf meinem Gebicle zu, ( ine Ansicht, mit der ich mich überhaupt 'gegen.zu große Vorwort I X (sie) Kritik der Berichte wehren' soll. Er tadelt nämlich die 'seltsame Einstellung', wonach im Grunde die bloße 'Häufung der Zeugnisse', das 'Überschütten mit Berichten' - also doch wohl auch ohne Kritik derselben - 'eine große Überzeugungskraft besitzen' soll. 'Gewißheit (so zitiert er mein Vorwort) entspringe auf diesem Gebiet nicht nur aus kritischer Durchschnüffelung' von Einzelberichten, sondern ebenso gut aus dem allmählichen Hineinwachsen in das ganze Gebiet durch jahrelange Beschäftigung mit den Zeugnissen.' Sehr wohl; aber habe ich darunter nur das Überschütten mit Berichten und die bloße Häufung der Zeugnisse verstanden? Herr Müller zitiert mich nur halb, und das ist unter Umständen schlimmer als falsch zitieren. Was ich von der anhaltenden Beschäftigung mit der Parapsychologie erwarte, ist nicht die passive Gewöhnung des Überschütteten, sondern etwas durchaus tätig-logisches: die 'Erkenntnis natürlich-einheitlicher Typen des Geschehens' und die 'Entdeckung ihrer augenscheinlichen inneren Verknüpftheit unter einander, ihres natürlichen Zusammenhangs, worin ein Teil das andre stützt und trägt.' 'Nicht das logische Mikroskop verschafft uns die letzte Gewißheit in metapsychischen Dingen, sondern gerade der Abstand, d. h. der zusammenschauende Blick echt wissenschaftlich gesinnten Denkens; denn alle wahre Forschung sucht zu verbinden und dadurch die Dinge aus der Sinnlosigkeit der Vereinzelung zu erlösen.' Ich rufe jeden gerecht und logisch Denkenden als Richter darüber an, ob das nicht so ziemlich das Gegenteil der Meinung ist, die mir der Kritiker zuschreibt. - Über die weiteren drei Vorwürfe, die er gegen mein Buch erhebt, kann ich mich kürzer fassen. Dessen zweiter Mangel soll in der einseitigen Auswahl meines Materials bestehen. Die 'Kundgebungen der 'Geisterwelt" kennzeichnen sich angeblich durch 'Sinnlosigkeit, Belanglosigkeit, Mittelmäßigkeit, Gleichgültigkeit, Naivität, zum Teil sogar Lächerlichkeit und Groteskheit des Inhalts.' Dieser ganze 'Wust' sei 'ziemlich gleichmäßig 'bezeugt", und aus ihm greife ich angeblich das heraus, was 'zwar alle allzu naiven und vor allem alle abstoßenden und verrückten Züge vermeidet, aber über eine große Sinnlosigkeit und Belanglosigkeit auch nicht hinausgeht.' Diese 'Sortierung' lasse meine Tatsachenunterlage in einem allzu günstigen Licht erscheinen; denn das Schlimmste des 'Wustes' würde 'allein schon den schlagendsten Beweis gegen die spiritistische Deutung' desselben liefern. - Einer so 'sinnlosen' und 'naiven', ja 'lächerlichen' und 'grotesken' Auffassung X Vorwort des fraglichen Materials bei einem Manne zu begegnen, der sich rühmt, als einer von wenigen Dozenten in Deutschland über Parapsychologie im positiven Sinn gelesen zu haben, war mir enttäuschend, wennschon lehrreich. Als solcher müßte er eigentlich wissen, daß sich eine ganze Bücherei von angeblichen Kundgebungen der 'Geisterwelt' zusammenstellen läßt, die seiner Kennzeichnung nicht im mindesten unterliegen. (S. auch S. 324f. dieses Bandes.) Freilich trifft diese auf Teile des Stoffes zu, und ich habe dies meinen Lesern keineswegs verschwiegen. (S. z. B. II 246.) Wenn ich aber diese Teile fast ganz beiseite ließ, so doch nur darum, weil sie im Rahmen meiner klar durchdachten und ausführlich dargestellten Theorie der medialen Kundgebung als eines subjektiv-objektiven Mischvorgangs (s. V.Abschnitt Kap.2) aus der Behandlung meines Problemes völlig ausfallen. Mit der Logik meines Kritikers könnte man dem Goldwäscher zumuten, die Existenz von echten Körnern des Edelmetalls zu leugnen, weil die Lauge, die er siebt, größtenteils 'Dreck' enthält. Die Behauptung des Rezensenten, der ganze 'Wust' sei 'ziemlich gleichmäßig bezeugt', ist demnach nicht eigentlich falsch, sondern vielmehr sinn- und gegenstandslos. Als Äußerung von Medien ist natürlich alles 'gleichmäßig bezeugt', d.h. in automatischer oder Trans-Schrift und -Rede gegeben; als 'Kundgebung der Geisterwelt' aber ist nichts davon 'bezeugt', vielmehr entscheidet über einen solchen Ursprung gewisser Äußerungen - also über das Vorhandensein von 'Goldkörnern' - erst eine sehr verwickelte Analyse, und nur die Durchführung dieser Analyse nach bestimmten theoretischen Gesichtspunkten war die Aufgabe meines 3. und 4. Abschnitts, die der Kritiker offenbar nur flüchtig gelesen oder nur unzureichend verstanden hat. - Der dritte Mangel meines Buches soll darin liegen, daß ich 'die Erklärungsmöglichkeiten der heutigen Psychologie z.T. in primitiver und unzulänglicher Weise darstelle, z.T. überhaupt nicht berücksichtige.' Genannt werden dabei nur die Entwicklungspsychologie und die Eidetik. Was nun die erstere betrifft, so sehe ich schlechterdings nicht ein, welche Bedeutung ihr in der Klärung 'spiritoider' Vorgänge zukommen kann. Wenn selbst deren 'animistische' Deutung versagt (und das beweist mein Buch), so versagt die nicht einmal mit parapsychologischen Voraussetzungen rechnende Entwicklungspsychologie erst recht; denn sie müßte die spiritoiden Abläufe entweder als Archaismen und Atav ismen (in völkerpsychologischem Sinn) oder als Infantilismen Vorwort XI (in jugendpsychologischem Sinne) deuten. Nach dem spiritistischen Ergebnis der Untersuchung entstammt aber das mediale Geschehen vielfach einem Eingriff von außen, der selbstverständlich jeder entwicklungspsychologischen Deutung von innen her völlig entzogen bleibt. - Auch der fast zum Modeschlagwort gewordene Kunstausdruck Eidetik kommt in meinem Buche kaum vor (s. dagegen II 280); doch meine ich natürlich die gleiche Sache, wenn ich von Sensualisieren oder besonders guten Sensualisierern spreche. Im übrigen ist dieser Tatbestand für mein Problem von durchaus untergeordneter Bedeutung; denn es handelt sich bei diesem nirgends um die Lebhaftigkeit wahrgenommener Bilder ('Erscheinungen'), sondern überall nur um ihren Ursprung, um die Ableitung ihres Inhalts, ihrer örtlichen, zeitlichen und sonstigen Bezüge. Und hierzu sagt ihre eidetische Betrachtung nichts aus. - Beide Einwürfe des Rezensenten gehören also zu jenen Schüssen ins Blaue, die nur auf den uneingeweihten Leser Eindruck machen können: sie knallen zwar, aber sie treffen nicht. Wenn er sich gar zu der Behauptung versteigt, ich stellte psychologische Erklärungsmöglichkeiten 'in lächerlicher Weise' dar, indem ich 'z.B. das Überseelische in der Form des 'Erdgeistes' auftreten lasse', so muß ich ihn daran erinnern, daß es sich hier um eine Hypothese handelt, die von animistischen Gegnern tatsächlich ins Feld geführt wird und die sich überdies auf keinen Geringeren als Fechner berufen kann. Hr. Müller erwähnt übrigens noch einen andern sonderbaren 'Beleg' für meine Nichtbeachtung psychologischer Erklärungsmöglichkeiten: nämlich daß ich Richard Baerwald als 'den ergiebigsten und scharfsinnigsten unter den deutschen Animisten' bezeichne; in Wirklichkeit gehöre Baerwald zu den 'engsten und einseitigsten Vertretern des Okkultismus, der alles, was er überhaupt als Tatsache bestehen läßt, aus dem Unbewußten erklärt.' Es müßte nun richtiger heißen: 'aus dem Unbewußten und seinen umfassenden telepathischen Fähigkeiten'. Aber angenommen, daß Hr. Müller eben dies habe sagen wollen: welcher Unterschied ist denn zwischen einem solchen Okkultisten und einem Animisten? Nicht der geringste. Und welchen Sinn hat dann der Vorwurf des Rezensenten? Nicht den geringsten. - Endlich der vierte Mangel: 'Mattiesen hat die Erscheinungen, die er benutzt, aus dem Zusammenhang der übrigen parapsychologischen Erscheinungen herausgerissen. Dadurch begünstigen sie die spiritistische Deutung. Erst im Zusammenhang des ganzen Gebietes sieht XII Vorwort man einmal, daß wir im Prinzip das gesamte Gebiet aus der heutigen Kenntnis von der Struktur der Seele verstehen können (mit alleiniger Ausnahme der Prophezeiung, die besondere Annahmen erfordert); fürs zweite, daß diese psychologischen Einsichten uns nicht vom Okkultismus, sondern anderswoher gekommen sind und daß sie dem Okkultismus nur hier begegnen.' - Ich muß sagen, daß diese Sätze - falls ich sie überhaupt verstehe - eine seltsame Höchstleistung der Verwirrung und Verdrehung darstellen. Hinsichtlich des ersten erscheint dies unbestreitbar. Denn weit entfernt, die spiritoiden Tatsachen 'aus dem Zusammenhang der übrigen parapsychologischen Erscheinungen herauszureißen', stelle ich sie vielmehr unablässig mitten in diesen Zusammenhang hinein: beruht doch fast meine gesamte Beweisführung auf dem - mißlingenden - Versuch, das anscheinend Spiritistische auf animistische Weise, d.h. 'aus dem Zusammenhang der übrigen parapsychologischen Erscheinungen' heraus zu deuten. Aber weiter: was besagen die Worte über die Verständlichkeit des 'gesamten Gebietes aus der heutigen Kenntnis von der Struktur der Seele'? Soll damit gesagt sein, daß die 'heutige', d.h. die akademische, den 'Okkultismus' ablehnende Psychologie das 'gesamte Gebiet' auch des 'Okkulten', einschließlich des scheinbar Spiritistischen, verständlich mache? Dann müßte ich aufs schärfste widersprechen; denn nicht nur die Prophezeiung, sondern aiuch Telepathie, Hellsehn, Materialisation u.a.m. liegen jenseits der akademisch anerkannten Deutungsgrundlagen, und damit fehlen der 'heutigen' Psychologie auch die Mindestannahmen zur Fortdeutung des spiritistischen Anscheins gewisser Vorgänge. Oder - sollen die eben aufgezählten parapsychischen Tatsachen samt und sonders geleugnet und die Ableitbarkeit ihres Anscheins aus Grundbegriffen der akademischen Normalpsychologie behauptet werden? Dann wüßte ich nicht, was unser Kritiker in seinen Vorlesungen 'im positiven Sinne' über parapsychische Dinge vorgebracht hat; wohl aber wüßte ich, daß er in einer unfaßlichen Selbsttäuschung über die Tragweite normalpsychologischer Begriffe befangen ist. Gesteht er dagegen echte parapsychische Tatsachen zu, insonderheit Telepathie und Hellsehn, also die Mindestvoraussetzungen der anhnistischen Deutung spiritoider Vorgänge, - wie kann er dann behaupten, die hierzu erforderlichen 'psychologischen Einsichten' seien uns 'nicht vom Okkultismus, sondern anderswoher gekommen'? Er wird ja doch nicht sagen wollen, daß uns die akademische Psychologie die Kenntnis jener 'okkulten' Mindestvoraussetzungen verschafft hat! - Vorwort XIII Wenige Worte über einen andern mißgünstigen Beurteiler, weil auch hierbei grundsätzliche Fragen zu berühren sind. Prof.Dr.FranzXaver Walter, vormals Moraltheologe der Münchner Universität, bewegt sich in seltsamen Widersprüchen. £r lobt z.B. meine Auseinandersetzung mit dem Animismus, der 'nicht restlos befriedigen' könne und etwas 'Gesuchtes und Unzulängliches' habe. Doch zugleich erhofft er vom Fortschritt der Wissenschaft eine 'Erweiterung der animistischen Erklärung', die, 'so lange nur eine Möglichkeit besteht, den unbestrittenen Vortritt hat'. Und warum? Leugnet er etwa die Tatsache des Uberlebens, also die Grundlehre des 'Spiritismus'? Wie sollte er wohl, als gläubiger Katholik! Er gibt sogar zu, daß es 'eine Fülle glaubwürdiger Zeugnisse für das Erscheinen Abgeschiedener gibt', und beruft sich dafür auf das 'spannend geschriebene' Buch eines katholischen Autors, Klimschs 'Leben die Toten?' Ja er hält weitere 'experimentelle Beweise des Fortlebens' für 'erwünscht'! Warum erregt dann doch meine 'Darstellung der Erfahrungsbeweise' sein unverkennbares Mißfallen? Weil er vom kirchlichen Standpunkt aus die wissenschaftliche Behandlung unsrer Frage nicht billigen darf. Gegen die spiritistische Deutung der fraglichen Tatsachen 'bestehen schwere Bedenken - und werden immer bestehn. Und die schwersten unter diesen sind ehr i s t l i c h - r e l i - giöser Natur... Der Christ [lies: Katholik] muß sich an andre Quellen halten, aus denen er seinen Glauben schöpft.' (Und dennoch die Erwünschtheit weiterer 'experimenteller Beweise'?!) Hier scheiden sich grundsätzlich die Wege. Wenn Bibel und Kirche uns genügen, die Fragen des Nach-dem-Tode zu beantworten, so bedarf es erfahrungsmäßigen Suchens nach dieser Antwort überhaupt nicht. Aber Bibel und Kirche sind sich ihrer eignen Antwort nicht sicher. Daß die Bibel in diesen Fragen nicht eindeutig ist, beweist die Uneinigkeit der kirchlichen bezw. theologischen Lehren. Der Katholik hat Fegefeuer, Himmel und Hölle als die Orte oder Zustände, die den Sterbenden empfangen; dem Protestanten wird bald gar nichts Genaues gesagt (die Toten sind irgendwie 'bei Gott'), bald daß sie je nach Verdienst in verschiedener Weise fortleben, bald daß sie gänzlich vernichtet werden, um erst am jüngsten Tage zu Seligkeit oder Verdammnis neu erschaffen zu werden. Bei dieser Vielgestalt und überdies Unbewiesenheit der Kirchenlehren ist es verzeihlich, wenn der Laie sich mit der Frage aller Fragen anderswohin wendet; und die herrschende Wissenschaft erwidert ihm, daß ein Überdauern des Ich nach Vernichtung des Leibes un XIV Vorwort denkbar sei. Die Folge solcher Ablehnung, ihre Endgültigkeit vorausgesetzt, wäre unausbleiblich die, daß in absehbarer Zeit kein Mensch mehr an ein Fortleben glauben und damit ein wesentlicher Ansatzpunkt aller Religion überhaupt hinfällig würde. Denn die Popularisierung der Wissenschaft ist ein unaufhaltsamer Vorgang. Bei dieser Sachlage erscheint es mir ebenso natürlich wie erfreulich, daß auch im Schöße der Kirchen (und zwar auch bei einzelnen katholischen Denkern) die Erkenntnis von der Wichtigkeit der Parapsychologie erwacht und deren vornehme Ablehnung zu verdrängen beginnt. Von protestantischer Seite ist das Erscheinen dieses Buches sogar als ein Beitrag zur 'Festigung des Fundaments unsrer Religion' gewertet worden. Pfarrer Dr. Stahn, der diese Worte über seine Besprechung setzte, berief sich dabei auf ein Wort von Prof. Rudolf Otto: 'Jede Religion lebt von der Gewißheit ihrer Vorstellungen, leidet an ihrer Ungewißheit und stirbt an ihrer Unmöglichkeit,' und fügte hinzu: 'Das kennzeichnet Not und Notwendigkeit unserer Tage.' Auch ist er nicht der einzige Rezensent, der das Studium meiner Beweisführung vor allem den Geistlichen und Theologen dringend ans Herz legte; darüber hinaus aber allen ernstlich nach Religion und Weltanschauung Suchenden. Denn unstreitig greift die Frage des Fortlebens an die Wurzel unsres gesamten Denkens über Welt und Leben. Abschließend will ich noch einem dritten meiner Rezensenten einige Zeilen widmen, um die Willkür und Oberflächlichkeit ins Licht zu rücken, mit der selbst parapsychologisch eingestellte Gelehrte noch heute spiritistische Darlegungen zu behandeln belieben. - Prof. D. Dr. Beth, Religionspsychologe der Wiener Universität, findet es zunächst methodisch falsch, daß ich das Argument aus den Tatsachen der 'Exkursion' an den Schluß des Buches gestellt habe, wodurch es 'fast wie Beiwerk' oder 'angenehme Zutat zum eigentlichen Gegenstand des Werkes' erscheine. Der Leitgedanke meines Planes war, eine Reihe von Argumenten vorzuführen, deren jedes die spiritistische Deutung bestimmter Tatsachen als die einfachste und natürlichste, ja als die einzige ihnen völlig entsprechende erscheinen läßt; dann aber diesen 'kumulativen Indizienbeweis' mit einem schlechthin 'durchschlagenden' Argument zu krönen und damit jeden etwa noch verbleibenden Zweifel zu vernichten. Der 'knock-out' sollte erfolgen, nachdem der Gegner schon taumelte. Prof. Beth, der diese Absicht der Steigerung nicht be Vorwort XV griffen hat, fährt nun aber fort: 'Statt dessen setzt Verf. mit dem wohl seiner Meinung nach zugkräftigsten [1] Gegenstände ein, den Erscheinungen oder Selbstbekundungen Verstorbener, mit Spukphänomenen u. dgl. Dann wird für ihn notwendig, die Einwände gegen die Realität des Spuks mittels der mediumistischen Bekundungen Verstorbener aus dem Felde zu schlagen, und die Einwände gegen diese letzteren mit den neuerdings besonders gehegten 'Kreuzkorrespondenzen' zu widerlegen,' die doch 'für den, der nicht schon spiritistisch denkt, von geringster Überzeugungskraft' seien. - Diese Behauptungen beruhen auf völlig freier Erfindung des Rezensenten. Nirgends deute ich an, daß eins der genannten Argumente die Schwächen eines andern auszugleichen habe (sie sind vielmehr alle einander 'koordiniert' und von gleicher Stärke); am wenigsten aber sollen dies die Kreuzkorrespondenzen tun, von denen ich - weit entfernt, sie 'für die spiritistische Auffassung als Schlager [!] auszuspielen' - vielmehr ausdrücklich sage, daß sie an sich, also unabhängig von der genauesten Prüfung der Einzelumstände ihres Auftretens, keinen durchschlagenden spiritistischen Beweis liefern können (II 189). In Wahrheit bildet meine Analyse der Kreuzkorrespondenzen nur einen Teil der Untersuchung von 'Entsprechungen' überhaupt, und diese einen Teil der Gesamtuntersuchung 'formaler Verhältnisse der Kundgebung'; innerhalb dieser Untersuchung aber liefern das 'Mehrheitsspiel des Transdramas' und die 'technische Sonderung der Kommunikatoren' weit stärkere spiritistische Argumente, als die 'Entsprechungen' insgesamt (einschließlich der Kreuzkorrespondenzen). Von allen diesen Untersuchungen aber, die zu den originalsten und fachmännisch besonders anerkannten des Buches zählen, erfährt der Leser der Bethschen Rezension nicht eine Silbe. Sie kennzeichnet sich damit als völlig irreführend und die Gedankengänge des Buches grob entstellend. Prof. Beth läßt die spiritistische Auffassung als 'reine Arbeitshypothese' durchaus gelten. Er hält es aber 'für die einzig berechtigte wissenschaftliche Haltung gegenüber den parapsychischen Erscheinungen, sich so lange wie möglich mit der aus der Naturbeobachtung gewonnenen biologisch-kosmischen Hypothese zu behelfen, die auf Grund der immer wiederkehrenden Naturerscheinung der eigenartigen seelischen Verbundenheit alles Lebendigen durch den uns bekannten Kosmos hin mit einem Rhythmus allgemeiner Bezogenheiten des irgendwie Seele- und Lebe-Vollen rechnet.' Soll dies ein Einwand gegen mein XVI Vorwort Buch sein?! Sein Haupt-Verfahren beruht darauf, diese 'biologischkosmische Hypothese', die Hr. Beth auch bei mir formuliert finden kann (u. a. II 295), so weit als möglich auszunützen und erst dann in spiritistischem Sinn zu überschreiten, wenn bestimmte Einzelumstände der Beobachtung dies rechtfertigen oder erzwingen. Das soz. mikroskopische Studium dieser Einzelumstände bildet die eigentlich entscheidende und großenteils neue Leistung meines Buches. Trotzdem erfährt der Leser der Bethschen Besprechung auch davon keine Silbe. Vielmehr begnügt sich der Rezensent damit, das Schlagwort seiner eigenen Denkgewöhnung gegen meine umständliche Argumentation einfach auszuspielen, und es kümmert ihn wenig, daß ich Hunderte von Seiten auf den Nachweis verwende: dies Schlagwort decke nur einen Teil der Tatsachen und verliere desto mehr an Schlagkraft, je genauer man in die Einzelheiten der Beobachtung eindringe. Doch nein: nicht gänzlich begnügt sich Prof. Beth mit solch allgemeinem Widerspruch. Zu einem Schritt ins einzelne wenigstens läßt er sich herbei; ja er widmet ihm die Hälfte der zehn Seiten seiner Besprechung. 'Da es unmöglich ist (schreibt er), auf mehrere Einzelfälle aus der Überfülle von in dem Werk gegebenen Beispielen einzugehen, beschränke ich mich hier auf die Besprechung eines einzigen, welches Mattiesen hoch veranschlagt.' Das nenne ich ritterlich kämpfen: kann er seine Lanze nur gegen ein Stück meiner Rüstung richten, so soll es doch eins der stärksten sein. Dies ist der bekannte Fall des Gordon Davis, eines Lebenden, der sich mit Angaben aus seinem Leben durch ein Medium kundgab genau in den Formen, wie dies Abgeschiedene auch tun, sich dabei aber selbst als verstorben bezeichnete! Der Rezensent ist der Ansicht, daß hier 'von irgend einem spiritistischen Identitätsnachweis keine Rede sein kann,' und nimmt an, daß das Medium die Einzelaussagen, soweit sie nicht dem anwesenden Sitzer bekannt waren, dem entfernten lebenden Gordon Davis 'abgezapft' habe. Nun, dies ist an sich eine durchaus berechtigte Hypothese, die auch ich in meiner Theorie der medialen Kundgebung ausführlich herangezogen habe (z. B. I 356ff.). Ob sie den Fall Gordon Davis richtig deute, darüber kann man verschiedener Ansicht sein. Ich glaube z. B., daß Davis' Äußerung, er sei 'gestorben', wesensverwandt ist mit der sehr natürlichen Überzeugung vieler Exkurrierender, sie seien nun tot; jedenfalls begeht Prof. Beth ein grobes Versehen, wenn er Davis die Aussage zuschreibt, er sei 'im Kriege gefallen', und dies dann aus des Sit Vorwort XVII zers irriger Meinung in dieser Hinsicht ableitet. Aber - was besagen schließlich diese und andere mögliche Gegensätze der Auffassung! Habe ich denn wirklich den Fall Davis als Beispiel eines 'spiritistischen Identitätsnachweises' angeführt? Ganz und gar nicht. Vielmehr stelle ich ihn mit elf weiteren Fällen der Selbstbekundung Lebender durch Medien zusammen, um einen Einwand gegen die spiritistische Deutung solcher Kundgebungen überhaupt zu begründen; einen Einwand, der tatsächlich von Gegnern des Spiritismus erhoben wird. Meiner Ansicht nach verfehlt er zwar sein Ziel; denn am Ende beweist die Kundgebung Lebender durch Medien doch noch eher, daß die in genau den gleichen Formen erfolgende Kundgebung Verstorbener gleichfalls von 'Lebenden' ausgeht. Deis ändert aber nichts daran, daß der Fall Davis zunächst zugunsten des animistischen Gegners eingeführt wurde. Was Prof. Beth also unfaßlicherweise übersieht, ist dies: daß wenn er nicht nur den Fall Davis, sondern auch alle ihm verwandten mir aus der Hand schlüge, er nichts erreicht hätte, als einem Einwände gegen die von mir vertretene Lehre die Tatsachengrundlage zu entziehn. - So liest ein deutscher Gelehrter das Lebenswerk eines andern, über das er es unternimmt, sich öffentlich zu äußern. Der vorliegende Band behandelt fast durchweg die schwierigsten Teilgebiete unsres Problemzusammenhangs, und er sucht dies ständig dem Leser bewußt zu machen durch die vorsichtige Zurückhaltung des Tons, in welchem der Stoff und die Argumente dargeboten werden. Ich hoffe, daß auch meine Beurteiler dies erkennen werden, ohne darüber die außerordentliche Wichtigkeit und das Zukunftsträchtige des so mühsam Erkämpften zu übersehen. Ein Gebiet möglicher Erkenntnisse verliert nichts an Wert und Reichtum dadurch, daß man nur zögernd den Schritt über seine Grenzen zu setzen wagen kann. Mögen meine Ausführungen dazu beitragen, die großen Fragen wenigstens im Fluß zu halten, an die sie vorsichtig rühren, und Probleme vor dem Versanden zu bewahren, die - wie mir scheint - gerade im heutigen Zustande der Naturforschung eine überraschende Fruchtbarkeit zu entfalten berufen sind. Emil Mattiesen INHALT Siebenter Abschnitt. Argumente aus der Objektivität der Erscheinung 1 1. Beweise für die Objektivität von Spontanphantomen aus den Umständen ihrer normalen Wahrnehmung 1 2. Photographische Aufnahmen von Phantomen 23 3. Objektive Wirkungen sichtbarer und unsichtbarer Freiluftphantome 32 4. Das objektive Teilphantom der Experimentalsitzung 75 5. Vollphantome der Experimentalsitzung 104 6. Die ideoplasüsche Theorie der Erscheinung 155 7. Die Anatomie der Materialisation 162 8. Die Abhängigkeit der Materialisation vom Medium 175 9. Die Theorie des 'feineren' oder 'fluidalen' Leibes 189 10. Die ideoplasüsche Theorie der Materialisation 203 11. Die körperliche Selbständigkeit der Materialisation . . . . 214 12. Die seelische Selbständigkeit der Materialisation 222 13. Identifizierte Materialisation: 1. Körperliche Kennzeichen . . 236 14. Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen . . 252 15. Argumente für die spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 270 16. Erledigung von Bedenken 292 17. Die Kleidung der Materialisation 300 Achter Abschnitt. Das Argument aus den sog. Büchertesten . . 309 Neunter Abschnitt. Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus 322 1. Alogische Widerstände 322 2. Weltanschauliche Vorurteile 327 3. Schwierigkeiten im Begriff des Fortlebens selbst 329 4. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 331 Erklärung der Titelabkürzungen 376 Namenverzeichnis 379 Sachverzeichnis 384 S i e b e n t e r Abschnitt Argumente aus der Objektivität der Erscheinung i. Beweise fiir die Objektivität von Spontanphantomen aus den Umständen ihrer normalen Wahrnehmung Die Erörterung des Sinnes und Ursprungs von 'Erscheinungen' im ersten Abschnitt dieses Buches suchte eine Frage nach Möglichkeit auszuschalten: die Frage nach dem eigentlichen Wesen der Erscheinung. Und doch ließ sich die öftere Erwähnung von Einzelheiten nicht vermeiden, welche diese Frage dem Leser aufdrängen mußten: indem sie eine gewisse 'Objektivität' der Erscheinung anzudeuten schienen, jedenfalls ihrer Auffassung als bloße 'Halluzination' widersprachen (wenngleich als 'wahre' und vom Erscheinenden selber zweckvoll verwirklichte Halluzination). Dieser Frage nach dem eigentlichen Wesen von Erscheinungen darf aber innerhalb unsrer gesamten Untersuchung nicht endgültig beiseite gelassen werden; denn es erscheint klar, daß ihre Beantwortung für das spiritistische Problem nicht ohne jede Bedeutung sein kann. Erstens wäre ja mit der Objektivität von Phantomen eine Art des Daseins festgestellt, die man wohl geneigt sein könnte, auch den Entleibten zuzuschreiben; die also auch geignet wäre, ihr Weiterleben glaublicher zu machen (wie ja die volkstümliche Auffassung im 'Gespenst' ohne weiteres den Abgeschiedenen selbst in seiner neuen Leiblichkeit erblickt). Sodann aber wäre damit eine neue Grundlage für die Behandlung der Frage gewonnen: ob und wieweit Lebende, also auch Medien, imstande seien, solche Phantome 'Fremder' zu erzeugen, ob und wieweit man dazu die Erscheinenden selbst in Anspruch nehmen müsse. Wir haben diese Frage früher erwogen nur in der Anwendung auf Phantome, die wir als rein halluzinatorische zu fassen bereit waren, deren Wesen jedenfalls im Dunkeln gelassen wurde; und schon da erschien uns die Erzeugung von Heterophanien bedenklich oder nur in Grenzen zugestehbar. Würde sie uns weniger bedenklich erscheinen, wenn diese Fremderscheinungen 'objektive Realität' U x t i e i e n , D u petsOnlicbe Überleben III 1 2 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung besäßen? Über den bequemen Begriff der telepathischen Erzeugung des Bildes eines Dritten würden wir jedenfalls mit der Anerkennung objektiver Phantome gründlich hinausgedrängt, und entsprechend würde vielleicht die Auffassung des Phantoms als Autophanie ganz neuartige Begründungen gewinnen? - Die Frage nach solcher Objektivität ist also offenbar nicht nur eine der sonderbarsten an sich, sondern anscheinend auch geladen mit theoretischen Beziehungen auf unser Hauptproblem. Es erscheint daher verlockend, in dies verwirrende Dunkel einzudringen, selbst wenn sich vorderhand noch gar nicht absehn ließe, wohin der Weg uns führen mag. Der scheinbar feste Punkt, von dem wir dabei ausgehn, ist natürlich das Phantom als 'halluzinatorische Erscheinung'. Dies war der Begriff, mittelst dessen die ersten bedeutenden Bearbeiter der Frage, Vor allem Gurney und Podmore, mit allen 'Phantasmen' fertig zu werden gedachten. Ihre 'Erscheinungen Lebender' im Augenblick der Gefahr oder des Sterbens waren 'veridike Halluzinationen'. Und dieser Begriff übertrug sich zunächst glatt genug auch auf Phantome, von denen es fraglich sein .mußte, ob sie dem no ch lebenden Erscheinenden zugeschrieben werden durften. Die Frage aber war auch hier zunächst nur die: ob man solche Halluzinationen der 'Grenzzeit' zwischen Leben und Tod noch vom lebenden Erscheinenden selbst (auf Grund von 'Latenz'), oder von einem andern Lebenden, oder vom Verstorbenen ableiten sollte.1 Doch schon der Mitarbeiter der beiden Genannten, Frederic Myers, strebte unzweideutig über den Begriff der 'wahren Halluzination' hinaus. In kurzen und fast zaghaften, aber vielbeachteten Andeutungen sprach er von der Möglichkeit, ja Nötigung, gewisse Erscheinungen zurückzuführen auf etwas irgendwie Wirkliches, das, vom 'Agenten' ausgehend, sich nach dem Orte der Erscheinung hinbegebe, diesen Ort 'invadiere', und nun - von einem dort geschaffenen 'phantasmogenetischen Zentrum' aus - sowohl die sichtbaren wie die Gehörsbestandteile der Erscheinung erzeuge und eben darum nicht nur für den eigentlich ins Auge gefaßten Perzipienten wahrnehmbar mache, sondern für jeden am Ort jener 'psychischen Invasion' Anwesenden.8 Der Gedanke behält bei Myers eine quälend unbestimmte Fassung, und es erscheint nicht eben erleuchtend, wenn der große Forscher gerade von einer 'Modifizierung des Raumes'* spricht, um der geforderten örtlichen 'Anwesenheit' doch irgendeinen Inhalt zu geben.1 - Bei der 1) Vgl. o. I 54f. 2) Myers I 247.264f. 273f. II 186 u. sonst. 3) Modiflcaüon of space. 4) Nlcbt eben weiter scheint es mir aber auch zu fahren, wenn Buchner (S. 284) von 'gedanklichen oder psychischen Ausstrahlungen' spricht, durch welche "unwirklichwirkliche' Gebilde geschaffen worden, 'die zwar nicht alle Eigenschaften der vollen Wirklichkeit besitzen, aber unter Umstanden doch sinnlich wahrgenommen werden können'. Objektivität von Spontanphantomen 3 Aufstellung seines Begriffs ging Myers übrigens keineswegs von der Tatsache der 'Materialisation' aus, also von Phantomen, denen (wie wir sehen werden) Objektivität im äußersten Sinne nicht abzusprechen ist. Diese Tatsache nahm vielmehr nur einen sehr bescheidenen Platz in seinem umfassenden Entwurf der neuen Wissenschaft ein1; und den gewaltigen Aufschwung der Erforschung dieser unerhörten Tatsachen sollte er nicht mehr erleben. In der Tat stellt sich die Frage der Objektivität von Phantomen mit großer Schärfe auch außerhalb aller Berücksichtigung von 'Materialisationen'. Myers scheint hauptsächlich durch die Tatsache der 'kollektiven' Wahrnehmung sog. telepathischer Erscheinungen auf seinen Begriff des 'phantasmogenetischen Zentrums' gekommen zu sein, also ihrer Wahrnehmimg durch mehrere Perzipienten; und dies ist es ja auch, was uns früher vor allem andern das Problem des Wesens von Phantomen fühlbar gemacht hat. In Wahrheit aber steht diese Tatsache der Kollektivität keineswegs vereinzelt da; es sind vielmehr noch mancherlei andre Einzelumstände, die den Anschein der Objektivität von Phantomen (immer abgesehn von Materialisationen) aufdrängen. Ich habe sie schon in einem früheren Buche erörtert2 und will mich darum hier auf das wichtigste beschränken. Wird doch diese vorläufige Betrachtung sehr bald von einer andern 'verschlungen' werden, die jeden Zweifel an der Ausdeutung der 'bescheideneren' Tatsachen verstummen läßt. - Unter den anscheinenden Objektivitätsmerkmalen, die ich damals besprach, sind einige, die bei unsrem heutigen Wissen über die Ausgestaltungsmöglichkeiten von Halluzinationen nicht zur Bündigkeit erhoben werden können, mit denen ich mich daher hier gar nicht aufhalten will: z. B. die Tatsache der Wahrnehmbarkeit von Phantomen durch mehrere Sinne gleichzeitig; die Eigenschaft vieler Phantome, von undurchsichtigen Gegenständen teilweise - und perspektivisch richtig - verdeckt zu werden;3 wozu auch die Tatsache gehört, daß Phantome beim Schließen der Augen verschwinden, beim öffnen derselben wieder 'da sind',1 oder daß sie, falls zunächst durch einen andern Sinn wahrgenommen, erst beim öffnen der Augen sichtbar werden,8 oder beim Fortblicken bezw. Verlassen des Zimmers nicht mehr gesehn, beim Wiederhinblicken oder bei der Rückkehr ins Zimmer von neuem gesehen werden.6 Bei allen diesen das unbefangene Urteil leicht überzeugenden Beobachtungen stehn dem Psychologen gewisse subjektivistische Deutungen oder doch Ausflüchte zur Verfügung, die erst ins Wanken kommen würden, wenn irgendetwas uns 1) Myers II 544-9. 2) Mattlesen Kap. XLIX. 3) Gurney I 425; II 530. 4) Pr X 189f. 5) Gurney I I 526. 6) das. I 428; Crowe 179; Mattlesen 523fl. 1" 4 Argumente am der Objektivität der Erscheinung nötigte, allen - oder gewissen - Halluzinationen selbst eine Art von Objektivität zuzuschreiben. Einstweilen also mag man sagen, daß Beobachtungen der angedeuteten Art beachtenswerte Bestätigungen der Objektivität von Erscheinungen liefern würden, falls sonst noch gute Gründe dafür sich fänden. Insonderheit dürfte zu merken sein, daß gerade unter Erscheinungen Verstorbener die durch zwei oder drei Sinne wahrgenommenen besonders häufig sind.1 Verwickelter schon liegen die Dinge bei einigen weiteren Besonderheiten mancher Erscheinungen: nämlich der Tatsache, daß sie einen Schatten werfen und sich in Spiegeiii wahrnehmen lassen. Von Phantomen, die als mehr oder minder durchsichtig geschildert werden,1 wird man freilich von vornherein nicht erwarten, daß sie einen Schatten erzeugen. Andre sind so undurchsichtig, daß sie selbst starke Lichtquellen 'verdecken' können, z. B. die Flamme einer Kerze, vor der das Phantom vorüberschreitet,3 und von solchen wird man natürlich auch fordern, daß sie unter entsprechenden Umständen einen Schatten werfen. Daß sie es tun, dafür haben wir schon früher ein Beispiel kennen gelernt: das von Mrs. P. beschriebene Phantom eines Herrn in Marineuniform, das von ihrem Gatten als das seines Vaters erkannt wurde und beim Vorüberschreiten an der Lampe 'einen tiefen Schatten ins Zimmer' fallen ließ.' Auch der Rev. Tweedale behauptet, am 27. Oktober 1907 in seinem Pfarrhaus in Weston ein Phantom gesehn zu haben, das 'einen dunklen Schatten an die Zimmerdecke warf.5 Nun wissen wir, daß auch völlig deutlich in den Raum hinausverlegte Halluzinationen 'dahinter' gelegene Gegenstände verdecken, und gute 'Visualisierer' - Eidetiker, wie man heute sagt - geben gelegentlich an, daß von ihnen bis zur 'Realität' verdeutlichte Bilder auch Schatten werfen.6 - Solche Tatsachen kann der rechtgläubige Psychologe - sofern er den ungewissen Begriff der 'dinglichen Vorstellung' nicht gelten lassen will - nur bewältigen mittelst des Begriffs der (positiven oder negativen) 'Erwartungssuggestion', also der dem Gewohnten entsprechenden 'Abrundung' oder Ergänzung eines halluzinatorischen Erlebnisses; wobei ihn die gangbaren physiologischen Theorien des Halluzinierens allerdings zur Annahme höchst verwickelter Abläufe von Erregungen und Hemmungen entweder von Netzhaut- oder von Hirnelementen nötigen würden.7 Unser Psychologe gerät aber vollends mit seinen Hilfsannahmen ins Gedränge, wenn der Wahrnehmung einer "Erscheinung' die Wahrnehmung ihres Schattens vorausgeht; wie etwa bei dem von einer Miss 1) Pr X 364. 2) z. B. Pr X 75.77. 3) Pr X 188. 4) Pr VI 26ff. (Bd. I 2011.). Eine weniger eindeutig-ausdrückliche Beobachtung s. Pr X 188 (Mrs. W.) 5) Tweedale 231. 6) S. z. B. Mm. Verrall in Pr VIII 480. 7) S. Mattiesen 5261. Objektivität von Spontanphantomen 5 A. S. beschriebenen.1 Dies Phantom scheint nicht 'identifiziert' worden zu sein; es verbleibt daher die Ausflucht, die Wahrnehmung des Schattens sei die ursprüngliche, eigentliche Halluzination gewesen, und die beim 'Wenden des Kopfes' erblickte Gestalt einer 'hochgewachsenen Frau in Weiß' - die zur 'Abrundung' hinzugefügte Erwartungshalluzination. Dies ist zwar eine äußerst willkürliche Auslegung von verdächtiger Findigkeit. Immerhin ist jene Beobachtung keine 'frisch' berichtete, und somit nicht von genügendem Zeugnisgewicht, um den geschickten Einwand abzuwehren. Vollends versagen aber muß dieser, wenn das mit einem Schatten beginnende Phantom nachweislich Wahrheitsbedeutung hat: die Annahme, daß eine telepathisch angeregte Halluzination mit der Wahrnehmung eines unerkannten Schattens einsetzen und dann erst in der 'entsprechenden' Wahrnehmung der Gestalt des angeblichen Agenten gipfeln könne, richtet sich selbst durch ihre gewaltsame Künstlichkeit. 'Denn der Schatten einer Gestalt bedeutet nicht eine unvollkommene Entwicklungsstufe dessen, was als die subjektive Ausgestaltung der telepathischen Einwirkung aufzufassen wäre, sondern ein in sich völlig selbständiges und nur in der Ordnung der Wirklichkeit abgeleitetes Element äußerer Wahrnehmung, das eben darum irgendwelchen Sinn erst erhält, nachdem seine 'natürliche' Bedingung schon gegeben ist.'2 Es wäre leichtfertige Willkür, anzunehmen, daß hier ein unterbewußt gespeichertes, völlig ausgebildetes Gesichtserlebnis mit Wahrheitsgehalt dem Wachbewußtsein soz. in paradoxer Umkehr des Ablaufs dargeboten werde. Sollte die Beobachtung mit der Zeit mehrere gerade in dieser Einzelheit verbürgte Fälle wahrer Phantome liefern: deren Wahrnehmung also auf die eines 'natürlich geworfenen' Schattens erst folgte, so würde m. E. schon damit ein ziemlicher Beweis für die Objektivität gewisser Erscheinungen gegeben sein. Einen Fall dieser Art enthält der mehrfach erwähnte Umfrage-Bericht der Ges. f. psych. Forschung. 'Ich saß', schreibt Miss H. Wilson, die Hauptperzipientin, '[am Sonntagabend] zwischen 7 und 8 mit dem Rücken der mir näheren von zwei Kerzen zugewendet, [die auf dem Tische standen und] deren Licht auf mein Buch fiel. Plötzlich schwand das Licht, sodaß ich nicht weiterlesen konnte. Ich blickte mich rasch um und sah einen dunklen Schatten [etwa vom Durchmesser eines menschlichen Körpers] zwischen mir und den Kerzen hindurchgehen. Der [nahezu schwarze] Schatten war so dicht, daß er fast aus Stoff zu bestehen schien, aber ich nahm keinerlei Gestalt wahr. Wir beide [mein Vetter F. T. und ich] riefen aus: Ich glaubte, beide Kerzen wären am Ver- 1) P r X 1871. 2) Mattiesen 528. 6 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung löschen, und F. sagte: Mir schien es von der Tür herzukommen. Nachdem der Schatten vorüber war, waren die Kerzen vollkommen hell und reglos.. - Hier ist einiger Grund vorhanden, die Erscheinung mit einem bestimmten Ereignis in Verbindung zu bringen; denn in derselben Nacht um 3 starb der Bruder der dritten anwesenden Person, Mrs. H., die aber infolge ihrer Stellung und Haltung von einer Mitwahrnehmung ausgeschlossen gewesen zu sein scheint.1 Fälle, in denen Phantome gleichzeitig mit ihrem Abbild in einem Spiegel wahrgenommen werden, sind mindestens ebenso häufig wie die von schattenwerfenden Phantomen und können offenbar gleichfalls zur Not mit der Berufung auf erwartungsmäßige Abrundung um ihre anscheinende Bedeutung gebracht werden.8 Doch müßte es offenbar auch hier sehr viel schwerer wiegen, falls zuerst das Spiegelbild, und erst bei entsprechender Wendung des Blicks das eigentliche Phantom beobachtet würde. Die Umfrage der Ges. f. ps. F. lieferte den Bericht einer Mrs. T., wonach diese, z. Zt. zehnjährig, in dem Hause, wo ihre Großmutter gestorben war, deren Erscheinung beim Abstäuben eines Spiegels in diesem erblickte, und erst, als sie sich umwandte, an der Tür des Zimmers.3 Aber der Fall ist, wie man sieht, nicht 'frisch', es handelt sich um eine einfache Frau, und sie gibt ausdrücklich an, daß sie nach dem Tode der Großmutter das Haus vor Angst sogar gemieden hatte. Man mag also vielleicht ihr Blicken in den Spiegel geradezu für die Auslösung einer unterbewußt ständig erwarteten Halluzination halten, die sich beim Wenden des Blicks wiederholte, oder gar einfach bestehen blieb. - Dagegen erwähnt Iiiig in einem sehr umfangreichen Spukbericht - leider nur kurz und ohne ausdrückliche Beglaubigung des hier theoretisch Wichtigen - die Tatsache, daß die Perzipientin im Herbst 1917 das Thantom einmal vor dem Waschtisch stehen und im Spiegel reflektieren sah, sodaß sie es im wirklichen Bild von hinten und im Spiegelbild von vorne sehen konnte'.4 Geschah beides tatsächlich völlig gleichzeitig, so wäre der Vorgang von großer Bedeutung. - Gewichtiger ist ein andrer Fall des Umfrage-Berichts, der zwar das Im-Spiegel-erblicken nur aus zweiter Hand behauptet enthält, aber verknüpft mit der gleichzeitigen direkten Wahrnehmung desselben Phantoms durch Dritte. Miss Du Crane erzählt, daß sie am Abend des 1. Nov. 1889 zwischen 9Va und 10 Uhr in ihr Schlafzimmer hinaufgegangen war, von dem eine offene Tür in ihrer Mutter Schlafzimmer führte. 'Das einzige Licht war der Schimmer, der in beide Zimmer durch die venezianischen Rollvorhänge drang. 1) Pr X 3131. Hier entspricht natürlich der im 'Bericht' sogenannte Schatten dem (anscheinend nur undeutlich wahrnehmbaren) Phantom; während die anfängliche Verdunkelung des Lichtes den hier erörterten (geworfenen) Schatten darstellt. 2) S. z. B. Pr X 186; Tweedale 231. 3) Pr X187. 4) IUig 227. Objektivität von Spontanphantomen 7 Während ich am Kaminsims stand, erschrak ich über das plötzliche Erscheinen einer Gestalt, welche geräuschlos aus dem Außenzimmer auf mich zuglitt. Die Erscheinung war die eines jungen Mannes von mittlerer Größe in schwarzem Gewände und Hut. Sein Gesicht war sehr blaß, die Augen niedergeschlagen, wie die eines tief Nachdenkenden, der Mund von einem Schnurrbart beschattet. Das Gesicht war ein wenig leuchtend, was mich instandsetzte, die Züge deutlich zu unterscheiden, obgleich wir z. Zt. sehr wenig Licht hatten. Die Erscheinung glitt auf meine Schwestern zu, welche innerhalb des Zimmers ganz nahe der Außentür standen und die gerade ihres Bildes im Spiegel gewahr geworden waren. Einige Zoll von ihnen verschwand sie so plötzlich, wie sie gekommen. Während die Gestalt an uns vorüberglitt, fühlten wir deutlich eine kalte Luft,, welche sie zu begleiten schien. Eine meiner Schwestern sah die Erscheinung nicht, da sie sich gerade abgewandt hatte, fühlte aber die kalte Luft.'1 Sehen wir auch noch ab von dem sehr bedeutsamen, aber erst später zu besprechenden Umstand der 'kalten Luft' um das Phantom, so leuchtet doch ein, daß die hier gegebene natürliche Zusammenordnung einer Wahrnehmung-im-Spiegel (ihre Verbürgtheit vorausgesetzt) mit entsprechenden direkten Wahrnehmungen Dritter soz. eine neue Lage schafft: eine rein telepathisch-halluzinatorische Deutung solcher Abläufe müßte zu nachgerade verzweifelten Hilfsannahmen greifen. Wir begegnen zwar auch einem Spukphantom, das sich ausdrücklich nicht in einem Spiegel reflektiert haben soll, obwohl es vor diesem saß und hineinblickte!2 Doch mag man eine solche Beobachtung für zweideutig erklären, sodaß es fraglich bliebe, ob sie gegen Objektivitätsmerkmale streitet, die sich etwa aus positiven Beobachtungen über Spiegelung von Phantomen ergeben sollten.3 Indessen nähern wir uns mit dem letzten wiedergegebenen Beispiel bereits dem Tatbestand, der uns früher am häufigsten an die Objektivitätsfrage herangeführt hat: dem der kollektiven Wahrnehmung von Erscheinungen. Der Spiegel vertritt ja in gewissem Sinne selbst schon einen weiteren Wahrnehmenden: er spiegelt zwar nur, während die Netzhaut des Lebenden mehr tut; aber er fügt doch soz. sein Zeugnis zu dem des Lebenden hinzu. Die echte Tatsache kollektiver Phantombeobachtung eröffnet nun sogleich ganz neuartige Argumente zugunsten der Objektivität. Sie ist so häufig und bekannt, daß ich auf Belege für ihre schlichteste Fassung hier verzichten darf, nachdem der Leser schon etliche Fälle von ziemlicher Eindruckskraft kennen gelernt hat.4 Die Würdigung dieses 1) Aus JSPR März 1892 bei Podmore, Stud. 275. 2) JSPR X 308. 3) Bozzano (Hant. 16 i erwähnt statistisch 9 Fälle von Spiegelung und 2 Fälle, in denen das Phantom erat im Spiegel, danach direkt wahrgenommen wurde. 4) S. o. I 630. 88fl. 115f. 120. 126. 2011.208. Der Combined Index der S.P.R. gibt s.v. Hallucinations, collective cases aus Pr, JSPR u. Gurney über 50 Fälle an. Vgl. noch Dr. Vogls Fall in ZP 1927 286IT.; 192944t.; Flammarion II 239 ff. usw. 8 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Tatbestandes ist es, woran uns nunmehr liegen muß. Schon Myers sah in ihm, wie erwähnt, einen Anreiz, über das halluzinatorische Wesen von Phantomen hinauszugehn, und andre haben darin fast ohne Bedenken einen Objektivitätsbeweis zu finden gemeint.1 Daß Bedenken sich gleichwohl geltend machen, ist nicht zu leugnen. Zwar glaube ich, daß kollektiven Fällen gegenüber viel zu leichtfertig mit dem Begriff der 'Übertragung' von einem Perzipienten auf einen zweiten, dritten oder weiteren vorgegangen wird: es würde sich hierbei ja durchweg im strengsten Sinn um Heterophanien handeln, eine Annahme, zu der man, aus angegebenen Gründen, nur im Notfall seine Zuflucht nehmen sollte.' Nun steht uns natürlich noch eine andre offen: daß nämlich die inhaltlich übereinstimmenden Halluzinationen mehrerer Perzipienten durchweg von einem Agenten angeregt seien. Handelt es sich um Erscheinungen Verstorbener, so müßte freilich der Animist hier wieder die Erzeugung von Heterophanien fordern, was sich bei den ziemlich häufigen kollektiven Phantomen Lebender erübrigt Gegen diese Annahme der gleichartigen Beeinflussung mehrerer Perzipienten durch einen Agenten machen die Verfasser des Umfrage- Berichtes zweierlei geltend: erstens die zahlreichen Falle, in denen Lebende kollektiv erscheinen, die sich z. Zt. in keinerlei gefährlichem Zustand befinden. Doch bezweifle ich die Kraft dieses Arguments; denn 'telepathische' Leistungen, also auch telepathische Beeinflussungen Mehrerer, können wohl jederzeit aus irgendwelchen unterbewußten Antrieben heraus ausgeübt werden; warum also nicht auch Autophanien? Die Unmöglichkeit wäre erst zu erweisen.- Zweitens werden uns kollektive Erscheinungen 'nicht-menschlichen Inhalts' entgegengehalten. Aber soweit es sich hier um solche von Tieren handelt,3 warnen uns zahlreiche Beobachtungen, die Möglichkeit einer telepathischen Wirksamkeit auch solcher Wesen ohne weiteres auszuschließen, - selbst wo die Erscheinung bestimmte verstorbene Tiere erkennbar darstellt; und in dem einzigen Fall einer kollektiven Ding- Halluzination, den der Bericht erwähnt (der 'Wahrnehmung' eines nicht vorhandenen Stuhls durch zwei Backfische während des Turnunterrichts), könnte es sich leicht um eine bei beiden gleicherweise objektiv angeregte Illusion oder Halluzination handeln.1 Die Verfasser des Berichts scheinen zu glauben, daß wenn eine Erscheinung gleicherweise bei zwei Perzipienten von einem entfernten l)z. B. Delanne u. Tweedale. 2) S. I 26ff. Gurney (II 1690.) erkannte diesen Begriff durchweg an; ja er vermutete, daB zuweilen der 'primäre' Empfanger eine Erscheinung Übertrage, wahrend sie bei ihm noch latent wäre! (Sog. • Quasikollektivität'. Vgl. dazu die Falle das. 1214. 524; II 61.216. 2511.) 3) Bozzano, Anim. 121 ET. 138fr. 151 fl. 4) Pr X 323 (auch Anm. 1 u. 2). Objektivität von Spontanphantomen 9 'Sender' veranlaßt wird, die Wahrscheinlichkeit bestehe, daß sie bei Beiden verschiedene Formen (etwa auch auf verschiedenen Sinnesgebieten) annehmen werde.1 Aber dies Argument ist zweischneidig, und selbst seine Verfechter müssen zugeben, daß auch bei gegenseitiger oder einseitiger Beeinflussung mehrerer Perzipienten Übereinstimmung ihrer 'Wahrnehmung' nicht notwendigerweise zu erwarten sei. - Ich finde also, daß in allem Vorgebrachten nichts enthalten ist, was uns zwingen könnte, die Kollektivität von Erscheinungen auf die Fortpflanzung derselben von einem Perzipienten auf alle übrigen zurückzuführen. Selbst angenommen, daß die kollektive Erscheinung ihrem Wesen nach rein halluzinatorisch sei, bleibt ihre einheitliche Rückführung auf den Erscheinenden möglich, und es fragt sich nun, ob diese einheitliche Bewirkung eine rein telepathische sei, oder ob uns besondere Umstände der Kollektivität zwingen, über solche Deutung hinauszugehn. Schon unter den Formen schlichter Kollektivität von Phantomwahrnehmungen ist eine, die in diesem Sinn Erwägung fordert. Nichts ist sicherer bezeugt, als daß Tiere an der Wahrnehmung von Spukerscheinungen aller Art teilnehmen, so oft sie sich an einem Ort und in einer Stellung befinden, die ihnen die Wahrnehmung des Phantoms gestattein würden, falls dieses Wirklichkeit im Raum besäße. Die Belege sind so zahlreich und vielfach auch so bekannt, daß man eigentlich auf jede Anführung verzichten kann, soweit sie der Glaubhaftmachung der Tatsache an sich zu dienen hätte. Ich will denn auch nur ein einziges Beispiel vorlegen, weil es eine sehr ungewöhnliche Art der Rückwirkung des Tieres auf seine Wahrnehmung veranschaulicht. Tiere werden bekanntlich durch jede Art des Spuks fast immer in übermäßigen Schreck versetzt: sie spüren das 'Nicht-geheure' und gebärden sich wie 'wahnsinnig'. Nach dem zu Beginn des vorigen Jahrhunderts viel gelesenen, bewunderten und verspotteten Bericht Dr. Wötzels über die Erscheinungen seiner Frau nach ihrem Tode war das Verhalten des Hundes ein völlig entgegengesetztes. Ungefähr 6 Wochen nach dem Todesfall saß Wötzel Mittags um 1, nachdem er vom Tische aufgestanden, auf dem Sofa, und neben ihm sein Hund. Da hörte er jemand leise über den Vorsaal kommen. [Man beachte auch hier das Einsetzen der Erscheinung mit einer an sich sinnlosen Vorstufe.] Er dachte, es sei die Aufwärterin, welche abräumen wolle. Der Hund pflegte sonst, wenn jemand kam, stets anzuschlagen, auch wenn es die Aufwärterin war; diesmal aber spitzte er bloß die Ohren. Da öffnete sich die nur angelehnte Tür und die Verstorbene erschien. Sie stand kaum einige Schritte weit von Wötzel in ihrer ehemaligen Gestalt' und sagte hörbar, wie schon wäh- 1) das. 324. 10 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung rend einer vorausgegangenen Erscheinung: daQ sie fortlebe und daO er sie wiedersehen werde; mehr zu offenbaren sei sie verhindert. Als Wötzel sie fassen wollte, verschwand sie plötzlich, und eine Durchsuchung der Umgebung ergab nichts. Der Hund nun 'bellte weder vor noch während der Erscheinung; er sprang freudig vom Sofa herab zu ihr hin und um sie herum, und winselte, wie er sonst getan, wenn die Verstorbene ausgegangen war, ohne ihn mitzunehmen, und dann zurückkam, als wenn er sagen wollte: 'Ei, wie lange bist du weggeblieben und hast mich nicht mitgenommen!' Auch nach dem Verschwinden der Gestalt bellte er nicht, sondern lief mit W. zur TOr hinaus, blieb an der Kammer, wo seine Herrin gestorben war, stehen, winselte und wollte hinein. W. öffnete sie, er sprang auf das Bette der Verstorbenen und klagte, als er sie auch hier nicht fand. Er schien sie überall zu suchen und wollte mehrere Tage nicht fressen, wiewohl er vorher guten Appetit gezeigt und nicht krank gewesen. - W. war, wie er versichert, bei all diesen Vorfällen ganz bei Sinnen und höchst mißtrauisch; er wollte Gewißheit haben, sich auf alle mögliche Weise von der Wirklichkeit der Sache oder einem dabei stattfindenden Wahn und Trug überzeugen. Selbst während die Erscheinung zu ihm sprach, reflektierte e r . . . ' 1 Der Hund scheint also in diesem Fall ausnahmsweise nicht die spukhafte Art des Gesehenen gespürt zu haben. Dieser Umstand macht den Fall offenbar noch bedeutsamer; müssen wir doch annehmen, daß das Tier vor allem gesehen habe (anstatt zu 'wittern'), woraus wir auf die Deutlichkeit und Lebensähnlichkeit der Erscheinung schließen mögen. Die Tatsache der Teilnahme von Tieren an kollektiven Spukwahrnehmungen gelte also an sich als gesichert; es ist ihre theoretische Bedeutung, die hier zu erörtern ist. Ist diese Tatsache doch selbst von Animisten als möglicher Beweis für die mehr-als-halluzinatorische Natur von Erscheinungen bezeichnet worden. Den stärksten Beweis für die Objektivität eines Gespenstes', schrieb Riebet (!), den niemand spiritistischer Neigungen verdächtigen wird, 'würde neben dem Lichtbild das Zeugnis von Tieren liefern... Schon wenn es sich um Halluzinationen handelt, die gleichzeitig bei mehreren Personen auftreten, kann man kaum annehmen, daß die betreffenden Erscheinungen rein subjektiv sind, und diese Annahme stößt noch auf viel größere Schwierigkeiten, wenn gleichzeitig auch Tiere irgendwie äußere Realität [- 'eine Art von wirklicher Materialisation, -] wahrnehmen.'s Allerdings ist diese Ansicht keineswegs die allgemeine; wie denn die Verfasser des Umfrage-Berichts nicht blos der Meinung sind, daß an einer kollektiven Halluzination auch mitanwesende Tiere teilnehmen könnten, sondern sogar die objektive Bedeutsamkeit, also die 'Veridizität' solcher Menschen- und Tier-Halluzinationen zu bestreiten bereit sind. Nur so erklärt sich ihre seltsame Behandlung eines Umstands, 1) Daumer I 266f. 2) Riebet 266f. Objektivität von Spontanphantomen 11 der eigentlich das Gewicht der tierischen Mitwahrnehmung erst voll erfassen läßt. Gesteht man nämlich auch zu, daß Tiere gleich Menschen telepathisch beeinflußbar und zu Halluzinationen befähigt seien, so mag man doch eine Schwierigkeit in den erstaunlich zahlreichen Fällen finden, wo das Tier offenbar als erstes eine Erscheinung wahrnimmt, und erst nach ihm der mitanwesende Mensch, der etwa nur durch das Verhalten des Tieres auf jene aufmerksam gemacht wird. Diesen Fällen gegenüber helfen sich die Vf. des Berichtes damit, daß sie in solchem Benehmen des Tieres - etwa eines Hundes, der aus beliebigem Anlaß in bestimmter Richtung blickt und knurrt - den suggestiven Anreiz zu einer Halluzination des mitanwesenden Menschen suchen!1 Nur die Dürftigkeit der Ernte an Tier-Fällen innerhalb der 'Umfrage' kann eine so windige Ausflucht halbwegs entschuldigen. Sie wird natürlich sofort hinfällig, wenn das Phantom irgendwelche echte Bedeutsamkeit hat, und man muß sich wundern, daß der Bericht den einzigen derartigen Fall, den er aufführt, nicht bei der Erörterung der Mitwahrnehmung von Tieren verwendet, sondern - unter Nichtbeachtung dieses Umstands - bei den Fällen unterbringt, die ein Zusammentreffen von Erscheinung und Todesfall belegen sollen!8 - Wer die Tatsachen nur einigermaßen kennt, kann gar nicht im Zweifel sein, daß, so oft ein bedeutungsvoller Spuk an einer Stelle auftritt, die zunächst im Blickfeld eines anwesenden Tieres liegt, dieses auch stets als erstes das Phantom bemerkt und auf sein Erscheinen reagiert Das erste Beispiel, das diesen Tatbestand veranschaulichen soll, gehört der Übergangszeit vom Leben zum Tode an. - Ein Freund des Mr. J.-W. Boulding machte sich mit seiner Frau an einem Sommernachmittag um 6 im Wagen auf den Weg, um einen in Kensington lebenden langwierig Kranken zu besuchen. An einer bestimmten Stelle des Weges war das Pferd, unter allen Zeichen des Schreckens, nicht von der Stelle zu bringen; es zitterte, strebte zurück und bäumte sich. Die Dame erhob sich schließlich, um nach der Ursache zu sehn, 'und ihre Bestürzung war groß, als sie vor dem Pferde, mit ausgebreiteten Armen, den kranken Freund stehen sah, den zu besuchen sie unterwegs waren. Ihr Schreck war derartig, daß sie ohnm&chtig in die Kissen des Wagens zurücksank.' Man fuhr nach Hause zurück, machte sich später nochmals auf den Weg, und erfuhr bei der Ankunft, daß der Freund um die Zeit der Erscheinung verschieden war.8 - Mrs. Emma-L. Darton berichtete dem bekannten Volkskundler Dr. Andrew Lang, daß sie während des Lesens am Kaminfeuer in ihrem Saal dadurch unterbrochen wurde, daß ihr bis dahin 'auf dem Fußboden schlafender' Hund dumpf zu knurren begann. 'Ich neigte mich zu ihm hinab, um ihn 1) Pr X 326f. 2) Pr X 227. 3) Vgl. Bouldings Bericht (weniger als ein Jahr nach dem Vorfall) in Lt 1907 225 (2. Hand). Ein ganz ahnlicher Fall (aus PrAm) bei Tweedale 118 Anm. 12 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung durch Streicheln zu beruhigen, aber er knurrte nur noch lauter. Ich blickte also in derselben Richtung wie das Tier (wozu ich mich in meinem Stuhl umd r e h n mußte), und sah zu meinem großen Erstaunen eine in Grau gekleidete Frauengestalt, dicht bei der [geschlossenen] TQr. Ich konnte die Züge ihres Gesichts nicht erkennen, weil es von einer Zimmerpflanze verdeckt wurde. Ich glaubte zuerst, daß es meine Schwester sei, und redete sie an, [bis ihr einfiel, daß die Schwester ausgegangen war und das verriegelte Haus nicht h&tte betreten können. Sie sprang auf, und der Hund stürzte sich kläffend auf die Fremde,] die sofort verschwand, obgleich die Tür des Saales geschlossen geblieben war. Das Tier wies alle Anzeichen des Zorns und Schreckens auf: die Augen funkelten, der Kopf war gesenkt und das ganze Rfickenhaar gesträubt.' Nachdem die Tür geöffnet worden, stürzte es die Treppe hinab und wieder herauf, nach dem Eindringling zu suchen.1 - Die Erscheinung ließ sich in diesem Fall nicht identifizieren, was aber natürlich nicht ausschließt, daß sie einen echten und bedeutungsvollen Spuk dargestellt habe. - Ein verwandter Bericht Von Miss K. findet sich in Gurneys berühmter Sammlung. - Auch diese Perzipientin saß am Kaminfeuer, 'ganz davon in Anspruch genommen, meine kleine Lieblingskatze zu hätscheln,' die sich schlaftrunken auf ihren Knieen zusammengekauert hatte. Das Zimmer war vom Feuer hinreichend erhellt. 'Plötzlich... hielt die Katze mit Schnurren inne und gab deutliche Zeichen wachsender Unruhe. Ich hatte mich über sie gebeugt und war bemüht, sie durch Liebkosungen zu beruhigen, als sie sieb plötzlich auf allen Vieren aufrichtete und heftig zu fauchen begann, wobei sie in einer Haltung angstvoller Abwehr einen mächtigen Buckel machte und den Schweif sträubte. Dies Benehmen veranlaßte nun auch mich, den Kopf zu erheben, und mit Schrecken gewahrte ich die kleine, häßliche, verrunzelte Gestalt einer alten Vettel, die den [mir gegenüberstehenden] Lehnstuhl meiner Mutter einnahm [die vor nicht langem das Zimmer verlassen hatte]. Sie hielt die Hände auf den Knieen und beugte den Oberkörper vor, wie um ihren Kopf dem meinen näherzubringen. Die durchdringenden, funkelnden Augen starrten mich [mit boshaftem Ausdruck] unbeweglich a n . . . . Sie bannten mich und benahmen mir den Atem.' Die festgehaltene Katze riß sich los, sprang auf Stühle und Tische und schließlich 'mit äußerstem Ungestüm' gegen eine der geschlossenen Türen, dann gegen die andre. Miss K. blickte bald auf die Unholdin, 'deren unheilkündende Augen mich anzustarren fortfuhren', bald auf die Katze, 'die mehr und mehr in Raserei geriet,? Miss K. vermochte schließlich zu schreien, ihre Mutter eilte herbei, und die Katze sprang dieser buchstäblich auf den Kopf und dann während einer guten halben Stunde immerzu die Treppe auf und nieder, als verfolge sie jemand.' Die Gestalt war inzwischen verschwunden, nachdem sie schätzungsweise 4-5 Minuten lang sichtbar gewesen. - Und nun, was die Bedeutsam- 1) JSPR XIV 70t. (6 Jahre zwischen Vorfall und Bericht.) Ein ähnlicher Fall: Savage 46 ff. Objektivität von Spontanphantomen 13 keit der Erscheinung andeutet: 'Man erfuhr später, daß dieses Haus vordem einer Frau gehört hatte, die sich in eben diesem Zimmer erhftngt hatte.'1 Ziemlich bekannt ist das Erlebnis, das Dr. med. Marie Thilo in Saint-Junien (Schweiz) berichtet hat, doch handelt es sich hier wieder um das Phantom einer wohl schon im Sterben Liegenden. 'Eines Morgens, in der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober in Lausanne, wurde ich vor 6 Uhr durch kleine Schläge gegen meine TOr geweckt... Ich ließ sie [stets] halb offen [um meiner großen weißen Katze den Weg auf die Mäusejagd freizugeben]. Die Schläge wiederholten sich . . . Zufällig fielen meine Augen auf die Katze, die ihren gewohnten Platz am Fußende meines Bettes innehatte; sie saß mit gesträubten Haaren da, zitternd und knurrend. Die TOr bewegte sich, wie von einem leichten Windstoß, und ich sah eine Gestalt erscheinen, gehallt in eine Art wolkig weißen S t o f f . . . Ich konnte das Gesicht nicht deutlich erkennen. Sie näherte sich mir und ich fohlte einen eisigen Hauch über mich hinfahren . . . Unwillkürlich schloß ich die Augen, und als ich sie wieder öffnete, war alles verschwunden. Die Katze zitterte an allen Gliedern und war in Schweiß gebadet... Etwa 15 Tage später erfuhr ich den in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober.in Srinagar (Kaschmir) erfolgten Tod meiner Freundin [einer Missionsärztin] . . 2 So paradox es klingen mag, - man kann eine gewisse Steigerung des eben betrachteten Tatbestands darin erblicken, daß zuweilen das Tier allein etwas wahrzunehmen scheint, dessen Mitwahrnehmung dem anwesenden Menschen versagt ist, anscheinend infolge seiner geringeren 'Sichtigkeit'. Wo das Tier den höheren Grad derselben für sich beansprucht, bedürfen wir, da es ja nicht ausdrücklich Zeugnis ablegen kann, natürlich besondrer Anzeichen dafür, daß wirklich zur Zeit etwas Bedeutsames wahrzunehmen war. Man wird, was ich meine, ohne weiteres aus folgendem Beispiel ersehn, das mir solche Anzeichen darzubieten scheint. Es wurde dem durch seine kritische Haltung bekannten Forscher R.Lambert von einer durchaus vertrauenswürdigen Dame' erzählt. 'Als sie bei einer Freundin in Stellung war und der Hausherr plötzlich auf Reisen starb, blieb in seiner Todesstunde in seinem Hause eine Uhr stehn, die nur einmal im Jahr, am Neujahrstage, aufgezogen wurde...3 In der Nacht darauf, als die Dame allein mit der Dienerschaft im Hause war, fing der Hund des Hauses, der im Studierzimmer des fernen Toten bei einem kleinen Licht zu übernachten pflegte, plötzlich zu wimmern an. Die Dame, die über den Tod des Herrn unterrichtet war, ging zu dem Tier, um es zu beruhigen. Sie sah nun den Hund sich im Kreise drehend immer um sich blicken, wie wenn jemand 1) Gumey II 197f. (Abstand zwischen Erlebnis und Bericht nicht festzustellen.) Bestätigung des Berichts durch General K" Bruder der Perzipientin. Weiteres zu dem Fall in JSPR III 268fl. Vgl. ferner: Lt 1912 111; Stead 132t. 189f.; Daumer I 66. 227 (durch Bellen geweckt). 207; Pr V 454 Anm.; Flammarlon III 18. 2) Flammarion, l'Inconnu 166f. Vgl. die Fälle JAmSPR 1907 432 (Prof. Hyslop) und 1910 45. 3) Vgl. o. I I 365 ft. 14 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung da wäre; er wich aus und war doch wie angezogen, während in seinen Blicken Entsetzen lag. Auch die Dame gewann den Eindruck, als ob jemand im Zimmer sei, ohne jedoch trotz des angezündeten elektrischen Lichts etwas zu sehen. Dann schien der Unsichtbare zu verschwinden, und der Hund beruhigte sich.'1 ("Ähnlich schien in einem von Dr. Hodgson berichteten Fall ein Hund voi* einem dem anwesenden Menschen unsichtbaren Phantom 'rund ums Zimmer' verfolgt zu werden.)* Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß in Lamberts Fall die Dame das Phantom nicht 'trotz', sondern gerade infolge des elektrischen Lichtes nicht habe sehen können. Mit Sicherheit könnten wir solche Nicht-Wahrnehmung wohl nur dann auf geringere Wahrnehmungsfähigkeit schieben, wenn von mehreren anwesenden Menschen nur einer, und zwar ein zweifellos 'sensitiver', die Wahrnehmung des Tieres teilte. Ein solcher Fall ist mir nicht bekannt. Doch finde ich wenigstens von dem bekannten Medium Mrs. Conant berichtet, daß ihr Hund und ihre Katze gleichfalls die 'Geister' gesehen hätten, die sie selber 'hellsichtig' schaute, in der uns aus Früherem wohlbekannten Art.3 Wir folgern also aus dem Angeführten, daß Tiere selbständig ein bedeutungsvolles Phantom wahrnehmen können, unter den zeitlichen und örtlichen Umständen, unter denen auch ein Mensch es wahrnimmt oder wahrnehmen könnte, und knüpfen nun daran die Frage, ob damit ein Hinweis auf ein objektives, d. h. mehr-als-halluzinatorisches Wesen der Erscheinung gegeben sei. Man kann dies verneinen auf Grund der beiden schon erwähnten Annahmen: daß auch Tiere telepathisch beeindruckbar und zu Halluzinationen befähigt seien; Annahmen, zu deren Gunsten sich mancherlei anführen läßt, die also jedenfalls hier als wahr unterstellt werden sollen. Die kollektive Wahrnehmung von Tieren würde dann zwar nicht gegen den spiritistischen Ursprung mancher Phantome streiten, dagegen das 'ontologische' Problem des Phantoms dort belassen, wo auch die kollektive Wahrnehmung von Menschen (in der bisher betrachteten 'schlichten Form') es beläßt. Wenn ich in dieser formelhaft abstrakten Beantwortung unsrer Frage das letzte Wort nicht erblicken kann, so hegt das wieder an der Beobachtung gewisser Nebenumstände in den Tatsachen, und zwar vor allem des außergewöhnlichen Maßes gefühlsmäßigen Reagierens der Tiere dem Phantom gegenüber. Mehrere der obigen Fälle ließen das schon erkennen, und zahlreiche weitere könnten ihnen leicht an die 1) bei Urthal 50. 2) Au" The Arena (Sept. 1889) bei Bozzano, Anlm. 109. Vgl. noch F. Hornig" Fall bei Grabinaki 327 f. 3) Conant 143; auch bei Holms 249. Objektivität von Spontanphantomen 15 Seite gestellt werden.1 Die Wut, der Schreck, die Angst, das Zittern, das Schwitzen der mitwahrnehmenden Tiere geht fraglos meist über alle ihre sonst zu beobachtenden Gefühlsentladungen weit hinaus, und es drängt sich die Frage auf, ob derartige Reaktionen auf das bloße Halluzinieren menschlicher Gestalten' überhaupt noch natürlich erscheinen können. Ist eine solche Halluzination 'voll ausgebildet', also in normaler Deutlichkeit nach außen verlegt, so müßte (wie man annehmen möchte) das Tier die Erscheinung für einen Lebenden halten und auf sein Erscheinen reagieren, wie es sonst auf den 'Eintritt eines Fremden* reagiert Niemand wird behaupten, daß Miss K.s Katze sich der im Lehnstuhl sitzenden 'Vettel' gegenüber verhielt, wie Katzen sonst beim Eintritt einer fremden ältlichen Frauensperson sich verhalten, mag diese noch so 'boshafte' Augen haben. Wir wissen, daß Menschen oft beim Anblick von Phantomen gar keinen Schreck empfinden, eben weil sie diese für (fremde oder bekannte) Lebende halten; daß sie erst nachträglich erschrecken, wenn ihnen einfällt, daß die Tür verschlossen ist oder daß es an dem betreffenden Orte spuken soll. Ein solcher 'gedanklich begründeter' Schreck kommt für das Tier natürlich nicht in Frage. Der menschliche Perzipient erschrickt zuweilen auch, wenn er sich sagen muß, daß die Erscheinung ein wirklicher Mensch nicht sein kann, etwa weil sie halbdurchsichtig ist, oder weil sie nicht geht, sondern schwebt, oder weil sie 9elbstleuchtend ist, oder dgl. m. Daß ein Tier aus ähnlichen Gründen erschrecken sollte, ist aber schwer zu glauben, weil ihm die klare Vorstellung davon fehlt, was im Falle von Menschen 'natürlich' ist und was nicht; und selbst we nn sie ihm nicht fehlte: warum sollte jede Abweichung vom Natürlichen gerade Entsetzen bewirken, und nicht bloß Neugier oder Erstaunen? Der menschliche Perzipient bringt eben meist den 'unheimlichen' Begriff des 'Gespenstes' schon mit und fühlt* ihn in die unnatürlich erscheinende Wahrnehmung 'hinein', die dadurch für ihn erschreckend wird. Aber läßt sich das auch vom Tiere sagen? Man mag erwidern: der Begriff des 'Gespenstes' sei überhaupt nur darum schreckerregend, weil ein 'Urinstinkt' der Lebenden das Jenseits mit Furcht und Zittern von sich weise; und dieser Urinstinkt sei auch im Tiere wirksam. Ich habe keinen Streit mit solcher Auffassung und will ihrer Verwässerung durch den Hinweis auf 'Anerziehung durch Kindermädchen' u. dgl. nicht das Wort reden. Aber wird man vernünftigerweise erwarten dürfen, daß dieser Instinkt sich auch dort betätige, wo eine 'Halluzination* in nichts von der normalen Wahrnehmung eines Menschen 'inhaltlich* abweicht? Hier tritt die erstaunliche Oberflächlichkeit der üblichen 1) S. z. B . den Fall der Mrs. T. bei Rlchet 266, und PS XXVI 6581T. 16 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung telepathiatisch-halluzinatorischen Betrachtung unsres Tatbestandes deutlich zu Tage. Wir müssen sie gründlich überwinden, um zu begreifen, daß die maßlose Reaktion der Tiere nur der Erfassung von etwas ganz Absonderlichem an der Erscheinung entspringen kann, was außerhalb aller unmittelbaren Wahrnehmungsinhalte liegt und weder mit Graden halluzinatorischer Deutlichkeit noch mit leichten Abweichungen vom Gewöhnlichen etwas zu tun hat. Ich habe sogar den sehr bestimmten Eindruck, daß Tiere im Durchschnitt in höherem Grade dieses 'ganz Absonderliche' empfinden, als Menschen, die sich 'Gespenstern' gegenüber viel leichter 'täuschen' lassen; eben weil die Tiere den Urtatsachen' des Lebens näher stehen, als der Durchschnitt der Menschen. Es finden sich zwar auch Fälle, in denen Tiere ein Phantom zeitweilig für den 'lebenden Betreffenden' gehalten zu haben scheinen, ein Hund also etwa zunächst an dem (für Menschen unsichtbaren, aber mit Wahrscheinlichkeit vorauszusetzenden) Phantom 'emporspringt' und dann erst 'plötzlich mit einem Entsetzensgewimmer umfällt';1 ja wir hören von Tieren, die, soweit berichtet, bei ihrem Vertrauten' Verhalten don Phantom des verstorbenen Herrn gegenüber verharren.* Was in solchen Fällen ein Erkennen der 'Absonderlichkeit' und Spukigkeit verzögert oder verhindert, können wir natürlich nicht sagen; jedenfalls aber bilden diese Fälle durchaus verschwindende Ausnahmen und lassen die schreckvolle Betätigung jenes Urinstinkts' als das beim Tier Normale unangetastet. Ich kann mich z. B. für folgende Tatsache verbürgen: Als mein Schwiegervater während des Lesens der Abendzeitung einen Schlaganfall erlitt, der ihn nach ärztlichem Urteil 'augenblicklich' tötete, glaubte die neben ihm sitzende Tochter, meine spätere Frau, weil sie seinen Kopf langsam sinken sah, er sei beim Lesen 'eingenickt1, und richtete in diesem Sinn eine harmlos-neckende Frage an ihn. Der gleichfalls anwesende Terrier dagegen, ein allerdings in jeder Hinsicht hochbegabtes Tier, stieß einen Schrei aus, so durchdringend, daß Nachbarn herzuliefen, um zu fragen, was mit dem Hunde geschehen sei, stürzte aus dem Zimmer und blieb zwei Tage lang verschwunden, - bis man ihn am dritten im Arm der aufgebahrten Leiche wiederfand. Daß das damals ein Jahr alte Tier keine 'Erfahrung' vom Sterben besaß, braucht nicht versichert zu werden. Um so rätselhafter bleibt es, woran denn er die 'Jenseitigkeit' und Spukigkeit des nach außen hin völlig harmlos erscheinenden Vorgangs erkannt hatte. Aber gerade solche Beobachtungen sprechen dafür, daß die Feinfühligkeit des 'naturnäheren' 1) Vgl. den Fall bei Kemmerich 470. 2) Feilgenhauen Fall das. 471, und Dr. Watzels o. S. 9f. Objektivität von Spontanphantomen 17 Tieres für das echt Jenseitige die des 'vernünftigeren' Durchschnittsmenschen weit übertrifft, der in seiner Auffassung des Spuks viel mehr an der wahrnehmungsmäßigen Oberfläche haften bleibt. Das beweisen auch die Fälle, in denen Tiere in der gleichen maßlosen Weise auf bloß gehörsmäßigen Spuk reagieren, der rein als 'Vorstellung' betrachtet durchaus nichts Schreckhaftes an sich hat, es sei denn wieder auf dem Umweg über verwickelte Überlegungen, wie nur der Mensch sie anstellen kann. Zwei solche Beobachtungen berichteten Mrs. Treloar in River, Dover, und ihre Schwester, Mrs. Gardiner, im April 1888 der Ges. f. ps. F. Im erstes Falle wurden beide Damen im väterlichen Pfarrhaus in Weeford, Staffordshire, erweckt durch einen 'klagenden Ton', dessen Ursprung durch Nachforschungen nicht festzustellen war. 'Aber wir fanden eine Lieblingsbulldogge, ein sehr mutiges Tier, vor Schrecken zitternd, die Nase in einige Feuerholzknfippel vergraben, die unter der Treppe gespeichert waren.' Im zweiten Falle (dem 'frischeren', von 1879) wurden alle Insassen einer einsam gelegenen Rektorei, außer dem Hausherrn, erweckt durch einen 'schrecklichen Laut des Kreischens oder Jammern", unähnlich irgendetwas je von uns Gehörtem... Es schien vom Flurgang vor der Tür des Zimmers unsres Vaters herzukommen.' Alles fand sich schreckerfüllt zusammen, die Nacht war still, keinerlei Ursache für den Ton zu entdecken, 'der innerhalb des Hauses zu sein schien, zwischen den Dachsparren, und nach einiger Zelt, vielleicht einer Minute oder mehr, aus dem Fenster hinauszuschweben und hinzusterben schien. Die Bulldogge rannte nnter das Bett.' In einem weiteren Briefe heißt es sogar: 'Wir hatten drei Hunde, die in meiner Schwester und in meinem Schlafzimmer schliefen, und sie alle duckten sich in Furcht, mit gesträubten Rückenhaaren; einer - eine Bulldogge [offenbar das eben erwähnte Tier] - war unter dem Bett und weigerte sich herauszukommen, und als man ihn hervorzog, zitterte er am ganzen Leibe.'1 In beiden Fällen ging der Klangspuk dem Tode einer Person (im zweiten sogar dem der einzigen Person) voraus, die nicht durch ihn erweckt wurde, und zwar in beiden Fällen um nur 1-3 Wochen. Ich halte dies für beachtenswert: es könnte darauf hindeuten, daß der Spuk - ein sog. Vorspuken, banshee - von eben dieser Person selbst ausging. (Ein Fall in meiner nächsten Verwandtschaft bestärkt mich in dieser Vermutung: In der Nacht vor dem eben beschriebenen Tode meines Schwiegervaters wurde seine ganze Familie, außer ihm selbst, durch das wütende Anschlagen jenes Hundes auf dem Hausflur geweckt, wobei alle deutlich eine leise Stimme hörten, die das Tier beruhigen zu wollen schien. Jeder vermutete von einem der andern, daß er zu diesem Zweck aufgestanden und auf den Flur gegangen sei; doch erwies sich am nächsten Tage, daß keiner es getan hatte. Der Vater allein hatte den Vorgang - Verschlafen'; wie ich vermuten möchte, weil er 'nicht 1) Pr V 307f. Vgl. Bozzano, Haut. 135 und Alllson 230. M a t t i e i e n , D u persönliche Überleben III 2 18 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung bei sich', sondern bei dem Hunde gewesen und von diesem als Spuk wahrgenommen worden war.)1 Man mag nun freilich einwenden, daß in diesen Fällen die spukigen Laute doch auch an sich etwas 'nicht Geheueres' gehabt hätten, - so wenig sie auch z. B. (für einen Hundekenner 1) das Verhalten der 'mutigen Dogge' wirklich erklären mögen. Aber auch Spuklaute, denen an sich - also abgesehn von 'Überlegungen' über ihre natürliche Unmöglichkeit am betreffenden Orte - nichts Schreckenerregendes eignet, scheinen bei Tieren gelegentlich den Eindruck des Grauenvollen zu bewirken. Dies könnte ein dem General J. Peter vom Rittergutsbesitzer Baron X. berichteter Fall belegen. Dieser pflegte während der Herbstjagd ein 'altes Schloß' zu bewohnen, das als spukig galt. Eines Abends vom Waidwerk heimgekehrt und bei der Lampe am Schreibtisch sitzend, hörte er 'das Beten von Mönchen', deren 'Responsorien unten aus dem ersten Stockwerk zu kommen schienen, wo eine Hauskapelle eingebaut war.' Baron X. rief dem neben ihm liegenden Jagdhunde, einem 'starken und sehr scharfen Tier', um gemeinsam mit ihm dem Gehörten nachzugehn. 'Aber der Hund war unter das Kanapee gekrochen und nicht zu bewegen, hervorzukommen. Sein Herr zog ihn mit Gewalt hervor, allein das zitternde Tier sträubte sich und kroch, freigelassen, sogleich wieder in sein Versteck zurück.' Baron X. begab sich zur Kapelle, hörte 'auf dem Korridor deutlich das Respondieren', glaubte auch durch das Schlüsselloch der Tür einen Lichtschein zu sehn, fand aber alles dunkel und still, als er öffnete. Auch der Kastellan und seine Frau hatten das *Beten' gehört, aber nicht zum ersten Mal, wie der Baron. Als dieser in sein Zimmer zurückkehrte, lag der Hund noch immer in seinem Versteck. 'Wären es menschliche Stimmen gewesen, hätte der Hund unfehlbar Laut gegeben.'2 Solche Beobachtungen, falls man ihnen Glaubwürdigkeit in der entscheidenden Einzelheit nicht abspricht, bestärken uns in der Ansicht, daß das Tier dem Spuk gegenüber nicht nur 'flache' Vorstellungen (des Gesichts oder Gehörs) erlebt, nicht nur soz. 'reine' Halluzinationen, sondern zugleich mit ihnen noch eine besondere Eigenschaft, die ihm die 'Witterung' für das 'Jenseitige' verschafft: und diese Witterung kann ich mir am ehesten zustandekommend denken, wenn mit dem erscheinenden oder erklingenden Spuk tatsächlich ein irgendwie Objektives zugegen Ist, das vom 'natursichtigen' Tier in seiner ganz besonderen Wirklichkeit erfaßt wird. Dies ist der Grund, weshalb ich, bei ehrlicher Anschauung der Tatsachen, in dem Mit-Wahrnehmen der Tiere nicht einen rein zahlenmäßigen Zuwachs zur Tatsache kollektiver Wahrnehmung erblicken kann (wobei die Gleich- 1) Mehrere der Im VI. Abschnitte beschriebenen Falle von Exkursion belegen diese Schwererweckbarkeit. 2) bei Usthal 82f. Objektivität von Spontanphantomen 19 setzung des Phantoms mit Halluzination sich allenfalls verteidigen ließe), vielmehr einen 'spezifisch-qualitativen* Zuwachs, der einen neuen Hinweis auf die Gegenständlichkeit gewisser Phantome liefert. Eine letzte Eigentümlichkeit mancher verwandter Vorfälle soll uns den Übergang zu neuen Formen der Kollektivität überhaupt vermitteln: ich meine die Tatsache, daß auch das Tier eine Ortsbewegung des Phantoms beobachtet, und zwar nicht nur an sich, wie in einigen der obigen Beispiele, sondern in Übereinstimmung mit der Wahrnehmung menschlicher Mitperzipienten. Ein Beispiel mag dies zunächst verdeutlichen. Hr. Daniel Amosow berichtet, unter Gegenzeichnung seiner Mutter und des Hrn. Kusma Petrow, daß an einem Maiabend 1880 gegen 6 Uhr, wahrend er mit seiner Mutter und seinen jüngern Geschwistern im Saal ihres Petersburger Hauses saß und ein Besucher sich mit seiner Mutter unterhielt, - die allgemeine Aufmerksamkeit plötzlich auf den Hund Moustache gelenkt wurde, 'der unter lautem Gebell auf den Ofen zu stürzte. Unwillkürlich blickten wir alle in derselben Richtung und sahen auf dem Gesims des großen Fayence-Kachelofens einen kleinen Knaben, etwa 5 Jahre alt, im Hemde. In diesem Knaben erkannten wir den Sohn unsrer Milchhändlerin, Andrej, der häufig mit seiner Mutter zu uns zum Spielen kam; sie wohnten ganz in unsrer Nähe. Die Erscheinung löste sich vom Ofen ab, bewegte sich über uns alle hin und verschwand im offenen Fenster. Während dieser ganzen Zeit - etwa 15 Sekunden - hörte der Hund nicht auf, aus voller Kraft zu bellen, und lief und bellte, indem er der Bewegung der Erscheinung folgte.' Bald danach kam die Mutter Andrejs und berichtete, daß dieser, der' seit einigen Tagen, wie man wußte, krank lag, 'wahrscheinlich um die Zeit, da wir seine Erscheinung sahen, gestorben war'.1 Auch in einem von Mr. G. de Steiger erzählten Falle 'folgte eine Katze mit dem Blick dem Geräusch der Schritte, als nähme sie den wahr, oder bemühte sich, den wahrzunehmen, der sie erzeugte'. Diese Schritte waren von ihrem Herrn, einem Offizier, und dessen Burschen schon vorher mehrfach vernommen worden.* Die mögliche Bedeutung dieser besondern Art von kollektiver Wahrnehmung springt in die Augen. Es ist nicht gleichgültig, ob mehrere Subjekte eine Erscheinung (deren Objektivität in Frage steht) nur überhaupt gleichzeitig währnehmen, oder auch am gleichen Fleck; es ist noch weniger gleichgültig, ob sie die Erscheinung gleichzeitig denselben Weg im Raum zurücklegen sehen. Es wäre in der Tat ein mehr als sonderbarer Zufall, wenn dies letztere bei einer bloßen Halluzination stattfände; denn eine suggestive Beeinflussung des einen durch die wandernde Blickrichtung des andern wird ehrlich blos ganz 1) Pr X 227 (11 Jahre nach d. Ereignis berichtet). 2) Bilms 479. 20 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung selten in Frage kommen; noch seltener wohl zwischen Mensch und Tier. Einen 'rein-menschlichen' Fall solcher kollektiven Bewegungswahrnehmung habe ich in andrem Zusammenhang wiedergegeben - es war der von Dr. Isnard berichtete1 -, und der Leser wird gebeten, ihn hier noch einmal sich zu vergegenwärtigen. Und doch ist diese Art der kollektiven Beobachtung noch einer bedeutsamen Steigerung fähig: wenn nämlich die Erscheinung mehreren von einander unabhängigen Perzipienten kurz nach einander an so verteilten Stellen sich zeigt, wie ein wirkliches, sich fortbewegendes Wesen sie in den gleichen Zeitabständen einnehmen müßte. Auch hierfür habe ich schon früher einen Beleg geliefert, nämlich die kollektive Beobachtung der Spukgestalt im Mortonschen Hause vom 12. August 1884.2 Hier wurde die 'weinende Dame' zunächst von zwei Perzipientinnen durchs Haus und, daran anschließend, von zwei andren über einen Rasenplatz nach dem Obstgarten zu sich bewegend gesehn. Der Fall sollte dort eine 'selbständige' Ortsbewegung von Phantomen veranschaulichen und deren Verursachung von außerhalb der Perzipienten nabelegen. Hier nun soll er die Frage stellen, ob eine solche 'sukzessionale Kollektivität' der Wahrnehmung nicht zur Annahme von etwas sich bewegendem Objektivem förmlich zwinge. Ich sehe nicht ein, wie eine solche Folgerung zu umgeben wäre; muß aber freilich betonen, daß die einwandfreie Feststellung dieses Tatbestands von mancherlei Glückszufällen abhängig ist. - Auch der vom Ehepaar Davis dem Rev. W. S. Grignon berichtete Fall kommt dem fraglichen Grundriß schließlich nur nahe. Hier wurde Airs. Davis in der Neujahrsnacht 1882 'durch ein ungewöhnliches Licht' in ihrem Schlafzimmer erweckt und 'sah an [ihrem] Bette die Gestalt einer ältlichen Person vorübergleiten; diese bewegte sich durch die geschlossene Tür in Mr. Davis' [nebenan gelegenes] Zimmer'. Mr. Davis seinerseits schreibt (am 21. Febr. 1889), er sei in der gleichen Nacht 'aus ruhigem Schlaf erweckt worden durch ein Licht, das durch die Tür, die ins Schlafzimmer meiner Frau führte, hereinzudringen schien, und unmittelbar darauf erschien eine Gestalt, näherte sich [meinem] Bett, neigte sich nieder, um mich zu küssen, und verschwand plötzlich, aber erst nachdem ich die Züge der Erscheinung als die meiner Mutter erkannt hatte, welche 81 Jahre alt i. J. 1872 gestorben war.'1 Eine andre Verwicklung der Kollektivität, deren Verwirklichung bei bloß halluzinatorischer Art der Wahrnehmungen kaum zu erwarten ist, wäre gegeben, wenn mehrere Personen das Phantom von verschiedenen Punkten her in so verschiedener Gestaltung wahrneh- 1) Delanne 1165f. (s. o. 1120). 2) o. 1115f. 3) Pr VI 289f. (Bericht V. J. 1888). Vgl. den mehr 'akustischen' Fall Guthrie o. I 481. Objektivität von Spontanphantomen 21 men, wie ein wirklicher Körper sich ihnen unter gleichen Umständen darstellen müßte. Es ist klar, daß auch dieser Tatbestand 'stereoskopischer Kollektivität' sich nur in Glücksfällen verwirklichen, in noch selteneren Glücksfällen sich in den Angaben der einzelnen Perzipienten überzeugend spiegeln wird. Die zufällig, d. h. ohne Bewußtsein von der theoretischen Wichtigkeit dieses besonderen Umstands zustandegekommenen Berichte werden meist gerade an entscheidender Stelle versagen. So in einem bei Gurney abgedruckten, wonach der eine Perzipient, während er eine schwierige Flötenmusik spielte, 'einen Schatten von etwa grauer Farbe neben sich zur Rechten stehen' sah, 'etwas schräg vor mir. Ich sah nicht die ganze Gestalt, sondern was ich sah, war ein Teil eines schattenhaften Gesichts, die Umrißlinie der Stirn und Nase, des Mundes und Kinnes, sowie ein Teil des Halses...' Er sagte aber nichts, bis seine Klavierbegleiterin unabhängig äußerte, sie habe 'jemand hereinkommen gefühlt; ich sah Rficken und Schultern der Gestalt eines Mannes, sie ging wie ein Schatten hinter dir vorüber, stand zu deiner Rechten und verschwand dann'.1 Eine Angabe hätte den Beschreibungen beider Zeugen zu 'stereoskopischer Ergänzung' verhelfen können: die Angabe der Stellung, in der sie selbst sich zu einander befanden. Aber gerade diese Angabe fehlt. - Die beiden letztbesprochenen Tatbestände, soweit einwandfrei feststellbar, würden in Verbindung mit gewissen Einzelheiten der tierischen Mitwahrnehmung vollauf genügen, die kollektive Beobachtung des Spuks zu einem Beweis für seine Objektivität im Räume zu machen. Nur im Anschluß an diese stärkeren Argumente mögen schließlich noch zwei Formen kollektiver Wahrnehmung erwähnt werden, die zwar leichter telepathistischen Deuteleien ausgesetzt sind als jene, unseren Gedankengang aber doch seltsam natürlich abrunden. - Die erste könnte man als mehrsinnige - oder 'multisensuale' - Kollektivität bezeichnen. Ein mögliches Beispiel hierfür ist der früher wiedergegebene Fall des Korporals Q., der durch das 'Gewicht auf seinen Füßen' erweckt und alsbald von dem Gemeinen W. im Nachbarbette angesprochen wird: 'Heda, da sitzt jemand auf deinen Beinen'.2 Damit vergleiche man eine Erfahrung der Mrs. Winbridge in London. Während sie ihren 3 jährigen Knaben die Treppe hinauf in sein Schlafzimmer trug, fühlte sie 'deutlich einen Druck' und hörte das Rascheln eines Kleides an ihrer Seite, 'als wenn eine Frau mich im Vorübergehn gestreift hätte'. Dies wiederholte sich noch 'deutlicher' auf der zweiten Treppe. Während sie dann zeitweilig auf dem Bette ihres Kindes und diesem zugekehrt lag, sagte der Knabe plötzlich auffahrend: 'O Mutter, da steht eine Dame hinter dir.' 'Im selben Augenblick fohlte ich einen Druck und wußte, daß er von meiner Be- 1) Gumey II 200f. 2) o. I 2071. 22 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung kannten stammte. Ich wagte nicht, mich umzusehn.' Jene "Bekannte' war eine schwerkranke Arme, deren Pflege Mrs. .W. sich zeitweilig, aber nicht in der letzten Zeit gewidmet hatte, deren schon vor 3 Tagen erfolgter Tod ihr aber verheimlicht worden war.1 Das zweite zu erwähnende Verhältnis besteht darin, daß zwei Personen den Spuk an der gleichen Stelle beobachten, aber in einem zeitlichen Abstand von einander, der groß genug ist, um die beiden Wahrnehmungen als unabhängig von einander zu kennzeichnen, und doch klein genug, um den natürlichen Anschein zu erwecken, der Spuk sei während der Zwischenzeit 'an seiner S t e l l e geblieben'. Wer gelehrte Fachausdrücke liebt, könnte dies als 'sukzessional-stationäre Kollektivität' bezeichnen. Das Beispiel, das ich hierfür gebe, verknüpft den fraglichen Tatbestand mit dem der Mehrsinnigkeit. 'Ich öffnete', schreibt Miss L. A. Lister, 'die Tür des Salons und stand einen Augenblick still, um zu überlegen, wo [eine Freundin, die wenige Monate zuvor den Gatten verloren hatte und bei der Miss L. zu Besuch weilte, ein gewisses Buch] hingelegt haben mochte, - als ich zu meiner Verblüffung ihren Gatten am Tische sitzen sah; seine Ellbogen ruhten auf dem Tisch, dicht bei dem Buch... Ich entschloß mich, es zu holen, und schritt auf den Tisch zu. [Die Erscheinung] schien zu lächeln, als durchschaue sie meine Gedanken. Ich ergriff das Buch und brachte es [meiner Freundin], ohne etwas zu erwähnen, begab mich dann ins Badezimmer und vergaß die ganze Sache bald. Aber nachdem ich etwa 20 Minuten dort gewesen war, hörte ich meine Freundin hinaufgehn und die Tür zum Salon öffnen. Ich lachte [!] und lauschte, ob sie noch drin wäre, und hörte sie gleich darauf aus dem Zimmer heraus- und die Treppen in mächtigen Sprüngen hinunterlaufen, worauf sie wie wild die Eßzimmerglocke läutete... Ich kleidete mich so rasch als möglich an und ging zu ihr hinunter, wo ich sie sehr blaß und zitternd vorfand... 'Ich habe meinen Mann gesehn, erwiderte sie [auf meine Frage] . . . Das heißt, ich sah ihn nicht eigentlich, aber er sprach zweimal zu mir; ich lief aus dem Zimmer und er folgte mir und legte seine kalte Hand auf meine Schulter.'2 - (Man überlege die Natürlichkeit der Verschiedenheit beider Wahrnehmungen vom Standpunkt des Erscheinenden aus, ehe man die reichlich naheliegende telepathistische Deutung hervorholt.) 1) Pr III 89. 2) PrV445. Photographische Aufnahmen von Phantomen 23 2. Photographische Aufnahmen von Phantomen Gestehen wir zu, daß die besonderen Formen kollektiver Spukbeobachtung bereits irgendwelche Objektivität der Erscheinung glaubhaft machen, so legt sich nun die Frage nahe, ob dem Phantom auch irgendwelche Einwirkungen auf seine nicht-menschliche Umgebung nachzuweisen seien; ob es sich also nicht nur als Wesen unter Wesen, sondern auch als Ding unter Dingen zeige. - Unter solchen objektiven Wirkungen müßten die an erster Stelle stehn, die den bisher belegten sachlich am nächsten verwandt sind. Im Obigen handelte es sich um Argumente aus besonderen Verhältnissen der Wahrnehmung, Eis gibt aber auch eine quasi-objektive Art der Wahrnehmung. Man hat das Auge einer photographischen Kamera verglichen: man könnte auch umgekehrt den photographischen Apparat als ein dingliches Auge bezeichnen. Wenn es jedem Anwesenden wahrnehmbare 'Erscheinungen' gibt: müßten solche nicht auch von einer 'gleichzeitig anwesenden' photographischen Platte 'wahrgenommen' werden? Und würde solche 'objektive Kollektivität' der Wahrnehmung nicht viel bündiger die mehr-als-halluzinatorische Natur von Phantomen beweisen, als alles bisher Vorgebrachte? Eine seltsame Tatsache, die uns schon mehrfach begegnet ist, drängt sich hier aus dem Zusammenhang heraus auf: die Beobachtung, daß von Phantomen häufig ein Leuchten auszugehen scheint; denn die Aussendung von Lichtstrahlen ist ja doch Voraussetzung des Photographiertwerdens. Nun wird man dem Selbstleuchten und Lichtaussenden so vieler Phantome an sich nicht viel Bedeutung beimessen wollen, ebenso auch der Tatsache, daß so häufig Lichtmassen oder -wölken geradezu an die Stelle eines Phantoms zu treten scheinen; denn selbst reine Halluzinationen (also wohl auch wahre) können leuchtend oder lichtumflossen sein oder überhaupt nur in Lichterscheinungen bestehen. Immerhin gibt es zwei Merkmale solchen Phantomlichts, die seine mehr-als-halluzinatorische Natur zu beweisen scheinen. Erstens wird das Licht zuweilen nicht nur vor jeder Wahrnehmung einer Gestalt gesehn (das könnte noch eine erste Entwicklungsstufe der Halluzination überhaupt bedeuten), sondern auch abseits von der Stelle, an der das Phantom erscheint; indem dieses etwa zunächst durch zwischengelagerte Dinge verdeckt wird, während das licht' bereits dort wahrgenommen wird, wo es hinstrahlen müßte, falls das Phantom seine Quelle wäre. Dieser Art war die Lichtwahrnehmung in dem von Mrs. Lewin berichteten Erlebnis, die einen Lichtschein hinter ihrer Bettlehne emporstrahlen sah und. 24 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung sich erhebend und Ober die Lehne blickend, das Phantom eines in ihrem Zimmer verstorbenen Unbekannten erblickte.1 Ähnliches veranschaulicht aber eigentlich auch der früher nach Owen angeführte Fall eines Geistlichen, der, in einem ungewohnten Bette früh erwacht und die Angelegenheiten des nächsten Tages überlegend, dabei 'plötzlich sich eines Lichtes im Zimmer bewußt wurde'. "Mich umdrehend, gewahrte ich deutlich eine weibliche Gestalt, und was meine Aufmerksamkeit besonders erregte, war der Umstand, dafi das Licht, vermöge dessen ich sie sah, von ihr selber ausging.'' In einem von Mrs. W. O. S. berichteten Falle wurde diese plötzlich aus tiefem Schlaf erweckt durch den Anruf ihres im Nebenzimmer schlafenden Gatten, wobei sie die Wahrnehmung machte, daß während ihr Zimmer dunkel war, jenes von einem 'sanften gelben Licht durchflutet' erschien, welches auch noch fortbestand, aber im Schwinden begriffen war, als sie das Zimmer betrat. Ihr Gatte, ein Arzt, war gleichfalls von einem 'starken Licht' geweckt worden, hatte dann aber eine Gestalt gesehn, von der das Licht ausgegangen zu sein scheint (sie war 'sehr hell gekleidet' gewesen) und die er nachträglich als Phantom einer etwa gleichzeitig gestorbenen Patientin auffaßte, die in ihren letzten Augenblicken nach ihm gerufen hatte.3 Das folgende Beispiel bietet den gleichen Tatbestand in noch eindrucksvollerer Form, wurde aber leider erst 26 Jahre nach dem Erlebnis aufgezeichnet. - In ihrer Beschreibung eines Spukhauses, wo wiederholt Geschrei, Weinen und Reden gehört und die unten beschriebene Gestalt gesehen wurde, erwähnt die Perzipientin, Mrs. Pennée, Tochter eines englischen Parlamentsmitgliedes, u. a. auch das Folgende: Sie war etwa um 12 Uhr nachts aufgestanden, um ihrer kleinen Tochter eine Arznei zu reichen, 'als das Kind meine Aufmerksamkeit auf ein helles Licht lenkte, das unter der [geschlossenen] Tür durchschien. Ich rief aus, es sei ihr Vater, und öffnete die Tür, um ihn hereinzulassen. Mir gegenüber stand eine Frau. Sie hatte ein Kindchen auf ihrem linken Arm, einen gemusterten Shawl quer über die Brust, und rings um sie her schien ein helles, angenehmes Licht... Sie bewegte sich quer über die Treppe und verschwand in die gegenüberliegende Wand hinein.' - Es lagen Gründe vor, die Erscheinung mit einer Verstorbenen in Verbindung zu bringen.* Ein andres Merkmal, das dem Phantomlicht mehr-als-halluzinatorische Artung sichern könnte, bestände in seiner Fähigkeit, die Dinge der Umgebung sichtbar zu machen. In der Tat scheinen viele Phantome durch ihr Selbstleuchten auch ein völlig dunkles Zimmer, in welchem sie gesehen werden, bis zur Sichtbarkeit vieler Einzelheiten darin zu erhellen. Ist diese Umgebung dem Perzipienten sehr vertraut (wie etwa das eigene Schlafzimmer), so mag man eine Mithalluzinierung des Wohlbekannten vermuten, oder gar ein Ergebnis von Über- 1) S. o. I 21t. 2) Owen, Footfalls 296 B. (Vgl. o. I 34f.) Vgl. Miss Caldecotts Fall Pr X 293f.; Stead 267 u . a . m . 3) PrAm 405-8 (Podmore, App. 286 fl.). 4) Pr VI 61. Photographische Aufnahmen von Phantomen 25 empfindlichkeit des Auges nach gründlichster Dunkelanpassung.1 Anders liegt der Fall, wenn das Sichtbargemachte etwas völlig Fremdes ist; wenn z. B. der Beobachter die Objektivität des Phantomlichts dadurch feststellen kann, daß es ihn instandsetzt, im an sich dunklen Zimmer zu lesen, ja etwa gar 'kleine Schrift' zu lesen. Dies wird tatsächlich behauptet vom Licht einer nachträglich identifizierten Spukgestalt, die der bekannte livländische Baron v. Güldenstubbe, der Verf. der 'Pneumatologie' und andrer Werke, beschrieben hat. Dieser hatte am 16. Marz 1854 bei Licht im Bette gelesen, als er nacheinander 8-10 'elektrische Schläge' empfand. Er ging [offenbar mit dem Licht] in den Saal, kehrte aber ohne Licht ins Schlafzimmer zurück, um ein Taschentuch zu holen, und sah 'bei dem Licht, das durch die offene Tür de" Saales fiel, gerade vor dem Kamin . . . ein Etwas, das wie eine dunkle Säule grauen Dampfes, ein wenig leuchtend, aussah'. Da er es für eine Spiegelung hielt, beachtete er es nicht, fand aber, als er noch einmal aus dem Saal zurückkehrte, um Holz zu holen, daß 'die Erscheinung... nahezu bis zur Decke des [12' hohen] Zimmers reichte'. Ihre Färbung war nunmehr das Blau einer Spiritusflamme, und sie leuchtete stärker. Während er hinschaute, 'wurde allmählich in ihrem Innern die Gestalt eines Mannes sichtbar', etwas dunkler blau, als die 'Säule', und mit nur allmählich deutlicher werdenden Umrissen, Gesichtszügen und natürlichen Farben. Die endlich völlig lebensgleiche Erscheinung wurde genau betrachtet und wird uns in allen Einzelheiten geschildert. "Nach einigen Minuten löste sich die Gestalt von der Säule los und bewegte sich vorwärts, wobei sie langsam durch das Zimmer zu schweben schien, bis sie sich [v. G.] bis auf 3' genähert hatte.' Sie erhob die Hand, schien sich grüßend zu neigen, bewegte sich nach einiger Zeit aufs Bett zu, gegenüber dem Kamin, kehrte dann mit einer Wendung nach links zum Kamin zurück, wobei ihr Rücken deutlich sichtbar wurde, trat wieder auf den Baron zu und wiederholte diese Runde vollkommen lautlos noch etwa neunmal. Darauf wurde sie undeutlicher, 'und während die Gestalt dahinschwand, bildete die blaue Säule sich allmählich wieder und schloß sie wie zuvor ein'. Diesmal leuchtete sie übrigens sehr viel heller, sodaß das Licht den Baron instandsetzte, ein oder zwei Verse einer in Colonelschrift2 gedruckten Bibel experimentweise zu lesen... "Ganz allmählich verblaßte das Licht, indem es zeitweilig aufzuflackern schien, wie eine verlöschende Lampe.' - Erst Tags darauf erfuhr G. auf Erkundigungen hin von der Frau des Hauswarts, daß die Erscheinung bis in die geringsten Einzelheiten, auch der Kleidung, einem in jenem Zimmer verstorbenen Herrn Caron geglichen, von dem - oder gar dessen Aussehn - er nie zuvor gehört hatte; und daß auch Andre ihn ebenso gesehen hatten.3 Im nachstehenden Falle, den Tweedale berichtet, betraf die Sichtbarmachung zwar nur vertraute Gegenstände, doch hat er ander- 1) So Fr X 81 u. 2) mlnion-type, eine Schriftart zwischen Petit und Nonpareille. 3) Owen, Footfalls 282 fl. Vgl. den Fall Pr X 345. 26 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung seits den Vorzug kollektiver Wahrnehmung des phantomhaften Leuchtens. 'In der Nacht des 19. Dez. 1907 wurde meine Frau geweckt durch ein Gefühl heftiger Kalte und einen kräftigen kohlen Wind, der auf ihre Backen blies. Sie wandte den Kopf, erhob sich und sah zu ihrer Verblüffung eine hohe Säule weißen wolkigen Lichts am Fußende ihres Bettes auf der mir zugekehrten Seite stehen, vom Fuß des Bettes bis zur Decke reichend. Während der kalte Wind die ganze Zeit Ober blies, starrte sie die Erscheinung wie zaubergebannt eine Minute oder länger an, während welcher Zeit sie bemerkte, daß das Licht die Bettdecke erleuchtete, sodaß sie bei diesem Licht deutlich deren Muster sehn konnte, wie auch den Ankleidetisch und den Spiegel...' Übrigens wurde am 7. April 1908 wieder eine ähnliche Lichterscheinung von Mrs. Tweedale allein wahrgenommen, und am 8. Nov. 1908 eine dritte, wobei sie diesmal ihren Gatten rechtzeitig wecken konnte, sodaß er wenigstens die Endstufe der Erscheinung mit wahrnahm. Er sah 'eine Wolke phosphoreszierenden Lichts, etwa 4' im Durchmesser, inmitten des Zimmers schweben. Sie war mir nahe, nicht mehr als 5' entfernt. Gerade während meine Augen auf ihr ruhten, begann sie genau wie ein kleiner Ballon emporzusteigen. Mit einer gleichmäßigen Bewegung schien er sich gerade empor- und durch die Decke zu bewegen.' Nirgends war eine natürliche Lichtquelle zu entdecken; die Tür war verschlossen und verriegelt. 'Ohne meiner Frau zu sagen, was ich gesehen hatte, fragte ich sie, warum sie mich geweckt habe. Sie erzählte mir darauf, daß sie durch einen Schock oder Schlag geweckt worden war, der unter oder auf dem Bett zu erfolgen schien. Jedenfalls veranlaßte er sie, sich aufrecht hinzusetzen. Zu Füßen des Bettes erblickte sie die in Schwarz gekleidete Gestalt eines Mannes mit ruhigem, ernstem Gesicht, dessen geballte Hand auf der Messingstange [des Bettes] ruhte, als hätte er sie gerade geschlagen. Ein Licht schien irgendwie die Gestalt zu umgeben, denn sie konnte wieder deutlich das Muster der Bettdecke sehn, während die Messingstangen in dem Lichte funkelten und das Zimmer völlig erhellt war. Sobald sie dies wahrnahm, begann sie mich zu wecken. Als ich erwachte und ausrief 'Was ist los?', fing die Gestalt an, sich in eine leuchtende Wolke aufzulösen. Zuerst verschwand der Kopf, dann der Rumpf, und schließlich stieg die Wolke zur Decke empor und verschwand. Der letzte Teil der Darstellung meiner Frau entsprach vollkommen dem, was ich selbst beobachtet hatte.'1 Lassen wir also die Tatsache gelten, daß Phantome, wenn nicht immer, so doch zuweilen Strahlen aussenden, die unserm Auge - direkt oder reflektiert - als Licht oder Farbe erscheinen, so liegt es nahe zu vermuten, daß sie auch die photographische Platte, selbst im Dunkeln, beeinflussen können. Ja mehr: es wäre nicht unnatürlich, wenn sie 1) Tweedale 237t. Photographische Aufnahmen von Phantomen 27 sich häufiger photographieren als wahrnehmen ließen. Die Tatsache, daß eine Platte für Strahlen empfindlich sein kann, die das Auge nicht beeinflussen, ist heute Gemeingut Aller. Ich will auf technische Einzelheiten nicht eingehn. Es genügt zu sagen, daß bestimmte chemische Stoffe die Empfindlichkeit der Platte sowohl ins Ultraviolette, wie ins Ultrarote hinein ausdehnen. Auch die Stoffart der Linse hat viel zu tun mit Strahlenart und Wellenlänge, die durch sie der Platte zugeleitet werden; Quarz- und Fluorit-Linsen z. B. greifen weiter ins ultraviolette Spektrum hinein als Glaslinsen. Tatsächlich kann man nun auch sagen, daß angebliche Photographien 'unsichtbarer' Phantome weit zahlreicher sind, als solche von 'Erscheinungen', die zugleich normal, am Tage oder bei Nacht, gesehen wurden. Und dies könnte natürlich erscheinen, falls wir vermuten wollen, daß Phantome auf dem Wege zum Sichtbarwerden eine Stufenfolge der Objektivierung, Verdichtung, 'Materialisation' (oder wie man es nennen will) durchlaufen. Dies und der offenbar ergänzende Begriff einer wechselnden Wahrnehmungsfähigkeit von Beobachtern wird ja u. a. durch die bekannte Tatsache nahegelegt, daß selbst in 'kollektiven Fällen' oft nicht alle Anwesenden das Phantom wahrnehmen. 1 Nur auf einer bestimmten Strecke jener Stufenfolge der Wahrnehmbarkeit also brauchten auch Phantome Strahlen auszusenden, die gleichermaßen aufs Auge und auf die Platte einwirken. Die erste Frage, die sich hier erhebt, ist natürlich die nach dem Vorhandensein von Phantom-Auf nahmen überhaupt, oder vielmehr: nach der Echtheit der zahllosen vorhandenen. Damit begegnen wir, feist zum ersten Mal, dem Problem des 'Medien'-Schwindels auf einem Gebiet von ausgesprochen technischer Verwickeltheit, einem Problem, dessen Erörterung ich noch zu verschieben, jedenfalls hier zu umgehen wünsche. Ich will also nicht zum so-und-sovielten Mal die Geschichte der 'Geisterphotographie' und der damit verknüpften echten und falschen Enthüllungen, Gerichtsverfahren und Ehrenrettungen schreiben. Aber mehr: ich will die Hauptmasse von 'Geisterphotographien' hier überhaupt außer Betracht lassen, nämlich jene bekannten sog. sychicos Cesar Lombroso, wie sie sich nannte, -wurde gegründet am 22. Sept. 1919 in S. Paulo auf Anregung des Hrn. José de Freitas Tinoco, Großindustriellen in Rio de Janeiro und S. Paulo, der auch zu ihrem Ehrenpräsidenten gewählt wurde. Die eigentliche Präsidentschaft Obernahm Dr. Carlos Pereira de Castro, ein 'namhafter Kliniker'; als Schrift- 1) das. 2511. - Diesmal saß d. Medium also im Kabinett. 124 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung führer wirkte Major Osorio M. de Barros, ein 'Pharmazeut'; während als besonders tätige Untersucher genannt werden die Herren Dr. Luiz de M. Pinto de Queiroz, Prof. an der Schule der Pharmazie in S. Paulo; Professor de Ole" gario de Moura, ehem. Lehrer an der Escola de Medicina daselbst; Gymnasialprofessor und Zivilingenieur Carlos Frederico Spiccaci; Prof. Dr. Moreira Machado von der Handelsschule; ferner zwei Offiziere, zwei 'chirurgische Zahnärzte', ein 'Arzt', Dr. Eusebio Macedo, ein Advokat, zwei vereidigte Ubersetzer (ein Deutscher und ein Slawe) u. a. m. Die Präsidentschaft übernahm später, als der oben Genannte ins Innere hatte verziehen müssen, der Mathematikprofessor J. F. Schmidt; das vollständige Mitgliederverzeichnis führt zahlreiche weitere Rechtsanwälte, Ingenieure und Chemiker auf, und unter den jeweiligen 'Gästen' finden wir, neben einigen 'berühmten Ausländern', nicht weniger al9 72 Arzte, 18 Pharmazeuten und 12 Ingenieure namentlich aufgezählt. Um aus dieser Menge wenigstens einige Zeugen von vermutlich echtem Gewicht herauszuheben, nenne ich hier Dr. Enrico de Goes, einen 'bekannten Gelehrten', Mitglied der Akademie der Wissenschaften von Rio de Janeiro; Dr. Vital Brasil, Leiter eines bedeutenden Heilinstituts und Erfinder einer besonderen Serumbehandlung; Dr. Beraldo Martins, einen 'sehr bekannten Kliniker'; Dr. Everardo de Souza, Zuchthausdirektor, der eine wissenschaftliche Herausforderung zugunsten Mirabellis erließ; Dr. Anthero Bloem, dessen anfangs durchaus feindliche Einstellung durch seine Beobachtungen überwunden wurde; Hrn. C. G. Ramos, einen in Brasilien sehr bekannten Taschenspieler; Oberst Albert E. Baecker, der die gewonnene 'Gewißheit' in unüberbietbar starken Ausdrücken bezeugt; Dr. Charles Niemeyer, der nach Beobachtungen in seinem eignen Hause das gleiche tat und erst nachträglich wankend wurde, als Ihm von einem Taschenspieler ein 'Zerrbild' der Mirabellischen Leistungen vorgeführt wurde.1 - Eine 'vollständige technische Ausrüstung' - darunter photographische Apparate, Beleuchtungskörper wechselnder Lichtstärken und Farben, Lautverstärker, Präzisionswaage, 'Fesseln' verschiedener Art u. a. m. - war der Arbeitsgemeinschaft von ihrem Ehrenpräsidenten geschenkt worden. Ich habe diese weitschweifige Aufzählung nicht gescheut, damit der Leser einigermaßen die Umgebung kennen lerne, der die mitzuteilenden Berichte entstammen. Der Eindruck, daß er sich in ernstzunehmender wissenschaftlicher Gesellschaft befindet, wird aber noch verstärkt durch grundsätzliche Äußerungen des Verfassers unsrer Schrift über die Gesinnung, in der die Akademie an ihre Aufgabe herantrat. Immer wieder wird die 'kühle und leidenschaftslose', 'unparteiisch unbefangene' Haltung betont, mit der man persönliche Vorurteile, Überzeugungen und Glaubensneigungen beiseitezuschieben suchte, in 'Verehrung der Gesetze und Axiome der anerkannten Wissenschaft', um nur der Feststellung der reinen Tatsachen zu dienen. Tatsächlich wird auch in dem vorliegenden Bericht jede theoretische 1) S. die 30 wörtlich abgedruckten Zeugnisse: MlrabelU 19S. Vollphantome der Experimen talsitzu ng 125 Schlußfolgerung, vor allem jede 'spiritistische', ängstlich vermieden, und die schließliche Anerkennung der Tatsachen als solcher, von deren Unerhörtheit die Prüfenden tief durchdrungen sind, geschieht ausschließlich - und zwar 'vorbehaltlich besserer Meinungsbildung'! -, weil 'die zahlreichen ergriffenen Vorsichtsmaßregeln, die strenge Prüfung aller Phänomene, die unerbittlich durchgeführte Überwachung' die Forscher von der Wirklichkeit des Beobachteten überzeugt habe.1 Besonders bei den objektiven Phänomenen (sagt der Bericht2) 'haben wir "ine Strenge angewandt, welche die Eigenliebe des Mediums und seiner spiritistischen Bewunderer empfindlich treffen mußte, jedoch geeignet war, unserer Absicht einer Prüfung der Wirklichkeit der Tatsachen zu genügen . . . ' 'Wir stellten eine Richtschnur für die Kontrolle auf, deren Strenge bezeugen wird, wie stark unser Wunsch war, die Wahrheit zu entwirren..Diese Vorschriften werden in 8 Sätzen zusammengefaßt, von denen ich nur folgende anführe: 4) Kein Vorgang soll als bewiesen angesehn werden, gegen den auch nur einer der Anwesenden einen begründeten Einwand erhebt... 5 a) Das Medium soll stets von zwei Anwesenden sicher kontrolliert werden, außer wenn es angebunden, gefesselt oder von Sinnen ist. 5 b) Es soll vorzugsweise bei Tages- oder künstlichem Licht untersucht werden, welches genügt, um Tauschungen zu verhüten, deren Annahme Zweifel oder nachfolgende Einwände begünstigen könnte. 6) Dem gleichen Zwecke dient eine vorherige sorgfältige Untersuchung •des Sitzungsraumes, der Person des Mediums, der Gegenstände im Zimmer, des Fußbodens, der Wände und alles dessen, was sonst zu [betrügerischen] Vorbereitungen dienen könnte. 7) Nach Abschluß der Arbeiten [jeder Sitzung] wird ein ins Einzelne gebendes Protokoll über das Vorgefallene aufgesetzt, erörtert und von den Anwesenden unterzeichnet werden, nebst einer Erklärung wohlüberlegter Einwände. Schon hieraus ist teilweise ersichtlich, daß die Bedingungen, unter denen Mirabelli untersucht wurde, sehr günstig abstechen von denen bei andern Medien. Wie uns immer wieder allgemein versichert wird und auch aus den Einzelbeschreibungen hervorgeht, wurde bei weitem 'der größte Teil der berichteten Phänomene geprüft bei hellem Tage slicht,' in später gelegten Sitzungen aber bei starkem künstlichem Licht.8 Mirabelli wurde vor der Sitzung 'entkleidet und untersucht', begab sich dann aber nicht in ein Kabinett, sondern blieb, zuweilen über eine Stunde lang in den unbequemsten Stellungen, völlig gefesselt inmitten der ihn umringenden Untersucher im Tageslichte 1) das. 6.25t. 2) das. 51. 3) a lux de lampadas potentes. 126 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung sichtbar sitzen. Es fand keine liettenbildung' statt, vielmehr bewahrten, wie wir noch sehen werden, die Beobachter völlige Bewegungsfreiheit. Ausdrücklich wird uns versichert, daß Mirabelli sich widerstandslos und geduldig jedem Wunsch der Forscher nach irgendwelcher Verschärfung der Kontrolle unterworfen habe: Entkleidung, Anbinden. In-einen-Sack-stecken, Fesseln. Keinerlei Vorbereitungen irgendwelcher Art konnten ihm jemals nachgewiesen werden, wie denn seine Phänomene ihn oft genug in Privathäusern, auf der Straße, in der Bahn überrascht haben sollen; ja 'nie hat irgendjemand einen auf Tatsachen gegründeten Beweis oder eine unmittelbare Anschuldigung vorgebracht, gestützt auf die Verantwortung eines Namens, daß Mirabelli sich irgendwelcher Kunstgriffe bedient habe. Sonst hätten wir nie die Untersuchung unternommen.'1 Man kann es unbedenklich aussprechen, daß in der gesamten Geschichte objektiver Medienleistungen niemals unter so günstigen Bedingungen experimentiert worden ist wie im Falle Mirabellis. Eben darum muß man staunen über die Leichtigkeit, mit der Frau Dr. Moser über Untersuchungen hinweggleitet, die unter genau den Umständen stattfanden, die sie in ihrer gesamten Kritik solcher Forschungen immer wieder gefordert hat: hellstes Licht und volle Sichtbarkeit des Mediums.2 Neben allem diesem muß nun freilich ein bedauerlicher Umstand erwähnt werden. Man könnte ihn als einen urkundlichen Formfehler der genannten Schrift bezeichnen. Wie wir hörten, hatte die Akademie Cesar Lombroso den Grundsatz aufgestellt, nach jeder Sitzung ein von den Anwesenden unterzeichnetes Protokoll aufzusetzen, und es hätte nahegelegen, selbst in einer kurzen und zusammenfassenden Schrift, wie der vorliegenden, diese Protokolle oder doch einige von ihnen vollinhaltlich abzudrucken, etwa zugleich mit den 'wohlüberlegten Einwänden', die von einer oder der andern Seite erhoben worden wären. Dies ist leider nicht geschehn; oder richtiger: es ist aus der Schrift nicht ersichtlich, wieweit dies etwa geschehen ist Wir erhalten sehr eingehende Schilderungen jeder der überhaupt herangezogenen Sitzungen (eines kleinen Bruchteils der erfolgreich abgehaltenen); Schilderungen, denen man es ohne weiteres anmerkt, daß sie von einem gebildeten Augenzeugen verfaßt sind. Aber wie die ganze Schrift - ohne Verfassernamen - sozusagen im Neunen der gesamten 'Akademie' spricht, 1) aaO. 17. 25. 30f. 34. 2) Moser 749. -Als femer vertrauenerweckend ließe sich aus M.s Vorgeschichte erwähnen, daß er nach abgeschlossenem Schulbesuch sich in ein CoHegio (Säo Luiz) zurückzog, um einen religiösen curso durchzumachen, und daß er, als pflichttreuer kaufmännischer Angestellter, mehr als eine Stellung verlor infolge der ungewollten 'Verfolgung' durch seine Phänomene. Die 18tägige Beobachtimg in einer Irrenanstalt (I) ergab nichts, außer einer Bezeugung der Echtheit der Phänomene durch den Anstaltsleiter, den oben erwähnten Dr. E. de Souza. Vollphantome der Experimentalsitzung 127 so sind auch diese Sitzungsberichte von niemandem persönlich unterzeichnet, und wir können, wie gesagt, nur Vermutungen darüber aufstellen, wie weit sie die aufgesetzten Protokolle wörtlich wiedergeben, wie weit sie nur inhaltlich auf ihnen beruhen, wie weit sie etwa Erinnerungen eines einzelnen Zeugen aussprechen. Dies ist bedauerlich und widerspricht den Gepflogenheiten europäischer Forschung gerade auf diesem umstrittenen Gebiet; auch vermag ich nicht zu sagen, wie weit der Herausgeber sich damit bewußt von wissenschaftlichen Forderungen seines eigenen Kreises entfernt, oder wie weit er soz. mit der Harmlosigkeit des guten Gewissens handelt. Wie dem aber auch sei: es wäre völlig ungerechtfertigt, auf Grund solchen Verhaltens die Berichte für wertlos zu erklären oder gar ihre Gutgläubigkeit anzuzweifeln. Jeder, der die Schrift von Anfang bis zu Ende wirklich durcharbeitet und nicht nur in ihr blättert (wozu die unbequeme Fremdsprache ja verführen könnte), wird unter dem zwingenden Eindruck stehn, daß hier mit heiligem Ernst und äußerster Gewissenhaftigkeit Dinge berichtet werden, die auch der Schreiber mit Einsatz aller seiner Fähigkeiten wirklich beobachtet hat. Was aber mehr ist: die Beobachtungen sind von solcher Grobschlächtigkeit und finden unter solchen Bedingungen statt, daß man die Glaubwürdigkeit der Berichte in allem Entscheidenden nur verneinen kann, indem man sie für erdachten Schwindel erklärt Aber gerade dies wird jeder wirkliche Leser der Schrift sehr bald als undenkbar begreifen. Ich kann dies hier nur behaupten; den Zweifler aber muß ich auffordern, meine Behauptung an der Schrift selbst nachzuprüfen. Nach diesen notgedrungen langen Vorbemerkungen gebe ich nunmehr einige der Berichte (in genauer Übersetzung alles Wesentlichen) wieder. Der erste bezieht sich auf eine Sitzung, die (an einem nicht datierten Tage) in Santos abgehalten wurde, im Beisein 'zahlreicher angesehener Personen'1 unter dem Vorsitz des Dr. Estanis lau de Camargo, beginnend um 9 Uhr morgens, also bei hellem Tageslicht, nachdem der Sitzungsraum (mit vergitterten Fenstern) gründlich durchsucht und verschlossen worden war. 'Es wurde festgestellt, daß man ins Zimmer nur eindringen konnte, wenn man die dicken Mauern oder die in den Stein eingelassenen Türen einrannte.' Nach der Materialisation eines Kind-Phantoms, auf die ich in andrem Zusammenhang zu sprechen komme, sowie einer erstaunlichen telekinetischcn Leistung (die uns als solche hier nicht angeht) ereignete sich nun folgendes. Noch während die Erörterung des vorausgegangenen Phänomens im Gange 1) Namentlich autgezählt werden 16 'Doktoren', 5 'Professoren', neben Offizieren und Ingenieuren, u. a. die oben genannten Dr. J . F. Schmidt u. Dr. Alberto Rlbeiro. 128 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung ist, 'ffihlt das Medium sich von neuem elend und behauptet, im Räume den Körper des bekannten Bischofs D. José de Camargo Barros zu sehen, der beim Schiffbruch des Dampfers 'Syrio' umgekommen ist. Alle verfallen in Schweigen, während zugleich die vorgeschriebenen Sicherungsmaßnahmen ergriffen werden. Während alles noch voll Erwartung ist, macht sich ein sehr süßer Rosenduft im ganzen Saal bemerkbar. Das Medium erblaßt und sinkt in den Lehnstuhl, alsbald kontrolliert von den Herren Ataliba de O. Aranha und Odassio Sampaio. Die Anzeichen eines unnormalen physiologischen Zustands des Mediums wachsen an, bis sie einen beängstigenden Grad erreichen... Auf einem Lehnstuhl bemerkt man ein feines Nebelwölkchen, welches Wogen von Rauch aushaucht und auf das sich von jetzt ab alle Blicke richten. Das Medium wird ununterbrochen an beiden Armen sicher gehalten. Der Nebel . . . zieht sich zusammen, und plötzlich verwandelt er sich in einen dichten und schimmernden Rauch von fahlgoldener Färbung, leuchtend wie eine goldige Aureole. Dieser Rauch löst sich langsam auf, in gezählten Minuten, und aus ihm taucht hervor die sitzende Gestalt eines lächelnden Prälaten mit dem bischöflichen Barett und den übrigen Zeichen seiner Würde. Er behauptet mit lauter und Allen verständlicher Stimme, der erwähnte bekannte Geistliche zu sein, und erhebt sich vom Stuhl. Keine Spur mehr ist von dem Nebel oder dem Leuchten verblieben, und wenn nicht das allgemeine Zeugnis einstimmig gewesen wäre, hätte jeder glauben können, das Opfer einer Illusion geworden zu sein Nichts deutet auf die Anwesenheit eines Wesens von unbestimmbarem Ursprung; ein in diesem Augenblick unvorbereitet Eintretender hätte nichts Abnormes wahrgenommen. Dr. G. de Souza erhebt sich. - macht einige Schritte, bleibt stehen und blickt den geheimnisvollen Gast von vorne an. Dieser, noch immer lächelnd, sagt nichts und richtet gleichfalls seinen Blick auf den Beobachter, der, nach einigem Zögern, sich ihm nähert, ihn berührt, ihn in aller Ruhe betastet, seinen Atem abhört, ihm die Zähne beklopft, ihn den Mund öffnen läßt, um das Vorhandensein von Speichel festzustellen, mit dem Finger seinen Gaumen befühlt, sein Herz und den Rhythmus seines Atems behorcht, niederkniet, die Ohren dem Bauche des vorgeblichen Prälaten anlegt, in Ruhe die Geräusche in den Eingeweiden abhorcht, ihm die Nägel und den Augapfel prüft, insonderheit die Blutäderchen darin feststellt, schließlich einen Schritt zurück tut und ihn von neuem anblickt, wie einer, der sich mit Mühe einer schwerglaublichen Wahrheit unterwirft, und dann, mit nachdenklich gesenktem Kopf, auf seinen Platz zurückkehrt. Es war wirklich ein Mensch, der dort stand. Andre folgen dem Beispiel des Dr. de Souza, ihnen allen überläßt sich der geheimnisvolle Gast gehorsam, und alle kehren zurück mit der Gewißheit, daß sie nicht das Opfer eines Spiels der Einbildung sind, sondern es mit einem anatomisch vollkommen menschlichen Wesen zu tun haben. Nachdem sich alle davon überzeugt haben, drückt sich ein Gefühl unendlicher Bestürzung auf allen Gesichtern aus. Darauf spricht der geheimnisvolle Gast in tadellosem Portugiesisch und in schönem Stil über verschiedene Angelegen Vollphantome der Experimentalsitzung 129 heiten. Am Schluß seiner Ansprache fügte er hinzu: 'Geben Sie gut acht auf meinen Abgang,' und dann bewegte er sich nach der Seite des Lehnstuhls, •worin das Medium saß, noch immer gesichert und im Trans, [wobei alle Anwesenden aufstanden und mit gespannter Aufmerksamkeit den Vorgängen folgten]. Beim immer noch bewußtlosen Mirabelli angelangt, beugte er sich über ihn, legte ihm die Hände auf und verharrte einige Zeit in schweigender Betrachtung desselben. Die Anwesenden umringten die beiden von allen Seiten. Plötzlich wurde der Körper des [Phantoms] von einigen heftigen Zuckungen erschüttert und begann zu schrumpfen, sich zusammenzuziehen, kleiner zu werden. Das Medium, durchweg gesichert, stieß einen kalten Schweiß aus und begann geräuschvoll zu röcheln. Die Erscheinung . . . verkleinerte sich, bis sie eine Höhe von etwa 30 cm hatte, und verschwand dann plötzlich mit einer Schnelligkeit, von der kein Wort einen Begriff geben könnte. Von neuem macht sich der süße und starke Rosenduft bemerklich, und das Medium erwacht, noch lange in einem Zustand halber Bewußtlosigkeit und Unempfindlichkeit verharrend. - Der ganze Saal wird von neuem mit größter Sorgfalt untersucht, aber nichts gefunden, was das mindeste Licht auf den Vorgang werfen könnte.'1 Die demnächst wiederzugebende Beobachtung erfolgte gleichfalls in Santos in den Räumen der Akademie, um 15.30 Uhr (Monat und Tag werden nicht angegeben), in Gegenwart von mehr als 60 Personen, die sich ins Gästebuch eintragen mußten, während die Akademie durch den Präsidenten, durch den 'namhaften Gelehrten' Dr. Estanislau Grumbitsch, den Ingenieur Dr. Gustavo de Oliveira Gusmöes, Dr. O. M. Cavalcanti u. a. vertreten war. Kontrolle des Mediums durch zwei namhaft gemachte Herren; Untersuchung des ganzen Saales, des Fußbodens und der Wände durch Abklopfen (auf 'Falltüren' und Spalten hin); alle im Saal vorhandenen Bilder wurden einzeln entfernt und der von ihnen bedeckte Teil der Wand untersucht; desgleichen die Eisengitter und Fenster; auch durchschritt die Kommission alle Nebenräume des Anwesens, alles aufs sorgfältigste untersuchend, und auf Anraten des Dr. Coriolano Ribas y Assunpcion, eines berühmten Gastes, wurden die Glastüren einiger kleiner Schränke mit Bindfäden verschnürt, desgleichen alle Türen, die aus dem Hausflur in den kleinen ummauerten Garten führten, worauf man die Schnüre von dem genannten Besucher sorgfältig mit einem Petschaft versiegeln ließ. 'Darauf wurde das Medium in ein abgesondertes Zimmer geführt, vollständig entkleidet, alle Stücke seiner Kleidung und Wäsche wurden untersucht, worauf es, ständig überwacht, in den Saal zurückkehrte, in einem Lehnstuhl Platz nahm, seine Füße und Hände gefesselt wurden, und Alle in Erwartung verharrten. Das Tageslicht erhellte vollkommen den ganzen Saal. Das Medium schluchzt wiederholt laut auf. windet sich und verharrt schließlich auf dem Lehnstuhl: starr, die Fäuste geballt, in halb kataleptischem Zustand. Kurz darauf ziehen sich seine Muskeln 1 ) Mirabelli 58(1. M a t t i c s e n , Das persönliche Überleben III 8 130 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung äußerst heftig zusammen und sein Körper wird gänzlich regungslos. Der Puls verringert sich außerordentlich bis auf 42, und die Körpertemperatur geht auf 36.08° herab. Allgemeiner kalter Schweißausbruch, kühle Haut, mühsame, sehr langsame Atmung. Der Dr. Estanislau Grumbitsch verbleibt angesichts dieses Zustands dicht beim Medium, um die Entwicklung der Körperfunktionen zu überwachen, und äußert sich dahin, daß bei weiterer Verminderung von Puls und Temperatur es geraten wäre, die Beobachtungen zu unterbrechen. Im selben Augenblick richtet sich die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf ein rauchartiges Gebilde,1 einem sehr verdichteten Irrlicht ähnelnd, welches wie durch Zauberei nahe einer der Wände auftaucht. Dieses Gebilde, ohne zunächst deutlicher zu werden, zuweilen wie d$r Abglanz des Sonnenlichtes in einem Spiegel erscheinend, bewegt sich nach allen Richtungen im Saal umher, b e t r i t t den von den Beobachtern gebildeten Kreis und nimmt plötzlich, mit geradezu unbeschreiblicher Schnelligkeit, menschliche Gestalt an. Da steht nun, unter mehr als 100 Augen, die vor hemmungsloser Neugier brennen, ein junges Weib von zarten Formen, gekleidet in ein Gewand von sehr leichtem, fast durchsichtigem Schleierstoff, und sagt, an die Anwesenden sich wendend: 'Ich bin Walkyria, Walkyria Ferreira, kennt ihr mich nicht?' Mehrere unter den Anwesenden erklären, daß die körperliche Bildung des jungen Weibes genau, Zug für Zug, derjenigen der an der Schwindsucht verstorbenen Frau Professor Walkyria Ferreira gleiche. Sofort setzt Dr. Grumbitsch einen verwickelten und modernen, kürzlich aus Hamburg eingetroffenen Lautverstärker in Gang. Die seltsame Besucherin hustet anhaltend, unter unheimlichem Schweigen [der Anwesenden], und die sofort einsetzenden starken Erschütterungen des Lautverstärkers zeigen die Schwingungen an, die von ihrer Stimme in der Luft erzeugt [und von Dr. Grumbitsch gemessen] werden... Hr. J. Freitas Tinoco bereitet eine photographische Platte vor und übergibt sie den Herren Ribas y Assunpcion und J. Amarante, die den dafür vorgesehenen Apparat auf die geheimnisvolle Besucherin einstellen, die bald springt, bald umherschreitet, und es gelingt ihnen eine ausgezeichnete Aufnahme von vorne, die sofort dem Hrn. Freitas Tinoco eingehändigt wird. Die Entwicklung fällt gut aus und erweist die wirkliche Aufnahme eines körperlichen Wesens. Die Anwesenden sind sehr erregt [einige bis zu Tränen] . . . Das Medium, in dem oben beschriebenen starren und verkrampften Zustand verharrend, schluchzt laut und anhaltend. [Das Phantom,] bald lachend, bald hustend, spricht zu den Anwesenden, beginnt dann in geneigter Haltung sich in der Luft umherzubewegen, während fünf gezählter Minuten, ohne Berührung mit dem Fußboden oder irgendeinem Gegenstande; es wird neuerdings undichter, ätherisch, und so oft es an der Stelle angelangt ist, an der es zu allererst als unbestimmter Glanz erschien, wird es jedesmal weniger körperlich, mehr ätherisch, bis es völlig unsichtbar bleibt. Die Doktoren Grumbitsch und Ribas y Assunpcion stürzen in dieser Richtung vor, stoßen aber auf die gediegene und feste Mauer, die ihrem Zuschlagen und Abtasten nichts offenbart. Der 1) forma esfumaceada. Vollphantome der ExperimenUdsitzung 131 Tonverstärker beginnt regelmäßig Laute, wie von Entladungen elektrischer Ströme, zu registrieren, Ober deren Herkunft wir nichts ausmachen können. - Das Medium erwacht schließlich und verharrt, mit emporgerichteten Augen, lange in stummer Entrückung... Es antwortet auf wiederholten Anruf nicht, es scheint nichts zu h ö r e n . . . Die einfache Beschreibung des Vorgefallenen (schließt der Bericht) flberhebt uns irgendwelcher Erläuterungen.' 1 Dritte Beobachtung: Im unmittelbaren Anschluß an einen hier noch nicht wiedergegebenen Vorgang fiel das Medium von neuem in Trans; eine inmitten des Zirkels auf einem Tische stehende Glocke wurde durch die Luft geführt und geläutet, und Mirabelli - erwacht - behauptete, einen alten, weißbärtigen Mann in weißein Iiausrock, von einer himmelblauen Aureole umspielt, zu sehen. 'Plötzlich läßt sich . . . ein starkes Geräusch hören, wie das Aufschlagen eines Absatzes auf den Fußboden, . . . und alle [erblicken], dicht beim Tische, die Gestalt eines alten Mannes, mit allen vorher vom Medium beschriebenen Kennzeichen, der die Glocke in der Hand hält, die noch fortfährt, von Zeit zu Zeit zu läuten.2 Im selben Augenblick erklären die Herren Col. Joaquim Soares und Dr. Octavio Moreira Cavalcanti, der Anwesende sei der Dr. Bezerra de Menezes, ein sehr bekannter Kliniker beklagten Andenkens. Dieser wendet sich mit den verbindlichsten Formen eines vollkommenen Kavaliers an die Anwesenden, spricht ihnen von sich selber und bestätigt, daß er es sei. Sprache und Manieren, gleich gehoben, machen auf alle Eindruck. Der Lautverstärker bezeugt die [Objektivität der] Stimme. Mehrere Aufnahmen werden gemacht, und die Doktoren Assunpcion und Archimedes Mendon^a . . . begeben sich zu dem [Phantom] und nehmen während 15 Minuten eine vollständige Untersuchung vor, nach deren Abschluß sie mit lauter Stimme und unter ihrer Verantwortung den Anwesenden erklären, daß es sich wirklich um eine normale und menschlich organisierte Person handle, deren anatomischer Bau und organische Funktionen [in jeder Hinsicht] vollkommen seien. Das [Phantom] selbst drückte, in der offenbaren Absicht, seine wirkliche Anwesenheit noch besser zu bekräftigen, allen [?] Anwesenden die Hand, trotz der Abneigung, welche die meisten dagegen bekundeten. Es war barfüßig. Es sprach von neuem, seinen Abschied ankündigend, und hing alsbald senkrecht schwebend in der Luft, das Gesicht dem Fußboden zugekehrt, . . . worauf seine unteren Gliedmaßen zu verschwinden begannen, die Beine und der Bauch. Als nur noch die in der Luft schwebenden Arme und Brust verblieben, ruft der Dr. Archimedes Meiidon^a aus: 'Aber das ist zu stark 1' und stürzt vorwärts, ergreift jenen halben menschlichen Körper, stößt einen lauten Schrei aus und stürzt bewußtlos zu Boden, wobei jene Körperhälfte, die noch in der Luft umherschwebte, augenblicklich verschwindet. [Zu sich gebracht] berichtet Dr. M., er entsinne sich, zwischen den Fingern eine schlaffe und schwammige Masse gehalten und einen furchtbaren Schlag empfangen zu haben - und danach nichts weiter.' Das sehr erschöpfte Medium wird entfesselt, die Kommission 1) aaO. 60 IT. 2) Vgl. o. S. 58 t. 94. f 132 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung untersucht die versiegelten Türen und findet die Siegel unverletzt. Die einstimmige Ansicht der Anwesenden erklärt die Tatsachen für 'einfach unerklärlich'. 1 Als einstweilen letzte Beobachtung aus der Mirabelli-Schrift sei folgende mitgeteilt Während einer Sitzung der Akademie, vertreten durch Dr. Carlos de Castro, Dr. Alfredo Navarro, Prof. Dr. med. Olegario de Moura, und in Gegenwart anderer durchweg gebildeter Personen; nach genauer Untersuchung des Raumes und Beobachtung verschiedener Phänomene, während das Medium in Transzustand im Sessel wieder innerhalb des Kreises der Beobachter saß, - 'erhob sich unter großem Geräusch, als fiele sie von der Wandbekleidung, deren Höhe mehr als 3 m beträgt,... stehend auf einem Tisch inmitten des Kreises der Beobachter, eine menschliche Gestalt von arabischem oder marokkanischem Aussehn, mit erhobenem Arm, und richtete an uns das Wort in arabischer Sprache... [Unter allgemeinem erschrecktem Staunen] steigt der Neuankömmling, mit blitzenden Augen und stolzen Gebärden, vom Tisch herab, setzt sich unter die Beobachter und verharrt so, in selbstbewußter und gleichmütiger Haltung. - Dr. Olegario de Moura erhebt sich, nähert sich dem seltsamen Gast und berührt ihm die Stirn. Dieser läßt es geschehen, ohne seine stolze Haltung aufzugeben. Dadurch ermutigt, beginnt dieser Forscher, mit dem meisterlichen Geschick seines Berufes, ihn einer regelrechten klinischen Untersuchung zu unterziehen, die eine halbe Stunde dauert, unter der gespannten Aufmerksamkeit der Anwesenden. Am Schluß erklärt er diesen, daß er einen normal gebauten und völlig lebendigen Menschen vor sich habe. Noch vor dieser Aussage haben sich die Herren Dr. Carlos de Castro und Major Osorio de Barros erhoben und die Fenster und Türen untersucht, deren Schlüssel letzterer bei sich hat und die alle verschlossen gefunden werden. Während dieser Untersuchung wird der photographische Apparat in Bereitschaft gesetzt, und [wenige] Minuten darauf wird eine glänzende Aufnahme erzielt. Alle Anwesenden nähern sich einzeln der Gestalt, und diese, in stolzer Zurückhaltung und erhobenen Hauptes, spricht arabisch. Trotz der häufigen Wiederholung derartiger Beobachtungen ist die Spannung und Erregung, die sie bewirken, stets die gleiche, besonders wenn sich der Abschluß der Erfahrung nähert, weil dann, ein Betrug vorausgesetzt, die geheimnisvollen Besucher sich schwerlich aus dem geschlossenen Kreise [der Beobachter] zurückziehen könnten, ohne daß die Täuschung entdeckt würde. [Sehr richtig, denn jetzt entfällt der Einfluß der Überraschung!] Der geheimnisvolle Araber, von dem man nur verstehen konnte, daß er sich Harun al Raschid nannte,2 besteigt denselben Tisch, auf dem er erschien, und spricht von dort aus, mit ausgebreiteten Armen, von neuem in seiner Mundart. Das Medium, das auf Augenblicke in einen halbbewußten Zustand 1) S. 62f. 2) Wohl eine der so häufigen phantastischen Selbstbenennungen jenseitiger Persönlichkeiten. Vollphantome der Experimentalsitzung 133 gekommen war, als das Phantom sich an seine Seite setzte, fällt von neuem unter Schluchzlauten in Transj die Beobachter bilden einen Kreis um den Tisch und blicken mit brennenden Augen auf die darauf stehende Person, und es ist geradezu, als hielten alle den Herzschlag an, so tief ist das Schweigen. .. Der geheimnisvolle Araber erhebt sich plötzlich in die Luft, zögert etwa 10-12 Sekunden, und plötzlich, wie ein Blitz, ist nichts mehr zu sehn. Alle blicken noch ins Leere, als erwarteten sie noch etwas Außerordentliches, aber nichts dergleichen geschieht. [Alle Anwesenden bestätigen die Wirklichkeit des Beobachteten, auch die Untersuchung des Raumes, können aber keine Erklärung ersinnen: nur die Tatsache bleibt bestehen.] Das Medium kommt mit Schwierigkeit zu sich und verharrt stundenlang in einem Zustand nervöser Ubererregung, so daß man für seine geistige Gesundheit fürchtet.'1 Die Schrift betont schließlich, daß alles Beschriebene nur einen kleinen Teil dessen darstelle, was die Akademie im Verlauf ihrer Arbeiten beobachtet habe; daß die wenigen Seiten des Buches die Bemühungen von Jahren zusammenfaßten, und daß weitere Beschreibungen nur Wiederholungen bringen könnten, welche eintönig wirken müßten. Die Beobachter verwahren sich in einem Schlußwort ausdrücklich gegen die Vermutung der Möglichkeit 'optisch-sensitiv-akustischer Illusionen', 'kollektiver Halluzinationen' oder 'allgemeiner Hypnotisierung'; dazu seien sie alle zu gesund, zu wenig veranlagt, zu mißtrauisch gewesen: 'wir glauben, daß die wenigen, die jemals einer solchen Auffassung zuneigten, angesichts dieser Untersuchungen jetzt anders urteilen werden.' Allen Vorurteilen und allem Spott zum Trotz hätten die Tatsachen sich den Beobachtern unwiderstehlich aufgedrängt und die Relativität unsres Wissens bewiesen. 'Mögen andre untersuchen und Versuche anstellen, und dann erklären, ob wir irren oder übertreiben.' 'Die Phänomene sind Wirklichkeit.'2 - Für mein Teil aber muß ich bekennen, daß ich keine Möglichkeit sehe, dieser im Tone tiefster Überzeugung vorgebrachten abschließenden Erklärung die Zustimmung zu versagen. Zahlreiche gebildete Männer haben hier unter mustergültig vollkommenen Bedingungen Vorgänge beobachtet, die in ihrer Massivität und Greifbarkeit nicht zu überbieten sind und im Grunde völlig mit denen übereinstimmen, die auch in £uropa von maßgeblichen Forschern beschrieben worden sind. Die sich häufenden Zeugnisse dieser Art besitzen für mein Urteil ein Gewicht, das den angesichts der Neuartigkeit der Phänomene natürlichen Zweifel zu Boden drückt. Die Berufung auf wissenschaftliche Denkgewöhnungen hat schließlich ihre Grenzen. Es ist leicht, zu erklären, wie Dessoir es bezüglich einer bloßen materialisierten Hand tat: daß solche Gebilde für Augenblicke aus dem Nichts entstehen sollen, bedeute eine solche Zumutung an den 1) S. 66f. 2) S.5.67I. 134 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Verstand, 'daß ich für mein Teil mich ihr nicht mehr gewachsen fühle'; an den hergebrachten physiologischen Gesetzlichkeiten irre werden, 'heißt selber irre werden.'1 Eine solche Denkart verkennt die ewige Relativität und Zeitgebundenheit menschlichen Wissens und beweist im Grunde einen Mangel an wissenschaftlicher Phantasie. Sehr vieles, was heute der Verstand jedes Naturforschers glatt verdaut, hätte in früherer Zeit, wäre es damals behauptet worden, genau die gleiche und gleich begründete Ablehnung erfahren; und oft hat völlige Unbegreiflichkeit' sich in ihr wahres Gegenteil verwandelt, nachdem einmal der Zusammenhang des Unfaßlichen mit andern wohlbekannten Tatsachen entdeckt oder aber ein völlig neuartiges Naturgesetz aufgestellt worden war. Wissen wir doch nicht einmal, ob Materialisationen wirklich als 'Entstehung aus dem Nichts' zu deuten sind; ob wir also nicht mit solchem Ausdruck ein Rätsel aufstellen, das tatsächlich gar nicht so besteht. Wir werden diesen Gedanken später noch zu prüfen haben. Ein Wort schließlich über die Wiedergaben von Lichtbildern, die das Heft über Mirabelli enthält und die ich leider aus äußeren Gründen dem Leser hier nicht zugänglich machen kann. Eins von diesen (Nr. 3) zeigt den Vorgang der körperlichen Untersuchung des halbentkleideten Mediums durch sieben Herren; es sind, der Unterschrift nach, die 'namhaften Ärzte' Dr. Ch. Niemeyer und Dr.Alegretti Filho; der Baron de Ergonte, 'Literat und bekannter Forscher auf dem Gebiet der psychischen Wissenschaften'; Dr. Sylvio de Campos, 'berühmter Rechtsanwalt'; Dr. J. Motta, Direktor der Zeitung 'Säo Paulo', ein 'angesehener Advokat' und 'andere Herren von hoher gesellschaftlicher Stellung'. Ein Blick auf das Bild beweist auch dem Unbeteiligten, daß er es hier tatsächlich mit Männern von Bildung, Geistigkeit und Stellung zu tun hat, und widerlegt den haltlosen Verdacht, die Schrift sei eine Fälschung Mirabellis und seines Anhangs. An Photographien angeblicher Materialisationen enthält das Heft im ganzen 16 (wenn man die ihrer Undeutlichkeit wegen auszuschließenden nicht zählt), wovon 2 das Phantom allein zeigen, 13 dieses und das Medium, 3 außerdem noch einen oder mehrere Sitzer. Eine zeigt uns eins jener Phantome, welche nach Berichten des Heftes e r k a n n t wurden (nämlich das Töchterchen des Dr. G. de Souza); eine das oben beschriebene Phantom des 'Arabers'. Fünf Bilder könnten auf normales Wachsein des Mediums schließen lassen; auf mindestens dreien zeigt es sich in einem unverkennbar stark veränderten Zustand. Auf einem der Bilder scheint das Phantom das Medium anzublicken; auf fünfen wirft es einen starken Schatten. Vier Bilder lassen das Phantom durchaus einem natürlichen Wesen 1) Deuoir 282 Vollphantome der Experimenüdsitzung 135 von Fleisch und Blut gleichen; auf dreien hat es etwas soz. unheimlich starres und totes an sich; auf allen ist es reich und 'natürlich' bekleidet. Mit edlem diesem ist aber natürlich nichts Wesentliches ausgesagt, und die Bilder können keinesfalls über die Gewißheit hinausführen, die wir aus den Berichten schöpfen müssen; so daß der Nachdruck jedenfalls auf diesen ruhen muß. Ich brauche nicht nochmals zu sagen, daß alle solche Zeugnisse dem Zweifler von vorn herein keinen andern Ausweg lassen, als die Annahme von Helfershelfern. Manchen gegenüber versagt sie bereits unzweideutig, und wir werden bald weiteren begegnen, die sie ebenso bündig ausschließen. Daneben aber mehrt sich bereits die Beobachtung von Einzelzügen, aus denen die Übernormalität der Erscheinungen unmittelbar hervorgeht. Ich will mich also nicht bei einer harmlosgroben Ausflucht aufhalten, die der bloße Fortgang der Darstellung klanglos in der Versenkung verschwinden lassen muß. Zunächst wird der Glaube an die Echtheit von Materialisationen, auch wenn die gleichzeitige Beobachtung von Phantom und Medium nicht zustandekommt, sehr häufig verstärkt durch die vermehrte Zahl der Erscheinungen. Oft treten mehrere Phantome nach einander auf, und wenn diese Auftritte rasch auf einander folgen und die Phantome einander sehr unähnlich sind, so drängen sich die Schwierigkeiten auf, die einer mehrfachen Maskierung des Mediums in solcher Eile entgegenstehn; ganz abgesehen - wohlgemerkt! - von unmittelbaren Sicherungen gegen derartige Täuschungskünste überhaupt, wie der Untersuchung von Medium und Kabinett vor und nach dem Auftreten von Phantomen, der Fesselung des Mediums u. dgl. m. - Der folgende Bericht legt zunächst noch größeres Gewicht auf solche Sicherungen. Es handelt sich um die schon erwähnte Palladino-Sitzung in Genua vom l.Mai 1902 im Hause Avellino, bei der u.a. Prof.Morselli, E.Bozzano und Dr. Venzano anwesend waren. Als Kabinett diente die einzige Fensternische de9 Eßzimmers. Dieses Fenster wurde mit dunkelrotem Flanell fiberzogen, Eusapia von zwei Damen vollständig entkleidet, jedes Kleidungsstück von den Herren gegen das Licht gehalten und untersucht. Ein vollständiges Verzeichnis ihrer Bekleidung wird üns mitgeteilt, einschließlich eines 'zerknüllten weißen Taschentuches'. Die beiden Damen aberwachten das Wiederankleiden des Mediums und ffihrten es ins Sitzungszimmer. Ein Bericht Ober die Sitzung wurde sofort nach Schluß von Dr. Venzano aufgesetzt und von allen Teilnehmern beglaubigt. Prof. Morselli und Sgr. Avellino banden Eusapias Hände, Körper und Ffiße einzeln mit vielen Knoten an das im Kabinett aufgestellte Feldbett. Das Licht war genügend stark, um die winzige Nonpareilleschrift lesen zu lassen, wie 136 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Morseiii ausdrücklich feststellte. 'Nach etwa einer Viertelstunde . . . bewegten sich die Vorhänge, als würden sie von zwei Händen auseinandergeschoben, und in der oben gebildeten umfangreichen Öffnung erblickten wir das Gesicht eines jungen Weibes, dessen Kopf und sichtbarer Rumpfteil in schneeweiße Gewandung gehüllt war. Ihr Haupt schien mit vielen Binden des gleichen Stoffe umwickelt zu sein, sodaß nur ein kleiner eirunder Teil ihres Antlitzes unbedeckt war, genügend aber, uns Augen, Nase, Mund und Oberteil des Kinnes deutlich sehn zu lassen. Als Sgr. Bozzano äußerte, daß nur ein Teil des Gesichts wahrnehmbar sei, sahen wir zwei Fingerspitzen den Stoff auf beiden Seiten zurückziehn, um die Züge deutlicher und vollständiger zu zeigen. Ehe die Gestalt verschwand, neigte sie ihr Haupt zum Gruße und warf uns einen Kuß zu, dessen Geräusch von allen gehört wurde. - Wenige Minuten später [erschien auf die gleiche Weise und in ähnlicher Kleidung] ein Mann mit großem Kopf und mächtigen Schultern... Sgr. Bozzano und Prof. Morselli erklären, daß sie auch einen dichten Bart auf dem Kinn beobachtet hätten. Das Gesicht des Mannes blieb mindestens eine Minute lang sichtbar. Er verneigte sich mehrmals vor uns und zog sich dann zurück, nachdem er uns mehrere schallende Küsse zugeworfen hatte, begleitet von ausdrucksvollen Bewegungen des Kopfes. Als die Vorhänge sich geschlossen, hörte man das Klatschen von Händen innerhalb des Kabinetts. In diesem Augenblick vernahmen wir Eusapias Stimme in klagendem Ton nach Prof. Morselli rufen;' Nachdem dann dieser, wie oben beschrieben, einige ihrer quälenden Fesseln entfernt, erschien die gleiche Frauengestalt, wie zuvor, außerhalb des Vorhangs, auf seiner rechten Seite, neigte wiederholt das Haupt und zog sich zurück. Sie 'warf einen Schatten [infolge des Gaslichts] auf die Wand, und dieser Schatten folgte allen Bewegungen ihres Körpers.' - Eine andre Frauengestalt erschien dann auf der gleichen Seite des Vorhangs, deren einer Arm, nach dem Fallen der Gewandung zu urteilen, nur aus einem Stumpf bestand [was wohl zu merken ist]. 'Die Erscheinung hob und bewegte mehrmals dies halb-geformte Glied, dessen Schatten gleichfalls auf die Wand geworfen wurde und allen seinen Bewegungen folgte.'1 In manchen Fällen erreicht die gestaltliche Verschiedenheit der nacheinander erscheinenden Phantome einen solchen Grad, daß ihre durchgängige Darstellung durch das Mediinn an sich schon unglaubhaft wird, während die Annahme einer Mehrzahl von Helfershelfern durch die Sachverständigkeit der Beobachter oder die örtlichkeit als solche, die Anordnung des Kabinetts oder die Stellung der Beobachter davor vollkommen ausgeschlossen erscheint. (Und dabei sehe ich hier noch völlig ab von der angeblichen 'Identifizierung' einzelner dieser Phantome!) So schreibt Dr. Venzano über eine Sitzung mit der Palladino vom 20. Dez. 1900 im 'Circolo Minerva' folgendes: In dieser Sitzung kam, abgesehn von [einem später zu beschreibenden] Phantom, der Cav. Erba in Berührung 1) APS VI 170 ff. Vollphantome der Experimentalsitzung 137 mit der materialisierten Gestalt eines sehr vierschrötigen Mannes, dem sog. Geiste 'John [Kings', des Tührers' der Eusapia]; Signa. Ramorino mit der Gestalt einer alten Frau, die eine ihrer Verwandten zu sein behauptete und in der Tat deren sämtliche Eigenschaften besaß; der Prof. Porro mit der Gestalt eines schlanken und zarten jungen Mädchens, dessen tonlose Stimme ihm erklärte, daß sie seine Tochter Elsa sei, die im Alter von kaum 7 Jahren gestorben war; und Sgr. Vassallo endlich wurde umarmt vom Phantom eines Jünglings, dessen Hände er lange in den seinen hielt und in dem er Oberzeugt war seinen verstorbenen Sohn Naldino zu erkennen.'1 Auch das folgende Beispiel läßt diese äußerste Vielgestaltigkeit erkennen. - Gegen Ende des Jahres 1891 veranstaltete die amerikanische Ges. f. ps. Forsch, unter dem Vorsitz des bekannten Rev. M. J. Savage (Boston) mif dem Medium Mrs. Roberts aus New York eine Sitzung in Onset (Mass.) in einem Saal, der nur eine Tür hatte und im 2. Stock lag. Das Medium wurde in einen fest gearbeiteten Käfig aus Eisendraht (zwischen Holzrahmen) gesetzt, dessen Tür mit starkem Bindfaden vernäht und außerdem mit einem Vorhängeschloß und einem besonderen Wachssiegel gesichert wurde. Mrs. Roberts' Kleidung war von einer Dame untersucht worden: sie bestand aus dunklen Stücken. Etwa 60 Personen waren anwesend; die Mitglieder der Ges. f. ps. Forsch, saßen in der ersten Reihe, darunter einige Ärzte. 'Mehr als d r e i ß i g Gestalten kamen während einer Stunde von der Stelle her, wo das Medium sich befand, und materialisierten sich vor ihm, in voller Sicht der Anwesenden. (Das Gas war 'herabgeschraubt' worden.) Die einzelnen Erscheinungen waren bald groß, bald klein, und wurden von denen erkannt, an die sie sich wandten... Auch mehrere Männergestalten, groß und stark von Wuchs, erschienen, und doch war das Medium eine kleine und schlanke Frau...'2 - Das Merkwürdigste aber war, daß während dieser Sitzung das Medium plötzlich außerhalb des Käfigs und Kabinetts erschien, während doch a l l e Verschlüsse des ersteren bei sofortiger Untersuchung in hellem Gaslicht unverletzt gefunden wurden. Damit erscheinen die vorgenommenen Sicherungen entwertet. Man muß sich aber erinnern, daß auch Dr. Gihiers Medium Mrs. Salmon' aus einem wohlverschlossenen Eisenkäfig hinausgeführt worden ist,4 und daß die e i n w a n d f r e i bezeugte 'Entrückung' der Medien Guppy, Herne und Henderson aus ihren Zimmern6 genau die gleiche Hindurchführung eines Leibes durch festen Stoff (wenn nicht durch eine uns verschlossene Dimension des Raumes) in sich schließt. Ich kann auf diese Dinge hier nicht eingehn, betone vielmehr nur, "faß Mrs. Roberts' Erscheinen außerhalb ihres Käfigs bestimmt keinen Betrug beweist, sodaß das Argument aus der starken Verschiedenheit der einzelnen Phantome von dieser Tatsache nicht berührt wird.6 1) das. 164f. 2) Emyl82£f. 3) Mrs. Carrie M. Sawyer. 4) PS XXVIII 457f.; ASP XI 3fl. 65H. 5) Me 5. Dez. "S73; 26. Mai, 10. Juni 1871; SpM 1871 289 B.; PsSc VIII17 B. 6) Weitere Angaben über Mehrheit u. Verschiedenheit d. Phantome s. Brackett 12t. 18. 39. 47. 50; Seiling 6; RB 1925 303f.; Holms 439 (nach Reichel); Doyle, Advent. 108. 138 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Zu den mehr oder minder gleichzeitig mit dem Medium beobachteten zahlreichen und verschiedenen Phantomen gehören auch die von Frl. Elisabeth Tambke gelieferten, und ich will, um von vorn herein festeren Boden unter die Füße zu bekommen, die wichtigsten Berichte darüber hier einfügen, obgleich ich damit wieder wesentlich vorgreife; denn diese Phantome bieten gleichfalls jene Besonderheit dar, die erst auf einer späteren Stufe uns res Gedankenganges zu besprechen ist: sie ließen sich als Erscheinungen bestimmter Verstorbener identifizieren. Es soll also der Nachdruck auch hier nicht auf diesen Umstand gelegt werden, sondern bloß auf die Frage der Echtheit der Phantome überhaupt. - Der erste Bericht stammt von Hrn. Hinrich Ohlhaver, weitesten Kreisen bekannt als spiritistischer Schriftsteller mehr volkstümlicher Richtung. Die gemeinsamen Bestrebungen haben auch mir Gelegenheit verschafft, ihn persönlich kennenzulernen, und so kann ich hier eine selbständige Einschätzung seines Zeugenwertes bieten. Als Geschäftsmann großen Zuschnitts ist Hr. Ohlhaver durchaus ein Mensch des scharfen Blickes für die äußeren Dinge. Mehrere Erfindungen und ihre kaufmännisch-industrielle Ausnutzung hatten ihm - bis zum unverschuldeten Zusammenbruch - bedeutenden Reichtum verschafft. Dem Spiritismiis stand er von Hause aus vollkommen ungläubig gegenüber und wurde nur durch andre veranlaßt, einen Blick in diese Dinge zu tun. Was er sah, führte ihn bald zu völlig unerwarteten Überzeugungen. Der Stil, in welchem er seine entscheidenden Erfahrungen beschreibt, läßt durchweg den nüchternen, genauen und streng wahrheitsliebenden Beobachter erkennen. Der folgende Bericht über seine erste Materialisationssitzung mit dem Medium Frl. Tambke (in Wilhelxnsburg bei Hamburg, am ersten Sonntag des Juli 1890) beruht, wie mir Herr Ohlhaver schrieb, auf einem 'genauen Protokoll, welches mit allen Einzelheiten am folgenden Tage zusammen mit einem Herrn Zimmermann, der jener Sitzung auch beigewohnt hat, aufgesetzt wurde.' Das Sitzungszimmer maß nur 4 m im Quadrat und enthielt an Möbeln nur die Stühle für die 18 Sitzer. 'Die eine Ecke war durch einen Vorhang von dem übrigen Teil des Zimmers abgeteilt. [Keins der beiden Fenster des zu ebener Erde liegenden Raumes führte in dies Kabinett, in welchem überhaupt nur 'etwa 3 Personen' Platz finden konnten.] Der Vorhang bestand aus einem dunklen, ungefütterten Wollstoff und war unter der Stubendecke befestigt, reichte aber nicht ganz bis auf den Fußboden herab, sondern ließ noch einen etwa handbreiten Raum f r e i . . . Er bestand aus vier Längsbahnen, die an jeder Seite etwas übereinandergriffen... Als Sitzgelegenheit für das Medium war ein Rohrsessel in das Dunkelkabinett gestellt. - Die Fenster des Zimmers waren durch Vorhänge verhängt, um den Eintritt des direkten Vollphantome der Experimentalsilzung 139 Tageslichtes zu verhindern. Im Sitzungszimmer herrschte ein Dämmerlicht, das aber hell genug war, daß a l l e T e i l n e h m e r sich gut e r k e n n e n k o n n t e n und man die Zahlen auf dem Z i f f e r b l a t t e i n e r vorhand e n e n Wanduhr in 3 m Entfernung noch zu sehen vermochte.' Nach genauen Angaben Ober die Anordnung der Teilnehmer und ihre Entfernung vom Kabinett (1,5 m) wird das erste Auftauchen von 'etwas Weißem' am unteren Vorhangrande beschrieben, sodann das einer mit einem 'Tüchlein' winkenden Hand, und schließlich das Hervortreten der ersten 'weißgekleideten Gestalt' durch eine der Vorhangspalten. Dies war 'eine weibliche Gestalt von wahrhaft holdem Liebreiz', die den meisten Anwesenden bereits wohlbekannte 'Margaritta', von der und ihrer Gewandung Herr Ohlhaver, da er 'in der vordersten Sitzreihe saß', eine bis ins kleinste gehende Beschreibung zu geben vermag, die uns hier indessen nicht zu interessieren braucht. Nachdem das Phantom mehrere Teilnehmer 'magnetisiert' hatte, u. a. auch den herbeigewinkten Ohlhaver an seinem linken Arm, 'in welchem [er] in der Tat seit einigen Tagen ein schmerzhaftes Gefühl hatte,' zog es sich ins Kabinett zurück, wobei 'die eine Längsbahn des Vorhangs mit offenbarer Absicht etwas ins Kabinett hineingezogen wurde, so, daß das stark gedämpfte Tageslicht an dieser Stelle ins Kabinett hineinfiel und ich sehen konnte, wie das Medium, Frl. T., schlafend auf depi Rohrsessel saß, den Kopf zur Seite geneigt. Dann beugte M. sich etwas zur Seite, . . . ergriff die herabhängende Hand des Mediums, zog sie zu sich empor und zeigte mir die beiden ineinanderruhenden Hände. Diese beiden Hände bildeten einen erheblichen Kontrast, denn diejenigen des Mediums waren voll und rund, diejenigen von Margaritta aber zart und schmal.' 'M.' trat ins Kabinett zurück, aber noch ehe O. sich auf seinen Platz zurückbegeben, nochmals daraus hervor, grüßte nach allen Seiten, 'und dann war der Platz, wo sie soeben noch stand, plötzlich leer. Sic war nicht in das Kabinett zurückgetreten, sondern sie hatte sich vor unsern Augen dematerialisiert. - Kaum war das geschehen, nicht mehr als eine Sekunde später, wurde der Vorhang von innen heraus [durch das Medium] auseinandergehalten, und das Kabinett konnte beliebig untersucht werden . . . Außer dem schlafenden Medium und dem Rohrsessel war nichts vorhanden . . . Eine Stelle, etwas zu verstecken, war nicht vorhanden.' 'Annähernd 10 Minuten' später trat 'wiederum eine weißgekleidete, weibliche Gestalt aus dem Kabinett heraus,' die 'von den meisten Teilnehmern sogleich als die verstorbene Frau von Vater Tambke und als die Mutter des Mediums erkannt und begrüßt' wurde. Auch dies Phantom, das mehrere Teilnehmer persönlich und zärtlich begrüßte, wird von O. eingehend beschrieben, und zwar s t a r k a b w e i c h e n d sowohl von 'Margaritta' als auch vom Medium, vornehmlich bezüglich der Hände; doch kann er für die E r k e n n u n g natürlich nicht Zeugnis ablegen. Als es schließlich ins Kabinett zurückgegangen war, 'ragte von dem weißen Gewand noch ein Teil, auf dem Erdboden liegend, gleich einer Schleppe unter dem Vorhang hindurch, etwa 50-60 cm in den Sitzungsraum hinein. Ich erwartete, daß dieser Teil des Gewandes ganz in das Kabinett hineingezogen würde... Es wurde [jedoch] allmählich 140 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung immer winziger und durchsichtiger, bis es sich nach annähernd 2 Minuten gänzlich aufgelöst hatte.' Das Medium kündigte nunmehr an, daß Hrn. Ohlhavers Vater versuchen wolle, sich zu materialisieren. Diese Gestalt trat zweimal nur in die Vorhangspalte, sodaß Einzelheiten noch nicht erkennbar wurden. O., der ans Kabinett herangetreten war, stand im Begriff, sich etwas enttäuscht zurückzuziehen, 'als der Vorhang wieder geöffnet wurde, dieselbe Gestalt nochmals erschien und [diesmal] aus dem Kabinett heraustrat. Vor dem Vorhang stand mein Vater. - Bei den vorhergehenden Materialisationen war ich ganz der kohle Beobachter gewesen. Es würde der Wahrheit nicht entsprechen, wenn ich es auch für diesen Fall sagen wollte. Ich war von einem GefOhl freudiger Dankbarkeit für diesen Beweis beherrscht...' 'Der dunkle Teint [meines Vaters] trat in der weißen Umrahmung [der haubenartigen Kopfbedeckung] intensiv hervor. Die sehr starken und dunklen Augenbrauen waren nahe der Nasenwurzel fast vereinigt. Die breite Stirn war ziemlich hoch und zurücktretend. Die Nase war gerade, mit schmalem Rücken. Schnurrbart und Kinnbart fehlten. Vom Backenbart war auf beiden Seiten nur eine kleine Ecke sichtbar. Mein Vater reichte mir beide Hände, neigte sich etwas zu mir nieder und küßte mir die Stirn. Nachdem er meine Hände eine kurze Zeit in den seinen gehalten hatte, ließ er sie fahren und strich die Kopfbedeckung, die nur sein Gesicht freiließ, überall weiter zurück, so daß der ganze Backenbart und auch ein erheblicher Teil des Haupthaares sichtbar wurde. Dann nahm er meine rechte Hand und führte sie einigemale über seinen Backenbart auf und ab. Die Haare des Backenbarts waren schon ergraut, kurz und stark, gerade so, wie sie zu seinen Lebzeiten gewesen waren. Ich konnte sehen, und noch besser, ich konnte fühlen, daß die Haare des Bartes an der Backe nicht flach anliegend, sondern abstehend waren, und die Haarspitzen waren nach oben gebogen. Mein Vater hatte die Angewohnheit gehabt, seinen Bart an den Backen immer nach oben zu streichen, wodurch die Haarspitzen nach oben gebogen waren. Auf dieses scheinbar nebensächliche Merkmal hätte ich wohl kaum geachtet, wenn er nicht meine Hand genommen und sie wiederholt über seinen Bart gestrichen hätte. Seine Hände waren wie zu Lebzeiten groß und sehnig, sie waren so groß, daß meine Hände von mittlerer Größe klein dagegen erschienen. Dabei waren sie in Haltung, Bewegung und Anpassung von voller Natürlichkeit. Der Ausdruck in seinem Gesicht kann am besten mit ruhiger Zufriedenheit bezeichnet werden. Während der ganzen Zeit hatte ich unmittelbar vor meinem Vater gestanden... Ich brauchte nichts mehr zu sehen. Ich hatte mich genügend überzeugt... Die Gestalt meines Vaters zog sich nun in das- Kabinett zurück. Im gleichen Augenblick wurde der Vorhang durch das schlafende Medium weit geöffnet [der so oft beobachtete 'Wille-zum-Beweis']. Mehrere Teilnehmer gingen in das Kabinett hinein. Von der Gestalt und den weißen Gewandstoffen war keine Spur zu finden.' Es traten im weiteren Verlauf dieser Sitzung nun noch drei Phantome auf: 'Marie Kindermann', die Tochter einer anwesenden älteren Dame, ungewöhn Vollphantome der Experimentdlsitzung 141 lieh lebhaft, mit einem Tituskopf von 'negerartig krausem', schwarzem Haar; ein 'altes Mütterchen', verrunzelt und weißhaarig, mit welken Händen und leicht gekrümmten Fingern, von einem der anwesenden Herren an der 'vollständigen Ähnlichkeit' als seine verstorbene Großmutter erkannt, deren 'Identität er nicht in Zweifel ziehen' könne; und schließlich ein sechsjähriger Knabe mit goldblondem und gelocktem Haar, der seinen anwesenden Bruder zärtlich begrüßte. Auf Ohlhavers Bitte setzte der Knabe einen seiner Füße in dessen hohle Hand: 'die Länge desselben war geringer, als die meiner Hand.' Von keiner dieser Materialisationen wird gesagt, daß sie gesprochen habe; sie verständigten sich mit den Anwesenden durch Gesten oder durch den Mund des schlafenden Mediums. In späteren Sitzungen jedoch hörte O. einige auch reden. £r machte noch etwa 70 solcher Materialisationssitzungen mit und sah dabei 'Margaritta' 32 mal, 'Frau Tambke' 12, seinen Vater 5, 'Marie Kindermann' 9, die Großmutter 2 und den kleinen 'Gottlieb' 3 mal, stets mit genau den gleichen Merkmalen, die Ohlhaver in einer Tabelle sorgfältig zusammenstellt, wobei er Größen bis auf Zentimeter bemißt.1 Von dem Medium dieser Sitzungen sagt er, daß Frl. Tambke wegen 'ihrer selbstlosen Art, ihrer kindlichen Aufrichtigkeit und ihres sanften, heiteren Wesens der Liebling aller' gewesen sei. Die damals 23 jährige junge Dame machte 'mit ihrer gesunden, leicht gebräunten Gesichtsfarbe den Eindruck eines heiteren, achtzehnjährigen Mädchens... Die blauen Augen blickten frei und vertrauend umher... Weltmännische Manieren waren nicht vertreten, wohl aber ein sympathisch berührender, ungezwungener Anstand und feiner Takt. Die kindliche Zutraulichkeit ihres Wesens erhöhte den angenehmen Eindruck natürlicher Frische. Diesem Wesen gegenüber den Verdacht schlauer Berechnung zu hegen, würde abgeschmackt gewesen sein.' 'Aus eignem Antrieb sprach sie niemals über ihre mediale Begabung, und Sitzungen zu halten, hatte sie wenig Neigung.' Sie 'saß' stets u n e n t g e l t - l i c h , nur weil ihr Vater auf die Förderung spiritistischer Lehren Wert legte. Selbst kleine Aufmerksamkeiten wurden dankend verbeten. - Ich habe die Dame in ihren älteren Jahren kennengelernt, und obgleich ich weiß, wie wenig solche persönliche Eindrücke dem Zweifler gelten, dem jederzeit der Ausweg in das unberechenbare Unterbewußtsein' offensteht, so will ich doch nicht verschweigen, daß der Gedanke, dieses äußerst gütige, stille, mütterliche Wesen habe in seiner Jugend die abscheulichsten und feinstberechneten Betrügereien ausgeübt, um dann mit dem Betrogenen eine glückliche Ehe einzugehen, mir als der Gipfel menschlicher Unglaublichkeit erscheint. - Da übrigens Ohlhavers Bericht bei seinen Verwandten unerschütterlichem Ubglauben begegnete, brachte er schließlich eine Sitzung mit Frl. Tambke im Hause seiner Mutter zustande. Vor dieser Sitzung entkleidete sich das Medium auf eigenen Wunsch in Gegenwart mehrerer Damen, legte dann dunkle Kleider der Schwester Ohlhavers und darüber deren Regenmantel an, 'der zu allem Uberfluß noch am Halse und unten an den beiden Handge - 1) Ohlhaver 1190. 142 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung lenken eng zugenäht wurde'. Acht Materialisationen erschienen und wurden 'klar erkannt'.1 Ohlhaver selbst erwartet den Einwand, daß seine 'Prüfungen wissenschaftlichen Anforderungen nicht genügten. Ich will es gelten lassen (schreibt er). Es war auch nicht meine Absicht, andre durch meine Prüfungen zu belehren, sondern ich wünschte nichts weiter, als mich selbst zu überzeugen, und das habe ich erreicht Aber ich glaube sagen zu dürfen, daß die von mir angestellten Untersuchungen praktischen Anforderungen vollauf Genüge leisten.'2 - Diese bescheidene Selbsteinschätzung scheint mir die Vertrauenswürdigkeit des Zeugen nur zu erhöhen. In der Tat sind nicht nur die Versuchsbedingungen, sondern vor allem auch die Beobachtungen selbst, wie man bei genauem Durchdenken finden wird, größtenteils so geartet, daß man sich ihrer Anerkennung nur entziehen kann, indem man den Erzähler eines Übermaßes subjektiver Erinnerungsfälschung (innerhalb 24 Stunden!) bezichtigt, das ihn als seelisch Belasteten schwersten Schlages hinstellen würde. Die Lebensleistungen des Mannes allein schon widerlegen eine so läppische Kritik, die ja überdies noch viele ihm mindestens Ebenbürtige treffen müßte. - Außerdem besitzen wir über Phantome des Medium^ Tambke einen Sammelbericht du Preis und Andrer nach Sitzungen vom Frühsommer 1890, der Ohlhavers Angaben bis in Einzelheiten hinein bestätigt Sie fanden in München in einem noch unbezogenen, also 'vollkommen leeren' Atelier statt, in dessen einer Ecke ein dem oben beschriebenen vfillig gleiches Kabinett hergerichtet worden war. Um dieses saß man 'in großem Halbkreis herum'. Das herrschende Halbdunkel 'gestattete, das Atelier seiner ganzen Ausdehnung nach zu Oberblicken, ja jedes einzelne Gesicht zu unterscheiden und zu erkennen'. Frl. Tambke Vurde vor der Sitzung und unmittelbar danach von vier Damen, und zwar sehr gründlich' untersucht, desgleichen Kabinett und Lehnstuhl. Sie trug nur farbige Bekleidungsstücke, schwarze Strümpfe und hohe Knöpfstiefel, und wahrend der Sitzungen anstatt des Kleides einen langen gelben und ungefütterten Regenmantel, der in der zweiten Sitzung sogar zugenäht war. (Die Türen waren verschlossen, das Medium aus guten Gründen ungefesselt.) Auch hier wurde im ganzen 4 mal beim Zurücktreten des Phantoms ins Kabinett 'sofort der Vorhang von innen heraus weit nach beiden Seiten geöffnet', so daß man 'beträchtlich lange das schlafende Medium sehen' konnte. 'Phantome und weiße Gewänder aber waren verschwunden'. Nach du Preis Meinung wären zur betrügerischen Herstellung der sehr verschiedenen Gewandungen, 'gering angesetzt, 20 m Stoff nötig gewesen'. Ihre Einschmuggelung trotz der Durchsuchung hält er für ausgeschlossen. Es wurde eine Photographie erzielt, auf welcher das Phantom 'deutliche, vom Medium ganz verschiedene Gesichts- 1) das. 147 IT. 2) das. 150. Vollphantome der Experimentalsitzung 143 zfige zeigt'. Drei Zeugen erblickten unter dem unteren Vorhangsaum gleichzeitig den unteren Rand des Regenmantels des Mediums, links davon einen großen nackten Fuß mit ausgebildeten Nageln, und rechts den unteren Teil einer weißen Gewandung. Auch hier blieb gelegentlich 'vor dem Vorhang ein weißer Stoff zurück . . . ; er wurde aber nicht ins Kabinett gezogen, sondern verschwand allmählich, wie schmelzender Schnee.' (Vier Zeugen). Was nun die Erkennungen während dieser Sitzungen anlangt, so kann man diejenigen der 'Mutter' des Malers Halm-Nikolai, Inhabers des Ateliers, und der 'Gattin' des Hrn. Dr. B. nur als m&ßig überzeugend bezeichnen. Weit besser war die einer Freundin der anwesenden Baronin Poißl, 'Julie v. N.', die u n e r w a r t e t auftrat und im Gegensatz zum Medium dunkelhaarig erschien, mit kurzer Nase, vibrierenden Nasenflügeln und dunklen Augen mit großen Pupillen und langen Wimpern. Ein dreimaliges Klopfen dieses Phantoms auf die Hand seiner Freundin war 'charakteristisch'. 'Auch die Hand des Phantoms glich genau derjenigen der Julie v. N.; Manieren, Lächeln, Kopfbewegungen' desgleichen. 'Eine Ähnlichkeit mit dem Medium war nicht vorhanden.' Die anwesende Frau v. Arnhard (bei der allerdings Frl. Tambke abgestiegen war) erkannte ihre Mutter u. a. an 'zwei Blatternarben unter den beiden Augen... Die Gesichtsfarbe war dunkel, wie in Wirklichkeit.' Herr v. A. fand die Gestalt Svie hell leuchtend'. (Von dieser Dame gab es Oberhaupt keinerlei Bild.) Demselben Zeugen erschien die Ähnlichkeit des angeblichen Phantoms seiner eigenen Mutter 'frappant', in Bezug auf Nase, Stirn und Mund, die 'Gebärdensprache und die ganze Art, wie sie sich gab.' Dieser Ansicht pflichteten Frau v. A. und die Baronin du Prel bei, beides Verwandte der Erscheinenden.1 Noch überwältigender wird die Belastung der Helfershelfer-Theorie, wenn mehrere Phantome gleichzeitig wahrgenommen werden, und zuweilen auch gleichzeitig mit der Beobachtung oder Überwachung des Mediums. Die Annahme, daß ein Medium zwei, drei oder gar vier Genossen in die Behausung eines Fremden einschmuggeln könne, um sie dann aus einem Kabinett hervorgehn zu lassen, in das es selbst nur vor den Augen sämtlicher Anwesenden gelangen kann und das es bei voller Beleuchtung allein betritt, - eine solche Annahme richtet sich durch ihre verrannte Willkür selbst, - wieder abgesehn von etwaigen unmittelbaren Beweisen für die Übernormalität der erscheinenden Phantome. In der dritten der Turiner Palladino-Sitzungen unter Lombrosos Leitung sah Dr. Visaiii Scozzi *vor einem Fenster, durch welches einiges Licht drang, eine Schattengestalt sich bilden, die einem Manne von hohem Wüchse glich und deren Profil er in allen Einzelheiten erkennen konnte. Jedesmal, wenn das Phantom sich an dem Fenster vorüberbewegte, erklärten Graf und Gräfin Mainardi, daß es das ihres Neffen Theodor sei, der von ungewfihn- 1) du Frei, Stud. II 274 IT. 144 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung lichem Wuchs gewesen war. Während der ganzen Zeit aber hörte das als 'John King' eingeführte Phantom nicht auf, seine Anwesenheit hinter dem Dr. Scozzi zu bekunden. Es waren also gleichzeitig zwei deutlich unterschiedene Materialisationen zugegen.'1 Noch stärker war die Ungleichheit zweier Gestalten, die in der erst kürzlich erwähnten Genueser Sitzung im Hause der Avellinos beobachtet wurden. Nach den beschriebenen, einander ablösenden Erscheinungen 'öffneten sich [nach Dr. Venzanos Bericht] die Vorhänge in einer gewissen Höhe über dem Fußboden, und wir sahen eine Frauengestalt erscheinen, die ein kleines Kind in den Armen hielt, das sie wiegen zu wollen schien. Diese Frau, im anscheinenden Alter von etwa 40 Jahren, trug eine weiße Mütze, geschmückt mit Stickereien von derselben Farbe... Die Kopfbedeckung verhüllte zwar die Haare, ließ aber die Züge eines breiten Gesichts mit hoher Stirn erkennen. Der übrige Kölker, soweit er nicht durch die Vorhänge verdeckt wurde, war in weiße Tücher gehüllt. Was das Kind betrifft, . . . so mochte es dreijährig erscheinen. Der kleine Kopf war bloß, mit sehr kurzen Haaren; er befand sich etwas höher als der Kopf der Frau. Der Körper des Kindes schien in Windeln gewickelt zu sein, gleichfalls von leichtem und sehr weißem Stoff. Der Blick der Frau war aufwärts gekehrt, mit einem Ausdruck von Liebe zu dem Kinde, das den Kopf ein wenig gegen sie gewandt hielt. Die Erscheinung dauerte länger als eine Minute. Wir standen alle auf und traten heran, was uns gestattete, ihre geringsten Bewegungen zu verfolgen. Ehe der Vorhang sich wieder schloß, bewegte sich der Kopf der Frau ein wenig nach vorn, während der des Kindes, mehrmals nach rechts und nach links sich neigend, dem Gesichte der Frau mehrere Küsse versetzte, deren kindlicher Klang sehr deutlich an unser Ohr drang...' (Prof. Morselli entwarf eine Zeichnung dieser Erscheinungen, nach welcher der Maler Berisso ein ausgeführtes Bild anfertigte.)2 Die anschließend mitzuteilenden vier Berichte sollen nur gleichsam anhangsweise und unter Vorbehalt hier stehen. Jeder von ihnen hat manches für sich: der erste stammt von einem der größten Naturforscher des vorigen Jahrhunderts, dem man seinen Leistungen nach doch wohl besondere 'Augen im Kopfe' zutrauen möchte und dessen Aussagen nicht eben leichtzunehmen sind; die übrigen drei weisen wohlverbürgte Einzelheiten auf, die an sich schon die Übernormalität des Beschriebenen zu beweisen scheinen. Anderseits ist hinsichtlich des ersten zuzugeben, daß selbst die schärfste Beobachtungsgabe eines Zoologen und Botanikers keine Sicherheit gewährt gegen die besonderen Täuschungsmittel eines betrügerischen Mediums;3 und von den Medien der übrigen drei Fälle ist Miss Wood unzweifelhaft mehr als einmal auf grobem Schwindel ertappt worden;1 man müßte also annehmen, t ) bei Delanne II 5531. 2) APS VI 173. Vgl. Delanne II 218; 268. 270 (2 Phant. gleichzeitig sichtbar, Abgüsse liefernd). 3) Über Wallaces vornehme Vertrauensseligkeit s. Myers In Pr XI 218. 4) Podmore, Spir. II 105. 108. 112t. Vollphantome der Experimentalsitzung 145 daß sie echte 'Kräfte' nicht immer auszuüben vermocht und, so oft sie ein Versagen spürte, den Anforderungen ihres Berufes durch betrügerische Machenschaften zu genügen gesucht habe. Gegen Monck wissen auch die schärfsten Kritiker keine wirkliche Entlarvung ins Feld zu führen, und wir werden noch Leistungen desselben begegnen, die wiederum an sich eine normale Deutung auszuschließen scheinen. Mrs. d'Esperance endlich genießt (wie gesagt) auch bei den namhaften Gegnern unsres Gebietes wenigstens in 'moralischer' Beziehung den besten Ruf und wird von ihnen höchstens als bedauernswertes Opfer somnambulen Selbstbetruges hingestellt; ein Vorwurf übrigens, der durchaus in der Luft schwebt und an manchem noch Anzuführenden erlahmen muß. - Der erste Bericht, von Sir A. R. Wallace, F. R. S., ist offenbar erst längere Zeit nach der Beobachtung aufgezeichnet. 'Die Sitzung, schreibt er, fand in dem Vorderzimmer zu ebener Erde eines kleinen Privathauses [in Boston] statt; aus diesem Zimmer führte eine Schiebetür in ein Hinterzimmer, und eine gewöhnliche Tür auf den Flur. Das Kabinett wurde gebildet durch einen Stoffvorhang, der quer über die Ecke des Zimmers zwischen dem Kamin und der Schiebetür ausgespannt war. Auf der einen Seite war die Außenwand des Hauses, auf der andern die Wand des Hinterzimmers, und hier stand ein Schrank mit Porzellan. Ich wurde aufgefordert, das Vorderzimmer, den Fußboden, das Hinterzimmer und die Köllerräume, wo sich ein Heizapparat befand, zu untersuchen; ich tat es gründlich und bin gewiß, daß kein andrer Zugang - selbst für das kleinste Kind - außer den Türen vorhanden war. Dann wurde die Schiebetür geschlossen, [der Spalt] mit Heftpflaster überklebt und dieses persönlich gezeichnet. Die zehn Anwesenden bildeten einen Halbkreis vor dem Kabinett, und ich saß mit meinem Rücken gegen die Flurtür und dem Vorhang gegenüber, etwa 10' entfernt. Eine Lampe mit rotem Schirm stand in der entferntesten Ecke hinter den Teilnehmern, bei deren Licht ich die Uhr ablesen und die Umrisse aller Anwesenden unterscheiden konnte, und da sie hinter mir stand, war der Raum zwischen mir und dem Kabinett recht gut1 beleuchtet. Unter diesen Umständen kam es zu folgenden Erscheinungen: Eine weibliche Gestalt in Weiß trat zwischen den Vorhängen hervor, zusammen mit [dem Medium,] der schwarzgekleideten Mrs. Ross, desgleichen eine männliche Gestalt, alle bis zu einem ziemlichen Abstand vom Kabinett... Nachdem diese sich zurückgezogen, erschienen drei weibliche Gestalten in weißer Gewandung und von verschiedener Größe. Diese traten bis zu 2 oder 3' vor den Vorhang. Eine männliche Gestalt kam hervor, die ein anwesender Herr als seinen Sohn erkannte. Dann trat die hohe Gestalt eines Indianers in weißen Mokassins hervor; er tanzte und sprach, auch reichte er mir und Andern die Hand, eine große, kräftige, rauhe Hand. Eine weibliche Gestalt mit einem kleinen Kinde zeigte sich dicht beim Eingang zum Kabinett stehend. Ich trat heran (nachdem ich 1) very fairly. M a t t i c s e n . Das persönliche Überleben III 10 146 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung dazu aufgefordert worden), befühlte des Kindes Gesicht, Nase und Haar, und kOßtc es, - offenbar ein wirkliches, lebendes Kind mit weicher Haut. Andre Damen und Herren stimmten dem zu. - Sobald die Sitzung beendet war, wurde das Gas angesteckt, und ich untersuchte von neuem die nackten W&nde des Kabinetts, die Vorhänge und die TOr, die alle im gleichen Zustand waren wie zuvor und keinen Raum darboten, wo auch nur das Kind hätte versteckt werden können, viel weniger die übrigen Gestalten. - Während einer andern Sitzung, die unter den gleichen Bedingungen insbesondere für einige Freunde des Dr. Nichols und Mr. Brackett veranstaltet wurde, unter Prof. James' und meiner Teilnahme, . . . erschienen acht oder neun verschiedene Gestalten, einschließlich eines großen Indianerhäuptlings in Kriegsbemalung und Federschmuck, sowie eines kleinen Mädchens, welches mit Miss Brackett sprach und spielte, dazu eines sehr hübschen und vollkommen entwickelten Mädchens, 'Bertha', des Geistes von Mr. Bracketts Nichte, die ihm bei verschiedenen Medien während zweier Jahre erschienen und ihm so gut bekannt ist, wie nur irgendeine seiner nächsten lebenden Verwandten. Sie spricht deutlich, was diese Gestalten selten tun, und Mr. Brackett hat sie häufig aus einer wolkigen Masse sich entwickeln und fast in einem Augenblick verschwinden gesehn.'1 Weniger auf der Verschiedenheit als auf der Vielzahl der gleichzeitig beobachteten Phantome beruht der Eindruck des folgenden Oxleyschen Berichtes, der noch dadurch bemerkenswert ist, daß er deis Merkmal der Mehrzahl verknüpft mit einem der stärksten Beweise für die Objektivität des Einzelphantoms: nämlich der Anfertigung von Gußformen, wie sie eben normalerweise überhaupt nicht herstellbar sind. Ich belege die gleiche Verkoppelung zweier bedeutsamer Umstände dann noch durch zwei Beispiele, ehe ich mich theoretischen Überlegungen zuwende. Oxleys Medium in jenem Falle war Dr. Monck, der auf seine eigene Bitte hin durchsucht wurde und dann das in einem Erkerfenster hergerichtete Kabinett betrat. In diesem waren die venetianischen Rollvorhänge herabgelassen, die inwendigen Fensterläden geschlossen und verriegelt, und über diese ein schwarzes Tuch gehängt, das am oberen Rande angenagelt war. Dicht an die Vorhänge des Kabinetts war ein 'großer kreisrunder Tisch' herangeschoben, an welchem die sieben Beobachter saßen, so daß ein unbemerktes Betreten oder Verlassen des Kabinetts bei dem im Zimmer brennenden Lichte, das "jeden Gegenstand deutlich sehen ließ', völlig ausgeschlossen war. Auch hätte man jedes verdächtige Geräusch im Kabinett hören müssen; doch wurde nicht der geringste Versuch in der Richtung eines Betruges wahrgenommen. - Unter diesen Umständen 'zeigten sich bald zwei weibliche Gestalten, die wir unter den Namen 'Bertie' und 'Lilly* kannten, an der Berührungsspalte der beiden Vorhanghälften, und als Dr. Monck seinen Körper durch die Öffnung steckte, erschienen diese beiden Gestalten über dem 1) Wallace II 3381. Vollphantome der Experimentalsitzung 147 Vorhang, während zwei Männergestalten ('Mike' und 'Richard') ihn nach beiden Seiten auseinandertaten und sich ebenfalls sehen ließen. Wir nahmen also gleichzeitig das Medium und vier materialisierte Gestalten wahr, von denen jede ihre besonderen ZQge hatte, die sie von den andern unterschieden, wie bei lebenden Personen.'1 Zwei dieser Phantome fertigten nun in dieser Sitzung Paraffin-Gießformen ihrer Gliedmaßen an. 'Zuerst gab 'Bertie' dem Mr. Reimers eine Gußform ihrer Hand und mir eine solche ihres Fußes, worauf 'Lilly' anfragte, ob ich eine solche von ihrer Hand wünschte, was ich bejahte; sie tauchte dann ihre Hand in das Paraffin (worauf ich aus dem Ton des Plätschcrns im kalten Wasser schloß), und nach etwa einer Minute streckte sie ihren Arm durch die Vorhangspalte mit der auf ihrer Hand befindlichen Gießform und ersuchte mich, sie ihr abzuziehen. Ich langte quer über den Tisch hinweg; in einem Augenblick war ihre Hand herausgezogen, und die Gießform verblieb in meiner Hand.' Diese Gliedmaßen waren nach Oxley 'sicherlich nicht die des Mediums', und Aksakow selbst konnte an Umrißzeichnungen der Füße Moncks und 'Berties' (nach dem Abguß, bestätigt durch einen Vergleich mit dem ursprünglichen Abguß) feststellen, daß des ersteren Fuß um 3 cm länger war, als 'Berties'. überdies aber ließen die Einzelmaße der Gießformen ihre normale Erzeugung überhaupt unmöglich erscheinen: 'Die Krümmungen der Finger zeigen, daß sie auf gewöhnlichem Wege nicht herausgezogen werden konnten, ohne die Gießform zu zerreißen, da das Handgelenk nur 2 XIV4 Zoll breit ist, während die Breite der Hand vom äußeren Daumen bis zum kleinen Finger 31/: Zoll beträgt.' Auch erscheint auf dem Abguß 'keine Spur von Spalten oder Verbindungsfugen'. Von dem Fußabguß aber sagt Aksakow: 'Die von den Zehen gebildeten Höhlungen auf der Fußplatte mußten sich notwendigerweise mit Paraffin füllen und somit aufrechtstehende Scheidewände bilden, die bei natürlichem Herausziehen des Fußes völlig hätten abbrechen müssen: trotzdem ist die Gestalt aller Zehen eine vollkommen unverletzte... Noch eine andre Eigentümlichkeit desselben Fußes ist, daß die zweite Zehe über eine andre gelegt ist2 und nach meiner eignen Messung an ihrer Wurzel 14 mm, in der Gegend des Nagels aber 19 mm breit ist; trotzdem sind die Zehenform und die feinen Hautlinien [die übrigens auch auf der Sohle erschienen] an der Zehenwurzel völlig wohl erhalten; alles dies hätte verschwinden und die Dicke der Zehe auf ihrer ganzen Länge die gleiche werden müssen, wenn die Zehe normalerweise [und nicht in dematerialisiertem Zustand] aus der Gießform herausgezogen worden wäre.' Überdies wurde das gesamte vorhandene Paraffin vor und nach der Sitzung gewogen und ein völlig übereinstimmendes Gewicht festgestellt.3 In ähnlicher Welse und mit gleichem Erfolge experimentierte Mr. W. P. Adshead mit dem Medium Miss Wood. Die beiden Phantome 'Meggie' und 'Bennie' materialisierten und dematerialisierten sich nicht nur vor den Augen der Sitzungsteilnehmer, sondern fertigten auch Gießformen ihrer Füße unter 1) Aksakow I 188. (Brief Oxley" an A. v. 24. März 1886). Vgl. Bozzano, A prop. 179. 2) beim Medium nicht der Fall. 3) Aksakow 1188-194. 10" 148 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung den gleichen Bedingungen an, und zwar die je eines linken Fußes, "welche von einander verschieden waren. Währenddessen saß das Medium in einem Käfig innerhalb des Kabinetts, das 'von allen Seiten so umgeben und bewacht war, daß keine Möglichkeit sich erdenken ließ, wie ein menschliches Wesen ohne sofortige Entdeckung hineingelangen konnte.' 'Meggie machte zuerst den Versuch. Aus dem Kabinett hervorschreitend, ging sie zu Mr. Smedleys Stuhl und legte ihre Hand auf dessen Lehne. Auf die Frage, ob sie des Stuhles bedürfe, nickte die Gestalt mit dem Kopfe, Mr. Smedley schob darauf den Stuhl bis vor die Eimer [mit dem Paraffin und Wasser] vor. Meggie setzte sich darauf und, ihre langen Gewänder emporraffend, tauchte sie ihren linken Fuß [abwechselnd in die beiden Eimer] . . . , bis das Werk vollendet war... [Darauf] legte sie ihren linken Fuß auf ihr rechtes Knie und ließ ihn dort ungefähr 2 Minuten lang ruhn. Dann zog sie die Form von ihrem Fuße, hielt sie empor, beklopfte sie . . . und legte sie auf mein Ersuchen in meine Hand.' Nach einem bald abgebrochenen entsprechenden Versuch mit dem rechten Fuß begab sich das Phantom ins Kabinett zurück. Hierauf erschien 'Bennie' und vollbrachte genau das gleiche, nur in größerer Geschwindigkeit, während die Herren Smedley und Adshead so nahe zu seinen beiden Seiten saßen, daß jener von dem Phantom am Kopf gestreichelt werden und dieser die fertige Gußform in Empfang nehmen konnte, ohne seinen Sitz zu verlassen. Während dieser Vorgänge war die Käfigtür nicht 'festgeschraubt'. Aber ehe 'Bennie' 'verschwand', zog er unter einem Tisch eine Spieldose hervor und lehnte sie in Kippstellung an die Tür des Käfigs, sodaß, 'wäre die Tür geöffnet worden, die Spieldose rückwärts hätte umgeworfen werden müssen.' 'Bei Schluß der Sitzung wurde die Spieldose noch an der Käfigtür lehnend und das Medium innerhalb des Käfigs in Trans und an den Stuhl gefesselt gefunden.' - Ganz abgesehen nun von diesen Sicherungen ließen sich an den beiden erzielten Gußformen linker Füße wiederum folgende Maßabweichungen feststellen: Die von Bennie gefertigte war 9 Zoll lang und 4" breit, diejenige Meggies 8 " lang und 2,25" breit. (Solche Formen sind bekanntlich stets nur wenige mm dick.) Auf Aksakows Bitte opferte Mr. Adshead die Gußformen und ließ Abgüsse herstellen, an denen die entsprechenden Maße wie folgt festgestellt wurden: Für'Meggie' - Fußumfang gegen den Spann zu 19l/8"; Länge 8"; Umfang an der Wurzel der kleinen Zehe 7V2"; für 'Bennie' - 211/4" bezw. 9 " und 91/2". - 'Der ganze Hergang, schrieb Smedley über diese Versuche, vom ersten Eintauchen bis zur Fertigstellung der Gußform war deutlich zu sehn, und die Tatsache, daß diese Gußformen in der angegebenen Weise hergestellt wurden, ist so sicher bewiesen wie das Scheinen der Sonne oder das Fallen des Schnees. Ich bin bereit zu beeiden, daß sie in der beschriebenen Art verfertigt wurden. Als Fachmann im Eisenguß bin ich in der Lage, bestimmt zu behaupten, daß die Form nicht von den Füßen hätte heruntergenommen werden können, ohne daß die Füße vorher wenigstens teilweise dematerialisiert worden wären. Die sehr dünnen Wachsteile um die Zehen herum und zwischen ihnen sind vollkommen unversehrt.'1 Vollphantome der Experimentalsitzung 149 Mr. Oxley zog sogar am 11. April 1876 in Manchester einer 'kleinen Geistgestalt' unter ähnlichen Umständen persönlich eine Gußform vom Fuß, welche 8" lang und 3" breit war, während die Öffnung am oberen Ende der Form um den Knöchel herum nur 2,25" im Durchmesser betrug. 'Und doch wurde der Fuß in einem Augenblick aus dieser kleinen Öffnung hervorgezogen, wobei die feinen Zwischenwände zwischen den Zehen ungebrochen blieben und die Hautlinien auf diesen Zwischenwänden zu sehen waren.'2 Ich schließe mit einem Bericht, der die Lieferung einer Gußform durch das uns bereits bekannte Vollphantom 'Nepenthes' der Mrs. d'Esperance beschreibt. Der Bericht bezieht sich auf eine Sitzung in Christiania unter Leitung des Dr. von Bergen im Hause des Prof. E. Das Medium sagte: 'Sprechen Sie nicht zu mir; ich muß mich ruhig verhalten; bemühen Sie sich alle, ruhig und still zu verharren.' Das leichte Geräusch der sich in die Flüssigkeit eintauchenden und wieder daraus zurückziehenden Hand hielt einige Minuten lang im Schatten des Vorhangs an, während wir die weiße Gestalt voll über das Gefäß gebeugt wahrnehmen. Dann richtete sich Nepenthes auf und wandte sich an uns; . . . sie blickte umher, bis Hr. E. herzulief, der halbverborgen hinter einem andern Zuschauer saß; worauf sie sich ihm zuwandte, in der Luft schwebend und ihm einen Gegenstand reichend. 'Sie reicht mir ein Stück Wachs,' rief er aus; dann sich verbessernd: 'Nein, es ist die Gußform ihrer Hand; sie bedeckt diese bis Zum Handgelenk; ihre Hand löst sich innerhalb der Gußform auf...' Die Gestalt glitt bereits auf das Kabinett zu, indem sie die Gußform aus Paraffin in den Händen des Hrn. E. zurückließ... Nach Schluß der Sitzung wurde die Form untersucht. Äußerlich erschien sie ungestalten, wie ein Klumpen, aus vielen übereinandergelegten Schichten Paraffin bestehend; aber durch die kleine Pulsöffnung hindurch sah man innen den Abdruck sämtlicher Finger einer sehr kleinen Hand. - Am Tage darauf brachten wir sie einem berufsmäßigen Modelleur (einem gewissen d'Almiri), um einen Abguß herstellen zu lassen. Er und seine Gehilfin betrachteten mit Verwunderung dieses Modell, und da sie feststellten, daß eine menschliche Hand sich zu seiner Herstellung nicht hätte herausziehen können, schlössen sie, daß es durch irgendeinen Kunstgriff erzeugt sein müsse. Als der Abguß fertiggestellt war, erschien vor unsern Augen eine sehr kleine Hand, bis zum Puls reichend, an der sich die Nägel vollkommen abzeichneten, wie auch die feinsten Linien der Knöchel, der Gelenke und der Handfläche. Die vollendet gebildeten Finger . . . überzeugten den Künstler von dem übernormalen Ursprung der Gußform, indem sie in einer Art gekrümmt waren, bei der eine menschliche Hand sich nicht hätte herausziehen lassen.'3 - Ich beschließe diese Tatsachenschau mit einem Berichte des Dr. med. Edwin F. Bowers, Verfasser zahlreicher ärztlicher Schriften volkstüm- 1) Aksakow I 211-17; Delanne II 276f. 2) Tweedale 330f.; Aksakow I 182ff. Vgl. noch Delanne II 270. 281 f. (Oxley wird von Podmore nicht erwähnt.) 3) Bozzano, Casl 130t. 150 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung liehen Gepräges und eines ähnlich gehaltenen, temperamentvollen Buches über seine jahrzehntelangen Erfahrungen auf parapsychischem Gebiet. Man wird seine Berichte iiisgesamt als wissenschaftliche Urkunden im Sinne der S. P. R. keineswegs gelten lassen können, und ich führe auch den nachstehenden nur wieder 'anhangsweise und mit Vorbehalten' an, einzelne Randbemerkungen des advocatus diaboli gleich dem Wortlaut einfügend. Ich wähle ihn hier aus, um dem wenig Belesenen ein typisches Beispiel zu liefern für eine fast unübersehbare Masse ähnlicher Berichte, in denen der gläubige Spiritist ohne weiteres 'Beweise' für die objektive Wiederkehr Verstorbener erblickt, während doch auch der kritischer Eingestellte es nicht gerade leicht finden kann, sie ohne weiteres beiseitezuschieben. Für zahllose Menschen ist der 'körperliche' Umgang mit Abgeschiedenen, das Reden und Händeschütteln mit ihnen, das Empfangen ihrer Zärtlichkeiten u. dgl. m. im Rahmen von Materialisationssitzungen zu einem nachgerade alltäglichen Erlebnis geworden, von dem sie mit der gleichen überzeugten Selbstverständlichkeit erzählen, wie vom Zusammentreffen mit Lebenden in den üblichen Formen der Geselligkeit. Wer solche Schriften - wie etwa die der Mrs. Marryat - liest, schwankt schließlich etwas haltlos zwischen zwei entgegengesetzten Einstellungen: soll er die Erzähler beneiden um solche Gewohntheit des Unerhörtesten, oder soll er sie bemitleiden wegen der Leichtigkeit, mit der sie gröbstem Betrug zum Opfer fallen? Soll er die Berichte bis auf den Grund verdammen in der Annahme, daß die frechsten Täuschungsmittel: Geheimeingänge in Fußboden und Wänden, ungestörte Einschmuggelung von Helfershelfern, dreiste Verkleidungen des Mediums bei gänzlicher Blindheit selbst gebildeter Zuschauer hemmungslos angewandt wurden; oder soll er den Angaben der Berichte trauen, die solche Mittel ausschließen wollen und bei der groben Handgreiflichkeit der Vorgänge oft wirklich auszuschließen scheinen? Der Bericht des Dr. Bowers mag also hier stehen als Beleg für eine sehr ausgedehnte Gattung: man wird seine 'starken Punkte' auch ohne Unterstreichung sogleich herausfinden und schließlich nicht übersehen können, daß im Grunde hier nichts behauptet wird, was die allerstärksten Zeugnisse für unsern Tatbestand doch ebenfalls belegen. 'Dr. Moore (schreibt Dr. Bowers) unterschied sich von jedem andern Medium, das ich je seine Phänomene habe hervorbringen sehn. Vor allem waren die Zimmer ..., in denen die Sitzungen stattfanden, nicht von ihm selbst gewählt. ['Dr. Moore konnte nicht nur dasselbe leisten in irgendjemandes Haus, wie in den (gewöhnlich benutzten) Räumen in East 37. Str., sondern tat es auch.'] In dem Hartholzfußboden waren keine Falltüren, und ebensowenig geheime Kammern hinter dem Kabinett. Denn das Kabinett bestand Vollphantome der Experimentalsitzung 151 nur au9 zwei dunklen Vorhängen an einer Leine, die wir selbst quer Ober eine Ecke des Zimmers gezogen hatten. Hinter dieser (sie) Mauer war der Garten; so konnte kein lebendes Wesen das Kabinett vom RQcken her betreten. [Das folgt natürlich nicht aus der bloßen Beschreibung des Kabinetts; von einer wirklich a u s g e f ü h r t e n Untersuchung seiner Wände aber hören wir leider nichts.] Von vorne wäre es fast ebenso schwer gewesen. Denn wenn der ganze Kreis von 30 Mitgliedern versammelt war [und kein Helfershelfer darunter?], hatte die dem Kabinett zunächst stehende Stuhlreihe einen Abstand von höchstens 6 Fuß. Diese Stuhlreihen bildeten einen Halbkreis von Wand zu Wand. Die einzige Tür befand sich hinter der letzten Stuhlreihe; so daß, wenn irgendjemand durch die Tür hätte eintreten können - die übrigens vor der Sitzung stets verschlossen wurde -, er nur über die Köpfe der Anwesenden zum Kabinett hätte klettern können. Das Zimmer war von einer Rubinglaslampe schwach erleuchtet, wie die Photographen sie beim Entwickeln benutzen. Hatten die Augen sich an dieses Licht gewöhnt, wozu wenige Augenblicke genügten, so konnte jeder Gegenstand von der Größe eines Mannes oder selbst eines Kindes leicht unterschieden werden. Dr. Moore saß a u ß e r h a l b des Kabinetts, den Anwesenden voll sichtbar, . . . während irgendein Phantom (spirit) in mehr oder minder materialisierter Gestalt aus dem Kabinett hervorglitt und einen Verwandten oder Freund begrüßte... Moore forderte gewöhnlich jeden beliebigen der Anwesenden auf, während der Vorgänge neben ihm zu sitzen, seine beiden Hände zu halten und seine Füße mit einem oder beiden eignen Füßen zu bedecken. Ich selbst habe dies mehrere Male getan. Unter allen diesen Umständen habe ich wiederholt Geister Verstorbener aus dem Kabinett hervortreten und die abgeteilte Nische verlassen gesehn. Bei einer oder zwei Gelegenheiten, als nicht so viele Sitzer zugegen waren und folglich mehr Raum zum Umhergehn verfügbar war, habe ich gesehn, wie diese Personen zu jemand gingen oder schwebten, der mindestens 10 oder 12 Fuß vom Kabinett entfernt saß, und dort ihre Botschaften soz. vertraulich ablieferten. Gelegentlich beugten sich diese Gestalten über jemand und küßten ihn auf die Stirn, ehe sie sich verabschiedeten. Ich bin mehrmals Zeuge dieses einzigartigen Beweises gewesen. Die Geister machten sich nie die Mühe, ins Kabinett zurückzukehren und sich [dort] zu dematerialisieren. Nachdem sie ihren Besuch beendet, lösten sie sich anscheinend auf, indem sie in oder unter den Fußboden verschwanden. Zuweilen war dies Verschwinden ein allmähliches, zuweilen geschah es im Bruchteil einer Sekunde. Unter den 30 Personen des Zirkels befanden sich Ärzte, Rechtsanwälte, ein Dozent an einer der Fakultäten der Columbia-Universität [in New York], eine Anzahl Studenten derselben aus verschiedenen Ländern, einschließlich eines bereits graduierten Japaners. Ferner der Richter Goff, . . . ein würdiger und gelehrter Herr, der seine Überzeugung bekannte: daß die kleine Erscheinung, die mehrmals zu ihm hingeglitten war und leise zu ihm gesprochen hatte, seine vor nicht langem verstorbene Frau sei. 152 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Die Sitzung begann gewöhnlich mit dem Absingen eines geistlichen Liedes oder einer andern bekannten Melodie... Dann folgten einige Augenblicke des Schweigens, plötzlich unterbrochen, durch eine kräftige, kehlig klingende Begrüßung, während eine hohe Gestalt, anscheinend in indianischer Kleidung, . . . ins Zimmer trat. [Nach der Dematerialisierung dieses Wesens erschien gewöhnlich] seine kleine Nichte, ein Kind von anscheinend sechs Jahren. Geleg e n t l i c h e r s c h i e n e n diese beiden Wesen gleichzeitig. Das kleine Kind führte mit sich einen der süßesten und lieblichsten 'Einflüsse', die ich je erfahren - e n g e l h a f t ist das einzige Wort, um es auszudrücken -, und dazu ein höchst verblüffendes Rätsel. Denn diese kleine Person hatte während der 30 und etlichen Jahre ihres jenseitigen Lebens eine wahrhaft erstaunliche Menge von Wissen auf vielen Gebieten erworben. Der Lieblingsplatz dieses reizenden Mädels war [übrigens] auf den Knieen des Mediums. Sie hüpfte meist dort hinauf und machte es sich bequem, wie nur irgend ein lebendes Kind hätte tun können. [Der advocatus diaboli erinnert hier an die Puppen der Bühnen-Bauchredner. Aber woher kam diese?] Ich habe wiederholt anderthalb Fuß oder noch weniger von diesem Geistlein entfernt gesessen und sie über Sätze in Piatos 'Republik' oder 'Phädo', Marcus Aurelius' 'Meditationen', Kants 'Kritik d. r. V.', Spencers 'Erste Prinzipien' und andre philosophische, naturwissenschaftliche und literarische Dinge ausgefragt. Gelegentlich berührten wir etwas, was das Kind 'in der Schule' nicht gelernt hatte. Dies geschah z. B. eines Abends, als ein Professor der Geologie es fragte, ob es ihm die Namen der Riesenreptilien des Mesozoikums angeben könne. Die indianische Elfe drehte den Kopf einen Augenblick zur Seite, wie ein kleiner Vogel. Dann erwiderte sie lebhaft: 'Nein, Doktor, das kann ich nicht. Aber wenn Sie einen Augenblick warten wollen, werde ich jemand herbringen, der es kann.' Und im Handumdrehn war sie verschwunden, wie ein Nebelstreif. Nicht mehr als 30 Sekunden konnten verflossen sein, als sie wieder aus dem Kabinett erschien, diesmal gefolgt von einer hohen Gestalt. In einer tiefen, etwas rauhen Stimme sagte diese: 'Unser kleiner Führer sagt mir, daß einer von euch Herren eine Frage über Paläontologisches an sie gerichtet hat, deren Beantwortung vielleicht in mein Gebiet schlägt. Ich bin Professor Geikie - Archibald Geikie [der bekannte, 1924 verstorbene englische Geologe]. Darf ich Sie bitten, Seite 338 meiner 'Geologie' nachzuschlagen. 1 Sie finden dort ein vollständiges Verzeichnis der Riesenreptilien der fraglichen Zeit.' Ich schrieb mir die Seitenzahl auf und fand, nach Hause zurückgekehrt, daß Geikie, dessen Buch ich in Hochschultagen benutzt hatte, darin eine vollständige Beschreibung der fossilen Uberreste des Ichthyosaurus, des Plesiosaurus und anderer Saurier jener Periode geliefert hatte [und auf welcher Seite?]. - Es wurde schließlich etwas Gewohntes für dieses kleine indianische Mädchen, fachmännische Hilfe zu suchen, so oft sie etwas über die Grenzen ihres Wissens Hinausgehendes gefragt wurde... . . . Eines Abends erschien der Bruder unsres studierenden Japaners und sagte zu seinem Bruder in Amerika, daß er von einer Flutwelle ertränkt 1) Sir A. Gelkies Textbook of Geology hat freilich 2 Bände! Vollphantome der Experimenlalsilzung 153 worden sei, welche ein Küstengebiet in Japan vor wenigen Minuten überschwemmt habe. Wir prfiften diese Botschaft am nächsten Morgen nach und fanden sie restlos genau.'1 Mit dem Vorstehenden soll, trotz der Vorbehalte in einigen Fällen, die nackte Tatsache des objektiven Sitzungsphantoms, der 'Materialisation', als gesichert gelten. Das Vorgebrachte mag nicht jedem Leser schon das Gefühl der 'Wirklichkeit', also den vollen 'Glauben' verschafft haben. Doch werden die nachfolgenden theoretischen Erwägungen so viel an neuen Beobachtungen beibringen und so viel innere Zusammenhänge zwischen ihnen aufweisen, daß auch sie zur Glaubhaftmachung der Tatsache-an-sich nicht wenig beitragen werden. Der dauernd von Zweifeln Beschwerte sollte übrigens nicht vergessen, welchen Zuschuß an Gewißheit uns die zu Beginn dieses Abschnitts vorgeführten Tatsachen liefern. Es ist doch sehr wahrscheinlich (wenn nicht geradezu selbstverständlich), daß zwischen dem objektiven Spukphantom und dem objektiven Sitzungsphantom irgendeine Wesensverwandtschaft besteht. Indem wir uns von der Wirklichkeit det ersteren überzeugten, haben wir also auch schon ein günstiges Vorurteil für das letztere geschaffen. Gibt es objektive 'Erscheinungen' in wenigstens scheinbarer Unabhängigkeit von einem Medium, so ist es wahrscheinlich - angesichts der erwiesenen mannigfaltigen Hilfeleistungen von Medien dem Unsichtbaren gegenüber -, daß die Verwirklichung objektiver Sitzungsphantome im offenbaren Zusammenhang mit Medien erst recht möglich sein werde, wie es nunmehr tatsächlich den Anschein hat. Der dauernd von Zweifeln an letzteren Beschwerte sollte aber schließlich auch nicht vergessen, daß das ihm hier Vorgeführte, wie gesagt, nur ein Bruchteil des überhaupt Berichteten ist, und daß jenes Gefühl der Wirklichkeit für den, dem eigene Beobachtungen fehlen, nicht zuletzt von der Anhäufung schwer verwerfbarer Berichte abhängt. Gefordert wird allerdings in jedem Fall, daß man sich von der üblichen Verwechslung des Gewohnten mit dem Verständlichen freimache, und von der lächerlichen Einbildung, daß wir eine Einsicht in die Gesetze des Lebens besäßen, die uns befähigte, die Grenzen des Möglichen zu bestimmen. Wie viel von dem Allergewohntesten - etwa das Keimen einer Blüte im Frühling und ihre allmähliche Ausbildung zur Frucht - hat für die meisten den Grundzug des unfaßlich Wunderbaren völlig verloren, den es doch für diejenigen nie verliert, die sich der abstumpfenden Wirkung der Gewöhnung zu entziehen vermögen. Wie vieles anderseits an neuartigen Tatsachen leidlich durchschaubarer Art ist uns heute längst alltäglich 1) Bowers 15 IT. 154 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung geworden, was früheren Geschlechtern als Wunder oder, falls bloß behauptet, als völlig unglaubhaft erschienen wäre! Selbst geniale Köpfe älterer Zeit - ein Descartes oder .Galilei - hätten die ihnen vorgeführte Tatsache des angeblichen 'Hörens' von Stimmen aus einem andern Erdteil - wenn nicht für 'okkult', dann eben für 'Schwindel' erklärt. Die Gabe, sich von solchen Fesseln der Gewöhnung freizumachen, ist allerdings den Menschen in sehr verschiedenem Maße eigen und setzt wohl im besten Fall einen gewissen ahnungsvollen 'Blick' für verhüllte Naturmöglichkeiten voraus, einen 'Spürsinn' für Zusammenhänge, die uns künftige Einsichten verheißen. Es gibt nicht nur eine Leichtgläubigkeit des beschränkten, sondern auch eine Schwergläubigkeit des unbeweglichen und unfruchtbaren Geistes. Aber die Berufung auf Undenkbarkeit' ist zu oft - von den Eleaten bis auf die Pariser Akademie vom Jahre 1790 - durch die Hartnäckigkeit der Tatsachen zum Spott geworden, als daß sie bei einem vorurteilslosen Denker heute noch verfangen könnte. Auch das 'Denkbar' der Zustimmenden ist diesen ja nicht gerade im Schlafe gekommen! T)ie Phänomene, die ich zu bezeugen bereit bin,' schrieb Will. Crookes, gewiß einer der größten unter den Zeugen für die Tatsache der Materialisation, 'sind so außerordentlich und so unmittelbar entgegengesetzt den festest eingewurzelten wissenschaftlichen Glaubensmeinungen, . . . daß sogar jetzt, da ich mir die einzelnen Vorgänge vergegenwärtige, deren Zeuge ich gewesen, ein Widerstreit in meinem Geiste besteht zwischen der Vernunft, welche dies für wissenschaftlich unmöglich erklärt, und der Uberzeugung, daß meine zwei Sinne des Gesichts und Getastes (und zwar im Einvernehmen mit den Sinnen aller übrigen Anwesenden!) keine falschen Zeugen sind, wenn sie gegen meine vorgefaßten Begriffe aussagen. Aber die Annahme, daß eine Art Wahnsinn der Verblendung sich plötzlich einer ganzen Gesellschaft verstandbegabter Personen bemächtigt, die doch bei andern Gelegenheiten völlig geistesgesund sind, und daß sie alle in den geringsten Einzelheiten und Besonderheiten der Vorgänge übereinstimmen, deren Zeugen sie gewesen zu sein glauben, - eine solche Annahme erscheint mir unglaubhafter als selbst die Tatsachen, die sie bezeugen.'1 1) Crookes 891. Die ideoplastische Theorie der Erscheinung 155 6. Die ideoplastische Theorie der Erscheinung Überschauen wir die Gesamtheit der Tatsachen, die hier seit dem Aufwerfen der Frage nach der Objektivität von Phantomen vorgelegt worden sind, so können immerhin Zweifel an ihrer wesentlichen Einheitlichkeit und Zusammengehörigkeit entstehen. Fernerscheinungen Lebender und Sterbender, Spukerscheinungen und die Teil- oder Vollphantome der Materialisationssitzung - sind sie wirklich einer Art, und sind Begriffe denkbar, die uns die ganze Reihe einheitlich deuten lassen, - abseits vom (herkömmlichen) Begriff der 'Halluzination', dessen Anwendung auf die Gesamtheit dieser Erscheinungen für uns nun allerdings schon unmöglich geworden ist? Die Frage mag manchem ein sofortiges 'Nein' zu fordern scheinen. Trotzdem kann man sagen, daß ihre Bejahung durch wohlunterrichtete Theoretiker keineswegs selten ist. Und zwar sind es im wesentlichen zwei Begriffe, wennschon in leichten Abwandlungen und Übergängen, deren Anwendung durch die ganze Reihe hin versucht wird und die auch unsre Erörterung werden beherrschen müssen: der Begriff einer 'feineren' Leiblichkeit des Menschen, unsichtbar für gewöhnlich und für die meisten, aber unter bestimmten Bedingungen sichtbar werdend; und der Begriff des unter dem Einfluß einer Vorstellung ad hoc geschaffenen Phantoms. 'Astralleib', 'Ätherleib', 'Perisprit', 'Doppelgänger' (double) sind gangbare Fachworte für den ersten;1 'Ideoplastie' ist der gangbarste für den zweiten.2 Beide bezeichnen unstreitig die tiefsten Rätsel und quälendsten Probleme, die im ganzen Bereich metapsychischer Forschung aufgegeben werden. Ein Versuch, auch die gewöhnliche Femerscheinung unter den Begriff der quasi-objektiven Verwirklichung einer Vorstellung zu bringen, ist uns bereits oben in Frederic Myers' Begriff des 'phantasmogenetischen Zentrums' begegnet. Hauptsächlich unter dem Eindruck der Tatsache kollektiver Wahrnehmung nahm dieser gedankentiefe Forscher offenbar an, daß der - vorwiegend unterbewußte - Drang oder Wille zur Beeindruckung eines Entfernten irgend etwas Wirkliches an jenem Ort erzeuge, was unter Umständen auch mitanwesenden Fremden die Wahrnehmung des 'Agenten' aufdringe. Freilich blieb der Begriff dieses für alle gemeinsamen phantomerzeugenden 'Zentrums' durchaus im Rätselhaften stecken: er drückte mehr eine Denkforderung - ein Postulat - aus, als einen deutlichen Gedanken. Diese Zurückhaltung im Formulieren des Unfaßlichen mag denkerische Weisheit sein: jedenfalls läßt sie das Marternde unsrer Lage doppelt empfinden. 1) Geschichtliches z. B. bei Broflerio 2611. 2) Zur Geschichte dieses Begriffs vgl. LO 1027 172B.; Aksakow I 26f.; Buchner 3141. 156 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Etwa die Mitte zwischen solcher abstrakten Haltung und der eindeutig realistischen Annahme eines feinstofflichen Doppelgängers zur Erklärung von Fern- und Spukerscheinungen nimmt G. F. Daumer ein, ein ziemlich vergessener deutscher Denker aus der Nachblüte romantischer Naturphilosophie, den es mit Zaubergewalt in die Schattenwelt des Unsichtbaren gezogen hat 'Jedes organische CebiLd,' schreibt er einmal, 'ist die Darstellung einer Idee, eines Urbildes, das sich durch Anziehung von äußeren, irdischen Elementen und Stoffen eine äußere, irdische Anschaulichkeit und Wirklichkeit gibt. Aber diese Idee ist nicht als bloßer Schatten zu betrachten, der nicht schon für sich eine gewisse Realität, ein gewisses Leben und Dasein hätte. Ein solcher Schatten . . . wäre machtlos und könnte nicht bewältigend und gestaltend in die äußere, irdische Natur eingreifen [was ja das Spukphantom doch tut]. Die Idee, von der hier die Rede ist, muß schon ohnehin und von vorn herein etwas zugleich Reales, Lebendiges sein; und wenn sie sich einen Leib im gemeinen Sinne des Wortes anschafft, so ist das ein zweiter, durch welchen sie nur ins Extreme der Äußerlichkeit [der Stofflichkeit] übertritt.' Daumer spricht dann (wie später du Prel) von den bekannten 'Integritätsgeffihlen' Amputierter als Empfindungen des 'andern, inneren Leibs', der das 'gewissermaßen leibliche Urbild des äußeren, sichtbaren Leibes' sei, der nach 'Wegdenken' des äußeren Leibes übrigbleibe, - des Geistes oder Gespenstes, das etwas 'von der Seele Untrennbares', 'zu ihr selbst Gehöriges' sei, 'nach welchem der Leib gebaut ist und das insofern ein zwischen Seele und Leib stehendes Mittleres, doch nur als Produkt der Seele, ist.' 'Das ist der festzuhaltende Grundbegriff unsrer Eidolologie, der Lehre von der unmittelbaren Selbstrealisations- und plastischen Selbstdarstellungskraft der Menschenseele und ihrem Erzeugnis, welches ich Eidolon nenne...' Und er meint, daß, wenn die Seele erst ihren Leib aufgegeben habe, sie 'ihren immanenten Realismus in beliebiger Weise entfalten kann,' was sie in der Sichtbarmachung von allerlei Nebenwerk (auch Kleidung u.dgl.) betätigen könne- Doch 'ergeht sich die durch den Tod entfesselte plastische Kraft der Psyche (u. U.) auch in noch freierer und wechselvollerer Manier.' Und dies dehnt er dann bis zur Erzeugung von Fremdgestalten aus, wie sie sich etwa bei Spuken zeige, die aus mehr als e i n e r Personenerscheinung bestehen: z.B. aus einer Mutter mitsamt ihrem Kinde, oder gar in dem Sichtbarwerden ganzer Versammlungen oder Schlachtenheere,1 - wofür ich ja schon früher Belege gegeben habe. Dem sofortigen Übergang zum Begriff des 'Doppelgängers' im Sinne einer feineren Leiblichkeit begegnen wir, wie mir scheint, am häufigsten bei französischen Fachleuten, die sich ja überhaupt am frühesten und ausgiebigsten mit der Erforschung der experimentellen 'Extériorisation' phantomartiger Gebilde aus dem Körper Lebender beschäftigt haben. X) Daumer I 75f. 84. 90f. 99. Die ideoplastische Theorie der Erscheinung 157 Für Gabriel Delanne z. B. gibt es zwar auch 'telepathische Halluzinationen' mit 'wahrem' menschlichem Inhalt, - also Halluzinationen jener Art, in der Gurney und Podmore den echten Deutungsbegriff für alle Fernerscheinungen Lebender, Sterbender und Toter zu finden meinten. Sie verraten aber ihre telepathisch-halluzinatorische Wesensart dadurch, daß sie bei mehreren Perzipienten verschiedene Formen annehmen; etwa die eines Bildes bei dem einen, die eines Klanges beim zweiten, und bei einem dritten die eines bloßen schmerzlichen Gefühls. In allen Fällen k o l l e k t i v e r Beobachtung dagegen, wo besondere Merkmale des Phantoms oder gar seine Ortsbewegung von Mehreren übereinstimmend wahrgenommen werden, greift Delanne ohne weiteres zum Begriff der 'telepathischen Erscheinung',1 welche 'die tatsächliche Anwesenheit der Seele (äme) voraussetzt', und das heißt: des 'perispritalen Leibes'. Wird dieser feinere Leib nicht a l l e n am Ort seines Auftretens Anwesenden sichtbar, so beweist dies nach Delanne lediglich, daß die betreffende Erscheinung 'nicht genügend materialisiert ist, um die normale Sehkraft zu beeindrucken.' Diejenigen, die den perispritalen Leib dann tatsächlich wahrnehmen, seien dazu befähigt worden durch 'eine besondere [telepathische] Beeinflussung seitens des Agenten, welche sie hellsichtig machen könne.' Erst wenn die 'Materialisierung' des ausgesandten Doppelgängers einen genügenden Grad erreiche, 'um das gewöhnliche Licht zurückzuwerfen', werde er der normalsichtigen Beobachtung durch jeden Beliebigen zugänglich. Delanne scheut sich denn auch nicht vor der ausdrücklichen Behauptung, daß in Fällen solcher objektiven Fernerscheinung die 'Substanz' des Doppelgängers unter Umständen 'den Raum durchquert habe mit einer Geschwindigkeit, die sich derjenigen des Lichtes oder der Elektrizität nähere, ohne doch den gleichen Gesetzen zu gehorchen;' daß der double 'mit photographischer Treue alle Besonderheiten des Leibes - nach Form und Farbe -. ja selbst plötzlich entstandene, wie Wunden oder Quetschungen, wiederhole,' nicht minder 'Kleider und andre gegenständliche Zutaten'; ja daß z. B., wenn sich der Perzipient gerufen hört, dies 'eine Verdoppelung, eine wahre Materialisation des Stimmapparats der Erscheinung' beweise.2 Eine Mehrzahl unter denen, die sich auf unserm Gebiete Fachleute nennen dürfen, wird wahrscheinlich gegen solche Vereinheitlichung der Tatsachen gerade unter dem Begriff der 'feineren Leiblichkeit' nachdrückliche Verwahrung einlegen, und es gab eine Zeit, da ich mich ihnen sofort und unbedenklich angeschlossen hätte. Fortgesetztes Nachsinnen hat mich zu immer wachsender Zurückhaltung des Urteils geführt; denn auf keinem mir bekannten Gebiete von Forschung wird der denkerisch Bewegliche und Unvoreingenommene in gleichem Maße soz. hin- und hergerissen von Wunder zu Wunder und von Verwirrung zu Verwirrung. Alle Gedankengänge der philosophischen Naturwissenschaft wie auch der Erkenntnistheorie verknoten sich in diesen uner- 1) apparition tilipathique im Gegensatz zu hallucinaUon t£16pathique. 2) Delanne I 113.115.141t. 152t. 156.163. 201. 158 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung hörten Tatbeständen in wahrhaft bestrickender Weise, und man darf wohl behaupten, daß wer uns restlos erklären könnte, was ein 'Phantom' ist, schon damit den größten Teil aller 'Welträtsel' gelöst hätte: es sollte mich wundern, wenn der Fortgang der Untersuchung nicht wenigstens dies dem Leser fühlbar machte. Es ist gerade die unerhörte Wandlung, die neuerdings die Grundbegriffe der Physik erlebt haben, vor allem die Auflösung des älteren starren Begriffs der Materie, was die Möglichkeit ganz neuartiger Lösungen auch unsres Problems nahezulegen scheint Materie gilt ja - so drückt ein geistvoller Denker in frei andeutenden Worten die Lage aus - nicht länger als etwas 'Absolutes'. Gewicht, Trägheit, Maße eines Körpers können veränderlich sein, sodaß 'nun keine einzige Eigenschaft mehr übrig bleibt, die als wirklich und im eigentlichen Sinne konstant bezeichnet werden kann... Die Vernichtung und die Schöpfung von Materie liegen jedenfalls durchaus im Bereiche wissenschaftlicher Vorstellungsmöglichkeit, vielleicht sogar im Bereiche experimenteller Möglichkeit', und Versuche im Sinn einer Dematerialisation rücken in den Gesichtskreis der Wissenschaft. Dann aber warum nicht auch solche der Schöpfung von Materie? 'Die Welt rauscht auf aus ihrer plastischen Stauung, und sie verrauscht . . . Sie ist nicht mehr die harte Substanz, sondern flüssige Funktion, nicht mehr starres Sein, sondern werdender, wechselnder Zustand. Die Welt ist nur mehr Verweltlichung. Mit ihrer Konstanz verliert die Materie ihre Absolutheit, mit ihrer Absolutheit ihre Selbständigkeit.' Der 'Weg auf zum Geiste hin und vom Geiste her' tut sich wieder auf. 'Materie ist Materialisierung. Der Aether, Wiege und Grab der Materie, ist nicht brauchbarer als - Gott. Er ist nur das Symbol jener Indifferenz, in der das Materielle zum Immateriellen. ja zum Geistigen übergeht.' - 'Nach heutiger Anschauung wächst die Masse mit der Geschwindigkeit, folglich mit der beschleunigenden Kraft. Folglich ist Masse nur das Korrelat der Kraft, der Widerstand, das Beharrende gegenüber dem Treibenden, das Passive gegenüber dem Aktiven. Ohne Kraft gäb's keine Masse... Eine geistige Bewegung wird durch Wiederholung beschleunigt und dadurch mehr und mehr ins Mechanische, Körperliche abgesetzt, gleichwie Bewegung mechanisch, körperlich wird, indem sie beschleunigt wird, und umgekehrt... Die Materie ist eine langsame Kraft, die Kraft eine rasche Materie. Und da es keine absolute Zeit gibt, könnte andern Sinnen ab Materie sichtbar erscheinen, was uns als Energie erscheint, wie die Elektrizität, und umgekehrt.'1 Kürzer und nüchterner ausgedrückt: dem Physiker ist heute der Materiebegriff im alten Sinn, der Begriff von starren Teilchen irgendwelcher Art, von 'Wirklichkeitsklötzchen', restlos unter den Fingern zerronnen. Er kennt nicht mehr eine 'Substanz', die zunächst da sein muß, damit dann etwas an und mit ihr geschehen könne, sondern nur 1) Jo"l 358D. 392. 395. (z.T. nach Lodge, Life and Matter). Die ideoplastische Theorie der Erscheinung 159 noch ein Etwas, was überhaupt die Welt von einem leeren (vierdimeneionalen) Ordnungsschema unterscheidet.1 Selbst die letzten Bestandteile, in welche die neueste Forschung das ehedem einheitliche Atom auseinandergelegt hat - Proton, Elektron, Neutron, Positron, Neutrino -, gelten nicht mehr als unzerstörbar; in der Vereinigimg können sie - verschwinden und nur einen gewissen Betrag von - Energie übriglassen, 'das Einzige, was nach allem, was wir wissen, tatsächlich unzerstörbar ist'2 Anders ausgedrückt: es bleiben in diesem 'dynamistischen' Weltbilde schließlich nur 'Wirkungen' übrig, ein rastloses 'Sichdurchkreuzen von Billionen und aber Billionen von Wirkungen in kosmischer Ordnung'; mag man diese in die physikalische Rechnung (nach Slavek) als Licht-Quanten oder (nach Schrödinger) als 'Wellenpakete von Schwingungen' oder was sonst einführen, d. h. als 'periodische Veränderungen' irgendeiner Größe, gleichgültig welcher Art diese ist.3 Wie das Beispiel gewisser lebender Physiker zeigt, ist von solcher Auffassung bis zum Satze, daß 'im Grunde' alles nur 'Geist' sei, kein weiter Schritt, und der Gedanke, daß ein geistiger Antrieb ein stofflich erscheinendes Gebilde hervortreibe, erscheint dann gewiß nicht mehr abenteuerlich. Ich habe denn auch schon lange die Ansicht vertreten, daß die heutige Entwicklung der Physik eine klärende Befruchtung bestimmter Gebiete des 'Okkultismus' erwarten lasse, und es hat mich nicht gewundert, als ein führender Theoretiker der neuesten Materie-Forschung (dessen Namen ich einstweilen glaube verschweigen zu sollen) mir brieflich versicherte, daß ihm die Tatsachen der Materialisation a priori keineswegs unwahrscheinlich erschienen. Darf man am Ende auch umgekehrt erwarten, daß führende Physiker sich bald genug aus den Tatsachen der Phantomatik - Anregung und Bestätigung ihres Nachdenkens holen werden? Aus solchen Überlegungen heraus aber erscheint es nun bedeutsam, wenn sich der Theorie des schon bestehenden 'feineren Leibes', die ich oben aus Delanne belegte, heute eine andre gegenüberstellt, die von dem Begriff der Ideoplastie, der vorstellunggelenkten Erschaffung solchen Leibes ausgeht. Als ihr entschlossenster Vertreter dürfte Bozzano zu nennen sein. Er bezieht dabei sogar den Tatbestand ein, den sonst fast jeder noch von aller phantomatischen Objektivität zu sondern bestrebt ist: den Tatbestand der Halluzination. Wer wenigstens einige "Erscheinungen' als 'telepathische Halluzinationen' betrachtet wissen will, der will sie damit eben auch als 'bloße Vorstellungen' bezeichnen (wennschon übernormal angeregte); er will sie insofern entgegensetzen allen Erscheinungen, denen irgendwelche Objektivität 1) Bavtnk 180. 2) Prof. P. Jordan In Geistige Arbelt, 5. April 1B37. 3) Bayink 18111. 160 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung nicht eibzusprechen wäre. Indem nun Bozzano auch der Halluzination schon Objektivität zuschreibt, auch sie als r e a l e Gedankenschöpfung bezeichnet, vertritt er einen Begriff, der heute gewissermaßen in der Luft liegt und seine eigentliche Geschichte wahrscheinlich erst vor sich hat. Es ist schon seit langem aufgefallen, daß sowohl frei erzeugte als auch von außen suggerierte Halluzinationen sich unter Umständen verhalten wie 'wirkliche Dinge'. Bekannt sind z. B. die Versuche Binets u. A., das hypnotische Subjekt auf einem leeren Blatt Papier ein beliebiges Bild 'erblicken' zu lassen; mischt man dann dieses Blatt unter andere ihm völlig gleichende (die Erfüllung dieser Bedingung ist natürlich wichtig), so wird die Versuchsperson, wenn man ihr Blatt auf Blatt vorlegt, das 'Bild' stets nur auf demjenigen erblicken, auf dem es von Anfang an soz. suggestiv angebracht wurde. Stellt man das betreffende Blatt 'auf den Kopf', ohne daß die Person davon weiß, so erscheint ihr auch das Bild 'auf den Kopf gestellt'. Betrachtet es die Person durch ein Prisma, so erscheint das Bild verdoppelt, 'genau entsprechend den Gesetzen der Optik'; ein Opernglas vergrößert oder verkleinert es, je nach der Richtung, in der man es benfltzt; und hält man das Blatt vor einen Spiegel, so erblickt das Subjekt in diesem auch das suggerierte Bild.1 - Die wissenschaftliche Erklärung dieser Vorgänge nimmt irgendwelche winzige, normalerweise kaum wahrnehmbare Besonderheiten der (nur scheinbar) einander 'völlig gleichenden' Blätter an - points de repère -, an denen die Versuchsperson das suggestiv belegte eben doch 'erkenne', und schreibt dann die 'natürlichen' optischen Veränderungen des Bildes der Wirkung der Erwartung zu;2 eine Erklärung, die Bozzano schon mit den Beobachtungen nicht ganz im Einklang findet; während unser sonstiges heutiges Wissen über 'Gedankenschöpfungen' sie vollends überflüssig mache. - Die Frage erscheint mir aber doch noch nicht so spruchreif, wie Bozzano es hinstellt. Versuche bezüglich der dioptrischen Beeinflussung sind nämlich auch mit den bekannten Visionen auf spiegelnden Flächen und in Kristallkugeln gemacht worden und haben einstweilen leidlich verworrene Ergebnisse geliefert. Selbst bei sog. unwissentlichen Versuchen verhielten sich die Bilder bald ganz auffallend den optischen Gesetzen entsprechend (indem sie z. B. in waage- oder senkrechter Richtung verdoppelt wurden!), bald aber auch n i c h t ; und zwar bei einer Versuchsperson, der Professorin Verrall, trotzdem diese sich bewußt war, bei ihren Visionen points de repère zu benutzen.3 Diese mangelnde Eindeutigkeit der Erfahrung tut auch der Theorie der 'realen' Halluzination einstweilen Abbruch; wiewohl natürlich die völlige Ungeklärtheit des Problems der Halluzination auf wissenschaftlichem Boden ihr einigen Spielraum lassen mag. Eine ähnlich 'realistische' Deutung läßt Bozzano sodann den 'Gedankenformen' zuteil werden, die manche 'Hellseher' in Gegenwart 1) Binet 280ff. Dagegen vgl. Pr VIII 500 über Miss A. 2) Zustimmend: Myers I 238. 3) Pr VIII 4851.; X 108. Die ideoplastische Theorie der Erscheinung 161 Andrer wahrzunehmen behaupten, und über die namentlich aus theosophischen Kreisen merkwürdige Darstellungen vorliegen: biildmäßige 'Projektionen' nicht bloß von Menschen und Dingen, sondern oft von scheinbar ganz phantastischem, aber angeblich das Gefühlserleben des Betreffenden erkennbar symbolisierendem Gepräge1 Gedanken seien eben - Dinge; lind Vorstellungen, Gefühle, Leidenschaften 'erzeugen' Formen, in denen sie sich darstellen. ...thought creates from its own wreck the thing it contemplates. (Shelley.) Es mag bemerkt werden, daß Bilder dieser Art sich gelegentlich in jenen rauchigen Nebel auflösen,2 den wir noch genauer als Anfangs- und Endstufe unzweifelhaft objektiver1 Phantome kennenlernen werden; eine nachdenklich stimmende Ähnlichkeit, die wir übrigens auch an Visionen-im-Kristall beobachten. Von hier aus ist dann nur noch ein Schritt zu den Gebieten, auf denen der Begriff der ideoplastischen Bildschöpfung seine seltsamsten und wichtigsten Anwendungen sucht: den Gebieten der übernormalen Photographie und der Materialisation. Die erstere Anwendung habe ich bereits kurz erwähnt,5 und es ließen sich für sie sehr merkwürdige Beobachtungen ins Feld führen. Doch will ich auf diese nicht näher eingehn, da ich ja das ganze Gebiet von meiner Argumentation einstweilen ausgeschlossen habe. Ließe man die photographischen 'Extras' als ideoplastische Leistungen gelten, so ergäbe sich freilich erst recht die Versuchung, nun auch die flüchtigen Phantome der Fernerscheinung und des Spuks unter diesen verheißungsvollen Begriff zu bringen. 'Die Versuchung' sage ich einstweilen nur. Denn so dunkel unser Deutungsmittel auch sein mag, so schwer bestimmbar also auch seine Grenzen: schon bei den Spuk- und Fernerscheinungen konmen uns Bedenken gegen seine Zulänglichkeit, sobald wir uns vergegenwärtigen, wie sehr ihre 'Objektivität' doch offenbar über die der photographischen Extras hinausgeht. Während bei diesen allenfalls Spuren halb-passiver Bewegung zu entdecken wären (etwa bei Mehrfacherscheinen eines Extra auf der gleichen Platte), zeigt das sichtbare Phantom ja, wie wir wissen, nicht nur alle Natürlichkeit des Ortswechsels und des persönlichen 'Benehmens', sondern wirkt auch wie ein bewußtes und körperhaftes Wesen auf die Dinge. Wird mit der (allenfalls photographierbaren) 'Erscheinung' auch dieser ganze Apparat persönlicher Betätigung durch irgendjemandes 'Vorstellen' - 1 ) Vgl. B e s a n t ; E. A. Quinon in L t 1901 401. 2) S. V. Turney in LO 192ß 559. 3 ) o. S. 27 f. M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben III 11 162 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung 'erechaffen'? Wir fühlen wohl: hier soll ein Schritt getan werden, den unser Denkgewissen nicht so leicht zustande bringt. Wieviel schwerer aber müßte ihm der weitere werden, der nunmehr unabweislich droht: auch die Materialisation der Sitzung als ideoplastisches Erzeugnis aufzufassen; die Materialisation, die im äußersten Falle - das hat uns bereits die obige Tatsachenschau bewiesen - im seelischen und körperlichen Auftreten von einem lebenden Menschen gar nicht zu unterscheiden ist, ja in manchen Fällen nicht von einem bestimmten Menschen. Es ist klar, daß erst auf dem Boden dieser Tatsachen die Problematik des Phantoms in ihrer ganzen Furcht- und Fruchtbarkeit uns umklammert, und wie man den Feind oft dort zuerst angreifen soll, wo er am stärksten ist, so auch ein Rätsel da, wo es sich am dunkelsten zeigt. Daß von der Erwägung der krassesten Formen des Phantoms auf seine 'milderen' Licht fallen werde, ist an sich wahrscheinlicher als das Umgekehrte. Darum soll auch unsere theoretische Bemühung, so aussichtslos sie erscheinen oder sein mag, von vorn herein auf die Tatsachen der Materialisation gerichtet werden. Es wird sich zeigen, daß auch hier der Ertrag zum mindesten nicht geringer ist, den wir für unser eigentliches Grundproblem von dieser Untersuchung des objektiven Phántoms erhoffen: für das Problem des Überlebens. 7. Die Anatomie der Materialisation Ich beginne mit der Erörterung einer Vorfrage, deren Beantwortung alle ferneren Entscheidungen beeinflussen dürfte. Sind Materialisationen ihrem Gesamtbau nach, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen, nämlich abnorme Vollduplikate menschlicher Körper (bzw. Körperteile), oder aber täuschen sie diese echte Entsprechung nur vor und sind in Wahrheit sehr viel weniger? In der Tat ist z. B. von E. v. Hartmann die Ansicht vertreten worden, es handle sich bei ihnen nur soz. um Hülsengebilde, also reine Oberflächenkörper aus menschenähnlich aufgebauten Stoffschichten. Hertmann erklärt es für einfacher, anzunehmen, das Medium erzeuge durch seinen magischen Willen nur soz. eine Hülle 'sekundärer Kraftzentren' in Form einer Hand, anstatt die Gesamtheit der Kraftzentren, Svelche den Atomen und Molekülen der Hand in ihrer ganzen Dicke entsprächen'. Denn sollte eine solche vollständige Hand an einem unsichtbaren Körper sitzen? Dieser wäre doch wohl nur darum unsichtbar, weil er undicht wäre; und wäre er so undicht, so müßte er durch den Fußboden sinken und könnte der dichter materialisierten Hand keinen Halt bieten und sie nicht führen; Die Anatomie der Materialisation 163 es sei denn, er werde durch K r ä f t e gehalten und bewegt, die seine Lage im Verhältnis zu den Dingen im Raum bestimmen. Dann aber könnten diese Kräfte, die ja doch aus dem Medium stammten, auch ebenso gut unmitt e l b a r die 'Hand' halten, auch wenn diese eine objektive Leistung ausführt. In Wahrheit führe also das Medium selbst diese Leistung aus, indem es an der Oberfläche des bewegten Gegenstandes jene 'Kraftzentren' in der Oberflächenform einer Hand anordne.1 Verwandte Gedanken trägt Dr. Maxwell vor, wennschon ausdrücklich mit dein Gefühl ihrer Unbestimmtheit und Vorläufigkeit. Nach ihm kann die 'Nervenkraft' des Mediums auf die 'Teilchen eines sehr flüchtigen Stoffes, etwa des Äthers oder sonst einer Art verdünnter Materie', einwirken und sie 'laden und zerstreuen nach Maßgabe der Kraftlinien, die bestimmt würden durch die Wirkung von Nervenzentren und Form annähmen entsprechend jenen besonderen Zentren. [Was das heißen soll, weiß hoffentlich Maxwell selbst.] [Diese Kraftlinien] würden eine gewisse Bildsamkeit besitzen, und diese würde in Beziehung zu jenen Zentren stehen und vorherrschend physiologische Aktivität besitzen [!]. Bestände diese Beziehung zu den höheren Vorstellungszentren, so würden wir bestimmte sinnvolle Formen erhalten, wie z. B. menschliche Gesichter, Tierköpfe und Gegenstände; stellte sich die Beziehung zu niederen Zentren her, so würden wir nur unbestimmte Formen erhalten,' also etwa (könnte man vermuten) jene höchst dürftig gestalteten 'Pseudopodien', 'Ektoplasmen' u. dgl. m., von denen neuerdings die Beobachtung 'physikalischer Medien' so viel berichtet.2 - Beide Verfasser nehmen dann schließlich an, daß solche Formungen sichtbar werden dadurch, daß jene Kraftzentren etwa zugleich als 'Glimmpunkte' wirken, oder etwas dergleichen. Auch die unmittelbare Beobachtung scheint zuweilen mindestens verwandte Meinungen angeregt zu haben. Gewisse Schilderungen der Mrs. d'Esperance glaubt v. Schrenck-Notzing im Sinn einer 'flächenhaften Darstellung' des Phantoms verstehen zu dürfen (mit fraglichem Rechte, wie ich glaube); auch der Comte Bullet habe Köpfe gesehen, die den Eindruck bloßer Masken machten, was die Annahme nahelege, daß zunächst eine Fläche materialisiert und diese dann 'modelliert' werde.3 - Ferner könnte sich diese Vorstellung berufen auf gewisse Beobachtungen bei Eusapia. Einmal z. B. wird ein völlig menschlich gestaltetes Phantom hinter dem Vorhang des Kabinetts berührungsmäßig 'gefühlt', ein Phantom, das sich bewegt, das 'greift' oder 'stößt', ja selbst 'beißt', - und von dem mim doch n i c h t s sieht, wenn man hinter den Vorhang blickt, ja - auch nichts fühlt, wenn man es hint e rm Vorhang zu greifen sucht!4 1) Hertmann, Geist. 1061. 2) Maxwell 1681. 3) Schrenck, Mat. 9f. 1) APS V 124. S. o. S. 104. 11* 164 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung In einer andern Sitzung wurde Morselli an mehreren Körperstellen durch den Vorhang hindurch berührt und fühlte, 'wie sich eine Person hinter dem Vorhang an ihn lehnte und ihm die Arme drückte. Wir alle', schreibt Barzini, 'sehen diese Arme, umgeben vom Vorhang. Ich erhebe mich sofort, und das Medium an mich ziehend, stecke ich den Kopf in die Öffnung des Vorhangs, um ins Kabinett zu blicken. Dieses . . . ist leer. Morselli greift hinter den Vorhang, dort, wo er sich bläht, und stellt fest, daß niemand da ist. Was von außen den Eindruck eines menschlichen Körpers macht, der sich bewegt, ist im Innern nur eine Ausbauchung des Stoffes.'1 Daß v. Hartmanns Vorstellung sehr beträchtliche Zumutungen an unsere Phantasie stellt, wird niemand bestreiten; doch muß man sich fragen, ob nicht jede andere Deutung ebenso große oder größere stellen würde. Wenn irgendwo, so gilt auf diesem unerhört neuartigen Gebiete der Satz, daß versuchte Hypothesen schwerlich kühn genug sein können, allerdings auch um so gründlicher auf ihre Durchführbarkeit zu prüfen sind. Die Hartmann-Maxwellsche hat jedenfalls den Vorzug der 'Sparsamkeit', d.h. sie sucht mit möglichst wenigen 'neuen' Annahmen auszukommen, unter denen überdies die einer objektiven Selbstverwirklichung von Vorstellungen ohnehin zu den Hauptbegriffen jeder Art von Phantom-Theorie gehört. Auch brauchen uns gewisse mit dieser Hypothese verknüpfte Folgerungen nicht ohne weiteres abzuschrecken: wie etwa die zur Deutung der Bewegungen und Leistungen des Phantoms erforderlichen. Wir müßten annehmen, daß jene bildsamen Häute von 'Kraftzentren' und 'Glimmpunkten' soz. wie Marionetten an den Fäden der 'Vorstellung eines bewegten Gliedes' oder 'einer bestimmten Handlung' hängen und von Stufe zu Stufe den natürlichen Wandlungen solcher Vorstellung folgen. Das Medium - vermutlich sein 'Unterbewußtsein' - 'stellt sich vor', daß ein Accordion im Gitterkäfig geschaukelt und gespielt wird, und alsbald setzt sich diese Vorstellung in ihrem ganzen Ablauf um in die ununterbrochne und 'natürliche' Erzeugung eines bewegten, bandförmigen 'Oberflächengefüges von Kraftzentren', das allen sichtbar das Instrument bewegt und spielt. Toll, phantastisch! - Gewiß. Aber welche Vorstellung wäre weniger phantastisch? Die Schwierigkeiten verdichten sich freilich bis ins Ungeheuerliche bei jenen Phantomen, die nicht nur von ihren Gliedmaßen und Gesichtern Abgüsse liefern oder mit Bleistiften schreiben, sondern auch vernehmlich und verständig zu uns reden. Sind auch Organe der Klangerzeugung und Silbenbildung durch 'Vorstellungskraft' so weit als 'Oberflächen' ausgebildet worden, als zu solcher Leistung mindestens erforderlich wäre, also ohne ihre weiteren 'physiologischen Hinter- 1) PS XXXIV 219. Die Anatomie der Materialisation 165 gründe'? Und wird dieser 'Mindestapparat von bloßen Oberflächen' durch einen 'Vorstellungsstrom' des Mediums gelenkt im Sinne einer Mitteilung oder Unterredung? Das alles ist 'möglich' - was ist denn unmöglich, das keinen Widerspruch-in-sich enthält? -, mag es uns noch so unwahrscheinlich vorkommen. Ob es dagegen wirklich sei, ist eine andere Frage, und manche Beobachtungen - nicht weniger zuverlässig als sonst die besten auf diesem Gebiet - sprechen in der Tat dafür, daß es nicht wirklich oder doch höchstens in seltenen Fällen wirklich sei. Dagegen nämlich sprechen alle Beobachtungen, die einen durchgehenden natürlich-anatomischen Bau des Phantoms oder Phantomteils soz. mit Händen greifen oder unmittelbar erschließen lassen; und solche sind uns ja schon in den Beschreibungen Mirabellischer Materialisationen begegnet. Doch will ich mich nicht mit dem Rückweis auf diese begnügen, sondern den neuen Tatbestand an sonstigen einschlägigen Beobachtungen fortschreitend entwickeln, wie s. Zt. den der Materialisation überhaupt. Ich beginne daher auch hier mit der einfachsten und so häufig einleitenden Form der Materialisation, mit den 'Händen'. Schon Crookes hatte über die von ihm beobachteten Hände gesagt, es handle sich dabei nicht immer um 'bloße Formen', vielmehr erschienen sie zuweilen 'vollkommen lebensgleich und anmutig; die Finger bewegen sich und das Fleisch scheint ebenso menschlich zu sein, wie das irgend einer andern im Zimmer.'1 Und Ochorowicz' Bericht über seine Warschauer Sitzungen mit der Palladino spricht von einer 'großen Hand, vollkommen lebendig, von länglicher Form, heller Hautfarbe, normaler Wärme und Dichte.'2 Mehr ins Innere gehend, beschreibt Prof. Bottazzi eine von ihm ergriffene und nicht losgelassene Hand als 'mit knochigen und groben Fingern' versehen (sie löste sich gleich darauf in seiner Hand auf). - 'Die Wärme', schreibt ferner Dr. Venzano, 'die von der kleinen Hand [bei Eusapia] ausging, die Fingerbewegungen der Beugung und Streckung, der von der Hand ausgeübte Druck und Zug sind Tatsachen, die sehr stark zugunsten unserer Schlußfolgerung sprechen: daß es sich um eine lebende Hand handelt mit einem Knochengerüst als Grundlage, Muskeln, Sehnen und Bindegeweben, wie sie alle zu einer Hand gehören, lebendig erhalten durch Gefäße, in denen Wasser und Blut fließt, regiert durch ein Nervensystem, dem sie alle Eigenschaften des Lebens verdanken.'3 Dies sind Worte eines Arztes, gemünzt auf Gliedmaßen, die dem Beobachter im festen Zugriff seiner Hand - zerrinnen ! In das gestaltete Innere des Rumpfes von Phantomen dringen wir ein vermittelst Beobachtungen, die uns Leistungen derselben vorführen, 1) Crookes 102f. ('life-like'). 2) Rochas, Motr. 162 (une main complètement vivante). Auch Geley (S. 320) und Bottazzi (ASP 1917 760) betonen diese normale Wärme einer 'Hand'. Vgl. die oben (S. 95.149 ) beschriebenen 'Nägel' und'Hautfalten' an Handabgüssen. Ähnlich Carrington Pr X X I I I 456f. 3) ASP 1907 502f. 166 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung die wir kaum denken können ohne Beteiligung willkürlich bewegten Atems, des weiteren aber auch nicht ohne wechselnde Einstellungen aller spracherzeugenden Organe, vom Kehlkopf bis zur Lippe. Während einer Sitzung des Dr. Gibier mit seinem Medium Mrs. Salmón am 10. Juli 1898 entwickelte sich auf höchst eigenartige Weise (die wir noch kennen lernen werden) ein Phantom, das "Lucie' als seinen Namen angab. 'Die Gestalt bewegt sich gegen das linke Ende des Kreises der Anwesenden auf Mme D. zu und beugt sich über diese. Sie ergreift deren Hände, kehrt die Handflächen nach oben und bläst hinein,... wobei wir den starken, regelmäßigen, ununterbrochenen Atem hören, der sich [zuweilen] leicht verstärkt, nach dem Gehörseindruck von einer Maschine oder dem Blasebalg einer Schmiede auszugehen scheint und ohne Unterbrechung mindestens 30 Sekunden dauert. Mme B. sagt aus, daß sie das Blasen auf den Händen und dem Gesicht fflhlt.'1 - Eins von Eusapias Phantomen, das uns Lombroso beschreibt, war eine für Sgr. R. erscheinende Frau von großer Schönheit (angeblich eine 2 Jahre zuvor Verstorbene), die 'mit warmem Atem gegen den Rücken der Hand des Sgr. R. hauchte, ihre Hand in seine Haare schob und ihn ganz leicht in die Finger biß.'2 Ähnlich behauptet Bozzano, daß während einer Palladino-Sitzung eine herkulische Gestalt, die er für die ihres 'Führers' 'John King' hielt, ihn umschlungen und sich an ihn gepreßt habe, wobei 'ein vollkommen geformter Kopf sich gegen den meinen drückt und ein warmer Atem über mein Gesicht hinstreicht. Der Kopf wendet sich ab und läßt mich seine bürstenartig geschnittenen Haare fühlen.' (Hier hätten wir also 'Kraftzentren' in Form einer Perücke.)3 'Er entfernt sich, und ich sehe deutlich sein Profil. Mit meinem Ellenbogen suche ich den Rumpf abzutasten und überzeuge mich, daß es der eines Hünen ist.'1 Ähnlich bezeugt Dr. Venzano nach der bereits erwähnten Sitzung im Circolo Minerva vom 20. Dez. 1900: 'Ich fühlte einen Mund, von dem ein warmer Atem ausging, mein linkes Ohr berühren und mit leiser Stimme in Genueser Mundart eine Reihe von Sätzen aussprechen, deren Gemurmel auch den Sitzern hörbar war.'5 Ich fühle mich verlockt, hier noch ein Weiteres zu erwähnen, trotzdem die Kürze, in der es geschehn muß, mich vor dem Leser in eine mißliche Lage bringt. Die Tatsache der sog. 'direkten' Stimme, durch die mehrere Medien besonderen Ruf erlangt haben, kann m. E. heute als erwiesen bezeichnet werden. Eine umstrittene Entlarvung (im Grunde nur Verdächtigung) eines derselben, George Valiantines, in Berlin6 hat bei uns einen ungünstigen 1) bei Delanne II 5101. (Schrenck, Mat. 33 nennt G. einen 'hervorragenden Physiologen'). 2) ASP 1908 35. Vgl. N. v. Lwows Aussage RS 1875 56. 3) Gegen d. Beobachter geriebene Bärte: Delanne II 408. 553; Lombroso 76; o. S. 140. 4) Bozzano. Ipot. 32. Körperwärme auch: Gellona 69. 5) APS 1907 164. Ebenso Sir Ol. Lodge u. Mme de C. bei Geley 351. 352. 6) ZP 1929 58611. 650 II. - Bradleys spätere 'Entlarvung' V.s (And alter -) bezog sich nur auf 'Fingerabdrücke' und wird von Br. selbst der Entartung Vs. infolge seiner flnanz. Erfolge zugeschrieben. Vgl. auch ZP 1932 1360. u. Pr XL 3890. Die Anatomie der Materialisation 167 Boden für die Anerkennung der Tatsache geschaffen. Aber die Zeugnisse ffir Mrs. Wriedt sind mindestens ebenso gut, die für Sloan sind eigentlich durchschlagend. Mrs. E. S. French Oberzeugte in 20 jährigen Versuchen einen der ersten Rechtsanwälte und Großunternehmer Amerikas, Mr. Edward C. Randall; und neben diesen stehen viele andre von Mrs. Everitts Zeiten1 bis auf die heute berühmte, wenn auch umstrittene Margery - Frau Dr. Crandon - in Boston. Bradley, der Valiantine in Europa bekannt machte, erzielte die 'direkte Stimme' auch ohne ihn, allein mit seiner Frau sitzend,8 und nicht wenige haben die Tatsache bei hellem Tageslicht beobachtet, also unter Bedingungen, die gründlichst ablagen von jenen, die den eigentlichen Grund zu Valiantines und Anderer Verdächtigung abgaben. Miss E. K. Harper, die Sekretärin W. T. Steads, bezeugt dies aus ihrer eigenen Erfahrung mit Mrs. Wriedt, die währenddessen nähte und zuweilen an der Unterhaltung mit der Stimme teilnahm,3 und Mrs. E. Blake in Braderick, Ohio, hat 'Tausende bei Tageslicht' die direkte Stimme hören lassen. Zwei sachverständige Taschenspieler, darunter Mr. D. P. Abbott, ein Freund Prof. Hyslops, setzten sich nach eingehenden Versuchen für ihre Echtheit ein.1 Zur Prüfung der direkten Stimme bei Frau Dr. Crandon ersann Dr. Richardson eine Vorrichtung, bestehend hauptsächlich aus einem mit Flüssigkeit gefüllten U-Rohr, worin die geringste Sprachbewegung des Mediums einen Ausschlag der beiden gleichgestellten Oberflächen bewirken mußte.5 Noch weiter ging (u. a.) Dr. Abraham Wallace, der das Medium während der Versuche Wasser im Munde halten ließ, wobei betrügerisches Ausspeien des Wassers und nachheriges Wiedereinsaugen ausgeschlossen wurde durch einen chemischen Zusatz, der nur bei l a n g em Behalten des Wassers im Munde eine zunehmend tiefe Färbung desselben bewirkt.6 Zu allen diesen Sicherungen kommt aber schließlich noch der von fast allen Beobachtern angegebene Umstand, daß die direkte Stimme nicht selten zu hören ist, w ä h r e n d das hierbei ja fast immer wache Medium g l e i c h f a l l s s p r i c h t ; 7 oder der andere, daß gleichzeitig mehr als e i n e abnorme Stimme zu hören ist. Prof. Nielsson in Reykjavik hörte bei Indridi Indridason 'bisweilen zwei Stimmen gleichzeitig singen: eine weibliche Sopranstimme und einen männlichen Baß-Bariton.'8 Ja von Home berichten General und Mrs. Boldero, daß sie in seiner Gegenwart zwei Stimmen, eine männliche und eine kindliche, sich unterhalten hörten, während das berühmte Medium gleichzeitig u n u n t e r b r o c h e n redete und, als man ihm dies verwies, als Grund angab: er habe verhüten wollen, daß man ihn der Bauchrednerei bezichtige, denn gleichzeitiges Sprechen und 'Bauchreden' sei unmöglich.9 Die Tatsache selbst besteht bekanntlich in dem deutlichen Hörbarwerden vieler persönlich gesonderter Stimmen - meist, aber keines- 1) 1855 (Podmore, Spir. II 64; Aksakow464). 2) Bradley, Wisd. 3H. u. ö. 3) Moore 327. 4) Lt 1906 495. 511; 1908 75. Vgl. noch Funk, Riddle 155; C. Chapman (ref. n. Bozzano in ZmpF 1932 203fl.); Mclndoe in Lt 1921 494 ttb. d. nichtberufl. Medium A. McCreadie. 5) Ref. ZpF 1928 94. Vgl. auch Pr XXXVI 126. 6) Lt 2. Febr. 1918. 7) Sir W. F. Barrett bei Moore 85; Bradley, Stars 14. 28.167.179; Wisd. 158. 318; Pr XXXVI 61; Kennedy bei Tweedale 270. 8) Nielsson 25. 9) Bericht an Prot. Barrett (Threshold 61. 62). 168 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung wegs immer, verstärkt durch Schalltrichter - in der Nähe des Mediums; Stimmen, die angeblich zum größten Teil sofort als die bestimmter Verstorbener erkennbar sind. Das, was sie in der Unterhaltung mit ihren anwesenden Hinterbliebenen äußern, liefert vielfach 'Identitätsbeweise', die zu den stärksten überhaupt berichteten gehören.1 - Um wenigstens an e i n em Beispiel den Tatbestand etwas zu verdeutlichen, entnehme ich einige kurze Angaben den Berichten J. Arthur Findlays über das Stimmenmedium John C. Sloan, Berichte, die vor einigen Jahren, von Sir William Barrett, F.R.S., bevorwortet, in der angelsächsischen Leserwelt bedeutendes Aufsehen erregten. Findlay nimmt in der City von Glasgow eine hochgeachtete Stellung ein. 'Wenige Männer', schrieb Barrett von ihm, 'erfreuen sich höheren Ansehens wegen ihrer Rechtschaffenheit und ihres gesunden Verstandes als er, und wenige sind in gleichem Maße gefeit gegen Betrug durch Schwindler und Scharlatane.2 Sein fachmännisches Wissen machte ihn zum Vizepräsidenten der Glasgower Ges. f. ps. F., deren Präsident der Earl of Balfour ist. An seine Versuche mit Sloan ging er im Geiste 'entschiedenen Argwohns' heran, auch nachdem er bereits die ersten Stimmen gehört hatte. Niemand unter den Anwesenden kannte ihn unter seinem Namen, als er am 20. Sept. 1918 seine erste Sitzung mitmachte. 'Plötzlich (schreibt er) sprach eine Stimme dicht vor mir', und auf seine Frage, wer es sei, erwiderte sie: 'Dein Vater, Robert Downie Findlay, und fuhr dann fort, von etwas zu reden, wovon nur er und ich, sonst aber niemand auf Erden wußte... Aber mein Staunen wuchs, als, nachdem mein Vater geendet, eine andere Stimme den Namen der [einzigen] andren Person nannte, die zu Lebzeiten von der Sache gewußt hatte, und diese Stimme setzte die von meinem Vater begonnene Unterhaltung fort.' In weiteren Sitzungen 'sprachen viele verstorbene Freunde zu mir, gaben Namen und Adresse an und sagten mir Dinge, die kein Anwesender außer mir hätte wissen können... Freunde traten auf und sprachen zu mir von Angelegenheiten, von denen nicht nur kein Anwesender, sondern auch ich selbst nicht wußte, deren Tatsächlichkeit ich aber durch Nachforschungen feststellte . . . Ich beschloß nunmehr, bei nächster Gelegenheit neben dem Medium zu sitzen und, während eine Stimme sprach, mein Ohr dicht an seinen Mund zu legen. Ich hielt seine Hände von Beginn der Sitzung an, und während eine Stimme sprach, hielt ich mein Ohr dicht an seinen Mund. Ich fühlte des Mediums Atem, mein Ohr berührte seine Lippen, aber kein Ton drang aus ihnen hervor. Dies habe ich getan nicht ein- oder zweimal, sondern viele Male, bis ich schließlich überzeugt war, nicht nur daß der Vorgang der direkten Stimme echt war, sondern auch daß die Redenden wirklich die waren, die sie zu sein behaupteten.'3 Denn Findlays Feststellungen waren die gleichen, ob nun die Sitzungen in Sloans Wohnung oder in dem Sitzungszimmer der Glasgower Ges. f. ps. F. stattfanden, ob weitere Personen zugegen waren oder das Medium mit Findlay und dessen Stenographin allein. Gerade in diesen Sit- 1) S. Bd. I S.285I. 2) Findlay 7. 3) das. 56f. 59. Die Anatomie der Materialisation 169 zungen zu Dreien lag Sloan 'in tiefem Trans, seine Hände in den meinen, seine Füße von den meinen kontrolliert, sein Kopf auf die Brust herabgesunken, und abgesehen von gelegentlichen Zuckungen, saß er reglos... Als Vorsichtsmaßregel hatte ich die Tür verschlossen und den Schlüssel in meine Tasche gesteckt.' 'Es war unmöglich, daß jemand im Zimmer verborgen war; diese Gewißheit verschaffte ich mir stets.'1 'Ich habe auch Stimmen bei Tageslicht gehört, sie sind aber stärker und besser entwickelt im Dunkeln oder bei Rotlicht, das nicht die gleiche zerstörende Wirkung wie weißes ausübt.' 'Oft habe ich - und haben Andre mit mir - zwei oder selbst drei Stimmen von verschiedenem Klang und persönlicher Unterscheidbarkeit g l e i c h z e i t i g zu den Anwesenden reden hören, und zwar über verschiedene Dinge, die nur den Angeredeten bekannt waren, während entweder das Medium zugleich über etwas anderes zu den neben ihm Sitzenden sprach, oder ich meii* Ohr ganz dicht an seinen Mund hielt, ohne daß ein Ton von seinen Lippen k a m . . . ' 2 Zu solchen sachlichen Sicherungen gegen Betrug, auch den durch Bauchrednerei, wie sie übrigens in den Urkunden jedes Stimmen-Mediums berichtet werden, kamen aber hier noch persönliche, die ihren Eindruck auch auf den Unerfahrenen nicht verfehlen können. Sloan ist nämlich ein einfacher und herzensgütiger Arbeiter mit dem Einkommen eines solchen, der aber trotzdem jedes Angebot eines Entgelts für seine Sitzungen als beleidigend zurückweist. 'Er liebt die Zurückgezogenheit und ist im höchsten Grade bescheiden. Er -macht sich nichts aus dem Lobe, das er so oft am Schluß eines solchen Abends erntet. Ich habe immer den Eindruck von ihm, daß er diese Sitzungen nicht mag und sie nur aus Pflichtgefühl bewilligt. Ich bin gewiß, daß er, sich selbst überlassen, nie seine mediale Gabe ausüben würde. Sein Pflichtgefühl und seine Herzensgüte' allein vermögen ihn dazu. 'Ich besitze', schreibt Findlay, 'Niederschriften von 39 Sitzungen mit Sloan; 83 verschiedene Stimmen haben zu mir gesprochen oder zu persönlichen Freunden, die ich mitgebracht hatte; 282 verschiedene Mitteilungen sind mir oder ihnen zuteilgeworden, darunter 180, die ich als 'ersten Ranges' bezeichnen kann, indem es sowohl dem Medium als sonst irgend einem Anwesenden unmöglich war, von ihrem Inhalt normalerweise etwas zu wissen.'3 So viel, in eiligem Vorübergehn, zur Beglaubigung unsres Tatbestands. Uns fesselt daran hier nur die Frage, ob solche Leistung ein Stück Phantom-Anatomie erweise. Ich muß nun sagen, daß, so sehr die Tatsachen in unserem Zusammenhang anregungsträchtig und darum der Erwähnung wert erscheinen, die Ausbeute, die sie für unsere Frage liefern, doch keineswegs gewiß ist. Vor allem weil, wie erwähnt, unmittelbare Beobachtungen von Phantomen während des Erklingens der Stimmen fast völlig fehlen. Die Sitzunfsteilnehmer haben allerdings nicht selten jenes seltsame Gefühl einer 'Anwesenheit' an der 1) 86.1191.131. 2) 11.301. 3 ) 58.601.64. 170 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Stelle, von wo die Stimme hertönt, und Miss F. Compton konnte nach einer Valiantine-Sitzung in Bradleys Hause geradezu sagen: die Redenden 'schienen umherzugehen und deutlich bei uns im Zimmer zu sein... Ich war mir einer [anwesenden] Persönlichkeit ebenso sehr bewußt wie einer Stimme.'1 Ja Bradley behauptet sogar, daß die materialisierten Hände einzelner Redender ihm auf den Kopf gelegt worden seien.2 Der einzige mir bekannte Bericht über die zusammenhängende Beobachtung einer typischen 'Stimme nsitzungs-Stimme' (wenn ich so sagen darf) und einer Materialisation stammt von dem oben angeführten Dr. Edwin F. Bowers. 'Die packendste Erfahrung (schreibt er3), die ich je während der 35 Jahre meiner parapsychischen Forschungen gemacht habe, ereignete sich vor nicht langem in einer von Mr. Deckers Sitzungen. Ich saß neben meinem Bruder Charlie, als - nach einer Stunde hervorragender und höchst beweiskräftiger Botschaften - eine vor Erregung zitternde Stimme unmittelbar vor uns erklang: 'Charlie, mein Jonge.4 Und Edvin!' Es war die unvergeßliche Stimme meiner Mutter, in ihrer geliebten irischen Mundart, unverändert seit dem Tage, da sie nach Amerika herflberkam, bis zu dem Tage, da sie vor neun Jahren starb. Mutter konnte nie lernen, 'Junge' zu sagen, und sprach das w in Edwin stets wie v aus. Nach einigen Minuten von Herzen kommender und zu Herzen gehender Begrüßungen und 'Gott-segne-euchs', währenddessen Mutters Stimme von allen Anwesenden deutlich gehört wurde, forderte sie uns beide auf, uns zu erheben. Dann legte sie, so natürlich, als wäre sie wieder im Fleische, einen Arm um meinen Bruder, den andern um mich, und zog uns dicht an sich, indem sie in gebrochenen Tönen und beinahe ekstatischer Freude von ihrer Liebe zu uns und von ihrem großen Glück über diese Wiederbegegnung sprach. Sie bat uns, 'für einander zu sorgen', sagte, daß sie auf jede ihr mögliche Art uns helfe, und bat uns nicht zu vergessen, daß wir alle, wann es Gottes Wille wäre, wieder beisammen sein würden. Sie nahm Charlies Hand in die ihre und führte sie über ihr Gesicht. Sie hob sie dann auf ihren Kopf und ließ ihn den für sie bezeichnenden Knoten seidenweichen Haares fühlen, in der altmodischen Art geflochten, wie sie ihn stets trug. Wie Charlie mir sagt, nahm sie dann sein Gesicht zwischen ihre Hände, zog es an das ihre herab und küßte ihn auf die Stirn. Dasselbe tat sie mit mir und sagte dann 'Ich muß jetzt gehen.' Es war ein bewegender Abschied. Und doch brachte er uns und denen, die dies alles mit anhörten, überwältigende Freude und Trost...' Ferner muß man auch daran erinnern, daß die Stimmen meist mit einer objektiven Leistung einhergehen, wie man sie ähnlich in typischen Materialisationssitzungen beobachtet: dem rasend schnellen, 1) Bradley, Wisd. 383. 2) das. 420f. Vgl. Findlay 141! 3) Bowers 85f. 4) my bye (statt boy). Die Anatomie der Materialisation 171 'zischenden' Umherbewegtwerden der (meist durch Leuchtstreifen sichtbar gemachten) Schalltrichter, welche dabei die Anwesenden an jeder von diesen 'gewünschten' Stelle sofort und unfehlbar mit äußerster Leichtigkeit berühren, - ein Kunststück, das - wie der Versuch wiederholt bewiesen hat - für Lebende in völliger Dunkelheit schlechterdings unausführbar ist.1 Endlich sei darauf hingewiesen, daß die 'Redenden' selbst, wenn man sie fragt, eine Theorie der 'Stimme' entwickeln, die diese ausdrücklich auf anatomisch-physiologische Grundlagen zurückführt. Sie behaupten zunächst wieder, daß der Mensch einen 'ätherischen Leib' besitze, der 'in jeder Einzelheit ein Gegenstück des fleischlichen darstelle, in seinen innern wie auch äußern Organen.'2 Zu Beginn einer Sitzung fertige einer der unsichtbaren Leiter aus Stoffen, die er teils selber liefere, teils dem Medium und den Sitzern entnehme, eine Maske in der ungefähren Form eines Mundes und Kehlkopfes an, die an einer passenden Stelle des Zimmers 'placiert' werde. Jeder Abgeschiedene, der zu sprechen wünsche, drücke sein Gesicht in diese vergleichsweise dichtere Maske (bestehend aus Stoffen von 'geringerer Schwingungszahl'!) und bedecke und 'bekleide' damit seinen eigenen 'Mund, Kehle und Zunge', wodurch diese Körperteile (nebst der Lunge!) in gewissem Maße materialisiert und zur Erzeugung von Worten im Bereich unserer Wahrnehmung befähigt werden. 'Dieser Zustand dauert nur kurze Zeit, häufig nicht länger als 10 Minuten, wo dann die Dematerialisierung einsetzt . . . und [der Abgeschiedene,] obschon sein Mund zu sprechen fortfährt, nicht mehr gehört wird.'9 Dies alles mag, wer will, für blühenden Unsinn und reine Hirngespinste eines Mediums halten, das dann aber doch die Stimme selbst auf irgendeine andre übernormale Weise erzeugen müßte, von der es sich noch fragt, ob sie leichter zu glauben wäre als die uns hier berichtete. Ich selber möchte mich jeder Meinung über Dinge enthalten, die ja zunächst nur in Gestalt nicht nachprüfbarer Behauptungen uns entgegentreten; will aber doch, ehe ich diese flüchtigen Bemerkungen über die direkte Stimme beende, noch einige Tatsachen erwähnen, die vielleicht zu Gunsten der 'von drüben her' vorgetragnen Erklärung sprechen. Erstens wird uns das Zustandekommen der Stimme von mehreren angeblichen Unsichtbaren durch verschiedene Medien genau übereinstimmend im obigen Sinne beschrieben, wobei doch anscheinend diese Aussagen völlig unabhängig von einander sind: der Rev. Duncan z. B. erhielt die gleiche Belehrung von einer nicht übel beglaubigten Stimmen-Persönlichkeit durch die beiden weiblichen Medien Moore i. J. 1928, also 4 Jahre vor dem Erschei- 1) Findlay 63. 75; Hegy 52. 57. Vgl. da" Flexatone-Spiel - ZpF 1929 125f. 2) Findlay 83 f. 3) Das. 851. (S. die stenographierten Aussagen (in direkter Stimme!) 137t.) 142f. 172 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung nen von Findlays Buch.1 Sodann aber wird in Stimmen-Sitzungen häufig: eine Beobachtung gemacht, die sehr gut übereinstimmt mit der obigen Angabe: es trete nach einiger Zeit eine 'Dematerialisierung der Maske' ein, worauf der ruhig weiterredende Abgeschiedene nicht mehr gehört werde. Jene Beobachtung gleicht etwa dem zeitweiligen 'Schwund', über den der Rundfunkhörer so häufig sich ärgern muß. 'Lange fortgesetztes Reden vermittelst direkter Stimme', sagt Findlay, 'ist etwas Ungewöhnliches. Nach einigen Minuten schwindet die Stimme dahin - trails away - und wird unhörbar, und man muß mitunter 5 Minuten warten, ehe sie wieder genügend Kraft geschöpft hat, um weiterzusprechen.'2 Dies, scheint mir, ist ein deutlicher Hinweis zum mindesten auf die übernormale Natur des Vorgangs; es stimmt aber auch vorzüglich zusammen mit dem, was wir noch über Schwankungen des Zustands der Materialisierung hören werden. - Nur mit größtem Vorbehalt erwähne ich, daß bei Frau Dr. Crandon, die u. a. ja auch Stimmenmedium ist, gelegentlich ein sich lebend anfühlendes Gebilde beobachtet und photographiert worden ist, das einer Stimmröhre mit Kehlkopf ähnelt und von dem der 'Führer' 'Walter' (angeblich der verstorbene Bruder des Mediums) behauptete, es sei 'die Materialisation des Dinges, durch das er spreche'. Auseiner Materialisation dieser Art wurden während einer andern Sitzung angeblich deutlich langsame Atemzüge gehört, die von dem gleichzeitigen 'Schnarchen' des Mediums sowohl im Ton als auch im Rhythmus abwichen.3 Das würde natürlich zur Frage führen, ob dieser Atem etwa von einer angeschlossenen, wenn auch unsichtbaren Lunge 'Walters' nebst Zwerchfell 'usw.' geliefert worden sei! Seltsamer Weise aber teilen uns 'unsichtbare Redner' selber mit, daß sie nicht mit eigenem Atem sprächen, sondern dazu - des Mediums Atem benutzen!4 Hierzu würde die Angabe passen, daß die Stimme aufhörte - zwar nicht, wenn das betreffende Medium etwa die Zunge zwischen die Zähne klemmte, wohl aber, wenn es passiv am Atmen gehindert wurde; und in solchen Fällen wird uns dann auch folgerichtig bezeugt, daß gleichzeitiges Reden von Stimme und Medium nicht statthaben konnte, und daß z. B., wenn das Medium während des Redens der Stimme zu sprechen versuchte, es zwar Zunge und Lippen bewegen, aber keinen Ton hervorbringen konnte.5 Dies widerspricht, wie erinnerlich, zahlreichen andren Angaben, und unser Gedankengang endet somit in verwirrender Ungewißheit. (Ein Ausweg läge vielleicht in dem Gedanken, daß wo das Medium gleichzeitig zu sprechen imstande ist, die Sitzer gewissermaßen als Hilfsmedien herangezogen werden, was sich auch mitunter nach der Sitzung in Heiserkeit verriete.)6 Im ganzen also wird einstweilen die Frage offen bleiben müssen, wie weit 1) Duncan 61f.; vgl. 150. D.s Buch erschien erst 1-2 Jahre nach F.s. 2) Findlay 134. 3) PsSc VII107. 4) 'John Watt' bei Holms 228. 5) Lt 1894 296. 6) Holms 229. Aut die mediale Mitwirkung von Sitzern komme ich noch zu sprechen. Die Anatomie der Materialisation 173 das an sich unbestreitbare Phänomen der direkten Stimme uns eine voll-anatomische Ausbildung von Sprechorganen verbürgt. Doch wenden wir uns von so wenig befriedigenden Betrachtungen zurück zu Beobachtungen der eigentlichen Materialisationssitzung. Da wäre denn zunächst nachzutragen, daß der am Munde des Phantoms so häufig gespürte 'Atem' anscheinend nicht nur durch eine Stimmritze strömt, sondern gelegentlich auch durch - Blasinstrumente. In Gegenwart von Eusapia Palladino ist bei einer Gelegenheit eine Trompete nicht nur telekinetisch gehandhabt worden, sondern hat auch Töne von sich gegeben. Dr. Venzano z. B. berichtet über eine seiner Sitzungen mit Eusapia, daß gleich 'zu Beginn, während das Zimmer noch von einer 16-kerzigen Glühlampe erhellt war, man eine Trompete deutlich im Innern des Kabinetts spielen hörte, und zwar in verschiedenen Höhenlagen, sodaß der Ton niemandem entging.' Darauf erschien die Trompete zwischen den beiden Vorhängen, mindestens 90 cm über dem Kopf Eusapias, deren Hände 'reglos auf dem Tische lagen, kontrolliert von den unsrigen und allen Anwesenden vollkommen sichtbar. Nach einiger Zeit zieht sich die Trompete zurück und läßt währenddessen neuerdings einige Töne hören, die sich mehrfach wiederholen.' - Hier ist allerdings ein Blasender offenbar nicht gesehen worden; der Vorgang entspräche also insofern etwa deutlich 'handmäßigen' Leistungen, bei deren Verrichtung doch keine Hände gesehen werden.1 Aber die mehr innerlichen'anatomisch-physiologischen'Feststellungen an Phantomen gehen, wie wir schon wissen, selbst über die Beobachtung von Lungen - oder doch von Leistungen, die anscheinend Lungen voraussetzen - sehr beträchtlich hinaus. Ich muß hier vor allem wieder an die mitgeteilten Schilderungen aus dem Beobachterkreise um Mirabelli erinnern, die ja die meisten der unmittelbar festzustellenden Lebensvorgänge mit größter Ausdrücklichkeit behaupteten. Wir hörten von Untersuchungen einiger Phantome durch mehrere Ärzte, Untersuchungen, die sich bis zu einer halben Stunde ausdehnten, die üblichen Methoden anwandten und die Untersucher zu dem ausdrücklichen Zeugnis bewogen, 'daß es sich wirklich um eine normale und menschlich organisierte Person handle, deren anatomischer Bau und organische Funktionen in jeder Hinsicht vollkommen seien.'2 - Das beste Zeugnis dieser Art aber bezieht sich auf eins der 'klassischen' Phantome, - klassisch auch durch die Vollständigkeit seiner Lebensäußerungen. 'Eines Abends', schreibt Crookes, 'zählte ich die Pulsschläge 'Katies', ihr Puls schlug regelmäßig 75, während derjenige Miss Cooks, wenige Augen- 1) Gerosa bei Rochas, Motr. 67; Venzano in APS 1907 (VI) 83. Vgl. Ochorowicz in ASP 1909 72t.; Lombroso 76. Üb. ein angeblich Zigaretten rauchendes Phantom: RB 241 (Fr. v. Tonkii- 194 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung teil aus dem Leibe des Mediums aus. Hierzu ist zunächst zu dem Vorgebrachten Einiges nachzutragen. In seinem Bericht Ober eine Palladiöo-Sitzung vom 15. Juli 1895 schreibt Sgr. Berisso: 'Eusapia wurde unruhig und aufgeregt. Plötzlich wölbte sich die rechte Seite des [hinter ihr hängenden] Vorhangs hervor und bedeckte teilweise den Vorderarm des Mediums, der von Dr. Venzano kontrolliert wurde. Kurz darauf sahen meine Frau, Dr. Venzano und ich deutlich eine Hand und einen Arm in einem dunklen Ärmel aus der vorderen und oberen Gegend der rechten Schulter des Mediums hervorgehn. Dieser Arm bewegte sich über das Vorhangstück hin, das auf dem Tische lag, ergriff das Glas und führte es an Eusapias Mund; sie lehnte sich zurück und trank mit Gier. Danach stellte der Arm das Glas auf den Tisch zurück, und wir sahen, wie er sich schnell zurückzog und verschwand, als kehrte er in die Schulter zurück, aus der wir ihn hatten hervorgehn sehen.' Während der ganzen Dauer des Vorgangs lagen Eusapias kontrollierte Hände bei vollem Licht für jedermann sichtbar auf dem Tisch.1 - Prof. Galeotti sah deutlich eine 'medianimische Verdoppelung' des linken Arms desselben Mediums.2 'Ich sehe, rief er dabei aus, zwei linke Arme, i d e n t i s c h im Aussehn; der eine ist auf dem kleinen Tisch, und es ist der, den Sgra. Bottazzi [als Kontrollierende] berührt; der andre scheint aus Eusapias Schulter zu kommen, sich ihr zu nähern, sie zu berühren, dann zurückzukehren und wieder mit ihrem Körper zu verschmelzen . . . ' - Mr. H. Carrington, der wohl bedeutendste Teilnehmer an den Neapeler Palladino-Sitzungen des 'Taschenspieler-Komitees', bezeugt das gleiche in folgenden Worten: 'Ich sah mehrmals einen dritten Arm, genau dem der Eusapia gleichend, aus ihrer Schulter hervortreten und den rechts von ihr sitzenden Versuchsleiter berühren. Beide Hände Eusapias lagen dabei sichtbar auf dem Tische.'3 - Eine ähnliche Beobachtung wiederum machte schon während der Neapeler Sitzungen des Jahres 1893 der St. Petersburger Zoologe Prof. Wagner, wenn auch mit geringerer Bestimmtheit,1 und auch Prof. Bottazzi, der namhafte Physiologe, sah bei späterer Gelegenheit einen solchen Arm 'sich gleichsam in Mme Palladinos Körper zurückziehn'.6 - Dr. Ochorowicz endlich berichtet, daß in einer Sitzung am 9. Jan. 1894 in Warschau Eusapia in Trans unter dem Einfluß der Suggestion ihm greifbar den Vorgang ihrer Handspaltung vorgeführt habe. 'Ich hielt ihre linke Hand von den Fingern bis zum Ellbogen und fühlte, wie eben diese linke Hand sich verdoppelte, unter Schmerzerscheinungen materialisierte und von der andern Seite her sich um meine eigene Hand legte. Die Rechte Eusapias hielt Hr. Swiencicki in bedeutender Entfernung.'6 Hat es hier nicht wirklich den Anschein, als würde ein 'feinstoffliches' Glied, ein 'ätherisches' oder 'astrales Duplikat' des fleischlichen, aus dem entsprechenden Körperteil des Mediums soz. einfach 1) APS VI lOOf. 2) Das. 422; Lombroso88. 3) ASP 1910 312. 4) Rochas, Motr. 115. 5) APS VI 413. 6) PS XXI100. Vgl. noch Hellenbach, Geburt 80; Henslow 123 (nach Prof. Larkin). Die Theorie des 'feineren' oder 'fluidalen' Leibes 195 herausgedreht, um eine Handlung zu verrichten, die der überwachte, also 'verhinderte' fleischliche Arm des Mediums nicht verrichten kann? - Dieser Anschein wird noch verstärkt durch die gelegentliche (schon oben angedeutete) Feststellung, daß zwischen dem normalen und dem entsprechenden 'exteriorisierten' Gliede eine bis ins kleinste gehende anatomische Übereinstimmung besteht. Hr. v. Siemiradski, der im Frühling 1894 an einer Reihe von Palladino- Sitzungen teilnahm, denen u. a. die Professoren Lombroso, Richet, Danilewski, Dr. Dobrzycki (Schriftleiter der Warschauer 'Med. Ztg.') und Dr. v. Schrenck-Notzing beiwohnten, berichtet von einem Abdruck, den Eusapias 'fluidische Hand' auf einem mit Ruß geschwärzten Teller (auf dem Sitzungstisch) erzeugte. Von allen Händen der Anwesenden, einschließlich Eusapia, zeigte keine einzige irgendwelche Rußspuren. Als Eusapia später auf normale Weise einen ähnlichen Abdruck erzeugte, erwies ein Vergleich der beiden Abdrücke 'eine schlagende Ähnlichkeit oder, richtiger gesagt, die Identität in der Anordnung der Hautlinien'.1 Eine verwandte Beobachtung bezüglich eines fluidischen Fußes bei Eglinton wird aus einer Sitzung mit diesem berichtet, an der u. a. Dr. Carter Blake, St.-G. Stock, M. A., und Ingenieur G. FitzGerald teilnahmen. Hier wurden, nach dem Bericht des letzteren, vermittelst des früher beschriebenen Verfahrens u. a. zwei identische Paraffinabgüsse eines rechten Fußes erzielt, die sich bei Untersuchung durch Dr. Blake als 'der Gestalt nach genaue Gießformen von Mr. Eglintons Fuß erwiesen.' Dabei waren E.s Füße und Hände zusammen- und dann an seinen Stuhl gebunden, und diese Bande wurden nach der Sitzung unversehrt vorgefunden und mußten zerschnitten werden, da das Lösen der Knoten sich als 'unmöglich' erwies. Nach der Fesselung der Füße wurde der rechte derselben so weit vorgestreckt, daß der Gummizugstiefel während der ganzen Sitzung - bis auf wenige Sekunden ^ununterbrochen' - von mehreren Anwesenden im Auge behalten werden konnte. Nur einmal zeigte er eine 'leichte Bewegung', als wäre das Medium von Krämpfen befallen, - bei Eglinton nichts Seltenes, wie wir wissen. Nach dem Urteil der Anwesenden war eine Entfernung des Fußes aus Stiefel und Wollsocken durch das Medium bei der Art seiner Fesselung ohne Entdeckung 'ganz unmöglich'. 2 Immerhin macht man bei allem über Eglinton Berichteten gewisse Vorbehalte. Anschließend möchte ich noch auf Mitteilungen des Arztes E., des 'angesehenen und geachteten Leiters eines bekannten heilpädagogischen Instituts im Rheinland', verweisen, für deren Glaubwürdigkeit sich der frühverstorbene Zoologe der Münchner Technischen Hochschule, Prof. Karl Gruber, einsetzt. E. beobachtete 'teleplastische' Bildungen bei nervös Erkrankten. Als eine von diesen, eine schwer leidende Frau (man vermutet eine Hysterische, was für die Zusammenstellung mit Medien nicht bedeutungslos wäre) dem 1) Rochas, Motr. 135. 2) Aus Sp 1876 206f. bei Aksakow 207ff. Die Beobachtung kann nicht als erstrangig gelten. - Vgl. Harrison in Sp 1876 I 298 (Aksakow 609). 13* 196 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Arzt ihre Zunge zeigen sollte, bot sich diesem folgender seltsamer Anblick: 'Über ihr erhob sich sozusagen eine zweite Zunge, nicht ganz so lang und breit, wie die richtige Zunge, dieser aber doch ähnlich. Die Farbe spielte zwischen Weiß und Grau. Die Dicke war etwa 1/3 cm, an den Rändern weniger. Das Gebilde hob und senkte sich 1/2-1 cm über der Zunge, je nach dem Ein- und Ausatmen der Kranken.' Je mehr es dem Arzt gelang, die Kranke zu beruhigen, desto mehr 'nahm auch das Gebilde an Umfang und Dicke ab, blieb aber am Nachmittag noch deutlich sichtbar.' Es verschwand allmählich am Tage darauf. - Das gleiche will E. noch an zwei andern weiblichen Kranken beobachtet haben, von denen die eine sich selbst als Medium bezeichnete.1 - Man fragt sich auch hier, ob es sich etwa um eine 'Herausspaltung' des feinstofflichen Zungen-'Duplikats' gehandelt haben könne. Hätten wir aber so erst ein Glied des Mediums in seiner fluidischen Doppelgestalt nach außen versetzt vor uns, so wäre der Schritt bis zur Hinausverlegung des ganzen Astralleibs eigentlich nicht größer als ehedem der Schritt von einem Teilphantom zu einem Vollphantom überhaupt. An Berichten über ein solches Grenzphänomen fehlt es in der Tat auch nicht. Die mir verfügbaren sind allerdings von größter Fragwürdigkeit; und wenn ich sie gleichwohl anführe, so tue ich es nur, um nichts zu übergehen, was einer animistischen Deutung von Phantomen zu gute kommen könnte. Bei einer Dunkelsitzung der Brüder Davenport will man, als plötzlich ein Streichholz entzündet wurde, das sitzende Medium, mit den Händen an seinen Stuhl gebunden, und zugleich den vollkommenen Doppelgänger seines Körpers in dessen Bekleidung in den Körper des Mediums hinein verschwinden gesehn haben. Dies habe sich mehrfach ereignet, und bei einer Gelegenheit, bei der zunächst sogar der Vater des Mediums einen Betrug seines Sohnes festgestellt zu haben glaubte, versicherten 'nicht weniger als 20 Personen feierlich, daß sie nicht nur deutlich die Gestalt am Tische - den Doppelgänger oder das Phantom des Ira Davenport - erblickt, sondern auch den nach ihrer Annahme aus Fleisch und Blut bestehenden Knaben zu g l e i c h e r Zeit ruhig in seinem Stuhl hätten sitzen sehn. Das Phantom war zum Knaben hingeglitten, hatte ihn aber sichtbar garnicht erreicht; denn es schwand in einer Entfernung von etwa 6' von dem Ort, wo der Knabe saß, ins Unsichtbare dahin.' - Der Rev. Ferguson selbst, der die Davenports in England einführte und genau studierte, bezeugt, daß er bei zwei Gelegenheiten die volle Gestalt des Ira Davenport in einer Entfernung von 2-5' von dem am Stuhl gefesselten Medium gesehen habe.2 Endlich bezeugt Brackett, er habe unter hunderten von materialisierten Gestalten auch solche gesehen, 'welche Doppelgänger des Mediums zu sein schienen und ihm so völlig ähnlich sahen, daß ich geschworen hätte, es sei 1) Gruber in PS 1924 654. 2) Ferguson 109; Sp 1873 154. 170. Die Davenports gelten heute meist als indizienmäßig überführte Betrüger; vgl. Podmore II 55H. Vgl. üb. andre Medien: Sp 1876 I 205; 1879 1133; Lt 1884 351. Die Theorie des 'feineren' oder 'fluidalen' Leibes 197 da9 Medium selbst, wenn ich nicht ihre Dematerialisierung gesehen oder von der Gestalt ins Kabinett geführt worden wäre, wo ich das Medium in Trans vorfand.'1 Was hier noch fehlt, nämlich die unmittelbare Beobachtung des Hervorgehens der Vollgestalt aus dem Medium selbst, das wird z.B. im Falle der Mrs. d'Espérance behauptet, wenn auch in einem Bericht und von Zeugen, die mir nicht das gleiche Vertrauen einflößen wie andre in den Urkunden dieses bedeutenden Mediums. Danach wollen die Herren A. Weinholtz und R. Rahn gesehen haben, wie eine ganze Gestalt 'aus [dem sitzenden Medium] heraus' sich erhoben habe, das doch 'auf seinem Stuhle regungslos sitzen' blieb, während sein Doppelgänger (dies wäre u.U. sehr beachtenswert) sich in eine weißliche Lichtsäule hineinbegab, die sich 'ungefähr zwei Schritte vor dem Medium' gebildet hatte, worauf er sich alsbald wie eine Lebende zu benehmen vermochte.2 Ich brauche kaum zu bemerken, daß alles dies an einen andern, hundertfach behaupteten Tatbestand natürlichsten Anschluß hat: nämlich den des sog. Doppelgängers Lebender, sofern auch diesem objektive Leistungen und damit das Merkmal einer gewissen Stofflichkeit zugeschrieben werden. Wir haben diesen Tatbestand in früherem Zusammenhang ausgiebig kennen gelernt,3 und ich muß den Leser nachdrücklich dorthin verweisen. - Von einer andren, gleichfalls schon berührten Tatsachenreihe könnte man bezweifeln, ob sie in diesem Zusammenhang Erwähnung fordre: ich meine jene seltsamen 'Exteriorisierungen' vollständiger Doppelgänger, welche französische Forscher, vor allem Rochas und Durville, durch 'magnetische Striche' bei manchen Personen erzielt haben wollen. Hier ist es die sonderbare Art der Entstehung, was den Vergleich mit den eben berührten Tatsachen fraglich macht. Nach Durville z. B. soll die Absonderung dieser doubles einsetzen in Gestalt von zwei unbestimmt geformten, 'hin- und herschwankenden Säulen' - colonnes flottantes - zu beiden Seiten des Körpers, die sich erst nachträglich an der Stelle der einen von ihnen vereinigen sollen, zunächst in Form einer 'unbestimmten dampfigen Masse', die dann aber schrumpfe und schließlich die völlig menschliche Form eines genauen Doppelgängers der Versuchsperson annehme. Diese angeblichen Abweichungen der Entstehung von derjenigen der Medien-Doppelgänger sind möglicherweise nicht allzu ernst zu nehmen; denn Durvilles Angaben beruhen anscheinend wesentlich auf den Aussagen der somnambulen Subjekte selbst, von deren Befähigung zu gültiger Beobachtung wir 1) Brackett 82. 2) Ü W I llf. 3) o. II 36311. 198 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung natürlich garnichts wissen. Jenen Abweichungen stehen andre Angaben gegenüber, die diese Bildungen eher mit der früher beschriebenen Phantomerzeugung aus Wölkungen, die das Medium verlassen, zu vergleichen gestatten. So sollen z. B. zu jener 'magnetischen' Doppelgängerbildung - Ausströmungen beitragen, die das Subjekt an vielen Teilen seines Körpers empfindet, und zwar unangenehm, ja schmerzlich empfindet; das allmählich auch seelisch immer selbständiger werdende Phantom, das angeblich physische Wirkungen ausüben kann und sich in Spiegeln reflektieren soll, steht mit dem Subjekt durch eine 'fluidische Schnur' in Verbindung, die hüben wie drüben an den uns schon bekannten Ansatzstellen mündet - Nabel-, Milzgegend oder dergl. - und als Verbindungsweg für Stoff- und Empfindungsübertragung dient; was wieder an die Übertragung von Reizungen des Phantoms auf das Medium erinnert. Es ist denn auch bemerkenswert, daß uns berichtet wird, die Versuchsperson könne während solcher Verdoppelung durch die eigenen Sinneswerkzeuge überhaupt keine Empfindungen aufnehmen, sondern nur durch Reizung des Phantoms (weshalb ja hier von 'Exteriorisation der Empfindung' gesprochen wird), und man habe in seiner Nähe den Eindruck der 'Kälte' oder eines 'kühlen Hauches', - ein typisches Merkmal vieler Phantome, wie wir bereits wissen.1 Ich will die Frage der Verläßlichkeit dieser und verwandter Beobachtungen, wie auch die Frage der völligen Einheitlichkeit aller vorgetragenen Tatsachen der Verdoppelung garnicht auf werfen; ich will vielmehr beides voraussetzen, da es offenbar geeignet ist, die Stellung des Animisten unsrem Problem gegenüber zu stärken. Ich will also annehmen, daß {die jene Tatsachen wirklich beweisen, daß durch Hinausversetzung von etwas, was restlos dem Medium entstammt, Phantome oder Phantomteile verwirklicht werden können, und daraufhin nunmehr die Frage wiederholen, ob hiermit eine Deutung von Materialisationen durch 'Exteriorisierung des feineren Leibes des Mediums' bewiesen sei. Die Antwort, die sich mir nach unvoreingenommener Überlegung aufdrängt, besteht in einem 'Ja, vielleicht', doch mit der gleich hinzugefügten Einschränkung: daß damit sicherlich nicht die Gesamtheit der Tatsachen erfaßt sei. Dieses 'Vielleicht' aber hat ein doppeltes Gesicht. Nach der einen Seite hin will es betonen, daß wir bei unserer 'abgrundtiefen Unwissenheit' in diesen Dingen uns hüten müssen, eine Möglichkeit vorschnell beiseite zu schieben, die auch nur das Mindeste 1) Rochas, Seil". 5211.; Durrfile in AOP 1908 291 ff. Vgl. Lombroso 291 (Eusapia); ÜW IV 204. Ganz ähnliche Angaben machte Comilller" in diesen Dingen angeblich ganz unwissendes kleines Medium Reine: Cornillier 10. 20. 24. Die Theorie des 'feineren' oder 'fluidalen' Leibes 199 zu ihren Gunsten {inführen kann. Nach der andren Seite hin aber soll es verhindern, daß solche Unwissenheit uns verführe, gewisse Schwierigkeiten der bezeichneten Auffassung zu übersehn. Es liegt doch z. B. nahe zu vermuten, daß (wie schon einmal angedeutet) die Hinausverlegung eines Astralkörpers - im Ganzen oder in Teilen - nur möglich wäre bei gleichzeitiger Stillegung der normalen Körperlichkeit zum mindesten in den Grenzen jener Hinausverlegung. Gehört ein 'fluidisches Gegenstück' zu unsrem Lebenshaushalt, so kann man sich schwerlich eine Herausnahme desselben aus dem Getriebe denken ohne starke Beeinträchtigung, wenn nicht gar Stockimg der Lebensverrichtungen. Nun ist ja solche Stockung oft genug anscheinend gegeben: während Eusapias 'dritter' Arm sich betätigt, liegt der entsprechende fleischliche, vermutlich reglos, auf dem Sitzungstisch; und während des Auftretens wie vieler Phantome nicht liegt das Medium in der tiefen Betäubung des Trans! Aber auch wenn wir das als genügend betrachten dürfen (also nicht etwa sofortigen Tod zu erwarten brauchen) : ich bin nicht sicher, daß das Medium in allen betrachteten Fällen auch nur im Trans war. Mrs. d'Espérance scheint während außerordentlichster Materialisationen so häufig in anscheinend normalem Zustand gewesen zu sein,1 daß wir es auch im oben erwähnten Fall vermuten möchten. Zum mindesten wäre, falls die erwähnte Schwierigkeit zu Recht besteht, schon damit allein bewiesen, daß nur ein Bruchteil aller Materialisationen auf Hinausversetzung eines feineren Leibes des Mediums beruht; denn daß manche Medien während des Auftretens von Phantomen wach sind, reden und mitbeobachten, ist uns bereits bekannt und wird aus weiteren Beispielen noch erhellen. Auch eine andere Schwierigkeit kann gegen die hier fragliche Theorie des Phantoms nur geltend gemacht werden, falls eben mehr als ein Bruchteil solcher Erscheinungen durch sie gedeutet werden soll. Ich bringe diese Schwierigkeit gleichwohl zur Sprache, denn es ist gegen sie ein Begriff ins Feld geführt worden, der, falls gültig, die Geltungsgrenzen jener Theorie beträchtlich erweitern würde. - Man darf natürlich erwarten, daß der hinausversetzte Fluidalkörper seinem fleischlichen Bruder ähneln, nein mehr: ihm völlig gleichen werde; und in den angeführten Fällen wurde dies ausdrücklich betont; ja es wurde fast durchweg erst aus dieser schlagenden Ähnlichkeit geschlossen, daß es sich um den hinausversetzten 'Fluidal' des Mediums handle. Nun braucht ja nicht erst betont zu werden - was schon oft belegt ist und sich immer wieder bestätigen wird -, daß auch nur leidliche Ähnlichkeit zwischen Phantom und Medium durchaus eine 1) d'Espérance 336; ÜW I 9. 12; Eus. Palladino: APS VI 165; PS XXVIII 628. 200 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Ausnahme ist. Vorausgesetzt also, daß fleischlicher und fluidaler Leib sich durchaus gleichen, wäre damit unsere Theorie für die Mehrheit aller Phantome widerlegt. Das Denkmittel, womit der Vertreter der Astralleib-Theorie gleichwohl ihren Geltungsbereich zu erweitern sucht, ist merkwürdig genug und außerdem geeignet, zwischen ihr und ihrer Gegnerin: der ideoplastischen, eime überraschende Brücke zu schlagen. Man schreibt nämlich dem Medium, bzw. dessen schöpferischer Transpersönlichkeit, die Fähigkeit zu, das Aussehen des hinausversetzten Fluidalleibs durch Wunschvorstellungen zu verändern und damit jede bezweckte 'Ähnlichkeit' zu verwirklichen.1 Allan Kardec, der Vater des französischen Spiritismus, scheint es gewesen zu sein,2 der diesen Begriff der 'Transfiguration' zuerst aufstellte, wenn auch in etwas anderer Anwendung: er beschreibt nämlich Beobachtungen, nach denen gewisse Personen zu Zeiten die Gabe offenbaren, vollständig das Aussehen Anderer, und zwar anscheinend stets von Verstorbenen(!), anzunehmen. So berichtet er (u. a. nach dem Zeugnis eines Arztes) von einem 15jährigen Mädchen in der Umgebung von St. Etienne, an der sich in den Jahren 1858/9, 'hunderte von Malen' und ohne ihren eigenen Willen, Gesicht, Blick, Stimme und Aussprache so veränderten, daß man jeweils einen bestimmten Toten vor sich zu haben glaubte. 'Die Illusion war vollkommen.' Wenn sie ihren verstorbenen Bruder darstellte, soll sich sogar ihr Gewicht beinahe verdoppelt haben! - Kardec unterscheidet durchaus zwischen solcher echten Transfiguration und einer bloßen Veränderung der Züge durch Muskelwirkungen; diese könnten das Gesicht wohl von wechselndem Alter, häßlicher oder schöner erscheinen lassen; aber eine Frau bliebe da doch immer eine Frau. Die echte Transfiguration dagegen komme durch eine wirkliche Umbildung des hinausversetzten Fluidals, des 'Perisprit', zustande: die Verdichtung desselben mache das fleischliche Gesicht ganz unwahrnehmbar, es bilde sich vor diesem soz. eine perispritale Maske, die einen Toten darstellen könne, falls eben ein Geist 'sein eigenes Fluidum mit jenem vermische'.3 Dr. J. Maxwell, ein besserer Gewährsmann als Kardec, erhielt einen verwandten Bericht von einem offenbar gut gebildeten Verwaltungsbeamten. Dieser saß eines Tages seinem 90jährigen, im Lehnstuhl schlummernden Vater gegenüber, als er bemerkte, 'daß dessen Gesicht allmählich ein ihm fremdes Aussehen annahm. Ich stellte schließlich fest, daß sein Gesicht in erstaunlichem Grade dem meiner [3 Jahre zuvor verstorbenen] Mutter glich. Es war wie eine über sein Gesicht gebreitete Maske derselben. Mein Vater hatte seit langem keine Augenbrauen mehr, und doch bemerkte ich jetzt über seinen geschlossenen Augen die sehr ausgeprägten schwarzen Brauen, die meine Mutter sich bis in ihre letzten Tage bewahrt hatte. Augenlider. Nase und Mund waren die meiner Mutter.. . Die Erscheinung dauerte etwa 1) Delanne II 312. 2) Tischner, Gesch. 57; Delanne II 313. 3) Kardec 1051. Die Theorie des 'feineren' oder 'fluidalen' Leibes 201 10-12 Minuten, dann schwand sie nach und nach dahin, und mein Vater nahm sein gewohntes Aussehn wieder an.' Nach dem Erwachen gefragt, ob er von seiner Frau geträumt habe, verneinte er dies. Der Erzähler fügt hinzu, daß er selbst an eine Sinnestäuschung geglaubt hätte, wenn nicht die 31jährige Bediente seines Vaters während der Erscheinung das Zimmer betreten und das gleiche gesehen hätte. Er hatte zu ihr nur gesagt: 'Jeanne, sehen Sie doch den Herrn schlafen', worauf sie nähertretend ausgerufen habe: 'O, wie er der armen gnädigen Frau gleicht! Das ist ja ganz außerordentlich.' 1 Aksakow bringt einen Eigenbericht des Chicagoer Mediums Mrs. Crocker, an der - bei Kaminfeuer und Mondlicht! - mehrere Sitzungsteilnehmer in gleicher Weise eine völlige Veränderung des Gesichts nach Größe, Form und Ausdruck wahrgenommen hätten: selbst ein 'dichter schwarzer Bart' sei erschienen, und ihr Schwiegersohn habe ausgerufen: 'Aber das ist mein Vater!' Bald danach, während die Anwesenden ihr Gesicht im Auge behielten, habe dieses die Züge 'einer alten Frau in weißen Haaren' angenommen; sie selbst sei währenddessen bei vollem Bewußtsein gewesen, habe aber die starke Empfindung eines Prickeins am ganzen Körper gehabt!2 Endlich sei folgender Bericht des Dr. E. F. Bowers kurz zusammengefaßt: B.s kürzlich verstorbener Schwager hatte eine Grundschuldforderung ausbezahlt, die der Gläubiger aber jetzt nochmals geltend machte, während die Empfangsbescheinigung Ober die Auszahlung von der Witwe vergeblich gesucht wurde. Während einer Mahlzeit mit seiner Gattin (der Schwester des Verstorbenen') und der sehr medial veranlagten Mrs. Vanderbilt Pepper wurde diese 'von dem leichten Schauder ergriffen, der ihrem Eintritt in den Trans vorherzugehen pflegte. Das Aussehn ihres Gesichts veränderte sich in verblüffender Weise, denn es nahm die Züge des verstorbenen Bruders meiner Frau an. Mit einer Stimme, die der des letzteren fast völlig glich, sprach Mrs. Pepper. Der Inhalt ihrer Kundgebung war, daß der Verstorbene sich [auf mancherlei zartfühlende und sehr persönliche Art identifizierte und eine Vertrautheit mit allen Angelegenheiten der Familie bewies, die kein Lebender denkbarerweise hätte besitzen können. Zugleich] versicherte er seiner Schwester, daß die auf ihrem alten Heim in Pittsburg ruhende Hypothek ausgezahlt worden sei. Die erledigte Urkunde wurde in dem oberen rechten Schubfach eines altmodischen Schreibbüros gefunden werden, das in der Eingangshalle des Hauses stand. Besonderer Nachdruck wurde darauf gelegt, daß zwar in eben diesem Schubfach nachgesucht, daß aber ein [Geheim] verschlag am Ende des Schubfachs übersehen worden sei, worin die Urkunde nebst einer Reihe andrer wichtiger Papiere gefunden werden würde.' Ein sofortiger Fernanruf der alten Haushälterin in dem Pittsburger Heim führte zu deren umgehender erregter Meldung, 'daß sie den erledigten Grundschuldbrief gefunden habe... Keine lebende Seele wußte, wo der Verstorbene vor seinem Tode diese Urkunde versteckt hatte... Die Botschaft des Geistes ersparte der Familie große geldliche Verlegenheiten.'3 1) ASP 1906 35. Vgl. APS II 379 H.; Holms 391 j Wyld 49; Underwood 35 f. 2) Au" Sp 1875 (17. Sept.) bei Aksakow, Cas 211. 3) Bowers 2311. 202 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Dieser Art sind die beobachteten Tatsachen der Transfiguration. Wie man sieht, bieten sie uns nur eine e r s t e Stufe dessen, was man voraussetzen müßte, falls mim Vollphantome von durchaus eigenartiger Erscheinung als Transfigurationen des Mediums deuten wollte. Darüber hinaus aber muß man sagen, daß die vorgebrachten Tatsachen ja nicht einmal soviel beweisen, als sie beweisen sollen: nämlich eine plastische Veränderung des halbwegs hinausversetzten 'fluidalen Gesichts' der betreffenden Personen; es könnte sich ebensogut um die bildnerische Behandlung eines ihnen entnommenen bloßen 'Stoffes' handeln (dessen Entweichen das gelegentlich bezeugte Prickeln andeuten würde). So betrachtet aber schwebt der ganze Gedanke einer Modelung des Fluidalkörpers des Mediums völlig in der Luft. Er erweist sich als eine Annahme, zu deren Gunsten eindeutige Tatsachen einstweilen noch nicht aufgewiesen sind. Ihre Erwägung hat uns nun aber vor die einzige Theorie des Phantoms geführt, die, soweit ich sehe, auf animistiechem Boden neben der des 'Fluidals' noch in Frage kommt: die Theorie der Ideoplastie. Und deren Grenzen sind einstweilen noch garnicht abzusehen. Hat doch ein feinsinniger Vertreter unseres Faches, der verstorbene Eberhard Buchner, sogar die Möglichkeit in die Erörterung werfen können, daß auch die Durvilleschen doubles nur Versuche der ideoplastischen Darstellung des eigenen Körpers des Subjekts in fluklalem Stoffe seien. Und er hat dann weiter selbst die von Schrenck-Notzing beschriebenen teleplastischen Gebilde mit jenen doubles zu vergleichen gesucht. Beide erwüchsen aus 'Emanationen', sogar an den gleichen Körperteilen; beide ständen durch ein 'Band' oder durch 'Fäden' mit dem Leibe des Mediums in Verbindung; beide seien für Berührungen empfindlich. Freilich erscheine der exteriorisierte Fluidal nachgerade als denkendes und handelndes Wesen. Aber wenn schon die Empfindung hinausversetzt werden könne, 'warum sollte dieser Spaltungsvorgang nicht noch weiter getrieben werden können, bis zur Übertragung des Ichgefühls an das teleplastische Gebilde?' Allerdings erscheint Buchner selbst diese Vergleichung schließlich 'nicht recht überzeugend', und er entscheidet sich, wennschon zögernd, für eine Theorie des feinstofflichen Leibes, die sogar in Durvilles Tatsachen 'eine auf medialem Wege zustande kommende Herausstellung tiefer innerer . . . Wesenheiten' sehen würde.1 Aber Andre gehen entschlossner den Weg, auf dem er wieder umkehrt, und die Erwägung der ideoplastischen Theorie selbst in ihren verwegensten Formen bleibt uns keinesfalls erspart. 1) Büchner 318f. Die ideoplastische Theorie der Materialisation 203 10. Die ideoplastische Theorie der Materialisation Es ist klar, daß wir damit nicht einen Schritt vom Schwierigeren zum Leichteren tun. Hier liegt ja der Ausgangspunkt der Materialisation nicht in etwas schon körperlich Geformtem, das lediglich ideoplastisch zu modeln wäre, sondern voraussetzungsgemäB in etwas bloß Stofflichem (wenn auch vielleicht 'Lebendig-Stofflichem'), das ganz von Grund aus erst zu gestalten ist. - Der neue Schritt bereitet mir aber noch eine andre Schwierigkeit. Denn die Tatsachen, auf die sich die ideoplastische Theorie weitaus am einleuchtendsten berufen könnte, gehören meiner Meinung nach größtenteils zu den erst schlecht gesicherten, die ich denn auch von allen bisherigen Erörterungen ausgeschlossen habe, - gleich den Medien, an denen sie beobachtet wurden. Ich denke an jene einfacheren Formen materialisierter Gebilde, wie sie namentlich aus Veröffentlichungen v. Schrenck-Notzings, Grubers u. a. bekannt sind. Von den betreffenden Medien - Eva Carriere, Kathleen Goligher, Nielsen, Linda Gazerra, Laszlo, den Brüdern Schneider u. a. - scheinen mir die meisten heute endgültig entlarvt und erledigt zu sein und hauptsächlich die beiden Schneider Aussicht auf schließliche allgemeine Anerkennung zu haben. Es ist denn auch nur aus Entgegenkommen gegen diejenigen, die meine angedeutete Stellungnahme für übertrieben halten, anderseits weil die ideoplastische Theorie der spiritistischen Auffassung von Phantomen Schwierigkeiten bereitet, daß ich jene angeblichen Tatsachen hier unter stärkstem Vorbehalt in meinen Gedankengang einbeziehe. In diesem Sinn also sage ich: daß jenen einfachsten Formen materialisierter Gebilde gegenüber der Gedanke an Exteriorisierung fertiger fluidaler Körperteile gar nicht aufkommen kann. Die in 'gasförmigem', mehr flüssigem oder mehr festem Zustande austretende •"Primordialsubstanz', der graue oder weiße Nebel, Rauch, Wolke, die teigige, schaumige, flockige Masse des 'Teleplasma', die ins "Wirkungsfeld' strömende 'Emanation' oder das in Gestalt von Flecken, Knoten, Kolben, Fäden, Strängen, Geweben, Schleiern und was sonst den Leib des Mediums verlassende Ektoplasma - sie alle hätten, obgleich schon in sich beweglich, die entscheidende Entwicklung erst vor sich, die aus ihnen die mannigfachen, z.T. phantastischen Gebilde entstehen läßt, von denen angeblich ein großer Teil der telekinetischen Leistungen aufgebracht wird. Erst sollen es bloße 'Ausläufer', 'Hervorwüchse' wunderlicher Form sein, 'Pseudopodien', wie man sie zuweilen genannt hat; dann werden es 'handartige Greiforgane', aber 'ganz flach' und in wechselndem Maß von Stelle zu Stelle verdichtet; oder 204 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung 'Stümpfe', gegabelte "Klauen', 'pfötchenartige Erzeugnisse' u. dgl. m. über mannigfaltige Zwischenstufen sollen diese mehr willkürlich und dürftig gestalteten Gebilde in wohlgeformte Hände mit Nägeln, nach anderer Richtung hin in deutlich erkennbare Köpfe Übergehn.1 Zuweilen will man das Hervorgehen wohlgeformter Gliedmaßen unmittelbar aus der 'Primordialsubstanz' beobachtet haben. Hier ein Beispiel: 'Während das Medium', schreibt v. Schrenck-Notzing, (nämlich Eva C.) 'beide Vorhangflügel mit den Händen umklammerte, entstand zwischen ihren Füßen vor uns ein weißer Fleck, und aus demselben wuchs mit der Richtung nach oben eine weiße Rauchsäule, an deren Spitze sich eine deutlich erkennbare Hand formte, die bis zu den Knien Evas emporstieg und dann verschwand.' 2 Ähnlich aber entstehen auch Köpfe und Gesichter. 'Ich habe', schreibt Dr. Geley, 'in gewissen Fällen ein Gesicht oder eine Hand flach erscheinen und dann unter meinen Augen die drei Dimensionen annehmen sehen.' Oder: 'Auf den Knien des Mediums erscheint ein weißer Fleck, der sehr schnell eine runde, unregelmäßige Masse bildet. Vor unsern Augen öffnete sich die Masse und sonderte sich in zwei durch ein Band von Stoff verbundene Teile; aus dem einen kam das Gesicht einer Frau mit bewundernswert geformten Zügen zum Vorschein. Besonders die Augen hatten den Ausdruck vollen Lebens. Nach einigen Augenblicken verwischte sich das Ding, wurde allmählich unsichtbar und verschwand.'3 Wieder einige Schritte abwärts, wenn man will, haben wir jene 'larvenhaften' Hände, Arme und Köpfe, 'schlecht geformt' oder absonderlich im Umriß; Köpfe, die gleichwohl allen hörbar 'küssen' können;1 Köpfe, die fast nur noch 'konvexen Gebilden auf langen Hälsen', 'dunklen, ausgefransten Stümpfen' oder dem 'oberen Ende eines großen Cellos' gleichen;5 schließlich 'unbestimmte weißliche Formen im Kabinett', - 'undefinierbare Larven', deren kurze Dauer lind verschwommene Umrisse nicht erlauben, ihre Gestalt zu erkennen.6 Und alles, dies läßt sich wiederum photographieren, im gewöhnlichen Verfahren, oder neuerdings unter Verwendung infraroter Strahlen zur Bildung soz. von Schattenrissen.7 Bezüglich dieser unvollkommenen Materialisationen nun soll nach dem Urteil mancher Forscher eine Abhängigkeit der Gestaltung von Leitvorstellungen ('Autosuggestionen') des Mediums feststehen, - oder, was ja auf dasselbe herauskommt: von Suggestionen der Sitzungsteilnehmer. 8 Schrenck-Notzing z.B. erzählte vor dem Beginn einer Sitzung dem Medium Willy Schneider von der Bildung 'medialer Kraft- 1) Nach Gruber, Okkult. 84ff.; Schrenck, Mat. 504H. 81. 89. 101. 113; Richet 408. 415. 2) Schrenck, Mat. 112. Abb. 26. 3) bei Lambert 125. 4) Carrfngton 176. 5) MorselU II 425f.; Pr XXIII 445f. 6) MorseUi I 402. 7) Über letzteres Verfahren: Pr XLI 891T. 8) z. B. Schrenck, Mat. 85. 94. Die ideoplastische Theorie der Materialisation 205 linien' bei andern Versuchspersonen, worauf Willy in der Sitzung selbst zum erstenmal schnurartige Materialisationen hervorbrachte.1 Auch das wahrnehmbare Verhalten des Mediums soll mitunter auf diese Seite seiner Leistung hinweisen. 'Es fiel mir auf,' schreibt z.B. Gruber,2 'daß Willy Schneider in der Periode der Sitzung, in der es zu Materialisationen von fester Konsistenz kommt, regelmäßig mit den Händen formende oder knetende Bewegungen macht, als habe er eine Masse vor sich, aus der er das gewünschte Materialisationsgebilde gestaltet.' Wennschon wir uns hier an die früher besprochne 'motorische Synchronie' zwischen Medium und Phantom erinnert fühlen, so b r a u c h e n wir in solchen Bewegungen doch schließlich nicht mehr zu erblicken, als den unwillkürlichen Ausdruck eines vorstellungsgetriebenen, also ideoplastischen Schaffens. Ja das Medium deutet oft genug seinen besonderen Schaffenswunsch nicht nur durch Gebärden an, sondern spricht ihn auch eindeutig aus (gleichgültig ob im Anschluß an eine ihm gegebene Anregung oder völlig aus sich): wie wenn die Transpersönlichkeit z. B. erklärt: 'Ich versuche nun eine Hand zu materialisieren', oder: 'Es gelingt mir heute nur, einen Stumpf oder zwei Finger zu bilden.'3 Wollten und könnten wir uns nun aber auch theoretisch zur Ruhe setzen in diesem Bereich animistischer Ideoplastik, so würde uns bald die Frage aufscheuchen: wie weit wir diesen Begriff denn auszudehnen gedenken. Soll er das Ganze der Materialisationserscheinungen umgreifen? Wir kennen bereits ihre äußersten Grenzen aus mancherlei Beispielen. Sollen also - sagen wir - auch Phantome von der Art der TCatie King' als zeitweilige Gedankenschöpfungen des Mediums aufgefaßt werden, - Phantome also, die eine vollständige anatomische Ausbildung nebst ihren Funktionen erkennen lassen, die überdies - vergessen wir das nicht! - in jeder Hinsicht als s e e l i s c h geschlossene und selbständige Wesen vor uns stehen? Ihr Abstand von allem soeben Aufgezählten ist offenbar ein gewaltiger, sowohl was körperliche Ausbildung anlangt, wie auch hinsichtlich der bewiesenen Belebung. 'Ektoplastische' Gliedgebilde sollen einem Willen gehorchen; aber diesen könnten wir doch mühelos als den unterbewußten des Mediums begreifen. Medien der ideoplastischen Leistung einfacher Art sollen mehrfach a u c h Vollphantome dargeboten haben, und dies zeitlichpersönliche Beisammen könnte ja zur Annahme eines auch wesentl i c h e n Zusammenhangs beider Arten verlocken. Aber zwingend wäre diese Folgerung offenbar nicht. Warum sollte eben jene Veranlagung, 1) bei Lambert 135. Vgl. noch Blacher 31 Anm.; ZmpF 1932 86 (nach David-Neal). Du Prel (Tod 77) erinnert treflend an das 'Versehen' der Schwangeren. 2) Okkult. 88. 3) Gruber, Erk. 257. 206 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung welche die ideoplastische Formung einer "Emanation' gestattet, nicht auch die leichtere Hinausversetzung fluidaler Körperteile oder selbst des ganzen 'Fluilclalls, begünstigen? Ja warum schließlich nicht selbst die Sichtbarmachung des Fluidals eines Abgeschiedenen? Oder gar seine ideoplastische Darstellung unter seiner eigenen Leitung?1 Alle diese denkbaren Vorgänge, möchte man annehmen, gehören einem metaphysiologischen Grundbereich an, und ihr gemeinsames Vorkommen bei einem Medium, ja in einer Sitzung würde noch keineswegs ihre theoretische Gleichsetzung fordern. Eusapias Vollphantome werden uns noch zu äußersten Fragestellungen zwingen, - und doch erzeugte auch sie ganz schlichte ideoplastische Gebilde.' Je mehr uns aber die Möglichkeit aufgeht, daß Materialisationen sehr verschiedenen Ursprungs und Wesens bei einem Medium, ja zu gleicher Zeit auftreten, desto fragwürdiger wird der Versuch, auch die anatomisch durchgebildeten und persönlich-lebendigen Vollphantome unter den Begriff der Ideoplastie zu zwingen. Gewiß müßten uns schon einfache Formen der Ideoplastik an Gedanken gewöhnen, bei denen dem Gelehrten älterer Schulung soz. der Verstand aus den Fugen zu gehen droht; aber auch dem Wagemutigen mag es als eine verzweifelte Zumutung erscheinen, ein vom lebenden Menschen nicht mehr unterscheidbares Phantom durch die 'magische Imagination' eines Mediums in wenigen Augenblicken ins Dasein treten zu lassen, - wenn nicht aus dem Nichts, so doch aus völlig ungestaltetem Rohstoff. Und doch hat diese Zumutung auch Gelehrte von unbezweifelbarem Verantwortungsgefühl nicht geschreckt Selbst ein Bahnbrecher zwar wie Schrenck-Notzing umgeht den letzten Sprung, indem er die echte Ähnlichkeit von Materialisationen mit 'lebenden Organismen' in Zweifel zieht und sich auf den bescheideneren Begriff bloßer 'mehr oder minder gut entwickelter Impressionen von Formfragmenten' zurückzieht3 Aber diese Haltung erklärt sich wohl daraus, daß die Medien dieses Forschers ihm die äußersten Formen der Materialisation nie vorgeführt haben, die anderswo beobachteten aber von ihm bei seiner Meinungsbildung außer acht gelassen werden. Bei Eva C. wurden zwar - auf Augenblicke! - phantomale Vollgestalten gesehen; aber in den meisten von ihnen glaubte Schrenck-Notzing das bloß durch weiße Gewandung 'transfigurierte' Medium zu erkennen,1 und überdies hat keins dieser scheinbaren Vollphantome die geringsten Anzeichen von Leben dargeboten. 1) vgl. o. S. 176. 2) Auch bei Frau Silbert beobachtete man die gleiche Verschiedenartigkeit der 'Materialisationen': Gruber, Erk. 229. 3) Schrenck, Mat. 523. 4) Das. 57 f. 61. 68. Ein einziges Mal (93) spricht er vorsichtig von einem weißbärtigen Manne. Das Medium war angeblich stets schon hl der nächsten Sekunde wieder in seinem schwarzen Trikot zu erblicken (56. 71). Die ideoplastische Theorie der Materialisation 207 Andere packen den Stier entschlossener an den Hörnern. Der Biologe Prof. Gruber will auch 'in der Erscheinung eines ganzen Phantoms' - wobei die letzten Grenzen solcher 'Ganzheit' allerdings nicht ausdrücklich bezeichnet werden -, 'so ungeheuerlich sein Eindruck auf den naturwissenschaftlich vorgebildeten Beobachter zunächst sein mag..., doch nur eine graduelle Steigerung des [dürftigeren] ideoplastischen Vorgangs' erblicken.1 Und Prof. Blacher, der technische Chemiker der Rigaer Universität, hat den anerkennenswerten Mut, auch ein Phantom wie 'Katie King' - unstreitig ein Musterbild der leiblich und seelisch menschenähnlichen Materialisation - für die 'immer von neuem vorgenommene Realisierung einer Idee' zu erklären, ja zuweilen die bloße 'Moment-Realisation' einer schöpferischen Vorstellung des Mediums. Er stellt dabei die Tatsache der Materialisation in eine Reihe nicht nur mit der 'biologischen Zweckschöpfung' überhaupt, sondern auch mit der übernormalen Beherrschung organischer Wachstumsvorgänge, wie sie z. B. die hysterischen Neubildungen offenbaren.2 Hatte nicht Schleich - ein immerhin über die Schranken seines Fachs hinausdenkender Arzt - aus ähnlichen Gründen die Hysterie als eine 'metaphysisch' zu deutende Krankheit bezeichnet?3 Der neue Vitalismus eines Driesch spricht wieder von der 'Entelechie', die auch die normalen Wachstumsvorgänge der Ontogenese, der Entwicklung des Einzelwesens, vortreibt und steuert.4 Wo aber sonst könnte solches entelechische Wirken zu Hause sein als in jener 'magischen' Tiefe, an die der Frans zustand das wache Denk- und Wunschleben näher hereinführt und die sodann vom gestalten-schöpferischen Medium unter dem Einfluß von Fremd- und Autosuggestiworstellungen ausgenutzt wird? Alles dies macht uns die heute von Parapsychologen genährte Hoffnung verständlich, daß eine vitalistisch denkende Biologie für die Anerkennung des Materialisationsvorgangs gewonnen werden könne; mehr noch: daß sie in diesem eine Bestätigung ihrer Grundbegriffe finden werde. In der Tat läge der hauptsächliche Unterschied zwischen einer normalen und einer magisch-phantomalen Wesensentstehung auf dem vergleichsweise nebensächlichen Gebiete der Zeitmaße.5 Die mediale Erzeugung eines Vollphantoms würde in Sekunden oder Minuten das vollbringen, wozu die Natur für gewöhnlich Jahre benötigt. Aber schließlich - was sind solche Unterschiede, gegen die Dauer anderer Naturvorgänge gehalten? Wir sind es heute gewohnt geworden, 'rela- 1) Erk. 269. Vgl. 259. 2) Blacher 34; PS 1924 346. Ebenso Barnard 90.102. 3) Schleich 2490. 4) S.Z. B. Driesch, Phil. d. Org. 40011., bes. 446f. 4830. 5) Zur Vergleichung von Ontogenese und Materialisation vgl. du Prel, Stud. II 143f.; Prof. SantoUquido in RM1928 Nr. 5 (rel. ZpF 1929 63); Krftner in ZP 11H. 208 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung tiv' zu denken. Auch läßt die Beobachtung selber manche 'natürliche', d.h. im Grunde doch nur: gewohnte biologische Maße seltsam zerfließen. Wir können nicht an gewissen Versuchen vorübergehen, die uns das Wachstum von Pflanzen unter der Einwirkung 'magnetisierender Striche' in schier unfaßlichem Grade beschleunigt zeigen.1 Und gut beglaubigte 'Wunderheilungen' zwingen uns, die Herstellung neuer Gewebe in einer Geschwindigkeit zuzugestehn, die gegenüber der von normalen Heilungen . iederum eine kaum faßbare Beschleunigung bedeutet.2 Allerdings könnte wohl das anzunehmende Fehlen eines normalen 'Keimes' im Falle von Vollphantomen Bedenken wecken; doch scheint mir diese Schwierigkeit geringer zu wiegen als die der anzunehmenden Beschleunigung, sofern wir voraussetzen, daß auch ein Keim für sich allein, ohne die Entelechie als 'quasi-psychische Richtungs-Dominante', die normale Wesensentstehung nicht restlos deuten kann; daß uns somit das wichtigere Teil verbleibt, wenn wir die ideoplastische Schöpfung eines Mediums als eine Abart entelechischen Wirkens deuten dürfen. - 'Uferlose Spekulationen!' Gewiß. Aber in unsrer verzweifelten Lage diesen unerhörten Tatsachen gegenüber - was bleibt uns andres übrig, als nach allen Seiten hin die Denkmöglichkeiten zu ertasten, und selbst, wo wir uns noch nicht binden können, sie wenigstens andeutungsweise herauszustellen und zu verketten? Ist auch mit dem Begriff der Ideoplastie garnichts 'erklärt', so wäre damit doch ein vertrautes Rätsel - das der natürlichen Gestaltschöpfung - an einer bislang verkannten Stelle neu in Ansatz gebracht. Jedenfalls aber kann ich es nicht3 für einen durchschlagenden Einwand gegen die ideoplastische Theorie des Vollphantoms halten: daß das Medium doch sicherlich nicht die anatomisch-physiologischen Kenntnisse besitze, welche die zureichende Verwirklichung seiner Zielvorstellung erfordern würde; denn fraglos hätten wir diese in die unterbewußten 'Tiefen' seines Wesens zu verlegen, wo das Verhältnis von Leben und Wissen ein wesentlich andres sein dürfte als im Bereich verständigtagwachen Planens und Handelns; wo daher auch so oft ein rätselhaft vollkommener Instinkt des Erkennens und Heilens von Krankheit beheimatet ist.1 Anders ausgedrückt: wir brauchen jenem seelischen Triebpunkt in der schöpferischen Tiefe des Mediums, welcher das phantomale Gebilde erzeugt, nicht ('anthropomorphisierend') ein planendes 'Vorstellen', ein bewußt-bildmäßiges Zielsetzen zuzuschreiben; vielmehr nur ein, wenn auch durch Vorstellungen angeregtes und aus- 1)Vgl. duPrel,Ph. d. M. 156; Stud. I 47ff.; JM 20. Jan. 1899; BIGP 1905 Nr. 2; d'Espérance 263fl. (auch PS 1886 455(1.); Prot. Schröder in ZmpF 1930 108ft. 14911. 2) Vgl. z . B . Hoestenberghe; Loth 2010.; AL XXIV 112fl. 16311.; Bolssarie 107t. 3) wie Delanne (II 222. 309). 4) Vgl.z.B.du Prel, Ph.d. M. 160ft. Die ideoplastische Theorie der Materialisation 209 gelöstes, so doch in der Auswirkung unbewußt-schöpferisches Tun, wie es auch der Entelechie der normalen Wesenswerdung eigen wäre. - Ich habe jetzt mein Bestes getan, die beiden möglichen animistischen Theorien der Materialisation nach ihren stärksten Seiten darzulegen und einander gegenüberzustellen. Die letzten Abschnitte enthielten alles, was m. W. die eine oder andre Erklärung empfehlen kann. Was sonst noch bisher an Beschreibungen der Entstehung von Phantomen oder Phantomteilen vorgelegt wurde, vermag m. E. eine Entscheidung nach dieser oder jener Seite hin nicht zu bestimmen; es bleibt, bei unsrei Unwissenheit in diesen Dingen, zunächst iim Zweideutigen stecken; ganz abgesehn von der Frage, wieweit wir den letzten Einzelheiten von Berichten trauen dürfen, die vielfach von Laien der Beobachtungskunst herstammen und unter erschwerenden Bedingungen zustande gekommen sind. Die durchschnittliche Schilderung des Auftretens von Vollphantomen spricht, wie erinnerlich, von ausgeschiedenen Stoffen, 'Dampfmassen', 'Nebeln', die sich dann ballen und verdichten, bis - zuweilen plötzlich - das fertige Gebilde dasteht. Aber soweit ist Eindeutigkeit nach irgendwelcher Richtung hin wohl noch durchaus zu vermissen. Formt das Medium aus ungestaltetem Stoff (den es zunächst abgibt) ein menschenähnliches Wesen, so könnten sich die Stufen dieser Leistung wohl ungefähr so darstellen. 'Materialisiert' es dagegen eine ausgeschiedene (und etwa noch bildsam veränderte) 'feinere' Leiblichkeit bis zur Wahrnehmbarkeit, so könnte sich m. E. der Vorgang für den äußeren Beobachter gleichfalls so abspielen; wir müßten dann die 'Nebelmassen' gewissermaßen als die angehäufte 'Mutterlauge' auffassen, aus welcher die Einlagerung von Stoff in das vorgebildete 'Gerüst' erfolgte; oder meinetwegen als ein Nebenergebnis der Tatsache, daß dieses unsichtbare Gerüst zur Sichtbarkeit 'aufquölle'. Und wenn wir, wie in Mrs. Nosworthys Bericht über das Medium B., von schwach sichtbaren Umrissen einer Gestalt innerhalb des Nebels lesen,1 so könnte das zwar besonders für die zweite Deutung zu sprechen scheinen; doch sehe ich keine Schwierigkeit, es auch mit der ersten in Einklang zu bringen: die ideoplastische Bildung würde sich eben schon abzeichnen, während neuer Bildungsstoff sie noch umlagerte. Auch die oft betonte Plötzlichkeit des Abschlusses der Bildung spricht, wir mir scheint, nicht eindeutig für die Präexistenz der zustandekommenden Gestalt. Ebenso wenig aber die Tatsache, daß mitunter nur eine 'Wölkung' dort wahrgenommen wird, wo wir auf Grund der ebenda vollzogenen Leistung doch schon eine - nur nicht allge- 1 ) o. S. 181. M a t t l e s e n . Das persönliche Überleben III 14 210 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung mein wahrnehmbare - Hand voraussetzen müssen, - die dann zuweilen auch nachträglich, wohl infolge weiterer Verdichtung, allgemein sichtbar wird. Es ist ja überhaupt eine sehr gewöhnliche Tatsache der Phantomatik, daß selbst völlige Unsichtbarkeit weder Tastbarkeit, noch (was beinahe dasselbe ist) die Möglichkeit objektiver Leistungen ausschließt.1 Ich brauche den Leser bloß zu bitten, die frühere Beschreibung des unsichtbaren 'Fassadenmenschen' bei der Palladino nachzulesen.2 Auch sonst scheint die unmittelbare Beobachtung zu zeigen, daß bestimmte Teile eines Phantoms vollständiger und deutlicher materialisiert sind als andere,3 oder daß gewisse Phantome, im Ganzen oder in Teilen, nur eine gleichsam unfertige Ausgestaltung erfahren haben.4 Aber auch alle solche Feststellungen erscheinen mir theoretisch durchaus zweideutig. Wir könnten sie natürlich zusammenreimen mit dem Begriff einer vorgebildet bestehenden Gestalt, die sich nur - etwa von Ort zu Ort und von Augenblick zu Augenblick - in wechselndem Maße verdichtete;5 aber sie vertragen sich ebenso gut mit der Annahme, daß die Ausführung eines 'ideoplastischen Gesamtplans' - hinsichtlich des Ganzen oder von Teilen - sich in wechselndem Maß' ihrem Endziel nähere. - Und Ähnliches gilt bei genauer Überlegung von den Arten des Wiederzerfalls und Verschwindens von Phantomen, mag dieses nun als ein Hinschmelzen 'wie Wachs',6 oder Zerbröckeln und Sich-zersetzen,7 oder als Schrumpfen und Kleinerwerden, 8 oder sonstwie beschrieben werden. Seltsam anregend - fast über solche Zweideutigkeiten hinaus - könnte die gelegentliche Angabe erscheinen, daß während der Phantomentstehung innerhalb der 'Mutterlauge' (wie ich es oben nannte) anscheinend halbwegs 'unsichtbare Hände' am Werke seien, um an der Anordnung der 'Stoffe' teilzunehmen.9 Diese Hände könnten wieder als etwas Präexistierendes erscheinen. Ein derartiger Bericht stammt von einer Zeugin (Mrs. Marryat), der ich nur mäßiges Gewicht zuschreiben kann: es mag sich hier um übereilte Ausdeutung von Wahrnehmungen handeln. Doch wird der künftige Theoretiker auch dies im Auge behalten müssen. - Ebenfalls weniger zweideutig könnte die 1) Vgl. hierzu noch Geley 313f. 318f. Sichtbarkeit ohne Tastbarkeit: z. B. Aksakow, Cas 186f. 2) o. S. 163 f. 3) S. z. B. du Prel, Stud. IX 282. 285; Deianne II 726. 4) Vgl. z. B. du Prel, aaO. 288; Owen, Deb. L. 397. 409; Aksakow 729; ÜW XIV 450. Vgl. die Tatsache der Erzeugung von 'Hand'-Abdrücken in Ton, über den ein Bogen Papier gespannt ist ! (z. B. Prof. Acevedo in PS XXVII 153f.) und die Tatsache des häufigen VeiSinkens von Phantomen im Boden (z.B. d'Espérance 256; ÜW II 158; XIV 4701.; Richet371 u. a. m.). 5) Fournier d'Albe (1481. 159) faßt dies als 'Kondensierung' um die extrahierten "Psychomeren' herum auf. (Vgl. o. S. 191.) 6) Leonard 137. 7) Owen, Deb. L. 394. 396; Erny 145. 8) PS XXVII 237; XXVIII 517. Auch die Tatsache der Größenunterschiede des 'gleichen' Phantoms zu verschiedenen Zeiten dürfte mehrdeutig sein. (Vgl. z. B. du Prel Stud. II 282; APS V 313; PS XXVIII 577; Sp 1876 II 257; ZP 1926 20.) 9) Vgl. o. S. 181. 182 f. Die ideoplastische Theorie der Materialisation 211 Beobachtung erscheinen (die wir Colley verdanken), wonach gelegentlich Phantome und Phantomteile, z.B. Köpfe, 'in vollkommener Bildung', also fertig geformt aus dem Leibe des Mediums (Monck) hervorgegangen wären.1 Ist es nicht an sich unwahrscheinlich, daß, falls das Medium ein menschenähnliches Gebilde 'urzeugt', es dieses 'innerhalb seines Leibes' tun werde, um es dann aus diesem hervortreten zu lassen? Ist es anderseits nicht wahrscheinlich, daß, falls es solche Gebilde aus seinem eignen fluidischen Leibe 'modelliert', diese Leistung soweit mit der Hinaus Versetzung zusammenfallen werde, daß der Eindruck entstände, es trete ein fertiges Fremdphantom aus dem Leibe des Mediums? Allerdings spricht Colley sogar von 'mehreren Gesichtern', die aus Moncks linker Seite hervorgegangen seien; aber sie traten 'nach einander' auf; und so bleibt schließlich nur das Bedenken bestehn, daß 'Gesichter' aus einer 'Seite' hervorgehn, und nicht aus dem - Kopfe; wie doch Eusapias 'dritter Arm' sich aus ihrer Schulter hervorstreckte! Alle solche Sonderbarkeiten ließen sich mit sehr zahlreichen Berichten belegen; aber ihre vorläufige Undurchschaubarkeit läßt mich darauf verzichten. Wir kämen einstweilen kaum über lauter 'Vielleicht', 'Wahrscheinlich' und 'Möglicherweise' hinaus, die sich überdies auf Angaben bezögen, wie man sie noch oft und von verlässigsten Zeugen wiederholt zu sehen wünschte, ehe man bereit wäre, ernsthaft über sie zu theoretisieren. Und dennoch: aus solchen Einzelheiten wird dereinst, wenn sie erst alle bis ins kleinste gesammelt sind, die unausbleibliche Wissenschaft von diesen Vorgängen erstehn; und solche Einzelheiten wird die Forschung umso rascher und ergiebiger feststellen, je eher eine verständige Wandlung der wissenschaftlichen 'öffentlichen Meinung' sie von der Nötigung entbindet, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die bloße Sicherung gegen 'Betrug' zu richten. In dieser unvermeidlich unentschiedenen Lage halte ich es für den logisch erträglichsten Ausweg, die bisherige Tatsachenschau abzuschließen mit der hypothetischen Zugestehung beider wettstreitenden Theorien und ihrem vorläufigen Einbau in unsre Argumentation. Ich tue dies aber keineswegs bloß wegen der Unmöglichkeit einer Entscheidung; sondern ebenso sehr, weil ich es für denkbar halte, daß beide Theorien wahr sind. Wenigstens ist es mir unmöglich einzusehn, warum der menschliche Besitz ideoplastischer Schöpferkraft sich nicht vertragen sollte mit dem Besitz einer feineren Leiblichkeit (oder beliebig vieler!) neben der fleischlichen. 1)0. S. 182. Vgl. Delanne II 165. 206 ('Hände' bei d. PaUadino). 14 * 212 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Aber wie dem auch sei: die Frage, die sich mir nun zunächst aufdrängt, ist die: ob nicht schon die b i s h e r besprochenen Tatsachen objektiver Phantomatik auch für das s p i r i t i s t i s c h e Problem Bedeutung haben. Diese Frage scheint mir ein sehr bestimmtes Ja zu fordern: unter dem Gesichtswinkel beider Theorien sind die Tatsachen geeignet, eine spiritistische Auffassung gewisser Materialisationen mindestens vorzubereiten. Liegt die richtige Deutung im Hervortreten oder in der Modelung eines fluidalen Leibes, so besitzt der Mensch eben etwas, was sein persönliches Fortleben wohl verständlich zu machen h e l f e n könnte; sind wir doch gewohnt, unsern Leib - also warum nicht auch eine andre Leiblichkeit? - als eins der principia individuationis aufzufassen. Und wenn auch das Fortbestehen des Fluidalleibs über den Tod hinaus erst noch zu beweisen wäre, so ist doch anderseits sein Untergang zugleich mit dem des fleischlichen Leibes noch nie beobachtet worden, wäre also gleichfalls erst zu beweisen. Die 'Präformationstheorie' des animistischen Phantomforschers kann also garnicht umhin, dem Spiritisten gewisse Möglichkeiten, ja Wahrscheinlichkeiten für den Unterbau seiner Lehre zu liefern. Aber Ähnliches gilt auch von der - 'epigenetischen' - Theorie phantomaler Ideoplastik. So betrachtet, würden unsre Tatsachen sich allen denen gesellen, die eine Umkehrung der herkömmlichen Anschauung vom Verhältnis des Seelischen zum Körperlichen befürworten. Nach dieser Anschauung ist eigentlich noch immer (wenn es auch heute nicht mehr so roh wie ehedem in Worte gefaßt wird) das Seelische ein Enderzeugnis des Organischen, und das Organische ein Enderzeugnis des Mechanischen. Die Tatsachen der Ideoplastie dagegen lassen vielmehr das Organische als ein Erzeugnis des Seelischen erscheinen; von wo dann nur noch ein Schritt zu der heute wieder vordringenden Ansicht ist, daß alle 'Materie' eine Schöpfung des Geistes sei.1 Damit ist nun freilich wieder nicht das Fortleben eines Persönlich- Seelischen nach dem Zerfall seines fleischlichen Leibes erwiesen; aber es ist ein Standpunkt gewonnen, auf dem auch solches Fortbestehn weit glaublicher und natürlicher erscheint als auf dem herkömmlichen. Denn wenn ein verkörpertes Persönlich-Seelisches imstande ist, das organische Gehäuse eines Einzelwesens zu erzeugen (wie nach der Voraussetzung das Medium das Phantom erzeugt), so liegt auch die Möglichkeit nahe, daß ein solches Seelisches f ü r sich selber ein 'organisches Gehäuse' erzeuge, in welchem es persönlich fortbestehen kann. - Aber auch mit allem bisher Besprochenen ist das - wie mir scheinen will - 'größte Wunder' der Phantomerzeugung (in animistischer Auf- 1) Vgl. die Ausführungen Bartheis und Glogaus: ZP 1926 426f. 430. Die ideoplastische Theorie der Materialisation 213 fassung!) noch gar nicht berührt. Die äußerste Form der Materialisation zeigt uns ja nicht nur einen vollentwickelten Leib, sondern offenbar auch eine ichhafte Persönlichkeit 'in' diesem Leibe. Eis wäre m. E. eitle Mühe, dies als bloßen Schein abtun zu wollen; etwa in allem Reden und Tun des Phantoms ein bloß als Bewegung 'hinausverlegtes' Reden und Tun des Mediums sehn zu wollen. Wenn irgendwo der Analogieschluß von menschlichem Gebaren auf ein menschliches Innenleben gelten soll, so muß er auch hier gelten. Die bisherigen Belege lehren es vielfach schon deutlich, und die weiteren werden es schließlich über jeden Zweifel erheben: das Vollphantom ist, solange es 'da ist', auch in den Grundtatsachen seelischen Lebens ein volles Ebenbild des wachen Menschen. 'Katie King', in ihrem Handeln und Reden (selbst mit dem eignen Medium!), war nicht weniger 'Vollmensch' als dieses selber, - solange sie 'da war'. Nach animistischer Auffassung 'existierte' sie nur, solange sie 'da war', d.h. sichtbar, greifbar und hörbar war. Sie war, wie Blacher uns versicherte, die 'Moment-Realisation' einer schöpferischen Vorstellung ihres Mediums; Florence Cook ließ sie also von Sitzung zu Sitzung entstehn und vergehen - Körper, Kleider und Bewußtsein -, wie das Kind eine Seifenblase nach der andern (wenn auch jede der vorigen gleich) entstehen und zerplatzen läßt. - Aber 'Katie King' zeigte, wie wir hörten, auch kurze Pausen des Verschwindens innerhalb einer Sitzung; sie begab sich ins Kabinett und war, wenn man den Vorhang in der nächsten Sekunde öffnete, nicht mehr da, - um etwa bald danach wieder aufzutreten. Liegt nicht hier wenigstens die Vermutung nahe (und wäre sie nicht jedenfalls 'sparsamer'), daß 'Katie' bloß vorübergehend unwahrnehmbar geworden sei (wer weiß, durch welche Änderung ihres 'Aggregatzustandes')? Wenn aber dies: wodurch unterschied sich die 'unsichtbar körperliche' Katie von einem - 'Geiste', wie er doch als eine mögliche Form des Begriffs dem Spiritisten vorschwebt? Ich will diese Frage hier nur andeuten: sie wird uns sehr bald in noch viel peinlicherer Fassung entgegentreten. Jedenfalls führt uns offenbar schon die animistische Theorie so nahe an den spiritistischen Tatbestand heran, daß die Unterschiede beider geringer erscheinen als ihre Ähnlichkeiten. Die Tatsache, die diese letzte Annäherung beider bewirkte: die persönliche Beseelung des Phantoms, ist aber fraglos zugleich auch die, welche der animistischen Auffassung die größten Schwierigkeiten bereitet, also den spiritistischen Anschein im Falle der Vollmaterialisation am stärksten begünstigt. Sie verselbständigt das Phantom in einem Maße, dessen Möglichkeit man sich nicht träumen lassen würde, solange man nur die behaupteten ein 214 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung fächeren Gebilde der ganzen Reihe ins Auge faßte. Sie regt denn auch ganz natürlich die Frage an, ob eine weitere Steigerung dieser Selbständigkeit uns nicht schließlich völlig den spiritistischen Tatbestand darbieten würde, an den uns die bisherigen Beobachtungen schon so nahe heranführten. Ich habe mehrfach angedeutet, daß diese erst einen Teil des ganzen Gebietes darstellen; eine Erweiterung ihrer Grenzen wird jetzt zur Notwendigkeit. 11. Die körperliche Selbständigkeit der Materialisation Es könnte zunächst scheinen, als verrieten schon in rein körperlicher Hinsicht manche Materialisationen eine größere Selbständigkeit, als die meisten zuletzt erwähnten Beobachtungen erkennen ließen. Nicht freilich alle bisher angeführten. Zumal bei einigen der Mirabellischen z.B. wurde ein unmittelbares Hervorgehn aus dem Medium keineswegs behauptet. Dieser Umstand verdient vielleicht noch stärkere Betonung und Belegung. Daß jede Materialisation zu ihrer Verwirklichung eines Mediums bedarf, wird ja allgemein angenommen, und daraus könnte zu folgen scheinen, daß sie auch aus dem Medium entstehen müsse. Trifft dies auch nur für die meisten Materialisationen zu? Oder entstehen am Ende viele nur mit Hilfe des Mediums in seiner Nähe, so daß die Verlockung entstände, den Keimpunkt ihrer Bildung überhaupt nicht im Medium zu suchen? Ich führe einige weitere Tatsachen an, die in diesem Sinne aufgefaßt werden könnten; wobei ich bemerke, daß nunmehr, da die Wirklichkeit von Materialisationen an sich als gesichert gelten soll, der Nachdruck sich von der groben Beglaubigung auf die Beobachtung einer bestimmten Einzelheit verschiebt. Immerhin wähle ich die Berichte natürlich auch ferner nur aus dem Bereich der vertrauenswürdigeren Medien und Beobachter. Ein nicht genannter Teilnehmer an Mrs. d'Espérances Sitzungen aus der Zeit des Erscheinens 'Yolandes' liefert folgende, offenbar auf genauer Beobachtung beruhende Schilderung der Ausbildung dieses Phantoms: 'Zuerst bemerkt man einen feingewebigen, wolkigen Fleck von irgendetwas auf dem Fußboden vor dem Kabinett. Dieser vergrößert sich allmählich, indem er sichtbar sich ausdehnt, als wäre es ein belebter Fleck1 Musselin, bis er einen Umfang von etwa 2l/n zu 3 Fuß hat und eine Höhe von einigen Zoll - vielleicht 6 oder mehr. Gleich darauf beginnt es langsam in oder nahe der Mitte emporzusteigen, als befände sich ein menschliches Haupt darunter, während das wolkige Gewebe auf dem Fußboden mehr das Aussehen von 1) patch. Die körperliche Selbständigkeit der Materialisation 215 Musselin annimmt, der den so geheimnisvoll aufsteigenden Teil mit Falten umgibt. Wenn das Ganze eine Höhe von 2 oder mehr Fuß erreicht hat, sieht es aus, als befinde sich ein Kind darunter,1 das seine Arme in allen Richtungen bewegt, als wolle es etwas darunter Befindliches anordnen. Es fährt fort, sich zu erheben, häufig ein wenig herabsinkend, um dann wieder höher als zuvor anzusteigen, bis es eine Höhe von etwa 5' erreicht hat, wo dann die dazugehörige Gestalt sichtbar wird, als ordnete sie die Falten des Stoffes um sich an. Gleich darauf erheben sich die Arme beträchtlich über den Kopf und werden durch eine Masse wolkiger Geistergewandung hindurch auseinanderbewegt - und Yolande sieht entschleiert vor uns, anmutig und schön, beinahe 5' hoch, mit einer turbanartigen Kopfbedeckung, unter der hervor ihr langes schwarzes Haar über Schultern und Rücken herabhängt. Ihre Gewandung, von orientalischem Schnitt, läßt jedes Glied und jede Linie des Körpers erkennen... Dieser Vorgang nimmt insgesamt 10-15 Minuten in Anspruch.'2 Von dem Phantom 'Nepenthes'3 bei demselben Medium heißt es noch bezeichnender: Mrs. d'Espérance 'zog sich ins Kabinett zurück, und man sah eine kleine weiße Wolke auf dem Fußboden inmitten des Zimmers sich bilden; sie erhob sich, senkte sich, wobei sie an Umfang zunahm, und als sie die Höhe eines Menschen erreicht hatte, wurde sie leuchtend, und man sah eine Frau von geradezu vollendeter Schönheit aus ihr hervorgehen . . . ' 1 Sonderbarer, bei genauer Betrachtung aber leidlich übereinstimmend mit diesen Schilderungen lautet eine andre, die Dr. Paul Gibier, der New Yorker 'hervorragende Physiologe', von einem Materialisationsvorgang entwirft. 'Auf dem Fußboden am Kabinett zeigt sich ein weißer Punkt... Nach 2 oder 3 Sekunden nimmt er die Größe eines Eies an und bewegt sich wie die Eierschalen, die man in einer Schießbude auf einem Wasserstrahl tanzen sieht. Schnell verlängert er sich, wird eine Säule von ungefähr 1 m Höhe und 10 cm Durchmesser, dann 1,5 m mit zwei Querbalken am oberen Ende in T-Form. Es sieht aus wie Schnee oder eine dichte Dampfwolke. Die Seitenarme des T bewegen sich und entsenden eine Art von Schleier; das Ding wird größer und nimmt erst undeutlich, dann immer klarer'die weißliche Gestalt einer verschleierten Frau an. Zwei weiße Arme kommen unter dem Schleier hervor und werfen ihn zurück. Er verschwindet, und wir sehen eine reizende Mädchengestalt ..., die mit kaum vernehmbarer Stimme uns den Namen 'Lucie' nennt.'5 Auch F. W. Pawlowski, Prof. der Anatomie an der Michigan-Universität, welcher Sitzungen mit Franek Kluski hatte, gibt an, das dem Medium entströmende 'Ektoplasma' als Formungsstoff für Hände, Köpfe und Vollphantome nicht beobachtet zu haben. 'Im Falle Kluski erschienen die Phantome meist unerwartet^ hinter oder neben dem Medium [aus leuchtendem Rauch 1) so! (underneath). 2) d'Espérance 254f. Vgl. PS XXIV 311; XXVII 236; ÜW XIV 447f.; Erny 182ff.; Brackett 65. 3) vgl. o. S. 105. 149. 4) Aus RSMS Mai 1900 bel Delanne II 649. 5) PS XXVIII 516. Vgl. Lombroso 2441.; Seiling 6. - Danmar (82f.), der über 1000 Vollmaterialisationen gesehen haben will, erklärt eine Entstehung wie die beschriebene für die typische. 216 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung oder Nebel]... Sehr oft jedoch erschienen sie in einer Entfernung vom Medium hinter dem Rücken der weit abseits sitzenden Teilnehmer, und oft auch in einem entfernten Teil des Sitzungsraums. Bei verschiedenen Gelegenheiten erschienen die Phantome hinter meinem Rücken; ich wurde ihrer gewahr durch das Geräusch ihres Atems, das ich deutlich hören konnte, noch bevor die mir gegenüber Sitzenden sie sahen... Die Erscheinungen bewegten sich rund um den Tisch und um die Teilnehmer; sie machten so seltsame Bewegungen und Sprünge, daß wenn sie wirklich mit dem Medium durch eine ektoplasmische Schnur oder ein solches Band verbunden gewesen wären, die Teilnehmer damit hätten umwickelt werden müssen. Ich habe in diesem Kreise auch nie von den Teilnehmern eine derartige ektoplasmische Verbindung erwähnen gehört.'1 (Der letztere Umstand ist wohl kaum entscheidend: das 'Band' könnte ja nicht nur 'dehnbar', sondern selbst für feste Körper durchdringbar sein.) Auch von dem Phantom des sog. 'assyrischen Priesters', das Pawlowski selber zweimal bei Kluski sah, behauptet er, es sei 'ziemlich entfernt von uns in der Mitte des Zimmers aufgetaucht,' habe sich schließlich 'tiefer ins Zimmer zurückgezogen und sei verschwunden.' Diese im Kluski-Zirkel häufig auftretende Gestalt eines alten Mannes glich geradezu 'einer Leuchtsäule': 'das von ihr ausstrahlende Licht ist so hell, daß nicht nur alle Sitzungsteilnehmer, sondern auch nahe wie entfernte Gegenstände im Sitzungsraum beleuchtet werden. Als ich die Erscheinung selbst sah, waren die Innenseite der Hände und die Herzgegend stärker leuchtend als der übrige Körper... Der alte Mann trug eine hohe, kegelförmige Kopfbedeckung und war mit einem langen [faltigen] Gewand bekleidet... Er kam mit hoheitvollen Schritten auf uns zu... Mit den Händen beschrieb er dreieckige Figuren. Zugleich sprach er mit tiefer, feierlicher Stimme... Seine Sprache war ziemlich gaumig und für uns alle unverständlich, obwohl die Sitzungsteilnehmer wohl etwa zwölf verschiedene Sprachen beherrschen... Mit ihm kam eine große Welle ozonhafter Luft, sodaß der Raum noch lange nach Schluß der Sitzung davon erfüllt war.. .'s Annähernd ebenso weit geht ein Bericht Smedleys, nach welchem zuerst 'eine schwach leuchtende Wolke in der Ecke nahe der Zimmerdecke wahrgenommen wurde. Sie bewegte sich auf die Mitte des Zimmers zu, und der Oberkörper eines Mannes erschien in ihr, welcher dicht über der Mitte des Tisches hin- und herschwebte, . . . ohne daß ein sichtbarer oder greifbarer Unterleib vorhanden war. Er hielt ein seltsames Licht in seiner Hand, welches so hell wurde, daß es genügendes Licht im Zimmer verbreitete, um das Lesen einer Zeitung zu gestatten [die englischen Zeitungen haben bekanntlich eine sehr kleine Schrift]. (Es war kein Armleuchter im Zimmer.) Er begrüßte uns mit einem 'Guten Abend', hatte eine wohlklingende tiefe Baßstimme, dunkle Augen, dichtes Haar und einen langen Bart. Er gestattete uns, seine Lampe zu untersuchen. Seine Finger fühlten sich so natürlich an wie meine eigenen. Nachdem er eine Anzahl Fragen beantwortet hatte, 1) ZP1926 19. 2) Das. 12. Die körperliche Selbständigkeit der Materialisation 217 wünschte er uns wiederum 'Guten Abend' und schwebte über unsre Häupter hinweg zu der Stelle, wo er zuerst erschienen war, wobei seine wunderbare Lampe sich verdunkelte, bis beide entschwanden.'1 Den Gipfel dieser räumlichen Unabhängigkeit des Phantoms vom Medium dürfte ein Bericht des Prof. Nielsson über den schon erwähnten I. Indridason bezeichnen. 'Zu Weihnachten 1906 . . . benutzten wir zwei Zimmer, die wir im Hause des Hrn. Einar H. Kvaran gemietet hatten. Wir saßen mit dem Medium zusammen in einer ziemlich großen Stube, und nebenan befand sich eine kleine Kammer, von der die 'Kontrollen' behaupteten, daß sie diese zu eignem Gebrauch benutzten. Etwas vor Weihnachten fing diese Kammer an, sich mit einem hellen weißen Licht zu erfüllen, und in diesem erschien eine Gestalt, die der verstorbene Herr Jensen zu sein behauptete. Er zeigte sich zuerst zwischen den Vorhängen und rief mit echt Kopenhagener Aussprache: 'Können Sie mich sehn?' Nach Neujahr zeigte er sich in der Stube, wo wir saßen, mit dem Medium in tiefem Trans unter uns... Oft gelang es ihm, sich 7-8mal an einem Abend an verschiedenen Stellen des Zimmers zu zeigen, und häufig sahen wir das Medium und die materialisierte Gestalt gleichzeitig... Er erlaubte uns stets, seinen Körper zu befühlen, ehe er ihn wieder auflöste.'2 Das oben gelegentlich bezeugte Verschwinden des Phantoms an der Stelle seines ersten Erscheinens dürfte einigermaßen die Regel sein: ist es z.B. dem Fußboden entstiegen, so versinkt es auch in diesen, wennschon nicht gerade am völlig gleichen Fleck. Jedenfalls zeigt auch das Ende seines Auftretens häufig nicht ein Verschwinden ins Medium hinein, sondern eine Auflösung in einiger Entfernung von diesem. 'Yolande' z. B., wenn sie sich zur Dematerialisierung anschickt, hüllt sich in das überflüssige Gewebe, wie in einen 'großen Brautschleier', und beginnt dann langsam zu 'sinken' und ihren Körper unter den Stoffen aufzulösen. 'bi9 er kaum noch oder garnicht mehr Yolande gleicht. Dann fällt sie noch weiter zusammen, bis sie nicht mehr einer menschlichen Gestalt ähnelt' und schließlich nur noch ein Häufchen Stoffe am Boden liegt, das langsam, aber sichtbar in Nichts zerschmilzt'. Dieser ganze Vorgang dauert 21/2-7 Minuten. 3 Das gleiche Verschwinden in den Fußboden hinein bezeugt nach mehrfacher übereinstimmender Beobachtung auch Mr. G.Bolton. - 'Die Füße und Knöchel verschwanden zuerst; dann sanken langsam die Beine abwärts bis hinauf zu den Hüften; danach der Körper bis zum Halse, nach einigen Abschiedsworten gefolgt vom Gesicht, während der Scheitel etwa 30 Sekunden oberhalb des Fußbodens verblieb, wobei das blendende Weiß der [Kopfbedeckung] deutlich über dem dunkelfarbigen Teppich zu sehen war. Die Dematerialisierung dauerte, vom Beginn bis zum Abschluß, etwa l1/* 1 ) bei Tweedale 314. Vgl. femer Holms 440 (Miller). 2) Nielsson 22 ff. (Soz. gleichzeitige Tagebuchaufzeichnungen). An einem Abend sahen 40 Personen 'Jensen' 11 mal erscheinen. 3) d'Espérance 254 ff. 218 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Minuten und erfolgte jedesmal bei künstlichem Licht, allen Anwesenden deutlich sichtbar.'1 Etwas abweichend wird uns einmal die Dematerialisierung des Phantoms 'Nepenthes' inmitten der Beobachter geschildert. 'Sie stand mitten unter uns und neigte langsam den Kopf zurück, auf welchem der gewohnte Stirnreif erglänzte. In wenigen Minuten, ohne daß das geringste Rauschen zu hören gewesen wäre, hatte diese übermenschliche Nepenthes sich in eine kleine leuchtende Wolke verwandelt, nicht größer als ein menschlicher Kopf, über dem noch das Stirnband erglänzte; dann nahm dieser Glanz ab, das Diadem löste sich auf und verschwand seinerseits.'2 Besonders eindrucksvoll - offenbar weil unter äußerem Drängen - geschah die Dematerialisation der oben von Dr. Gibier geschilderten 'Lucie'. Dieser, Dr. L. und Mr. T.-S. hatten sich - unabhängig von einander - erhoben, um die Gestalt aus noch größerer Nähe zu betrachten, wobei Dr. Gibier sogar vor den Eingang zum Kabinett zu stehen kam. 'Lucie' mag dies für einen 'einkreisenden Angriff' gehalten haben; jedenfalls zog sie 'hastig' eine Menge ihres Gewandstoffs, den sie auf den Knien der Sitzer ausgebreitet hatte, wieder an sich, 'stürzte zu unsern Füßen zusammen, wie ein Kartenhaus, gerade als ich meine Hände ausstreckte, uin sie anzurühren, und verschwand fortschreitend und in höchstens 2 Sekunden, wie sie gekommen war, aber diesmal etwa 50 cm von den Vorhängen entfernt, in deren Nähe ich stand und die sich nicht bewegten. Tatsächlich versperrte ich den Eingang zum Kabinett, und sie hätte dasselbe nicht betreten können, ohne über mich hinwegzuschreiten. Kurz ehe der letzte weiße Punkt . . . auf dem Teppich verschwand, bückte ich mich, um die Hand daraufzulegen, konnte aber keine Spur mehr von ihm fühlen; es war nichts mehr da.' (Dr. Gibier vergewisserte sich augenblicklich der fortbestehenden Fesselung des Mediums, Mrs. Salmón.) 8 Wie die Entstehung, so soll aber auch die Auflösung des Phantoms gelegentlich nicht einmal im Sitzungszimmer geschehen. Ein Bericht dieser Art - wenn auch zweiter Hand - findet sich in den Aufzeichnungen einer guten Zeugin, der schon mehrfach erwähnten Miss E. K. Bates. Mr. Knapton Thompson, ein 'scharfsinniger und praktischer' Großkaufmann und Erfinder englischer Herkunft, pflegte bei dem Medium Mrs. Stoddart Gray in New York das Phantom seiner vor einigen Jahren verstorbenen Tochter zu treffen. An dem fraglichen Abend war dieses aus dem Kabinett hervorgetreten, und Miss Bates hörte das Medium 'deutlich' zu dem neben ihr (Miss Bates) sitzenden Mr. Thompson sagen: 'Wollen Sie nicht Ihre Tochter ins nächste Zimmer führen? Wir sind unser viele heute, und Sie würden dort mehr Ruhe haben.' 'Mr. Thompson erhob sich sofort, begrüßte die materialisierte Gestalt, und beide begaben sich durch die Flügeltür ins Empfangszimmer.' Miss Bates hatte ihn über andern Erscheinungen ganz vergessen, als sie be- 1) bei Tweedale 327. Ähnlich Delanne II 328 (Mrs. Allen). 2) bel Bozzano, Casi 132. 3) bei Delanne II 511 f. Vgl. Brackett 12; Bates 78 (Versinken durch den Teppich, unmittelbar vor einem 'skeptischen jungen Arzt', Dr. Covernton; Medium - Mrs. Stoddart Gray in Newyork). Die körperliche Selbständigkeit der Materialisation 219 merkte, daß er zurückgekehrt war und wieder neben ihr saß. 'Ich fragte ihn sofort, wo er seine Tochter gelassen habe. Eine gute halbe Stunde mußte zwischen seinem Fortgehn und Zurückkehren verstrichen sein. Er sagte, ganz einfach und als ob es sich um das Natürlichste handelte: 'O, sie hatte keine Lust, in dies Zimmer voller Menschen zurückzukommen. Wir plauderten eine halbe Stunde, und dann dematerialisierte sie sich, und ich kam allein zurück.'1 Diese Schilderungen stimmen mit den früher mitgeteilten in vielen Einzelheiten gut überein, weichen aber in einem von den meisten derselben ab: Ausgangs- und Endpunkt der wahrnehmbaren Entwicklung des Phantoms ist nicht ein Fleck am Leibe des Mediums, sondern eine angebbare Stelle in dessen näherer oder fernerer Umgebung. - Fragen wir nun aber, ob ein solcher Abstand des anscheinenden 'Keimpunkts' vom Medium eine weitgehende körperliche Selbständigkeit des Phantoms beweise, so kann die Antwort vorsichtigerweise nur verneinend lauten. Die erwähnten Entfernungen scheinen in den meisten Fällen etwa 1 m und nur gelegentlich mehr als 2 m betragen zu haben. Das günstigste 'Wirkungsfeld' für die Phänomene bei Willy Schneider z.B. (die doch durchaus 'medialen' Ursprungs waren) lag 1-1.20 m von der rechten Hüfte des Mediums entfernt.2 Dieses Maß wird allerdings in einigen der obigen Beispiele beträchtlich überschritten; indessen - wie dürften wir uns bei so unverstandenen Dingen schon jetzt auf Zahlen festlegen? Eine bloß unwahrnehmbare 'Nabelschnur' mag, wie schon angedeutet, auch solche 'im Raum' entstehende Phantome mit dem Medium verbinden; oder die 'Kanalisierung' der 'Stoffzufuhr' durch ein solches 'Band' mag nicht in jedem Fall erforderlich sein, vielmehr durch eine mehr 'zerstreute' Abgabe und gestaltende 'Wiederverdichtung' in einigem Abstand ersetzbar sein,3 oder gar durch eine vom Medium 'gelenkte' Zusammenziehung aus der Umgebung an einer entfernten Stelle. Was müssen •wir nicht alles für möglich halten, wo wir so wenig wissen! Gleichwohl gibt es wieder eine Tatsache, die uns mahnt, diese Beobachtungen von 'Abstand' zwischen Medium und Phantom-im-Entstehen als möglichen Beweis einer körperlichen 'Selbständigkeit' des letzteren nicht zu unterschätzen. Ich meine die Tatsache des objektiven Spukphantoms 'draußen im Räume'. Daß auch ein lebendig wandelnder und etwa gar photographierbarer Spuk, wie der auf Schloß Bernstein,4 zu seinem Erscheinen und Wirken irgendwelcher 'medialen Beihilfe' bedarf, mag man immerhin für wahrscheinlich halten; 1) Bates 2101. Verschwinden in der Luft (Mirabelli): o. S. 130f. 133. 2) Grober, Erk. 209. 3)Vgl. eine Beschreibung (RSMS 1900 697), wonach der Phantomrest, nachdem sich das Phantom, von einem der Sitzer an den Händen gehalten, dematerialisiert hat, ins Kabinett zu rollen scheint. 4) vgl. o. S. 29 fl. 220 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung daß er aber in so naher und enger Abhängigkeit von einem Lebenden stehe wie die Materialisation der Sitzung von ihrem Medium, darauf deutet meines Wissens auch nicht das Geringste. Ich habe in einem früheren Buch1 die Merkmale zusammengestellt, welche Experimentalund Spukphantomen gemeinsam sind, also eine gewisse Wesensverwandtschaft beider Arten andeuten. Solche Merkmale beziehen sich z. B. auf die Art der Bildung aus 'Nebeln' oder 'Wölkungen';2 aber auch auf gewisse seltene Empfindungen der Perzipienten von Spukphantomen, die jenen die Rolle 'medialer Beihilfe' zuzuschreiben scheinen. Sie berichten z.B., sie seien während der Erscheinung gehemmt, benommen, 'übel', unfähig zu reden oder zu stehen gewesen, ja einzelne beschreiben sogar jene eigenartigen 'spinnewebigen' Hautempfindungen, die wir als typische Begleiterscheinungen von metaphysikalischen Leistungen oder Materialisationen kennen.3 Es muß allerdings betont werden, daß solche Angaben merkwürdig selten sind; daß sie gerade bei vielen der erstaunlichsten objektiven Spukphantome völlig fehlen, und daß sie jedenfalls nicht über das hinausgehen, was auch die Teilnehmer an Materialisationssitzungen erfahren. Jeden Perzipienten eines objektiven Spukphantoms für ein Materialisationsmedium (im engern Sinn zu erklären, ihm die wirkliche Erzeugung solcher Erscheinungen zuzuschreiben, wäre demnach ein grober Irrtum. Sonst müßten wir doch wenigstens zuweilen bei Perzipienten von Spukphantomen auch die k r a s s e r e n Begleiterscheinungen des Materialisationsmediums finden: die krampfhafte Muskelanspannung, die 'Geburtswehen' und Zuckungen, den tiefen Trans, die besorgniserregende Erschöpfung, u. dgl. m. Nichts von alledem zeigt die Erfahrung, und das ist schon fast Beweises genug, daß beim objektiven Spukphantom, d. h. dem räumlich freizügigsten, der 'Keimpunkt' und schöpferische A n t r i e b in 'ihm' selbst gelegen ist; daß also hier die räumliche Absonderung vom Perzipienten auch Selbständigkeit des Wesens bedeutet. Aber die Ähnlichkeiten zwischen Spuken und Sitzungsphantomen gehn noch weiter. Auch im Experimentierzimmer werden z. B. mitunter jene 'Schritte' gehört, die wir als gewöhnlichsten Bestandteil des soz. medienfreien Spukes kennen. Bei Kluski wurden sie während der Warschauer wie auch der Pariser Sitzungen vernommen, gelegentlich zugleich mit dem ja ebenfalls typisch spukigen 'Rascheln wie von schleifenden Gewändern',4 und Morselli glaubte sie auch im Kabinett der 1) Mattiesen, Kap. LVI (590fl.). 2) Bei Spontanphantomen z. B.: Pr X 125; Gurney 1526f.; 1175.123. 182.449t.; Lombroso 319f. Auch bei 'Halluzinationen' (z. B. Bolsmont 257fT.); aber bez. dieser stellt sich Ja auch die 'Wirklichkeits'-Frage (vgl. o. S. 1591.). 3) Vgl. o. S. 1791. 4) Geley 302. 313. 315. 343. Die körperliche Selbständigkeit der Materialisation 221 Lusapia zu hören.1 - Das seltsamste beiden Arten von Phantomen gemeinsame Merkmal aber ist jene bekannte von ihnen ausgehende 'eisige Luft', der 'kalte Wind' oder 'Hauch' in der Nähe des Phantoms. Ich habe mich auch über diese Tatsache in jenem früheren Buch ausführlich geäußert;2 sie dürfte eine sehr eindringende Sonderuntersuchung verdienen. Sie würde uns hier aber allzuweit vom Wege abführen, zumal das Problem noch dadurch verwickelt wird, daß auch bei anscheinend völlig 'subjektiven' übernormalen Leistungen - beim sog. Rutengehen, bei automatischem Schreiben, bei telepathischen Eindrücken, beim Fernschauen mit dem Bewußtsein der Ortsanwesenheit - die Empfindung einer 'eisigen Luft' oder gar eines 'kalten Windes' auftritt. Immerhin kennzeichnet sich die überwältigende Mehrzahl aller Kälte-Beobachtungen durch das gleichzeitige Auftreten eines (häufig kollektiv wahrgenommenen) Phantoms, von welchem die Eiseskühle auszugehen scheint; oder doch telekinetischer Leistungen, bei denen die Beteiligung phantomhafter Gliedmaßen mindestens zu vermuten ist.3 Hier dürfte die natürlichste Deutung vielleicht doch darin liegen, daß die fragliche metaphysiologische Leistung dem Lebenden, der sie medial ermöglicht, (und etwa noch der umgebenden Luft?) eine gewisse Energiemenge, also auch Wärme, entzieht; werden doch gerade auch jene 'Ausströmungen', die man zuweilen an Medien unzweifelhaft objektiv beobachtet, als kalt empfunden, von den Experimentierenden wie vom Medium selbst;4 und empfinden doch zuweilen 'Sensitive' sogar gewisse Lebende als 'kalt' und geben als Grund dafür am, daß diese ihnen 'magnetische Kraft' entzögen.6 Der Umstand aber, daß diese Kälteempfindung ebensowohl bei den Materialisationen der Sitzung wie bei den Phantomen des Spuks empfunden wird, kann dann offenbar eine weitere Angleichung beider Gruppen im Sinne der Objektivität begründen. Es bleibt also dabei: das objektive und doch nicht als ideoplastische Materialisation vom Perzipienten erzeugte Spukphantom verleiht der Tatsache Bedeutung, daß auch das Phantom der Sitzung zuweilen in 'räumlicher Unabhängigkeit' vom Medium auftritt, d. h. nicht unmittelbar aus seinem Körper hervorgeht. Die räumliche Freizügigkeit des Sitzungsphantoms kommt also wohl als möglicher Hinweis auf seine 'körperliche Selbständigkeit' in Betracht. Daß dieser Hinweis aber keineswegs zwingend erscheint, liegt an der Denkbarkeit unsichtbarer Verbindungen zwischen Medium und Phantom. - Ich muß auch daran 1) APS V 353. 2) Mattiesen 592 ff. Das. Einzelnachweise für das Folgende. 3) Mattiesen 593; ferner Holms 303; Henslow 84 (bei direkter Stimme!)- 4) Maxwell 310; PS X X X I V 722; APS I I I 22; V 306f. 352; VI 106; Pr X X I I I 458 u. ö. 5) ATM XI, 1 430.; Daumer, Hauser I 10; Reichenbach I 139ff.; du Prel, Stud. I 154. 222 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung erinnern, daß wir in einem früheren Zusammenhang objektiv wirksame Phantome Lebender kennen gelernt haben, die gelegentlich in noch viel weiteren Abständen von den letzteren, also gewissermaßen ihren Medien auftraten, als bei Sitzungsphantomen je beobachtet wird.1 Natürlich gleichen jene Phantome ihrem Entsender völlig, während ja die nicht unmittelbar aus dem Medium hervorgehenden Sitzungsphantome ihrem Medium durchaus unähnlich sind. Um beide Arten einander anzugleichen, müßte man also im letzteren Falle noch Ideoplastie voraussetzen; und so verfilzt sich auch diese letzte Vergleichung wenig aussichtsreich mit den schwierigsten Problemen der Phantomatik. 12. Die seelische Selbständigkeit der Materialisation In der Hoffnung, festeren Boden unter den Füßen zu gewinnen, spiele ich indessen nunmehr den Begriff der Selbständigkeit auf das seelische Gebiet hinüber, wo er uns, nach oben Gesagtem, weit reichere Ausbeute verspricht. Als sonderbarstes Bestandstück des Vollphantoms in animistischer Auffassung stellte ich es hin, daß das Medium nicht mir einen leidlich normalen Vollkörper 'schaffen', sondern ihn auch mit einein persönlichen Innenleben ausstatten sollte, das sich von dem des Mediums deutlich unterscheidet. Dieser seelischen Unterschiedenheit, die schon in früheren Beispielen zuweilen bis zur Gegensätzlichkeit anstieg, müssen wir jetzt genauer nachgehn. Damit nähern wir uns den oft sehr flüchtig beiseite geschobenen Kernproblemen der Phantomatik. Daß schon für sich beobachtete 'Hände' ein leicht erkennbares eigenwilliges Leben verraten, ist im Bisherigen so oft belegt worden, daß ich es hier kaum noch besonders zu betonen brauche. Auch ist ihre Geschicklichkeit selbst in feinsten Leistungen - oft auch im Dunklen - der Selbständigkeit ihres Handelns durchaus angemessen. Ein Beispiel für jede dieser Eigentümlichkeiten: Dr. Mucchi berichtet über eine Eusapia-Sitzung in der Turiner Psychiatrischen Klinik: 'Ich war im Begriff, das Kabinett zu betreten [vor welchem das Medium saß], wurde aber von zwei aus nichts gemachten Händen zurückgestoßen. Ich fühlte sie; sie waren gewandt und flink, sie faßten mich, schoben mich rückwärts . . . und zogen mich vorwärts, wenn ich zurückwich... [Dieser Kampf dauerte einige Zeit.] Endlich faßte ich den Tonklumpen, den diese Hände so hartnäckig für sich beanspruchten. Als ich mich zurückzog, warfen sie mich mit einem heftigen Stoß hinaus, der alles beinahe über den 1) s. Bd. I I S. 372 ff. Die seelische Selbständigkeit der Materialisation 223 Haufen warf. Auf dem Ton fanden sich zwei oder drei Eindrücke wie von einer geschlossenen Faust.'1 Anderseits wurde dem Prof. Schiaparelli, dem berühmten Astronomen, gelegentlich in Eusapias Gegenwart die mit zwei Federn befestigte Brille so kunstvoll abgenommen, daß erst das Vermissen des Druckgefühls ihn veranlaßte, sich zu überzeugen, daß er sie nicht mehr trug. Ja in Lombrosos Gegenwart wurde ein Teller mit Mehl so geschickt 'das oberste zu unterst* gekehrt, daß kein Stäubchen verstreut wurde.2 Die gewalttätigen wie die geschickten Hände im allen solchen Fällen gehörten 'John King', dem 'Führer' der Eusapia, ein, dessen mächtige Gestalt bei andern Gelegenheiten auch als Ganzes gesehen wurde. Der Animist faßt solche Führer-Persönlichkeiten, wie schon gesagt, als festgewohnite 'Personationen' des Transbewußtseins auf, zugleich als Ausdruck einer seelischen 'Spaltung', wie sie der heutigen Psychopathologie und Hypnologie längst geläufig geworden ist. Die Begriffe dieser suggestiven 'Persönlichkeitsbildung' sind es denn auch, die wir durchweg in erster Linie an den Tatsachen seelischer 'Selbständigkeit' von Phantom- Leistungen zu erproben haben. Sind dies Handlungen bloßer Gliedmaßen, so erscheint es nicht schwierig, ihre 'Selbständigkeit' im 'Unterbewußtsein' des Mediums verwurzelt zu denken, das sich hier nur eben abnormer 'Organprojektionen' bedienen würde. Sitzt das handelnde Glied an einem ganzen Phantomleibe, so entsteht freilich die Frage, ob wir diesen insgesamt als umfassendere 'Projektion' betrachten sollen, oder ob der Anschein uns zwingt, die seelische Lenkung der Handlung 'ins Phantom selbst zu verlegen'. Im letzteren Fall ergäbe sich die eigenartige Nötigung, das 'Spalt-Ich' des Mediums als Ganzes in einen ideoplastischen Sonderleib verlegt vorzustellen. Die Frage, was davon zu denken sei, noch verschiebend, aber ständig vor Augen haltend, betrachten wir zunächst die Leistungen phantomhafter Teilgebilde in ihrer sich steigernden 'Selbständigkeit'. Von musizierenden und von schreibenden 'Händen' ist schon früher die Rede gewesen; die Fälle ließen sich mühelos vermehren; doch geht die Selbständigkeit dieser Leistungen fast nie über das der automatisch- unterbewußten Schicht ohne weiteres Zuschreibbare hinaus. Die folgende Beobachtung Prof. M. Seilings mag immerhin vorgelegt werden, weil das gesamte Gehaben der schreibenden Hand einen seltsam eigenpersönlichen Eindruck macht. In einer seiner Sitzungen mit Mrs. d'Espérance ließ sich diese Papier und Bleistift reichen, um möglicherweise durch automatische Schrift zu erfahren, 1 ) APS V 309. Wir entsinnen uns solchen "Stoßens' im Wesleyschen Spukhaus. (Vgl. o. S. 34. 54 u. Owen, Footfalls 165.) 2) Rochas, Motr. 67. 32. (Ich erinnere an das unglaublich geschickte Umherwirbeln des Schalltrichters in Dunkelsitzungen für 'direkte Stimme': o.S. 171. > 224 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung warum bei dieser Gelegenheit die 'Geister' 'aus dem Kabinett nicht recht herauswollten. .. Doch kaum hatte das Medium das Papier auf den Schoß gelegt, um sich zum Schreiben anzuschicken, als sich aus dem Kabinett langsam eine Hand näherte, die sich dann plötzlich wie ein Raubvogel des Papiers und Bleistifts bemächtigte und . . . nach heftigen Bewegungen mit dem Papierbogen an der Spalte des hinderlich scheinenden Vorhangs verschwand. Gleich darauf hörte man deutlich schreiben, und zwar entsprach der Ton des dadurch verursachten Geräusches ganz dem Umstand, daß sich im Kabinett keine Unterlagie zum Schreiben, weder ein Tisch, noch ein Stuhl, befand. Dann sah man die Hand mit dem einmal durchgerissenen Papier auf den mir gegenübersitzenden Kapitän T. zukommen, welcher es ergriff und dem Medium zurückgeben wollte. Allem Anschein nach ganz unwillig Über dieses Vorhaben, riß die Hand das Papier von neuem gewaltsam an sich, schüttelte es im Kabinett nochmals heftig und gab es dem Kapitän mit einer Gebärde zurück, aus der man leicht schließen konnte, daß er es behalten solle, was er dann auch tat. Vermutlich sollte auf diese derbe, teilweise komisch wirkende Art festgestellt werden, daß das Medium bei Herstellung der Schrift in keiner Weise beteiligt war, daß man also eine direkte Geisterschrift erhalten habe. Auf dem Papier standen die sehr deutlich .. - geschriebenen Worte: 'Jag skall hjälpa dig' (Ich werde dir helfen).'1 Das Problem verschärft sich ein wenig, wenn die Tätigkeit phantomhafter Gliedmaßen sich gegen das Medium richtet, - das sie doch erzeugt haben und lenken soll. Eusapias Kopf wird z. B. einmal von einer aus dem Vorhangspalt hervorkommenden sehr großen Hand ergriffen und 'heftig rückwärtsgezogen', sodaß sie 'um Hilfe ruft'.2 - Ein andermal erhält sie, als sie sich neugierig umwendet, von einer im Kabinett auftretenden Hand einen kräftigen Nasenstüber. 3 - Wieder bei andrer Gelegenheit, als die Drs. Herlitzka und Foa, Assistenten des Prof. Mosso, eine photographische Platte in Stellung bringen wollen, wird dies 'von einer gewaltigen Hand verhindert, die weder einem der Anwesenden noch auch dem Medium gehört' und in erbittertem Kampf die Platte offenbar zu zerbrechen sucht. Das Medium erklärte selbst, daß in den Sitzungen Willenskräfte tätig seien, die dem Willen der Anwesenden und seinem eigenen entgegenwirken.4 - Oder man erwäge folgenden von Dr. V. Scozzi berichteten Vorfall: Zu vorgerückter Stunde und bei allgemeiner Erschöpfung schlägt Graf Mainardi die nächste Sitzung für den folgenden Tag vor, was auch durGh drei Schläge der Kontrolle 'John King' gebilligt wird. Nur Eusapia widerstrebt unter verschiedenen Vorwänden, deren jeder jedoch durch zunehmend kräftige Schläge zurückgewiesen wird. Als das Medium doch noch mit zitternder Stimme neue Einwände macht, 'hört man das Geräusch von zwei kräftigen Ohrfeigen, die auf ihr Gesicht niederfahren und natürlich jeden weiteren Widerstand ihrerseits abschneiden.' Eu- 1) Seiling 8. 10 (die Worte hatten guten Sinn). Leidliches Licht. 2) APS VI 104 3) PS XIX 557. 4) Lombroso 235. Vgl. Prof. Porro in RSMS Okt. 1901 221. Die seelische Selbständigkeit der Materialisation 225 sapias Füße und Hände waren dabei noch streng Oberwacht, wie während der ganzen Sitzung.1 Solchen Vorgängen gegenüber weist der Animist darauf hin, daß auch unterbewußte oder 'alternierende' Spaltpersönlichkeiten nicht bloß sehr starke Wesensabweichungen gegenüber dem bewußten oder normalen Ich offenbaren, sondern auch oft diesen Gegensatz in Handlungen neckender oder gar boshaft feindseliger Art betätigen. Ich brauche nur an die berühmte 'Sally' der unglücklichen Miss Beauchamp zu erinnern, die namentlich die milde und weltscheue 'B I' mit unablässigem Schabernack verfolgte, ihr Spinnen oder Schlangen durch die Post zuschickte, fertige Häkelarbeiten wieder auftrennte, u. dgl. m.3 Bei Hysterischen überhaupt versteigen sich bekanntlich außerbewußt erzeugte Handlungen zuweilen bis zu schwerer Selbstschädigung der Kranken - Verwundungen u. dgl. -; und müssen v> ix nicht, nach animistischer Anschauung, alle Medien der Gattung hysterisch Gespaltener zuzählen? Dies alles ist, abstrakt betrachtet, kaum zu widerlegen. Aber nicht überall ^irkt es sonderlich überzeugend. Das Trans-Ich des Mediums ist für den Animisten vor allem dasjenige Zentrum, welches die Phänomene und ihre Beglaubigung in jeder Hinsicht fördern will. Warum also verhindert die 'fluidische, Hand bei Eusapia eine photographische Aufnahme, die doch nur dieser Beglaubigung dienen würde? Ein weiterer Umstand, der unser Problem zu verschärfen scheint, ist die nicht selten beschriebene Gleichzeitigkeit mehrerer verschiedener Verrichtungen durch Phantomglieder. In einer der letzten Palladino-Sitzungen der Genueser Reihe faßte Sgr. Barzini Aber den Haaren des Mediums eine fremde Hand, die sich bewegte; gleichzeitig aber blähte sich die linke Seite des Kabinettvorhangs auf, gehalten von einer Faust, die sich vorbewegte und den Stoff Ober den das Medium Kontrollierenden schüttelte, während Bozzano, 1 m von Eusapia entfernt, sich mehrmals an der Schulter berührt fühlte.3 Bedeutsamer noch sind die Fälle, in denen irgendwelche 'Hand'- Leistung mit dem Auftreten eines gesonderten Vollphantoms zeitlich zusammenfällt. In einer von Dr. Scozzi beschriebenen Palladino-Sitzung z. B. wurde dieser (aus b : timm e Ver nla sang) v ;n einer großen Hand' (angeblich derjenigen 'John Kings') am Kopfe gedrückt, 'magnetisiert und massiert1 Während dieser ganzen Zeit aber unterhielten sich Graf und Gräfin Mainardi 1) bei Delanne II 228. Vgl Brofferio 235 (Ohrfeige); Tummolo 456, Hegy 92 ('schallender Schlag im Gesicht des Mediums') und Eusapias 'Levitatlon' troz starken Widerstrebens: APS VI 87f. Vgl. Falcomer 65 (Fortziehen des Stuhls und Niederstürzen des Med.); 64 (Nadelstechen); Vassallo77 (Furchtd. Mediums); Hegy 62 (zu-Boden-werfen des Mediums). 2) Prince 15611. Vgl allgemein Mattiesen 59 ff. 63 ff. 3) Lombroso 201 (das. weiteres). M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben III 16 226 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung mit einem Phantom, das ihr verstorbener Neffe Teodoro zu sein vorgab, sich während eines großen Teils der Sitzung kundgab und ihnen Beweise seiner Liebe lieferte.1 'In einer Mailänder Sitzung,' schreibt Lombroso, 'als Eusapia in besonders tiefem Trans lag, sahen wir .. . zur Rechten die Gestalt einer Frau erscheinen, die zu mir ein undeutliches Wort äußerte, anscheinend 'Schatz'. In der Mitte, mir zunächst, befand sich die schlafende Eusapia, und darüber schwoll der Vorhang mehrmals hervor; gleichzeitig bewegte sich zur Linken ein Tisch im Kabinett und wurde von dorther ein kleiner Gegenstand auf den Tisch in unsrer Mitte verbracht.' Lombroso erblickt in solchen mehrfachen Vorgängen ausdrücklich ein Argument gegen die Theorie, nach welcher die Phänomene auf eine 'Projektion oder Transformation der psychischen Kräfte des Mediums' zurückzuführen seien, wie er dies früher selbst vertreten habe.2 Prof. Porro wiederum, in seinem Bericht Ober die Sitzungen im Circolo Minerva, beschreibt die Unterhaltung seines Platznachbarn mit einem von 'John King' völlig verschiedenen Wesen, das jenem deutlich hörbar die Hand auf den Mund hielt, um ihn am Sprechen zu verhindern. Etwa gleichzeitig traten aber auch Kinderhände auf, 'und endlich erforderte während des ganzen Abends die Beförderung von Blumen und des Tamburins - Hände, um sie zu halten.' Auch Porro ist der Ansicht, daß solche gleichzeitigen mehrfachen Phänomene der übereilten 'Hypothese einer Verdoppelung des Mediums' einen 'sehr schweren Schlag' versetzen.9 Eis ist nicht leicht, das Gewicht solcher Argumente überzeugend einzuschätzen. Der Animist kann erwidern - und hat erwidert4 -, daß die beobachteten Grenzzahlen 'gleichzeitiger' Spaltungen nicht notwendigerweise die höchst-möglichen seien, und daß gerade das Medium Verlockungen habe, hierin das Äußerste zu leisten, weil eben weitestgehende Spaltung als spiritistisches Argument betrachtet werde! Dies ist natürlich eine Form des üblichen Verfahrens, Voraussetzungen, die der grundsätzlich vertretene Standpunkt erfordert, eben zu machen; und ich will mit solch abstrakter Aufstellung von Möglichkeiten nicht abstrakt streiten. Ich sage nur: sollte die hier immerhin bezeichnete Schwierigkeit durch weitere noch überboten werden, denen nicht so leicht auszuweichen wäre, so würde sie fraglos mit ins Gewicht fallen. Gehen wir indessen dazu über, die seelische Selbständigkeit, wie sie hier an Phantomgliedern belegt wurde, nun auch auf dem weit schärfer problemauftreibenden Boden des Vollphantoms zu betrachten, nachdem die letzten Beispiele bereits eine Mischung beider Formen gezeigt haben. Wir finden auch hier die höchste Selbständigkeit und Eigenart im persönlichen Auftreten der einzelnen Phantome, selbst 1) bei Delanne II 2191. 2) ASP 1908 34. 3) RSMS Okt. 1901 223. Vgl. diu. Mai 1903 459. 4) Barnard 50. Die seelische Selbständigkeit der Materialisation 227 rasch nach einander, wenn nicht gar gleichzeitig auftretender, und das alles sogar während voller Erhaltung der wachen Persönlichkeit des Mediums. Dr. Geley z. B. beschreibt selbstbeobachtete Materialisationen bei Kluski, an denen meist die Gesichter der am deutlichsten, aber nicht der einzig sichtbare Teil gewesen zu sein scheinen. Diese Gesichter waren von natürlicher Größe und stellten sehr verschiedene Typen dar: z.B. ein altes zahnloses und verfaltetes Weib (mit 'sehr deutlichen Zügen'), einen 'jungen Mann, mit großen schwarzen Augen und dünnem Schnurrbart', ein 'schönes männliches Gesicht' u. dgl. m.1 Diese Gesichter nun, sagt Geley, 'waren lebendig. Ihr sehr lebhafter Blick heftete sich fest auf die Beobachter. Ihre ernste und ruhevolle Physiognomie strahlte den Ausdruck strenger Würde aus. Diese Wesen schienen sich der Wichtigkeit ihrer Rolle bewußt zu sein.' Da das Rotlicht im Sitzungszimmer nur schwach war, ergriffen sie, um sich besser betrachten zu lassen, häufig eine der auf dem Tisch liegenden Leuchtplatten und führten sie ans Gesicht. 'Bei andern Gelegenheiten erhellten sich die materialisierten Gestalten . . . durch einen phosphoreszierenden Stoff... Ziemlich häufig aber waren die Gesichter auch selbstleuchtend.'2 - Wenn in diesen Sitzungen Gußformen erzielt worden waren, so legten andre dieser Wesen eine unverkennbare Teilnahme dafür an den Tag. 'Ich habe in Warschau,' sagt Geley, 'eins dieser Wesen die Leuchtplatte ergreifen sehn, deren Licht es auf die Handgußformen richtete, die es lange und mit leidenschaftlicher Neugier betrachtete.'3 Es lohnt sich, diese Aussagen durch eine Schilderung zu ergänzen, welche Prof. Pawlowski von eben diesen Phantomen Kluskis entwirft. 'Das Überraschendste und Bemerkenswerteste an diesen Erscheinungen, soz. das für mich Wichtige daran, war ihr vollkommen menschliches Betragen. Sie benahmen sich wie Teilnehmer an einer Gesellschaft. Bei ihrem Rundgang um den Tisch begrüßten sie die ihnen vertrauteren Sitzer mit einem Lächeln des Erkennens, während sie Neulinge aufmerksam betrachteten. Der neugierige Ausdruck ihrer Augen ist schwer zu beschreiben und gleicht dem von Kindern im Alter des Erwachens der Vernunft... Einige Phantome benehmen sich sehr gesetzt, andre zeigen eine heitere Veranlagung. Ich konnte aus ihren Bemühungen, unsre Blicke, unser Lächeln, unsre Fragen und Antworten zu verstehn, wie auch aus ihren Handlungen entnehmen, daß ihnen sehr daran liegt, uns zu überzeugen, daß sie wirkliche Wesenheiten und keine Illusionen oder Halluzinationen sind.'1 (Gegenüber dem Ausweg des Zweiflers; daß es sich eben um lebende Menschen handle, verweist Pawlowski auf die immer wieder auftretenden Materialisationen bloßer Hände, Anne und Köpfe und auf die besonders bei Erschöpfung des Mediums verringerte Größe der Phantome. - Auch v. Klinckowström weiß sich Kluski gegenüber nur mit der Annahme von Helfershelfern herauszureden und betont zu diesem Zweck, daß gewisse von ihm ausführlich herangezogene Sitzungen in Klus- 1) Geley 2811. 391. 2) Da". 280. 3) Da". 288f. Über da" eigentümlich klingende Reden dieser Phantome s. das. 318. 4) ZP 1926 20 (nach JAmSPR). 15* 228 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung kis eigner Wohnung stattfanden, ja daß die einzige - vermutlich unzulänglich 'verriegelte' - Tür sich 'im Rücken des Teilnehmer-Halbkreises, im dunkelsten Teil des großen Raumes' befunden habe.1 - Man kann sich leicht aus Geleys Werk überzeugen, daß viele völlig gleichartige Sitzungen nicht in Kluskis Behausung stattfanden, sondern z.B. in der des M.Jules Roche, oder im Pariser Institut Métapsychlque.2 - Überhaupt erscheint mir v. Klinckowstroems Beitrag über Kluski als einer der schwächsten des Dreimännerbuches, und angesichts der vielen bedenkenlosen 'Erweisungen' von Medienbetrug in jenem Werke wiegt es gewiß nicht leicht, wenn der Verf. schreibt, Kluski solle mit dieser Zergliederung der Sitzungsberichte 'keineswegs des Betruges angeklagt werden. Es handelt sich für uns lediglich um eine rein akademisch-theoretische Untersuchung, ob die Sitzungsprotokolle jede Betrugsmöglichkeit ausschließen oder nicht.'9 Dann hätten aber die Berichte doch in sehr viel größerem Umfang 'zergliedert' werden sollen, und nicht unter Bevorzugung von Sitzungen, die in der Wohnung des Mediums stattfanden.) Von Mrs. d'Espérances mehrfach erwähnter 'Yolande' sind uns die typischen Stufen der Bildung und des Verschwindens sehr oft in glaubwürdiger Weise beschrieben worden, und wir dürfen wohl sagen: wenn es echte lebendige Vollphantome gibt, so ist dies ein Musterbeispiel für sie. Nun, folgendes ist die Beschreibung, die uns das Medium nach allem von ihm s e l b s t B e o b a c h t e t e n (es war ja meist vollwach), nach Berichten von Sitzern und nach gleichzeitigen Aufzeichnungen des Hrn. F. von Yolandes seelischer Eigenart liefert. Schon bei ihrem ersten Auftreten 'erschien ihre Wißbegierde grenzenlos. Alles, was sie sah, fesselte sie aufs höchste, von den Kleidern der Anwesenden bis zu den Möbeln im Zimmer. Die Orgel war ihr besonderes Ent- •zücken, und es gelang ihr rasch, die Liedweisen nachzuahmen, welche Mrs. B. für sie spielte, obschon sie nie imstande war, die Blasebälge zu bedienen, deren Zweck sie anscheinend nicht begreifen konnte.' Eine ähnliche, narh mancherlei Versuchen ergebnislose Neugier zeigte 'Yolande' für eine Trompete, welche einer der Herren, ein Polizeidetektiv, eines Abends zu ihrem Vergnügen spielte. Dagegen wußte sie einige Silberglöckchen, die ihr jemand gegeben hatte, wohl zu verwenden; sie band sie um Hand- und Fußgelenke und ließ sie zum Tanz erklingen. 'Yolande entwickelte bald eine bemerkenswerte Geschicklichkeit. Ihr fruchtloser Betätigungsdrang, ihre kindliche Neugier und ihr Staunen über jedes ihr vor Augen kommende neue Ding erweckte unser aller Anteilnahme. Sie hatte eine große Vorliebe für leuchtende Farben und glitzernde Gegenstande, untersuchte mit gespanntester Aufmerksamkeit die Schmucksachen, welche die Damen trugen, schmückte sich zuweilen damit und schien aus den bewundernden Bemerkungen der Anwesenden größtes Vergnügen zu schöpfen. Eine Dame brachte einmal einen persischen Seidenschal von glänzendster Farbe mit, den Yo- 1) DMB 405 2) Geley 280f. 284. 3) DMB 407. Die seelische Selbständigkeit der Materialisation 229 lande mit großem Entzücken betrachtete und alsbald um ihre Schultern und Hüften schlang. Man konnte sie garnicht bewegen, sich davon zu trennen .. . n Es ist wertvoll, aus der Feder eines Forschers vom Range Crookes' Berichte zu besitzen, die im Grunde nicht weniger besagen als der eben angeführte, den der völlige 'Laie' noch eher bezweifeln mag. Schon die früher wiedergegebenen Schilderungen 'Katie Kings' liefern das Bild einer seelisch durchaus selbständigen Persönlichkeit; aber auf den gleichen Tom ist alles gestimmt, was Crookes je über dies Phantom geschrieben hat. •Wie könnte ein Lichtbild [und er besaß ja Dutzende von Aufnahmen 'Katies'] . . . den ständig wechselnden Ausdruck ihrer höchst beweglichen Züge wiedergeben, bald von Trauer überschattet, wenn sie einige der bitteren Erfahrungen ihres vergangenen Lebens berichtete, bald lächelnd mit der ganzen Unschuld eines glücklichen Mädchens, wenn sie meine Kinder um sich versammelt hatte und sie mit den Geschichten ihrer indischen Abenteuer unterhielt.' 2 Einmal 'fragte sie mich, ob sie ein Experiment versuchen dürfe, nahm die Phosphorlampe aus meiner Hand und verschwand hinterm Vorhang, nachdem sie mich gebeten, ihr nicht nachzublicken. Nach wenigen Minuten gab sie mir die Lampe zurück, weil es ihr, wie sie sagte, nicht gelingen wolle, da sie die ganze Kraft schon aufgebraucht habe; doch wolle sie es ein andermal wieder versuchen. Mein ältester Sohn, ein Knabe von 14 Jahren, der mir gegenüber in solcher Stellung saß, daß er hinter den Vorhang blicken konnte, teilt mir mit, er habe die Phosphorlampe anscheinend im Raum über Miss Cook umherschweben und die reglos auf dem Rühebett liegende beleuchten gesehn, aber niemand, der die Lampe hielt.'8 Ich darf nicht eine Äußerungsweise seelischer Selbständigkeit übergehen, die natürlich auch erst bei voller Ausbildung des Phantoms zur Geltung kommen kann: sein Reden. Die Tatsache ist ja schon in vielen um andrer Beweispunkte willen angeführten Berichten miterwähnt worden; sie gewinnt aber hier erst ihre volle Bedeutung. Wir wissen bereits, daß das Phantom sehr häufig den Anwesenden Rede und Antwort steht, wenngleich in andern Fällen sein Ausdrucksvermögen sich auf Mienenspiel und Gebärden beschränkt. Es genügt eigentlich, an 'Katie King' zu erinnern, deren Reden eben erst erwähnt wurde; denn dies Phantom ist vorbildlich auch in der Beziehung, daß 9ein Reden sich nicht nur an die Sitzer richtete, also an Personen, die wesentlich außerhalb des Materialisationsvorgangs stehen, sondern auch an sein Medium selbst, was natürlich im Sinn unsrer augenblicklichen Frage eine starke Zuspitzung bedeutet. Dieser Tatbestand ist in den früheren Beschreibungen 'Katies' schon belegt worden, mag aber bei seiner Wichtigkeit hier noch von weiteren Zeugen erhärtet werden. 1) d'Espérance 248". 2) Crookes 126. 3) Das. 1191. 230 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Aksakow hatte in einer seiner Londoner Sitzungen mehrfach mit "Katie' Frage und Antwort getauscht, als sie ihm auf seinen Wunsch, in unmittelbarem Anschluß an ihr Erscheinen, das Medium im Kabinette zeigte.1 An diese kurze Verhandlung nun schloß sich, nach seinem Bericht, 'ein merkwürdiges Zwiegespräch' zwischen der erwachenden Florence Cook und Katie, die ihr Medium 'von neuem einschläfern' wollte, wobei aber Katie schließlich nachgeben mußte und sich verabschiedete.2 - Ein andres Gespräch zwischen diesen beiden, das gleichfalls einen deutlichen Gegensatz zutagetreten ließ, berichtet Mr. Harrison aus der Sitzung vom 25. Aug. 1872 im Cookschen Hause. Als Katie gewisse Verrichtungen mit einem Stoffgewebe ihrer Gewandung ausführte, widersetzte sich Miss Cook mit den Worten: 'Geh fort, Katie, ich mag nicht so gerieben werden;' worauf Katie (immer fortreibend): 'Sei nicht töricht; nimm ab, was du auf dem Kopfe hast, und sieh mich an.' Miss Cook: 'Ich will nicht. Laß mich, Katie, ich mag dich nicht. Du machst mir bange.' Katie (immer weiter reibend): 'Wie albern du bist!' Miss C.: 'Ich will mich nicht zu diesen Dingen hergeben, ich mag sie nicht, laß mich in Ruhe.' Katie: 'Du bist doch nur mein Medium, und ein Medium ist einfach ein Werkzeug, dessen sich die Geister bedienen.' Miss C.: 'Nun wohl, wenn ich nur ein Werkzeug bin, so mag ich nicht auf diese Art erschreckt werden. Geh fort.' Katie wiederum: 'Sei doch nicht töricht...' usw.(r) - Man braucht diese Wiedergabe nicht für wörtlich genau zu halten und darf doch glauben, daß Harrison eine Unterhaltung von betonter innerer Gegensätzlichkeit zwischen zwei Wesen angehört habe, deren jedes man auch für sich hat reden hören. Wie diese (übrigens leicht vermehrbaren) Beispiele zeigen, läßt auch das Auftreten von Vollphantomen auf ein selbständiges und durchaus persönliches Innenleben schließen, das mitunter selbst in Denkart und Stimmung vom Medium deutlich abzuweichen scheint. Ich brauche nun nicht zu wiederholen, daß der Animismus auch solchen Beobachtungen gegenüber sich nur durch den Rückgriff auf Tatsachen der Spaltungspsychologie zu helfen vermag. Vor allem natürlich den Fällen gegenüber, wo das Medium und sein charakterlich verschiedenes Phantom gleichzeitig bewußt sind, - wie im Falle d'Espérance-Yolande; denn die Spaltungspsychologie zeigt solche Ungleichheit des Wesens ja auch beim nicht-'alternierenden', sondern 'konzentrisclien' Ich-Zerfall, bei dem das 'zweite' Ich gleichzeitig mit dem Wachbewußtsein 'am Leben' sein kann. Und ich will gleich hinzufügen, daß ich keinen Fall von seelischer Selbständigkeit des Phantoms gegenüber dem Medium kenne, wo jene über Maß und Art dessen hinausginge, was in der Psychopathologie - abseits aller spiritistischen Fragestellung - beobachtet worden ist.4 1) S. o. S. 110. 2) Aksakow 266. 3) Aus Sp Mai 1872 bei Delanne II 356. Vgl. das. 382; Geley 344. 351 (Unterredner: Sir Ol. Lodge). 4) Ich sehe hier noch ab von der Frage der 'Identifizierung* von Phantomen! Die seelische Selbständigkeit der Materialisation 231 Trotzdem verläuft die spaltungspsychologische Verarbeitung der eben dargelegten Tatsachen keineswegs so glatt, wie die Oberflächlichkeit des Animisten annehmen möchte. Zunächst muß schon auffallen, daß Medien, bei denen Phantome von seelischer Selbständigkeit häufig auftreten, im übrigen eigentlich nie eine Neigung zu seelischer Spaltung erkennen lassen. Nicht wenige bedeutende Materialisationsmedien haben 'in Zivil', also abseits ihrer medialen Leistungen, den Eindruck gesunder und ausgeglichner seelischer Veranlagung gemacht.1 Oder es wird ihnen nicht mehr nachgesagt als die erhöhte Reizbarkeit des auf irgendeinem Gebiete überbegabten Wesens. Dies muß sehr seltsam erscheinen im Hinblick auf die ungeheuerliche Neigung zu seelischem Zerfall, die wir in Fällen sehr zahlreicher und mannigfaltiger Phantomerscheinungen anzunehmen hätten. Wir lesen ja oft genug von Sitzungen, in denen acht, zwölf, ja bis zu vierzig und mehr Gestalten das Kabinett verließen. Die unterschiedliche seelische Ausstattung aller dieser Wesen mag schon infolge der Kürze ihres Auftretens meist dürftig genug sein. Aber auch das in dieser Hinsicht ohne weiteres Feststellbare beweist - schon zahlenmäßig - eine unerhörte Steigerung gegenüber allem pathologisch Beobachteten. - Dieser Einwand nimmt aber gleich noch eine andre Form an. Die angebliche Neigung zur seelischen Spaltung im 'materialisationsmedialer' Ausprägung wird, wie wir wissen, ausschließlich durch den Willen-zum-Experiment ausgelöst. In verblüffendem Gegensatz dazu betätigt sich die krankhafte Neigung zum Zerfall durchaus spontan, und nur in engsten Grenzen gelingt es dem Arzt, einzelne Spaltungsformen experimentell hervorzulocken.2 Man mag diesen Einwänden die Spitze abzubrechen suchen durch die Annahme: die ausschließliche Betätigung der Spaltungsneigung in experimentell- spiritistischen Formen sei eben eine besondere 'Idiosynkrasie' der sogenannten Medien. Dies wäre zwar eine willkürliche Annahme, ausschließlich gemacht, um eine vorgefaßte Meinung gegen auftauchende Schwierigkeiten zu verteidigen; aber sie wird - wenigstens auf dem Boden der bisher betrachteten Tatsachen allein - nicht leicht zu widerlegen sem. Indessen sind die Bedenken gegen die animistische Auffassung noch nicht erschöpft. Gegenüber den eindeutig krankhaften Tatsachen der Spaltungspsychologie zeichnen sich ja doch die medialen Leistungen durch den weiteren grundlegenden Umstand aus, daß der angeblich abgespaltene Ich-Teil sich in einen besonderen phantomhaften Leib verlegt, von dem wir dann wohl anzunehmen hätten, daß er soz. die charakterlich symbolisierende Verkörperung der seelischen Besonl) Vgl. z.B. Ohlhaver I 146 (Frl. Tambke); Geley 214f. (Kluski). 2) Vgl. Mattlesen 757. 232 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung derheiten der Spaltpersönlichkeit darstelle! Das übliche Sich-gleichen der Phantomgestalten von einem Auftreten zum andern würde dann der üblichen In-sich-Geschlossenheit der einzelnen Spalt-Iche entsprechen. Wir müßten also die oben angenommene 'Idiosynkrasie' gleich noch mit einer zweiten verkoppeln: die sog. Materialisatkxnsmedien betätigen ihre Bereitschaft zum seelischen Zerfall ausschließlich im Rahmen der (meist spiritistischen) ExperimentaLsitzung, und sie verlegen ihre Spalt- Iche vermittelst der zeitweiligen Schöpfung einer übernormalen Leiblichkeit in den Raum hinaus. Sonderbar, in der Tat; höchst sonderbar. Aber was sind wir nicht bereit zu glauben, wenn es uns nur der angeblich größten aller Sonderbarkeiten enthebt: der Annahme unsichtbarer wirklicher Wesen. Gleichwohl muß ich hier gewisse Tatsachen erwähnen, die - wenigstens auf den ersten Blick - diese Sonderbarkeit zu vermindern oder doch mit andern uirwidersprechlichen Tatsachen zu verknüpfen scheinen. Die eine hat uns schon früher genauer beschäftigt: ich meine die Tatsache, daß auch der einsehe inend nicht-mediale Mensch sich zuweilen aus seinem Leibe hinausversetzt fühlt und dort, wohin er versetzt zu sein glaubt, als objektiv tätiges Phantom erscheint.1 Dieser Vorgang bedeutet offenbar eine gewisse Annäherung an den hier vom Animisten behaupteten; eine 'Annäherung'; denn das phantomal in die Ferne versetzte Ich ist hier nicht gleichbedeutend mit einem Spalt-Ich; wir könnten es eher als 'das Traum-Ich' des Betreffenden bezeichnen; aber in den meisten Fällen scheint es ja sogar mit seinem Wach-Ich leidlich zusammenzufallen! Indessen kann ich mit einer genaueren Entsprechung aufwarten. Ich habe schon einmal eine höchst seltsame und zuverlässige Beobachtung angeführt, nach der ein echtes krankhaftes Spalt-Ich sich in der Ferne kundgegeben hat - und zwar anscheinend halbwegs auch als Phantom. Der Fall sei hier in Erinnerung gebracht. Ein gewisser John Black (pseud.) fühlte sich infolge eines Unfalles 'seelisch verändert' (das ärztliche Zeugnis über ihn liegt vor), genau wie wir ja das Haupt-Ich auf traumatischer Grundlage Gespaltener 'verändert' finden. Von einer klinischen Beobachtung der abgespaltenen 'zweiten Phase' lesen wir nun zwar in dem Berichte nichts. Wir glauben sie aber nach allen ähnlichen Fällen mit Sicherheit voraussetzen zu dürfen. Jedenfalls bekundete uich bei völlig Fremden, die von Black garnichts wußten, durch Klopflaute und als Erscheinimg ein 'John Black', der seine Wohnung angab, seinen Unglücksfall beschrieb, schon 'einmal gestorben' zu sein behauptete, sich einer gewissen Untreue bezichtigte und bestimmte Wünsche äußerte, - was sich durchweg, einschließlich aller von Black genannten Namen und Daten, als völlig richtig 1) Bd. II Abschn. VI, bes. 362 IT. Die seelische Selbständigkeit der Materialisation 233 und sinnvoll erwies. Dieser Black behauptete schließlich, der 'wahre John Black' zu sein, der aber gezwungen gewesen wäre, John Blacks Körper zu verlassen, in den 'ein Andrer' eingegangen sei, sodaß er jetzt 'ohne Körper' sei: er könne nur dann in jenen Körper wiedereingehn, wenn der 'andre' Black 'fürchterlich aufgeregt' sei.1 Der Erfahrne erkennt sogleich die Verwandtschaft mit berühmten Fällen seelischer Spaltung: vor allem die Erzeugung durch Unfall, das Gefühl des 'Andersseins', die gelingende volle Verschmelzung in Augenblicken der Erregung. Das Besondere des Falles aber liegt darin, daß anscheinend ein abgespaltenes Teil-Ich - vermutlich sogar während des Wachseins des 'Anderen' - sich in der Ferne, also außerhalb des Leibes - zu betätigen vermochte. Diese Betätigung bestand in der Erzeugung von Klopflauten, aber nicht nur darin. 'Black II' wurde, wie gesagt, während der Sitzungen, in denen er durch den Tisch und durch automatisches Schreiben 'sprach', auch noch 'gesehen': als 'dunkel gekleidete Gestalt' schon vor der ersten Sitzung, und dann wieder während der Klopfton-Unterhaltung. Falls wir dies gesehene Phantom als eine beginnende Materialisation deuten dürften, so hätten wir uns dem vom Animisten behaupteten Tatbestand offenbar bedeutsam genähert. Natürlich ist jene Deutung durchaus fraglich: es kann sich sehr wohl um eine bloße 'wahre' Halluzination gehandelt haben. Aber auch abgesehen davon besteht noch ein Unterschied zwischen der Fernerscheinung Blacks und unsern Materialisationen: der erscheinende 'Black II' hielt sich immer noch für einen Black, ja für den eigentlichen und wahren Black; während unsre Phantome doch stets als besondere und durchaus selbständige Personen auftreten. Wir wissen zwar auch in der Spaltungspsychologie von Fällen, in denen die 'zweite' Persönlichkeit sich einen neuen Namen zulegt und soz. ein völlig besondres und selbständiges Leben beginnt, von dem früheren versunkenen nach Wesen und Beruf durchaus verschieden.(r) Hier könnte in der Tat die Ungleichheit zwischen krankhaften und medialen Fällen sich noch weiter zu verringern scheinen. Und doch ist sie keineswegs aus dem Wege geräumt. Denn auch abgesehen wieder davon, daß die angebliche mediale Spaltpersönlichkeit sich objektiv materialisiert: es muß doch auffallen, daß unter diesen Spalt-Ichen der Materialisationsmedien sich niemals Phantome finden, die das 'andere' oder 'eigentliche' Ich des Mediums zu sein behaupten, was doch an sich mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten wäre. Man mag einwenden, daß dies Ausbleiben von Fällen, die dem Aniinisten anscheinend Recht geben würden, eben auf die 'spiritistische Autosuggestion' des Mediums zurückzuführen sei: es müsse ihm ja daran liegen, seine 1) Pr I X 84-92. 2) Vgl. den klassischen Fall des Ansei Bourne: Pr VII 221 ff. 234 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Phantome stets 'als Geister aufzuziehen'. Dieser Einwand hat beträchtliche Kraft; aber die Seltsamkeit des v ö l l i g en Fehlens (soweit ich mich besinnen kann) von Materialisationen, die sich als 'zweite Iche' des Mediums vorstellen, beseitigt er nicht. Dieses Ausbleiben findet ein Seitenstück in der äußersten Seltenheit von echten Vollmaterialisationen Lebender überhaupt (außerhalb aller Sitzungen) und dem völligen Fehlen (soweit meine Kenntnis reicht) von Materialisationen Lebender, die sich eindeutig als deren Spaltpersönlichkeiten darstellen und zweifellos während des Wachseins der Betreffenden auftreten (wie ja doch das Medium während des Auftretens 'seiner' Phantome häufig wach ist!). Ich kenne überhaupt nur einen oder zwei angebliche Belege für das Auftreten von Materialisationen Lebender. Der mehrerwähnte Kluski soll gesagt haben, daß ihm gewöhnlich (!), nachdem er an Sitzungsabenden zu Bett gegangen, die Sitzer des Abends erscheinen; sie gehen im Raum umher, nehmen die Leuchtplatte und beleuchten sich selbst für ihn.1 - Nun erscheint es mir sehr zweifelhaft, ob hiermit wirklich echte Materialisationen angedeutet seien; denn ein Medium ist nach der Sitznng erschöpft; es dürfte schwerlich unmittelbar vor dem ersehnten Schlaf mit seiner Spielfolge von vorne beginnen. Auch w&re es ein unerhörter Zufall, wenn nur in diesen nachträglichen Leistungen eine Gattung der Materialisation in wahrer Häufung sich zeigte, die Kluski nie in seinen Sitzungen auch nur versuchte, und die auch sonst noch nie ein Medium versucht hat. Daß es sich also hier um bloße Halluzinationen handle, ist um so wahrscheinlicher, als sie, nach Kluskis Angaben, 'seine Ruhe unterbrechen', also anscheinend in den Zustand zwischen Wachen und Schlafen fallen. Der andere Beleg steht in den Eusapianischen Urkunden: der Fall eines Vollphantoms, das starken Eigenwillen verriet, über das mir aber zwei sich widersprechende Berichte vorliegen: nach deren einem soll es das Phantom einer Lebenden gewesen sein, nach dem andern stellte es einen 'zwei Jahre zuvor Verstorbenen' dar. In jedem Falle hätte das Beobachtete für unser Argument Bedeutung. 'Eines Tages sagte Eusapia zu Sgr. R.: 'Dies Phantom kommt für dich.' In der Tat sah man eine Frau von großer Schönheit erscheinen..., deren Arme und Schultern von den Vorhangrändern bedeckt waren, aber doch so, daß man die Formen hindurch erkennen konnte. Ihr Kopf war von einem sehr feinen Schleier bedeckt; sie blies einen warmen Atem gegen den Handrücken des Sgr. R., führte seine Hand in ihre Haare und biß ihn leicht in die Finger. Während dieser Zeit ließ Eusapia langgezogene Seufzer vernehmen, die eine schmerzhafte Anstrengung verrieten und aufhörten, als das Phantom verschwand. Die Erscheinung wurde von zwei andern Anwesenden bemerkt und kehrte mehrmals zurück. Man versuchte dann eine Aufnahme von ihr. Eusa- 1) ZP 1926 18. Die seelische Selbständigkeit der Materialisation 235 pia und John waren einverstanden, aber das Phantom gab uns durch Zeichen der Hand und des Kopfes zu verstehen, daß es dagegen sei, und zerbrach .zweimal die Platte. Man bat darauf um den Abdruck seiner Hände, und obgleich Eusapia und John versprachen, das Phantom unsren Wünschen gefügig zu machen, gelang es ihnen nicht. In der letzten Sitzung gab Eusapia das ausdrückliche Versprechen [man hörte im Kabinett am Gußeimer arbeiten und R. hatte bereits die Form in Händen], aber eine Phantomhand kam aus dem Vorhang hervor und zerbrach sie in kleine Stücke. Es handelte sich, wie wir in der Folge erfuhren, um eine Frau, die gute Gründe dafür hatte, kein Zeugnis ihrer Persönlichkeit hinterlassen zu wollen.'1 Es ist klar: ob ein solches Phantom nun das einer Lebenden oder eines Verstorbenen ist, es als die Verkörperung eines Spalt-Ichs des Mediums zu fassen, erschiene jedenfalls als das weitaus schwierigste; denn es setzt ja seinen Willen nicht nur gegen den des Mediums, sondern auch gegen den 'John Kings', der doch selbst schon ein Spalt-Ich des Mediums sein soll! Übersehen wir schließlich auch nicht, daß solcher weitgetriebenen Selbständigkeit des Phantoms durchweg auch das Bewußtsein des Mediums von einem Fehlen jeglicher seelischen Verknüpfung zwischen ihm und jenem entspricht: ein Umstand, der fraglos keinen Beweis völliger Sonderung enthält, im Gesamtrahmen bezeichnender Tatsachen aber wohl Erwähnung verdient. Von ihrem Phantom 'Yolande', dessen seelisches Eigenleben oben geschildert wurde, sagt die gebildete und zur Selbstbeobachtung wohl befähigte Mrs. d'Espérance: 'Abgesehn von Leiden, (wenn solche Yolande zugefügt werden,) fühle ich keinerlei Band zwischen ihr und mir bestehen, soweit mein persönliches Ich in Frage kommt. Ich fühle sehr wohl, daß ich nichts verloren habe außer dem körperlichen Gefühl; ich weiß, daß ich weder Denkvermögen noch Urteilskraft eingebüßt habe, wenn Yolande da ist, indem meine Vernunft im Gegenteil dann noch klarer ist als zu andern Zeiten. Wiewohl sie mir Teile meines Körpers entnimmt, weiß ich doch, daß sie meine geistigen Fähigkeiten unangetastet läßt... Ich betrachte Yolande als ein von mir gesondertes Eigenwesen; ich bin schlechthin sicher, daß sie ihre eigene persönliche Ichheit besitzt, ihre eigenen Sinne, ihr eigenes Bewußtsein, getrennt von allem, was mir gehört.'1 Zusammenfassend möchte ich sagen: Wir begegnen schon im Bereich der namenlosen oder anscheinend 'phantastisch' benannten Phantome einer seelischen Selbständigkeit, die, wenn auch nicht eine strenge Widerlegung ammistischer Deutung, so doch auf ihrem Boden höchst sonderbar ist, von sicheren Vergleichungen abliegt und somit Bedenken weckt. Daneben aber ist zu betonen, daß die völlige Hinausverlegung einer so selbständigen Ich-Persönlichkeit in eine vom Medium geson- 1) Lombroto 204t. 2) Aksakow, Cas 1821. 191. Vgl. Geley 295 (Kinski) und etwa auch Brackett 541. 236 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung derte abnorme Leiblichkeit an sich sdhon dem spiritistischen Tatbestande außerordentlich nahe kommt; denn damit wird die Annahme einer Bindung alles seelischen Geschehens an das Gehirn durchbrochen, von der doch auch die übliche Theorie der seelischen Spaltungen ausgeht. Hier verlegt ja, nach animistischer Auffassung, das Medium einen Teil seines Ich in einen Leib hinaus, der uns ebensogut in unwahrnehmbarem wie in wahrnehmbarem Zustand entgegentreten kann; und daß die Ähnlichkeiten des ersteren Falles mit dem 'spiritistischen Tatbestande' wesentlicher sind als die Unterschiede von ihm, wird schwerlich zu bestreiten sein. Man kann daher sagen, daß schon die bisher betrachteten Tatsachen dem Kampfziel des Animisten jedenfalls viel von seiner Wünschbarkeit nehmen. Die bisher betrachteten Tatsachen'. Denn in Wahrheit ist das Wichtigste von dem, worauf der Eindruck der seelischen Selbständigkeit von Phantomen beruht, bisher noch gar nicht erwogen worden. Nicht ehe dies geschehn ist, können wir an einen Abschluß unserer Überlegungen denken. 13. Identifizierte Materialisationen: 1. Körperliche Kennzeichen Nur an wenige der bisher erwähnten Phantome ist die Frage gerichtet worden: wer sie seien; nur einzelne, die ich ausdrücklich 'vorgreifend' einführte, sind 'erkannt' worden oder haben sich sonstwie selbst identifiziert. Die meisten bisher berücksichtigten traten uns namenlos entgegen, oder trugen soz. phantastische Namen, die wir als gleichgültig beiseite ließen. Jetzt aber können wir nicht länger den Umstand übersehen, daß sehr viele Phantome beanspruchen, identifizierbare Persönlichkeiten Verstorbener zu sein, und daß sie den Beweis dafür antreten mit manchen der Mittel, die überhaupt der Identifizierung dienen können. Wir wollen die bisher beigebrachten Fälle dieser Art im Folgenden nicht vergessen; doch aber die Fragen, die sie und alle ähnlichen stellen, erst jetzt ernstlich aufwerfen. - Ehe ich aber diese Aufgabe angreife, wiederhole ich mit Nachdruck eine schon früher gemachte Bemerkung: die Tatsächlichkeit von Materialisationen überhaupt gilt auf dieser Stufe der Untersuchung als gesichert, und unsre Frage richtet sich hier, wie schon seit längerem, auf Einzelheiten der Beobachtung. Dies entbindet mich zwar nicht von der Pflicht, meine Identifizierte Materialisationen: 1. Körperliche Kennzeichen 237 Belege nur aus den besten verfügbaren zu wählen und stark verdächtigte Medien aus dem Spiel zu lassen. Es gestattet mir aber, Berichte einzuführen, auch wenn sie jener Angaben entbehren, die sie zu Beweisen der Tatsache der Materialisation überhaupt machen könnten. Ich fordere also z.B. vom Einzelberichte nicht - und bitte auch den Leser nicht zu fordern -, daß alle Maßregeln zur Sicherung des Sitzungsraumes gegen den Eintritt von Helfern ausdrücklich erwähnt, oder daß für jeden Augenblick des beschriebenen Vorgangs eine genügende Überwachung des Mediums genau beschrieben werde. Man wird ohnehin finden, daß die folgenden Beobachtungen fast durchweg solcher Art sind, daß nur allergröbste Täuschungsmaßnahmen dabei in Betracht kämen, die denn auch schon durch gröbste Sicherungen auszuschließen sind; und die Anwendung solcher Sicherungen dürfen wir den durchweg gebildeten Beobachtern ohne weiteres zutrauen. Ich beginne mit einem Beispiel, das uns noch kaum über die Selbstbenennung als Grundlage der Identifizierung hinausführt. Es wird von Bozzano aus der Palladino-Sitzung vom 8. Juni 1901 im Hause der Familie Avellino berichtet: *Nach einer Pause von einigen Augenblicken [nach einer Materialisation 'John Kings'] drückt mir Eusapia die Hand mit einer schmerzlich empfundenen Kraft, während sich eine zarte und leichte Hand mir auf die Stirne legt, danu auf die linke Schulter, danach auf die rechte, und schließlich auf die Brust. Ich begreife, daß sie über mich das Zeichen des Kreuzes macht... Diese Hand legt sich mir an die Lippen, und ich drücke ihr einen verehrungsvollen Kuß auf. Ich erkenne mit Sicherheit eine Frauenhand, die mich mit Liebkosungen überschüttet. Zwei Arme umschlingen meinen Nacken, ein warmer Atem streift mich, und zwei Lippen, auf die meimgen gelegt, drücken ihnen einen glühenden KuQ auf; ich erwidre ihn mit Gefühl und bemerke, daß diese Lippen große und qualvolle Anstrengungen machen, Worte hervorzubringen, was Eusapias hochgradige Erschöpfung nicht zuläßt. Ich frage 'John' aufs dringendste, ich bitte diese weibliche Gestalt inständig, mir zu sagen, wer sie sei; endlich gelingt es einer schwachen, aber deutlichen Stimme, in unverkennbarer Genueser Mundart die Worte auszusprechen: 'Ich bin deine Mutter.' Ein Kuß, heißer noch als die vorigen, erfolgt mit Nachdruck, und unsre Seelen verschmelzen in inniger Liebe. Alle Anwesenden haben gleich mir diesen Kuß, diese Worte und Seufzer gehört. Während dieses ganzen Auftritts hört Eusapia, in ihrem Stuhle hingelehnt, nicht auf, mir die Hand so heftig zu drücken, daß ich mich anstrengen muß, die Vorgänge mit genügender Aufmerksamkeit zu verfolgen. Fünf oder 6 mal stellt sich, auf mein dringendes Bitten, die geliebte Gestalt wieder dar und küßt mich, worauf sie schließlich, ehe sie sich endgültig entfernt, das einzige Wort 'Add o' ä ßert.'1 1) Bozzano, Ipot. 341. 238 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Das Wiederauftreten desselben Phantoms am 16. Juni, acht Tage später, schildert Bozzano mit folgenden Worten: 'Eusapia gibt an, daß sie eine weibliche Gestalt hinter mir sehe. Eine zarte Hand macht auf meiner Stirn und Brust das Zeichen des Kreuzes... Ich bemühe mich auf jede Weise, kaltes Blut zu bewahren; ich taste das Medium nach allen Richtungen ab und vergewissere mich, daß es reglos verharrt. In diesem Augenblick werde ich von zwei Armen, die aus der dem Medium entgegengesetzten Richtung kommen, zärtlich umfaßt. Ein Mund drückt einen Kuß auf meine Lippen und macht vergebliche Anstrengungen zu sprechen. Meine Stellung dem Licht gegenüber erlaubt mir, die Gestalt in allen Einzelheiten genau zu erkennen. Die Arme lösen sich, und zwei Hände, die sich unter meine Achselhöhlen schieben, fordern mich auf, mich zu erheben; dann drücken sie auf meine Knie, und ich kniee mich hin. Sic legen sich dann auf meinen Kopf zum Zeichen des Segens, und einer schwachen, aber von allen deutlich gehörten Stimme gelingt es schließlich, diese Worte auszusprechen: 'Gott segne dich.' Indem mich dann die Gestalt einen Augenblick verläßt, wendet sie sich an Dr. Venzano, veranlaßt auch ihn niederzuknien, und segnet ihn gleichfalls. Das feierliche Schweigen wird nur durch die Stimme Eusapias unterbrochen, die, völlig wach, alle Einzelheiten dieses Vorgangs fortlaufend beschreibt... Nach einigen weiteren Begebnissen verläßt uns die Gestalt, indem sie im Tone tiefer Traurigkeit Lebewohl sagt.'1 Der starke Gefühlston dieses Berichts könnte seinen Wert zu beeinträchtigen scheinen; aber die hervorragenden Eigenschaften des Zeugen, unsere Kenntnis der getroffenen Sicherungen gegen gröbsten Betrug (der allein hier in Frage käme) und die Übereinstimmung des Vorgangs mit so vielen sonstigen, bestens verbürgten bei Eusapia und andren Medien lassen einen ernstlichen Zweifel gar nicht aufkommen. Wir buchen also zunächst als neue Einzelheit die ausdrückliche Selbstbenennung des Phantoms. Ein weiteres Beispiel derselben entnehme ich den Zeugnissen über die Warschauer Kluski-Sitzung vom 20. Nov. 1920 im Potocfcischen Hause. Die kürzere, aber wesentlich übereinstimmende Niederschrift Dr. Geleys übergehend, führe ich gleich den ausführlichen Bericht des Grafen Julius Potocki an, für den die fraglichen Teilphantome erschienen. Das Medium sitzt [bei leichtem Rotlicht] vor dem Tisch außerhalb des Dunkelkabinetts. Dr. Geley hält die linke Hand des Mediums, Potocki die rechte. Die Anwesenden bilden Kette. Das Medium fällt rasch in Trans, was man aus der besonderen Art seines Atmens schließt. Uber und seitlich von dem Medium erscheinen glimmernde Lichter. Ich empfinde Berührungen und fühle, daß jemand sich zwischen mir und Franek [Kluski] befindet. Zu meiner Linken beginnen die Vorhänge des Kabinetts sich zu beleben und auszubau- 1) Das. 47 ff. (gekürzt). Vgl. Brofferio 271; PsSc VI 115f.; Falcomer 77. Identifizierte Materialisationen: 1. Körperliche Kennzeichen 239 sehen, als schöbe ein Wind sie vor sich her. Ich fühle, daß jemand, mit einem Vorhangschleier umhüllt, sich über mich beugt und mir sehr deutlich das Wort 'Thomasch' (polnisch für Thomas) ins Ohr spricht. Dann buchstabiert er dieses Wort durch Klopftöne. Ich frage: 'Ist dies Thomas Potocki?' (ein vor 8 Jahren verstorbener Vetter, dem ich sehr nahegestanden hatte.) Ich erhalte ziemlich kräftige und wiederholte Schläge auf die Schulter, die meine Frage zu bejahen scheinen. (Mein Vetter war ein feuriger und überschwänglicher Mensch gewesen. Es waren geräuschvolle Schläge auf die Schulter, die von allen Anwesenden gehört wurden.) Ich danke ihm dafür, daß er gekommen ist, und frage ihn, ob ich irgendetwas für ihn tun könne. Schweigen. Ich frage ihn, ob er den Astralkörper meiner vor 3 Jahren verstorbenen Schwester sehe. Antwort: Ja. Und im selben Augenblick fühle ich eine Frauenhand sich sanft auf meine Stirne legen und das Kreuzeszeichen, von einem Kreis umschlossen, darauf machen, wie es meine Schwester zu Lebzeiten immer tat, wenn sie von mir Abschied nahm. Ich erkenne deutlich ihre Hand, die vom Rande des vor mir auf dem Tische liegenden Leuchtschirmes leicht erhellt wird. Ihre Hand gleitet mehrmals vor meinen Augen vorüber, und mehr und mehr glaube ich sie zu erkennen. Sie drückt mir die Hand und tätschelt liebkosend mein Gesicht. Ich habe nicht den geringsten Zweifel mehr, daß es wirklich ihre Hand ist, denn ich erkenne ihre Berührung. Bald darauf bildet sich eine leuchtende Kugel vor meinem Gesicht. [Diese beschreibt auch Dr. Geleys Bericht.] Die Kugel entfernt sich, kommt dann ganz dicht an mein Gesicht heran, und ich gewahre zu meinem großen Staunen und meiner nicht geringeren Freude die völlig erkennbaren Züge meiner Schwester, die mir wie zu Lebzeiten zulächelt. Sie erscheint mir sehr viel jünger, so wie sie mit 25 Jahren aussah.1 (Sie ist mit 54 Jahren gestorben.) Nach einigen Sekunden verschwindet der Kopf, und neue Berührungen und ein Kuß beenden das Erlebnis.'2 Ich habe diese Phantomauftritte im Zusammenhang eingeführt, wie die Erfahrung sie verknüpfte, obwohl der zweite keine Selbstbenennang enthält Dagegen erfolgte hier die Identifizierung auf Grund sehr viel bedeutsamerer Merkmale, nämlich solcher der äußeren Erscheinung. In Bozzanos Fall war von derartigen Erkennungsmitteln nicht eigentlich die Rede, und bloße Zärtlichkeit des Verhaltens kann man ja überhaupt nicht als Grundlage einer Identifizierung gelten lassen; denn selbst die rein erfundene Schöpfung eines 'Mutter'-Phantoms durch das Medium müßte sich derartiger Eigenschaften bedienen. Im Falle des Greifen Potocki aber tritt die bekundete Zärtlichkeit durchaus zurück gegenüber der Erkennung auf Grund zweier entscheidender Bestandstücke der leiblichen Persönlichkeiten: Hände und Gesichtszüge. Man mag eine solche Erkennung bemäkeln, weil sie bei nur 'leichtem Rotlicht' erfolgte. Diese aus an sich durchaus verständlichen Gründen 1) Bez. dieser Möglichkeit von 'Verjüngung" vgl. u. Abtchn. IX. 2) Geley 282ff. Vgl. das. 3131. 240 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung häufig, aber bei weitem nicht immer, dürftige Beleuchtung des Versuchsraums liefert überhaupt das Hauptargument, auf das sich die grundsätzliche Bezweiflung der ^Erkennung' von Phantomen beruft. Auch braucht ja über die Gefahr von Illusionen in der Dämmerung kein Wort verloren zu werden; sie wird um so größer sein, je flüchtiger die Phantome auftreten, je größer die Erregung des Beobachters ist, je stärker eine persönliche Wunsch- oder Erwartungsvorstellung ihn beherrscht. Dabei wird noch vorausgesetzt, daß seine Erinnerung an den Verstorbnen eine klare ist; Augen-Gedächtnis aber wird von der Psychologie vielen Menschen nur in beschränktem Maße zugestanden. In Sonderheit dürften solche 'Erkennungen' dem Zweifel offen liegen, die erst zustande kommen, nachdem ein Phantom sich als ein bestimmter Jemand vorgestellt hat oder von andrer Seite benannt worden ist. Alles dies ist um so überzeugender, je abstrakter es ausgesprochen wird. Und in solcher abstrakten Aufstellung von Irrtumsmöglichkeiten gefällt sich ja der grundsätzliche Verneiner unsres Gebiets mit Vorliebe. Vor der genaueren Betrachtung der besseren oder gar besten Einzelfälle versagt sie meist sehr rasch. Sicherlich lassen sich 'Erkennungen' von Phantomen aufzeigen, welche die Aussagefähigkeit unbegabter und gefühlsbeherrschter Menschen in ein beschämendes Licht rücken. Man kann sich die Genugtuung vorstellen, womit ein so zärtlicher Liebhaber negativer Belege, wie Podmore, etwa das Zeugnis J. W. Truesdells anführt, wonach in Sitzungen des Mediums Mrs. Andrews1 in Moravia ein Quäkerhut mehreren Anwesenden als Erkennungsmerkmal für gestorbene Verwandte gedient haben soll;8 oder Dr. Horace Furness' Beschreibung von Sitzungen, während deren er in jedem der auftretenden Phantome, nach Größe, Gestalt, Form und Zügen, genauestens das Medium selbst, die Andern dagegen uníaßlieherweise jeweils einen ihrer Verstorbenen zu erkennen glaubten.3 Aber Podmore gibt von 'guten' Erkennungsfällen eben nahezu nichts, und wo er ihre kurze Erwähnung nicht umgehen kann, da hilft er sich mit dem allgemeinen Einwurf: die berichteten Einzelheiten genügten nicht zur Bildung eines Urteils über den Wert der Erkennung.4 Man darf dabei nicht vergessen, daß Podmore, auf Grund einer ähnlich willkürlichen Behandlung der Zeugnisse, von der Annahme des Nichtvorkommens echter Phantome überhaupt ausgeht: womit ja die Frage der Gültigkeit von Erkennungen auch schon entschieden ist. Dieser verneinende Standpunkt kommt für mich nicht mehr in Frage, und es ist klar, daß die erwiesene Gegebenheit von Materialisationen der Frage ihrer 1) Nicht Anderson, wie Podmore schreibt. 2) Truesdell 83. 3) Seybert Report 150. 4) Podmore, Spir. II 1140. Vgl. die 'positive' Erörterung des Problems bei Delanne II 377. Identifizierte Materialisationen: 1. Körperliche Kennzeichen 241 Erkennung nicht nur eine neuartige Grundlage, sondern auch eine überragende theoretische Bedeutung sichert; denn erst mit der Erkennung empfängt das allgemeinere Problem der vollen 'spiritistischen' Identifizierung von Phantomen den entscheidenden Auftrieb. Wir wissen ja längst aus vielen Berichten - und ich könnte es leicht durch viele weitere beweisen -, daß von einem bloßen Übersehen oder 'Fortillusionieren' der gestaltlichen Übereinstimmung zwischen Materialisation und Medium (iim ganzen oder in Teilen) gar nicht die Rede sein kann. Oaß z. B. die 'Hände' bei der Eusapia den ihren meist völlig unähnlich waren - und zwar nach verschiedenen Richtungen hin -, bezeugen die allerverlässigsten unter ihren Beobachtern.1 Bei Mrs. Roberts in Boston, einer 'kleinen mageren Frau', erschienen in Gegenwart des Rev. M. J. Savage, eines 'namhaften Arztes' und anderer Mitglieder der Amer. Ges. f. ps. F. - 'mehrere Gestalten großer und kräftiger Männer.'2 Bei Mrs. d'Espérance unterschieden sich der materialisierte 'Walter Tracy' (ein Yaleman), die 'katzenartig' bewegliche, schlanke, olivenhäutige junge 'Araberin', die wunderbar schöne und hoheitvolle 'Y-Ay-Ali' sowie andere Gestalten ebenso sehr vom Medium, wie von einander.3 Eglintons 'Abdullah' war äußerlich völlig verschieden von seinem Medium, mit dem zusammen er photographiert wurde; Eusapias 'John King' ist ein Riese neben der kurz und dick gebauten Neapolitanerin, und so fort durch das halbe Verzeichnis der beobachteten Vollphantome. Ich habe keinen Zweifel darüber gelassen, daß ich in dieser gänzlichen Unahnlichkeit kein entscheidendes Argument gegen eine echte Schöpfung solcher Gestalten durch ihre Medien erblicke; so ungelegen sie dem Animisten auch sein muß, wenn man bedenkt, daß dem 'magischen Unterbewußtsein' des Mediums ein Schaffen nach der eignen körperlichen'Vorlage' eigentlich näher liegen sollte. Hat aber dieser Gedanke auch nur einige Berechtigung, so erhebt sich um so dringender ein sehr bedeutsames Problem in den Fällen, wo jene Ungleichheit die Richtung auf das Äußere einer bestimmten Persönlichkeit hin nimmt, d. h. wo das Phantom durch sein Äußeres (im Ganzen oder in Teilen) zur Identifizierung mit einem Verstorbenen herausfordert; also eben in Fällen der äußeren Erkennung. Gute Fälle solcher Erkennung-im-Ganzen aber haben wir schon früher z.B. unter den Phantomen Mirabellis und des Frl. Tambke angetroffen,4 und es wird sich jetzt nur darum handeln, diesen Einzelumstand, auf den erst hier der Nachdruck fällt, noch weiter zu erhärten. Ich gebe zunächst zwei Belege aus Berichten über Materialisationen bei Mrs. d'Espérance. 1) Vgl. o. S. 91; Morselli I 44311. Ähnlich ProlT. Bottazzi, Porro, Wagner, Bozzano, Venzano u. a. 2) nach Erny bei Delanne II 515. 3) d'Espérance 245. 248. 251. 257f. 4) o. S. 1301. 1401. 143. M a t t i e s e n , Das pmönliche Überleben III 16 242 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung In der zweiten einer Reihe von Sitzungen, die ein Kreis von höheren Staatsbeamten, Schriftleitern, Ärzten und Schriftstellern mit ihr veranstaltete und bei denen 'alle Vorsichtsmaßregeln gegen Einmischungen von außen ergriffen waren,' 'sah man die Gestalt eines Mannes ruhig aus dem Kabinett hervorkommen, einen Augenblick beim [außerhalb des Vorhangs sitzenden] Medium haltmachen und uns alle nach einander mit den Blicken mustern, als suche er jemand. Ich glaube, daß im ersten Augenblick niemand von uns daran dachte, daß dies kein gewöhnlicher Mensch sei. Er war von der Größe des Mediums, von m&chtigem Wuchs und stark ausgeprägten Zfigen... Wir warteten schweigend darauf, daß er das Wort ergreife. Als sein Blick auf Hrn. A. fiel, begab er sich mit festen und feierlichen Schritten zu ihm. Hr. A. erhob sich, hielt ihm die Hand hin, die er erregt ergriff, und beide standen sich Auge in Auge gegenüber. Wir waren alle verblüfft über die große Ähnlichkeit zwischen ihnen; auch war niemand von uns überrascht, als wir Hrn. A. mit der lebhaftesten Empfindung ausrufen hörten: 'John, mein Bruder John!' . . . Hr. A. sagte uns [nach dem Verschwinden der Gestalt], daß kein Irrtum möglich sei; daß Haltung, Züge und Bewegungen durchaus die seines vor 5 Jahren verstorbenen Bruders gewesen wären. Man hatte stets über ihre große Ähnlichkeit gesprochen.'1 - Über die Lichtverhältnisse in dieser Sitzung finde ich keine näheren Angaben. Die ihr vorausgegangene erste hatte bei Tageslicht begonnen, und im Nebenraum des Sitzungszimmers standen brennende Lampen bereit, deren Licht mehrfach geregelt wurde. Ein verwandter Bericht über das gleiche Medium stammt von dem bekannten d'Espérance-Forscher Fidler: 'Mr. Hugh Biltcliffe, mein hochgeschätzter Freund, starb vor etwa Jahresfrist. Er war eine in Gateshead wohlbekannte Persönlichkeit, [der Frau d'Espérance übrigens erst kurz vor seinem Tode bekannt geworden, als er schon hochgradig abgezehrt war, sodaß sie ihn 'niemals in seinem normalen Aussehn erblickt' hatte] . . . Als wir glaubten, daß die Sitzung ihrem Abschluß nahe sei, erschien in der Vorhangöffnung ein schöner, großer, wohlgebauter Mann mit dunklem Bart und ebensolchem Haar, in lange weiße Gewänder gekleidet. Alles in allem eine hoheitvolle und vornehme Erscheinung. Augenblicklich erkannte ich in ihm meinen Freund Mr. Biltcliffe. Auch seine Frau, die meine und eine andre anwesende Dame erkannten ihn sofort nach seinem Erscheinen. Zwei Herren, die weiter zurück saßen, nannten gleichfalls meines Freundes Namen und fragten, ob [er es wohl sei] . . . Er kam dicht an mich heran und reichte mir die Hand zum Gruße. Seine Hand, etwas größer als die meine, war warm, weich und natürlich. Er erfaßte die meine kräftig und fest, wie er zu Lebzeiten gewohnt gewesen...' An einer Sitzung 10 Tage danach nahm Mrs. Biltcliffe mit ihren beiden kleinen Töchtern teil, der 13jährigen Agnes und der 7-8jährigen Sarah. Wieder erschien mein Freund und zeigte sich u n s . . . In dem Augenblick, da er vor uns hintrat, lief die kleine Sarah, ein kluges, begabtes Kind, auf ihn zu, und er nahm sie in seine Arme und küßte sie. Sie hing sich an ihn, als 1) Delanne II 347 (Bericht eines Rechtsanwalts in Harper i Lutten). Identifizierte Materialisationen: i. Körperliche Kennzeichen 243 wollte sie gar nicht von ihm lassen, und mußte ihm von ihrer älteren •Schwester abgenommen werden, die ebenfalls ihren Vater umarmte und küßte...'i Hier beruht die Eindruekskraft des Berichts offenbar auf der großen Zahl der Erkennenden. Der erste von diesen erkennt sofort (was nicht bedeutungslos ist); bezüglich der übrigen ist die Vermutung nicht zu widerlegen, daß sie unter dem Einfluß soz. suggestiver Äußerungen des Hrn. Fidler über seine Erkennung gestanden haben; wenngleich auch ihr Erkennen als ein sofortiges geschildert wird. Außerdem müssen wir wohl annehmen, daß die an der nachfolgenden Sitzung beteiligten Hinterbliebnen genau wußten, was sie zu erwarten hatten, und dieser Umstand entkräftet natürlich auch das sonst durch seine Unbefangenheit wertvolle Zeugnis der Kinder. - Von dem zuvor erwähnten Phantom des 'Bruders John' des Hrn. A. erfahren wir, daß es einen Ring, den letzterer während der Sitzung trug, auf eine 'sehr bezeichnende Weise zwischen seinen Fingern gedrückt' habe, - bezeichnend, weil dieser Ring dem angeblich Erscheinenden zu Lebzeiten gehört hatte; und bei dem Phantom des Mr. Biltcliffe mag der Willige das zärtliche Verhalten gegen sein Töchterchen als identifizierende seelische Äußerung in Betracht ziehn. Doch habe ich es hier mit solchen Dingen noch nicht zu tun. Von Phantomen bei dem Medium Ada Besinnet aus Toledo, U.S.A., die auch in London Sitzungen gab, schreibt Sir Arthur Conan Doyle u. a. folgendes: 'In drei Fällen, denen meiner Mutter, der Mutter meiner Frau und meines Neffen, war die Ähnlichkeit schlechterdings verblüffend - startling - und ließ sich so klar und kalten Blutes feststellen, daß ich darauf einen Eid vor Gericht ablegen könnte. Der Gesichtsschnitt meiner Mutter war ein ungewöhnlicher, sodaß nicht der geringste Zweifel obwalten konnte. Ich kann mit unbedingter Gewißheit schwören, daß die Gesichter keine Ähnlichkeit mit dem des Mediums hatten, sondern lebendige Abbilder der Verstorbenen waren.'2 Hier leitet die Beobachtung ihr Gewicht von der Persönlichkeit des Zeugen ab; denn wie sehr der Gegner auch geneigt sein mag, aus A C. Doyles spiritistischer Werbetätigkeit eine Verdächtigung seiner Aussagen abzuleiten: dem Arzte, dem Schriftsteller großen Zuschnitts, dem weitgereisten Manne von Welt eine so geringe Beobachtungsgabe zuschreiben, daß er ein höchst vertrautes Gesicht von 'ungewöhnlichem Schnitt' nicht hätte identifizieren können unter Umständen, die ihm selbst die Gewißheit der Eidesbereitschaft verschafften, - das überschreitet schon fast die Grenzen vernünftiger Bemängelung menschlichen Zeugnisses. 1) d'Espérance 277 fl. 2) bei Tweedale 307 Anm. 16* 244 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Ich schließe diese Reihe von Erkennungen nach allgemeiner Ähnlichkeit mit einem Beispiel, worin die Identifizierung ausschließlich durch einen Dritten erfolgt, der die verstorbne Person nicht gekannt hatte, also erst durch Bilder über ihr Äußeres belehrt werden mußte. Dieser Umstand ist insofern von Bedeutung, als er eine illusionierende Bearbeitung des wirklich Gesehenen im Sinne von Erinnerungs- und Wumschvorstellungen ausschließt. Während einer Palladino-Sitzung in den Räumen des Circolo Minerva am 10. Febr. 1902, an der u. a. Bozzano und Sgr. Fei. Avellino teilnahmen, das Mediuni zwischen den Herren Evaristo Testa und Giocondo Faggioni saß und das Zimmer durch eine im Vorzimmer aufgestellte Kerze schwach erleuchtet war, - kam 'eine [deutlich erkennbare] Hand hinter dem Vorhang hervor, die sich auf Sgr. Testa zu bewegte, ihn berührte, liebkoste und sich dann rasch zurückzog. Darauf bewegt sich der Vorhang von neuem heftig, bauscht sich auf und heftet sich an das Gesicht des Sgr. Testa, welcher deutlich die Berührung eines vollständig materialisierten Antlitzes zu fühlen behauptet. Er hat noch nicht den Satz beendet, als wir alle einen Kuß auf seinem Gesicht erschallen hören. Sgr. Testa bittet die sich kundgebende Persönlichkeit, ihren Namen zu nennen, worauf hinter dem Vorhang schwache Töne hörbar werden, . . . als machte dort jemand die größten Anstrengungen, ein Wort auszusprechen. Tatsächlich gelingt es diesen Tönen bald, sich zu einer dünnen, klanglosen, mühsamen menschlichen Stimme zu verdichten, welche soz. buchstabenweise den Satz hervorbringt: 'Ich bin deine Mutter, . . . mein Sohn.' Es folgen weitere Küsse, Liebkosungen und lange zärtliche Umarmungen. Sgr. Testa, mehr denn je auf einen entscheidenden Identitätsbeweis erpicht, bittet die Gestalt, sich sichtbar zu zeigen. Es erfolgt eine zustimmende Antwort. Und siehe da, der Vorhang öffnet sich in der Mitte, und etwa 40 cm über Eusapias Kopfe zeigt sich ein weiblicher Oberkörper, der sich langsam abwechselnd vorwärts bewegt und wieder zurückzieht... Die Herren Faggioni und Bastorino, die sich dafür in besonders günstiger Lage befinden, versichern, daß sie deutlich nicht nur die Seitenansicht, sondern auch die Linien des Antlitzes unterscheiden, und die Angaben, die sie darüber machen, stimmen unter einander durchaus überein.' Sie überzeugen auch Sgr. Testa und veranlassen ihn zu noch dringenderen Bitten um deutliche Sichtbarmachung. Sgr. Faggioni, im Ton des Bedauerns über die Zerstörung einer schönen Täuschung, bemerkt darauf, die Gestalt könne doch wohl nicht Testas Mutter sein, denn er sehe deutlich! daß es sich um eine jugendliche Person handle. Worauf Testa: 'Aber ja, aber ja, meine arme Mutter starb mit 20 Jahren.' 'Dies wußte niemand von den Anwesenden, da Testa erst wenige Tage zuvor dem Minerva-Klub beigetreten war. - Am Tage nach der Sitzung nun stellte Testa eine Reihe von Lichtbildern junger Damen, alle aus der Jugendzeit seiner Mutter, mit einem Bilde derselben zusammen und legte sie sämtlich Sgr. Faggioni vor. Dieser sah sie sich aufmerksam an und entschied sich für das Bild der Mutter: 'Dies ist die Gestalt, die ich sah.'1 1) Bozzano, Casi 228 ff. (nach d. von B. verfaßten processo verbale). Identifizierte Materialisationen: 1. Körperliche Kennzeichen 245 Die früher berichtete Identifizierung des Hrn. Ohlhaver sen. durch seinen Sohn und die der Mutter der Frau v. Arnhard führten uns indessen schon über den Bereich jener Erkennungen nach 'allgemeiner Ähnlichkeit' hinaus, gegen die allein der Zweifler stets seine ebenso unwiderleglichen wie nichtssagend-abstrakten Angriffe richtet. Man wolle sie sich hier noch einmal vergegenwärtigen. 'Aufwärtsgestrichene Bartspitzen' oder Blatternarben an bestimmter Stelle sind Identifizierungsmittel, die - polizeilich gesprochen - weit eher unter den Begriff 'besonderer Kennzeichen' fallen als unter den einer allgemein einzuschätzenden Ähnlichkeit, über die ein Streit der Meinungen statthaben könnte. An Berichten über solche Identifizierung von Phantomen nach 'besonderen Merkmalen' ist aber auch sonst kein Mangel. Ich will zunächst einen der merkwürdigsten aus dem meist als verdächtig betrachteten Schrifttum anführen, um dann durch weitere zu zeigen, daß Fälle dieser Art auch in sicheren Breiten zu finden sind. Jenes Beispiel wird von der uns bereits bekannten Mrs. Marryat geliefert, und es bleibt dem Leser überlassen, den mit verblüffend sachlicher Genauigkeit abgefaßten Bericht nach Gutdünken einzuschätzen. Im Jahre 1860 hatte die Erzählerin Erlebnisse, die ihr die äußersten körperlichen und seelischen Leiden verursachten. Sie kehrte Mitte Dezember nach England zurück und gebar dort am 30. Dez. eine Tochter, Florence, die aber schon nach 10 Tagen wieder starb. 'Das Kind wurde mit einer höchst seltsamen Verunstaltung geboren . . . Auf der linken Seite der Oberlippe befand sich ein Mal, als wenn ein halbkreisförmiges Stück Fleisch mit einer Kugelgußform herausgeschnitten worden wäre, sodaß ein Teil des Zahnfleisches bloßlag. Auch war die Gurgel im Schlünde versenkt, sodaß das Kind während seines kurzen Erdendaseins künstlich ernährt werden mußte, und der Kiefer selbst war so verkrümmt, daß, falls es bis zum Zahnen gelebt hätte, die zweiten Zähne nach vorn zu stehen gekommen wären.' Mehrere, z. T. von auswärts zugezogene Ärzte erklärten, daß sie einen ähnlichen Fall noch nie beobachtet hätten, und schoben die Mißbildungen auf die schmerzlichen Erfahrungen der Mutter vor der Geburt. Der Fall wurde (unter falschem Namen) in der bekannten englischen medizinischen Wochenschrift 'Lancet' beschrieben. Schon in Mrs. Marryats erster Sitzung mit Mrs. Holmes nun (1873) erschien das Phantom eines jungen Mädchens mit dicht umwickeltem Kinn und Mund und behauptete, es komme für Mrs. Marryat, von der es aber nicht erkannt wurde. Der Gedanke, daß ihr Kind inzwischen 'herangewachsen' sei, kam dieser gar nicht in den Sinn. Stark beeindruckt, erschien sie indessen nach 2 Tagen wieder zu einer Sitzung bei demselben Medium; die gleiche Gestalt trat auf, und Mrs. Holmes behauptete steif und fest, daß sie für Mrs. Marryat komme, ja daß sie bei der letzten Sitzung versucht habe, Mitteilungen zu machen. Mrs. Marryat blieb aber auch jetzt noch 246 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung dabei, daß sie nie eine Verwandte im anscheinenden Alter des Phantoms verloren habe, worauf sich dieses 'traurig entfernte'. 'Einige Wochen danach empfing ich von Mr. Henry Dunphy (dem Herrn, der mich bei Mrs. Holmes eingeführt hatte) die Aufforderung, an einer nichtöffentlichen Sitzung teilzunehmen, die Florence Cook, das bekannte Medium, in seinem (Dunphys) Hause am Upper Gloucester Place abhalten würde. Der Doppelsaal war durch Samtvorhänge geteilt, hinter denen Miss Cook in einem Armstuhl saß, und die Vorhänge waren in halber Höhe mit einer Nadel zusammengesteckt, sodaß eine große Öffnung in Form eines V verblieb. Da ich Miss Cook gar nicht kannte, war ich erstaunt, eine Stimme zu hören, welche anordnete, daß ich am Vorhang stehen und dessen unteren Teil zusammenhalten sollte, während die Gestalten oben erscheinen würden. Natürlich konnte ich in (fieser Stellung jedes Wort hören, das zwischen Miss Cook und der Stimme gewechselt wurde. Das erste Gesicht, das sich zeigte, war das eines mir unbekannten Mannes; dann folgte eine Art erschrockener Unterhaltung des Mediums mit seiner 'Kontrolle'. 'Nimm es fort. Geh fort! Ich mag dich nicht. Rühre mich nicht an, du erschreckst mich! Geh fort!' hörte ich Miss Cook ausrufen. [Die Stimme griff beruhigend ein] und unmittelbar darauf kam dasselbe junge Mädchen an der Vorhangöffnung in Sicht, das ich bei Mrs. Holmes gesehen hatte, verbunden wie damals, aber mit den Augen mich anlächelnd.' Nach der Sitzung fragte die Erzählerin Miss Cook nach dem Grunde ihrer offenbaren Furcht vor der Erscheinung. 'Ich kann es Ihnen kaum sagen', erwiderte das Medium, 'ich weiß nichts von ihr. Sie ist mir völlig fremd, aber ihr Gesicht scheint mir nicht voll entwickelt zu sein. Etwas ist mit ihrem Munde nicht in Ordnung, und dadurch erschreckt sie mich.' Dies machtc Mrs. Marryat nachdenklich, aber eine briefliche Anfrage bei Miss Cook und durch sie bei 'Katie King' förderte nichts weiter zutage, als daß das junge Mädchen mit Mrs. Marryat 'eng verknüpft' sei. Da aber auch 'John Powles' (eine Schreibkontrolle der Marryat) ständig behauptete, daß es ihr Kind sei, machte sie angestrengte Versuche bei sich zu Hause, mit diesem in Verkehr zu kommen, aber ohne Erfolg. 'Während der nächsten 12 Monate hatte ich zahlreiche Sitzungen mit verschiedenen Medien, und mein Geist-Kind (wie es sich selber nannte) verfehlte nie zu erscheinen. Bei einigen berührte es mich mit der Hand eines Kindes, damit ich sie als die seine erkennen, oder legte seinen Mund gegen den meinen, damit ich die Mißbildung seiner Lippe fühlen möchte; durch andere sprach es oder zeigte mir sein Gesicht.' Aber der Höhepunkt dieser Erfahrungen sollte in einer Sitzung mit Florence Cook kommen, zu der sich Mrs. Marryat mit William Harrison und Miss Kislingbury zusammenfand. 'Es war ein sehr kleines Zimmer, etwa 8 zu 16 Fuß groß, ohne Teppichbelag und ohne Möbel; darum trugen wir drei Rohrstühle für uns hinein. Quer vor die eine Zimmerecke, etwa 4' über dem Fußboden, nagelten wir einen alten schwarzen Schal und legten dahinter ein Kissen nieder, damit Miss Cook ihren Kopf dagegen lehnen könne. Florence Cook, die eine Brünette ist, klein und schmächtig von Gestalt, mit dunklen Identifizierte Materialisationen: 1. Körperliche Kennzeichen 247 Augen und Haaren, die sie in reichen Locken trug, hatte ein hochgeschlossenes graues Wollkleid an, mit hochroten Bändern garniert... Nachdem sie sich hinter dem schwarzen Schal auf den Fußboden gesetzt (wobei ihr grauer Rock hervorragte) und ihren Kopf gegen das Kissen gelehnt hatte, schraubten wir das Gaslicht ein wenig herab und nahmen in den drei Rohrstühlen Platz.' Zuerst wurde eine 'große weiße Hand' mehrmals durch den Vorhang hervorgestreckt, dann wurde dieser 'aufgehoben, und eine weibliche Gestalt kroch auf allen Vieren hinter ihm hervor, stand auf und blickte uns an.' Da das Licht die Züge nicht deutlich erkennen ließ, riet man zuerst auf Mrs. S., eine jüngst verstorbene Freundin des Mr. Harrison, d i e ihm ein Erscheinen ffir d i e s e n Abend zugesagt h a t t e und um derentwillen die Sitzung angesetzt worden war, - dann auf eine verstorbene Schwester (Emily) der Mrs. Marryat, endlich auf eine Freundin der Mrs. Kislingbury; wozu die Gestalt jedesmal den 'Kopf schüttelte'. 'Wer mag es sein?' bemerkte ich neugierig gegen Mr. Harrison. 'Mutter, kennst du mich nicht?' klang es in Florences flüsternder Stimme. Ich sprang auf, um ihr entgegenzugehen und rief aus: 'Mein liebes Kind, ich hätte nie erwartet, dich hier zu treffen.' Sie aber sagte: 'Geh zurück auf deinen Stuhl, so will ich zu dir kommen.' Ich nahm wieder Platz, und Florence kam durchs Zimmer und setzte sich auf meinen Schoß . . . Sie war schwer und hatte feste Gliedmaßen. Diese Sitzung fand zu einer Zeit statt, da Florence etwa 17 Jahre alt gewesen sein muß. 'Florence, mein Liebling, 1 sagte ich, 'bist du es wirklich?' 'Schraube das Gas auf,' erwiderte sie, 'und sieh meinen Mund an.' Mr. Harrison tat nach ihrem Wunsch, und wir alle sahen deutlich jene seltsame Mißbildung an der Lippe, mit der sie geboren war, - eine Mißbildung, möge man bedenken, von der einige der erfahrensten Ärzte gesagt hatten, sie sei 'so selten, daß sie nie zuvor dergleichen gesehen hätten'. Sie öffnete auch ihren Mund, um uns zu zeigen, daß sie keinen Schlund h a t t e . . . Derweil rief Miss Cook, die hinter ihrem schwarzen Schal gestöhnt und sich viel bewegt hatte, plötzlich aus: 'Ich kann es nicht länger aushalten', und kam ins Zimmer hervor. Da stand sie in ihrem grauen Kleide mit roten Bändern, während Florence in weißer Gewandung auf meinem Schöße saß. Aber nur einen Augenblick lang, denn sobald das Medium völlig sichtbar war, sprang das Phantom auf und stürzte hinter den Vorhang. [Nachdem Miss Cook ausgescholten und gleichfalls dorthin zurückgekrochen war,] erschien Florence wieder, wobei sie sagte: 'Laß sie das nicht noch einmal tun. Sie erschreckt mich zu sehr . . . Ich fürchte, sie will mich fortschicken, Mutter.'... Sie blieb noch eine Weile, schlang ihre Arme um meinen Nacken, legte ihren Kopf an meine Brust und küßte mich Dutzende von Malen. [Sie verglich ihre Hand eingehend mit derjenigen ihrer Mutter und sagte:] 'Zuweilen zweifelst du, Mutter, und traust deinen Augen und Ohren nicht; aber hiernach darfst du nie wieder zweifeln. Bilde dir nicht ein, daß ich im Geisterlande so aussehe. Die E n t s t e l l u n g hat mich l ä n g s t v e r l a s s e n . Aber ich habe sie h e u t e angenommen, um dir Gewißheit zu geben . . . Ich bin dir immer nahe . . . ' Mr. Harrison sagte mir später, daß Florence fast 20 Minuten bei uns geblieben war . . . Ich habe sie seitdem noch 248 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung oft gesehen und gehört, aber ohne das Mal am Munde.' - 'Es war ein schlichtes Kind, ohne die rechte Fähigkeit sich auszudrücken, das mir im Jahre 1873 erschien; es ist ein Weib voller Einsicht und zarter Warnungen, das jetzt [1890] zu mir kommt. Und doch erscheint sie mir wie eine 19jährige...' - Als Mrs. Marryat im Oktober 1884 Amerika besuchte, erschien ihr dort die Tochter wieder. Erwähnt werden u. a. die Medien Florence Cook, Arthur Coleman, Mrs. Hatch, W. Eglinton und die Misses Berry. Bei den letzteren hatte sich Mrs. Marryat das Pseudonym 'Mrs. Richardson' beigelegt. 'Während der Sitzung bemerkte deren Leiter, Mr. Abrow: 'Hier ist ein junges Mädchen, welches sagt, daß wenn ihre Mutter Mrs. Richardson heißt, sie zum drittenmal geheiratet haben müsse, seitdem sie sie zuletzt gesehen.'1 An Berichten dieser Art und Herkunft geht auch der wissenschaftliche Parapsychologe meist mit vornehmer Nichtbeachtung vorüber. Aber schließlich: mit welchem Recht? Mrs. Marryat war unstreitig eine hochbegabte und stolze Frau, willensstark, im Ausdruck klar, im Streite scharf und schlagend; ihre Erfahrung mit Medien edler Art war eine ungewöhnlich ausgebreitete; auch wissen wir, daß sie über ihre Erlebnisse auf diesem Gebiet ein Tagebuch führte.2 Selbst wenn man von obigem Bericht eine Anzahl von Einzelzügen als romanhafte Ausschmückung abzöge, verbliebe ein Rest von Beobachtungen so massiger und unvergeßlicher Natur, daß wer nicht geradezu 'krankhaftes Lügen' vermuten will, um die Glaublichkeit der wichtigsten Angaben nicht herumkommt. Und schließlich: worin unterscheiden sie sich von Angaben der besten Zeugen, die je auf unserem Gebiete aufgetreten sind? Um zunächst ein verwandtes Beispiel aus dem heller belichteten Bereich der Palladino zu wählen, übersetze ich die Berichte Venzanos und Bozzanos über die körperliche Identifizierung eines Phantoms aus der engsten Verwandtschaft des ersteren. - Bozzanos Niederschrift der Sitzungsvorgänge enthält darüber u.a. folgendes: 'Zu meiner Linken, etwas mehr als 1 m entfernt, war eine kleine Tür, durch deren Öffnung ein schwaches Licht drang. Plötzlich erfaßten 'Johns' Hände meine Schläfen und zwangen meinen Kopf, sich nach jener Seite zu wenden. Ich begriff, daß er dies in bestimmter Absicht tat, und verdoppelte die Sorgfalt meiner Beobachtungen. Sehr bald nahm ich ganz unten eine Art schwarzen Kegels wahr, mit unbestimmten, rauchigen und wechselnden Umrissen. Diese wenig umfangreiche Masse, die sich vor mir verdichtete, schien belebt zu sein oder, besser gesagt, durch eine rasche drehende Bewegung erschüttert zu werden. Sie nahm rasch zu, bis sie nach wenigen Augenblicken Höhe und Umfang eines Mannes erlangt hatte. Dann, in weniger Zeit, als man braucht, es zu beschreiben, wurde ich gewahr, daß diese Erscheinung 1) Marryat, Death 73 ff. Man fragt sich freilich, wieso das Phantom die Mutter erkenne, was es denn von 'Gas' wissen könne, wieso es englisch rede, u. a. m. - Vgl. d. Fall Aksakow II 732. 2) aaO. 297. Identifizierte Materialisationen: 1. Körperliche Kennzeichen 249 Aussehn und Umriß eines menschlichen Wesens angenommen hatte. Diese Gestalt befand sich nicht mehr als zwei Schritte von mir entfernt. Alle Anwesenden bemerkten, daß das durch die Tür hereindringende Licht unerwartet und beinahe vollständig verdunkelt wurde... In diesem Augenblick erhob die Palladino meine Hand und bewegte sie in der Richtung auf die Gestalt zu. Sofort ergriffen zwei andere Hände die meine und führten sie aufwärts. Ich fühlte einen weichen langen Bart, der kitzelnd über meinen Handrücken hin- und zurückstrich. Danach wurden meine Finger über die Züge eines Gesichtes hingeführt. Ich konnte mich so vergewissern, daß das Gesicht nicht dasjenige 'Johns' war. Eusapia zog meine Hand ruckartig an sich. Einen Augenblick darauf begann dieselbe Gestalt hinter meinem Kücken vorzuschreiten; gleichzeitig erschien der Lichtschein von der Türe her wieder. Fast unmittelbar darauf verkündete Dr. Venzano, daß eine Hand die seine ergriffen habe und sie aufwärts ziehe. Bald hörten wir alle den Klang eines lauten Kusses über seinem Kopf.' Es folgte die gleiche Berührung mit dem Barte, den Dr. Venzano als einen spitz geschnittenen bestimmen konnte, und sodann die uns hier besonders angehende Beobachtung, über die ich aber nur Dr. Venzanos Bericht, als den erster Hand, anführen will. Folgendes, schreibt dieser, habe sich seinem 'Gedächtnis tief eingeprägt': 'Als meine Hand, von einer anderen geleitet und aufwärts gezogen, auf die materialisierte Gestalt stieß, hatte ich sofort den Eindruck, eine breite Stirn zu berühren, an deren oberem Rande eine Masse ziemlich langen, dichten und sehr feinen Haares wuchs. Während dann meine Hand allmählich abwärts geführt wurde, betastete sie eine etwas 'adlerförmige' Nase und tiefer darunter einen Schnurrbart und ein Kinn mit Spitzbart. Vom Kinn aus wurde meine Hand ein wenig aufwärts geführt, bis sie, an dem offenen Munde angelangt, sachte vorwärtsgestoßen wurde, so daß mein Zeigefinger, noch immer von der führenden Hand gehalten, in die Mundhöhle eindrang, wo er über den Rand einer Reihe von Oberkieferzähnen hin gerieben wurde, welcher gegen das rechte Ende hin vier Backenzähne fehlten. [Während dieses ganzen Weges von der Stirn bis zu den Zähnen] drückte die führende Hand die meine und zwang sie mit offenbarer Absicht, an gewissen Punkten Halt zu machen, als ob jeder von diesen ein besonderes Kennzeichen bedeutete. Ich muß bemerken, daß ich, beim Vergleich der gelieferten Kennzeichen mit denen einer mir sehr teuren Person, mich nicht erinnern konnte, ob ihr die vier Backenzähne auf der rechten oder auf der linken Seite gefehlt hatten; daß ich aber später durch eingehende Nachforschungen in der Familie feststellen konnte, daß dieser Mangel mit dem bei der Materialisation beobachteten genau übereingestimmt hatte.'1 Unter den 'besonderen Kennzeichen' eines Menschen (im polizeilichen Sinn) spielen bekanntlich die stets persönlich verschieden verlaufenden T a s t l e i s t e n der Fingerballen eine überragende Rolle, und es ist sicherlich bemerkenswert, daß auch diese gelegentlich zur körper- 1) APS VI 15811. 250 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung liehen Selbstidentifizierung von Phantomen benutzt worden sein sollen.1 Der bekannteste Fall dieser Art ist der des 'Walter Stinson', verstorbenen Bruders und 'Führers' der Frau Dr. Crandon in Boston, die als das Medium 'Margery' die Federn zahlreicher Forscher und Kritiker beschäftigt hat. 'Walter' ist m. W. nie als Vollphantam gesehen worden; das würde aber natürlich nicht widerlegen, daß die angeblich von ihm erzeugten Daumenabdrücke einer zeitweiligen und teilweisen Materialisierung seiner Hand entstammen. Der Fall ist freilich stark umstritten. Ich gebe zunächst die Darstellung seiner Befürworter wieder. Danach wurden diese Daumenabdrücke, die außer den Tastleisten auch die 'winzig kleinen Schweißdrüsen' erkennen ließen, unter strengsten Bedingungen2 auf vorher gezeichneten Stücken von Zahnarzt-Wachs (sog. 'Kerr') hergestellt, das auf Anordnung 'Walters' in heißem Wasser erweicht worden war und nach dem Erkalten eine leicht zu prüfende 'anatomische Urkunde' abgab. Derartiger Abdrücke wurden allein in der Zeit vom August 1926 bis zum 15. April 1928 - siebzig Stück erhalten. Alle - mit nur 5 Ausnahmen - stimmen genau überein ('sind derselbe Daumenabdruck', sagt Dr. Crandon) und gleichen niemals dem eines der Sitzer. Einige von i h n e n sind Neg a t i v e , e i n i g e P o s i t i v e , und d i e s e wie j e n e wurden sowohl in konk a v e r , als auch in konvexer Form e r h a l t e n . Überdies aber 'sind einige die S p i e g e l b i l d e r anderer; d. h. sie entsprechen diesen Leiste für Leiste, sind aber in allen Richtungen umgekehrt. Über die Feststellungen dieser Identität unter einander und der Spiegelumkehrung liegen schriftliche Zeugnisse von Polizei- und sonstigen Regierungsbeamten in Washington, Boston, Berlin, München, Wien und London (Scotland Yard) vor. Es sei nicht einzusehn, wie die Spiegelabdrücke auf einer Wachsmasse in einer dreidimensionalen Welt erzeugt werden können. 'Walters' Daumenabdrücke ähneln in wesentlichen Einzelheiten denen Margerys [also seiner Schwester] zu 45°/o, denen der gemeinsamen Mutter zu 70o/o. Diese Ähnlichkeitsgrade entsprechen genau den im Falle von Bruder und Schwester sowie Sohn und Mutter zu erwartenden.' Auch ein Paraffin-Abguß von 'Walters' Hand (erhalten am 17. Mai 1924) zeigte den gleichen Daumenabdruck. * Identische Daumenabdrücke des angeblich gleichen (unsichtbaren) Phantoms wurden nun aber auch durch andere Medien erhalten, und zwar in offenbarem Zusammenhang mit den durch Margery erzielten. Schon am 23. Sept. 1927 regte 'Walter' selbst entsprechende Versuche an und bezeichnete Dr. Hardwicke in Niagara Falls als ersten Teilnehmer einer solchen paraphysischen 'Kreuzkorrespondenz'. Am 23. Febr. 1929 kam er auf den Gedanken zurück, bezeichnete weitere Medien als in Aussicht genommene Teilnehmer am Versuch und ordnete g l e i c h z e i t i g abzuhaltende Sitzungen der Zirkel um Margery, Dr. Hardwicke und Mrs. Litzelmann an. Unter 'strengsten Bedingungen',1 bei genauer Vergleichung mit den Fingerabdrücken aller 1) Vgl. o. S. 100. 195. 2) S.ZP 1928 153. 3) PsSc VII 129f. Nähere" JAmSPR April 1928. 4) Kontrolle des Mediums; von jedem Wachsstttck wurde ein Teil abgebrochen und nachher angepaßt; die Stücke wurden mit geheimen Zeichen, Siegeln usw. versehen. Identifizierte Materialisationen: 1. Körperliche Kennzeichen 251 Anwesenden und unter mehrfachen experimentellen Anordnungen Walters wurden Abdrücke erzielt, die mit den früheren und unter sich formal (aber nicht ganz in der Größe!) identisch waren; und zwar beim ersten derartigen Versuch in Niagara Falls 77 Minuten später als in Boston durch Margery und 42 Minuten nach dem dortigen Sitzungsschluß; beim zweiten - um 47 Minuten später. Die Identität dieser Abdrücke mit den früher erhaltenen und ihre Verschiedenheit von denen aller Sitzungsteilnehmer wurde von dem Bostoner Fingerabdruck-Sachverständigen Fife beglaubigt. Um übrigens dem Einwand zu begegnen, daß sämtliche Abdrücke vermittelst eines Stempels hergestellt würden, verabredete 'Walter' mit Fife (dessen darauf bezügliche Gedanken er erriet) am 9. Sept. 1929 die Herstellung eines deutlich ' u n v o l l - kommenen' Abdrucks seines Daumens, also eines von den bisherigen verschiedenen, aber doch als mit ihnen wesentlich identisch erkennbaren. Die Ausführung dieses Vorhabens erfolgte a l s b a l d in der gleichen Sitzung (ehe also einer der Anwesenden eine Ahnung von dem Plane gehabt), weshalb Fife die 'normale' Herstellung der so erzielten Abweichungen für ausgeschlossen erklärt.1 Die Daumenabdrücke glichen nun aber nicht nur einander, d. h. sie verbürgten nicht nur eine von den Händen aller Sitzungsteilnehmer verschiedene 'Hand', sondern sie glichen auch der Daumenhautbildung Walter Stinsons zu Lebzeiten. Ehe dieser i. J. 1912 die Eisenbahnfahrt antrat, auf der er tödlich verunglückte, hatte er sich rasiert. 'Das Rasiermesser wurde von seiner Mutter in einem Koffer beiseite gelegt; kein andrer Mann gehörte zu ihrer Familie, und der Behälter wurde nicht geöffnet vor dem Mai 1927 [also 9 Monate nach Erhalten der ersten Wachsabdrücke]. Erst dann übergab ihn Walters Mutter dem Sachverständigen für Fingerabdrücke. Er öffnete ihn mit Mühe, holte das Messer mit einer Zange heraus und brachte auf dem Griff einen zunächst unsichtbaren Daumenabdruck zum Erscheinen, von dem er erklärte, daß er in jeder vorhandenen Linie mit den 'Walter'-Abdrücken übereinstimmte.'2 Die behauptete 'Entlarvung' dieser Stinsonschen Daumenabdrücke geschah durch die Herren Dudley, Carrington und Goodby. Diese wiesen die 'Übereinstimmung derselben mit einem Abdruck nach, den ein gelegentlicher Sitzungsteilnehmer (der mit dem angenommenen Namen Dr. Kerwin bezeichnet wird) ein Jahr zuvor dem Medium übergeben hatte.3 - Gegen diese Entlarvung ist aber vieles eingewendet worden, und anscheinend mit guten Gründen schon aus den b e r i c h t e t e n Tatsachen heraus. Zunächst aus der Herstellung der Abdrücke selbst. Mr. Bird behauptet, daß wenigstens einzelne in Gegenwart eines Polizeioffiziers (und zwar auch dieses a l l e i n ) mit '100-prozentiger Sicherheit der Kontrolle von Händen und Füßen des Mediums' erzielt worden seien. In drei Sitzungen trug Margery eine Art Wundverband um die Finger, und ihre Hände waren an die Armlehnen eines Stuhles festgebunden; wobei das Medium, nach dem Zeugnis angesehener l)PsSc IX 25ff. Auch ZmpF 1930 27411. 328 ft. 372 ff. Erfolge auch bei Alleinsitzen des kontrolliert gefesselten Mediums. 2) PsSc VII130. 3) BBSPR XVII, ref. ZP 1933 281 ff.; vgl. Pr XLI115 ff. 252 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Mitglieder der Amerikan. Ges. f. ps. Forsch., 'steif wie eine Mumie war' und sich überhaupt nicht rühren konnte.1 Auch Dr. Tillyard, F. R. S. und Chef- Entomologe der Australischen Regierung, erzielte nach seiner Angabe 'Walter'- Daumenabdrücke, während er a l l e i n mit Margery im abgeschlossenen Versuchszimmer saß: das Medium war mit Klebestreifen an seinen Stuhl gefesselt, und von den Enden dieser Streifen verlief eine blaue Signierung auf die Haut des Mediums: jede Bewegung desselben hätte diese Zeichnungenunterbrechen müssen; sie wurden aber am Schluß der Sitzung unversehrt gefunden. Dr. Tillyard führte überdies eine lebhafte Unterhaltung mit 'Walter', während das Medium durch die von Dr. Richardson ersonnene Vorrichtung völlig am Sprechen verhindert war: es hielt, wie beschrieben, das eine Ende eines U-Rohrs im Munde, gefüllt mit einer Flüssigkeit, deren Oberfläche bei geringster Luftdrucksteigerung eine ablesbare Verschiebung erlitten hätte. 'Es erscheint mir, schreibt Dr. T., gänzlich unmöglich, eine Beweislücke in diesem wunderbaren Ergebnis zu entdecken . . . Diese Sitzung ist für mich der Gipfelpunkt meiner gesamten psychischen Forschungen . . . Aber auch die Art der Abdrücke selbst liefert Beweisgründe. Die Herstellung von Spiegelbild-Abdrücken ist nach Bird überhaupt unerklärlich. Die angeblich sofortige Lieferung eines linken Daumenabdrucks, nachdem ein 'Sachverständiger' nach der Möglichkeit eines solchen gefragt hatte, gäbe gleichfalls' zu denken, wenn wirklich keinerlei unbemerkte Anregung der Frage anzunehmen wäre. - Ein Juwelier erklärte, einen Stempel genau nach dem Muster der Abdrücke nur für 25 Guineen herstellen zu können, und zwar ohne Gewähr für den Erfolg; Margery aber hätte 'nach Maßgabe der genauen Analysen' im Besitz von 47 solcher Stempel sein müssen, - was also angeblich eine Auslage von rund 25000 Mk. erfordert hätte. Gewisse Handabdrücke bei Margery sollen auch eine so starke Rückwärtsbiegung der Finger und der Handfläche nach oben, in einem Falle bis zur Zylinderform, gezeigt haben, wie sie normalerweise überhaupt nicht möglich ist.3 Sind alle diese Angaben anzuerkennen, so müßte in der Tat die behauptete Entlarvung für nicht bündig erklärt werden. Wir ständen dann vor einer Tatsache von großer Wichtigkeit, wie uns spätere theoretische Überlegungen zeigen werden. 14. Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen Von körperlichen Merkmalen als Grundlagen der Erkennung wende ich mich jetzt solchen zu, die dem s e e l i s c h en Leben des anscheinend Materialisierten angehören, und führe zunächst zwei Beispiele an, in denen der Eindruck der Identität durch Handlungen erzeugt wird, die 1) ZP 1928 152. 2) S. den Brief Tillyards an Sir Ol. Lodge (v. 1 1 . 8. 1928) - aus P R - bei Findlay 28f. - Vgl. ferner ZP 1934 186 (nach JAmSPR Sept. 1932); P S 1924 60. 3) ref. ZP 1934 186. Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen 253 ehedem 'Gewohnheiten' des betreffenden Verstorbenen bildeten, also gleichsam noch den Außenbezirken seiner Persönlichkeit angehörten. Das erste berichtet die Baronin Anna Peyron unmittelbar nach ihrer ersten Sitzung mit der ihr bislang unbekannten Mrs. d'Espérance. Diese saß in weißer Kleidung bei recht gutem Licht vor dem Kabinett; alle Personen und Gegenstände waren 'deutlich sichtbar'. Das Medium kündigte die Anwesenheit eines Geistes an (sie wisse nicht, für wen er komme!), und auf Einzelfragen aller Sitzer der Reihe nach wurde die Baronin durch drei Schläge als die Betreffende bezeichnet, weshalb sie ihren Platz (Nr. 9) mit dem des Dr. v. Bergen, rechts vom Medium, vertauschte. Mrs. d'Espérance suchte die ziemlich Erregte zu beruhigen. 'Bald umfaßten zwei große Hände, die einer hinter mir befindlichen Person anzugehören schienen, mein Gesicht von beiden Seiten. Sie waren schwer, groß und durchaus lebendig, und zogen meinen Kopf nach hinten. Ein Gesicht beugte sich über das meine, und ich wurde geküßt. Deutlich sah ich dies Gesicht und diese lächelnden Lippen, die mich küßten. Das war weder mein Vater, noch meine Mutter, noch meine Schwester, sondern mein Sohn, mein geliebter Claes! Keineswegs hatte ich ihn erwartet. Ich sprach zu ihm: 'Claes, bist du das wirklich? Küsse mich wieder!' und erhob meine Hände zu ihm. Er neigte sich und küßte mich auf den Hals, hinter dem Ohr, wie er es söit seiner Kindheit stets, sonst aber niemand getan hatte. Ich erhob mich und wandte mich um, und stand ihm gegenüber. Ich hätte ihn gern mit meinen Armen umfaßt, aber er drückte mich auf meinen Sitz zurück, indem er sanft die Hände auf meine Schultern legte. Ich sah ihn völlig deutlich, ohne die Möglichkeit eines Irrtums oder einer Halluzination. Während dieses ganzen Auftritts war ich mir vollkommen des Mediums in unsrer Nähe bewußt und sah, wie es sich an Dr. v. Bergen heranbewegte, um mich näher an meinen Sohn heranzulassen . . Im zweiten Beispiel verwebt sich der fragliche Umstand bereits mit andern, die den Persönlichkeitserweis beträchtlich verstärken, aber an sich weiterer Belegung bedürfen: denn was das Phantom 'spricht', geht kaum über das hinaus, was das Medium selbst aus flüchtiger Bekanntschaft mit dem Sitzer ableiten mochte. Im übrigen soll es uns nicht stören, daß die identifizierende 'Gewohnheit' hier mit einem bisher vernachlässigten Bestandstück von Phantomen zusammenhängt: ihrer Kleidung. Wir werden es später noch besprechen. 'In einer Sitzung in Rom mit dem Medium Politi [über das ich nirgends etwas Ungünstiges erwähnt finde] hörte Sgr. Senarega seinen Vornamen aussprechen: Erné, in gedehntem Ton und im Tonfall der Genueser Mundart, so wurde er in der Familie genannt. Darauf nahmen Alle das Geräusch eines absichtlich geschüttelten und geriebenen seidenen Rockes wahr, und das Medium sagte ihm, daß dies seine Mutter sei, die so tue, um von ihm erkannt 1) RSMS Okt. 1907 2531. (aus Lt 14. 9. 1907). 254 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung zu werden. Sie war gestorben, als Senarega jung war, und hatte ihn wenig gekannt. Etwas später hörte man die Worte 'mein Sohn', und der Oberkörper einer Frau lehnte sich aus dem Kabinett hervor, neigte sich über den Tisch und verschwand dann im Saal. Auf Anfrage schrieb eine Tante mütterlicherseits dem Sgr. Senarega, 'daß seine Mutter so sehr die Gewohnheit gehabt hatte, ihr Kleid in dieser Weise zu schütteln, daß es eine 'Manie' geworden war, über die man sich lustig machte.' Politi hatte niemals Beziehungen zu Senarega oder seiner Familie gehabt. Mehrere Mitglieder des Zirkels behaupteten nachher, in einem ihnen vorgelegten Lichtbilde der Mutter das Phantom zu erkennen; Sgr. S., der das Gesicht desselben nicht deutlich gesehen hatte, hält mit seinem Urteil zurück.1 Die folgenden Beispiele zeigen uns den natürlich besonders wichtigen Tatbestand des Redens eines identifizierbaren Phantoms in steigender Ausbildung; das erste verknüpft damit Handlungen, welche durchaus persönliche Erinnerungen anzuzeigen scheinen. Die Bedeutung dieser Wissen-verratenden Handlungen wird im ersten Fall allerdings dadurch beeinträchtigt, daß sie auf Wunsch und Erwartung des Sitzers hin erfolgten, der damit eine - wenn auch telepathische - Suggestion ausgeübt haben könnte. Die Tatsachen, die ich im Auge habe, finden sich in den ausgezeichneten Berichten des Sgr. L. A. Vassallo über die schon erwähnten Palladino-Sitzungen im Genueser 'Circolo Minerva', an denen neben ihm noch andre hervorragende Beobachter teilnahmen.9 Es war in der ersten derselben, daß ihm sein verstorbener Sohn Naldino zuerst erschien. Eine lebhaft in Vassallos Richtung grüßende jugendliche Hand war über dem Kopf der reglos im Halbschlaf liegenden Eusapia hinter dem Vorhang hervorgekommen. Nachdem Dunkelheit hergestellt war, fühlte Vassallo um sich her einen 'jähen Ausbruch von Kundgebungen der Freude'. 'Ich empfinde deutlich die Berührung einer Person vom Rücken her: zwei Arme umschlingen mich kräftig mit immer erneuter leidenschaftlicher Zärtlichkeit; zwei feine und nervöse Hände, den vorher von Allen gesehenen gleichend, drücken meinen Kopf, überschütten mich mit Liebkosungen aller Art; ein Licht, welches ich nicht sehe, das aber von den Andern überein"- stimmend beschrieben wird, scheint meinen Kopf zu umgeben, und ich empfange immer wieder lange und heftige Küsse, die gleich mir alle Andern deutlich hören. Das charakteristische Ganze dieser körperlichen und geistigen Kundgebungen läßt keinen Zweifel mehr für mich bestehn; umso weniger, als eine Hand, identisch mit der gesehenen, lange in meiner Rechten verweilt (während ich mit der Linken fortgesetzt die Rechte des Mediums drücke...) und der Tisch mit raschen Klopftönen Sätze buchstabiert, die in ihrem vertraulichen Sinne nur mir verständlich sind... Trotzdem erbitte ich zum Überfluß noch einen Beweis, der mir auch sofort gewährt wird, indem die Klopftöne einen der drei Namen meines Sohnes buchstabieren, einen Namen, 1) RSMS Jan. 1906 441 (aus LO Dez. 1905). Vgl. o. S. 239. 2) Vassallo 350. Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen 255 um den nur die allernächsten Verwandten wußten: Romano... Ich sage zu ihm: Weißt du, Naldino, daß ich stets ein teures Andenken an dich bei mir trage? Und sofort drückt ein Finger zwei oder drei mal gegen die innere Taschc meines Rocks, . . . wo sich das Bild meines Sohnes befindet.1 Auf die Bitte des Vaters um sichtbares Erscheinen wird gedämpftes Licht gefordert; Prof. Porro, Dr. Venzano und ein dritter Herr sehen darauf gleichzeitig, und nachdem ihm die Stelle bezeichnet, auch Vassallo selbst, 'ganz deutlich eine scharf umrissene Person', die sich zweimal auf ihn zuneigt. Diesen Umriß Naldinos zeichnet V. gleich darauf bei hellem Licht auf den Tisch, und alle übrigen, 'besonders die Herren Porro und Prati, die von ihren Plätzen aus das Profil am besten hatten sehen können,' bestätigen die Übereinstimmung. In der fünften Sitzung fragte V. den abermals erschienenen Naldino: 'Weißt du, ob ich etwas an mir habe, was dir sehr lieb gewesen ist? Ich hatte kaum die Worte geäußert, als mir die Krawattennadel herausgezogen und vor dem mir gegenüber sitzenden Prof. Porro niedergelegt wurde. In der Tat war dies eine Nadel, die Naldino, als ein Geschenk Ermete Novellis, stets im höchsten Grade geliebt und bevorzugt hatte. Überflüssig zu erwähnen, daß keiner der Anwesenden eine Ahnung von diesem Gegenstande hatte.'2 - Es folgten dann die gleichen Umarmungen und Zärtlichkeiten wie in der früheren Sitzung, 'vermischt mit abgerissenen Sätzen, die auch von den Andern gehört werden, in Genueser Mundart und jener besondern Stimmfärbung, die für mich jeden Zweifel ausschließt.' Deutlich höre ich die unvergeßliche Stimme zu mir sagen: 'Papa, mein lieber Papa!' . . . Und dann, immer wieder, ein 'O Gott', nicht des Schmerzes, sondern der überströmenden Freude.' Weitere allgemein gehörte Küsse werden von der Äußerung begleitet: 'Gieb sie der Mama.' - Nach dem Verschwinden des Phantoms forderte der Tisch Licht. Sobald die weiße elektrische Lampe angedreht war, sah man eine menschliche Gestalt, eingehüllt in den sehr dünnen Vorhang des Kabinetts, dem noch aufrechtstehenden Vassallo sich nähern (zwei Hände hatten ihn unter den Achseln gefaßt und emporgezogen) und ihn umarmen, während eine Hand, gleichfalls vom Vorhang bedeckt, ihn griff und einige Zeit festhielt. Eusapia verharrte während dessen reglos auf ihrem Stuhl und jede ihrer Hände in Berührung mit denen der sie Überwachenden.4 Sehr ähnlich stellt sich ein Erlebnis des Sgr. Massaro aus Palermo in der Mailänder Palladino-Sitzung vom 26. Nov. 1906 dar, über das mir aber nur ein Bericht des gleichfalls anwesenden Lombroso vorliegt Es zeichnet sich durch einen merkwürdigen Umstand aus (die vorherige Ankündigung durch ein andres Medium), der uns an früher beigebrachte Fälle von 'Entsprechungen' erinnert. Sgr. Massaro hatte Vor einiger Zeit' durch den Tisch von seinem verstorbenen Sohne das Versprechen einer Materialisation in Mailand erhalten. In 1) Vgl. hiermit die Episode der Elsa Porro: das. 63f. 2) Ähnliche Selbstidentlflzlertragen durch Gegenstände (Ringe) s. du Prel, Stud. II 284; Marryat 256. 3) Zur Identifizierung durch Stlmmklang ygl. ZpF 1929 126; ZmpF 1932 206f. 4) Vassallo 68ff.; APS VI 109t.; Lombroso89; Bozzano in PS XXVIII 629. 256 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung jener Sitzung nun 'sah' die Palladino 'einen Jüngling von ferne kommen, . . . aus Palermo', wie sie auf eine Frage des näheren angab; worauf sie die Worte beifügte: 'ein lebendes, in der Sonne gemachtes Bild'. Niemand verstand dies; nur Massaro erinnerte sich dabei, daß er in seiner Brieftasche eine auf freiem Felde gemachte Aufnahme bei sich trug. Gleichzeitig fühlte er ein lebhaftes Klopfen an seiner Brust, gerade an der Stelle, wo sich das Bild befand, und fühlte sich durch den Vorhang hindurch zweimal auf die rechte Wange geküßt, dann deutlich geliebkost, und schließlich die lebhaften Berührungen einer Hand, die in die innere Rocktasche eindrang, gerade auf die Brieftasche zu. 'Diese wurde geöffnet, so daß das Bild zum Vorschein kam.' Es folgten erneute Liebkosungen, 'und dann fühlte sich Massaro an der Brust gepackt, bis zum Vorhang gezogen und wiederholt geküßt. Schließlich kam die Erscheinung mit dem Kopf vor den Vorhang. Der Kopf war mit einer weißen Binde umwickelt, und Massaro erkannte seinen Sohn.'1 Ein gleichfalls verwandtes Erlebnis hatte in der dritten dieser Sitzungen Prof. Morselli, der mit dem (bereits erwähnten) Phantom seiner Mutter 'ein kurzes vertrauliches Zwiegespräch' führte, worauf diese ihn (bei Rotlicht) in der gleichen Weise durch den Vorhang hindurch mit Liebkosungen bedachte. Während dessen nun aber geschah noch folgendes: 'Die Hand dieser Wesenheit hebt die Linke des Sgr. Morselli empor (schreibt Vassallo) und führt sie an die Stirn des schlafenden Mediums, in die Gegend der rechten Augenbraue, worauf Morselli, uns gänzlich unverständlich, ausruft: 'Ich begreife, . . . ich begreife, was du mir andeuten willst; aber dort war es nicht.' Es folgen fruchtlose Anstrengungen, immer den gleichen Punkt anzudeuten, bis - mit einer ungeduldig heftigen Bewegung - der Finger Morseliis rasch an seine Stirn auf einen ganz bestimmten Punkt hingeführt wird, worauf er ausruft: 'Ah, nun sind wir da!' Und nun erklärt er uns, daß seine Mutter an diesem Punkt, nahe der Augenbraue, eine kleine Warze gehabt hatte.'2 - Der Leser mag selbst entscheiden, ob bei der freiwilligen Ingangbringung dieser Suche durch das Phantom viel Sinn darin liege, ein 'unbewußtes Führen' von dessen Hand durch Morselli zu vermuten. Soweit bei den geschilderten Vorgängen die Wissenskundgebungen des Phantoms nicht nur durch Gebärden und Handlungen, sondern auch durch Reden erfolgten, blieb uns deren Inhalt vorenthalten; anscheinend weil er zu vertraulich war. Die gleiche Unterlassung muß man leider ziemlich vielen Zeugnissen über Begegnungen mit erkannten Phantomen zum Vorwurf machen. Die Abneigung gegen Bekanntgabe solcher Unterhaltungen ist verständlich, aber um der Forschung willen zu bedauern. Ich möchte gleichwohl noch einige Berichte anführen, welche gleichfalls die eindrucksvollsten Bestandteile mit dem Schleier der Verschwiegenheit bedecken; denn in der Häufung vermögen sie doch den Eindruck der nichts verbergenden zu verstärken. Hier ist zu- 1) Lombroso 901. 2) Vassallo 5611. (Morselli erscheint hier unter dem Decknamen Mirelli.) Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen 257 nächst ein solches Beispiel aus der Feder einer, die selbst als Medium größten Ruhm gewonnen hat. '[Während einer Materialisationssitzung mit einem ungenannten Medium]', schreibt Mrs. Leonard, 'fühlte ich plötzlich eine Kälte Ober mich kommen, und im selben Augenblick meinen Nachbarn, einen Seeoffizier, leicht erschauern. [Wir hielten uns während der ganzen Sitzung an den Händen.] In wenigen Sekunden war mir eiseskalt geworden. Desgleichen offenbar dem Seeoffizier, nach seiner Hand zu urteilen. Er wandte sich an mich und flüsterte: 'Fühlen Sie etwas? Furchtbar kalt im Rücken, nicht wahr?' Ich stimmte zu: die Kälte schien von hinter uns her zu kommen. Ich blickte über meine rechte Schulter, ohne mich in meinem Stuhl zu bewegen, und erblickte zu meiner Verwunderung dicht hinter uns die schneeweiße, stattliche Gestalt einer Frau, genau wie ein reizendes Bildwerk aus Marmor oder Alabaster anzuschauen. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Hände wie im Gebet gefaltet; sie bewegte sich auf uns zu, als wandelte sie in tiefem Schlaf. Langsam ging sie zwischen uns hindurch. Da unsre Hände verbunden waren, ging sie durch unsere Arme und Hände hindurch. Genau im Augenblick ihres Hindurchgehens zwischen uns verstärkte sich die Kälte noch hundertfach, obschon ich das einen Augenblick zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Ich habe nie etwas Ähnliches gefühlt. Wir sahen deutlich ihr Profil, während sie so nahe vorüberging. 'Großer Gott!' sagte mein Nachbar, 'es ist meine Mutter. Aber warum sieht sie so aus?' Sie bewegte sich - man kann es kaum Gehen nennen, denn sie schien über den Fußboden hinzugleiten, ohne Beine ünd Füße zu bewegen - auf die Vorhänge [des Kabinettes] zu und verschwand. Einige Minuten später erschien sie wieder, glücklich und belebt, und hatte eine sehr persönliche Unterredung mit ihrem Sohn, der, wie er mir zu verstehen gab, von allem, was sie ihm sagte, tief befriedigt war.'1 Ein weiteres Beispiel entnehme ich den schon mehrfach verwendeten wertvollen Erinnerungen der Miss Katherine Bates, der bekannten Reiseschriftstellerin aus den besten Kreisen englischer Bildung. Diese beschreibt mehrere Sitzungen mit einem ungenannten amerikanischen Medium, während welcher neben andren lebensvollen Gestalten auch ein 5 Jahre zuvor in Deutschland verstorbenes, ihr befreundet gewesenes Kind auftrat, welches sie Muriel nennt. Als dieses das winzige Kabinett verließ, das Miss Bates vorher untersucht hatte, streckte sie die Hände vor und fragte: 'Erinnerst du dich nicht meiner Hände? Ich war so stolz auf meine Hände' (was völlig zutraf). Gefragt, ob sie nicht eine Botschaft für ihre lebende Schwester habe, erwiderte sie 'ohne das geringste Zögern': 'Sage der armen Jessie...', worauf ein 'besonders passender' Auftrag folgte. Der Geist sprach 'leise und mit Mühe', küßte Miss Bates' Hand und 'schwand vor meinen Augen dahin, . . . indem er sich in die Luft auflöste.' - In einer Sitzung 10 Tage danach erschien 'Muriel' wieder; desgleichen aber in einer weiteren Sitzung mit einem anderen Medium, Mrs. Stoddart Gray, die der Miss Bates völlig fremd und 1) Leonard 148. - Den Offizier nennt sie an extremely practical, straightforward, 'no nonsense about him' type of man, nach dem Eindruck ihrer Unterhaltung mit ihm. M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben III 17 258 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung von ihr aus 30 Medien in einer Zeitung ausgesucht worden war. Hier bat Muriel die Sitzerin um einen Kuß. 'Sie hatte einen unbeschreiblichen Hauch von Frischc und Reinheit an sich, die sie auch im Leben ausgezeichnet hatte. Als Miss Bates zunächst tat, als erkenne sie sie nicht, und schwieg, flüsterte das Phantom: 'Kennst du mich nicht?', und auf die Frage nach ihrem Namen: 'Nun, ich bin doch Muriel.'1 Der nachfolgende Bericht Dr. Venzanos, auf unmittelbar nach der Sitzung gemachtein Aufzeichnungen fußend, geht zwar gleichfalls nicht auf letzte Einzelheiten des Gespräches ein, läßt sich aber doch zu Angaben herbei, aus denen wir den ungefähren Inhalt der vertraulichen Unterhaltung erschließen können. Danach scheint das Phantom ein Wissen offenbart zu haben, das jedenfalls nicht auf das des Mediums zurückging, und van einer Art, wie sie im Verkehr mit Lebenden wohl zur Identifizierung einer Persönlichkeit ausgereicht hätte. 'Trotz des matten Lichtes konnte ich deutlich die Palladino und die übrigen Sitzer sehen. Plötzlich nahm ich wahr, daß sich hinter mir eine Gestalt von ziemlicher Größe befand, die ihren Kopf auf meine linke Schulter legte und heftig schluchzte, so daß die Anwesenden es hören konnten; sie kflßte mich wiederholt. Ich nahm deutlich die Umrisse dieses Gesichtes wahr, welches mein eigenes berührte, und fühlte das sehr feine und reiche Haar in Berührung mit meiner linken Backe... Klopflaute des Tisches gaben den Namen einer nahen Verwandten an, die keinem Anwesenden außer mir bekannt war. Sie war vor nicht sehr langer Zeit gestorben, und aus Unverträglichkeiten des Wesens hatten sich ernstliche Zwistigkeiten mit ihr ergeben. So wenig erwartete ich diese Auskunft, daß ich zunächst an eine zufällige Übereinstimmung des Namens dachte; aber während ich im Geiste dies überlegte, fühlte ich einen Mund mit warmem Atem mein linkes Ohr berühren, welcher mit leiser Stimme in Genueser Mundart eine Reihe von Sätzen flüsterte, deren Gemurmel den Sitzern hörbar war. Diese Sätze, mehrmals unterbrochen von Weinen, baten mich um Verzeihimg wegen des mir geschehenen Unrechts, mit einer Fülle von Einzelheiten in Bezug auf Familienangelegenheiten, die nur der Betreffenden bekannt sein konnten . . . Ich hatte kaum die ersten Silben [einer Bitte, auch mir zu verzeihen] geäußert, als zwei Hände .. . sich mir auf die Lippen legten und mich verhinderten weiterzusprechen. Die Gestalt sagte dann zu mir: 'Ich danke dir', umarmte und küßte mich, und verschwand.'2 Der folgende Bericht geht zum erstenmal wirklich ins Einzelne, beschränkt sich aber auf eine einzige Angabe geäußerten Wissens. Auch ist dieses von einer Art, die zunächst befremden könnte, indem es sich auf den Zustand der Leiche der angeblich Erscheinenden bezieht. Doch wird sich der Leser entsinnen, daß schon die Betrachtung der Motive 1) Bates 23 IT. - Vgl. ferner Prof. Cassia" Bericht (aus LO) bei Delanne II 577; Vassallo 48. 57; Doyle in PS 1925 207 f. 2) APS VI 164. Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen 259 von Spuken und andern Kundgebungen uns Erlebnisse vorführte, die verwandte Sorgen Abgeschiedener andeuten. Der etwas 'romantische' Beigeschmack, welcher der folgenden Erzählung anhaftet, schwächt sich also ab, wenn wir sie in größerem Zusammenhang betrachten. Mrs. d'Espérance berichtet von einem ihr bekannten Ehepaar Miller, daß die Frau den spiritistischen Ansichten ihres Gatten mit großer Schärfe entgegengetreten war. Sie starb, und einige Tage nach ihrer Bestattung nahm er an einer Sitzung im Fidlerschen Hause teil. Während derselben erschien - Mrs. Miller aus dem Kabinett. 'Obgleich an diese unglaublichen Dinge sehr gewöhnt (sagt Mrs. d'Espérance, die ja damals, wach und außerhalb des Kabinette " sitzend, 'ihre' Phantome beobachtete), war ich doch von Staunen überwältigt. Kein Irrtum schien möglich: das waren ihre Züge, ihre Gebärden; das war sie selbst in jeder Hinsicht. Sie wurde sofort erkannt von allen, die sie gekannt hatten. Ihr Gatte, vom Gefühl übermannt, wollte sie umarmen, aber sie tat einen Schritt zurück und sprach zu ihm in strengem Ton: 'Was hast du mit meinem Ring getan?' Ein Donnerschlag hätte uns nicht in größere Bestürzung versetzen können. 'Meine Liebe, ich habe nichts mit deinem Ring getan', erwiderte der arme Mann, 'ist er denn nicht an deinem Finger?' Und er brach in Tränen aus, während Mrs. Miller ins Kabinett zurückging...' Miller erzählte nun, daß seine Frau vor ihrem Tode ihm aufgetragen habe, ihr nicht die beiden Ringe abzuziehen, die sie stets trug; was er ihr auch versprochen hatte und ausgeführt zu haben glaubte. Er verstand den Vorwurf seiner Frau gar nicht. Alle Anwesenden ergriffen gefühlsmäßig seine Partei. Erst nach seiner Heimkehr erfuhr Miller von seiner Tochter, daß diese, ohne von dem Wunsch der Mutter zu wissen, ihr die beiden Ringe unmittelbar vor der Bestattung abgezogen hatte in der Meinung, ihr Vater werde sich später freuen, sie zu besitzen.1 Der Anschein der Identifizierung einer vom Medium unabhängigen, selbständigen Persönlichkeit eines Abgeschiedenen verstärkt sich nun offenbar bedeutend, wenn die Äußerungen des Phantoms durch Mittel erfolgen^ die dem Medium überhaupt nicht zur Verfügung stehen; wenn also das Phantom seine Aussagen niederschreibt in Gegenwart eines Mediums, das des Schreibens unkundig ist, oder sich einer Sprache bedient, die dem Medium unbekannt ist. Von den großen Materialisationsmedien wurde die Palladino stets als völlig lese- und schreibunfähig bezeichnet.2 Die äußersten Grenzen solchen Bildungsmangels dürften nicht leicht festzustellen sein; ich übergehe daher einen Bericht Avellinos, nach welchem das z. Zt. unsichtbare Phantom 'John' auf die Frage nach dem Verbleib einer gewissen Person das Wort 'tot'3 geschrieben habe. Bozzano, der diese Tatsache mitteilt, fqgt ihr aber eine weitere, wesentlich eindrucksvollere hinzu: In einer andern Sitzung bei den 1) d'Espérance 280fl. 2) Pr XXIII 311. 3) also wohl morto (decesso, defunto?). 17* 260 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Avellinos habe sich eine 'Persönlichkeit' als der 'jüngere Bruder* des Hausherrn eingeführt. 'Letzterer bat in Gedanken um einen geschriebenen Identitätsbeweis und legte seine mit einem Bleistift bewaffnete Hand auf einen Bogen Papier. Da dieser *. T. bereits mit Schrift bedeckt war, wurde ein neues Blatt vom Nachbartisch herangebracht [offenbar durch mediale Kraft] und schob sich unter den Bleistift. Darauf legte sich eine Kinderhand auf die des Sgr. Avellino, nicht gleichgerichtet mit seiner Hand und Unterarm, sondern so, daß die Fingerspitzen der einen denen der andern e n t g e g e n k a - men. Unter diesen Bedingungen wurde ein Satz von 18 Worten niedergeschrieben, der genau auf die in Gedanken gestellte Frage Avellinos antwortete. Und zwar bedeckten die ersten vier Worte das ganze erste Blatt, dann wurde dieses fortgenommen und durch ein andres ersetzt, das sich unter den Bleistift schob, und da die dem Tisch aufliegende Hand Avellinos dies zunächst verwehrte, wurde sie emporgehoben durch die des sich kundgebenden Wesens, und das Blatt glitt vor, bis der Bleistift sich über seinem oberen Teil befand. Sieben weitere Worte wurden auf dieses zweite Blatt geschrieben, das dann seinerseits durch ein drittes ersetzt wurde, auf welches die letzten 7 Worte geschrieben wurden.'1 Hier scheinen die Grenzen von Eusapias Schreibkunst (die sich auf ihren Namen beschränkte) deutlich überschritten zu sein, ganz abgesehn natürlich davon, daß es bestimmt nicht ihre normale Hand war, die den Bleistift führte. Den Tatbestand des vollentwickelten Phantoms mit dem der Fremdsprachigkeit oder 'Xenoglossie' verknüpft der nachstehende Fall, wennschon die 'Äußerungen' wenig umfangreich sind und fast mit der beliebten Annahme einiger 'Brocken' als Sprachbesitz jedes Mediums abgetan werden könnten. Doch ist der Bericht auch in anderer Hinsicht lehrreich. Es handelt sich um die Sitzung des Dr. Gibier mit dem Medium Mrs. Salmon in Newyork vom 10. Juli 1898, bei der nur 7 Personen, alle dem Dr. Gibier gut bekannt, anwesend waren, darunter seine Institutsaufseherin Mrs. C. und sein Assistent Dr. L. Das Medium saß hinter dem Vorhang in einem "hölzernen Kabinett', dessen Hinterwand in der Kopfhöhe des sitzenden Mediums zwei Löcher hatte. Ein starkes Seidenband war um den Hals des Mediums geführt und hinten mittels eines chirurgischen Knotens festgebunden, der durch einen weiteren Knoten gesichert und so fest angezogen war, daß der Zeigefinger zwischen Hals und Band knapp durchkommen konnte. Die beiden Enden des Bandes waren durch die beiden Löcher geführt und so weit angezogen, daß der Kopf des Mediums die Wand leicht berührte; dieses Band war dann durch einen stark zugezogenen Doppelknoten festgelegt, so daß Mrs. Salmon buchstäblich geknebelt war und ihre Stellung nicht verändern konnte. Nach verschiedenen flüchtigen Teilmaterialisationen 'zeigte sich ein weißer 1) Bozzano, Ipot. 45f. Dies widerlegt auch die zweiflerische Einstellung von Joire 486. Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen 261 Gegenstand am unteren Rande der geschlossenen Vorhänge . . . und entwickelte sich rasch nach der Höhe zu. Er ähnelte dem Unterteil eines Gewandes. Gleich darauf öffnen sich plötzlich die Vorhänge und eine Frauengestalt, ganz in Weiß gekleidet, kommt aus dem Kabinett hervor und rasch auf die Damen D. und B. zu, welche gleichzeitig ausrufen: 'Blanche, Blanche!' Die Erscheinung wirft sich Mme B. in die Arme und sagt zu ihr auf französisch ohne jeden Akzent:1 'Meine Tante, meine Tante, ich bin so glücklich, Sie zu sehen', und zu Mme B. gewandt: Und dich auch, Victoria.' [Nach gegenseitigen Umarmungen und] auf Blanches Erlaubnis hin tritt der anwesende Maler T.-S. vor und faßt ihre Hand, [die er für völlig menschlich erklärt. Auch Dr. Gibier prüft die Gestalt genau, die etwa 2 Minuten lang mehr als 1 m vor dem Kabinett verweilt:] sie ist mindestens 10 cm größer als das Medium und ziemlich schlank, während das Medium eine Fünfzigerin und einigermaßen beleibt ist. Die Stimme des Phantoms ist schwach und etwas pfeifend und hat nichts von der des Mediums, das überdies keine zwei Worte französisch kann... Das Gesicht ist voll und frisch, anscheinend das einer 20-25jährigen, und ohne jede Ähnlichkeit mit dem des Mediums . . . [Nachdem Blanche im Kabinett verschwunden] fasse ich das Seidenband, das aus dem Kabinett herausführt, und vergewissere mich, daß nichts sich verändert hat.'2 Auch nicht viel weiter führen uns gewisse Angaben, die der uns bereits bekannte Anatom Prof. Pawlowski über Phantome Kluskis macht und die hier mit einigem Vorbehalt angeführt seien.3 Diese Phantome, sagt er, hätten 'verschiedenen Nationen angehört und gewöhnlich deren Muttersprache gesprochen', aber dessen ungeachtet auch in andren Sprachen an sie gerichtete Worte verstanden (wohl durch Vorstellungsübertragung? - wie sie denn auch auf bloß gedachte Wünsche oder Fragen stets eingegangen wären). 'Bei einer Gelegenheit konnte ich deutlich den Ausdruck der Erwartung im Gesichte der Erscheinung eines Türken (von den andern Teilnehmern oft gesehen) wahrnehmen, der sich vor mir verneigte und sagte: Chokjash Lehistan! 4 Als er bemerkte, daß ich ihn nicht verstand, wiederholte er freundlich lächelnd dieselben Worte. Nicht wissend, was er wollte, aber aus dem Freundschaftsgefühl des Polen für seine ritterliche Nation heraus, sagte ich zu ihm: Vive la Turquie! Man konnte deutlich sehen, wie erfreut er darüber war. Er lächelte, seine Augen strahlten, er kreuzte die Arme, verbeugte sich und verschwand. Ich schrieb mir seine Worte in polnisch-phonetischen' Lauten auf meinem Notizblock auf. Am nächsten Tage ließ ich sie mir von einem Kenner der Sprache übersetzen und fand, daß sie bedeuten: Es lebe Polen.'5 1) Dr. Gibier, Leiter des Pasteur-Instituts in Newyork, war Pariser. 2) Nach Gibier, Recherches in ASP Jan.-Feb. 1901. Richet (420) nennt diese Experimente 'bemerkenswert, schön und entscheidend, durchgeführt von einem Gelehrten, der von einem aufgeklärten Skeptizismus beseelt war' und damit andere Materialisationsberichte 'aufs glänzendste bestätigte'. Der größere Sprachbesitz des Phantoms soll zwar 'gar nichts beweisen'; doch gibt Richet, wie das so seine Art ist, keinerlei Grund für dieses Urteil an. 3) JAm S P R X I X Sept. 1 9 2 5 4 8 Í T . ; ZP 1 9 2 6 51T. 4) Bozzano, A prop. 205, schreibt 'Chokiask Lehistan". 5) ZP 1926 21. 262 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Auch Eusapias 'John King' soll nach Lombrosos Zeugnis in Neapel und Turin *unmittelbar und mit Vorliebe' auf Englisch geantwortet haben, also in einer 'dem Medium vollkommen unbekannten Sprache', die z. Zt. nur einer der Anwesenden verstand. Doch vermisse ich Angaben über Umfang und Inhalt der Äußerungen, nach denen man sich ein Urteil bilden könnte, wie weit sie wirklich Ober das gewöhnliche Wissen eines Mediums hinausgingen, das doch immerhin weit herumgekommen war und auch mit Engländern zu tun gehabt hatte.1 - In Genua, im Hause Cellona, soll das Wesen, welches Abdrücke in Ton erzeugte und sich damit als echte Materialisation erwies, mit dem Herrn Jurjewitsch vom Pariser Institut psychologique 'russisch gesprochen' haben, wobei Herr J. die Äußerungen den Anwesenden übersetzte.5 - In einer von Dr. Scozzi beschriebenen Sitzung, in welcher materialisierte Wesen durch 'Zärtlichkeiten großer und kleiner Hände' ihre Gegenwart verrieten, führte die anwesende Frau Singer anscheinend mit ihrem verstorbenen Vater und ihren Kindern eine Unterhaltung in der dem Medium völlig unbekannten deutschen Sprache.3 - Aber auch diese bemerkenswerten Angaben bleiben, wie man sieht, leider allzu sohr im Allgemeinen und Unbestimmten stecken. Über die unleugbare Lückenhaftigkeit solcher Berichte führen nur wenige Fälle von Xenoglossie des Phantoms hinaus. In dem nachstehenden, sehr bekannten werden die glücklicherweise n i e d e r g e - s c h r i e b e n e n fremdsprachigen Äußerungen ausführlich mitgeteilt. Es handelt sich um das uns schon bekannte Phantom 'Nepenthes' bei Mrs. d'Espérance, über das der Bericht eines 'höheren Beamten' sich folgendermaßen äußert. "Nepenthes erschien schöner als je... Als sie Hrn. E. über sein Notizbuch gebeugt schreiben sah, hielt sie inne und betrachtete ihn; dieser ersuchte sie darauf, einen Satz für ihn zu schreiben, und bot ihr Notizbuch und Bleistift an, die jene auch entgegennahm. Hr. E. erhob sich, stellte sich hinter sie und beobachtete sie. Beide befanden sich zur Seite des Mediums, aber ein wenig nach rückwärts; wir betrachteten die Gruppe der drei mit gespannter Erwartung. 'Sie schreibt,' verkündete Hr. E. Wir sahen die beiden Köpfe über die schreibenden Finger gebeugt, deren Bewegungen sich deutlich verfolgen ließen. Bald darauf wurden Notizbuch und Bleistift Hrn. E. zurückgegeben, der hochbeglückt Platz nahm. Wir untersuchten das Blatt und fanden darauf mit größter Deutlichkeit griechische Buchstaben geschrieben, die aber allen Anwesenden unverständlich waren. Am Tage darauf ließen wir sie aus dem Altgriechischen ins Neugriechische übersetzen und daraus in unsere Sprache. Dies ist ihr Inhalt: Ich bin Nepenthes, deine Freundin; wenn dein Geist von übermächtigem Schmerz bedrückt sein wird, so rufe mich, Nepenthes, und ich werde alsbald herbeieilen, deine Leiden zu lindern.'4 1) Nach Lombroso in ASP Feb. 1909 bei Delanne II 233. 2) Aus LO Mai 1906 aaO. 3) Nach Scozzi aaO. Vgl. noch Aksakow 732. 4) bei Bozzar.o, Casi 132f. -Nr¡-mW¡z " ohne Leid; auch Beiname des Apollon. Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen 263 Das folgende, ebenso ausdrückliche Beispiel entnehme ich wiederum Miss Bates' Aufzeichnungen. 'Während einer Sitzung mit Mrs. Stoddart Gray in Newyork erschien [bei dem Licht von 5 mehr als halb aufgedrehten Gasbrennern] u. a. ein Phantom in weißer Schwesternkleidung am Eingang zum Kabinett, und das Medium fragte, ob irgendein Anwesender deutsch sprechen könne, da dieses Wesen weder englisch noch französisch noch italienisch zu verstehen scheine, während sie (Mrs. Gray) das Deutsche nur am Klang erkenne.' Nachdem ein anwesender Herr ohne rechten Erfolg sich versucht hatte, bot sich auch Miss Bates an, die das Deutsche gut beherrschte.1 'Sobald ich mich der Gestalt näherte, schien sie Kraft zu gewinnen [Miss Bates war selbst in hohem Grade 'medial'], trat vollends aus dem Kabinett und sagte zu mir in feinstem Deutsch . . . : 'Ich bin die Schwester von Mme Schewitsch (der Name einer ausländischen Bekannten, mit der ich den Nachmittag verbracht hatte). Ich weiß, daß Sie heute nachmittag bei meiner Schwester waren.' . . . Sie sprach mit genügender Kraft, und ich konnte ihre gewählten und vorzüglich ausgesprochenen Worte gut verstehen. Aber irgendeine unüberwindbare Hemmung schien sie zu hindern, mir zu sagen, was sie mitteilen wollte, und die verzweifelten Anstrengungen, dieses Hemmnis zu überwinden, waren im höchsten Grade peinlich zu beobachten... 'Sind Sie nicht glücklich?' [fragte ich.] 'Nein, nein! das ist es nicht.' . . . Die Worte 'Achtung'2 und 'Krankheit' wurden mehrfach gebraucht, aber keine bestimmte Botschaft kam zustande.' Man gab dem Phantom Schreibgerät, und es setzte sich zum Schreiben nieder, warf aber den Bleistift wieder hin und sagte 'in höchst unglücklichem und verzweifeltem Ton: 'Nein, nein, ich kann es nicht einmal schreiben', und verschwand vor meinen Augen, während es sich am Tisch erhob.' Miss Bates fügt - wie mir scheint - mit Recht hinzu, daß ein betrügerisches Phantom die dem Medium irgendwie bekannt gewordene Tatsache des vorausgegangenen Besuches bei Mme Schewitsch leicht zu einer glaubhaften Botschaft hätte ausnutzen können.3 Die Unfähigkeit, eine Mitteilung loszuwerden', ist ein seltsamer, aber nicht nach Schwindel aussehender Zug. Als das im ganzen merkwürdigste Beispiel von Xenoglossie eines Phantoms erscheint mir das berühmte der 'Estelle Livermore'. Dieses faßt überhaupt so viele wichtige Züge unsres Gebietes zusammen, daß ich der Versuchung nicht widerstehen kann, hier am Schluß dieser Tatsachenschau etwas mehr darüber mitzuteilen, als was den eben behandelten Punkt betrifft. Mr. Livermore, ein Bankherr, verlor im Jahre 1860 durch den Tod seine Gattin (von Owen als 'Estelle' bezeichnet), die noch auf dem Sterbebette den Wunsch geäußert hatte, es möge ihr nach dem Tode vergönnt sein, ihn ihres Fortlebens zu versichern, worin er indessen z. Z. nichts weiter erblickte als eine Äußerung ihrer Liebe, denn weder er noch seine Gattin glaubten damals im mindesten an spiritistische Tatsachen, betrachteten vielmehr das ganze Gebiet mit Widerwillen. Auch in seinem großen Schmerz über den 1) being a German scholar 2) ? - dies soll warning heiBen I 3) Bates 31 IT. 264 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Verlust der geliebten Frau hielt Livermore am Gedanken einer Trennung für immer fest, und erst Dr. Gray, Estelles Arzt von deren Kindheit an, vermochte ihn zu einem Versuch mit dem Medium Kate Fox zu veranlassen. - Die Sitzungen mit dieser, deren Zahl im Laufe von 6 Jahren (1861-66) auf 388 stieg, fanden teils in der Foxschen, teils in der Livermoreschen Wohnung statt, und da beide Familien während dieser Zeit umzogen, im ganzen in vier Wohnungen. 'In allen Fällen . . . wurden Türen und Fenster wirksam gesichert und das Zimmer gründlichst untersucht. Bei einigen der ersten Sitzungen wurden 3 oder 4 Teilnehmer als Nebenzeugen zugelassen,' doch fand man bald, daß die besten Ergebnisse erzielt wurden, wenn nur ein Sitzer zugegen war, so daß Mr. Livermore zumeist allein saß. Die erste Sitzung, am 23. Jan. 1861, brachte 'Klopftfine', das erste Dutzend - Uerüh rangen', 'Mitteilungen', Telekinesen und 'Schrift'. In der 12. machte Estelle ihrem Gatten Hoffnungen auf ihr Erscheinen, und nach dem Auftreten von 'Lichtern' sah man in der 24. Sitzung (14. März) zum erstenmal 'die dunklen Umrisse einer Gestalt, die sich umherbewegte'. Drei Tage danach wurde für den folgenden Tag die Sichtbarmachung bestimmt in Aussicht gestellt. 'Sichert die Türen und Fenster, denn ich will, daß der Beweis jeden Zweifel ausschließt, zu deinem und der andern Besten.' - Diese Sitzung fand im Foxschen Hause statt, aber die ganze Familie außer dem Medium war abwesend. Livermore 'versiegelte die Fenster, versiegelte und verschloß die Türen und stellte schwere Möbelstücke gegen sie; dann durchsuchte er das Zimmer gründlich und löschte das Gaslicht aus. Bald kamen die Worte: 'Ich bin hier in [voller] Gestalt', darauf erschien ein kugelförmiges Licht unter knackenden Geräuschen. Nach einiger Zeit wurde ein verschleierter Kopf daraus, und L. erkannte, aber nur einen Augenblick lang, die Züge Estelles. Dann war eine Gestalt sichtbar,' beleuchtet von Lichtern. "Während dieser ganzen Zeit hielt L. beide Hände des Mediums.' Alle diese Angaben beruhen auf sofort niedergeschriebenen tagebuchartigen Aufzeichnungen des Beobachters. Wesentlich weiter führte die Sitzung vom 18. April, die 43. der ganzen Reihe,1 vielleicht weil 'klares Wetter' herrschte.2 Nach längerem Warten und starken telekinetischen Leistungen 'stieg ein leuchtender Stoff wie 'Gaze' vom Fußboden hinter uns auf, bewegte sich im Zimmer umher und stellte sich schließlich vor uns hin... Er nahm die Form eines bedeckten menschlichen Kopfes an, . . . berührte mich, ging dann zurück und näherte sich von neuem. Ich erkannte eine längliche Masse, ausgehöhlt auf der uns zugekehrten Seite, und in dieser Höhlung war das Licht sehr stark. Dort hinein blickend, schaute ich nach einem Gesicht aus, aber keines erschien. [Die allbekannte Erwartungshalluzination!] Wieder entfernte sich das Ding und näherte sich dann von neuem: diesmal gewahrte ich ein Auge.' Bei der dritten Annäherung 'hatte die Gaze ihre Form verändert; eine weibliche Hand hielt sie gefaßt, den unteren Teil eines Gesichts verdeckend; aber der obere Teil war 1) Vgl. auch schon die vom 15. 4. (Sargent, Planchette 57; Bozzano, A prop. 158). 2) Vgl. o. S. 178 f. Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen 265 enthüllt: es war Estelle selbst - Augen, Stirn und Ausdruck in vollkommener Ähnlichkeit1... Die Gestalt erschien mehrmals wieder, wobei die Erkennung jedesmal an Vollständigkeit gewann. Etwas später lehnte sich ihr Haupt gegen das meine, wobei das Haar über mein Gesicht fiel.' (Miss Fox' 'Hände waren die ganze Zeit über durch mich gesichert'2.) 'Die Gestalt blieb eine volle halbe Stunde sichtbar, und jede Bewegung war deutlich wahrzunehmen. Dann kam die Botschaft [wohl durch Klopftöne]: 'Sieh jetzt, wie ich emporsteige.' Und alsbald erhob sich die Gestalt in vollem Lichtglanz3 zur Decke, verblieb dort einige Augenblicke schwebend, sank dann langsam herab und verschwand. - Nachher zeigte sie sich zwischen uns in einem Spiegel. Der Widerschein der Gestalt darin war deutlich sichtbar, denn das Licht [offenbar der Gestalt] war so hell, daß man die Adern einer darunter befindlichen Marmorplatte sehen konnte.' Ein andres mal machte das erscheinende Licht 'jedes Möbelstück' in seiner Nähe 'deutlich sichtbar' (81. Sitzung). Am 21. April endlich wurde das ganze Gesicht Estelles sichtbar materialisiert, mit einer weißen Rose im Haar. 'Das ganze Haupt und Gesicht schwand und wurde wieder sichtbar wenigstens 20mal, wobei die Vollkommenheit der Erkennung in jedem einzelnen Fall im Verhältnis zur Stärke des Lichtes stand.' In der 66. Sitzung, vom 2. Juni, in der L. wiederum ermahnt worden war, das Zimmer zu untersuchen und die Schlüssel der Türen an sich zu nehmen, sah er nach einem raschelnden Geräusch eine Gestalt neben sich stehen, die ihre Hand auf seinen Kopf legte, er wurde aufs Haupt geküßt und sah Estelle 'deutlich vor dem Lichte'. 'Miss Fox wurde in diesem Augenblick so aufgeregt, daß ihre nicht zu unterdrückenden Rufe des Staunens und Entzückens die Erscheinung zeitweilig zu beunruhigen schienen; denn sie wich zurück und kehrte nicht wieder, ehe sich jene nicht beruhigt hatte.' - In diese selbe Sitzung fiel nun aber auch die erste Äußerung in einer dem Medium unbekannten Sprache. 'Eine Karte, die ich mitgebracht hatte, wurde mir aus der Hand genommen und nach einiger Zeit mir sichtbar zurückgestellt. Auf dieser fand ich eine Mitteilung, sehr schön in reinem 'idiomatischem' Französisch geschrieben, wovon Miss Fox nicht ein Wort verstand; sie besaß nicht die geringste Kenntnis dieser Sprache.' Mrs. Livermore hatte, wie ihr Gatte in einem Brief an B. Coleman sagt, das Französische in Schrift und Rede vorzüglich beherrscht4 Solcher Botschaften nun, teils in französischer, teils in englischer Sprache, erhielt Mr. Livermore etwa 100 auf Karten, die er gezeichnet hatte und bei sich trug; ihre Beschriftung erfolgte, während er die Hände des Mediums in den seinen hielt, und zwar, wie Aksakow zusammenfaßt, 'unmittelbar durch die Hand Estelles . . . und einigemal sogar unter den Augen des Herrn Livermore, bei einem plötzlich erzeugten Licht, das ihn sowohl die Hand als auch die ganze Gestalt deutlich erkennen ließ. Der Vorgang dieses Schreibens wird von L. einmal mit folgenden Worten geschildert: 'Ich hatte mehrere Bogen Papier mitgebracht, größer als gewöhnlich und ganz verschieden von 1) in perfection. 2) secured. 3) brightness. 4) Aksakow 656. 266 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung den bis dahin von mir benutzten, und mit besonderen Zeichen markiert. Ich hatte sie auf den Tisch niedergelegt, von wo sie fortgenommen wurden, um dann nahe dem Parkett wiederzuerscheinen, 3 oder 4 Zoll über dem Teppich schwebend. Ich konnte dies nicht genau beurteilen, weil das Licht neben der Oberfläche des Blattes nur einen Umkreis von 3 oder 4 Zoll auf jeder Seite hell beleuchtete... Plötzlich erschien Ober diesem Blatt eine unvollkommen ausgebildete Hand, die zwischen ihren Fingern einen kleinen silbernen Bleistifthalter hielt; diese Hand begann sich ruhig Ober das Blatt hinzubewegen, von links nach rechts, wie man schreibt; wenn sie ans Ende einer Zeile gelangt war, bewegte sie sich zurück, um eine neue zu beginnen... Die schreibende Hand war nur zeitweilig völlig ausgebildet; nach einer Weilet schrumpfte sie zu einer Anhäufung dunklen Stoffes zusammen, von etwas geringerem Umfang als eine normale Hand; doch fuhr [auch diese] fort, den Bleistift zu führen, und am unteren Rande des Blattes angelangt, kehrte sie es um und begann die Rückseite zu beschreiben . . . Unter solchen Umständen war offenbar jede Möglichkeit des Betruges ausgeschlossen; ich hielt mit meinen Händen beide Hände des Mediums umfaßt, die Tür war verschlossen, ich trug den Schlüssel in der Tasche, ich hatte von vorn herein alle nur möglichen Vorsichtsmafiregeln ergriffen.'1 - Im übrigen war die Handschrift dieser Mitteilungen ein genaues Ebenbild der Handschrift Estelles zu ihren Lebzeiten. 'Die Identität der Schrift mit der Handschrift meiner Gattin (schrieb L. an Coleman) erwies sich bei genauer Vergleichung als eine vollkommene; der Stil des Phantoms und seine Handschrift sind für meinen Verstand zwingende Beweise für die Identität der Schreiberin, selbst abgesehn von allen sonstigen noch überzeugenderen Beweisen, die ich erhalten habe.' Mr. Coleman lagen einige dieser beschriebenen Karten sowie Handschriftproben der lebenden Estelle vor, und auch er fand sie 'genau übereinstimmend'.2 Schließlich wurden, wie uns z.B. die Aufzeichnungen über die Sitzungen vom 12. und 29. Nov. 1861 lehren, gelegentlich noch zwei weitere Phantome beobachtet, eins davon als 'Träger des Lichtes'; und einmal zeigte sich ein verstorbenes Kind des Bruders des Mr. Livermore und drückte ihm die Hand. In der gleichen Sitzung ergriff bald danach eine andere große Hand die seine (Svahrscheinlich die des Dr. Franklin') und schüttelte sie so kraftvoll, 'daß sie meinen ganzen Körper in Schwankungen versetzte'.3 Die vorstehenden Angaben sind nur ein kleiner Bruchteil dessen, was Owen über die Erscheinungen 'Estelles' mitteilt, und Owens Mitteilungen sind ein winziger Bruchteil von dem, was ihm in den Aufzeichnungen Livermores vorgelegen hat. Der Eindruck des Falles nach den obigen Auszügen ist also nur ein Schatten dessen, den eine Beschäftigung mit den gesamten Urkunden gewähren würde. Gleichwohl mag hier, a,m Abschluß unserer Tatsachenschau, und ehe wir zu entschei- 1) Sargent, Planchette 62; Bozzano, A prop. 161f. 2) Coleman 30. 33. 35. Wiedergabe u. a. bei Delanne II 442. 3) Sargent, aaO. 68. - S. allg. auch Owen, Deb. L. 383- Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen 267 denden Überlegungen einsetzen, die Frage noch einmal aufgeworfen werden, wie denn der entschlossene Zweifler sich mit Berichten abfindet, für die der vorstehende als Muster gelten darf. Weder das Buch der Herren v. Gulat-Wellenberg, Rosenbusch und Graf v. Klinckowstroem noch das umfangreichere der Frau Dr. Moser erwähnen die Livermoreschen Berichte. Letztere erwähnt lediglich Klopflaute in Gegenwart des Mediums Kate Fox, gegen deren Echtheit sie keinen Zweifel zu hegen scheint. Das Dreimännerbuch führt die bekannten 'Geständnisse' der Schwestern Fox an,1 die aber von ihnen selbst widerrufen wurden und sich anscheinend nur mit Klopflauten befaßten. Mrs. Sidgwick berichtet von Untersuchungen, nach denen die Foxschen Klopftöne durch willkürliche Verschiebungen des Kniegelenks (1) erzeugt worden seien.2 Dagegen bezeugt Owen, in Gegenwart von Miss Fox Schläge wie von einem starken Mann mit einem dicken Knüppel gehört zu haben: sie hätten einen Tisch zerschmettern müssen [wenn sie wirklich so erzeugt worden wären]. Bei andern Gelegenheiten hörte er Getöse wie vom Fallen einer Kanonenkugel, so daß das ganze Haus erbebte. Da nun Klopftöne aller Arten wirklich zu den bestbeglaubigten übernormalen Vorgängen überhaupt gehören, so muß ich jede durchschlagende Verdächtigung der Schwestern Fox auf dieser Grundlage durchaus bezweifeln. Halten wir uns also an ihre Materialisationen, die ich nur bei Podmore kritisiert gefunden habe. Dieser entschlossenste unter den englischen 'Negativisten' glaubt nun allerdings den Fall 'Estelle' nicht gänzlich verschweigen zu dürfen. Aber auch eine Erwähnung kann der Unterdrückung der Wahrheit dienen, sofern sie nur das, was sie erwähnt, geschickt zu wählen und durch die Art der Erwähnung in ein ungünstiges Licht zu rücken versteht. Podmore widmet den Beobachtungen Livermores im ganzen 16 Zeilen von den fast 700 Seiten seiner 'Geschichte' - oder richtiger: Zerklitterung - des Spiritismus, und zwar in folgender, mit feinem Bedacht gewählter Form: *Mr. Livermore, von Schmerz über den eben erlittenen Verlust seiner Gattin niedergebeugt, wurde von Dr. Gray, einem der spiritistischen Vorkämpfer in Amerika, zum Versuch überredet, durch ein Medium einen Verkehr mit seiner Frau zu eröffnen... In den anfänglichen Sitzungen, ja durchweg, mit Ausnahme weniger Gelegenheiten, bei denen ein oder mehrere vertrauenswürdige Freunde, wie etwa Dr. Gray, zugelassen wurden, saß Mr. Livermore allein mit dem Medium und im Finstern. Unter diesen ungewöhnlich günstigen Bedingungen erschien, in strahlender Gewandung, eine weibliche Gestalt, welche vom Sitzer ohne weiteres3 als die seines verstorbenen Weibes erkannt wurde. Später erschien auch Benjamin Franklin und wurde von Dr. Gray und Andern gesehen.'4 Dies ist alles. Hieraus sollen wir offenbar zunächst entnehmen, daß Livermore sich während seiner Beobachtungen in einem Zustande seelischer Erschütterung befand, der ihn zu verlässigen Wahrnehmungen und wirksamen Vorsichtsmaß- 1) DMB 98f. 2) Pr IV 47. 3) readily. 4) Podmore, Spir. XI 95f. 268 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung regeln gegen gröbste Täuschung völlig unfähig machte, wie er wohl auch der Beeinflussung durch den 'spiritistischen Vorkämpfer' von vorn herein widerstandslos unterlegen war. Der Leser erfährt n i c h t , daß zwischen dem Tode der Gattin und der ersten Sitzung eine Zeit verstrichen war, in der die Wirkungen selbst eines tiefen Schmerzes sich schon zu mildern begonnen haben mußten; daß Livermore die ersten Aufforderungen zu Sitzungen mit Verachtung abgelehnt hatte;1 daß, als er sich dann doch dazu herbeiließ, jede Sicherung gegen Betrug ergriffen wurde und ein sehr großer Teil der fast 400 Sitzungen in Livermores eigner Wohnung stattfand. Auch wäre es sinnlos zu glauben, daß ein Mann des tätigen Lebens größten Stils während voller 6 Jahre, anstatt mit wachsender Erfahrung auch seine Beobachtung zu schärfen, in einem Geisteszustände v e r h a r r t sei, der ihn dem hahnebüchensten Betrüge hemmungslos auslieferte; denn die Einschmuggelung zweier Helfershelfer in Livermores Haus ist ja doch das mindeste, was Podmore voraussetzen muß. In der Tat ist die Schilderung des Mannes, die wir von Owen (der ihn gut kannte) erhalten, das gerade Gegenteil des Bildes, das uns Podmore beibringen möchte. 'Mr. Livermore ist im strengsten Sinn des Wortes ein Mann der Tat und des Geschäfts. Er hat sich während des größten Teils seines Lebens und bis zum heutigen Tage mit geldlichen und gewerblichen Unternehmungen umfangreicher, zuweilen riesiger Art befaßt und ist in diesen . . . ausnahmelos erfolgreich gewesen. Selbst während der Zeit seiner spiritistischen Versuche führte er gewaltige Geschäfte durch, welche ständige Wachsamkeit und Verantwortungsgefühl erforderten. Wir haben also nicht einen Träumer vor uns, der sich in seinem Studierzimmer vor der Welt verschließt, um seinen Gedankengespinsten nachzuhängen; keinen Theoretiker, der einen Lieblingsgedanken zu beweisen wünscht, und wenn auch einen Mann von entschiedenen Überzeugungen, so doch nicht einmal einen Schwärmer.' Und Dr. Gray schrieb über ihn an eine englische Zeitschrift u. a.: 'Ich habe ihn von seinem frühen Mannesalter an gekannt und bin sein Hausarzt. Er ist einer Irreführung der Sinne weniger ausgesetzt als fast jeder andre meiner zahllosen Kranken und Bekannten.' Allerdings sucht Podmore auch diesen letzten Gewährsmann zu entwerten. In einer jener feinen Verdächtigungen zwischen den Zeilen, die stets sein letztes Auskunftsmittel bilden, wenn gröbere Widerlegungen nicht zur Hand sind, bezeichnet er Dr. Gray, wie wir sahen, als 'vertrauenswürdigen Freund'. Es ist kaum möglich zu verkennen, was damit angedeutet werden soll: nämlich daß das Medium dem Dr. Gray auch darin 'trauen' durfte, sein blinder Glaube an Geister werde ihn unwillkürlich zu einem Verbündeten des Betruges machen. Geht doch der Gegner ohnehin von dem Satze aus, daß wer 1) An Owen schrieb Livermore (26. 7.1871): 'Ich begann jene Untersuchungen als ein völliger Zweifler (an out-and-out seeptie). Sie wurden unternommen zu dem ausschließlichen Zweck, mir selber Klarheit zu verschaffen (to satisfy my own mind) . . . Nach gründlicher und sorgfältiger Prüfung fand ich zu meiner Ü b e r r a s c h u n g , daß die Phänomene wirklich waren . . . Sie können sich darauf verlassen, daß meine Berichte in Jeder Einzelheit frei von Übertreibungen sind.' Und er schließt mit erstaunlicher TJnvoreingenornroentieit; 'Der Ursprung jener Phänomene [also ihre spiritist. oder aber animist. Deutung] ist eine offene Frage/ Identifizierte Materialisationen: 2. Seelische Kennzeichen 269 an die Möglichkeit der Wiederkehr Verstorbener glaubt, schon darum als unglaubwürdiger Zeuge von niederem Verstände zu betrachten sei. Demgegenüber sei erwähnt, daß nach Owens Angabe Dr. Gray 'in Newyork als einer der angesehensten und erfolgreichsten Ärzte der Stadt bekannt' war. Er nahm an 10 von Livermores Sitzungen teil, sah 'Estelle' einmal und 'Dr. Franklin' mehrfach. - Einen weiteren Zeugen aber verschweigt uns Podmore völlig: nämlich den Hrn. Groute, Livermores Schwager, der ebenfalls von Hause aus völliger Zweifler war. In der ersten Sitzung, der er beiwohnte (Nr. 346, am 28. Feb. 1863), hielt er des Mediums Hände, sah das Phantom 'Franklin' und ging 'augenblicklich an die Türen, um sich zu vergewissern, daß sie noch verschlossen waren'. Da er immer noch zweifelte, kam er nach einer Woche abermals zu einer Sitzung, in der er selbst die Sicherung der Türen und Fenster übernahm. Er hielt auch wieder des Mediums Hände, ja die des Hrn. Livermore! 'Franklin' erschien, mit einem 'Licht' in der Hand, um eine gründliche Untersuchung zu ermöglichen. Groute betrachtete und berührte ihn, und bekannte dann, daß er überzeugt sei. Was schließlich das Medium Kate Fox betrifft, so nennt Owen sie 'eins der arglosesten und 'impulsivsten' Menschenkinder, denen ich je begegnet bin; ebenso wenig fähig, einen wohlerwogenen Betrug zu planen und durchzuführen, wie ein zehnjähriges Kind fähig wäre, eine Regierung zu leiten.' Und Dr. Gray sagt von ihr, sie habe 'jederzeit alles, was sie nur irgend konnte, getan, um eine ehrliche Prüfung jedes einzelnen Phänomens und eine gerechte Entscheidung darüber zu fördern.' Freilich, Owen, der weit herumgekommene Diplomat, und Gray, der Weltstadtarzt von Ruf, waren beide Spiritisten und folglich ebenso wenig imstande, menschliche Charaktere einzuschätzen wie Tatsachen genau zu beobachten und zu beschreiben. Sehen wir aber auch von den Zeugen ab, so verbleibt doch noch die Frage, ob denn eine Vortäuschung des in gröbsten Zügen Berichteten überhaupt glaublich, geschweige wahrscheinlich sei. Entsinnen wir uns z. B. dessen, was über die allmähliche Entstehung von Estelles Gesicht in einer stark leuchtenden Höhlung, oder über das Hinschweben beider Phantome über den Tisch und die Köpfe der Sitzer gesagt wird (auch Dr. Gray sah 'Franklin' gelegentlich 'etwa 2 Fuß über seinem Kopf')1, und machen wir uns klar, welcherlei Geräte und Vorrichtungen das 'argloseste Menschenkind' bezw. seine durch versiegelte Türen und Fenster eingedrungenen Helfershelfer in einem fremden Hause hätten verbergen und entfalten müssen, um solche Phänomene vorzutäuschen. Aber von solchen Dingen erfährt eben Podmores Leser nichts, und gewiß nicht aus Mangel an Raum in einem Buche, das für jeden Zeitungsulk2 und jede Hypothese über Medientricks beliebige Seiten zur Verfügung hat Selbst die gewaltsamste Deutelei unsrer Kritiker - dies darf man ganz allgemein aussprechen - gelangt unfehlbar an den Punkt, wo ihr kein andres Auskunftsmittel mehr bleibt als - Verschweigen. 1) 355. Sitzung v. 1. Mal 1863. 2) S. z. B. Splr. II 97f. 270 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung 15. Argumente für die spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen Kehren wir indessen von dieser Abschweifung zu unsrem Gedankengang zurück, der uns nunmehr vor die Frage stellt, wie sich der Animist mit der letzten Tatsachenreüie abfinden kann. - Es läßt sich nicht bestreiten, daß diese das unbefangene Urteil ohne weiteres zu einer spiritistischen Auffassung der fraglichen Materialisationen führen muß. Wenn ein Phantom, anscheinend leidlich unabhängig von einem Medium sich bildend, einem bestimmten Verstorbenen völlig gleicht, sich anwesenden Hinterbliebenen gegenüber benimmt, wie jener sich benommen hätte; wenn es weiß, was jener wissen würde, seine Sprache spricht oder schreibt, auch wenn sie dem Medium fremd ist, - so muß der von 'wissenschaftlichen' Bedenken unbeschwerte Verstand schließen, daß hier der 'erkannte' Verstorbene irgendwie 'selbst anwesend* sei; und diesen Schluß haben nicht nur die geistig Armen gezogen, die solchen Phantomen gegenüberstanden, sondern auch Personen, welche die Schärfe ihres Denkens auf andren Gebieten bewiesen haben. Man stößt nicht selten auf die Auffassung, daß die Begegnung mit dem seelisch identifizierten Vollphantom eines Verstorbenen den stärksten Beweis des Fortlebens darstelle, der sich überhaupt denken lasse, und tatsächlich hat wohl nichts anderes in ganz gleichem Maße die persönliche spiritistische Überzeugung hervorgerufen. Trotzdem ist dies Schlußverfahren auch von solchen Animisten bestritten worden, die das Auftreten von Phantomen der geschilderten Art für erwiesen halten. Und abstrakt gefaßt, liegen auch die Begriffe auf der Hand, mit denen diese Bestreitung zu arbeiten hätte. Es ist ja klar, daß der Animist die identifizierbaren Phantome soz. als Verschmelzungserzeugnis zweier Leistungen auffassen muß: sofern es sich um Phantome überhaupt handelt, wird er jeden bei nicht-identifizierbaren angewandten Deutungsbegriff auch hier ins Spiel bringen; alle Merkmale und Äußerungen dagegen, die zur Identifizierung beitragen, wird er auf ein Wissen des Mediums zurückführen, das dieses sich irgendwie angeeignet und dann in seine phantomschöpferische Leistung 'eingeschmolzen' habe. Jene Aneignung von Wissen wäre also das einzige Neue in den letzten Tatsachenreihen und ihrer Deutung. Während wir bei den nicht-identifizierbaren Phantomen die ideoplastische Zielsetzung in die unterbewußte Phantasie, in das Traumleben' des Mediums verlegen dürfen, wäre uns hier ein festes Vorbild in vergangener Wirklichkeit gegeben, dem die Phantomschöpfung sich anzupassen hätte; ein Vorbild, dessen das Medium sich Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 271 zunächst bemächtigen müßte. Dabei lassen die Tatsachen keinen Zweifel darüber, daß eine normale Erlangung dieses Vorbilds nur in seltenen Fällen überhaupt in Frage kommt: auch der Animist muß ohne weiteres zugestehn, daß die meisten identifizierbaren Phantome dem Medium Fremde darstellen, daß also die Theorie hier ohne die Möglichkeiten übernormalen Wissenserwerbs nicht auskommt. Sofern sich dieser Erwerb auf das Äußere des Toten bezöge, würden wir also auf frühere Erörterungen zurückverwiesen, die von bloßen 'Erscheinungen' (ohne deutliche Merkmale der Objektivität) handelten. Sofern aber dieser Erwerb sich auf "Wissensinhalte' und 'Fähigkeiten' des Toten bezöge, kämen die animistischen Theorien zur Deutung von 'Kundgebungen' in Frage.1 Wir wollen also eine animistische Ableitung des gesamten übernormalen Wissens, das die Erzeugung einer identifizierbaren Materialisation erfordert, als möglich voraussetzen und zunächst nur die Schwierigkeiten erwägen, die auch dann noch einer animistischen Deutung der letztbesprochnen Phantome erwachsen. Nicht alle von Spiritisten angeführten allgemeinen Schwierigkeiten dieser Art haben logische Durchschlagskraft. Ich will nur eine erwähnen: nämlich die man in der Tatsache des Auftretens nicht-erwarteter identifizierbarer Materialisationen hat finden wollen.4 Dieser Tatbestand könnte den Willem-zum-Auf treten in das Phantom selbst zu verlegen scheinen. Und doch widerlegt das Fehlen jeder bewußten Erwartung und ihr entsprechender soz. gespannter Erinnerungsvorstellungen noch nicht die Wirksamkeit solcher Vorstellungen und Erwartungen im Unterbewußtsein' des Sitzers. Das überraschende Auftreten identifizierbarer Phantome erscheint zwar unter spiritistischen Voraussetzungen besonders 'natürlich'; aber ein starkes Argument zu ihrer Stützung liefert es keineswegs. Mehr zu denken gibt die Tatsache, daß identifizierbare Materialisationen ausnahmelos, oder fast ausnahmelos Verstorbene darstellen. Zwar soweit man die 'inhaltliche Anregung' ihrer Erzeugung in der Erwartung eines Sitzers sucht, mag jene Ausschließlichkeit natürlich erscheinen; denn der Sitzer besucht ja das ihm als solches bekannte Materialisationsmedium gerade mit der Erwartung, falls überhaupt Bekannte, dann jedenfalls Verstorbene auftreten zu sehn. - Nicht so einfach aber läge der Fall, sofern wir den Keimpunkt der identifizierbaren Materialisation ins Medium verlegen; etwa dann, wenn die Art der Sitzungsphänomene noch gar nicht feststeht, also erst abgewartet werden muß, wie bei allen vielseitigen Medien vom Schlage Homes oder Mirabellis. In diesem Fall wäre doch zu erwarten, daß das Medium 1) Bd. I 10IT. 223ff. 3350. 2) Delanne II 31"; APS VI 161. 272 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung gelegentlich auch das leiblich-seelische 'Bild' eines Lebenden dem 'Wissen' des Sitzers entnehmen und in einer Materialisation darstellen •werde; es sei denn, wir nehmen an, das Medium merke es jedem im Unterbewußtsein des Sitzers gespeicherten Bilde gleich an, ob es einen Lebenden oder Verstorbenen darstellt, und 'wähle' stets - im Sinne seiner 'spiritistischen Befangenheit' - nur Bilder Verstorbener. Diese Annahme braucht dem Animisten nicht schwierig zu erscheinen; doch kann sie auch keineswegs als selbstverständlich gelten. Es ist vielmehr nicht unwahrscheinlich, daß das Medium durch besonders 'gespannt' und 'lebendig' vorgefundene Erinnerungsbilder Lebender gelegentlich auch zu deren phantomatischer Darstellung angeregt werde; und daß wir diesem Falle soz. nie in der Erfahrung begegnen, muß sehr zu denken geben; es ist ein Umstand, der den überwältigenden spiritistischen Anschein solcher Vorgänge entschieden steigert. Diese Überlegung wird ergänzt durch die andre, daß die Ableitbarkeit nicht-identifizierter Phantome aus der schöpferischen Phantasie des Mediums auf animistischem Boden zwar glaubhilft genug erscheint, in Wahrheit aber doch nur in seltensten Fällen erwiesen worden ist; ein durchgreifendes Argument zugunsten bloß animistischer Phantomdeutung kann sie also keineswegs liefern: sie bleibt Behauptung. Für die psychologische oder psychanalytische Einzeldeutung auch nur der materialisierten 'Führer'-Gestalten, geschweige sonstiger unerkannter Materialisationen ist bis heute buchstäblich nichts geleistet worden. Weitere animis tisch nicht leicht zu beantwortende Fragen entspringen der Vielheit von Auftritten eines Phantoms mit stets gleichen Merkmalen der Identifizierung. Wenn diese einzelnen Auftritte ausschließlich durch ein Medium erfolgen, so scheint mir freilich die bloße Mehrmaligkeit des Vorgangs kein neues Problem zu begründen. Delaime zwar stellt die Frage, wo und wie denn das Vorbild solcher mehrfachen Leistungen im Medium 'stereotypiert' sei; denn das immer wieder verwirklichte Muster erweise sich als 'unzerstörbar' über lange Zeitstrecken hin.1 - Nun, nach allem, was wir über die erstaunliche Zähigkeit und Treue des unterbewußten Gedächtnisses wissen, erscheint dies keineswegs verwunderlich, zum mindesten bei bloß soz. makroskopischer Identität des Phantoms zu verschiedenen Zeiten. Die Lage mag sich zu ändern scheinen, wenn Übereinstimmung in winzigsten Merkmalen vorliegt. Sgr. Gellona z. B. hat behauptet, daß die in den Palladino-Sitzungen vom 1. und 3. Aug. 1905 in Ton abgedruckten 1) II 321. Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 213 'Hände' sich als identisch selbst in den Tastlinien erwiesen hätten.1 Auch Hr. Reimers hat in einem Brief an Aksakow betont, daß die vom Phantom 'Bertie' gelieferten Handabgüsse durchweg bis in die 'Linien und Falten' miteinander übereinstimmten.2 - Ich meine indessen, daß auch eine solche fast mikroskopische Übereinstimmung eines Phantoms mit sich selbst zu verschiedenen Zeiten nicht unbedingt die Grenzen denkbarer Gedächtnisleistung des Mediums überschreitet. 3 Von jener seelischen 'Tiefe', wo äußerste 'Hypermnesie' und magische Bildekraft soz. verschmelzen, mag es erlaubt sein zu erwarten, daß eine einmal abgelaufene Leistung sich wirklich übereinstimmend wiederholen könne.4 Die Problemlage würde sich erst ändern, wenn solche Übereinstimmung auch an mehreren Erscheinungen des gleichen Phantoms bei verschiedenen Medien sich feststellen ließe. Doch stehen wirklich gute Belege dieses Tatbestandes mir nicht zur Verfügung. Und übrigens: so nahe auch der Gedanke läge, daß ein Phantom, das in gleichem Aussehen bei drei Vermittlern auftritt, damit einen gemeinsamen 'Keimpunkt' seiner Verwirklichung außerhalb aller dreier erkennen lasse, - so wäre ein strenger Beweis dafür doch auch daraus nicht zu gewinnen.6 Die Bildentnahme aus dem Sitzer, die nach animistischen Grundsätzen dem einen Medium möglich ist, müßte voraussetzunsgemäß auch einem anderen möglich 9ein. Und tun sie somit alle das gleiche, so muß - oder kann doch - auch das Ergebnis das gleiche sein. Diesen naheliegenden Einwendungen des Animisten ließe sich indessen eine Schwierigkeit entgegenstellen: wenn sich nämlich die Gleichheit der Erscheinung durch mehrere Medien erweisen ließe auch im Falle nicht-identifizierbarer Phantome, also solcher, die nach animistischer Anschauung ihren 'inhaltlichen Keimpunkt' nicht im gleichbleibenden Sitzer haben müßten, sondern itn - wechselnden Medium; denn hier entstände die Frage, ob eine solche 'Vererbung' des schöpferischen Bildes sich überhaupt annehmen lasse. Das Vorliegen eines solchen Falles ist von Delanne behauptet worden. Er bezieht sich auf die Phantome 'Bertie' und Uly', welche die Herren Reimers und Oxley bei Mrs. Firman, einer 'unwissenden Arbeiterin', beobachteten. 1) Aus LO Dez. 1906 bei Delanne II 223. 2) das. 265. 3) Es handelt sich hier, wohl gemerkt, nicht um die Frage, ob die Erzeugung solcher feinsten Merkmale in Übereinstimmung mit denen des vormals Lebenden die abernormalen Fähigkeiten des Mediums in der Erlangung der betreffenden 'Wissensgrundlagen' Uberschrelte. Dies ist eine Frage für sich, auf die ich gleich eingehe. 4) Damit soll natürlich eine Ableitung solcher Formidentität aus dem Fortbestehen eines 'unsichtbaren Leibes' nicht widerlegt sein; ebenso wenig soll geleugnet werden, daß eine Ableitung solcher FormldenUt&t aus einem fortlebendem Trflger der 'organischen Erinnerung' an einen bestimmt geformt gewesenen Leib besonders 'natürlich' wäre. 5) Dies gegen Delanne II 694 u. ö. M a t t i e s e n , Das persdnliche Überleben III 18 274 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung und von denen sie Handabgüsse erzielten, die sowohl von einander als auch von der Hand des Mediums sehr stark abwichen, bei jedesmaliger Gewinnung aber sich selbst durchaus gleichblieben. Solche Handabgüsse nun sind von den gleichen Forschern auch durch das Medium Monck erzielt worden, und die genau beschriebenen Versuchsbedingungen, wie auch die Tatsache, daß zeitweilig vier Phantome gleichzeitig vom streng kontrollierten Kabinett her sichtbar waren, dazu die stark gekrümmte Fingerhaltung der (nahtlosen!) Abgüsse sollen beweisen, daß die Paraffinhandschuhe, die von den Phantomen aus dem Kabinett herausgereicht und von den Sitzern selber abgezogen wurden, echte übernormale Gebilde waren. Aber - bei diesen Versuchen war auch Mrs. Firman anwesend, also das Medium der früheren 'Bertie'- und 'Lily'-Abgüsse, und nichts würde uns hindern zu vermuten, daß sie entweder 'medial mitgewirkt', oder doch das ideoplastische Urbild auf Monck 'übertragen' habe. Überdies vermisse ich in den Berichten eindeutige Angaben darüber, daß die bei dieser Gelegenheit und die früher erhaltenen Abgüsse anatomisch völlig mit einander übereingestimmt hätten; und ähnliches gilt erst recht von Photographien dieser Phantome, welche nachher durch mehrere Medien erzielt sein sollen^ sie sind offenbar viel zu undeutlich gewesen, um eine wirkliche Vergleichung mit den Abgüssen zu gestatten. Immerhin müssen wir festhalten, daß der hier behauptete, aber nicht erwiesene Sachverhalt, falls einmal streng erhärtet, uns vor eine wirklich neue Problemlage stellen würde. Ließe sich die völlige anatomische Übereinstimmung von zwar 'anonymen', aber denkbarerweise identifizierbaren Phantomen bei mehreren Medien feststellen, zwischen denen keine normale Verständigung stattgehabt hätte, so ständen wir vor einer Tatsache von überwältigend spiritistischem Anschein. Dem Animisten verblieben dann wohl nur noch zwei Ausflüchte. Entweder müßte der Sitzer, vorausgesetzt, daß der gleiche an beiden Versuchen teilnahm, das Bild des früheren Phantoms mit solcher Genauigkeit in sich gespeichert haben, daß das zweite Medium, dies Bild aus ihm 'schöpfend', ein wirklich genaues Doppel zu schaffen vermöchte. Oder das zweite Medium müßte jenes Bild in den Erinnerungen jenes ersten Mediums unmittelbar 'lesen'. Beide Ausflüchte haben jenes Gepräge verzweifelter Konstruktionen, in die eine Theorie verfällt, wenn sie sich widersprechenden Tatsachen gegenüber um jeden Preis zu retten sucht. Vergleichsweise schlicht und natürlich erschiene die Annahme, daß jene Gleichheit der Erscheinungen auf der Identität des unsichtbaren Wesens beruhte, welches beide erzeugte. Aber die möglichen allgemeinen Schwierigkeiten der animistischen Theorie identifizierbarer Phantome sind hiermit noch nicht erschöpft. Wir sind Fällen begegnet - und müssen jederzeit auf neue gefaßt sein -, in denen die Identifizierbarkeit sich selbst auf anatomische Winzigkeiten erstrecken sollte, wie die Tastleisten der Hand. Ich habe Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 275 oben die äußerst 'entgegenkommende' Voraussetzung gemacht, daß das Medium, wenn es einmal irgendein Bild solcher Einzelheiten sich gemacht und verwirklicht habe, es so genau festzuhalten vermöge, daß es bei einem künftigen Phantom die völlig gleichen Einzelheiten wiederzuerzeugen imstande wäre. Wie aber, wenn diese Einzelheiten nicht nur von Phantom zu Phantom, sondern auch bei einem Phantom und seinem menschlichen Vorbild übereinstimmen, wenn es sich also für das Medium darum handelt, das Wirklichkeit g e t r e u e und desh a l b identifizierende Bild dieser Einzelheiten erst zu e r l a n g e n ? Denn wo wäre dieses Bild zu finden? Wer besitzt ein 'Bild' seiner Tastleistenlinien? Wer vollends besitzt dieses Bild hinsichtlich eines Andern, eines Toten? Der Animist mag natürlich den lieben Gott oder 'das Absolute' als daktyloskopisches Universalarchiv bemühen. Oder er mag - ganz theorielos - von zeitlich-hellsehender Rückschau auf den (inzwischen verwesten) Körper eines Verstorbenen, oder (in Walter Stinson's Falle) von hellsichtiger Wahrnehmung eines Fingerabdrucks auf einem verborgenen Rasiermesser reden. Wie weit er freilich bei solchem Rechnen mit 'Möglichkeiten' sich wohl fühle, wage ich gar nicht erst zu fragen. Man mag nun einwenden (was ich ja selbst soeben annahm): daß auch der Verstorbene zu Lebzeiten eine genaue Vorstellung seiner Daumenzeichnung nicht besessen habe und somit auch im Jenseits keine besitze. Und dennoch liegt der Fall für den 'Besitzer' des Fingers von Grund auf anders als für das Medium. Zugestanden, daß keiner von ihnen eine 'Vorstellung' hat, die zur ideoplastischen Nachbildung führen könnte: so müssen wir eben auf einen a n d e r n Zusammenhang zwischen dem eigentlichen Erzeuger der Materialisation und den anatomischen Einzelheiten derselben zurückgreifen. Ein solcher 'anderer' Zusammenhang ist im Falle des fremden Mediums schlechterdings nicht zu erdenken (und mindestens Dr. Hardwicke und Mrs. Litzelmann waren ja Walter Stinson gegenüber völlig Fremde). Im Falle des Verstorbnen dagegen, des ursprünglichen Fingerbesitzers, liegt solcher Zusammenhang auf der Hand, trotzdem er seiner Art nach einstweilen vollkommen undurchschaubar ist. So dunkel das Wesen objektiver Phantome und das des Daseins nach dem Tode auch sein mag: sobald wir den Uberlebenden nicht als 'bloßes Bündel von Vorstellungen' auffassen - ja vielleicht sogar, wenn wir ihn so auffassen (nur eben weit genug, um alles zu Lebzeiten unbewußt Gebliebne miteinzubeziehen) -, dürfen wir ihm auch noch dasjenige zuschreiben, was während seines Lebens den Leib e r b a u e n half und somit zu diesem Bau ein schöpferisches, 'organisches' Verhält- 1 8 * 276 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung nis hatte.1 Dann aber liegt kein Grund vor, dies Verhältnis auf den anatomischen Bau 'im großen und ganzen', also auf die Merkmale einer ungefähren Identifizierbarkeit einzuschränken; vielmehr erscheint es natürlich, in jenem Überlebenden auch die Möglichkeit der Nacherzeugung 'feinster' leiblicher Merkmale anzusetzen. (Und schließlich: wie grob sind 'daktyloskopische Kennzeichen', verglichen mit anderen, wirklich mikroskopischen!) Angenommen also auch, daß der Verstorbene nicht ein unsichtbares 'astrales Doppel' seines ehemaligen Leibes besitze, das er bei der Materialisation bloß sichtbar zu machen hätte (und das wäre natürlich die einfachste Ableitung unserer Tatsache als Identitätsbeweises), - so wäre doch vom Verstorbenen mit unbestreitbarer Natürlichkeit die Nacherzeugung auch feinster anatomischer Einzelheiten zu erwarten, während sie im Falle des Mediums immer erst einen 'Vorstellungserwerb' voraussetzen würde, für den uns jedes sonstige Seitenstück fehlt. Dieser Gedanke eines organisch-schöpferischen Verhältnisses der tiefsten seelischen Schichten - und damit wohl eben des Überlebenden ! - zum Aufbau des Leibes und des ihn wiedergebenden Phantoms - dieser Gedanke führt uns aber gleich noch auf eine weitere Schwierigkeit der animistischen Theorie, die m. W. noch nie beachtet worden ist. Sie gründet sich auf die Tatsache, daß auch Materialisationen von Tieren, und zwar gleichzeitig und gleichartig mit menschlichen Materialisationen, beobachtet werden. Ehe ich darlege, wieso dieser seltsame Tatbestand ein spiritistisches Argument enthält, muß ich ihn zunächst an sich erhärten und in seiner Mannigfaltigkeit veranschaulichen; denn er dürfte zu den weniger bekannten unseres Gebiets gehören. Die reichhaltigsten und lehrreichsten Tatsachen dieser Art scheinen mir die bei Franek Kluski beobachteten zu sein, dessen berühmter 'Prthekanthropos' überdies beinahe einen Übergang von der menschlichen zur tierischen Materialisation bildet. In seiner ersten Mitteilung über dieses Wesen nannte es Dr. Geley ausdrücklich 'eine Art Mittelding zwischen Affen und Menschen, . . . mit sehr langen Armen und Händen...' Sehr anschaulich beschreibt es der Bericht über die Warschauer Sitzung vom 30. August 1919, an der allerdings Beobachter von wissenschaftlichem Ruf nicht teilnahmen. 'Es war ein Wesen von der Größe eines erwachsenen Mannes, stark behaart, mit dichter Mähne und struppigem Bart. Es stak gleichsam in einer knirschenden Haut; seine Erscheinung war die eines tierischen oder urzeitmenschlichen Wesens. Es sprach 1) Ich verweise hier allgemein aul du Preis Lehre vom 'transzendentalen Subjekt' als zugleich 'organisierendem Prinzip'. Vgl. z. B. Ph. d. M. 391 ff. bes. 40911.; Mon. Seel. 8711.; Entd. I 32 IT. u.S. Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 277 nicht, stieß aber mit den Lippen heiser-rauhe Töne aus, schnalzte mit der Zunge und knirschte mit den Zähnen wie in vergeblichem Versuch, sich verständlich zu machen. Wenn man es rief, kam es heran; es ließ seine wollige Haut liebkosen, berührte die Hände der Anwesenden und kratzte sie ihnen mit etwas, was Krallen weit mehr als Nägeln glich. Es gehorchte der Stimme des Mediums und tat den Sitzern nicht wehe, indem es sie nur sehr zart berührte. Dies bedeutete einen Fortschritt; denn in früheren Sitzungen hatte dies Wesen eine sehr grobe Gewalttätigkeit bewiesen. Es hatte eine unverkennbare Neigung..., Hände und Gesicht der Anwesenden zu lecken, die seine recht unangenehmen Zärtlichkeiten abwehrten. Es gehorchte jedem geäußerten oder auch nur gedachten Befehl des Mediums.'1 - In der Sitzung vom 3. Sept. 1919 zerrte der 'Pithekanthropos' eine anwesende kleine Hündin an den Haaren und den Ohren, worüber diese in Wut geriet und bellte, bis sie sich unter einem Sofa versteckte und nicht mehr rührte.2 - Prof. Pawlowski, der den Pithekanthropos 'nur einmal sah oder vielmehr fühlte, als er sich an mir rieb',3 nahm gleichzeitig einen 'ganz seltsamen Geruch wahr, den ich im Augenblick nicht benennen konnte, den mir aber einige andere mit dem Phantom mehr vertraute Sitzungsteilnehmer als den eines nassen Hundes bezeichneten. Bei dieser Gelegenheit ging er hinter mir vorüber und zu der Dame neben mir, welche die Hand des Mediums hielt. Er durchbrach die 'Kette' und unterbrach damit die Sitzung, indem er die Hand der Dame ergriff und sie gegen sein Gesicht rieb. Dies erschreckte die Dame so sehr, daß sie laut aufschrie.'1 Die einzige ausführliche Bezweiflung dieses Wesens, die ich gefunden habe, nämlich die des Grafen v. Klinckowstroem, beruft sich darauf, daß die Sitzungen, in denen der Pithekanthropos auftrat, in Kluskis eigner Wohnung stattfanden und im wesentlichen vom Medium selbst geleitet wurden, während die Sitzer 'offenbar nichts weniger als Skeptiker' waren. 'Nach Lage der Dinge kann [Kluski] hier ohne Helfershelfer nicht gut gearbeitet haben. Man hat nur die Wahl, entweder diese ganz unglaubwürdigen Dinge als Tatsachen hinzunehmen oder die einzige Sicherheitsmaßnahme gegen Betrug, nämlich die Verriegelung der Tür von innen, als unzureichend zu betrachten. Ich glaube, daß die letztere Annahme immer noch wahrscheinlicher ist als die erstere. Denn wir befinden uns ja in Kluskis Arbeitszimmer. Es besteht also für den Skeptiker die Möglichkeit, daß der Riegel so eingerichtet ist, daß ein Helfershelfer ihn von außen lautlos öffnen und schließen und so das Zimmer unbemerkt betreten und verlassen kann. Die Tür befindet sich laut Situationsplan im Rücken des Teilnehmerhalbkreises, im dunkelsten Teil des großen Raumes, etwa 5 m von der schwachen Lichtquelle entfernt. Von da unbemerkt bis hinter den Stuhl des Mediums zu gelangen, konnte nicht schwer sein. Der Vorhang des Büchergestells wie überhaupt diese dunkle Zimmertcke dürfte einem Helfershelfer die Möglichkeit, sich zu verstecken, geboten haben, wenn das nötig erschien. Auch wurden, wie ausdrücklich vermerkt ist, zu- 1) Geley 296; RM 1921 201. 2) aaO. 298. Man beachte diese Mitperzipienz des Tieres und vgl. o. S. 9 ff. 3) denn der P. erschien nur bei Dunkelheit. 4) ZP 1926 10t. 278 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung weilen Schritte und andere Geräusche gehört. [Das Rotlicht scheint ziemlich schwach gewesen zu sein.] . . . Dieses Wesen kann, nach der Beschreibung, nur als zahmer Affe angesprochen werden, bezw. ein Helfershelfer hat in der Maske eines Menschenaffen, in einem knisternden Fell Qpeau craquante'~). diese Rolle gespielt.' Vielleicht sei, meint Hr. v. Kl., die 'kuriose Idee, ein solches Wesen als 'Materialisationsphänomen' auftreten zu lassen, auf Joh. V. Jensens Roman 'Madame d'Ora' zurückzuführen, wo in einer phantastisch geschilderten spiritistischen Betrugssitzung ein Vertreter des 'missing link', einer Zwischenform zwischen Uraffe und Neandertaler auftritt.1 Den Gedanken an einen zahmen Affen wird man gewiß sehr gern von der Erörterung ausschließen: denn daß Kluski, in jahrelanger Zusammenarbeit mit seinen Sitzungsgenossen und darunter manchen scharfen Beobachtern lebend, ein solches Tier habe dauernd verborgen halten können, ist mehr als unwahrscheinlich. Bleibt also ein Helfershelfer in Affenhaut, vorzugsweise wohl einer Gorillahaut, - wenn wir die Behauptung der 'Größe eines erwachsenen Mannes' glauben wollen. Die Beschaffung einer Gorillahaut, die Bereitstellung eines Helfers und die Einrichtung eines beiderseits der Tür zu bedienenden Riegels - dies alles bedeutet einen abgefeimten Betrug von größtem Ausmaß. Ein solcher stände in schreiendem Widerspruch zu allen Aussagen über Kluskis Persönlichkeit: über den geistig bedeutenden und hochgebildeten Künstler - tres sympathique et attachant -, der nur zum Besten der Wissenschaft in vollendet selbstloser Weise seine Gaben ausübt, die sich übrigens in typischen Formen von früher Kindheit an gezeigt haben.2 Freilich - über den wahren, verborgenen oder gar unterbewußten Charakter von Medien spricht ja nicht der persönliche Bekannte oder Freund das entscheidende Wort, sondern der Kritiker, und dieser erklärt Kluski für einen durchtriebenen Schurken, der einen zweiten Schurken in einer Gorillahaut sich materialisieren läßt. So grober Betrug bei einem Medium, dem nie Entlarvung auch nur nahegekommen ist! Wie dem auch sei: die Einschätzung seines Affenmenschen wird natürlich nicht wenig abhängen von der Meinung, die man über Materialisationen überhaupt mitbringt. Wer durch alles Bisherige von ihrer völligen Bezweiflung bereits abgedrängt ist, wird auch Berichte über Tiermaterialisationen mit durchaus neuen Augen ansehn. Aber solche allgemeine Überlegungen sind nicht das einzige, was wir der rittterlichen Kritik des Grafen Klinckowstroem entgegenstellen müssen. Ihr Angelpunkt ist offenbar der Umstand, daß das behauptete Phänomen in einer Umgebung auftrat, in welcher Kluski allerdings ein völlig freies Schalten und Walten möglich war. Was sie uns aber verschweigt, ist dies: daß das gleiche Phänomen auch unter völlig andersartigen Umständen beobachtet wurde, welche den vorgebrachten Verdacht von vorn herein ausschließen. - Nicht lange nach den Warschauer Sitzungen mit Teilnehmern, 'deren unbekannte Namen für den Fernerstehenden nichts bedeuten,'3 wurde Kluski im Pariser Institut Metapsychique International geprüft, wo der Kreis der Beobachter immerhin Männer von einigem Rufe einschloß: Prof. Richet, l) DMB 4051. 2) Geley 214t. 3) DMB 404f. Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 279 Camille Flammarion, M. A. de Gramont, Dr. Geley. Kluski saß vor den offenen Vorhängen eines Kastenkabinetts innerhalb des 45 qm umfassenden Laboratoriumsaals des Instituts, im Halbkreis umringt und eingeengt von den Beobachtern. Dieser Saal ist fensterlos und hat zwei Türen auf der vom Kabinett abgelegenen Seite, die nach dem Eintritt des Mediums und der Versuchsleiter 'stets mit dem Schlüssel abgeschlossen wurden.' Lichtquellen waren eine Rotglaslampe von 50 Kerzen und einige 'große Schwefelzink- Lichtschirme'. Kluskis Hände wurden von den beiden neben ihm Sitzenden gehalten, die auch seine Kniee und Beine mit den ihrigen berührten. Im übrigen verhielt er sich während der Sitzungen 'fast völlig reglos,' legte nur zuweilen (falls im Tieftrans) seinen Kopf auf den vor ihm stehenden Tisch oder auf die Schulter eines der Kontrollierenden. 'Seine Hände bewegten sich nie.' Trotz dieser fast völligen Reglosigkeit zeigte Kluski stets eine siarke Erschöpfung durch die Vorgänge, die nach Schluß der Sitzung so sehr anwuchs, daß er sich hinlegen mußte, leicht schwitzte, schmerzhaftes Herzklopfen empfand, große Mengen Wasser trank und gelegentlich sogar Blut spie. Dr. Geley darf also die Lage in die Worte zusammenfassen: 'Der allergeschickteste Taschenspieler würde lahmgelegt sein unter den Bedingungen, die für Kluski während der Sitzungen bestanden: in einem Räume ohne technische Vorrichtungen - non truquée -, dessen Betreten in der Zeit zwischen den Versuchen ihm verboten war, ohne die Möglichkeit von Helfershelferschaft und mit den beiden reglos gehaltenen Händen.'1 Nun denn: auch unter diesen Umständen ist der 'Pithekanthropos' beobachtet worden. Dies geschah u. a. in der Sitzung vom 20. Nov. 1920, die, wie wir an andrer Stelle des Geleyschen Buches erfahren, überhaupt reich war an völlig eindeutig echten Materialisationen: die früher beschriebenen Erscheinungen des Bruders und der Schwester des Grafen Potocki fielen in diese Sitzung;2 außerdem wurde u. a. eine 'lange und feingebildete Hand nebst Arm' gesehen, die sich unter Geleys Augen bildete, 'sich langsam über die Beobachter hin, dann am Medium vorüber bewegte und Mme Geley berührte, die . . . mir gegenüber saß . . . Es war eine sehr schöne Männerhand . . . Vorderarm und Arm waren mit einem sehr regelmäßig längsgefalteten weißen Gewebe bedeckt. Das Medium trug einen schwarzen Mantel.' Die Handkontrolle in dieser Sitzung wurde von den Herren Flammarion und Geley und von Mme Flammarion ausgeübt.3 Uber den Affenmenschen aber heißt es: 'Dieses Wesen, das wir den Pithekanthropos benannt Tiaben, hat sich mehr e r e Male in unsren Sitzungen kundgegeben. In der Sitzung vom 20. Nov. 1920 fühlte einer von uns, wie dessen großer zottiger Kopf sich schwer gegen seine rechte Schulter und Backe lehnte. Dieser Kopf war mit dichten und groben Haaren bedeckt. Ein Geruch wie von Rotwild, von 'nassem Hund' ging von ihm aus.4 Als darauf einer der Anwesenden seine Hand vorstreckte, ergriff sie der Pithekanthropos und leckte sie dann lange drei verschiedene Male. Seine Zunge war groß und weich.'5 1) Geley 225.227.229. 2) das. 282fT. 3) das. 235f. 4) v. Klinckowstroem (DMB 406): "Ein Afle hätte sich wohl auch durch seinen Geruch verraten; von einem irgendwie auffallenden Geruch ist aber in den Protokollen nicht die Rede.' 5) Geley 288. 280 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Wir finden uns nun also wieder vor die 'Wahl' gestellt, 'entweder diese ganz unglaubwürdigen Dinge als Tatsachen hinzunehmen oder' - einen nach Paris mitgebrachten Helfershelfer in der gleichfalls mitgebrachten Gorillahaut durch die von innen verschlossene Tür eintreten zu lassen. Daß diese Wahl ein wesentlich anderes Cesicht zeigt als die in Warschau uns freigestellte, wird vielleicht auch Graf Klinckowstroem nicht bestreiten. Ich persönlich bekenne mit dem Gefühl stärkster Gewißheit, daß mir seine advokatisch auswählende und verschweigende Kritik hiermit erledigt erscheint. Übrigens möchte ich anhangsweise erwähnen, daß auch bei einem andern polnischen Medium ein ähnliches Tierphantom beobachtet worden ist. Jan Guzik gehört zu denen, die ich bisher wegen ihres allgemeinen Rufes völlig übergangen habe. Er ist in Krakau durch eine Blitzlichtaufnahme des betrügerischen Spiels überführt worden, und auch ein Komitee der Sorbonne in Paris gelangte nach einer Reihe schwacher Sitzungen auf Grund von Indizien zur Leugnung echter Leistungen. Und dennoch haben fast alle, die Guziks bewußten und eingestandenen Betrug in Rechnung stellen, an der häufigen Erzeugung echter und bedeutender Phänomene durch ihn festgehalten: so der sehr sachkundige und kritische Dr. E. Osty-Paris, Dr. Geley, Prof. Richet, A. de Gramont, R. Sudre, Dr. Kröner u. a. Gelehrte und Ärzte.1 Aus den gesamten Urkunden über Guzik kann der vorurteilslose Unbeteiligte wohl den Eindruck gewinnen, daß er ein echtes Medium war, das, so oft es sich 'kraftlos' fühlte, zu bewußtem Betrüge griff. Unter dieser Voraussetzung gewinnen Angaben bedeutender Beobachter über eine Sitzung Wert, die am 20. April 1923 im Saale des Dr. Geley in Paris stattfand, also in Räumen, wo die Einführung von Helfern an sich nicht wohl anzunehmen wäre. Anwesend waren Sir Oliver Lodge, der namhafte englische Physiker, und seine Gattin, Prof. Richet, Mme Le Bert, Dr. Lassabliere. M. Sudre und Dr. Geley, also eine sehr ansehnliche Versammlung von Fachleuten; nicht dagegen Herr Jelsky, der häufige Begleiter des Mediums, der denn auch der Verdächtigung nicht entgangen ist. Der Raum wurde sorgfältig durchsucht, die Türen wurden mit gezeichneten Klebestreifen von innen soz. versiegelt, die Hände des Mediums einzeln von Lodge und seiner Gattin kontrolliert. Unter diesen Umständen fand es das genannte Ehepaar möglich, in immittelbarem Anschluß an die Sitzung folgendes zu bezeugen. Prof. Lodge: 'Meine Frau wird [im Dunkeln] wie von einem zahmen Tier berührt; das Medium führt ihrer beider verschlungene Hände nach hinten, und sie fühlt mit ihrem Handrücken etwas wie die haarige Brust eines auf den [Hinter]pfoten aufrecht stehenden großen Hundes oder eines Mannes von geringem Wuchs. Richet meinte, es könne ein Urmensch sein. Überdies vernahmen wir Schritte, die eher die eines Menschen als die eines Hundes waren. Die Damen urteilten, daß es ein großer Affe oder ein Orang-Utan sein könne. Lady Lodge war diesmal die einzige, die ihn fühlte. Die Empfindung beim Berühren dieser Haare, die eine feste Brust zu bedecken schienen, war 1) Näheres und Literatur bei Moser 727 ff. Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 281 sehr eigenartig. Das Phänomen bot sich dar in Kopfhöhe meiner Frau, während sie saß.' Lady Lodges schriftliches Zeugnis stimmt mit obiger Fassung gut überein. Es schließt mit den Worten: 'Das Auffallendste für mich in dieser Sitzung war das Berühren des Wesens, welches aufrecht hinter meinem Stuhl stand, bedeckt mit glattem und straffem Fell. Ich muß meine Hand über eine Fläche von ungefähr einem Fuß [Durchmesser] hinbewegt haben.'1 Sowohl bei Kluski als auch bei Guzik sind noch andre tierische Phantome beobachtet worden, von einer Art, wie sie einem Schwindler ganz neuartige Aufgaben stellen würde. Ein 'Menschenaffe' müßte von einem menschlichen Helfershelfer gespielt werden, der sich am Schluß der Sitzung auf dieselbe Weise entfernen könnte, wie er gekommen wäre. Was sollen wir aber sagen, wenn die auftretenden Tiere - Löwen, Katzen, Eichhörnchen, Vögel u. dgl. m. sind, die ebenso rätselhaft ver - schwinden, wie sie auftraten? Daß ein Helfershelfer sie durch die irgendwie geöffnete Tür hereinläßt, mag denkbar sein. Aber wo bleiben sie, wenn wieder licht gemacht wird? Während der Sitzung haben sie sich frei - man wird gleich sehen, wie frei zuweilen - umherbewegt. Würde es wohl möglich sein, sie im Dunkeln wieder zu fangen, ohne daß sich dies durch Rufe und Geräusche aller Art, durch Anstoßen u.dgl. unmißverständlich verriete? Man müßte annehmen, daß diese Medien nicht nur mit einem Helfershelfer, sondern auch mit einem kleinen Tierpark nach Paris gereist seien, dessen Verheimlichung außerhalb der Sitzungen wieder neue Schwierigkeiten bereiten würde. Über Kluski schreibt der Anatom Prof. Pawlowski zusammenfassend: 'Von Tierphantomen zeigen sich meistens: Eichhörnchen, Hunde und Katzen. Bei einer Gelegenheit kam ein Löwe, und ein andermal ein großer Vogel, ein Falke oder Bussard. Ich selbst sah [nur] die beiden zuerst erwähnten Erscheinungen. Sie betrugen sich ganz ihrer Natur entsprechend: das Eichhörnchen hüpfte ganz natürlich auf dem Tische umher. (Ich kenne die Art dieser Tiere sehr genau, da ich viel auf dem Lande lebe.) Der Hund lief schweifwedelnd um den Tisch, sprang auf den Schoß der Sitzungsteilnehmer und leckte ihr Gesicht. Kurzum, er betrug sich in jeder Hinsicht wie ein zahmer Hund. Der Löwe aber benahm sich, wie mir berichtet wurde, bedrohlich; er schlug mit dem Schweife und streifte dabei die Möbel. Die erschreckten Sitzungsteilnehmer waren unfähig, das Tier zu beherrschen, sie brachen die Sitzung ab. indem sie das Medium weckten [und damit anscheinend auch den Löwen zum - Verschwinden brachten]. Der Bussard flog umher, mit den Flügeln an den Wänden und an der Decke anschlagend. Als er sich endlich auf der Schulter Kluskis niederließ, wurde er mit Blitzlicht aufgenommen, da ein gebrauchsfertiger Apparat vor dem Medium stand.'2 1) Geley 345f. 2) ZP 1926 10. 282 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Bei diesem Bilde, das der Leser in Geleys Werk bei S. 296 findet, hat die Kritik des Grafen v. Klinckowstroem wiederum eingehakt. 'Der rechte Flfigel (schreibt er) ruht über dem Kopf des vornüber gebeugten Mediums (sonst würde der Vogel herunterfallen). Ein lebender Vogel wird nun in sitzender Stellung niemals seine Flügel ausspannen; wohl aber gibt man diese Position, die den fliegenden Vogel darstellen soll, gern ausgestopften Vogelbälgen.' 1 Dies ist, mit Verlaub zu sagen, Unsinn, der nach gewissenhafter Prüfung klingen soll. Der Flügel liegt nicht dem Kopfe des Mediums auf (wie auch ein 'als besonders tüchtig empfohlener Präparator' feststellte), und man braucht nicht ein Alfred Brehm zu sein, um zu erkennen, daß ein eben vom Flug zum Sitzen übergehender Vogel genau die aufgewiesene Haltung einnehmen könne.2 Und geflogen soll ja doch der Vogel unmittelbar vor der Aufnahme sein. Freilich erwähnt Hr. v. Klinckowstroem dies nicht. Er würde, falls man ihn preßte, wahrscheinlich zugeben, daß die Aufnahme das Medium an den Händen gehalten zeigt, trotzdem man diese selbst nicht sieht, sondern nur die entsprechende Armstellung; aber er würde wohl behaupten, der 'Helfershelfer' habe den ausgestopften Vogel an Wänden und Decke herumgefegt und dann auf Kluskis Schädel niedergelegt. Allerdings wurde dieser Rätselmensch weder beim Licht der Rotlampe und der Leuchtplatten noch beim Blitzlicht gesehn. Und auf welche Weise wohl wird er das Eichhörnchen, den Hund und die sonstigen Tiere gehandhabt haben? Hierüber äußert Hr. v. Kl. nicht einmal Vermutungen; er zieht es vor, diese übrigen Bestien unerwähnt zu lassen . . . Aus den Niederschriften der Pariser Guzik-Sitzungen im Institut Internat. M6taps. lassen sich ähnliche Beobachtungen ausziehen. Am 11. April 1923 (anwesend Prof. Leclainche vom Institut de France, Prof. Cuneo, Chirurg der Pariser Hospitäler, Mme G., M. Xav. Leclainche, Dr. Geley und M. de Jelski, wobei die beiden erstgenannten je eine Hand des Mediums halten) heißt es: 'Man bemerkt etwas wie die Materialisation einer Tiergestalt (vom Umfang eines Hundes mittlerer Größe). Alle Anwesenden nehmen sehr deutlich den bezeichnenden Geruch eines nassen Hundes wahr, der stets die Erscheinungen dieser Art begleitet. Dieser Geruch tritt mit Beginn der Erscheinung auf und verschwindet augenblicklich mit ihr.'3 Am Tage darauf (anwesend u. a. Dr. Osty, Dr. Geley, M. Cornillier) heißt es von einer ähnlichen Erscheinung: 'Die beiden Kontrollierenden haben den sehr deutlichen Eindruck der Anwesenheit eines kleinen Hundes, der auf ihren Stuhl springt, dann auf ihre Kniee, sie streift und liebkost, mit ihrem Stuhl zu spielen scheint, usw.'1 Am 13. April (anwesend u. a. Prof. Richet): 'Diese [Hunde]gestalt streift Mme S..., läuft unter ihrem Stuhl hindurch und spielt dann mit der Handtasche, die sie auf den Knieen hat.' Am 23. April (anwesend u. a. Sir Oliver Lodge, Graf A. de Gramont, Dr. Geley, Graf du Bourg de Bozas): 'Die Gestalt eines Hundes (von der Größe 1) DMB 406. 2) Der 'tüchtige Präparator' scheint denn auch keineswegs auf ein ausgestopftes Tier geschlossen zu haben. Seine ganze Analyse ist überhaupt völlig 'an den Haaren herbeigezogen'. 3) Geley 336f. 4) das. 337. Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 283 eines Foxterriers) läuft zwischen den Beinen der Mme de C . . . und des neben ihr sitzenden M. de Gramont hindurch. Alle beide fühlen diese Berührungen. Der 'Hund' springt auf die Kniee der Mme de C..., die sein Fell fühlt, dann auf ihre Schultern. [Sie empfängt die] bei Hunden gewohnten Liebkosungen.'1 Am 27. April, im großen Saal des Inst. Met. Intern., springt der 'Hund' dem Dr. Lassabli^re auf die Kniee, drückt sich zwischen seinem Rücken und der Stuhllehne hindurch und steigt ihm zur Schulter empor.2 Am 5. Mai, als man Sägespäne über das ganze Parkett gestreut hatte, fand man nach Abschluß der Sitzung 'Spuren, die an die einer Hundepfote von mittlerer Größe erinnern.'3 In allen diesen Sitzungen wurde jede Hand des Mediums dauernd von einem der Teilnehmer gehalten; der Saal war durchsucht worden, die Türen waren mit gezeichneten Klebestreifen gesichert. Hr. de Jelski nahm nicht annähernd an allen teil - in der Tat nur an 22 von insgesamt 58 -, und die stärksten Phänomene fielen ebenso gut in Sitzungen mit als in solche ohne seine Anwesenheit. Die Frage, wie diese Tiere in den verschlossenen Raum hinein, wie sie wieder aus ihm hinausgelangten, ohne ihr Kommen und Gehen durch tierische Laute zu verraten, hat m. W. keiner unsrer scharfsinnigen Kritiker auch nur aufgeworfen. In 'Anlehnung' an diese unwiderep rechlichen Beobachtungen von Tierphantomen durch Wissenschaftler und gebildete Laien gewinnen dann auch weitere, darunter ältere Berichte an Gewicht, die an sich mit jenen bez. des Ranges der Bezeugung nicht wohl zu vergleichen sind. Wir finden z. B. Hundephantome beschrieben während Sitzungen um die Mitte der 70 er Jahre des vorigen Jahrhunderts, bei denen die angenommene Tochter des französischen Obersten M. als Medium diente;4 oder während der Cambridger und Wimbledoner Sitzungen (v. J. 1914) des bekannten Stimmenmediums Mrs. Wriedt, wobei das Tier, ein Wachtelhund, betastet und sein 'Kläffen' gehört wurde.5 - Bozzano erwähnt noch einen bei Mrs. Corner (Florence Cook) materialisierten Affen; eine in Gegenwart des Feldmarschalls Lord Wolseley durch ein nicht-berufliches Medium materialisierte Robbe, sowie ein der indischen Fauna angehöriges wildes Tier.6 - Ganz neuerdings hat Dr. Reginald Hegy, ein Johannesburger Arzt, aus den sehr mannigfaltigen Beobachtungen eines privaten Zirkels Vorgänge der gleichen Art berichtet, wobei eine Mrs. Schoen das Hauptmedium stellte. Nach mehrfachen, auch identifizierten menschlichen Materialisationen (bis zu acht in einer Sitzung) erschien eines Abends das Phantom 'eines kleinen Hundes, der aufgeregt von einem Sitzer zum anderen rannte, wobei er jeden einzelnen mit seinen Pfoten kratzte und zu ihm emporsprang und seine Pfoten, ja selbst die Klauen deutlich von den Anwesenden gefühlt wurden. Die natürliche Art, wie der kleine Hund von Mr. Schoen zu seiner Schwester und wieder.zurück rannte und dabei in seiner Aufregung sich buchstäblich überschlug, bot einen 1) das. 349. Vgl. 341. 343. 362. 2) S. 354. - Vgl. das Phantom eines auch gesehenen Hundes: BCRMB 1929 31. 3) Geley 360. 4) Gibier, Psych. 210. 5) Lt 1914 296; vgl. das. 1921 490; Moore 282. 6) Lt 1907 275; Bozzano, Animaux 140. 284 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung unvergeßlichen Anblick dar. Dann aber geschah etwas Seltsames. Das kleine Wesen mit seiner ektoplastischen Umhüllung kehrte nicht ins Kabinett zurück, sondern 'schmolz' vor unseren sehenden Augen 'dahin'.'1 Schließlich aber möchte ich nicht versäumen, auf gewisse Abdrücke von Tierformen, insbesondere Tierfüßen hinzuweisen, die uns hier ebenso objektive Beweise liefern, wie die früher besprochenen Abdrücke und Gußformen menschlicher Körperteile. Einen 'unter strengsten Bedingungen' von M. Noël Jaquin auf berußtem Papier erhaltenen Abdruck eines Schmetterlings von 2 Zoll Spannweite findet man in Bradleys bekanntem Buch 'The Wisdom of the Gods'2 beschrieben und abgebildet, und derselbe Zeuge berichtet von dem ähnlichen Abdruck zweier Vogelfüße, mit deutlicher Abzeichnung der 'zellenförmigen Hautbildung'.3 Auch in einem der bedeutendsten Spukberichte älterer Zeit, dem über den 'Trommler von Tedworth', finden sich Krallenabdrücke' auf der ausgestreuten Asche erwähnt.4 - Das seltsamste Beispiel dieser Art aber, das ich kenne, findet sich in der mustergültigen Arbeit der Professorin Verrall über ihre automatischen Schriften; es verdient, hier kurz wiedergegeben zu werden. Am 11. Mai 1901, 11.10 abends, schrieb ihre Hand u. a. folgendes, teilweise in lateinischer und griechischer Sprache: 'Eile nicht. Datiere dies. Das ist es, was ich gewollt - endlich . . . A. W. V. [Namensbuchstaben ihres verstorbenen Gatten] und vielleicht noch ein andrer. Der an den Füßen haftende Kalk hat die Schwierigkeit überwunden...' Es folgten die Zeichnung eines laufenden Vogels mit undeutlich halbmenschlichem Kopf (?) und darunter die Worte: et hoc genus omne - 'und diese ganze Sorte.' - Am 13. Mai brachte die 'Daily Mail' einen Bericht anscheinend zweier Londoner Rechtsanwälte über eine seltsame Beobachtung in einem Zimmer der bekannten Rechtskollegicn, aus welchem spukige Vorgänge den Inhaber vertrieben hatten. Die Nacht vom 11. auf den 12. Mai verbrachte der Berichterstatter mit einem Freunde in diesen leeren Räumen. 'Maßregeln wurden ergriffen, um jedes Eindringen zu verhindern, und gemahlener Kalk wurde in den beiden kleineren [offenbar den 'spukigen' von den vier] Zimmern ausgestreut, 'um jeden oder alles auszuspüren, was kommen oder gehen würde'. Die Beobachter sahen, wie eine Tür aufgeklinkt und langsam geöffnet wurde, und hörten den Ton des Türgriffs. Dies war um 12.43. Um 12.56 geschah dasselbe an einer andern Tür" Beide Türen wurden [von den Beobachtern] geschlossen, und keinerlei Spur war auf dem Kalkpulver zu sehen. Um 1.32 morgens öffnete sich die Tür zur rechten Hand abermals wie zuvor, und um 1.37 die zur linken. Um 1.40 schlössen sich beide Türen gleichzeitig 'von selbst'. Zwischen 1.45 und 1.55 geschah dasselbe noch zweimal... Die letzten Öffnungen erfolgten um 2.07 und 2.09, und beide Beobachter bemerkten 1) Hegy 59f. 2) S. 430. 3) aaO. 409f. 4) JSPR IX 25. 39. 206. Der Fall wurde von dem Philosophen Jos. Glanvill untersucht; der deutsche Leser findet ihn dargestellt z. B. bei Gflrres III 370 H.; vgl. das. 376. Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 285 Spuren auf dem Kalk in den zwei Zimmern. Bei der Untersuchung erwiesen sich diese als 'scharf umrissene Fuß.spuren eines Vogels in der Mitte des Fußbodens, drei im Raum zur Linken und fünf in dem zur Rechten.' Diese Spuren waren unter einander identisch und hatten einen Umfang von genau 2i/i Zoll; man könnte sie den Fußspuren eines Vogels von der ungefähren Größe eines Truthahns vergleichen. Sie zeigten drei Zehen und einen kurzen Sporn nach rückwärts zu. Nichts weiteres geschah. Die Fußspuren wurden um 2.30 gesehn; [die Herren] warteten bis 3.30 und gingen dann heim.'1 Es ist müßig darüber nachzudenken, ob wirklich dasselbe Wesen die Türen öffnete und die Fußspuren erzeugte; noch weniger brauchen wir nach einer Erklärung dafür zu suchen, daß Mrs. Verralls wohl unbestreitbar auf diese Vorgänge anspielende 'Schrift' reichlich 3 Stunden vor dem ersten Tttröffnen erfolgte. Das Ausstreuen des Kalks dürfte zwar dem Schreiben vorausgegangen sein; aber der Verfasser des Berichts in der 'Daily Mail' bezeugte auf Befragung durch Mr. Piddington, ein namhaftes Mitglied der Ges. f. ps. Forsch., daß er und sein Freund nicht im mindesten vorausgesehn oder erwartet hätten und daß nichts Vorhergegangenes hätte andeuten können, der Störenfried werde ein Vogel sein. Noch weniger hatte natürlich Mrs. Verrall eine normale Voraussicht des Kommenden oder auch nur eine Kenntnis des vorausgegangenen Spuks bei den ihr offenbar völlig fremden Rechtsgelehrten. Es steht also fest, daß unter Bedingungen, die jede Täuschung ausschlössen, echte Fußspuren von einem unsichtbaren Wesen erzeugt "worden sind, das mindestens an seinen Füßen (und vermutlich am ganzen Leibe, wenn wir an Mrs. Verralls Zeichnung denken) nicht menschlich gebildet war und vielleicht - einer 'ganzen Sorte' angehörte. - Das Merkwürdigste an Tierphantomen nun aber ist, daß nach allen Regeln der Ähnlichkeit nicht wenige von ihnen als 'identifiziert' zu gelten haben! Der vom Oberst M. beobachtete Hund ist angeblich als sein vor einigen Jahren verstorbener erkannt worden. Von dem 'indischen wilden Tier' heißt es, es sei von den Knien des Mediums auf die einer anwesenden Dame gesprungen, von der es s. Zt. aufgezogen und gezähmt worden war, und habe durch 'sehr charakteristische Schreie, identisch mit denen, die es zu Lebzeiten unter gleichen Umständen auszustoßen pflegte,' seine Freude ausgedrückt. 2 - Ähnliches gilt von dem gleichfalls schon erwähnten Wachtelhund, sowie von einem Collie, der einem Freunde des Mr. A. J. Wood gehört hatte und den Mrs. Wriedt den Kopf auf die Knie seines Herrn legen sah, während die Sitzer bloß von ebendorther 'ein kräftiges und fröhliches Bellen' erklingen hörten.3 Ein ausführliches Zeugnis dieser Art liefert uns auch Mrs. Leonard, das berühmte und allgemein geachtete Medium, bezüglich einer Sitzung mit einem wohlbekannten, aber nicht genannten Materialisationsmedium: 'Ein kleiner 1) Pr XX 328JT. Vgl. den gehörten 'Tritt eines groSen Vogels': Maxwell 293. 2) Bozzano, Animaux 140. 3) Lt 1921 490. 286 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Hund zeigte sich bei schwachem Rotlicht (neben vielen menschlichen Gestalten), der einem der Sitzer gehört hatte und ebenso erfreut war, seiner Herrin erscheinen zu können, ja noch viel aufgeregter darüber, als selbst die menschlichen Geister, nach seinem Schnauben und Keuchen und ruckhaft abgerissenen Bellen zu urteilen... Die Besitzerin des Hundes saß neben meinem Manne, und als der Hund zu ihr hinlief, setzte er seine beiden Vorderpfoten auf ihr Knie, während seine beiden Hinterbeine auf meines Mannes Füßen standen, der mir nachher sagte, daß der Hund ungefähr so viel gewogen habe, wie ein Hund jener Rasse (es war ein Pekineser) in seinem stofflichen Leibe wiegen würde. Wir hatten zufällig damals einen Pekineser, der häufig auf unsern Füßen stand, um aufs Knie zu k l e t t e r n . .- Die Sitzung fand in einem - bis auf die Stühle - unmöblierten Zimmer (offenbar n i c h t bei Leonards) statt, das uns genau beschrieben wird. Alle Sitzer kannten einander, aber nicht das Medium. Daß es der Hund der Leonards gewesen, ist also wohl ausgeschlossen.1 Ähnliches berichtet schließlich Rev. Duncan aus einer seiner zahlreichen und eingehend beschriebenen Sitzungen mit den Damen Moore, von denen schon früher die Rede war.2 Am 30. Mai 1930 erklärte die 'Stimme' ihres Führers, 'Andrew Wallace', der anwesenden Mrs. Stewart, es sei ein Hund anwesend, namens Rex,3 der ihr gehört habe und den er völlig richtig als Foxterrier beschrieb; außerdem aber eine 'winzige Katze, die Ihnen auch gehörte. . . Sie hatten sie eine lange Zeit.' 'Ja, bestätigte Mrs. Stewart, Siebzehn Jahre, und ich habe mich oft gefragt, ob unsre Hunde und Katzen den Tod überleben.' 'Gewiß,' erwiderte 'Wallace', 'sie leben so lange, als eure Liebe zu ihnen dauert. Danach gehen sie an ihren eignen Ort.' 'Darauf (schreibt Duncan) geschah etwas höchst Unheimliches. Wir hörten geisterhaftes Bellen [eines Hundes] und das Miauen einer Katze,4 welche die Medien durch Namensruf an sich zu locken suchten, während sie im Zirkel umherliefen. Wir fühlten sie nach der unverkennbaren Art der Tiere an unsern Beinen hinstreifen, und die Katze versuchte auf Mrs. Stewarts Schoß zu klettern.'5 - Während einer Sitzung der gleichen Medien am 2. Juni 1932 mit Duncan und den Rev. A.F.Webling behauptete die Stimme, eine 'Dame' nenne den Namen Toby. 'Ich [Rev. Webling] fragte: Wer ist Toby? ['Wallace'] antwortete: 'Ein Hund. Er ist sehr erfreut, Sie zu sehn. Er ist an Ihrer Seite.' Auf dieser? fragte ich, indem ich meine Hand (in der völligen Dunkelheit) emporhielt, oder auf der andern? 'Auf der andern', war die Antwort. Ich senkte meine Hand, wie um ihn zu streicheln, und fühlte etwas stoßend an meinem Bein vorüberstreifen... Gleichzeitig hörten wir alle drei- oder viermaliges leises, aber deutliches Bellen.'6 Dies alles mag, wer will, mit Tußstößen des Mediums, Suggestion und Erwartungshalluzination' abtun. Mir braucht nicht viel an der Beglaubigung solcher Besonderheiten zu liegen: als Tatsache über- 1) Leonard 137. 2) Bd. 1303; II 88. 254. 3) Der Name müßte wohl gedankenleserisch erlangt worden sein; aber 'aus' wem7 4) Duncan ollenbar versehentlich: we heard the ghostly barking and mewing of a cat . . . 5) Duncan 105f. 6) das. 131. Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 287 haupt erscheinen Tiermaterialisationen so gut verbürgt wie menschliche, und im Vertrauen darauf dürfen wir ruhig davon Kenntnis nehmen, daß in manchen Fällen die näheren Umstände nicht bloß auf Tiere im allgemeinen, sondern auf 'bestimmte', einst am Leben gewesene hindeuten. Mr. Webling, übrigens ein erfahrener Sitzer, bezeichnet nicht nur den eben beschriebenen Auftritt als seine vierte Begegnung mit 'Toby', sondern gibt auch bezeichnenderweise an, er habe starke Ströme kalter Luft auf der linken Seite gefühlt, solange das Tier 'dort war'.1 Ja was noch mehr zu denken gibt: in einer Sitzung, die er tags darauf mit einem andern Medium, Mrs. Vaughan, hatte, sagte deren 'Führer' zu ihm, mit dem bezeichnenden Spürsinn des Psychometers: 'Sie haben einen Hund berührt,' und fügte die unübersetzbaren und andeutungsreichen Worte hinzu: There was a psychical condition in a dog.'2 - Man muß auch schließlich wissen, wie umfangreich die Beweise nicht nur für übernormale Fähigkeiten höherer Tiere sind, sondern vor allem auch dafür, daß diese Tiere häufig als sichtbarer Spuk auftreten, ganz in der Weise menschlicher Spuke. Dabei würde natürlich jede Beobachtung, die zugunsten der Objektivität eines Tierspuks spräche, auch die Wirklichkeit von Tiermaterialisationen befürworten; in derselben Weise, wie die Tatsächlichkeit objektiver Menschenspuke den Glauben an echte materialisierte Phantome stärken mußte. Es sind aber mindestens die Fälle kollektiv wahrgenommener Tierspuke sehr zahlreich,3 und selbst für die Tatsächlichkeit objektiver Wirkungen von Tierspuken läßt sich der oben berichtete Fall von Vogelspuren auf Kalk anführen. Ausführlicheres Eingehn auf diese Dinge würde hier viel zu weit führen;* doch darf als erwiesen gelten, daß das Problem des Überlebens mindestens der höheren Tiere teilweise ähnlich gelagert ist wie das des menschlichen. Wir haben denn auch durchaus keinen Grund, materialisierte Phantome von Tieren wesentlich anders einzuschätzen als die von Menschen. Schreiben wir diesen 'anatomische Durchbildung' nach dem Muster Lebender zu, so haben wir keinen Anlaß, sie jenen abzusprechen. Finden wir bei menschlichen Phantomen Atemwerkzeuge, die nicht nur 'hauchen' und 'blasen', sondern auch eine Stimme erzeugen, so können wir schwerlich umhin, die 'heiser-rauhen Töne' 1) vgl. o. S. 103. 221. 2) Dem Sinne nach etwa: Ich spüre den spukigen Einfluß eines Hundes I - Solche fluchtige Winke wiegen häufig mehr, als der ganze hausbackene Scharfsinn des wissenschaftlich verbildeten Kritikers. - Vgl. ahnliche Tier-Erkennungen: Moore 266; Holms 230; ZpF 1929 120. 3) S. Bozzano, Anim. 1210. 136fl. 151 ff. 4) Reiches Material bei Bozzano 9ff. (aktive Telepathie); 4611. (passive Tel.); 93ff. (Vorahnungen); 151 ff. (medial oder spukhaft wahrgenommene Tiere). Vgl. ferner: JSPR XIII 580. 25611.; XV 249ff.; XXIV 12f.; Sulzer 16f.; Heilenbach, Geburt 264f.; ZpF 1927 57; HUI, Invest. 161; Thomas, Life 135 ('Aussagen' Ob. Fortleben von Tieren). 288 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung des 'Pithekanthropos', das fröhliche Bellen von Hundephantomen beim Erkennen ihrer Herren, das Miauen einer Phantom-Katze, das 'Stoßen', 'Streifen', 'Springen' und 'Klettern' dieser Tiere ähnlich zu deuten. Man stoße sich doch nicht an der unerhörten Ungewohntheit solcher Feststellungen! Wer die heute schon unerschütterlichen Tatsachen menschlicher Phantomatik entschlossen durchdenkt, dessen 'Verstand' wird auch vor materialisierten Phantomen von Tieren jene Waffenstreckung vollziehen müssen, die schon manchen der fruchtbarsten Erweiterungen unsres Weltbildes vorausgegangen ist. Damit aber haben wir die tatsächlichen Grundlagen des Arguments beisammen, das ich hier ins Auge faßte. Ich habe an trüberer Stelle dem Gedanken widersprochen: man dürfe dem Medium die Erzeugung einer auch anatomisch durchgebildeten Materialisation nicht zuschieben, weil ihm die 'Kenntnisse' fehlten, die dabei vorausgesetzt würden. Dieser Behauptung hielt ich den Gedanken entgegen, daß bei solcher Erzeugung das bewußte Wissen sicherlich nicht die entscheidende Rolle spielen könne, sondern nur die soz. 'organische Selbstkenntnis' eines körperlichen Unterbewußtseins, also jene 'Entelechie', worin lebendiger Baugedanke und schöpferisches Vermögen, Wissen und Werden zusammenfallen. Hieraus aber würde ohne weiteres folgen, daß ein Materialisationsmedium nur solche Wesen 'erzeugen' könne, die ihm 'ähnlich' sind, zum mindesten in den Grundzügen leiblichen Aufbaus, und nur allenfalls in nebensächlichen persönlichen Zügen von ihm abweichen. Daß schon gewisse menschliche Phantome diese Voraussetzungen aufs äußerste anspannen, dürfte von Vielen zugestanden werden; daß aber tierische Phantome jene Voraussetzungen vernichten, wird man wohl ohne weiteres einräumen müssen. Wenn sie auch anatomisch das sind, was sie zu sein scheinen - und ich sehe kein Entrinnen vor diesem Zugeständnis -, so können sie ihre Verwirklichung gerade in allem Wesentlichen dem Medium nicht verdanken; denn dieses besitzt nicht die bewußten, und noch viel weniger die 'unterbewußt-organischen' Kenntnisse, deren es zu solcher Verwirklichung bedürfte. Soweit auch hier zum mindesten ein Zusammenhang bildender Zielvorstellungen wirksam sein muß, kann er nicht im Medium liegen, sondern nur - das ist die weitaus natürlichste Deutung - in dem erscheinenden Tierwesen selbst. Anders ausgedrückt: es fehlt dem Medium der angemessene 'entelechische Keim' für die Verwirklichung einer Tier-Materialisation, über den es für eine menschliche allenfalls verfügen mag. Daß es eine Hilfsleistung auch bei der tierischen aufbringt, beweist natürlich die Tatsache, daß Vollmaterialisationen von Tieren nur bei Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 289 einem Medium auftreten, das sich auch sonst als fähig zu dieser Art von Leistung erwiesen hat. Aber gerade die Tiermaterialisation läßt uns die wesentliche Zweiteilung des Vorgangs erkennen: die Teilung in eine Komponente des Formens, und eine andre des Materialisierens, d. h. der Verwirklichung in wahrnehmbarem Stoff. Zugleich beweist uns der anscheinend medienlose Tierspuk, daß es Vorstufen des tierischen Phantoms gibt, bei denen die Formkomponente sich gründlicher durchsetzt als -sagen wir - die der 'Verdichtung'. Vielleicht wird dieser Gedankengang auf entschlossene Gegnerschaft stoßen mit deT Begründung, daß er das 'persönliche Überleben' auch von Tieren voraussetze, ein Zugeständnis, das doch unmöglich sei.' Ich will diese Frage hier nicht erörtern und darum einen Zusatz machen, der unsern Gedankengang retten kann auch für den, der ein Uberleben von Tieren schlechterdings nicht glauben will. Es wäre nämlich offenbar denkbar, daß die 'Komponente des Formens' im Falle von Tiermaterialisationen einer außer- und übermenschlichen Quelle entstamme, und nicht dem einzelnen Tierwesen 9elbst; also sagen wir, jener 'kosmischen' oder 'Erdgeist'-Quelle, die wir zugunsten animistischer Theoretik schon mehrfach versuchsweise zugestanden haben. Man brauchte dabei aus solchem Zugeständnis nicht zu folgern, daß ja dann auch menschliche identifizierbare Materialisationen aus jener umfassenden Quelle gedeutet werden könnten, also jede spiritistische Beweiskraft einbüßen. Die Denklage ist vielmehr die, daß der spiritistische Beweis für den Menschen aus gänzlich andersartigen Tatsachen geführt worden ist, und daß aus dieser Bewiesenheit nun alles ein neues Gewicht bezieht, was die Beteiligung bestimmter Persönlichkeiten an ihrer Materialisation andeutet. Bei Tieren ist jener Beweis noch nicht geführt, und so darf uns hier der Nachweis genügen, daß überhaupt ein außer-medialer Ursprung der 'Formungskomponente' denkbar sei, nachdem wir diese ins Medium jedenfalls nicht verlegen können. Natürlich vereinfacht sich der ganze Gedankengang für den, der am Begriff des Überlebens wenigstens höherer Tiere keinen Anstoß nimmt. Aber auch dann wäre es eine Frage von untergeordneter Bedeutung, ob wir uns den unentbehrlichen 'formliefernden Einfluß' als einen unsichtbar vorgebildeten Tierleib denken, oder als eine bloße Entelechie, die sich (mit Hilfe des Mediums) ideoplastisch verwirklicht In beiden Fällen stehn wir dem Gedanken des tierischen Überlebens mindestens sehr nahe. In der Tat ja läßt sich in manchen Fällen das erscheinende Tier als ein bestimmtes verstorbenes identifizieren, und dies begründet natürlich die gleiche Möglichkeit auch für Tierphantome, bei denen eine Identifizierung zunächst nicht möglich ist. M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben III 19 290 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Dieser Satz überträgt sich dann aber unausweichlich auf menschliche Materialisationen, und zwar gleicherweise auf zunächst nicht-identifizierbare wie auf ausreichend identifizierte. Und mindestens für die letzteren liefern uns die Tatsachen der Tiermaterialisation einen Hinweis darauf - wenn nicht geradezu einen Beweis dafür -, daß jedenfalls der 'formliefernde Einfluß' in dem Wesen gesucht werden muß, welches durch das Phantom dargestellt wird: im Falle identifizierter menschlicher Phantome also in dem erscheinenden Verstorbenen. In andern Worten zusammengefaßt: Tiermaterialisationen zwingen uns, den Vorgang der Materialisation ganz allgemein in zwei 'Faktoren' zu zerlegen, deren einen - die Beschaffung des Formbildes (im weitesten Sinne) - wir sicherlich nicht dem Medium zuschieben können; wohl aber allem Anschein nach den andern: nämlich die stoffliche Darstellung überhaupt. Dies drängt uns - zumal im Zusammenhang mit allen übrigen spiritistischen Beweisen - eine ähnliche Zweiteilung auf für menschliche Materialisationen: auch hier können wir das Wirken des 'persönlichen Formbildes' weit natürlicher und einfacher in den Erscheinenden selbst verlegen als in das Medium. - Mag es somit auch überraschen, daß der uns soviel 'fernerliegende' Vorgang der Tier- Materialisation ein Argument zugunsten menschlichen Überlebens liefern soll, so ist dies doch ganz natürlicherweise der Fall. Wir sehen also: auch wenn man die Frage noch zurückstellt, wie denn das Medium das 'Bild- und sonstige Wissen' erlange, um die körperliche und seelische Persönlichkeit eines Verstorbnen in einer Materialisation darzustellen, - auch dann noch fehlt es nicht an allgemeinen Argumenten für die spiritistische Deutung gewisser Sitzungsphantome. Hierzu gesellt sich aber noch ein letzter Gedanke. Ich habe schon zweimal darauf hingewiesen, wie nahe wir dem spiritistischen Tatbestande kommen mit der Voraussetzung (zu der den Animisten die Beobachtung ja zwingt), daß das Medium ein eigenes Spalt-Ich in das von ihm erzeugte Phantom hinausverlege. Diese Voraussetzung nimmt natürlich noch bedenklichere Formen an, wenn dies hinausverlegte Ich dem Ich eines Abgeschiednen bis zum Verwechseln gleicht; wenn es also das dem Toten lebendig ähnelnde Phantom befähigt, seine Hinterbliebnen unter den Anwesenden herauszufinden, sie in persönlich- bezeichnender Weise zu begrüßen und zu behandeln, sich über vertraulichste Dinge mit ihnen zu unterhalten, eine Aussöhnung zu erbitten, teure Andenken zu bezeichnen usw., - und das alles etwa noch in Mundarten oder Sprachen, die dem Medium fremd sind. Hier also wäre dieses nicht einmal 'frei' in der seelischen Ausstattung jener rätselhaften Bewußtseinsknospung, die es von sich ablöst und körper Spiritistische Auffassung identifizierter Materialisationen 291 umgeben in den Raum hinausstellt - des eignen Hirns vergessend! -; sondern es wäre an ein persönliches Vorbild gebunden, das es sich zunächst auf übernormalie Weise verschaffen müßte. Und eine solche Leistung soll es unter Umständen mehrmals binnen kurzer Zeit oder gar gleichzeitig vollbringen, ja es soll etwa noch dieser 'maskierten' Hinausverlegung seiner unterbewußten Seelensplitter mit wachen Sinnen und Gedanken zuschaun und sich mit ihnen unterhalten! Solchem theoretischem Gewebe gegenüber erhebt sich denn doch die Frage, ob es gegenüber der spiritistischen Deutung, mit der es im Ergebnis ja fast zusammenfällt, sich soweit durch Einfachheit, Natürlichkeit und Glaublichkeit auszeichne, daß die Bekämpfung jener Deutung mit solchen Mitteln überhaupt noch lohnt. Ich habe bereits in einem früheren Buch1, im Zusammenhang mit krasseren Formen der Ich- Spaltung und dem oben erwähnten Falle 'Black', den Gedanken entwickelt, daß schon gewisse Teil-Iche anscheinend 'Geistern' gleichen, die ihren Körper nur zeitweise 'besitzen'; daß auch der Unterschied zwischen einer Transpersönlichkeit' des Mediums und dem Ich eines Abgeschiedenen mitunter feist verschwindet, und daß ein wirklich hinausversetztes Teil-Ich (wie das des John Black) sich von einem Abgeschiedenen wesensmäßig überhaupt nicht mehr sondern läßt; - sprach doch das fernerscheinende Ich des Black tatsächlich die Meinung aus, schon 'einmal gestorben' zu sein! Aber die stark spiritistische Artung des Falles Black wird von dem hier zu deutenden Tatbestand ja noch überboten: denn 1. glaubt das (angebliche) hinausversetzte Teil-Ich ein bestimmter Verstorbener zu sein und vermag dessen Rolle auch 'inhaltlich' durchzuführen; 2. verkörpert sich dieses Ich in einem selbständigen Vollphantom, das dem Leibe jenes Verstorbenen gleicht, dessen Rolle es durchführt. Die Frage, worin ein völlig abgetrenntes, in einem identifizierbar gestalteten Leibe hinausversetztes, ein als Fremder maskiertes Eigenleben führendes Spalt-Ich sich noch von einem 'Geiste' im Sinne der spiritistischen Materialisationstheorie unterscheide, - diese Frage zu beantworten, dürfen wir dem Animisten überlassen. Der Versuch wird ihm zu einer eigenartigen Entdeckung verhelfen: im Bestreben, einem verhaßten Gegner um jeden Preis auszuweichen, hat er ahnungslos die Grenze überschritten, die ihn von jenem trennte, und fast ehe er merkt, daß er bereits auf feindliches Gebiet gelangt ist, wird er sich entwaffnet finden und an Übergabe denken müssen. - 1) Mattiesen 771. Vgl. o. S. 2321. 10* 292 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung Was ich hier zugunsten der 'Formung' einer identifizierbaren Materialisation durch den Dargestellten selbst gesagt habe, verträgt sich aber auch vorzüglich mit allem, was früher zugunsten des Überwiegens von Autophanien gegenüber Heterophanien vorgebracht wurde, und die Frage drängt sich daher nochmals auf, wieweit wir die gewonnene Auffassung der Materialisation - namentlich als durchorganisiertes Gebilde - nun etwa rückwärts auf die 'objektiven' Phantome des Spuks und der Fernerscheinung Lebender ausdehnen dürfen; wie weit also schließlich doch eine Einheitlichkeit des Wesens innerhalb der ganzen Reihe aufgestellt werden könne. Nun, diese Frage soll hier dennoch nicht aufgeworfen werden. Ich verzweifle an ihrer Lösung. Die etwaigen Zusammenhänge und Übergänge zwischen dem, was Daumer als 'objektives Eidolon' bezeichnete, und einem metaphysiologischen Vollphantom wie 'Katie King' erscheinen mir einstweilen undurchschaubar; es sei denn, man vereinheitliche sie insgesamt von vorn herein unter dem Begriff des durchgebildeten 'feineren Leibes'. Davon aber halten mich immer noch gewisse hier und da geäußerte Bedenken ab, so daß ich denn auch eine Deutung identifizierter Materialisationen als 'ideoplastischer Autophanien Verstorbener' nicht völlig von der Hand weisen kann.1 Uns muß die Feststellung genügen, daß auch ganz abseits von solcher gänzlichen Vereinheitlichung die verschiedenen Gattungen objektiver Phantome jeweils spiritistische Indizien liefern, ja daß ihre letzte Ausgestaltung geradezu den spiritistischen Tatbestand darbietet. Ich meine daher, daß die langwierige Untersuchung dieses Abschnitts nicht ohne lohnenden Ertrag geblieben ist, mag er auch geringer eingeschätzt werden als der gewisser anderer Abschnitte. 16. Erledigung von Bedenken Unsre Erörterung objektiver Phantome im spiritistischen Sinn ist hiermit zwar im wesentlichen, aber noch nicht restlos beendet. Mir liegt noch zweierlei ob, ehe ich sie abschließen kann. Erstens muß ich gewisse Tatsachen erwähnen, die eine Abhängigkeit auch der identifizierten Materialisation vom Medium anzeigen; um von ihnen glaubhaft zu machen, daß sie dennoch nicht eine restlose Erschaffung durch das Medium beweisen; was ja die vorstehenden Errungenschaften in Frage stellen würde. Sodann aber ist eine Frage zu erledigen, die ich bisher ausdrücklich beiseite ließ, und die doch ihrerseits für die Theorie 1) Vgl. hierzu Bozzano, A prop. 208(1.; 'Myers' Aussagen Pr X X I 215. 218. Erledigung von Bedenken 293 der Phantombildung nicht ohne Bedeutung ist: die Frage der Kleidung und des sonstigen s a c h l i c h e n Zubehörs der Phantome. - Eine Beteiligung des Mediums auch bei identifizierten Phantomen verrät sich schon in seiner Selbstbeobachtung. Das Medium weiß z.B. manchmal (auch wenn dies normal nicht möglich ist), w e l c h e s Phantom im Augenblick gegenwärtig ist. Oder es weiß, welches Phantom eines Verstorbenen auftreten wird. Das erstere hat Mrs. d'Espérance, falls wir ihr Zeugnis wörtlich nehmen dürfen, von der Gesamtheit ihrer Phantome behauptet, unter denen allerdings identifizierbare eine Minderheit gebildet zu haben scheinen. Angaben der letzteren Art dagegen finden wir z. B. bei der Palladino. Zu Lombroso sagte sie einmal, als dieser um ein vergleichsweise geringfügiges 'physikalisches Phänomen' bat: 'Daß du dich auf solche Kleinigkeiten versteifst! Ich vermag viel mehr: ich kann dir deine Mutter zeigen. Daran solltest du denken.' Worauf - eine halbe Stunde später, als auch Lombrosos 'lebhafter Wunsch' diese Richtung genommen - das oben beschriebene Phantom auftrat, das mancherlei sprach, den Forscher mit 'Cesare fio mio' anredete und ihn küßte.1 Ist das identifizierte Phantom vollkommen verwirklicht, so tritt gelegentlich die früher besprochne 'Gemeinschaft der Empfindungen' zwischen ihm und dem Medium in seltsamem Grade ein. Ich kann dies mit der bekannten Schilderung belegen, die Mrs. d'Espérances Tagebuch von ihrem subjektiven Erleben während des Auftritts des Phantoms 'Anna' entwirft, das wir (dem Gegner zuliebe) zu den identifizierten rechnen wollen, da es mit 'erregten Rufen: Anna, mein geliebtes Kind' begrüßt wurde. 'Jemand erhebt sich,' schreibt das Medium, 'und umschlingt die Gestalt... Ich fühle meinen Körper hin- und herschwanken, und alles wird finster vor meinen Augen. Ich fühle jemandes Arme um mich, obgleich ich allein auf meinem Stuhle sitze. Ich fühle jemandes Herz durch meine Brust schlagen. Ich fühle, daß etwas geschieht... Niemand beachtet mich. Aller Augen und Gedanken scheinen auf die weiße, schlanke Gestalt gerichtet zu sein, die dort steht, umschlungen von den Armen der beiden schwarzgekleideten Frauen... Es muß mein eigenes Herz sein, das ich so deutlich schlagen fühle. Aber diese um mich geschlungenen Arme? Sicherlich empfand ich nie eine Berührung deutlicher als diese. Ich beginne mich zu fragen, welches denn ich bin: die weiße Gestalt, oder die, die auf dem Stuhle sitzt? Sind es meine Hände, die sich um den Hals der alten Dame schlingen, oder sind es die, die auf meinen Knien liegen...? Sicherlich sind es meine Lippen, die geküßt werden. Es ist mein Gesicht, das von den Tränen naß ist, die diese guten Frauen so reichlich vergießen. Aber wie kann das sein? Es ist ein gräßliches Gefühl, seine eigene Identität in dieser Weise schwinden zu fühlen.'2 In diesen Äußerungen will übrigens Baerwald ein unwillkürliches und 1) Lombroso 90. 2) (l'Espérance 3401T. 294 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung psychologisch merkwürdiges Zeugnis für ahnungslosen Medienbetrug erblicken. Er nimmt an, daß hier und in ähnlichen Fallen das 'Medium im Zimmer umherwandelt, als sei es ein Geist, . . . und alles das geschieht vollkommen gutgläubig, weil das Wachbewußtsein des Mediums gar nicht den Eindruck hat, daß es selbst mit diesep 'Geistern' identisch sei, vielmehr redet es sich ein, es stehe als Zuschauer daneben oder befinde sich sogar an einer ganz andren Stelle.' Eis herrsche eben hier eine 'weitgehende Persönlichkeitsspaltung bei gleichzeitiger Anwesenheit beider Seelenhälften'. Mrs. d'Espérance habe also nur geglaubt, auf einem Stuhl zu sitzen, während sie in Wahrheit den 'Geist Anna' personierte; sie sei 'zu objektivem Betrug gedrängt' gewesen und habe doch 'keine Ahnung davon' gehabt, daß sie betrog, weil sie ihre 'Handlungen in völliger Verzerrung erblickte.'1 Wir lesen dies mit einigem Staunen, denn wir entsinnen uns ja, daß Mrs. d'Espérance während ihrer Materialisationen mehr oder minder wach bewußt zu sein und demgemäß auch die Phantome selbst zu beobachten pflegte. In der Tat enthält ihr 'Tagebuch'-Bericht unmittelbar vor dem oben Mitgeteilten die Angabe, daß sie außerhalb des Kabinetts zwischen zwei ihr sehr willkommenen Kindern gesessen habe, 'die mit einander und mit mir wie ein kleines Paar Elstern schwatzten;' daß sie die Zeit auf einer Uhr im Zimmer habe ablesen können, daß sie sich verschiedener Gegenstände u.a. an einen Sitzer entledigt habe, daß ihr das gute Singen aufgefallen sei usw. Nach zwei sehr lebendigen und von Mrs. d'Espérance genau beobachteten und geschilderten Materialisationen tritt nun jene 'Anna' auf, und es setzt die obige merkwürdige Schilderung medialer Empfindungen ein. 'Niemand (schreibt das Medium) ist mir nahe, außer den beiden Kindern, niemand beachtet mich,' usw. wie oben angeführt. Wir sehen also, daß das Medium noch v ö l l i g o f f e n dort sitzt, wo es zu Beginn der Sitzung Platz genommen und wo es an sich sehr wohl hätte 'beachtet' werden können: nämlich vor dem Kabinett zwischen den Kindern. Wie will Baerwald diese Tatsache mit seiner spaltungspsychologischen Auslegung vereinbaren, der jene doch schneidend widerspricht? Ich bedaure, es ohne Umschweif sagen zu müssen: er beseitigt die unbequeme Tatsache durch eine Fälschung des Wortlauts. Aus dem Satze 'Niemand ist mir nahe außer den beiden Kindern' streicht er die vier letzten Worte. Vielleicht versehentlich? Und nur zufällig gerade die einzigen unerwünschten Worte? Dies hieße leider den" Zufall allzu viel zuschreiben. .Baerwald kürzt nämlich Mrs. d'Espérance^ Bericht noch an fünf anderen Stellen. Jede dieser belanglosen Kürzungen gibt er gewissenhaft durch Punkte ( . . . ) an. Einzig bei der vorteilhaften Kürzung tut er dies nicht. - Die beschriebene Empfindungsgeme inschaft nun zweier Wesen könnte natürlich den Gedanken nahelegen, daß das vorübergehend vorhandene dem dauernd vorhandenen gänzlich 'entstamme'; wird doch die gleiche Gemeinschaft auch bei Materialisationen beobachtet, zu 1) Baerwald 152H. Vgl. o. S. 106f. Erledigung von Bedenken 295 deren spiritistischer Auffassung nichts verleitet. Und doch ist dieser Schluß durchaus nicht zwingend. Zunächst sind Beobachtungen vonEmpfindungsgemeinschaft keineswegs die Regel. In der eben angeführten Sitzung der Mrs. d'Esperance trat sie nur bei einem von vier Phantomen auf. Und auch bei andern Phantomen weiterer Sitzungen hat dies Medium nichts Ähnliches erlebt. Das Gleiche gilt von zahlreichen anderen Medien, deren Phantome von ihnen seelisch völlig 'abgeschlossen' erscheinen, und die auch - um dies gleich mit zu erwähnen - keineswegs wissen, welches Phantom demnächst auftreten werde, oder welches augenblicklich anwesend ist. Es dürfte danach richtiger sein, solche Zusammenhänge des Empfindens und Wissens bloß als gelegentliches Nebenerzeugnis der Mitwirkung des Mediums bei der Verwirklichung des Phantoms zu betrachten, als Ausdruck einer Einfühlung des Mediums in das Phantom, die nicht das Geringste gegen ihre völlige personhafte Sonderung beweist. Ich habe schon bei der früheren Erwähnung der 'Synästhesie' auf ähnliche Beobachtungen der Hypnotik verwiesen. Ältere und neuere Forschung ist immer wieder auf die Tatsache gestoßen (an der m. E. garnicht zu zweifeln ist), daß häufig zwischen Hypnotiseur und Versuchsperson, zwischen 'Magnetiseur' und 'Somnambuler' ein Zusammenhang des Empfindens und Wissens besteht,1 bei dem (was wohl zu beachten ist) der vollwache Versuchsleiter die Rolle des Phantoms, nämlich des Übertragenden, und das abnorm-bewußte Subjekt diejenige des Mediums, also des Empfangenden, übernimmt. Ist es aber sinnlos, aus diesem Grunde die persönliche Sonderung der beiden am Versuch Beteiligten zu leugnen, wie könnten wir aus dem ähnlichen Verhältnis zwischen Medium und Phantom einen Beweis für die seelische Erzeugung des letzteren durch jenes gewinnen wollen? Neben diesen Bedenken aus der Selbstbeobachtung des Mediums sind andere zu erwägen, die schon durch die äußere Beobachtung den Anwesenden aufgedrängt werden und nicht einmal der Bestätigung durch das Medium bedürfen. So gehen auch der Erzeugung eindeutig identifizierter Phantome zuweilen starke physiologische, besonders auch motorische Erregungen des Mediums voraus oder parallel, die ihm eine wesentlich schöpferische Rolle dabei zuzuschieben scheinen. Die Tatsache ist s'chon früher flüchtig gestreift worden,2 und ich will sie hier nur noch an einem besonders eindrucksvollen Beispiel erhärten. Es handelt sich um eine Mirabelli-Sitzung, die um 9 Uhr Vorm. unter dem Vorsitz des Dr.Estanislau de Camargo und in Anwesenheit u.a. der Drs. J. F. Schmidt und Alberto Ribeiro abgehalten wurde. - 'Mirabelli sitzt [offen 1) vgl. o. S. 188 f. 2) vgl. o. S. 179. 188. 296 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung vor den Anwesenden] auf seinem Stuhl. Er erblaßt tief. Seine Augen sind herausgetrieben, er windet sich, röchelt, als drosselte ihn jemand an der Gurgel. Allmählich tritt ein Tieftrans ein, und das Medium fällt in eine wahre Lethargie, die von heftigen klonischen Zuckungen unterbrochen ist. Temperatur 36,2, Puls 128... Die Pupillen sind erweitert, die Augen glasig, die Haut völlig unempfindlich. Starker Ausbruch kalten Schweißes. Offensichtlich werden an die Kräfte des Mediums die höchsten Ansprüche gestellt... Plötzlich hört man auf einem Tisch im Saale drei Schläge, und eine kindliche Stimme ruft: Papa! - Dr. Ganymedes de Sousa,, einer der Anwesenden, erklärt mit verhaltener Stimme, daß er die Stimme seines Töchterchens erkenne, das in der Bundeshauptstadt einer Grippe-Epidemie zum Opfer gefallen ist. Während alle in höchster Bestürzung warten, sieht man inmitten des Kreises, ohne es sich erklären zu können, an der Seite des Mediums die Gestalt eines Mädchens erscheinen. Der Vater, kaum seinen Sinnen trauend, verläßt den Kreis, geht dem Kinde entgegen, indem er es als seine Tochter anruft, und schließt es lange in die Arme... Unter Schluchzen und Tränen versichert der Vater, daß er wirklich seine Tochter in den Armen halte und daß ihr Kleid dasselbe sei, worin sie begraben worden. Nur durch die Leichenfarbe unterscheide sie sich von der Lebenden. - Während dies vor sich ging, schien das Medium nahe daran, seinen letzten Atemzug zu tun: Mirabelli saß zusammengekauert da, wachsfarben, mit völliger Muskelerschlaffung, schwachem und pfeifendem Atem, ohne Puls. Die Anwesenden durchlebten Augenblicke der höchsten Anspannung der Aufmerksamkeit... Der Oberst Octavio Vianna, erregt und entschlossen, stand auf, um das Unglaubliche persönlich zu sehen. Er umfaßte das Geschöpf mit den Armen, fühlte ihm den Puls, schaute ihm in die tiefen und traurigen Augen, sprach zu ihm und erhielt Antworten in einer eintönigen und ausdruckslosen Stimme, . . . aber voll guten Sinnes. .. Er kehrte völlig überwältigt auf seinen Platz zurück und versicherte, daß es sich wirklich um ein menschliches Wesen handle... Dr. de Sousa, immer noch die Tochter an seine Brust drückend, erinnerte sie an tausend Vorfälle ihrer Kindheit und intime Angelegenheiten und erhielt stets verständnisvolle Antworten.' - Die Erscheinung wurde aufgenommen, nachdem sie sich zu diesem Zweck den Armen ihres Vaters entwunden hatte.1 Darauf erhob das Phantom sich in die Luft und bewegte sich darin in der Art eines Fisches, wobei die aufgestandenen Teilnehmer hinter der Erscheinung hergingen, die mit der Hand leicht zu erreichen war. Das Medium vollführte zu den Schwimmbewegungeu des Phantoms gleichzeitige Bewegungen der Unterarme. Dieses verschwand plötzlich. 'Es war 36 Minuten lang bei vollem Tageslicht unter strengsten Bedingungen in einer Versammlung gebildeter Männer sichtbar gewesen, die sich alle davon überzeugten, daß sie ein vollkommen menschliches Wesen vor sich hatten... Mirabelli kam unter den Bemühungen der Anwesenden zu sich.'2 1) Wiedergabe veröffentlicht. 2) Mirabelli 55f. Auch ZP 1927 457f. (Bericht unterschrieben von 10 "Drs.\ vermutlich zumeist Ärzten (nur einer bezeichnet sich als Rechtsanwalt). Erledigung von Bedenken 297 Daß Mirabellis Verhalten seine wesentliche Beteiligung am Zustandekommen des Phantoms beweise, wird niemand bestreiten. Aber bedeutet diese Beteiligung notwendigerweise seine völlige 'Erechaffung' desselben, einschließlich der körperlichen Ähnlichkeit mit der Verstorbenen und ihrer seelischen Äußerungen? Davon kann natürlich keine Rede sein, auch wenn die Art der Beteiligung zunächst völlig undurchschaubar und mehrdeutig bleibt. Wir haben erst eben wieder am Tierphantom gelernt, die 'Komponente der Formung' beim Materialisationsvorgang von derjenigen der stofflichen Verwirklichung zu unterscheiden, und nichts hindert uns anzunehmen, daß auch die bloße Bestreitung der letzteren, also eine vergleichsweise äußerliche 'Beihilfe', sich in körperlichen Anzeichen von der bei Mirabelli beobachteten Heftigkeit äußern könne. Auch besagt es natürlich nichts gegen solche Auffassung, daß wir die gleichen heftigen Symptome zuweilen bei Materialisationen beobachten, die nicht zu spiritistischer Deutung verlocken. Hier wäre eben im äußersten Falle auch die formende Leistung ins Medium zu verlegen, die körperliche Erregung aber wieder aus der 'stofflichen Verwirklichung' herzuleiten. Zu dieser Auffassung berechtigt uns aber vor allem die Beobachtung, daß krasse Anzeichen dieser Art durchaus nur einen Sonderfall, ja vielleicht eine seltene Ausnahme bilden. Ich möchte es fast als meinen Eindruck bezeichnen, daß die Verwirklichung identifizierbarer Phantome im Durchschnitt unter ruhigeren Formen vor sich gehe als die von nicht-identifizierbaren und insofern noch eher auf Schaffenskräfte des Mediums allein zurückführbaren. Frl. Tambke z.B. lag während ihrer massenhaften identifizierten Materialisationen in ruhigem Schlaf; nur selten scheint aus dem Kabinett ein Seufzen ertönt zu sein,1 wie es ja auch der normal Schlafende zuweilen hören läßt. Eusapia lag gleichfalls in vielen ähnlichen Fällen ruhig schlafend vor dem Vorhang an der Brust der sie Überwachenden. Mrs. d'Espérance saß meist als stille und wache Mitbeobachterin außerhalb des Kabinetts. Und Ähnliches ließe sich bei Monck2 und vielen anderen Medien identifizierbarer Phantome belegen. Man gewinnt also den Eindruck, daß die übermäßige körperliche Erregung gewisser Medien während der Phantomerzeugung auf persönlichen Sonderbedingungen beruhe, die eine ruhige Abgabe jener stofflichen und Bildungs-Beihilfen hindern, welche ja auch die spiritistische Theorie des Phantoms dem Medium zuschreiben muß. Das andere äußerlich feststellbare Merkmal solcher Beihilfe liegt in der oft bemerkten, entweder teilweisen oder zeitweiligen Ähnlichkeit identifizierter Phantome mit dem Medium. Und zwar ist 1) du Prel, Stud. II 278. 2) z. B. Delanne II 526f. 298 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung diese Zeitweiligkeit anscheinend auch so zu verstehen, daß die Ähnlichkeit während eines Auftretens soz. kommt und geht. Von den größtenteils identifizierten Phantomen der Münchner Tambke- Sitzungen bezeugt da Prel zusammenfassend: daß 'manchmal die Ähnlichkeit mit dem Medium vorhanden war, aber verschwand und der größten Uliähnlichkeit Platz machte.' - Der Maler Halms-Nikolai - also ein Bildeindrücke besonders scharf erfassender Zeuge - sagt vom Phantom seiner Mutter, die sich u. a. durch Hindeuten auf einen gerade für sie bedeutungsvollen Ringstein identifizierte: daß 'die Ähnlichkeit im Gesichte schwand', während sie sich durch den zurückgeschobenen Vorhang gegen ihn vorbeugte; 'sie nahm etwas Ähnlichkeit mit dem Medium an, aber auch nur f ü r kurze Zeit.' Und die Baronin Poißl bezeugt von einem Phantom, welches dem der vonzüglich erkannten Jugendfreundin Julie v.N. anscheinend unmittelbar vorausging: 'Der Figur nach hatte die Gestalt meine verstorbene Mutter sein können, die Gesichtszüge aber waren die des Mediums.'1 Es liegt auf der Hand, wie groß die Versuchimg für den hastigen Zweifler sein muß, in solchen Angaben Hinweise auf Betrug zu sehen. Wer die Tatsachen genau kennt, wird von dieser Versuchung schwerlich auch nur berührt werden. Er weiß, daß solche dem Medium verdächtig ähnelnde, aber eben nur teilweise ähnelnde Phantome in einer Sitzung und unter den gleichen Betrug ausschließenden Bedingungen auftreten neben anderen, die keine Spur solcher Ähnlichkeit erkennen lassen; während das betrügerische Medium, falls es überhaupt seine Züge verbergen könnte, dies doch in a l l en Fällen täte und nicht nur in einzelnen. Er weiß ferner, daß jene zeitweilige Anähnlichung an das Medium auch bei Phantomen beobachtet wurde, die ihrer Beglaubigung nach zu den klassischen, auch wenn sie nicht zu den identifizierten gezählt werden dürfen; wobei natürlich zu überlegen ist, daß Nicht- Identifiziertheit keineswegs Nicht-Identifizierbarkeit überhaupt bedeutet. KLatie King' ist das bekannteste Beispiel hierfür. Crookes selbst, ihr größter Beobachter, hat ihre sehr ¡bedeutenden körperlichen Abweichungen vom Medium aufgezählt: unverletzte Ohrläppchen statt durchbohrter, Finger von anderer Länge, abweichende Gesichtsbildung, das Fehlen einer Halsnarbe, die Miss Cook besaß, usw.8 Und doch haben sich Beobachter von Rang davon überzeugen können, daß 'Katie' zu Zeiten in wechselndem Maß eine Ähnlichkeit mit dem Medium annahm. Mr. Enmore Jones z. B. stellte solche bezüglich der Tönung der Haut, der Art sich zu bewegen und der Klangfarbe der Stimme fest.3 Beweist nun solche Ähnlichkeit den restlosen Ursprung des Phantoms aus dem Medium? - Zunächst ist ja festzuhaltein, daß diese pro- 1) du Prel, a. a. O. 282. 284. 285. 2) Delanne II 493. 497f. 3) das. 726 (Prinz Sayn-Wltgenstein). Erledigung von Bedenken 299 blematische Ähnlichkeit überhaupt nur bei einer kleinen Minderheit aller echten Phantome beobachtet worden ist; der überwältigenden Mehrheit fehlt sie völlig. Aber wäre auch ein geringes Maß von Ähnlichkeit bei genauester Prüfung in schlechthin jedem Falle festzustellen, - könnte die Tatsache eine so umfassende Lehre tragen, wie die animistische Deutung der gesamten Phantomatik, trotz aller aufgewiesenen Schwierigkeiten? Ich glaube: keineswegs. Wir brauchten bloß in Fällen von Medien-Ähnlichkeit identifizierter Phantome eine Einmischung bildnerischer Zielvorstellungen des Mediums anzunehmen, die Mitbeteiligung einer 'animistischen Komponente', die das Ergebnis leicht abbiegt, seinen wesentlichen Herkunftssinn aber unberührt läßt1 Es erscheint mir sogar leidlich naheliegend, dies zu erwarten. Nimmt der Verstorbene ein Medium irgendwie in Anspruch, um seine eigene Gestalt zu verwirklichen, vermöge eines bildgeleiteten Formwillens, einer 'ideoplastischen Entelechie', so erscheint es beinahe wahrscheinlich, daß dadurch die entsprechende 'seelische Gegend' des Mediums in 'Miterregung' geraten und ihre Beteiligung eine Mischung von Ähnlichkeiten zuwegebringen werde, wie wir sie ja in den Ähnlichkeitsbeziehungen fast jedes Kindes zu beiden Eltern täglich beobachten. Am wenigsten, scheint mir, dürfte dabei die rein seelische Persönlichkeit solchen Beimischungen ausgesetzt sein, und wir würden danach erwarten, daß, wenn die gleiche Phantompersönlichkeit sich durch mehrere Medien verwirklicht, sie allenfalls gewisse körperliche Ähnlichkeiten mit jedem von diesen aufweisen, geistig dagegen stets nur sich selber gleichen werde. Es ist immerhin beachtenswert, daß genau dieses Verhältnis als beobachtet behauptet wird.8 Die letzten Ausführungen scheinen eine bestimmte Theorie des identifizierten Phantoms vorauszusetzen, nämlich die ideoplastische. Doch will ich damit keineswegs den Eindruck erwecken, als hielte ich sie für die einzige, die dem spiritistisch deutbaren Vollphantom gewachsen ist Auch mit der 'Präformations-Theorie' hat man die Tatsache der Ähnlichkeit von Phantom und Medium zu versöhnen gesucht, indem man den 'fluidischen' Körper des Geistes durch das 'Kraftfeld' des Mediums Abwandlungen erfahren ließ.9 Wir werden, bei unsrer großen Unwissenheit, diese altehrwürdige theoretische Alternative nie aus den Augen verlieren dürfen, für die ja - gerade auf den ersten Blick - so vieles spricht und auch 'Stimmen von drüben' sich einsetzen.4 Allerdings würden wir sie in jedem Fall auch gegenüber identifizierten Phan- 1) Delannes Ableitung solcher Ähnlichkeit aus der Herkunft der verwendeten 'Materie' aus dem Medium Ist fraglos ein grober Irrtum (II 323). Der Nachdruck liegt natürlich auf dem bildnerischen Faktor des Vorgangs. (So auch du Prel, aaO. 280f.) 2) Brackett 42. Vgl. auch Aksakow 185. 3) So verstehe Ich Delanne II 725. 4) Ohlharer I 143. 300 Areumente aus der Objektivität der Erscheinung tomen schwerlich ohne gewisse Zugeständnisse an den Begriff der Ideoplastik durchführen können; falls nämlich die häufig behauptete Tatsache einer gewissen Mehrformigkeit oder 'Polymorphie' des einzelnen Phantoms sich als richtig erweist; d. h. das Erscheinen desselben Phantoms zu verschiedenen Zeiten in abgewandelter Gestalt: etwa entsprechend verschiedenen Lebensaltern seines verflossenen irdischen Daseins.1 Auch die gelegentliche Behauptung 'von drüben', daß 'besondere Kennzeichen' (im früher besprochnen Sinne) etwa nur zum Zwecke der Identifizierung 'angenommen' würden, dem 'verklärten Leibe' aber nicht mehr anhafteten, erfordert offenbar ideoplastische 'Ergänzungen' einer Theorie des fluidischen Körpers. Damit wäre freilich die Einheitlichkeit der Theorie in einer wissenschaftlich bedauerlichen Weise durchbrochen. Und ist einmal eine gewisse Erschaffung von Gewebeformen - unter dem Antrieb einer Zielvorstellung! - zugestanden, so kann natürlich grundsätzlich auch die völlig durchgeführte Form der ideoplastischen Deutung spiritistischer Phantome nicht mehr abgelehnt werden. 17. Die Kleidung der Materialisation Diese kaum zu überwindende theoretische Zweideutigkeit wiederholt sich nun schließlich angesichts jener seltsamen Besonderheit menschlicher Materialisationen, die wir bisher immer stillschweigend hinnahmen, obwohl sie doch ein sehr aufdringliches Problem enthält: ihrer Bekleidung. Ein Problem: denn sowohl die Theorie der ideoplastischen Urzeugung als auch die der Sichtbarmachung eines fluidischen Leibes könnte die Erwartung begründen, daß das Phantom nackt auftreten werde. Unbekleidete Phantome aber sind von äußerster Seltenheit. Und wenn wir Mrs. d'Espérances 'Walter' glauben dürften, daß er sich, trotz des starken Wunsches, nicht habe zeigen können, weil er die anwesenden Damen nicht durch Nacktheit verletzen wollte, und doch noch nicht die Kirnst besaß, sich Kleider zu beschaffen,2 - so hätten wir nicht nur ein lobenswertes Motiv für die ständige Bekleidung des Phantoms entdeckt, sondern eigentlich auch schon ein Argument gegen ihre Präexistenz. Indessen liegt ein anderes, weniger gefühlsmäßiges Motiv sehr viel näher. Die Tatsache, daß diese Bekleidung fast immer leuchtend weiß ist, hat zur Vermutung geführt, daß sie dem Phantom beim Verlassen des Dunkelkabinetts einen Schutz 1) S. z. B. Brackett 19; Geley 260; Delanne II 318; PS XXXIV 716; ÜW IV 77- 2) d'Espérance 244. Die Kleidung der Materialisation 301 gegen das leicht schädigende Licht des Sitzungsraumes gewähren soll,1 so schwach dies meist auch sein mag. Der Gedanke, daß die Ausbildung des Phantoms, wie jeder Keimvorgang in d e r Natur, des schützenden Dunkels bedarf, ist gerade von biologisch geschulten Materialisationsforschern oft ausgesprochen worden.2 Selbst der Kopf der Phantome, wiewohl für den Verkehr mit den Lebenden und zur Selbstidentifizierung (nächst den Händen) am reichlichsten entblößt, ist meist so weit als möglich mit Hüllen umgeben. Aber - und das erscheint in mehr als einer Hinsicht bedeutsam - diese Stoffe sind sehr wechselnd in Art und Beschaffenheit. 'Jene Zuschauer', sagt du Prel von den Münchener Tambke-Sitzungen, 'die zu den Phantomen traten, beobachteten, daß die Stoffe im Gewebe und in der Feinheit je nach dem Phantom verschieden waren. Auch waren die Phantome verschieden drapiert; die Kopf teile zeigten sich entweder wie von einer Haube umschlossen oder lose umwunden oder verschleiert; die Ärmel eng oder weit.'3 - Ganz das gleiche hatte vorher schon Herr Ohlhaver festgestellt. 'Die weiße Kleidung', schreibt er von seiner ersten Sitzung, 'war bei allen materialisierten Gestalten nicht allein in der Anordnung verschieden, sondern der weiße Stoff war bei jeder Gestalt anders, zarter oder gröber, weicher oder härter. Das war mir in der ersten Sitzung schon aufgefallen, und das fand ich später hundertfältig bestätigt.'1 Ein Umstand, der allein schon die betrügerische Erzeugung der Phantome widerlegen kann; denn wie viel Stoffe soll ein Medium schließlich 'einschmuggeln'? Aber auch bei demselben Phantom besteht die Gewandung nicht immer aus dem 'gleichen' Stoffe. Zuweilen scheint der Unterschied nur von wechselnden Graden der Verdichtung abzuhängen. 'Katie King' z. B. 'reichte in einer Sitzung etwas zum Anfühlen hin mit den Worten: 'Fühlt dieses, es ist Geistergewebe'. Als man es durch die Finger zog, fühlte es sich an wie Spinneweben; feine Seide war grob und rauh dagegen. 'Nun fühlt es materialisiert', fuhr sie fort, und jetzt fühlte es sich an wie ein dichter, gewebter Stoff.' Nach andern Angaben scheinen sich die wechselnden Eigenschaften des Stoffes auf verschiedene Auftritte dieses Phantoms verteilt zu haben. 'Katie,' behauptet Mrs. Marryat, 'war stets mit einer weißen Gewandung bekleidet, aber diese wechselte in der Beschaffenheit. Zuweilen hatte sie Ähnlichkeit mit Flanell, bei andern Gelegenheiten mit Musselin oder Jakonet, am häufigsten glich sie einer Art Tüll aus dichter Baumwolle.'5 Wobei wir nicht vergessen dürfen, daß diese Angaben aus Frauenmund und soz. von Frauenhand kom- 1) Vgl. o. S. 116 und Bates 21; Ohlhaver I 142. 2) z.B. Gruber, Okkult. 861. 3) Stud. II 277. "Zu solcher Maskerade dürften, gering angesetzt, 20 Meter StofI nötig gewesen sein. Wer nun glauben kann, das Medium hätte diese an sich verbergen können [trotz der Entkleidung durch mehrere Damen] oder sie wären trotz der Überwachung des [Sitzungsraums] hineinpraktiziert worden, mit dem ist nicht weiter zu streiten.' 4) Ohlhaver I 140. Vgl. PS XXI 340 ('florühnlich, durchsichtig'); Gruber,Erk. 255 ('spinnwebartig'); du Prel, Stud. II 285 ('gelblicher, auch dichter im Gewebe'). Bez. StofTüberzug Uber in Ton sich abdrückenden 'Händen' und 'Köpfen' vgl. Acevedo II 250ff.; PS XXXII 702 (Dr. GeUona); XIX 558. 5) Marryat, Death 143. 302 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung men. - Eine andere Dame von Welt und Geschmack verzichtet sogar auf jeden Vergleich: 'Ich fafite diesen Stoff an,' schreibt Miss Bates, Sind hielt ihn in meinen Händen. Er hatte Körperlichkeit, war aber wie Spinnweben und ganz unähnlich irgendeinem Gewebe, das ich je in einem Laden gesehen.'1 - Ein Stück 'Geisterdraperie' bei Katie King ist angeblich sogar (von Miss Douglas) einer Fachhandlung - Messrs. Howell & James - vorgelegt worden mit dem Wunsch, ihr desgleichen zu liefern; aber die Herren 'sagten ihr, daß sie das nicht könnten und den Stoff für ein chinesisches Erzeugnis hielten.'2 Diese Begutachtung wurde ermöglicht durch eine Tatsache, die durch ihre Beglaubigungen ebenso merkwürdig ist wie durch ihre Ausnahmen: von Phantomgewändern sind ziemlich häufig Stücke abgeschnitten worden, und diese haben sich zuweilen, wenn nicht unbegrenzt, so doch länger gehalten, als die Gestalten, denen sie entstammten. Von einem Gewandstück, welches das Phantom der 'Mutter' des Herrn v. Arnhard sich an 'genau bezeichneter Stelle' abschneiden ließ, nachdem sie Hrn. Ohlhaver zu diesem Zweck herangewinkt, schreibt der Sohn, daß er es noch aufbewahre. 'Der Stoff des [vorher zum Winken benutzten] Sacktuches schien mir so fein wie Spinnengewebe; der des Kleides ungemustert, gröber und weniger prachtvoll als der, den das Phantom meiner Schwiegermutter trug.'* Auch Hr. Ohlhaver sagt, daß die abgeschnittenen Stücke der Gewandung der Tambke-Phantome sich 'meistens dauernd' erhielten.1 Und das gleiche gilt von denen der Mrs. d'Espérance. Hofrat Seiling, der einem derselben in Helsingfors ein Stück des Schleiers entnahm, beschreibt es nach mikroskopischer und chemischer Untersuchung als 'weißeil Krepp von äußerster Feinheit und reiner Seide'. Er konnte noch längere Zeit danach Aksakow eine Probe vorlegen.5 Andere abgeschnittene Proben dagegen - und dies trägt natürlich viel zur Beglaubigung ihrer abnormen Herkunft bei - lassen sich nicht aufbewahren; sie 'verschwinden', 'lösen sich auf', früher oder später. Hr.Ohlhaver z.B. berichtet, daß die oben beschriebene Materialisation seines Vaters ein etwa 25 cm im Geviert messendes und 'ungewöhnlich weich und zart' sich anfühlendes Tuch einem der Teilnehmer in die Hand gelegt und diese dann 'zugedrückt' habe. 'Dieser Teilnehmer hielt die Hand fest geschlossen, so daß das Tuch ihm nicht entzogen werden konnte. Auch die zunächst sitzenden Teilnehmer befühlten das Tuch. Es wurde dem Augenschein und dem Gefühl nach immer winziger und war der geschlossenen Hand nach ungefähr einer halben Minute restlos entschwunden.'6 Während einer der Livermoreschen Sitzungen, der außer diesem auch Dr. Gray beiwohnte, wurde die Erlaubnis zum Abschneiden eines Stücks der Gewandung des 1) Bates 22. 2) Nach W. H. Harrlson bei Fournier d'Albe 286. 3) du Prel, Stud. II 288. 4) Ohlhaver I 141. 5) Aksakow, Cas. 72. Vgl. PS XXI 340. 394f. 6) Ohlhaver I 134; vgl. 141. Die Kleidung der Materialisation 303 Phantoms erteilt. Beide Herren machten davon Gebrauch. 'Eine Zeitlang war das Gewebe fest, so daß man daran ziehen konnte, ohne es zu zerreißen. Sie hatten beide Zeit, es sorgfältig zu untersuchen, ehe es dahiaschmolz. 1 Man wird, besonders durch Ohlhavers Bericht, an die festumklammerten Phantomhände erinnert, die sich nicht dem Griff entziehen, sondern in nichts auflösen. Im übrigen sind wir ja diesem Hinschmelzen von "Geisterstoff' auch an nicht abgeschnittenen Gewandungsteilen schon begegnet: ich erinnere z.B. an die 'Schleppen', die in den Tambke-Sitzungen unter dem Vorhang des Kabinetts hervorragten, nachdem das Phantom sich zurückgezogen hatte, und die nicht "hineingezogen', sondern 'immer winziger und durchsichtiger* wurden, bis sie sich schließlich 'gänzlich auflösten', wie 'eine Dampfwolke oder schmelzender Schnee'.8 Die Tatsache der Bekleidung von Phantomen dürfte den Meisten ein Argument gegen die Präexistenz des Phantoms insgesamt zu liefern scheinen. Man geht dabei von der Annahme aus, daß es sinnlos sei, in der Welt der Unsichtbaren auch noch Kleider (und sonstige Dinge) bestehen zu lassen, die bei der Materialisation durch Verdichtung lediglich sichtbar zu machen wären. - Nun, so ohne weiteres selbstverständlich ist dies alles doch nicht. Der Begriff einer unsichtbaren Welt, bestehend aus den 'feineren', 'ätherischen Ebenbildern'5 - am Ende gar - a l l e r Dinge der Welt hat bekanntlich eine ziemliche Geschichte. Aber auch abgesehn von aller Empfehlung durch Herkommen, wird man gestehen müssen, daß er für den, der erst einmal den Gedanken einer feineren Leiblichkeit des Menschen und der Tiere 'verdaut' hat, viel von seiner Seltsamkeit verlieren müßte. Tatsächlich fehlt es nicht an Behauptungen 'sensitiv' Veranlagter, daß sie die T)uplikate' in den Dingen sehen könnten. Was insbesondere die 'Geister' von Kleidern betrifft, so ist auch auf Angaben zu verweisen, wonach die gelegentlich aus dem Medium hervortretenden Gliedmaßen - also das "Doppel' seiner normalen? - sich bekleidet gezeigt hätten. Der oben erwähnte 'dritte' Arm der Eusapia, der ein Glas Wasser an ihren Mund führte, war 'bedeckt mit einem dunklen Ärmel',4 wobei wir wohl annehmen dürfen, daß das Medium ein dunkles Kleid trug. Auch bei dem vielseitig medialen W. S t Moses beobachtete man zuweilen Thantomarme und -bände, die eine Verdoppelung der Arme des Mediums, der Rockärmel, Hemdmanschetten und alles übrigen darstellten und sich gewöhnlich, von der Schulter ausgehend, oberhalb der wirklichen Arme himausstreckten.' 6 Außer solchen seltenen und auch wohl weiterer Bestätigung bedürftigen Beobachtungen ist aber nichts mehr an Erfahrungsgründen für die Annahme einer unsichtbaren Dingewelt anzuführen. 1) Owen, Deb. L. 397. 2) Ohlhaver I 128t.; du Prel, aaO. 283. 3) eoimterparlt. 4) APS VI 100. 5) Myem II 546; vgl. allenfalls Aksakow 121 (aus Sp 1875 I 151). 304 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung - B e h a u p t u n g e n zwar - besonders 'von drüben her' - über eine solche Welt sind, wie wir noch hören werden, im Überfluß gegeben; aber auch in ihnen scheint mir die Lehre von der gedanklichen Ers c h a f f u n g der 'Dinge' und insbesondere auch der 'Kleider'1 durchaus vorzuherrschen. Überdies ist die Möglichkeit nicht zu vergessen, daß die angeblich beobachteten 'Duplikate' von Kleidern, wie etwa in Moses' Fall, in Wahrheit kleoplastische Zusatzerzeugnisse des Augenblicks gewesen seien. Einer der eindeutigsten Vertreter der Lehre vom Astralkörper, S. J. Muldoon, hat die Überzeugung geäußert, daß häufig während der Hinausversetzung dieses Leibes (die er, wie wir wissen, zahllose Male erlebt hat) aus der 'Aura' desselben, zuweilen in einem Augenblick, entsprechend den V o r s t e l l u n g e n des Austretenden eine Gewandung g e s c h a f f e n werde. Geschehe dies nicht, so sei der Astralkörper nackt.2 Stehen also schon die, die es 'eigentlich wissen müßten', vorwiegend auf der Seite der ideoplastischen Theorie der 'Kleidung', so sprechen die äußern Beobachtungen in Sitzungen erst recht zu ihren Gunsten. Schon eine bestimmte Art von Mehrformigkeit der Gewandung ließe sich hier anführen. Brackett berichtet, das Phantom seiner Nichte, das stets 'in einem sehr schönen leuchtenden Gewände' erschienen war, sei bei einer Gelegenheit in einem 'schwarzen Kleide' aufgetreten. Auf seine Enttäuschung darüber habe sie zunächst mit einem erklärenden Scherz geantwortet; dann aber, während er und sein Freund sie betrachteten, 'verschwand das schwarze Kleid in einem Augenblick, und sie stand strahlend in ihrem schönen Gewände vor uns.'3 Die stärksten Gründe jedoch liefern die zahlreichen Beobachtungen der eigentlichen Erzeugung übernormaler Gewandstoffe selbst. So schildert Dr. Gibier die Erschaffung von Stoffen durch das Phantom 'Lucie' wie folgt: 'Die Gestalt bewegt sich . . . auf Mme D. zu und beugt sich Aber sie. Sie ergreift ihre Hände, deren Innenfläche sie nach oben kehrt, und bläst darauf. Im selben Augenblick und wie unter dem magischen Einfluß dieses Hauches erhebt sich eine Flut von Spitzen (oder von Tüll) aus den Händen der Mme D. und breitet sich Ober unsern Köpfen aus, während wir den starken, regelmäßigen, ununterbrochenen Atem hören,... mindestens 30 Sek. lang. Mme D. sagt uns, daß sie diesen Atem auf den Händen und im Gesichte fühle. Die Gestalt nimmt den Schleier in ihre Hände, hebt ihn über ihren Kopf, wo er sich zu verdichten scheint, breitet ihn aus und bedeckt uns buchstäblich mit dieser wogenden Wolke leichten Gewebes.'4 1) Thomas, Ufe 128.156. Weiteres im IX. Abschnitt. 2) Muldoon 208 ff. Vgl. JuUa 37f. Erschaffung zwecks Identifizierung behauptet: Bozzano, A prop. 161. - Ich Ubergehe die fast aussichtslose Theorie des 'Apports' wirklicher Kleidung. 3) Brackett 20. 4) PS XXVIII 517. Die Kleidung der Materialisation 305 Die Beschreibungen verschiedener Zeugen ähneln sich verblüffend und stützen einander infolgedessen unverkennbar. Miss Bates schreibt von einer Sitzung mit Mrs. Cadwell in Newyork, bei der die 'Tochter' eines der Anwesenden erschien: dieses Phantom habe sie gebeten, heranzukommen und ihr bei der Materialisierung ihres weißen Schleiers zu helfen. 'Ich stand dicht über sie gebeugt und hielt mein eigenes Kleid hin, und während sie ihre Hände hin und her rieb, kam eine Art weißer Spitzen oder [weißen] Netzes, wie ein Schaum, aus ihnen hervor und lag auf meinem Kleide, das ich zu ihr emporhielt.' (Es war dieser 'spinnewebige' Stoff, den Miss Bates mit keinem andern zu vergleichen wußte. - Das Phantom trug dabei ein enganliegendes ärmelloses Gewand.)1 Ich schließe, um dann zu einigen Erwägungen überzugehn, mit einer sehr ähnlichen Schilderung Bracketts nach einer seiner Sitzungen mit Mrs. Fay.2 Das Phantom seiner Nichte Bertha, das er um 'etwas Bedeutsames' gebeten hatte, da es ihm im Augenblick besonders kräftig zu sein schien, 'führte mich in die Mitte des Zimmers, schaute mir lächelnd ins Gesicht und sagte: 'Ich will dir zeigen, wie wir die Gestalten im Kabinett bekleiden.' (Sie hatte mir wenige Augenblicke zuvor erklärt, daß die Gestalten zuerst materialisiert und dann mit Stoffen umwoben würden.) Sie streckte ihre [bis zu den Schultern] nackten Arme3 aus, drehte sie so, daß jedermann sehen konnte, sie habe nichts in den Händen, legte ihre Handflächen an einander und rieb sie, als rolle sie etwas zwischen ihnen. Sehr bald glitt ein Stoff, gleich weißen Spitzen, aus ihren Händen herab. Sie fuhr damit fort, bis mehrere Ellen desselben auf dem Teppich lagen, . . . hob dann das Gewebe auf und machte daraus einen langen Rock um mich herum, welcher ohne Naht zu sein schien. Darauf aufmerksam gemacht, daß die Ärmel fehlten, griff sie meine Arme nach einander auf und materialisierte Ärmel darüber.' Zuletzt 'nahm sie mir den Rock ab, rollte ihn dicht zusammen, bearbeitete ihn einige Augenblicke - und er war verschwunden.'1 Es wäre wohl läppisch, sich darauf zu berufen, daß diese Schilderungen an gewisse Leistungen unsrer Zauberkünstler erinnern und überdies größtenteils von Zeugen ohne wissenschaftlichen Rang und Ruf herstammen. Ich glaube nicht, daß durch solche Ausflüchte etwas zu gewinnen ist. Die Tatsache der Materialisation steht nun einmal fest. Aber selbst die bestbeglaubigten Phantome zeigen sich bekleidet; diese Kleidung muß irgendwelchen Ursprung haben, und wir können es nur als Erleichterung empfinden, wenn einzelne Phantome, die schließlich sonst in allem den bestbeglaubigten gleichen, uns einen Blick in das Rätsel dieser Zutat gewähren. Auch geht ja diese seltsame Erzeugung von Stoffen nicht entfernt unter den Bedingungen vor sich, die der Zauberkünstler mindestens fordert. Schon die Untersuchung von Raum 1)"Bates 21 f. Vgl. o. S. 302. 2) Über ihre Beglaubigung durch Crookes ". die törichte Verdächtigung bei Podmore, Spir. II 15711. 3) 'So dal) Jede Möglichkeit einer Täuschung ausgeschlossen war', sagt Brackett. 4) Brackett 261.; vgl. 32. M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben III 20 306 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung und Medien vor und nach der Sitzung schließt die betrügerische Beschaffung der gezeigten Stoff massen meist völlig aus. Es ist natürlich unleugbar, daß wir die Erzeugung der Stoffe nicht entfernt bei allen Materialisationen beobachten; aber abgesehen davon, daß sie zumeist ins Kabinett zu verlegen ist, erinnere ich auch daran, wie sehr gewisse Beschreibungen der Phantombildung den Anschein erweckten, als erfolge diese innerhalb einer Masse wie mit Händen bewegten 'Nebels', aus dem sich dann auch die Gewänder - als Lichtschutz für alles Weitere - zu bilden scheinen. Im übrigen besitzen wir Berichte über gewisse Sonderfälle von Gewebeherstellung, die wohl die Glaubhaftigkeit der vorstehenden noch weiter erhöhen können. Ich meine die bekannten und seltsam übereinstimmenden Beschreibungen der Ausbesserung zerschnittener Phantomgewandungen. Hier setzt sich sogar das mehrfache Zeugnis von Crookes ein. Nachdem er selbst ein Stück aus dem Saum von "Katie Kings' Gewand geschnitten hatte, forderte er sie auf, dieses wieder 'ganz' zu machen. Darauf habe Katie den verletzten mit einem andern Teil des Gewandes bedeckt, und schon nach 3-4 Sekunden habe er (Crookes) durch Prüfung sich überzeugen können, daß die Schnittwunde verschwunden war.1 Einige Abweichungen und eine beträchtliche Größensteigerung der Leistung enthält der folgende Bericht des Mr. W. H. Harrison, den man als guten Zeugen bezeichnen darf: 'Katie saß auf dem Fußboden außerhalb des Kabinetts, an ihrer Seite Mr. Crookes, an der andern Mr. Tapp, beide dicht bei ihr... Katie schnitt etwa ein Dutzend Stücke aus dem untern Teil des Saumes ihres weiten Gewandes und machte sie mehreren Beobachtern zum Geschenk; große Löcher blieben im Gewände zurück, einige davon groß genug, um eine geballte Faust hindurchzustecken.' Harrison, einem Einfall folgend, bat sie darauf, die Schäden des Stoffes wieder zu heilen. 'Kaum hatte ich diese Bemerkung gemacht, als sie ruhig den durchlöcherten Teil ihres Gewandes mit einem andern Teil desselben, der von Löchern frei war, bedeckte und dann wieder enthüllte, was bei ihren ruhig langsamen Bewegungen kaum mehr als 3-4 Sekunden in Anspruch nahm. Der Gewandsaum war plötzlich völlig heil, - nicht ein Loch war zu sehn. Mr. Crookes fragte, ob er ihn prüfen dürfe, und sie willigte ein; er zog den untern Rand des Gewandsaums Zoll für Zoll durch seine Hände, prüfte ihn genau und bezeugte, daß weder ein Loch, . . . noch eine Naht irgendwelcher Art vorhanden war. Mr. Tapp erbat hierauf die gleiche Erlaubnis, und nach langer sorgfältiger Prüfung gab er dasselbe Zeugnis ab.'2 Hier befinden wir uns offenbar auf wesentlich festerem Boden. Zwar ist der Bericht, was die Handlungen und Äußerungen der Herren Croo- 1) ÜW XIV 4SI. 2) Sp 1877 218 (Aksakow 125f). Vgl. Sp 1874 I 235. 258f.; 1877 1182; Lt 1885 258. Aksakow hatte ein von K. K. abgeschnittenes Stück StofT bei Harrison getebn. Die Kleidung der Materialisation 307 kes und Tajpp betrifft, natürlich nur zweiter Hand; und daß er keineswegs sofort nach dem Erlebnis niedergeschrieben wurde, entnehmen wir Harrisons Bemerkung, daß er die Namen einiger weiterer Anwesender vergessen habe. Anderseits waren die äußeren Bedingungen der Beobachtung besonders günstige: Harrison versichert, daß sie 'bei hellem Gaslicht' erfolgte. Endlich sei erwähnt, daß Mrs. Ross-Church (Florence Marryat), die ebenfalls bei dieser Sitzung zugegen gewesen war, uns einen Bericht über den gleichen von ihr selbst (anscheinend bei andrer Gelegenheit) beobachteten Vorgang liefert, der nur in einem kleinen Zuge von dem obigen abweicht: 'Katie King' nämlich habe den zusammengefalteten und dann gründlich zerschnittenen Rock (Mrs. M. erwartete 30-40 Löcher zu sehen) 'sanft geschüttelt, während wir dicht vor ihr standen', worauf nicht ein einziges Loch mehr zu finden gewesen sei.1 Ich müßte sehr irren, wenn alle solche Beobachtungen nicht leidlich eindeutig für eine ideoplastische Herleitung der Gewänder von Phantomen sprächen. Und deren gelegentliche Behauptung, daß sie den Stoff zu diesen Schöpfungen durch 'Dematerialisierung von Teilen' der Kleidung des Mediums gewönnen,2 sowie die gelegentlich behauptete seltsame und theoretisch schwer durchschaubare Tatsache der 'Reperkussion' von Schnittbeschädigungen der Phantomgewandung auf die Kleidung des Mediums3 - dies beides würde nur Ergänzungen jener Herleitung im einzelnen bedingen, ihren Grundgedanken aber unangetastet lassen. Dabei glaube ich aber nicht, daß selbst der Beweis solcher ideoplastischen Herleitung unsre Theorie des Phantomleibes im gleichen Sinne festzulegen brauchte; d. h. ich würde es nicht für bedenklich halten, eine 'präformationistische' Theorie gewisser Materialisationen mit einer ideoplastischen Ableitung ihrer Gewandung zu verkoppeln. Denn was hat die Frage nach dem Vorhandensein eines 'feineren' Leibes unmittelbar zu tun mit der Frage nach der Wirklichkeit ideoplastischer Kräfte? Die letztere ist eine Frage fast der 'Weltanschauung'; die erstere betrifft eine Einzelheit des menschlichen Aufbaus. Hiermit muß ich die Erörterung der Objektivität von Phantomen und ihres Beitrags zum Problem des Überlebens abbrechen. Ich spreche absichtlich von einem bloßen Abbrechen. Denn ich bin mir genau be- 1) Marryat, Death 147f. Vgl. Brackett 34. 36 (Mrs. Fay); ZmpF 1932 174 (Wiederherstellung durch Darauf klopf en; Bericht der Frau M. Krüger). 2) nach Gibier PS XXVIII 580; vgl. Sp 1878 I 15 (Aksakow 124). 3) d'Espérance 337f.; Sp 1876 II 257; Hohns 420. Mit-Dematerialisieren llbergebener Gegenstände und Kleidungsstücke beim Schwinden des Phantoms: Delanne II 321 f.; d'Espérance 252f. 20* 308 Argumente aus der Objektivität der Erscheinung wüßt, wie bruchstückhaft und vielfach unbefriedigend, in bloßen Andeutungen endigend das meiste Vorgebrachte ist Ich habe nicht mehr versuchen können, als aus der Masse behaupteter Beobachtungen einige der anscheinend verlässigeren auszusieben und ein wenig Ordnung in den so gegebenen Stoff zu bringen, um damit wenigstens die Fragen ins Licht zu rücken, welche die künftige Forschung zu behandeln haben wird. Und gewiß ist es schon ein Gewinn, wenn auf solche Weise die Aufmerksamkeit kommender Beobachter in besondere Richtungen gelenkt wird. Auf kaum einem Gebiete der Metapsychik hat man im gleichen M Eiße das Gefühl, in den allerersten Anfängen des Begreifens zu stecken; zugleich aber auch die Hoffnung, von der anerkannten Wissenschaft her Befruchtungen zu erfahren. Diese Hoffnung stützt sich darauf, daß sowohl die Physik hinsichtlich der Fassung des Begriffs der Materie als auch die Physiologie hinsichtlich der Fassung des Begriffs des Lebens sich in einer Umgestaltung befinden, die den Problemen der objektiven Phantomatik unverkennbar entgegenkommt. Mag in allem diesem noch manches chaotisch erscheinen, so handelt es sich doch um ein fruchtbares und trächtiges Chaos, um eine Denklage, der man die Verpflichtungen der Zukunft nachgerade anfühlt, sofern man nur ein wenig 'wissenschaftliche Phantasie' besitzt. Ich darf daher zufrieden sein, wenn die hiermit abgebrochenen Darlegungen als eine bescheidene Anregung wirksam werden, das Problem des Phantoms nicht außer acht zu lassen, wo um die letzten Deutungen des Lebens gerungen wird. A c h t e r A b s c h n i t t Das Argument aus den sog. Büchertesten Die Frage, ob die sog. Bücher- und Zeiitungsteste - die book- und newspaper-tests der englischen Forschung - die Grundlage eines besonderen spiritistischen Beweisverfahrens abgeben, ist von mehr als einem Fachmann bejaht worden.1 Sie soll hier vorurteilslos geprüft werden. - Für diejenigen, denen die Sache selbst nicht bekannt sein sollte, will ich zunächst Mrs. Sidgwicks vorzüglich klare Beschreibung anführen. 'Die sog. Bücherteste... bestehen in Versuchen seitens Mrs. Leonards Kontrolle 'Feda',2 den Inhalt einer bestimmten Seite eines bestimmten Buches anzugeben, die Mrs. Leonard mit ihren körperlichen Augen nicht gesehen hat und die zur Zeit der Sitzung dem Sitzer nicht bekannt ist. Feda sagt z. B. dem Sitzer, der Kommunikator wünsche, daß er (der Sitzer) zu dem Büchergestell zwischen dem Kamin und dem Fenster in seinem Arbeitszimmer gehe und auf dem, von unten gezählt, dritten Bücherbrett das siebente Buch, von links gezählt, vornehme und es auf der 48. Seite öffne, wo er etwa am Ende des ersten Drittels eine Stelle finden werde, die als passende Botschaft des Kommunikators an ihn eingesehen werden könne. In den besten typischen Fällen ist das Innere der Wohnung des Sitzers und zuweilen sogar sein Name der Mrs. Leonard unbekannt. Der Sitzer selbst erinnert sich wahrscheinlich nicht bewußt, welches Buch genau an der bezeichneten Stelle steht, und selbst falls er das Buch gelesen hat, was häufig nicht der Fall ist, ist es doch so gut wie sicher, daß er nicht weiß, was auf der bezeichneten Seite steht. Ein guter Büchertest schließt daher Telepathie seitens des Sitzers als Erklärung aus und erschwert im höchsten Grade die Annahme, daß Feda ihr Wissen von irgendeinem menschlichen Wesen herleitet. Es scheint daher, daß sie entweder imstande ist, reines Hellsehen auszuüben - d.i. ein Wissen physischer Erscheinungen zu erlangen, die außerhalb des Sinnenbereiches Aller liegen -, oder aber in Verbindung mit irgendeinem (verkörperten oder leiblosen) Geiste steht, der diese 1) Außer Ch. D. Thomas z. B. Messer 121; Driesch in ZP 1927 486, nicht mehr in Par. 133. 2) Dies die bekanntesten, von denen allein Mrs. S. spricht. Wir haben aber auch Bücherteste durch Mrs. Garrett, Mr. Botham u. a. Medien. 310 Das Argument aus den sog. Büchertesten Fähigkeit besitzt. Und eben weil Bücherteste Telepathie seitens des Sitzers ausschließen, behauptet Feda, Wert auf sie zu legen. Sie sagt zu einem Sitzer, der noch keinen bisher erhalten hat: 'Der Kommunikator wünscht Ihnen einen von den Büchertesten zu liefern, . . . Teste, die es den Leuten unmöglich machen zu glauben, daß Telepathie im Spiele sei.' . . . Feda ist aber nach ihrer Darstellung meist nicht diejenige, die selbst das Innere der geschlossenen Bücher wahrnimmt. Dies ist vielmehr eine Leistung des Kommunikators.'1 Ein einziges Beispiel soll dieser allgemeinen Beschreibung mehr Leben verleihen. Mrs. Beadon, deren Gatte in Mesopotamien gefallen und nach amtlichen Nachrichten so begraben worden war, daß die Eingebornen keine Spur von dem Grabe sollten entdecken können, erhielt im September 1917 durch Feda folgenden Buchtest: 'In einem fast quadratischen Raum eine Reihe von Büchern, vom Fenster zur Zimmerdecke sich erstreckend. Von rechts nach links das 5. Buch, S. 71 oder 17 im zweiten Absatz, etwa in der Mitte der Seite, wird man eine Botschaft von ihm an Sie finden.' Schließlich entschied sich Feda für S. 71 und sagte, auf demselben Bücherbrett seien ein schmutzigbraun gebundenes, ein rötliches und ein altmodisches Buch. Die angegebene Stelle betreffe Vergangenes, habe aber auch eine Beziehung zur Gegenwart. 'Sie gibt eine Antwort auf einen Gedanken, der Sie eine Zeitlang viel mehr beschäftigte als jetzt. Auf der Seite gegenüber ist ein Hinweis auf Feuer und ein anderer auf Licht.' - Der bezeichnete Raum erwies sich als das Eßzimmer von Mrs. Beadons Mutter, bei der sie vorübergehend wohnte. Mrs. Leonard hatte das Haus nie betreten. Die beschriebenen Bände fanden sich auf dem bezeichneten Büchergestell. Das 5. Buch von rechts aus war ein Band Gedichte von O. Wendeil Holmes. Diese Gedichte hatte Mrs. Beadon nie gelesen. Der zweite Absatz auf S. 71 enthielt ein Gedicht mit folgender Stelle: 'Der müde Pilgrim schlummert, seine Ruhestätte ist unbekannt . . . nur sein Gedächtnis lebt fort.' Das Gedicht betrifft frühe Ansiedler in Amerika, hat also gleichzeitig Beziehungen zur Vergangenheit wie zur Gegenwart,, nämlich zur imbekannten Grabstätte des Gatten; auch hatte sich Mrs. Beadon früher längere Zelt ständig mit der Frage beschäftigt, ob man nicht mit Hilfe der beteiligten Offiziere die Grabstätte finden und dann mit einem Kranze schmücken könnte. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Rede von dem 'Strahl der Feuersäule', auch findet sich dort das Wort 'Licht'. Somit stimmen alle Angaben Fedas über das Buch. Seltsamerweise steht auch auf der andern von Feda genannten Seite - 17 - desselben Buches ein Gedicht, wo von Toten die Rede ist, deren Gräber nicht mehr gesehen werden können. Dagegen findet sich keine verwandte Stelle auf irgendeiner andern Seite des Buches.2 Wie dies Beispiel noch deutlicher als die vorausgeschickte allgemeine Beschreibung erkennen läßt, finden wir also in einem erfolgreichen 1) Pr X X X I 2421. 2) X X X I 260 fl. Andere Beispiele bei Lambert in ZP 1927 204 H. Das Argument aus den sog. Büchertesten 311 Büchertest die Ineinsverarbeitung zweier übernormaler Leistungen: die hellseherische Einsichtnahme in ein Buch und die Vergleichung oder In-Beziehung-Setzung des so Entnommenen mit irgendwelchem Wissen oder Erinnern des Sitzers (oder sonst eines Lebenden) welches Wissen und Erinnern dem Medium gleichfalls normalerweise unbekannt ist und - falls wir auf eine animistische Deutung dringen - selbst erst durch 'Lesen' in den Vorstellungen (auch den unbewußten) des Sitzers erlangt werden müßte. Der ganze Vorgang hätte also in jedem Fall etwas sehr verwickelt Zielstrebiges: aus der 'unendlich' großen Menge verfügbarer Stellen in Büchern und der ebenso großen Masse persönlicher Erinnerungen eines Lebenden müßte je eine ausgesucht werden, die sich sinnvoll aufeinander beziehen lassen. Das erste Bedenken, das angesichts einer solchen erstaunlichen Leistung zu überwinden wäre, rechnet natürlich mit der Möglichkeit, daß diese Aufeinander-Bezogenheit in jedem Falle nur eine künstlich zurechtgemachte, im Grunde also zufällige sei.2 Die Berechtigung dieses Bedenkens läßt sich leicht nachprüfen: nämlich durch 'falsche', 'fingierte' Bücherteste, bei denen man willkürlich irgendwelche Bücherstellen benennt und sie zu einer gleichfalls willkürlich gewählten Erinnerungsvorstellung in Beziehung zu setzen versucht; oder aber für eine durch ein Medium bezeichnete Erinnerungsvorstellung eine passend beziehbare Stelle auch in andern Büchern als den bezeichneten - etwa auch auf der benannten Seite - zu finden sucht. Das letztere Experiment hat z. B. der Rev. Ch. D. Thomas unternommen, indem er die Angaben des Mediums auf ein Dutzend Bände zur Rechten und Linken des bezeichneten anzuwenden versuchte. Das Ergebnis war eindeutig negativ. Thomas wandte ferner die Beziehungsvorstellungen von 40 echten Versuchen auf völlig willkürlich gewählte Bände und auf mehrere Seiten eines jeden von ihnen an. Das Ergebnis WEIT gleichfalls ein entschieden negatives; die Ausnahmen bezogen sich fast restlos auf inhaltsarme und nichtssagend allgemeine Vorstellungen (wie wenn etwa an der Buchstelle eine Andeutung von 'Anstrengung' oder 'etwas auf Farbe Bezügliches' gefunden werden sollte). Wo aber die Angaben des Kommunikators über solche Allgemeinheiten hinaus auf Einzelheiten eingingen, da lieferte 'der Zufall nur selten etwas den echten Versuchen auch nur annähernd Vergleichbares. 'Innerhalb der 40 Bücherteste, bei denen mein Vater (als Kommunikator) in 35 Fällen erfolgreich gewesen war, erzielte der Zufall nur 14 Treffer, obgleich bei jeder Angabe das Sinnentsprechende auf drei verschiedenen Seiten gesucht 1) Im Falle von Testen, die für Abwesende bestimmt sind! 2) Baerwalds Erwägung betrügerischer Vorbereitung durch heimliches Eindringen in Wohnungen usw. ist nicht ernstzunehmen (Phän. 332). 312 Das Argument aus den sog. Büchertesten wurde, um dem Zufall weiteren Spielraum zu gewähren.'1 - Zu den gleichen negativen Ergebnissen gelangte die äußerst gewissenhafte Mrs. Sidgwick, wie auch Col. Baddeley in der rechnerischen Bearbeitung einer längeren Reihe rein fingierter Versuche.2 Versagt die Zufallsdeutung, so ist doch noch mit dem Versuch des Gegners zu rechnen, die Leistung wenigstens auf bloße Telepathie zurückzuführen, wobei die Rolle des 'Senders' natürlich jemandem zufiele, der die betreffende Buchstelle erinnert, auch wenn er überzeugt wäre, sie nicht zu kennen. Ich brauche kaum zu sagen, daß Baerwald diesen Versuch unternommen hat, und zwar ein der Hand eines bestimmten Falles, in welchem er überdies annehmen muß, daß die Sitzerin das erforderliche Buch-Wissen erst aus dem Unterbewußtsein eines Dritten (und natürlich selbst unbewußt) habe 'schöpfen' müssen. 'Das war dann nichts, als . . . dreieckige Telepathie, an deren Vorkommen sich kaum noch zweifeln läßt.'3 Aber ganz abgesehen davon, daß solches 'Schöpfen' nichts mehr mit dem physikalischen Vorgang zu tun hat, ein dem doch jedem Telepathistiker allein gelegen ist (um der Rettung des herkömmlichen 'Weltbildes' willen!): so scheitert diese Auslegung doch schon daran, daß der Büchertest ja ein Wissen nicht bloß um das 'Aussehen der Bücherreihe und die Ordnung der einzelnen Bände' voraussetzt (wie Baerwald schreibt), sondern auch um die genaue Stelle gewisser Worte auf bestimmten Seiten. Wird man auch solches seitenund zeilenweises Erinnern dem Unterbewußtsein des telepathischen Senders aufbürden wollen? Nun, ich zweifle nicht, daß der Gegner, in die Enge getrieben, auch davor nicht zurückschrecken würde. Doch müßte dann sein mühsam zurechtgeleimtes Argument an gewissen weiteren Versuchen zusammenbrechen, die er - wir wollen hoffen, nur leichtfertig, aber jedenfalls zu seinem Unglück - übersehen hat. Diese Experimente waren so eingerichtet, daß kein Lebender überhaupt wußte, aus welchem Buch die benutzte Textstelle gewählt worden war: es wurde z.B. ein Buchhändler gebeten, 'ein Dutzend alter Bände herauszugreifen,4 ohne die Titel anzusehen, und sie in einem Paket einzusenden, welches ungeöffnet in [eines Dritten] Arbeitszimmer verbheb. Ich empfing,' schreibt Mr. Thomas, 'Teste aus diesen Bänden in zwei Sitzungen mit Mrs. Leonard im November und Dezember 1918. Protokolle wurden in Maschinenschrift niedergelegt und ein Durchschlag Mr. Bird [jenem Dritten] eingehändigt, ehe wir das Paket öffneten, das ich jetzt zum erstenmal sah . . . ' Trotzdem gelangen auch diese Versuche in unbestreitbarer Weise. In einem anderen Falle begab sich Mr. Bird mit dem eingetroffenen Paket des Buchhändlers in ein 1) Thomas, New Evid. 42. 45. 47ff. 2) Pr X X X I 279ff.; X X X 606 -20. 3) A. a. O. 333. 4) gather. Das Argument aus den sog. Büchertesten 313 dunkles Zimmer, entfernte die Umhüllung und legte die Bücher in einen eisernen Kasten, den er verschnürte und versiegelte und dann Mr. Thomas übergab. Auch aus diesen Büchern wurde eindeutig geschöpft1 - In wieder andern Versuchen bezogen sich die Angaben auf Bücher, deren Seiten noch nicht aufgeschnitten waren, oder die der Sitzer erweislich nicht kannte, oder die sich ungeöffnet in weit entfernten Hausern befanden, die weder das Medium noch der Sitzer je betreten hatten.8 Ja einmal, als in des Rev. Thomas Abwesenheit seine Bücher abgestaubt und in veränderter Reihenfolge auf die Borte zurückgestellt worden waren, begannen die Angaben über einen neuen Test mit den Worten: Hat jemand dein Arbeitszimmer durcheinandergebracht? Er [der Kommunikator] ist der Meinung. Die Bücher, wiewohl auf den gleichen Brettern wie zuvor, sind alle an andern Stellen.' Läßt sich also ein Bestandteil des Hellsehens bei Büchertesten sicherlich nicht bestreiten,3 so entscheidet doch erst die Frage, von wem dies Hellsehen ausgeübt werde, über die etwaige spiritistische Bedeutung der Versuche. Nach ihrer Selbstdarstellung- fällt diese Rolle einem Jenseitigen zu, und zwar einem, der sich auch außerhalb solcher Versuche erfolgreich identifiziert hat. Aber dieser letztere Umstand geht uns hier offenbar nichts an; denn es fragt sich ja jetzt, ob die Tatsache erfolgreicher Bücherteste an sich ein neues spiritistisches Argument ergibt oder nicht. Das könnte sie, soweit der hellseherische Anteil dabei mitspricht, natürlich nur, falls ein Lesen in geschlossenen Büchern zwar Geistern zugeschrieben werden dürfte, nicht aber Lebenden. Und davon kann ja keine Rede sein. Wir müssen es also für durchaus möglich halten, daß auch Mrs. Leonards 'Unterbewußtsein' diese Gabe in ausreichendem Maße besitzt, um alle Textstellen ihrer Bücherteste selbst zu beschaffen. Ob sie dann weiterhin über die Gabe verfüge, die mit diesen Texten zu vergleichenden Erinnerungen des Sitzers oder des eingeblichen Kommunikators aus jenem oder sonst einem Lebenden zu 'schöpfen', - das ist eine Frage, die, wie wir schon wissen, an sich für das spiritistische Problem von größter Bedeutung ist, aber natürlich wieder nicht etwas Eigentümliches der Theorie der Bücherteste bildet. Schreibt man dem Medium aber die Fähigkeit solchen Schöpfens zu (wie ja.an sich auch ich es getan habe)4, so entfällt, abstrakt gesehen, jede Nötigung zu einer spiritistischen Deutung von Büchertesten; denn wenn von zwei Leistungen jede für sich allein eine solche Deutung nicht erfordert, so ist nicht einzusehn, wie ihre Verkoppelung es tun sollte. 1) Thomas, New Evld. 68f. 701. 2) Thomas, Life 114f.; New Evid. 109. 113} Glenconner 34; J S P R X X 196. 3) Lesen geschlossener Bücher oder verdeckter Wörter außerhalb Büchertesten s. z. B. Mattiesen 398ff. (zahlreiche weitere Nachweise das.); Dahl 231; Haddock 188f. u. a. m. 4) I 356 ff. 314 Das Argument aus den sog. Büchertesten Mir scheint, daß auch der Rev. Thomas, der eifrigste Erforscher von Büchertesten, sich dieser Einsicht in ihren Mangel an Beweiskraft nicht hat verschließen können. 'Man darf nicht übersehen', schreibt er gelegentlich, 'daß selbst wenn menschliche Fähigkeiten der Aufgabe gewachsen wären, dies den spiritistischen Ursprung der Botschaften nicht widerlegen würde. Wir hätten dann im besten Fall bewiesen, daß unter günstigen Umständen ein menschliches Wesen tun könnte, was vermutlich ebenso gut ein Geist zu leisten befähigt wäre. Dann aber fiele die Beweislast offenbar denen zu, die den spiritistischen Ursprung dieser Bücherteste behaupten, und wir wären verpflichtet, noch weitere Beweise beizubringen... Solche weitere Beweismittel sind bereits zur Hand in den als Zeitungsteste bezeichneten Leistungen, welche später, als die Bücherteste, aufgetreten sind.'1 Wird hier die unzulängliche Beweiskraft der bisher besprochenen Teste offenbar zugestanden, so ist nun noch zu betonen, daß auch jene 'weiteren Beweismittel' unsern Tatbestand in Wahrheit um nichts bereichern. Denn was ist das Neue, das jene Zeitungsteste ins Spiel führen? Lediglich dies, daß der Text, der zum Vergleich herangezogen wird, nicht in irgendeinem Buch enthalten ist, sondern - in einer erst im Entstehen begriffenen Zeitung, meist in den 'Times' vom 'morgigen Tage'. Der Kommunikator gibt also an, daß an einer bezeichneten Stelle einer bestimmten Spalte auf einer ziffernmäßig benannten Seite der kommenden Ausgabe des Blattes sich ein Name oder eine bestimmte Anspielung auf etwas finden werde, was für den Sitzer Bedeutung habe; und zwar gibt er dies an zu einer Zeit, da mindestens von entsprechender Zusammensetzung der fraglichen Seiten und Speilten in der Druckerei noch nicht die Rede sein kann.2 Die Zeitungsteste setzen also an die Stelle einer räumlichen Hellsehleistung eine zeitliche, oder, wenn man will: eine räumlich-zeitliche. Aber ganz abgesehen von dem möglichen Einwand, daß zeitliche Bezüge beim Hellsehen überhaupt keine wesentliche Rolle spielen:3 warum sollte die Erlangung der gedruckten Vergleichstexte dem Medium nicht ebenso gut durch Vorschau möglich sein, wie durch Fernsehen? 4 Mr. Thomas meint, seine Zeitungsteste bewiesen, 'daß die Kommunikatoren ein Wissen liefern können, das kein Lebender besitzt.'5 Dieser Satz ist unwidersprechlich, wenn er sich auf 'normales Besitzen' beziehen soll. Er erweist sich aber als zweideutig angesichts der Möglichkeit, daß die Testvorstellungen zum übernormalen Besitz eines Lebenden gehören: nämlich von diesem 'vorgeschaut' werden, wie doch 1) Thomas, New Evid. 89. 2) S. z. B. Thomas, a. a. O. 119 ff. 127. 132; Life 139 f. 37; JSPR XX89ff. 3) Die Beschreibung des Wie der Leistung bei Zeitungstesten ähnelt durchaus der bei BQchertesten: vgl. Thomas, New Evid. 13. 33; Life 120 f. mit Life 141.2040. 4) Vgl. die verwandten Fälle bei Joire 189ff. 5) Life 37.149. Das Argument aus den sog. Büchertesten 315 Lebende vieles Vorschauen. Wenn also Mr. Thomas seine Behauptung auch so faßt: 'daß Zeitungsteste den bestimmten Beweis der Kundgebung eines Bewußtseins liefern, das nicht das irgendeiner Person auf Erden ist',1 so begeht er, WEIS die Logiker eine Erschleichung nennen, auf Grund einer ungenauen Ausdrucks weise im ersten Satz.2 Indem ich so die Bücher- und Zeitungsteste als selbständiges spiritistisches Argument ablehne, wünsche ich doch nicht im mindesten zu behaupten, daß die von zahlreichen Beobachtern berichteten Teste dieser Art tatsächlich nicht spiritistischen Ursprungs seien. Vielmehr glaube ich, daß im Rahmen der gesamten spiritistischem Beweisführung ein solcher Urspring - mindestens zahlreicher Bücherteste - mit Sicherheit anzunehmen ist. 'Thomas sen.' z. B. verwandte mehrfach in seinen Versuchen Tatsachen, die seinem Sohne unbekannt waren und nur durch Einsichtnahme in die Tagebücher des Verstorbenen oder Befragung seiner Verwandten bestätigt werden konnten; desgleichen aber auch Vorstellungen, die ihm persönlich besonders 'liegen' mußten, die mit seinen früheren Studien oder intimen und besonders verwickelten Erinnerungen in engem Zusammenhang standen.3 Überhaupt zeigte die Auswahl der Textstellen, im ganzen genommen, ein für den angeblichen Kommunikator sehr charakteristisches Gepräge. 'In vielen Fällen', schreibt der Sohn, 'offenbaren die Teste eine theologische und religiöse Geistesrichtung. Dies wird nicht zureichend erklärt durch die Tatsache, daß die verwendeten Bücher in der Bibliothek eines Geistlichen standen; 4 denn von 26 Bücherbrettern in meinem Arbeitszimmer enthalten nur 8 - biblische, religiöse und homiletische Schriften; und doch wurde aus diesen Fächern weitaus die Mehrzahl der Teste gewählt. Unter den Büchern, die ich aus meines Vaters Bibliothek übernahm, befinden sich vier Bände von Pressenses 'Anfängen des Christentums'; aus diesen wurden nicht weniger als 15 Teste geliefert, darunter 13 aus einem Bande, d. i. so viele, wie aus keinem anderen Buch. ^Thomas sen. hatte dies Werk persönlich mit einem Register versehen!] . . . In einer Gesamtzahl von 209 Stellen . . . waren nicht weniger als 110 in Büchern ausgewählt, die in irgendeinem Sinn von Religion handelten. Aus meinen zahlreichen naturwissenschaftlichen Werken wurden nur 2 Teste geschöpft; mein Vater aber hatte stets nur geringes Interesse für derlei Forschungen bewiesen. Ich besitze 7 Fächer mit Büchern gefüllt, die ich besonders wert halte und in denen ich häufig etwas nachschlage; und doch ist nie ein Test aus diesen gewählt worden... Aber diese Bücher befassen sich mit Dingen, die für meinen Vater zu Lebzeiten keinen Reiz besaßen... Ich bin ein Liebhaber von Lyrik und hätte wohl erwartet, daß Teste dieser Art am leichtesten bei Dichtern zu entdecken gewesen wären; mein Vater 1) Das. 13. 2) Vgl. selbst 'Fedas' ( ! ) s e h r viel bescheidenere Einschätzung der Zeitungjteste: New Evid. 119. 3) New Evid. 128.188. 24 ff. 4) Auch Thomas Jun. ist ja Geistlicher. 316 Das Argument aus den sog. Büchertesten dagegen las selten Gedichte und fand es stets schwierig, etwas davon auswendig zu lernen. Es ist nun auffallend, daß er meine 55 Bände Poesie durchweg ü b e r g a n g e n und außer einer flüchtigen Anspielung auf Milton keinerlei Teste aus ihnen geliefert hat; wohl aber aus drei Bänden Dante, einem Werk, das er s t e t s h o c h s c h ä t z t e , weil sein Vater es übersetzt hatte. Aus diesen Dante-Bänden wurden 8 Teste geliefert!'1 Eine so genaue 'selektive' Übereinstimmung zwischen den literarischen Bevorzugungen eines Verstorbenen zu Lebzeiten und der Auswahl der angeblich von ihm ausgehenden Bücherteste spricht offenbar sehr stark zugunsten seiner wirklichen Beteiligung bei diesen. Und solche 'inhaltliche Hinweise' auf den Urheber finden sich ziemlich häufig in Versuchen dieser Art. Ich erinnere auch an den Fall des Mediums, dem ein von ihm 'geschautes' 16jähriges Mädchen auftrug, 'in dem vierten von oben in einem Stoß von Büchern oder Papieren' bestimmte Worte aufzusuchen, die von der Kommunikatorin mit ganz leichten Abwandlungen angegeben wurden.2 - Besonderer Art ist auch der Hinweis auf die Selektivität der Buchtestworte in einem unter mehreren von Mrs. McKenzie mitgeteilten Versuchen, an denen Mrs. Garrett als Medium beteiligt war. Der an sich schon reichlich identifizierte Kommunikator bat seine Frau, zu Hause ein bestimmtes Buch aufzusuchen - 'oberste Borte links, 3. Buch von links', worin sie auf S. 50, Zeile 3-11, etwas finden werde, was sie belustigen und an ihn erinnern werde. Sie fand an der angegebenen Stelle, nur eine Borte tiefer, in einem alten Buch ihres Gatten (Beckfords 'Briefe aus Italien'. 1805), 'das sie nie gelesen oder bemerkt hatte', folgende Unterredung zwischen einem Einsiedler und einem jungen Tunichtgut: 'Vater, sagte dieser, Ihr seid zu bedauern, wenn es keine andere Welt gibt. Sehr wahr, mein Sohn, erwiderte der Einsiedler, aber du wirst noch weit mehr zu bedauern sein, wenn es eine gibt.' Diese Stelle war a n g e s t r i c h e n , dürfte also eine b e t o n t e Erinnerung des Kommunikators dargestellt haben, der überhaupt ein Liebhaber pointierter Geschichten gewesen war. Die Sitzerin faßte übrigens die Stelle als scherzhafte Antwort auf ihre inneren Zweifel an der Echtheit der Kundgebung auf.3 Lady Glenconners Berichte über die Bücherteste ihres im Kriege gefallenen Sohnes 'Bim' enthalten gleichfalls einige schlagende Beispiele dieser Art Einmal sollte eine bezeichnete Buchstelle eine 'Anspielung' enthalten auf 'einen kleinen Gegenstand', den die Mutter vor langem besessen hatte. 'Etwas, was Sie zu tragen pflegten,' meldete Feda. 'Sie besaßen es schon als Mädchen; er sagt, Sie werden lächeln, wenn Sie die Worte finden, aber sie passen.' Die bezeichnete Stelle ergab die Worte: 'Der Spiritismus geht Hand in Hand mit der Schönheit und Schlichtheit Christi.' Was 'der kleine Gegenstand' 1) New Evid. 90 fT. 2) S. I 292. 3) PsSc VI 132 f. Das Argument aus den sog. Büchertesten 317 wäre, begriff Lady Clenconner erst, nachdem sie zu Hause die Buchstelle aufgesucht hatte. Sie besaß seit ihren Mädchentagen einen dreiteiligen, auseinanderklappbaren Ring, der zwei Ober einem Paar Herzen geschlossene Hände trug. "Bim' hatte ihn gut gekannt und auch gewußt, daß die Mutter ihn schon vor der Hochzeit besessen hatte.1 Bei einer andern Gelegenheit (17. Dez. 1917) erklärte Feda, 'Bim' wünsche eine Botschaft an seinen Vater zu senden. 'Dies Buch ist ganz besonders für seinen Vater; unterstreichen Sie das, sagt er. Es ist das 9. Buch auf der 3. Borte, von links aus gezählt, auf dem Büchergestell rechts von der Tür, wenn Sie in den Saal gehen; nehmen Sie den Titel und sehen Sie sich S. 37 an.' Der Titel des bezeichneten Buches lautete 'Bäume', und auf S. 36 ganz unten und 37 oben fanden sich die Worte: 'Manchmal erblickt man seltsame Spuren in dem Holz; diese rühren von einem Bohrkäfer her, der den Bäumen großen Schaden zufügt...' Und nun die Erläuterung: Lord Glenconners überragendes Interesse galt der Forstwirtschaft, die er u. a. in Deutschland studiert und auf seinen Besitzungen gründlich angewendet hatte. Bei Wanderungen durch seine prachtvollen Waldungen dämpfte er das Entzücken der Begleiter oft durch seine langausgesponnenen Klagen über 'den Käfer'. Dies 'Thema' war der Familie so vertraut, daß 'Bim' gelegentlich leise zur Mutter gesagt hatte: 'Paß auf, ob wir wohl durch diesen Wald kommen, ohne etwas vom Käfer zu hören.' Und wenn der Vater irgendeine Sache übermäßig trübe ansah, hatte der Sohn ihm vorgehalten: 'Alle Wälder haben ihren Käfer.'2 Ein Element der Xenoglossie3 scheint einem andern Buchtest eigen zu sein, den Mrs. Garrett als Medium einem ihr persönlich unbekannten Sitzer lieferte. Es meldete sich angeblich der Sohn dieses Sitzers, machte mehrere Mitteilungen, bedauerte, daß seine Mutter sich nicht zu trösten vermöge, und bestimmte schließlich eine Nachricht ganz besonders für sie: Sie habe ein Buch in einer fremden ('andern') Sprache an ihrem Bette liegen. Trotzdem der Sitzer wiederholt widersprach, seine Frau lese nur englisch, bat der Sohn doch darum, sie möchte auf Seite 23 des Buches nachlesen, die zwei letzten Abschnitte seien besonders für sie bestimmt. Heimgekehrt, berichtete der Sitzer das Vorgefallene seiner Frau, die sich erst nach anfänglichem Erstaunen erinnerte, daß sie Moliires 'Eingebildeten Kranken' gekauft, aber nicht gelesen habe. Auf Seite 23 unten in dem Exemplar heißt es: 'Ich werde deinen Schritten folgen, um dir all die Zärtlichkeit, die ich für dich hege, darzutun', und 'O, mein Liebling, du brichst mir das Herz, doch tröste dich.' Der Sitzer und seine Frau behaupten beide, das Buch nicht gelesen zu haben; ihr Sohn aber habe fließend französisch gesprochen.1 Derartige Fälle lassen nur eine Deutung zu für den, der bereits von spiritistischen Voraussetzungen auszugehn vermag. Sie werden aber 1) Glenconner 47f.; vgl. 93. 2) a . a . O . 58II. 4) Aua PsSc X Okt. 1931 ret. in ZP 1932 93. 3) Vgl. Bd. X 250 B. 318 Das Argument aus den sog. Büchertesten noch überboten von andern, in denen solche inhaltliche Hinweise auf den Kommunikator sich verknüpfen mit irgendwelchen jener formalen Bestandstücke, die uns sog. 'pluralistische' Argumente zugunsten der Unabhängigkeit des Kommunikators lieferten.1 Ein weiterer von Lady Glenconners Sohn gelieferter Buchtest mag den Übergang zu diesen abschließenden Angaben vermitteln. Am 2. Juli 1918 erhielt die Dame einen Brief von dem i h r u n b e k a n n t e n Rev. Ch. Thomas, der sich denn auch wegen seines Schreibens entschuldigte und mitteilte, er sei zweimal durch 'Feda' von jemandem, der sich für Lady Glenconners Sohn ausgab, gebeten worden, ihr viele liebende Grüße sowie eine Botschaft in Form eines Büchertestes zu schicken. Der Test bezog sich auf ein Buch in Thomas' Bibliothek, doch hatte dieser ganz natürlicherweise keinerlei Sinn darin entdecken können. Er war aber beauftragt worden, der Mutter zu schreiben: sie werde den Hinweis schon verstehen. - Der gewählte Text verwies auf das 44. Kapitel des Buches Jesus Sirach, welches beginnt: 'Laßt uns loben die berühmten Männer und unsere Väter nacheinander.' Dieses K a p i t e l h a t t e 'Bim' von A n f a n g bis zu Ende besond e r s gut gekannt und hochgeschätzt. 'Ich setze dies an die Spitze aller englischen Prosa', hatte er einmal von der Übersetzung zur Mutter gesagt, und überdies den 6. Vers mehrfach humorvoll auf seinen Vater angewandt. 2 Das Identifizierende dieses Buchtestes springt in die Augen; es wird vielleicht noch unterstrichen dadurch, daß er geliefert wurde kurz vor Bims Geburtstag, und daß die zweite, dringendere Aufforderung zur Mitteilung an die Mutter anscheinend an diesem Geburtstag selbst erfolgte (Mr. Thomas hatte zunächst gezögert, an die fremde Dame zu schreiben). Aber das Merkwürdigste an dem Test ist doch eben diese Lieferung durch einen Dritten, Fremden, der die Sinnbeziehung des gewählten Textes nicht verstehen konnte. - Das hiermit gegebene Element von 'Entsprechung'3 findet sich auch in andern Fällen. In einem von Thomas berichteten erhielt dieser durch Feda den Hinweis auf eine bestimmte Buchstelle ('Seite 3') in seinem Hause, der aber von den verstorbenen Verwandten einer gewissen Mrs. Drummond (pseud.) ausgehen sollte. Auf besonderen Wunsch seines 'Vaters' machte Thomas wieder entsprechende Mitteilung; doch konnte Mrs. Drummond auf S. 3 nichts Sinnvolles finden. Als sie ihre Kommunikatoren (eben jene Verwandten) um eine Erklärung des Irrtums bat, erhielt sie mehrmals durch Hellhören und durch Tischkippen die Antwort: 'Seite 8'. Mr. Thomas, dem sie dies mitteilte, sandte ihr nunmehr eine Abschrift der Seite 8 des betr. Buches. Ehe Mrs. Drummond diese las, hatte sie durch Mrs. Leonard eindeutige Aussagen über eben das erhalten, wovon auch auf der Seite 8 die Rede war.* l)Vgl. Bd. II lfl. 2) Glenconner 8311. 3) Vgl. Bd. II 5011. 4) Thomas,. Life 117(1. (auch JSPR 1922 3761.) Vgl. auch den Bericht bei Thomas, New Evid. 150. Das Argument aus den sog. Büchertesten 319 Das seltsame Pluralitätsspiel dieses Falles scheint geradezu ein Zusammenarbeiten der zwei verschiedenen Lebenden zugehörigen Kommunikatoren zu verbürgen.1 Neben dem Argument aus der Entsprechung ist es auch das aus der 'technischen Sonderung' der Kommunikatoren,2 was innerhalb der Büchertest- Versuche für die pluralistische Unabhängigkeit jener spricht. Mr. Thomas konnte statistisch erhärten, daß 'einzelne Kommunikatoren eine große Menge von Erfolgen erzielten, andere dagegen ganz und gar nicht. Dieser Unterschied stimmt zu den wiederholten Behauptungen meines Vaters, daß . . . es Zeit und Übung erfordere, jene Hellsichtigkeit zu entwickeln, die zur Genauigkeit im Einzelnen bei diesen Versuchen benötigt wird.'3 Anderseits darf man wohl sagen, daß dieser Unterschied sich nur sehr gezwungen (falls überhaupt) erklären ließe, wenn die gesamte Leistung dem Medium zugeschrieben würde, dessen hellsichtige und gedankenleserische Befähigung doch für alle Sitzer und Personationen eine leidlich gleiche sein müßte. Aber noch ein drittes der pluralistischen Argumente, das aus der 'Reaktion' des Kommunikators auf Besprochenes und dem Nichtverstehen der 'Kontrolle', läßt sich aus den Büchertesten belegen.4 Ein von Thomas berichteter Buchtest war, wie sich erwies, aus L. A. Weatherleys 'The Supernatural?' gewählt, einem Werk, das den Gedanken spiritistischer Kundgebungen durch Medien verspottet. Hier hatte Feda gesagt: 'Sie werden Ihren Spaß haben, wenn Sie das Buch sehen,' und mehrfach behauptet, 'Thomas sen.' lache, wenn er an das Buch und dessen Beziehung auf ihn selber denke. Ja sie unterbrach mehrmals ihre Bemerkungen, um zu sagen, wie belustigt der Kommunikator sei; anscheinend ohne selbsit den Grund zu begreifen.' Natürlich ist es belustigend, wenn ein Geist sein Fortleben zu beweisen sucht durch Bezugnahme auf ein Buch, das die Möglichkeit des Fortlebens verspottet. Aber auch an Indizien, die unmittelbar die aktive Rolle bei diesen Versuchen eben den angeblichen Kommunikatoren zuweisen,6 fehlt es am Ende nicht Mehrere der obigen Beispiele ließen persönliche" Nachdruck und Wiederholung in der Übermittlung des Testes erkennen, 7 und die Gesamtheit der Bücher- und Zeitungsteste wird uns immer wieder dargestellt als zielstrebig überlegte und zusammenhängende Unternehmung Jenseitiger, entworfen von Abgeschiedenen hohen geistigen Ranges, aus einer höheren 'Sphäre', als der des Kommunikators selbst, und durchgeführt vermöge der Zusammenarbeit Mehrerer.8 1) Vgl. femer den auch unter Gesichtspunkten der Xenoglossle und der PluraJistik sehr bemerkenswerten (leider auch sehr verwickelten) Fall: Pr XLIV 38ff. 2) Vgl. Bd. II 190ff. 3) Ute 117. 4) Vgl. Bd. II 5ff. 120. 5) New Evid. 52f. Vgl. auch AllUon 75. 0) Vgl. Bd. I 407ff. 7) Z. B. 'Unterstreichen Sie das't Vgl. Glenconner 31. 8) New Evid. 13. 158f. 201 f.; Pr XXXI 314. 316. 320 Das Argument aus den sog. Büchertesten Wie man sieht, spricht - im Rahmen der spiritistischen Gesamtbeweisführung - nicht weniges dafür, daß Bücher- und Zeitungsteste wirklich den Ursprung haben, den sie behaupten, und die Verknüpfung so vieler spiritistischer Hinweise mit einer Betätigung (dem Hellsehen), die gerade bei Jenseitigen besonders natürlich erscheint, im Rahmen einer Unternehmung von starker und klarbewußter Zielstrebigkeit, ergibt ein Ineinander von bedeutender Eindruckskraft. Gleichwohl verpflichtet uns logische Strenge zu dem Schlußurteil, daß das Neue und Unterscheidende der Bücherteste an sich einen selbständigen Beweis für das Fortleben nicht in sich birgt. N e u n t e r A b s c h n i t t Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus i. Alogische Widerstände Im 'Schlußwort' des zweiten Bandes habe ich bereits kurz auf den seltsamen Widerstreit hingewiesen zwischen der überwältigenden Natur der Beweise für ein persönliches Fortleben und dem geringen Einfluß, den sie auf das Denken unsrer Gebildeten ausüben. Ich habe auch in wenigen Worten die Gründe angedeutet, die m. E. diesen Widerstreit erklären. Unwissenheit - selbst teilweise Unwissenheit der Fachleute - hinsichtlich aller oder mancher Möglichkeiten der Beweisführung mußte zunächst betont werden, sowie der Druck 'akademischer' Wissenschaft als eine Hauptquelle dieser Unwissenheit, indem er die Behandlung des Problems in die Abgeschlossenheit gewisser Fachkreise verweist. Aber diese Erklärung genügt nicht. Auch wo man Unwissenheit nicht voraussetzen mag, will die Gegnerschaft nicht schweigen und Übereinstimmung sich nicht herstellen. Selbst wem die Waffen stückweis aus der Hand geschlagen werden, der verläßt lieber wortlos den Kampfplatz, ehe er sich offen besiegt bekennt. Das Nachdenken über diesen seltsamen Widerstand hat mich seit langem überzeugt, daß dabei Gründe mit im Spiel sind, die in der Einzelerwägung des Für und Wider nicht zutagetreten, ja die vielleicht dem Gegner nicht einmal immer deutlich bewußt sind. Auch der wissenschaftliche Geist hat seine verschwiegenen Hemmungen, seine 'Idiosynkrasien' und idola specus. Auch er wird nicht nur von der nackten Folgerichtigkeit des Arguments geleitet, sondern mitunter von fast triebhaften Neigungen und Abneigungen. Daß solche an der Feindschaft gegenüber der spiritistischen Lehre beteiligt sind, steht für mich zweifellos fest; ebenso freilich, daß darüber hinaus auch gewisse Gedanken logischer Prägung mitreden, die weit eher der sachlichen Erörterung zugänglich sind. Beide habe ich in jenem Schlußwort bereits kurz aufgezählt. Wir werden sie aber genauer prüfen und, soweit möglich, beseitigen müssen, falls wir den Weg freilegen wollen für eine M a t t i e s e n , Das persönliche Uberleben III 21 322 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus vorurteilslose Würdigung jener ins einzelne gehenden Argumente, die uns bisher beschäftigt haben. - Was zunächst gewisse völlig alogische Widerstände betrifft, so müssen wir - klingt es auch lächerlich - schon in dem Namen der umstrittenen Lehre ein für Viele wirksames Hindernis der Zustimmung erblicken. An der Geschichte von Worten arbeitet >a unablässig ihr Gebrauch im Munde sehr Zahlreicher mit. Diese Geschichte umfaßt aber keineswegs bloß die feinere Ausarbeitung und Klarlegung von Bedeutungen, sondern auch die Anhäufung von W e r t u n g e n aller Arten um das Wort. Zahllose Worte führen Lob oder Tadel, hochtönige Anerkennung oder feinberechnete Verspottung des Bezeichneten unmittelbar mit sich; und dieser Dunstkreis von Anerkennung oder Verurteilung wandelt sich mit der Zeit, zusammen mit sozialen oder sittlichen Wandlungen der menschlischen Geineinschaft, mit denen des Wissens und Glaubens, kurzum der 'öffentlichen Meinung' aller Gesellschaftsschichten. Bei der heutigen starken waage- und senkrechten Spaltung der Kultur widersprechen sich diese Wertungen-durch-Worte natürlich häufig sehr bedeutend. Das Wort 'mystisch', in gewissen religiösen Kreisen mit scheuer Ehrerbietung umkleidet, gilt unter Ärzten und Naturforschern beinahe als Schmähwort. Und Ähnliches ließe sich an Worten wie 'völkisch', 'modern', 'sittsam' und vielen weiteren aufweisen. Es ist unbestreitbar, daß das bloße Wort 'Spiritismus', gleich andern unsres Gebiets, während der langen Zeit, da der Begriff und die entsprechende Forschung von aller gangbaren Wissenschaft und "Weltanschauung' meilenweit ablagen, eine Wolke der Verachtung und Lächerlichkeit um sich gesammelt hat, die es Vielen noch heute schwer macht, sich der Sache selbst ganz ohne ein heftiges Vorurteil zu nähern. Dem neueren wissenschaftlichen oder volkstümlichen Materialismus, der seine Wurzeln bis an die Wende des 18. Jahrhunderts zurücktreibt und seine Blüte um die Mitte des 19. entfaltete, mußte die aufkommende Erforschung der Berührungen mit dem Jenseits als die törichteste aller geistigen Verirrungen erscheinen, und seiner Mitarbeit an der 'Wortgeschichte' der zugehörigen Fachausdrücke, hauptsächlich vermittelst einer stets der herrschenden Meinung nachbetenden Presse, ist es zu danken, daß der Ausdruck 'Spiritist' noch heute für Viele von einem durchdringenden Hauch gefühlsmäßiger Abwertung umgeben ist. Ganze Schwärme von Worten wie 'Dummkopf, 'Finsterling', 'Aberglauben', 'Betrug' schwingen dabei halbbewußt mit. Sagt mein von jemand, er glaube an Geister, er behaupte, ein Gespenst gesehn zu haben, er bilde sich ein, mit einem Abgeschiedenen in Verkehr zu stehn, so klingt für Viele augenblicklich eine Note vernichtender Alogische Widerstände 323 Lächerlichkeit oder der Verdächtigung als krankhaft an. Mein erzählt sich zwar gerne 'Geistergeschichten', wenn das Gespräch in einer Gesellschaft zu stocken droht; aber man tut es mit dem Gefühl, sich zu einer unterhaltsamen Kinderei herabzulassen. Mag also ein Denker sich mit 'Gründen' zum 'Spiritismus' bekennen, es hängt ihm - noch vor aller selbstverständlichen Widerlegung - für die Mehrheit der Makel der Torheit oder Verschrobenheit an, und es ist die Furcht, sich mit diesem Makel zu behaften, was Manchen von ruhiger Erwägung selbst der 'Gründe' abhält; was ihn die Möglichkeit, zum Spiritismus bekehrt zu werden, mit Abscheu von sich weisen und jedem beliebigen Argumente zustimmen läßt, wenn es ihm nur die sofortige Abkehr zu ermöglichen scheint. Man würde denn auch manchen Gegnern die Uberprüfung ihrer ablehnenden Haltung mindestens erleichtern, wenn man die verfehmte Lehre unter neuem Namen zur Erörterung stellte; und wenn Driesch als solchen den Ausdruck 'Monadismus' vorschlägt, so mag - bewußt oder unbewußt - eine zarte Rücksicht auf die terminologischen Nerven gewisser Berufsgenossen dabei mitspielen. Es wäre fraglos - akademisch betrachtet - mehr comme-il-faut, sich einem aufdringlichen Problem gegenüber als Monadisten zu bezeichnen, anstatt als Spiritisten. Fragt es sich doch auch, ob die 'Wunder des Hypnotismus' - deren bedenkliche 'Wunderhaftigkeit' noch heute nicht allen Ärzten ganz aufgegangen zu sein scheint - sich ihrer heutigen Anerkennung erfreuen würden, wenn man sie noch immer in der Sprache der 'Mesmeristen' und 'Somnambulen' aufzutischen wagte. Daneben freilich ist nicht zu leugnen, daß zur Verfehmung des Wortes 'Spiritismus' und zur übereilten Ablehnung der Sache selbst der Schwindel nicht wenig beigetragen hat, der sich einzelnen Arten der fraglichen Beobachtungen beigemischt hat. Gerade diejenigen, die bereits eine Abneigung gegen die Sache mitbringen, suchen durch törichte Verallgemeinerung solcher Vorfälle das ganze Tatsachengebiet und dementsprechend auch alle Medien in Verruf zu tun. Wer sich ein ruhiges Urteil bewahrt, wird allerdings leicht erkennen, daß gerade die für die spiritistische Fragestellung wichtigsten Erfahrungen, nämlich die metapsychischen, vom Betrug fast völlig unberührt dastehn, ja daß der größte und zugleich wertvollste Teil der Urkunden dieses Teilgebiets den üblichen Grundlagen normalpsychologischer Urteile an Gesichertheit nicht das geringste nachgibt. Was aber den unleugbaren Schwindel anlangt, so sollte man nicht vergessen, daß kein Gebiet, auf welchem menschliche Wünsche und Gefühle stark beteiligt sind, von Schwindel frei bleibt, wenn er auch meist in weniger greifbaren und schwerer nachweisbaren Formen auftritt, als unter falschen 'Me- 21' 324 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus dien'. Wer aber würde die Heilkunde ablehnen, weil es Kurpfuscher gibt, oder die Rechtswissenschaft, weil sie von Rechtsverdrehern mißbraucht wird, oder die Religion, weil auch Priester von ihr leben, die ein durchdringendes Auge als Schwindler entlarven würde? - Ebenso oberflächlich gedankenlos, wie das Vorurteil auf Grund von Betrügereien, ist eine andre Anklage, die sehr oft als Vorwand übereilter Abkehr von unsrem ganzen Fragengebiet benutzt wird. Ich meine die Beschwerde über die 'Trivialität' der Kundgebungen Abgeschiedener. 1 Diese Klage geht offenbar von der Voraussetzung aus, daß nur gewichtigste und erleuchtendste Äußerungen von ihnen erwartet werden dürften, nicht aber jenes Kramen in gleichgültigsten Erinnerungen, mit denen die Erfahrung der Sitzungen ihre Geister beschäftigt zeige. Die Antwort auf diesen landläufigen Einwurf ist so oft und ausgiebig erteilt worden, daß ich mich mit kurzer Zusammenfassung begnügen darf. - Zunächst wird man zugeben müssen, daß dies Bedenken auch animisti sehen Gedankengängen - und gerade ihnen - nicht eben willkommen sein muß. Beschafft das Medium aus 'nicht-spiritistischen' Quellen den Stoff zum Bilde des Verstorbenen, wie es menschlichen Erwartungen entsprechen mag: warum erfüllt es das angebliche Verlangen des Sitzers nach Erhabenheit und Weisheit nicht ausgiebiger? Hat es doch voraussetzungsgemäß völlig freie Hand in der Wahl der Farben des Bildes. Ferner aber: wer heißt uns dem Jenseits Vorschriften machen über den Stil, in dem seine Bewohner aufzutreten haben? Geht etwa der Spiritismus aus - und darf er ausgehn - von einer vorgefaßten Ansicht über den geistigen Rang der Abgeschiedenen, oder hat er es, als echte Wissenschaft, allem zuvor zu tun mit der einfachen Tatsachenfrage, ob es ein Jenseits gebe und Bewohner darin, die ehemals Menschen waren? Gerade die wissenschaftliche Haltung müßte uns vor einem Argument bewahren, das Geschmacksfragen der Erforschung von Wirklichkeiten überordnet. 'Wenn sich das künftige Leben als ein Tollhaus oder Zufluchtsort für Schwachsinnige erwiese, so würde das die Beweise für sein Dasein nicht berühren,' schrieb Hyslop einmal schlagend derb.2 Und Myers hat mit einem feinen Vergleich daran erinnert, daß jeder, auch der schwächste und verworrenste Widerhall von drüben her uns recht sein sollte, sofern er nur als solcher glaubhaft ist: hätte etwa Kolumbus umkehren sollen, 'als ihm das erste Treibholz von Amerika entgegenschwamm, weil es nutzlos sei, einen Weltteil zu entdecken, der nur aus toten Ästen bestehe'?3 1) Selbst bei vorurteilslos dem Spiritismus Gegenüberstehenden; s. z. B. Messer 120. 2) Hyslop, Science 299. 3) Pr VI 340. Alogische Widerstände 325 Indessen gestehn solche Erwiderungen dem Gegner schon viel mehr zu, als nötig ist. Erstens nämlich verfolgt die 'Trivialität' der Aussagen fast immer einen mehr als naheliegenden und sehr vernünftigen Zweck, der denn auch den Urheber der Aussagen selbst nichts weniger als gehaltlos erscheinen läßt. Wir wissen, daß sie ihn 'identifizieren' sollen. Und wie das Experiment erwiesen hat, könnte wirklich nichts so gut als eben 'triviale' Kleinigkeiten zu solcher Identifizierung dienen. Versuche dieser Art veranstaltete Hyslop zwischen zwei Versuchspersonen in verschiedenen Gebäuden der Columbia-Universität, die bloß durch den Fernsprecher mit einander verbunden waren. Nur der eine von ihnen wußte, wer sich am andern Ende des Drahtes befand, und jener hatte dem Ahnungslosen 'Botschaften' zu senden, ohne ihm seinen Namen zu nennen, bis dieser seine Persönlichkeit erkannte oder aber das Spiel aufgab. Es stellte sich heraus, 'daß diese Personen, Studenten und Professoren der Universität, durchweg sogar noch trivialere Tatsachen wählten, als wir anscheinend zum gleichen Zweck durch Mrs. Piper erhalten. In der Tat, falls wir nach dem geistigen Rang jener Kundgebungen über den Draht urteilen wollten, so könnten wir Professoren und Studenten der Columbia-Universität nicht von Stiefelputzern und Straßenjungen unterscheiden.'1 Im übrigen darf man nicht übersehn, wieviele von jenen 'trivialen' Äußerungen Jenseitiger bloß als Antwort auf Fragen des Sitzers auftreten, der wieder sehr vernünftigerweise eben durch solche Fragen sich Gewißheit bez. seines Gegenüber zu verschaffen trachtet. Zweitens aber: der Einwand der Trivialität entstellt ja selbst schon in weitem Umfang die Tatsachen. Kundgebungen von bedeutender sprachlicher und geistiger Wertigkeit, von hohem philosophischem, sittlichem oder religiösem Gehalt liegen in solcher Menge vor, daß man über die Unkenntnis derer staunen muß, die mit jenem Einwand so leicht bei der Hand sind. Natürlich brauche ich die in solchen hochstehenden Kundgebungen enthaltenen Ansichten im Einzelnen nicht zu erörtern; es ist gleichgültig, wie weit sie mit den unsern, ja wie weit sie untereinander übereinstimmen: denn warum sollte jenseits des Todes die Verschiedenheit des Denkens nicht ebenso groß sein, wie bei uns? Nur Torheit und Unwissenheit könnten den Abgeschiedenen sogleich eine Art von Allwissenheit zuschreiben, anstatt - wofür wir gute Gründe haben - viele von ihnen hinsichtlich ihrer 'Erkenntnis' noch unter manchen Erdenbewohner zu stellen. Wenn mit dem naheliegenden und auch 'von drüben her' unablässig betonten Gedanken einer seelischen Kontinuität des dies- und des jenseitigen Lebens Ernst gemacht wird, so folgt schon daraus ohne weiteres auch das Dasein von geistig und sittlich tiefstehenden Persönlichkeiten im Jenseits. Be- 1) Hyslop, Science 300f Ausführlicher Bericht- Pr XVI 537-623. 326 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus steht der weitaus überwiegende Teil alles irdischen Redens in leeren Plattheiten, warum sollte uns von drüben her durchweg ein besserer Klang entgegentönen? - Eine andre nicht zu übersehende Begründung der Abneigung gegen den Spiritismus entspringt wieder deutlicher gefühlsmäßigen Einstellungen, also dem weiten Gebiete dessen, was James den Will-tobelieve nannte, den Willen-zum-Fürwahrhalten, und in vielen Fällen auch den Will-to-disbelieve hätte nennen können. Es ist der Wunsch nach Vernichtung, die triebhafte Abneigung gegen ein Fortleben, die natürlich auch allen Beweisen desselben Abbruch tut. Ich will auf die seelischen Wurzeln solcher Abneigung gar nicht eingehn. Genüge die Feststellung der Tatsache, der wohl ein jeder schon bei Mitmenschen - unglücklichen, aber seltsamerweise auch glücklichen - begegnet ist, und die zum Überfluß auch auf dem zeitgemäßen Wege des 'wissenschaftlichen Fragebogens' erhärtet worden ist. Eine Umfrage' des ehemaligen amerikanischen Zweiges der Londoner Ges. f. ps. F., deren Ergebnisse der geistvolle Oxforder Philosoph F. C. S. Schiller dargestellt hat,1 belehrt uns darüber, daß nicht nur das Bedürfnis nach persönlichem Fortleben keineswegs die Verbreitung hat, die man geneigt ist ihm zuzuschreiben,8 sondern daß auch sein Gegensatz - unabhängig, wohlverstanden, von 'wissenschaftlichen Gegengründen', also auf rein gefühlsmäßiger Grundlage - die seelische Lebenshaltung zahlloser Menschen bestimmt. 'Wir suchen ganz natürlicherweise die Welt einzuschränken, mit der wir als Menschen in Beziehung stehen müssen, weil Glück die Anpassung an die Umgebung voraussetzt, und weil, je umfassender die Umgebung, desto mannigfaltiger und verwickelter auch unser Aufwand an Kraft sein muß, desto schwieriger also, ceteris paribus, der Vollzug der Anpassung. Die Abneigung aber des fähigen Menschen gegen einen allzu weiten und seherischen Lebensausblick entartet leicht zu gefühlsmäßigem Widerwillen gegen alles, was den unmittelbaren Gesichtskreis allzu sehr auszudehnen droht. Von der Kraft dieses Gefühls hat man sich kaum noch eine genügende Vorstellung gemacht. In seinen leichtfertigen Formen gefällt es sich in der Erklärung, Mrs. Pipers Mediumschaft habe dem Tode einen neuen Schrecken verliehen; in seinen ernsthafteren steigert es sich zu einem wahren Widerwillen gegen alle 'psychische Forschung' und Haß gegen ihre Vertreter.'3 Aber woher auch gespeist: die Sucht nach zeitlicher Begrenzung des Daseins, der Wille zur Vernichtung kann sich zu feierlich-inniger Be- 1) Pr XVIII 416-53. 2) 2007 von 3321 Beantwortern erklärten ihre Gleichgültigkeit in der Frage des Fortlebens (aaO. 429). 3) aaO. 445t. Ein gutes Beispiel instinktiver Vernichtungssehnsucht eines gesundheitlich Schadhaften bietet der namhafte engl. Kulturhistoriker J . A. Symonds (Brown 416). S. spricht z. B. von the immeasurably precious hope ot endlng wlth this llfe the ache and languor of existence.' Auch ein Spiritist (!), J . A. Hill, fühlte nicht unähnlich. - Einige kluge Bemerkungen Uber dies Nicht-weiterleben-wollen bei Myers (II 294 und Pr VI 340). Weltanschauliche Vorurteile 327 geisterung emporsteigern, und die Argumente des Spiritisten müssen diese Mauern umso fester finden, gerade je weniger Erfahrung und Denken ihrem Mörtel beigemischt sind. 2. Weltanschauliche Vorurteile , Dies alles mußte gesagt werden, ehe wir uns klarer begrifflich gefaßten Bedenken und 'Hemmungen' des Gegners zuwenden konnten. Unter diesen überragt unstreitig der Einwand, der sich der breitesten weltanschaulichen Verwurzelung rühmen darf: er entstammt der wissenschaftlichen oder volkstümlichen Form dessen, was man als 'anthropologischen Materialismus' - sei es auch in 'monistischer' Fassung - bezeichnen kann. Für die Mehrzahl akademischer Gelehrter und 'gebildeter' Laien gilt der Satz als unbestreitbare Wahrheit, daß der Bestand einer fühlenden, wollenden und denkenden Persönlichkeit den eines leidlich gesunden 'physiologischen' Leibes und vor allem Nervensystems unbedingt voraussetzt, und daß folglich ihre Zerstörimg unausbleiblich das Aufhören persönlichen Seelenlebens nach sich zieht. Gehirn und Seelenleben stehn, wie uns die Entwicklungsgeschichte, die Psychopathologie und die Erfahrung des täglichen Lebens beweisen, in so engem Zusammenhang, daß jede Veränderung des Gehirns auch eine entsprechende Wandlung des seelischen Erlebens mit sich führt, das Ende des einen also auch das Aufhören des andern zur Folge haben muß.1 Die Widerlegung dieses Irrtums - wobei natürlich von allen spiritistischen Beweisen abzusehen ist - kann hier nur flüchtig angedeutet werden, da eine ausführliche Darstellung ein Buch im Buche erfordern würde. - Schon im Rahmen einer soz. 'physiologischen Logik' sind die obigen Sätze offenbar falsch. Die durchweg erwiesene Abhängigkeit eines bestimmten Ablaufs - persönlichen Seelenlebens - von einem gewissen 'Faktor' - normal-physiologischer Nerventätigkeit - widerlegt nicht, daß jenes Geschehen überdies noch in gleichem Umfang von einem zweiten Faktor abhängig sei. Vorausgesetzt, daß seelisches Leben im Leibe das 'Produkt' zweier (geschweige mehrerer) Faktoren ist, so müßte zwar jede Veränderung eines 'Faktors' - nämlich des nervösen - eine entsprechende Veränderung des Produktes zur Folge haben; die Frage der Beteiligung eines weiteren Faktors wäre aber damit in keiner Weise berührt. Das Vorhandensein dieses 1) Für wenigstens unwahrscheinlich,angesichts der Verknüpfung des Seelischen mit dem Gehini, erklärt Prof. Pigou das Überleben des Todes (Pr XXIII 288). 328 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus andern Faktors müßte natürlich für sich durch Beobachtungen oder Überlegungen oder beides bewiesen werden. Es ist aber auch reichlich bewiesen worden durch die Tatsache, daß das seelische Geschehen Abmessungen, 'Dimensionen' besitzt, die über die des physiologischen Geschehens hinausgehen. Diesen Nachweis findet man in zahlreichen Schriften über das Leib-Seele-Problem im Rahmen der 'anerkannten' Psychologie.1 Überdies muß auch diese zugeben, daß für sie die tatsächlichen Beziehungen zwischen Bewußtseins- und Gehirnabläufen ein undurchdringliches Rätsel bilden; daß somit a priori gar kein Grund besteht, ihre Trennbarkeit für unmöglich zu erklären.3 Jedenfalls wird man den wirklich beobachteten Tatsachen vollauf gerecht mit der Annahme, daß das Nervensystem zwar die Voraussetzung, aber nicht die zureichende Ursache darstelle für das Auftreten bewußt-seelischen Lebens innerhalb eines fleischlichen Leibes. Es ist nun aber klar, daß die Lage sich sogleich zu Gunsten einer mehr spiritualistischen Auffassung verschiebt, sobald die Anerkennung der metapsychischen Tatsachen hinzutritt (ich rede wiederum nicht von eigentlich spiritistischen). Hier ist nur in der kleinen Gruppe der sog. Telepathistiker, die lediglich Telepathie als Tatsache anerkennen und jedes andre übernormale Geschehen durch sie zu deuten suchen, die Hoffnung noch nicht erstorben, ein physiologisch-mechanistisches Weltbild zu retten. Indessen hat - wie ich schon im Eingangskapitel dieses Buches erwähnte - genauere Zergliederung auch dieses Hoffen längst als trügerisch erwiesen, indem sie eine physikalisch-vibratorische Theorie der Telepathie aus den Tatsachen selbst widerlegte; auch ist es heute unbestreitbar, daß die restlose Rückführung der räumlichen und zeitlichen Hellsehleistungen auf telepathische Vorgänge nicht gelingen kann. Der Mindestbestand nicht mehr zu leugnender metapsychischer Tatsachen genügt also schon (zumal wenn man von Barnards m. E. unhaltbaren Gedankengängen absieht)3 zur 'Zertrümmerung des ganzen Aufbaus der Wissenschaft'4 im Sinne der mechanistischen Psychophysik und zur Sicherung irgendeiner Art spiritualistischer Lösung des sog. Leib-Seele-Problems. Damit aber ist auch für die Erfahrungsbeweise des Spiritismus als einer metapsychologischen Sonderhypothese zum mindesten die Bahn freigelegt. Daß mit solchen Aufstellungen noch keine befriedigende 'Lösung' gegeben ist, daß die Einzeldeutung der beobachteten Abhängigkeiten 1) Ich verweise allg. auf Arbeiten von E. Becher, Busse, Driesch, Erhardt, Höfler, Killpe, Rehmke, Bergmann, Wentscher, Gutberiet, Ladd, James, Bcrgson u. a. m. 2) Th. Floumoy in Pr XVIII 50. 3) s. o. 16f. 4) ein Ausdruck Podmores (Nat. 345). Vgl. Hennig, Wunder I 234. Schwierigkeiten im Begriff des Fortlebens selbst 329 seelischen Lebens von den Grundlagen körperlichen Wachstums (Hormone!) und Funktionierens sehr schwierige Einzelfragen aufwirft, das braucht nicht erst betont zu werden. Aber der Fortschritt der Erkenntnis geschieht ja nicht selten in der Weise, daß irgendeine Tatsache festgestellt wird, die zunächst jeden Zusammenhang mit den bisher anerkannten vermissen läßt, und daß dann erst die Wege aufgesucht werden, die beide miteinander verbinden. So auch muß und wird sich die festgestellte Tatsache des Ich-Bewußtseins außerhalb des Leibes und des persönlichen Fortlebens nach seiner Zerstörung dereinst als eine der stärksten Anregungen erweisen, die Bedingungen des Zusammenhangs zwischen seelischem Geschehen und seinen körperlichen Grundlagen während des 'Lebens' besser zu verstehn, als bisher möglich war. 3. Schwierigkeiten im Begriff des Fortlebens selbst Ernster zu nehmen sind gewisse Bedenken, die sich an die Zugestehung der nackten Tatsache persönlichen Überlebens anschließen, sobald man diese in einzelnen begrifflichen Folgerungen oder besonderen Ausgestaltungen zu durchdenken versucht. - Hier muß zunächst schon der Begriff eines zeitlich-unendlichen persönlichen Fortlebens überhaupt durchaus fragwürdig erscheinen.Diese Fragwürdigkeit läßt sich (mit Barnard) etwa in folgendes Entwederoder kleiden: 'Eine nicht sich wandelnde Persönlichkeit kann nicht als ewig fortlebend gedacht werden, denn sie müßte bestehen, ohne weitere Erfahrung zu machen (Erfahrung würde sie ja wandeln); Dasein ohne Erfahrung aber ist kaum als ein Leben anzusehen. Fordern wir dagegen, daß die Persönlichkeit unsterblich und einer Ewigkeit ununterbrochen wechselnder Erfahrung unterworfen sei, so können wir nicht erwarten, daß sie immer erkennbar dieselbe bleibe. In einer unendlichen Zeit würde eine Unendlichkeit von Erfahrungen stattfinden müssen, die unausbleiblich einen unendlichen Wandel in jeder beliebigen Persönlichkeit bedingt. Der Begriff einer 'statischen', weil unveränderlichen Persönlichkeit... ist im Grunde ein Selbstwiderspruch, denn Leben setzt Wandel voraus... Wir stehen somit vor folgender Wahl: entweder wir halten alle Entwicklung an und verewigen eine Persönlichkeit, die im Augenblick ihres Todes in dieser Welt offenbar unvollkommen ist und von Wert nur mit Bezug auf ihr Leben in dieser Welt; oder aber wir müssen zugeben, daß die Persönlichkeit in ihrem ewigen Leben eine unendliche Mannigfaltigkeit von Erfährungen 330 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus durchmacht, und uns dann damit abfinden, daß sie sehr bald nicht mehr erkennbar die gleiche sein wird, die wir auf Erden kannten.'1 Baerwald vertritt verwandte Gedanken in etwas andern Wendungen: 'Das Verewigenwollen des zufälligen Einzelwesens ist nicht nur der Ausdruck einer engen Auffassung vom Weltall, nein letzteres würde durch das dauernde Weiterexistieren der Individuen wirklich klein und arm werden. Denn auf Tod und Neugeburt ruht der Reichtum und der Fortschritt des Kosmos, Tod ist 'ein Mittel, viel Leben zu haben'. Körperliche und seelische Verkalkung [und Stagnation] ist die unvermeidliche Folge eines zu langen Einzellebens. . . .Und überdies ist es der Tod des schlecht Angepaßten und das Uberleben des Passenden, das durch Selektion die Entwicklung vorwärts treibt.' Im Gegensatz zu Barnard läßt er also eine ewige Fortentwicklung des Individuums offenbar auch im Jenseits 'an den Bedingungen des Lebens scheitern'. Anderseits würde die Annahme einer sofortigen 'Verklärung' der Individuen im Jenseits ihre Identität mit den gestorbenen Individuen aufheben, 'also unserer Sehnsucht nach Fortdauer keine Befriedigung bieten'.2 Diese so geistreich gefaßten Gedanken fallen sofort in sich zusammen, wenn man sich klar macht, daß die spiritistische These an sich nichts mit dem Begriff der Unsterblichkeit, d. h. eines zeitlich ewigen einzelpersönlichen Fortlebens zu tun hat. Ja ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Angeführten diesen Begriff dem Spiritismus wirklich mit voller Überzeugung zuschreiben, oder ob nicht ein dunkles Bewußtsein der Spiegelfechterei sich hinter ihren Ausführungen verbirgt. Ich selber habe, wie der Leser weiß, das Wort 'Unsterblichkeit' nicht ein einziges mal gebraucht, vielmehr stets mit gutem Bedacht nur vom 'Überleben' gesprochen. Der Gedanke, ein 'Individuum' - 'Hansi Müller' - mit allen seelischen Zufälligkeiten, die es zu einer bestimmbaren Persönlichkeit machen, während grenzen-Ioser Zeiten 'identisch' fortleben zu lassen, hat in der Tat für mich alle Schrecken einer wesentlichen und moralischen Undenkbarkeit. Anderseits möchte ich meinen, daß eine dem Tode folgende Entwicklung, die uns nach einer gewissen Zeit bis zur 'Unkenntlichkeit' verändert zeigte, für eine sinnvolle Sehnsucht nach Fortdauer nichts Abschreckendes haben kann, ja im Gegenteil den tieferen Sinn dieser Sehnsucht erst enthüllen würde, vorausgesetzt, daß die Kontinuität 'persönlicher' Wandlung dabei gewahrt bliebe. Selbst in diesem Leben blicken wir oft mit besonderer Genugtuung auf überwundene Entwicklungsstufen zurück, in denen wir 'uns' kaum noch erkennen können: der Gedanke an den erzielten inneren 'Fortschritt' in mancherlei Hinsicht entschädigt uns reichlich für den Verlust des größeren Teils des damaligen 'Ich'; nur verlangen wir, daß die Erinnerung uns lehre, 'wir' seien es selbst, 1) Barnard 237t. 2) Baerwald, Okk. 382f. Schwierigkeiten im Begriff des Fortlebens selbst 331 die diesen Wandel vollzogen haben. Solche Willigkeit zur Wandlung können wir uns fraglos in einem künftigen Leben noch sehr gesteigert denken. Ja das Bedürfnis, innerhalb einer zusammenhängenden Entwicklung überhaupt als identisches Ich, als 'derselbe' erkennbar zu ¿leiben, mögen wir uns drüben als schließlich völlig schwindend denken; zumal weim wir den Boden einer Weltanschauung betreten, welche die Einzelwesen aus Gott oder in Gott entstehen und nach unabsehbaren Wegen der Entwicklung wiederum 'in Gott aufgehen' läßt. Setzen wir aber gar voraus, daß dieser Entwicklungsweg unter anderem auch durch mehr als ein Erdenleben führe, so könnte ja solchen 'Wiederverkörperungen' jeweils die Auflösung der 'Außenwerke' der Persönlichkeit und ihre Rückführung auf einen 'Wesenskem von Lebensstrebungen' vorausgehn. Auch dies würde einen gewissen Abbau des 'identifizierbaren Ich' im Jenseits voraussetzen, und dennoch eine wesentliche Kontinuität des Einzelnen auf seinem 'Wege durch die Unendlichkeit' bestehen lassen. Ja es könnte diesem 'Abbau' sehr wohl eine Entwicklung der irdisch-identifizierbaren Persönlichkeit im Jenseits voraus- oder gar parallelgegangen sein. Baerwald will eine solche 'Entwicklung' mit dem Hinweis auf die vorausgegangene Vergreisung des Erdenbürgers zweifelhaft machen, weil alles 'allzulange' Einzelleben der 'Verkalkung' verfalle. Aber er übersieht dabei erstens, daß im Lichte der Tatsachen, die hier als erwiesen unterstellt werden, diese Verkalkung größtenteils, und wahrscheinlich ausschließlich, auf der Abnutzung des grobstofflichen Leibes beruht; und zweitens, daß in einem jenseitigen Leben, selbst wenn wir auch dort eine 'Stagnation' des Lebens- und Wachstumstriebs für möglich halten, doch auch ihr Zeitmaß ein gänzlich andres sein müßte, den völlig veränderten Lebensbedingungen entsprechend, so daß die Möglichkeit bedeutender Entwicklungen gegeben wäre, bis zu jener Rückführung auf den ''Wesenskern', die einer Wiederverkörperung vorausginge. Der Gedanke einer sofortigen 'Verklärung' aber - (was hieße das überhaupt?) - läge einer solchen jenseitigen Entwicklungslehre natürlich gänzlich fern. Auf die etwaigen Beweise für die Tatsache einer 'Wiederverkörperung' kann hier nicht eingegangen werden; dies würde wiederum ein Buch-im-Buche erfordern. Der Belesene weiß, wie viel auch in neuerer Zeit zu ihren Gunsten beigebracht worden ist. Ganz abge9ehn von Rochas' umstrittenen Versuchen der hypnotischen 'Rückschraubung' des Erinnerns über den Zeitpunkt der Geburt hinaus1 handelt es sich um die immer wieder berichteten Fälle, in denen Kinder behaupten, 1) Rochas, Leben. 332 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus sich eines Lebens in genau beschriebener Umgebung bei bestimmten Personen als ihren damaligen Eltern zu erinnern, und in denen diese Erinnerungen nachgeprüft und bestätigt werden.1 Ich will zu alledem hier nicht Stellung nehmen und nur die eine Bemerkung machen: daß ich bisher noch in keiner der einschlägigen Arbeiten die ehrliche und wirklich befriedigende Lösung der größten Schwierigkeit gefunden habe, die aus solchen Feststellungen entspringt: nämlich der Vereinigung der beiden Erbgänge, die im Falle einer sich wiederverkörpernden Seele zur Deckung gebracht werden müßten: der soz. physiologischen Erbschaft von den Eltern des neuen Menschenwesens und der 'Erbschaft', die jene Seele aus ihrer eigenen Vergangenheit mitbrächte. Hier liegen vielleicht sehr tiefe und fruchtbare Probleme verborgen; doch können sie, wie gesagt, jetzt nicht weiter behandelt werden. Ich will nur bei dieser Gelegenheit betonen, daß für den 'bloßen' Spiritisten als solchen die erbliche Bestimmung des Einzelnen durch seine Eltern nicht ohne weiteres eine Denkschwierigkeit bedeutet: ihm könnte ja die Annahme genügen, daß der später überlebende Teil sich erst während des neuen Lebens ausbilde, und zwar unter mindestens teilweiser Beeinflussung durch die Entwicklungsantriebe, die in der Erbmasse der Eltern enthalten sind. Im übrigen scheint mir Hill mit Recht zu vermuten, daß ein bloßes Überleben des Todes überhaupt meist auch das sei, was die Menschen unter 'Unsterblichkeit' verstehen. 'Sie sehnen sich in der Regel nicht nach endlosen Zeiträumen des Daseins oder plagen sich mit der Metaphysik der Zeit. Nein, sie wünschen bloß soz. eine Ausdehnung des gegenwärtigen Zustands; irgendeine Gewißheit oder Hoffnung, daß der Tod nicht äußerste Finsternis und Vernichtung bedeute.'2 Gerade aber, wenn schon dieses richtig ist, dürfen wir vermuten, daß wenn die Zeit zu der 'Rückführung auf den Wesenskern' als dem gründlichsten Wandel im jenseitigen Dasein gekommen wäre, auch das Verlangen nach Fortbestand des empirisch-identischen Ich geschwunden sein werde; oder daß jener gründlichste Wandel nicht eher eintreten werde, als bis dies Verlangen abgestorben ist. Jeder Wiederverkörperungsglaube setzt ja letztlich nicht bloß voraus, daß dem Einzel-Ich eine 'Auflösung in Gott' bevorstehe, sondern auch, daß diese Auflösung der Gegenstand seines tiefsten Verlangens werden wird, selbst wenn es nicht schon hinieden den Sinn des religiösen Urtriebs gebildet hat.3 - 1) Ein vorzüglich beurkundeter Fall bei Hearn 267 fl. Eine Zusammenstellung mehrerer z. B. bei Shirley. 2) Hill, Invest. 14. 3) Neben allem obigen ist schließlich auch noch der Gedanke eines 'zweiten Todes' in Jenseits zu erwägen (s. z. B. Barrett, Threshold 287). Auch d'Assier lehrte in eigenartiger Weise ein in jedem Falle nur kurzes Überleben. Schwierigkeiten im Begriff des Tortlebens selbst 333 Eine Einzelfrage freilich drängt sich in diesem Zusammenhang gleich noch auf, die man gewiß auch zu den allgemeinen Schwierigkeiten des Jenseitsglaubens zählen kann. Ich meine die Frage, auf welcher ' A l t e r s s t u f e ' denn die Abgeschiedenen die 'persönlich-identischen' Abschnitte ihres jenseitigen Lebens verbringen. Bleibt - um nur die Grenzfälle zu nennen - ein verstorbenes kleines Kind oder gar Ungeborenes durch lange Zeiten in diesem geistigen Puppenstande? Tappen geistig erstarrte Greise ebenso lange in dieser beklagenswerten seelischen Verfassung dahin? - Ich kann auch hier keine unüberwindlichen Schwierigkeiten, ja nicht einmal schwer überwindliche sehen. Die einhellige Behauptung der Jenseitigen selbst in dieser Frage besagt, daß allzu früh Entschlafene sich weiter entwickeln bis zur Erreichung der V o l l r e i f e , daß aber an Jahren weit Vorgeschrittene auf etwa die gleiche Stufe der Vollreife z u r ü c k k e h r e n , die demnach als die normale 'Altersstufe' der Jenseitigen anzusehen wäre. 'Wir wachsen auf bis zu 30', sagt einmal David Duguid', 'und wir gehen zurück auf 30.'1 Ja der lebende Dr. Hodgson gründete sogar ein spiritistisches Argument auf die Tatsache, daß als Kinder Gestorbene nicht entsprechend dem Erinnerungsbilde der Überlebenden 'auftreten', sondern eben als Herangewachsene.2 Ist diese allgemein vertretene Lehre so unglaubwürdig, daß es nicht lohnt, ihren Denkbarkeiten nachzusinnen? Ich meine eher: die Gründe zu ihren Gunsten liegen auf der Hand, sobald wir uns über die Anschauungen des mechanistischen Physiologismus erheben. Natürlich: steckt die gesamte Triebkraft der Entwicklung in den physikalischchemischen Spannungen des Keimes, die sich während des Wachstums, allenfalls unter Mitwirkung äußerer Reize, 'entladen', und ist die Entfaltung des 'Geistes' n u r Ausdruck einer funktionellen Entwicklung des Gehirns unter den Reizen der Erfahrung, so muß mit der Zerstörung des stofflichen Leibes auch jedes weitere Wachstum der Persönlichkeit abgeschlossen sein. Stellen wir uns aber (wie wir hier logischerweise dürfen) auf den Boden metapsychischer, ja spiritistischer Voraussetzungen, wonach diesem Wachstum letzten Endes eine individualisierte 'Entelechie' zugrundeliegt, vielleicht gar eine, die das Ergebnis vorgeburtlicher Entwicklung, den Wesenskern vergangener Leben darstellt; eine 'potentielle Persönlichkeit', die sich zu 'aktualisieren' strebt, - unter solchen Voraussetzungen stellt sich alsbald die Frage: wann denn eine solche Aktualisierung zu vorläufigem Stillstand zu kommen geneigt sein werde? Offenbar, wenn sie die Gipfelleistung ihres 'Span- 1) Sims 42. Vgl. allg. Doyle, Revel. 97; Pr XVIII 261 IT. XXXII 13; Allison 288; Barker 37. 40. 2) Pr XIII 383 ff. 334 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus nungspotentials' erreicht bat: wenn jene potentielle Persönlichkeit die ihr wesentlich bestimmte und mögliche Vollreife erlangt hat, ihre leibliche Selbstdarstellung oder 'Inkarnation' bis zum bezweckten Höchstzustand vollzogen hat Was dagegen wird den wiederbeginnenden Abstieg dieser Inkarnation bedingen? Ein Erschlaffen der "Entelechie', des 'Geistes' im Menschen? Oder aber die physiologisch bedingte Abnutzung des fleischlichen Leibes, welche die Pathologie des Alterns uns verstehen lehrt? Die Antwort kann für den Metapsychologen nicht zweifelhaft sein. Aus ihr aber folgt auch, daß während der Abnutzung des Leibes die Entwicklungsstufen von 'innerem' und 'äußerem' Menschen, die sich bisher einander genähert, nunmehr sich wieder von einander zu trennen beginnen; daß also der 'innere Mensch', während des aufsteigenden Lebens 'älter' als der 'äußere', nunmehr 'jünger' als dieser zu sein beginnt. - Nehmen wir aber weiter an, daß der ins Jenseits Übergetretene entweder in einer 'feineren' Leiblichkeit fortlebt oder sonst irgendwie sich eine 'phantomale Erscheinung' schafft,1 - welcher Entwicklungsstufe seines inneren Menschen wird diese, jedenfalls nicht im physiologischen Sinne abnutzbare, zu entsprechen scheinen? Offenbar der Stufe der 'Reife', d. h. der vollendeten Inkarnation der Entelechie. Der hier angedeuteten Ansicht kommen aber auch alle Beobachtungen zuhilfe, die uns 'unter' der sich (normal oder krankhaft) verändernden 'wachen' Persönlichkeit ein irgendwie überlegenes seelisches Kerngebilde (also nicht bloß beliebige 'unterbewußte' seelische Bestände) wirksam zeigen; also z.B. 'unter' zerrüttetem Seelenleben ein gesund verharrendes Ich, das etwa eine geistesklare 'Führung' durch 'automatische' Eingriffe ausübt: ungewolltes Schreiben eines Arms, 'gehörte' Anweisungen u.dgl.m.! Hierher gehört vielleicht z.T. auch das seltsame, von älteren Schriftstellern mystischer Richtung vielfach ausgeschlachtete Klarwerden Geistesgestörter vor dem Tode; ein Problem, das ich indessen nicht aufrollen will, da der naheliegenden metapsychologischen Deutung doch mancherlei Schwierigkeiten entgegenstehen und es an rein physiologischen, wenn auch nur mutmaßlichen Erklärungen nicht eben fehlt. Immerhin sollten wir uns in diesem Zusammenhang die seit Swedenborgs Zeiten3 von Jenseitigen und Jenseitssehern immer wieder aufgestellte Behauptung merken, daß geisteskranke Verstorbene ihr gesundes Seelenleben zurückerlangen. Einer, der in vorübergehender Geistesstörung sich selbst entleibt hatte, berichtet, er habe zunächst drüben 'im Augenblick nicht gewußt, wo [er] war: ich fühlte mich nur sonderbar und freier,... mein 1) Ich komme aul diese Frage bald noch zurück. 2) Vgl. Mattiesen 83 ff. 111 ff. 257f. 3) s. z. B. Tafel II 277. Schwierigkeiten im Begriff des Fortlebens selbst 335 Kopf war leicht,... meine Gedanken klärten sich, als ich bemerkte, daß ich meinen natürlichen Leib verlassen hatte.'1 Und noch eins. Die hypnotis tische Beobachtung hat auch akademische Forscher zu der seltsamen Ansicht geführt, daß eine wirkliche Wiedererweckung früherer Lebens zustände möglich sei. Krafft-Ebing suggerierte z. B. einer 33 jährigen Dame, sie sei 7 Jahre alt. "Nicht nur sind Mienen, Gesten, das ganze Gebaren, der intellektuelle und gefühlsmäßige Bestand der eines siebenjährigen Kindes, . . . nicht nur stimmen die Resultate bei öfterer Wiederholung des Versuches durchaus mit einander überein, sondern es wird auch die Identität der so geschaffenen Persönlichkeiten mit den wirklich einst gewesenen in allen Einzelumständen, auch hinsichtlich der Schriftzüge, festgestellt. Besonders eindrucksvoll war das bis zu kindlichem Weinen sich steigernde Befremden der zum siebenjährigen Kinde Gewandelten über das so veränderte Aussehen der Mutter, die bei dem Versuche anwesend war. Das Gebotene war so plastisch, so natürlich und empirisch wahr, zugleich so improvisiert, daß es, als Neuschöpfung aufgefaßt, eine schauspielerische Leistung dargestellt hätte, deren kaum die genialste Künstlerin von Beruf, geschweige eine Persönlichkeit von so geringem schauspielerischen Talent, wie Frl. P., fähig wäre.'2 Man übersieht sogleich die natürliche Verwandtschaft solcher Beobachtungen mit dem hier vermutungsweise über das 'Alter' der Jenseitigen Gesagten. Eine in der irdischen Ich-Entwicklung, also auch im Vorgang des Alterns, ja Vergreisens überholte Altersstufe besteht als Möglichkeit in uns fort und kann selbst im Leibe durch geeignete Mittel von neuem verwirklicht werden. Dies macht es glaublicher, daß auch der Tod eine Altersstufe von neuem verwirkliche, die 'vom Standpunkt der Entelechie aus' als die normale und 'naturgewollte' des Betreffenden erscheinen muß. Die Persönlichkeit gliche einer seelischen 'Zwiebel', deren innere Schichten unter Umständen bloßgelegt werden können; und falls, wie Rochas ja behauptet hat, diese Bloßlegung experimentell sogar über den Zeitpunkt der jeweiligen Geburt und Zeugung hinaus möglich wäre, so gewänne unsre augenblickliche Betrachtung einen überraschenden Anschluß an die - ja immer soz. im Hintergrunde der spiritistischen Behauptung lauernde - Wiederverkörperungslehre: der erste Zustand des Alt- Gestorbenen im Jenseits entspräche einem gewissen Abbau der seelischen 'Zwiebel'; ihr völliger Abbau aber träte erst ein, wenn der 'entelechische Antrieb' persönlichen Überlebens sich erschöpft hätte und somit jenes *Kenigebilde' des Ich sich enthüllte, das entweder zu neuer Verkörperung schritte oder aber berufen wäre, durch gänzlich neuartige Stufen der Wesensentfaltung seinen Weg 'auf 1) 'F. A. M.' in Pr XIV 17. Vgl. Perty II 160 und Spir. 291. 2) bei Vogl 2371. 336 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus Gott zu' fortzusetzen, durch jene 'Sphären' des Geisterreichs hindurch, die - nach seiner übereinstimmenden Selbstdarstellung - zwischen der Sinnenwelt und dem Herzen der Welt sich ausspannen. Zusammenfassend kann ich also keineswegs finden, daß die Frage des 'Alters der Geister' der spiritistischen Lehre Schwierigkeiten bereitet, die alle ihre Erfahrungsbeweise im entferntesten aufwiegen; mehr aber war ich ja nicht verpflichtet, hier zu beweisen. - Ich schließe die Erörterung einer Schwierigkeit an, die ich zwar nirgends ausgesprochen gefunden habe, von der ich mir aber denken kann, daß sie unausgesprochen Manchen an der vollen Würdigung spiritistischer Beweise hindert. Sie bezieht sich auf die Zahlen Verhältnisse der Bewohner des Dies- und des Jenseits. - In jeder Stunde sterben gegenwärtig schätzungsweise 3000 Menschen auf der Erde. Diese Zahl muß gewaltigen Wandlungen unterlegen haben, denn die Bevölkerung unsres Weltkörpers hat in geschichtlichen Zeiten sehr bedeutend zugenommen. 1 Ist die Bevölkerung des Jenseits entsprechenden Schwankungen unterworfen? Oder vielmehr: nimmt sie außerordentlich viel rascher zu, als die Bevölkerung der Erde je gewachsen ist, sofern doch diese sich nach Geschlechterfolgen mißt, jene aber nach 'Geistergenerationen', d. h. nach der vermutlich sehr viel längeren Dauer des Fortlebens i d e n t i f i z i e r b a r e r Persönlichkeiten im Jenseits? Die Verlegenheiten dieser Fragestellung wachsen offenbar, wenn wir die Wiederverkörperungslehre als wahr unterstellen und mit der des Überlebens verknüpfen, wenn wir also annehmen, daß jeder neugeborene Erdenbürger soz. aus dem Jenseits stammt; denn würde ein solcher Kreislauf der Wesen nicht fordern, daß die Bewohnerzahl von Dies- und Jenseits einigermaßen die gleiche sei und - bleibe? Ich glaube, daß auch diese Verlegenheiten sich bei genauerem Nachdenken verflüchtigen, zumal wenn wir unsre Unwissenheit in allen dabei beteiligten Grundvoraussetzungen in Rechnung stellen. Setzen wir die Möglichkeit der Wiederverkörperung beiseite, nehmen also eine Neuentstehung von Seelen an (aus irgendeinem seelischen Grundbestande, und etwa gleichzeitig mit der Zeugung des Einzelwesens), so erscheint allerdings die Folgerung unabweislich, daß im Verlauf der Erdenzeit die Zahl der Jenseitsbewohner sehr stark anwächst. Indessen - warum sollte sie nicht? Müssen wir befürchten, daß eines Tages das Jenseits keinen Raum mehr für seine Insassen haben werde? Dafür läßt sich nicht der geringste Grund erdenken. Überdies gäbe es auch dann eine feist sichere Möglichkeit zahlenmäßiger Verminderung: die 'Fort- 1) Nach statist. Berechnungen allein von 1910-26 um 250 MiU. Schwierigkeiten im Begriff des Fortlebens selbst 337 entwicklung' der Übergetretenen durch die 'Sphären' hin, also das, was man den 'Abgang auf Gott zu' nennen könnte. Aber auch die, wie gesagt, schwierigere Voraussetzung, die Wiederverkörperungslehre, stellt uns nicht vor unüberwindbare Verlegenheiten. In diesem Falle fände ein Abgang aus dem Jenseits auch nach der Seite des Diesseits zu statt, und daß er dem Zugang vom Diesseits her jederzeit vollkommen entsprechen werde, ist natürlich nicht anzunehmen. Die zu erwartenden Unter- oder Überschüsse nötigen uns also zu Annahmen über ihren möglichen Ausgleich. Eine solche Hilfsannahme, und zwar nach meinem Gefühl die 'gezwungenste', würde Wiederverkörperungen auch nach andern Weltkörpera hin, oder von ihnen her, stattfinden lassen; eine zweite wiederum den 'Abgang auf Gott zu,' oder die völlige Neuentstehung von Wesen 'aus' ihm; eine dritte würde auf die sehr wahrscheinlichen Schwankungen in der Länge der Jenseitsentwicklung hinweisen, welche die zur Wiederverkörperung bestimmten Seelen durchzumachen hätten; eine vierte auf die Denkbarkeit endgültigen Zerfalls von Entelechien, des 'Versickerns' von Wesen, ihrer Auflösung in 'mind-stuff, ihrer 'Verschmelzung' mit andern Wesen, - oder was weiß ich sonst. - Solche Hilfsannahmen leisten schon Beträchtliches, und wir können keineswegs sicher sein, daß sie die einzig verfügbaren sind. In jedem Falle muß uns unsre Unwissenheit in allen Fragen menschlicher Eschatologie durchaus warnen, aus so dunkel erschaubaren Schwierigkeiten jenseitiger Art einen wirklichen Einwand gegen sichere Erfahrungswahrheiten ableiten zu wollen, wie die spiritistische Lehre eine darstellt - Ich weiß nicht, ob ich anschließend eine weitere Schwierigkeit darin finden soll, daß für den Spiritisten nun noch die Frage entsteht, ob auch den Tieren (oder doch den sog. höheren) ein Fortleben nach dem Tode zuzugestehen sei. (Der Spiritist ist es ja gewohnt, daß ihm, sobald er seine Überzeugung äußert, allerhand Fragen wie Pistolen auf die Brust gesetzt werden; als ob seine Fähigkeit, über jede Einzelheit des unsichtbaren Lebens Auskunft zu geben, auch über die Wahrheit seiner Grundlehre entschiede.) Ich habe an mehreren Stellen des Buches Tatsachen erwähnt, die für die Entscheidung dieser Frage Bedeutung zu haben scheinen.1 Ich will auch gern gestehn, daß ich persönlich nichts dagegen hätte, die Frage für die 'höheren' Tiere, ja selbst für alle Wesen mit irgendwelchem Innenleben zu bejahen. Doch kann ich nicht finden, daß die Art der Antwort für unsre Stellungnahme in der spiritistischen Hauptfrage 1) I 17011. 222; II 4021.; o. S. 27611. Vgl. ferner Pr X X X 48711.; X X X I I 46IT.; V I I I 130; Thomas, Lile 135. M a t t i e a e n , Das persönliche Überleben III 22 338 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus von irgendwelcher Bedeutung ist. Es handelt sich eben hier um eine Sonderfrage, die ihrerseits nur durch Beobachtungen und Schlüsse daraus zu beantworten ist. Daß sie ganz andren Bedingungen der Lösbarkeit unterliegt, als jene Hauptfrage, ist ohne weiteres klar; die 'sprachlosen' Tiere versagen uns ja eins der wichtigsten Mittel der 'Identifizierung': die Aussage über Erinnerungen. Es ist daher jedenfalls methodisch richtig, die Frage des Überlebens von Einzelwesen zunächst dort anzugreifen, wo die Bedingungen ihrer Lösung die günstigsten sind: beim Menschen. Wer aber meint, diese Entscheidung werde irgendwie beeinflußt von der Entscheidung, ob Tiere überleben oder nicht, der gebe uns erst Gründe für diese Meinung an. Ich selber sehe keine, solange die Frage der seelischen Verwandtschaft von Mensch und Tier nicht restlos geklärt ist. 4. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt Wenden wir uns nunmehr den eigentlichen Fragen nach Wesen und Art des Jenseits selber zu, in deren Nähe uns die vorstehenden Überlegungen schon mehrfach führten, so stehen wir damit vor einer der wirksamsten aller 'allgemeinen Denkhemmungen', auf die der Spiritist bei seinem Gegner stößt Die Frage, wie denn 'die Geisterweit aussehe', wird ihm zumeist mit besonderem Nachdruck 'auf die Brust gesetzt'; deutet er aber gar an, was er darüber zu wissen glaubt, so hat er erst recht verspielt. Denn es sind vor allem die Schilderungen des Jenseits, die dieses selbst uns liefert, was seinen Anspruch auf Wirklichkeit widerlegen und damit auch die um alles Vertrauen bringen soll, die über das Wie ihres Überlebens nichts Besseres aufzutischen haben als solchen 'offenbaren Unsinn'. Diese Schilderungen sind ja bekanntlich größtenteils von einer verblüffenden Anschaulichkeit, und eben gegen diese wendet sich der Zweifel des Animisten. Denn ein 'Geisterreich' müßte doch gänzlich wirklichkeitferne Unfaßlichkeit besitzen. Es ist in hohem Grade mißlich, daß ich diese Fragen nur noch flüchtig besprechen darf. Daß sie eine äußerst eingehende Behandlung verdienen, ist mir ebenso gewiß, wie daß eine solche nicht mehr lange auf sich warten lassen wird: das liegt gewissermaßen 'in der Luft'; wie ja stets die Lage einer Forschung gewisse Fragen und Lösungen in der Luft liegen läßt. Indessen würde diese Aufgabe einen starken Band für sich erfordern, während ich mich, am Ende meines langen Weges, auf knappen Raum beschränkt finde. Ich will also nur in Umrissen die empfange Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 339 nen Schilderungen des Jenseits (durch seine Bewohner selbst) zusammenfassen und dann in Kürze etwas zu ihrer Deutung sagen, und damit zugleich über die Schwierigkeiten, die der Gegner hier zu finden glaubt. Die Quellen, die ich dabei benutze, wähle ich etwas willkürlich und halb zufällig aus sehr reichen Beständen aus, entsprechend der durchaus vorläufigen Natur der nachfolgenden Darlegungen. Erst eine künftige 'Jenseitskunde' wird mehr oder minder den ganzen verfügbaren Stoff zu verarbeiten suchen und dabei natürlich mit einer 'Kritik' der Einzelquellen beginnen müssen, zu der hier nur geringe Ansätze geboten werden. Seit Swedenborgs Berichten über angeblich Selbstgehörtes und -gesehenes - ex auditis et visis - hat die Zeit der deutschen 'Somnambulen' einiges Einschlägige geliefert (was hier jedoch übergangen wird), und erat seit A. J. Davis und W. St. Moses haben uns vor allem angelsächsische Medien eine reiche Ernte an Jenseitsschilderungen Verstorbener beschert. Nur aus diesen wähle ich die zu verwertenden Einzelheiten aus, um ein ungefähres Bild des ziemlich übereinstimmend Behaupteten zu gewinnen und daran die Frage seiner Deutbarkeit und Glaublichkeit zu knüpfen. Dagegen lasse ich alles beiseite, was in religiösen oder geheimwissenschaftlichen Gemeinschaften über das Wesen des Jenseits gelehrt wird, sofern es von körperlich Lebenden auf Grund besondrer Erkenntniskräfte erschaut sein soll. Eine künftige Jenseitskunde wird natürlich auch diese Behauptungen zu einem abschließenden Vergleich heranziehn; einstweilen aber besteht für uns immerhin der Unterschied, daß die Wahrheitsansprüche solcher Lehrer für den Unbeteiligten schwerlich nachprüfbar sind, während die angeblichen Schilderungen Jenseitiger voraussetzungsgemäß von solchen ausgehen, die selbst erlebt haben, was sie beschreiben; so daß nur etwa die Zuverlässigkeit jener Voraussetzung zu prüfen bleibt, also der 'Geisterstand' der Schildernden. Eine Ausnahme von der obigen Regel habe ich denn auch nur zugunsten Swedenborgs gemacht, dessen Ansprüche auf eigenes Gesehen- und Erlebthaben mit besonderem Nachdruck geäußert werden;1 aber auch diese Heranziehung begnügt sich mit Hinweisen auf die bei ihm zu findenden Seitenstücke zu Angaben Jenseitiger selbst. Daß dieser Parallelismus so weit geht, als unter Berücksichtigung der leicht vermutbaren Fehlerquellen zu erwarten und zu fordern ist, wird man kaum leugnen können.2 Der Übertritt ins Jenseits erfolgt also, wie wir hören, oft durch eine gewisse Zeit der 'Verdunkelung oder Bewußtlosigkeit' hindurch, oder 1) S. z . B . Swedenborg § 46. 74. 4401. u. ö. 2) Deshalb braucht noch nicht an eine Beeinflussung der jüngeren Quellen durch die ältere gedacht zu werden. (Vgl. Myers II 219.) Ich komme auf diese Frage zurück. 22* 340 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus doch der Benommenheit in einem 'schlafumfangenen Frieden an einem Orte gedämpften Lichtes'. Dieser Zwischenzustand dient zugleich als 'erfrischender Schlaf', der neue geistige Kräfte schenkt; es finden in ihm aber auch Träume statt, in denen Bilder aus dem verflossenen Erdenleben aufsteigen, beseligende oder beklemmende.1 Diese Angaben finden, wie ich im Vorübergehn bemerken will, ihre klärenden und bestätigenden Seitenstücke in der Psychologie der Lebenden: sie erinnern an die 'Synkopen' zwischen Zuständen alternierender Persönlichkeiten und an die gelegentliche 'panoramatische Lebensschau' im Augenblick des Sterbens oder einer Todesgefahr.2 - 'Erwacht' der Verstorbene dann endgültig, so findet er sich in einem gestalteten Leibe wieder, einem 'astralen Ebenbilde des stofflichen Körpers', wie 'George Pelham' es einmal ausdrückt, einem 'ätherischen' oder 'geistigen Leibe', wie andre ihn nennen.3 Dieser Geistleib ist, wie schon oben besprochen, 'jünger' im Falle älterer Personen, oder hat doch die Neigung, mit der Zeit die Form der ersten Lebensreife anzunehmen, während er im Falle Frühverstorbener auf diesen Reifezustand 'allmählich zuwächst und dann haltmacht.' In jedem Fall 'offenbart er den wahren Menschen', den 'geistigen Zustand', so daß er schon deshalb auch bei jugendlich Verstorbenen, aber seelisch Vorgeschrittenen die Form der Reife zeigt.4 - Da er einem rein geistigen Leben dient, fehlen ihm die Organe der Fortpflanzung und Schwangerschaft (soll doch überhaupt die Geschlechtertrennung drüben allmählich schwinden) sowie der Verdauung und Einverleibung von Nahrung. Gleichwohl wird dem Geistleibe etwas der Ernährung wenigstens Ähnliches zugesprochen, indem erneuernde Kräfte unablässig in ihn einströmen: 'wir atmen soz. unsre Nahrung ein', wie 'Etta Thomas' einmal sagt, - gewisse 'kosmische Strahlen', wie 'Myers' es nennt; und zwar nicht durch Atmungsorgane, sondern mit dem 'ganzen Organismus', der dadurch 'unterhalten und mit Leben neu geladen' wird.5 - Ebenso haben auch die Jenseitigen ihre Zeiten der Ruhe und Erholung, die unsrem Schlafe ähneln; und dieser Schlaf wird bald als 'völlige Empfindungslosigkeit', ja als 'immer traumlos' bezeichnet, bald als nur teilweise Verdunkelung des Bewußtseins.6 - Von Krankheiten ist der Geistleib notwendigerweise frei; doch folgt die erinnernde Vorstellung ehemaliger leiblicher Leiden den Verstorbenen zuweilen ins Jenseits und erzeugt dann in 1) Pr XIII 301; XXI 192. 203; XXIII 152; JSPR XVII 172f.; ZpF 1929 158; HUI, Invest. 2571.; Cummins I 38; II 29; Swedenborg § 462. (Alle folgenden Belege sind nur Einzelbeispiele aus zahlreichen verfügbaren.) 2) S. Mattiesen 179. 757; 106fT. 3) Pr XIII 301; XXVIII 384; Thomas, Life 108. 247ff.; Barker 24; Findlay 124. 4) Thomas, Life 108; Amicus 37f.; Owen I 62; Swedenborg § 363. 457. 5) Amicus 36. 39. 47; Cummins II 35f.; Thomas 111; Pr XI 88; Findlay 123. 6) Amicus 38; Thomas, Life U l f . ; Barker 37; Julia 7. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 341 ihnen vorübergehend etwas dem früher Erlittenen Ähnliches, zumal bei der Annäherung an ein Medium, also an die Welt der Körperlichkeit.1 - Im Zusammenhang mit früher Gesagtem mag auch die Angabe bedeutsam erscheinen, daß der Geistleib 'lichthaft' ist - 'Geister sind ganz Licht', sagt 'Phinuit' einmal -, was ja im Grunde der Aussage entspricht, daß Geister in den Lebenden deren 'Geist' an seiner Lichthaftigkeit erkennen; was ihnen, wie wir wissen, das Auffinden des besonders lichthaften Mediums erleichtert.2 Die Bewohner des Jenseits erscheinen sich selbst 'bekleidet', und zwar auf sehr mannigfaltige Weise.3 (Wobei wir uns erinnern, daß auch im irdischen Leben Exkurrierende sich fast niemals nackt erscheinen.) - Ihre Fortbewegung geschieht auf verschiedene Art: entweder 'mit den Füßen' auf anscheinend 'festem Grund und Boden' (durch den sie aber, sobald sie 'wollen', 'hindurchsinken können'), und zwar mit großer 'Schönheit des Gleichgewichts und der Bewegung'; oder sie 'gleiten' (etwa wie der Lebende im Traum), ohne daß die Füße den Boden berühren, durch die Luft; und auch hier wird uns gelegentlich diese 'weiche, anmutig gleitende Bewegung' als 'voll Ruhe und edler Würde und Kraft' geschildert. Nur bei sehr großen zu durchmessenden Entfernungen soll die Bewegung - und zwar durch den bloßen Willenzur- Ortsveränderung - soz. mit Gedankenschnelle vor sich gehen.4 Hiermit ist bereits ausgesprochen, daß die Jenseitigen in einer 'räumlichen' Welt zu leben glauben, und zwar in einer der irdischen ebenso ähnlichen, wie ihre Körperlichkeit der unsrigen ähnelt. Sehen wir von gelegentlichen Aussagen ab, daß etwas wie eine vierte Dimension im Jenseits bestehe, so daß seine völlig zureichende Beschreibung unmöglich sei,5 so ist die überwiegende Masse aller Schilderungen des zunächst erreichten Zustands mit dem Wesen der Räumlichkeit geradezu getränkt, ja mit dem einer erdenhaft erfüllten Räumlichkeit. Unsre Welt, sagt 'Etta Thomas' einmal zu ihrem Bruder, 'ist ein Ort wie die Erde auch und sieht ebenso aus.' 'Es wäre nicht richtig, die Erde als eine körperliche Welt zu beschreiben und die unsrige als das geistige Leben. Denn i h r könnt das Geistige auch auf eurer Erde haben, und wir haben sicherlich viel vom Körperlichen in unsrer Welt.'6 Um gleich ein Beispiel hierfür zu geben: man lebt auch drüben zunächst in Häusern; ja das erste, WEIS der Neuankömmling erlebt, ist, daß man ihm hilft, ein Heim zu wählen. Doch sind weder die Mühen der Haushaltung so umständlich wie auf Erden noch auch die Zwecke der 1) Thomas 107. 127; Pr XXIV 221; ZpF 1929 1 58. 2) Pr XI 93; XIV 18. 37; XVI 313; o. II 291f. 3) Barker 30; Thomas 156. Auch diese Kleidung dem inneren Zustande 'entsprechend': Swedenborg § 178. 4) Thomas 128; Barker 241.; Pr XI 88; ZpF 1929 159; Owen I 143. 5) Owen I 2: what you call a fourth dimenslon does exist here, in a way. 6) Thomas 127. 342 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus Behausung die gleichen. Einer freilich hegt darin, ein Heim zu haben, worin man mit seinen Freunden oder mit Fremden gesellig zusammenkommt. 1 Andre werden in folgender Schilderung eines Hauses angedeutet: Dieses 'ist viereckig, und doch sind der Wände nicht bloß vier, noch stehen sie in [rechten] Winkeln zu einander. Auch sie gehen in einander über, und die äußere und innere Atmosphäre vermischen sich durch sie hindurch. Diese Wände sind nicht zu unsrem Schutze da, sondern zu andren Zwecken, und deren einer ist es, unsre Schwingungen zu verdichten, sie in ihrer Versendung nach entfernten Gegenden auszurichten, wo unsre Hilfe benötigt und gewünscht wird. Auf gleiche Weise auch erreichen wir die Erde und erfühlen, was ihr dort tut, und senden euch Worte der Belehrung oder Hilfe... Hierher auch steigen die Bewohner höherer Sphären herab [worüber später mehr] und werden vermittelst dieser Häuser und andrer vorbereiteter Einflüsse für uns fühlbar, so daß wir mit ihnen Umgang haben können... Von diesem Hause aus spenden wir denen Kraft, die von Zeit zu Zeit aus den niederen Sphären uns zugesandt werden, so daß sie während ihrer Anwesenheit unter uns die Bedingungen unsrer Sphäre ohne starkes Unbehagen ertragen, sich mit uns unterhalten, uns sehen und hören können, was ihnen sonst unmöglich wäre.'2 Diese Bauten sind von der größten Mannigfaltigkeit in Bezug auf Maße, Ausstattung, Stil und Schmuck. Besonders diejenigen, die dem Unterricht und der geistigen Fortbildung der Jenseitigen dienen, werden uns oft mit erstaunlichen Einzelheiten geschildert, worunter Bäder und Musikzimmer fast die geringsten sind. Ein solches Gebäude, dreiflügelig errichtet von einem frommen Denker, der im Erdenleben ein einfacher Verkäufer in einer Tuchhandlung gewesen war, ist aus 'undurchsichtigen Kristallblöcken geschichtet, deren jeder einen großen Gedanken . . . enthüllt und offenbart', und längs des Frieses, der die Wände von der Kuppel darüber trennt, erscheinen bekannte Bibelworte in schillernden Buchstaben. Die einzelnen Flügel des Baues dienen der religiösen, der philosophischen und der naturwissenschaftlichen Belehrung. 3 Solche Bauten stehen bald einzeln in 'Landschaften', bald bilden sie Bestandteile geschlossener Siedlungen wechselnden Umfangs. Die jenseitige Landschaft wird meist in lieblichen, ja berückenden Bildern beschrieben: leuchtend, satt in den Farben, bäum- und wiesenreich, sanft hügelig, stromdurchschlängelt; zuweilen wieder offenbart sie ausgesprochen 'heroischen' Gebirgscharakter. Dabei sollen bemerkens- 1) Thomas 153. 157; Swedenborg § 184. 2) Owen II 76f. 3) Owen I 13; Amicus 74 f. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 343 werter Weise, wenigstens nach gelegentlicher Aussage, die entfernten Gegenstände keine perspektivische Verkürzung zeigen - 'die Perspektive war buchstäblich verwandelt' -; auch waren alle Einzelheiten dieser Landschaft von allen Seiten gleichzeitig sichtbar! - eine Besonderheit, die der Wahrnehmung von Gegenständen im Jenseits überhaupt nicht selten zugeschrieben wird: sie werden als Ganzes, von allen Seiten gleichzeitig 'erfaßt', - eine theoretisch vielleicht andeutungsreiche Angabe. Auch die Siedlungen sind, wie gesagt, von sehr wechselnder Größe: zuweilen bloße Häusergruppen, etwa an den Fuß eines mächtigen Baues von tiefer Bedeutung hingeschmiegt, zuweilen 'Städte', zwar nicht von Mauern, aber von 'Wachttürmen' umgeben, die u. a. der Bewillkommnung Herannahender dienen; denn Straßen führen von diesen Ortschaften in die Weite hinaus. Selbst ein 'London' soll es drüben geben: 'aber es ist nicht euer London.' Auch ganze Gegenden verbinden sich gleichsam zu geographisch-politischen Einheiten, in denen die Angehörigen irdischer Völkerschaften sich neuerdings zusammenfinden können. 1 Dabei wird uns gesagt, daß nicht Blutsbande drüben in jedem Falle die Menschen zusammenführen, sondern vor allem seelische Verwandtschaft. Soll es doch sogar 'Gruppen' von zwanzig, hundert, tausend Seelen geben, die alle 'von einem Geiste genährt werden'; Gruppenseelen, deren Glieder ihr Inneres, ihre Erinnerungen und Erfahrungen in immer steigendem Maße einander nach- und miterleben.2 Der tätige Lebensinhalt der Jenseitigen ähnelt in manchem dem der Irdischen, weicht aber natürlich im allgemeinen und vor allem seinem Sinne nach sehr bedeutend von diesem ab; denn der irdische Kampf um Reichtum, Genuß und Macht liegt ja abgeschlossen dahinten, und an seine Stelle sind Strebungen der inneren Entwicklung religiös-sittlicher Art getreten. Wir hören von solchen, die nur Botengänge zu tun haben oder Gärten bauen; andre dagegen geben sich geistigen Berufen hin, wirken als Erfinder oder Forscher, als bildende Künstler aller Art, als Dichter oder Musiker. Gerade der letzteren Kunst wird immer wieder eine bedeutende Rolle zugeschrieben, und wir hören nicht nur von Singenden, sondern auch von Musik, die unauffindbaren Quellen entströmt, von keinem bestimmten Punkte herzukommen scheint und soz. einen 'Teil der Atmosphäre' ausmacht.3 Aber wohl der größte Teil jenseitigen Handelns dient, wie schon angedeutet, der geistigen Entwicklung der Einen durch die Andern, also der Belehrung und Erziehung, der seelischen Beeinflussung in jeder Form. Zahllos sind die 1) Thomas 131 f.; Amicus 22. 2) Amicus 50; Cummins 1 51. 62; Swedenborg § 52. 44. 383. 427. 510. 3) J S P R X I X 121; Thomas 153fT.; Barker C2f.; Owen I 4. 344 Allgemeine Widerstande gegen die Anerkennung des Spiritismus Berichte über Anstalten dieser Art, angefangen von 'Kindergärten' mit allen zweckdienlichen Einrichtungen (einschließlich eines Kasperle- Theaters!), bis zu 'Schulen', 'Kollegien' und 'Universitäten', die alle erdenklichen den Umständen angemessenen Lehrgegenstände umfassen. Entsprechend fehlt es auch nicht an Büchern und ganzen Büchereien.1 Jedenfalls gehört gegenseitiges Fördern und Helfen zur häufigst behaupteten Lebenserfüllung der Jenseitigen, vor allem auch gegenüber den eben Angelangten und durch die Neuheit der Umgebung Verwirrten. Was nicht ausschließt, daß in den niederen Sphären, neben der sonst vorherrschenden Liebesgesinnung, auch Leidenschaften, Haß und Sünde sich offenbaren,2 oder doch ein sehr mannigfaltig getöntes rückschauendes Hängen an irdischen Erinnerungen, Beziehungen und Gütern: die frühere Untersuchung der 'inneren Motivierung' von Spuken oder Kundgebungen hat uns reiche Belege hierfür geliefert.9 Daß der Verkehr der Jenseitigen unter einander ein wesentlich telepathischer sein soll, erscheint uns beinahe selbstverständlich; liegt es doch nahe, die übernormalen Fähigkeiten des Lebenden als die normalen des Überlebenden anzusetzen. Die Sprache der andern Seite', die der Neuling zu 'lernen' hat, ist offenbar eine rein gedankliche; sie wird gelegentlich als 'drahtlose Telephonie' bezeichnet. Wir begegnen sogar der Aussage, daß der eine die Gedanken des andern 'sehe'.4 Und Ahnliches gilt dann natürlich auch hinsichtlich des Verkehrs mit den Lebenden. 'Wir sehen dich,' sagt 'Mrs. Owen' zu ihrem Sohn, 'aber mit andern Augen als die deinen. Unsre Augen sind nicht an die Wirkung von Licht gewöhnt, wie ihr es auf Erden habt. Unser Licht ist ein wesentlich andres, eine Art durchdringenden Elements, vermöge dessen wir eure innersten Gedanken erkennen können, und zu diesen sprechen wir - zu euch selbst, und natürlich nicht zu euren äußeren Ohren.' 'Wie hörst du mich reden, Liebster,' fragt 'Mrs. Mitchell' durch Mrs. Piper, 'wenn wir doch nur durch den Gedanken sprechen?' Vielleicht mit diesem telepathischen Vermögen auch hängt es zusammen, daß man drüben nach eignem Wunsche jeden andern jederzeit 'treffen' kann.6 Eine letzte Einzelheit mag zum Abschluß dieser vorläufigen Übersicht besprochen werden. Die bisherigen Angaben lassen nicht nur die Umwelt der Jenseitigen als eine räumliche erscheinen, sondern auch ihr Leben als ein zeitlich verlaufendes. Hier haben indeß die Aus- 1) Thomas 153.158; Barker 40. 48tf. 62f.; Amicus 58fT.; Owen II 150f.; IV 61 IT.; Swedenborg s 337. 391. 2) Pr X X X 527; Barker 36; J S P R X I X 244f.; Swedenborg § 506. 3) Bd. I 160fl. 417ff. 4) Pr XVIII 297; ZpF 1929 159; Findlay 127; Owen I 39; Swedenborg § 494 (doch s. § 235 über angebl. Organ-Sprechen). 5) Pr X I I I 380; Owen I 22; Lodge 106. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 345 sagen etwas zunächst Verwirrendes. Gelegentlich nämlich wird uns versichert, daß die 'Geister keine Zeit haben', oder doch 'keine Vorstellung von Zeit'; und dem scheint die andre Aussage zu widersprechen: 'Zeit gibt es hier drüben. Wo Folge ist, da ist Zeit.'1 Der Widerspruch löst sich m. E., wenn wir als gemeinsamen Sinn der Behauptungen annehmen, daß die Jenseitigen keine Zeit in uns rem Sinne haben, klar eingeteilt durch Sonnenlauf und Wechsel der Jahreszeiten, und daher kaum die Möglichkeit, sich mit uns über Stunden, Tage, Wochen und Jahre zu verständigen, - was ja durch manche Unstimmigkeit zwischen Kommunikatoren und Sitzern beim Anberaumen von Sitzungen sich belegen läßt.2 'Es gibt hier (heißt es also gelegentlich) keine willkürlichen Zeiteinteilungen wie Nacht und Tag.' Oder allgemeiner: fWir haben keine fest bestimmte Zeit in unsrer Welt; darum kommen uns mehr oder minder die Zeitbedingungen in eurer Welt abhanden, wenn wir in unsere eingehn.'3 Dies scheint die wahre Lage nach beiden Seiten hin zu bezeichnen. Das Erleben der Jenseitigen ist ein zeitliches, aber verglichen mit dem unsrigen ein gleichsam flüssigeres und gerade infolge seiner inneren Spannung ein weniger nach äußeren Maßen eingeteiltes. 'Dauer, wie ihr sie versteht, ist hier unbekannt. Wir haben natürlich eine Aufeinanderfolge der Ereignisse, aber keine willkürlichen Zeitmaßstäbe... Auf Erden habt ihr auf das Vergangene zurückgeblickt; hier wird eure Vergangenheit zu einer lebendigen Triebkraft4 in eurer Gegenwart... In jedem praktischen Sinne ist das Leben für uns hier ein wunderbar Gegenwärtiges, und so eigenartig und erstaunlich ist dies in seiner Auswirkung, daß wir, wenn wir wollen, uns in uns selbst zurückversetzen und tatsächlich eine frühere Erfahrung in allen Einzelheiten nochmals durchleben können. [Ebenso] bewegen wir uns vorwärts in die Unermeßlichkeiten der Zukunft, die Gesamtheit alles dessen, was wir je gewesen und was wir erfahren. Man mag sagen 'Ich bin' oder 'Ich werde sein', aber man kann nicht wahrheitsgemäß sagen 'Ich war'. Dies ist sehr schwierig zu erklären und noch viel schwieriger für euch restlos zu verstehen; aber es ist ewig wahr.'5 Ich meine, daß wir mit einigem guten Willen den Sinn solcher dunklen Aussagen wohl erfassen können: das Erleben der Jenseitigen ist zeitlich, aber mit einer Überbetonung der Gegenwartsart und von größerer subjektiver Flüssigkeit, verglichen mit der 'harten' Zeiteinteilung der Erde. Das Bestehen einer 'zeitlosen' metaphysischen Welt wird damit natürlich nicht geleugnet. 'Tief innen im Ich,' sagt Elsa Barkers Unterredner, 'mag ein Ort des Schweigens zu finden sein, wo alle Dinge 1) Pr X I I I 433; Home 414; Barker 109. 2) Pr X X V I I I 144. Vgl. VI 481; X I I I 424. 3) Araicus 38; XXVIII 147. 4) an active principle. 5) Amicus 29f. 346 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus gleichzeitig zu sein scheinen; aber sobald die Seele selbst die Dinge dort zu prüfen versucht, beginnt die Aufeinanderfolge.'1 Dies wäre, in gröbsten Umrissen, das Bild, das uns die 'Nächstbeteiligten' vom Zustand entwerfen, in den der Mensch nach dem Tode zunächst eintritt. Man wird dem 'Wissenschafter', ja dem 'Gebildeten' schlechthin wohl nachempfinden können, wenn sie solchem Bilde mit gefühlsmäßiger Ablehnung gegenüberstehn. Sollen schon 'Geister' sein, soll es ein Jenseits geben, dann muß das alles eben 'ganz anders' als auf Erden sein, durchaus 'geistig' unvorstellbar und unzugänglich 'metaphysisch'. Der 'philosophische Geschmack' wird hier, wo er leidlich frei schalten kann, ein gründlich unwirkliches, von aller sinnlichen Erfahrung möglichst abgelegenes Dasein fordern; und gerade die harmlose Angleichung an unsre Welt, die hausbackene Lahmheit einer Einbildungskraft, die sich über Gewohntestes nicht zu erheben vermag, gibt ihm die Gewißheit, daß solche Jenseitsschilderungen nur 'Träume von Geistersehern' sein können, entsprossen den kümmerlichsten Untiefen der wünschenden und fabelnden Seele. Was aber mehr ist: auch entschiedene oder halbe Spiritisten von akademischer Schulung haben sich meist außerstande gefühlt, solche Kundgebungen wörtlich ernst zu nehmen, und haben sie entweder als Zutaten der Medien aufgefaßt oder als Dichtungen der schattenhaftesten Seelenteile im übrigen andern Dingen zugewandter Jenseitiger, oder als ihre irreführenden Versuche, das Unbeschreibbare uns in Bildern nahe zu bringen, die unsrer Fassungskraft entsprechen.2 Selbst Bozzano hat öffentlich bekannt, daß er bis etwa 1925 der Ansicht 'wissenschaftlich' eingestellter Metapsychologen gehuldigt habe, solche Offenbarungen über das Jenseits seien restlos aus dem unterbewußten Erdichten von Medien abzuleiten.3 Indessen schon vor aller Erwägung, wie etwa jenen Kundgebungen irgendwelche Wahrheit zuzubilligen wäre, begegnen wir einer seltsamen Warnung vor ihrer übereilten Verdammung. Gewiß mögen sie den Denkneigungen bestimmter Kreise entsprechen, die nur das Anschauliche und Gewohnte für wirklich halten können und folglich nicht das Bedürfnis haben, ein Jenseits möglichst abweichend von unsrer Welt sich vorzustellen. Merkwürdigerweise aber finden sich gleich anschauliche Jenseitsschilderungen auch da, wo jenes 'gebildete' Bedürfnis durchaus vorauszusetzen ist; und zwar auf seiten des Me- 1) Barker 109. 2) z. B. Lambert 90f.; Hyslop in Pr XVI 259f. Spiiter entgegenkommender: JAmSPR 1913 235ft. 3) RS LXXII (1928) 290. Ich darf von mir dasselbe sagen. Schwierigkeiten bezüglich der jeitseitigen Umwelt 347 diums, des Sitzers und - des Abgeschiedenen selbst (dessen vorherige Identifizierung natürlich vorausgesetzt wird). - Bezüglich der Medien ist diese Feststellung offenbar besonders wichtig, indem ja ihrem 'unterbewußten Erdichten' die fragwürdigen Schilderungen entspringen sollen. Hier hat u. a. Wallace mit Nachdruck die Seltsamkeit unterstrichen, die in dem Abweichen ihrer Beschreibungen von eignen Meinungen liegt. 'Die Medien', behauptet er, 'sind fast alle in einem der orthodoxen Glaubensbekenntnisse erzogen. Wie kommt es dann, daß die gewöhnlichen orthodoxen Begriffe vom Himmel niemals durch sie bestätigt werden?... Es gibt nichts Wunderbareres in der Geschichte des menschlichen Geistes als die Tatsache, daß, ob nun in den Hinterwäldern Amerikas oder in den Landstädten Englands, unwissende Männer und Frauen, die fast alle in den gewöhnlichen Sekten-Begriffen von Himmel und Hölle erzogen sind, in dem Augenblick, da sie von der seltsamen Gabe der Medialität ergriffen werden, Lehren über diese Dinge von sich geben, die . . . sich gänzlich von denen unterscheiden, die so tief in ihre Gemüter eingepflanzt wurden, und zwar ohne Rücksicht darauf, welches die angebliche Herkunft der Geister selbst, d. h. ob dies katholische, protestantische, muhammedanische oder indische sind.1 Von Miss Cummins z. B., der wir zwei Bände angeblich von Frederic Myers stammender Jenseitsschilderungen verdanken, wird uns ausdrücklich versichert, daß sie 'nie versucht hat, irgendeinen von den Gegenständen zu studieren, von denen diese Bücher handeln'; ihre Arbeit und Veröffentlichungen hätten ausschließlich dem modernen Drama und Roman gegolten.2 Den sonderbarsten Beleg für diese 'Selbständigkeit' der Angaben, den ich kenne, enthalten die automatischen Schriften des Mr. Hubert Wales, der strengen Forschung bekannt u. a. durch seinen sehr kritischen Bericht über Beobachtungen telepathischer Übertragungen ohne bewußte Betätigung.3 Der 'reichlich skeptische' Forscher stand diesen eigenen medialen Leistungen so ungläubig gegenüber, daß er sie unbeachtet beiseite legte. 'Als ich (schreibt er an A. Conan Doyle) [Jahre danach] Ihren Artikel [über diese Dinge] las, war ich erstaunt, ja beinahe erschreckt durch den Umstand, daß die mir angeblich gemachten Angaben über die Zustände nach dem Tode zusammentrafen - ich glaube, fast bis in die geringfügigsten Einzelheiten - mit denen, die Sie als Ergebnis Ihrer Vergleichung von Aussagen aus sehr zahlreichen Quellen gemacht hatten. Ich kann nicht glauben, daß mein vorausgegangenes Lesen irgendetwas enthalten habe, was diese Übereinstimmung erklären könnte. Ich hatte sicherlich nichts gelesen, was Sie über diese Frage veröffentlicht haben, ich hatte absichtlich 'Raymond' und Bücher ähnlicher 1) Aus Ä defence of modern Spiritualism bei Vesme I I I 230f. Auch Hyslop (Life 247) erscheint beeindruckt von dieser Übereinstimmung, hält sie aber nicht für genügend beweiskräftig. Vgl. A. C. Doyle bei Owen I S. XXXVI. 2) Cummins I 161. 3) Pr X X X I 1241T. 348 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus Art beiseite gelassen, um meine eignen Ergebnisse nicht zu beeinflussen, und die 'Verhandlungen der Ges. f. ps. F.', die ich bis dahin gelesen hatte, berühren, wie Sie wissen, die Frage der Zustände nach dem Tode nicht. Jedenfalls erhielt ich zu verschiedenen Zeiten Kundgebungen,' - nun, die alles enthalten, was das bekannte Lachen der Zweifler stets erregt hat: daß also die Jenseitigen menschenähnliche Leiber, aber kein Alter haben und keinen Schmerz leiden; daß sie bekleidet sind und sich nähren, nicht schlafen, wenn auch gewisse halbbewußte Ruhezustände durchmachen, wie schon sofort nach dem Tode; daß die Gleichgesinnten 'sich finden' und persönliche Verhältnisse nicht-geschlechtlicher Liebe fortbestehen; daß sich die Jenseitigen ihren verschiedenen 'Interessen' gemäß beschäftigen, aber keinen 'Lebensunterhalt' zu erarbeiten brauchen; daß die jenseitige 'Entwicklung' dort einsetzt, wo sie im Diesseits abbrach, usw.1 Es wäre verfrüht, das logische Gewicht der unerwarteten Übereinstimmung diesseitsähnlicher Jenseitsschilderungen genau einschätzen zu wollen. Dies würde zunächst voraussetzen, daß der Grad ihrer gegenseitigen Unabhängigkeit durchgehends genau bestimmt wäre; das aber ist weder schon gesehen, noch ist auch einzusehn, wie es so leicht geschehen könnte. Ich habe schon in einem früheren Buche 2 von der selbstverständlichen Tatsache gesprochen, daß wie alle Jenseitsschauenden, so auch die das Jenseits beschreibenden Medien in einen Strom von Überlieferungen eingetaucht sind, von dem fast immer zu vermuten ist, daß er sie seelisch durchtränkt, wenn auch nur selten nachzuweisen ist, wie und wo er in sie eindringt. Selbst die ausdrückliche Behauptung des Einzelnen, er sei bei Lieferung seiner Aussagen soz. ein unbeschriebenes Blatt gewesen, wird meist mit Zweifeln aufgenommen werden, wenn man nicht gar die Möglichkeit erwägt, der Inhalt der Aussagen sei telepathisch von irgendeinem ähnlich Denkenden her erlangt worden. Wie dem auch sei: ich halte die Frage für praktisch kaum beantwortbar, wieweit für jedes der oben gehörten Medien eine Unabhängigkeit von verwandten Aussagen andrer anzunehmen sei. Diese Ungewißheit aber bleibt eine Schwäche aller Untersuchungen über das Jenseits auf Grund der vorliegenden Berichte. Eine andre Frage wäre, ob die Ubereinstimmung unter den Aussagen aller Quellen wirklich eine völlige, restlose ist, oder ob sich Abweichungen von einander finden, die den Verdacht ihrer Subjektivität - und dann natürlich in schwer bestimmbaren Grenzen - erwecken müssen. Diese Frage wäre zu beantworten nur auf Grund einer erschöpfenden Vergleichung aller bemerkenswerteren Jenseitsschilderungen bis in Einzelheiten hinein, - was hier, wie gesagt, natürlich nicht geschehen kann. Der leidlich Belesene wird vielleicht folgendem 1) bei Doyle, Revel. 146II. 2) Mattiesen 296H" bes. 301 f. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 349 vorläufigen Urteil zuneigen: daß persönliche Unterschiede des Darstellungsstils und der Betonung von Einzelheiten, daß ferner Widersprüche in bestimmten Angaben allerdings auffallen; daß ihre Versöhnung aber nicht aussichtslos erscheint, wenn man alle Umstände - diesseitige und jenseitige - überlegt, unter denen solche Aussagen Zustandekommen. Die Tatsache bleibt bestehen und muß uns nachdenklich stimmen, daß in allgemeinen Zügen die Vereinbarkeit der Schilderungen vom Altertum an bis auf unsre Tage eine unverkennbare ist;1 daß ein Kenner wie Bozzano, der ihrer Durchforschung einige Jahre gewidmet hat, sich anheischig machte, in einem künftigen Werk ihre durchgängige Vereinbarkeit zu erweisen; ja daß ein Denker vom Reuige Bergsons die Möglichkeit ernsthaft ins Auge fassen konnte, aus Angaben über das Leben im Jenseits, 'wenn sie gleich Reiseberichten genau durchforscht würden, am Ende einen zwingenderen Beweis für das Überleben zu gewinnen als durch den Nachweis der bloßen Zugänglichkeit von irdischen Erinnerungen.'8 Die durchgängige Übereinstimmung der Jenseitsschilderungen bei Medien, zwischen denen keinerlei Verbindung der Überlieferung bestände, wäre natürlich das denkbar stärkste Argument zugunsten der Glaubwürdigkeit solcher Berichte. Doch besteht, wie gesagt, wenig Aussicht auf seine zwingende Durchführung. Immerhin sind noch Meitere Tatsachen anzuführen, die seiner Unzulänglichkeit zu Hilfe kommen. Die seltsame Beobachtung, daß das Medium (wie Mr. Wales) an den eigenen Aussagen Anstoß nimmt, findet ein gleich merkwürdiges Seitenstück darin, daß auch der angeblich Aussagende, der 'Geist', das Berichtete für zunächst unglaublich erklärt - vom Standpunkt des Lebenden aus. Wir stehen z. B. nicht selten vor der fast grotesken Tatsache, daß sich der Geist 'entschuldigt', weil er Darstellungen zum Besten gebe, die man doch sicherlich nicht erwarte, und von ihm zu allerletzt! Als Mrs. Elsa Barker - eine moderne Schriftstellerin, die nach eigner Aussage 'niemals Spiritistin gewesen war', der Frage der Jenseitskundgebungen mit 'ungewöhnlicher Gleichgültigkeit gegenüberstand', ja 'nicht einmal die landläufigen Hauptwerke über den Gegenstand gelesen hatte', - als diese unerwartet eine längere Reihe von Kundgebungen des (ohne ihr Wissen) verstorbenen Mr. X. erhielt, eines 'bekannten Rechtsanwalts von tiefer philosophischer Bildung und Verfassers mehrerer Bücher', da stimmten seine Jenseitsschilderungen nicht nur überein mit denen geistloserer Kommunikatoren, sondern bekundeten auch ein Gefühl dafür, daß sie überraschen müßten und soz. einer Entschuldigung bedürften. *Es erscheint beinahe albern (schrieb 1) Doyle, Revel. 84. - D. hatte dem Studium dieser Schilderungen einige Jahre gewidmet. Sein zweibändiges Werk war mir leider nicht zuganglich. 2) Hyslop, Life 279. 350 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus X. einmal), wenn ich sage, daß wir Kleider tragen, genau wie ihr.'1 - Nicht anders "Raymond Lodge', der akademisch erzogene Sproß einer Familie von hoher Kultur, als er durch Mrs. Leonard (selbst ein 'gebildetes' Medium) sich zu den Seinen Ober diese Dinge äußern konnte. "Könnt ihr euch vorstellen,' sagt er einmal, 'daß ihr mich in weißen Kleidern seht? Glaubt mir, ich selber mochte sie anfangs gar nicht und wollte sie nicht tragen.'2 Der als 'Amicus' bezeichnete Schilderer erwartet ausdrücklich den Einwurf des Kritikers: 'Grob, kindisch, unmöglich,' und 'Owens Mutter', deren Aussagen den ganzen ersten seiner vier Bände fallen, ist oft bedrängt von ähnlichen Erwartungen. 'Es ist alles so wunderbar, daß die Leute [bei euch] esweder verstehn noch glauben würden; darum will ich dir lieber von einfacheren Dingen reden.' Sie fürchtet, daß manche ihrer Mitteilungen als 'Unwirklichkeit und Fabelei' erscheinen, zu sehr nach 'Märchen' schmecken möchten, um als wahr hingenommen zu werden. Und dem entsprechend erwartet sie auch Widerstände im Medium, ihrem Sohn: 'Nicht wahr, mein Lieber, du warst schon die ganze Zeit über ein wenig angewidert [von dem, was du schreiben solltest]?' Oder in einer andern Erzählung: 'Einige kamen in - warum zögerst du? Wir beschreiben ganz buchstäblich, was wir sahen - in Wagen.' - Die uns als besonders gut identifiziert bekannte 'A. V. B.' befürchtet, man werde sie auslachen, als sie erzählt, daß sie drüben reiten lerne, und erwartet 'Verwunderung' über die Mitteilung, daß sie eben erst gebadet habe.3 Mail fragt sich denn doch, warum wohl eine restlos subjektive 'Quelle' solcher Mitteilungen nicht der 'Linie geringsten Widerstandes' folge und dem 'Oberbewußtsein' auftische, was diesem glaublich und schmackhaft erscheinen kann? Warum sie Dinge erzähle, denen das Oberbewußtsein entgegenhält und -schreibt: 'Dies erscheint nachgerade unmöglich; habe ich das richtig aufgefaßt?!' - Man wundert sich denn auch nicht, wenn der Kommunikator zu andern Zeiten die Abgelegenheit des Mitgeteilten von allen Gedanken des Sitzers, wenn nicht geradezu seine Unerfindbarkeit mit einer gewissen Genugtuung unterstreicht. 'Nun, mein Junge, denk einmal nach. Stammt dies aus deinem Geiste, oder kommt es nur durch ihn, wie ihr es nennt?'4 Durchaus sinnentsprechend wird uns auch mehrfach von dem E r - staunen berichtet, das die Hinübergegangenen befällt, wenn sie sich ihrer neuen Welt gegenüber finden, die sie sich jedenfalls nicht so gedacht hatten. 'Als ich meine Augen öffnete, nachdem ich durch den Tod hindurchgeschritten, war ich verwundert über das, was sich mir offenbarte.' - Von einem älteren Herrn, den der Kommunikator, 'Mr. Montagu', ein Angehöriger der gebildeten Klassen, drüben getroffen zu haben behauptet, meldet Feda, 1) Barker 2H. 30. 2) Hyslop 276. 3) Amicus 13. 17; Owen I 3. 65; Pr X X X 362. 452. 4) Owen I 5. 138. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 351 jener habe, als er ins Jenseits einging, 'einen so sehr andersartigen Ort erwartet', daß Mr. Montagu über sein Erstaunen geradezu habe 'lachen' müssen, und es sei sehr 'interessant' gewesen, 'ihn herumzuführen und ihm alle Orte der Geisterwelt zu zeigen.' 'Als er hinüberkam, war er erstaunt, wirkliche Dinge vorzufinden. Dies scheint ihnen ziemlich komisch vorzukommen.'1 Es liegt nahe, eine weitere allgemeine Stützung der Glaublichkeit von Jenseitsschilderungen darin zu suchen, daß einige von Überlebenden ausgehen, die sich als solche hinreichend 'identifiziert' haben. Das Problem der Jeitseitsgestaltung entsprang ja dem gelungenen Beweise, daß es Jenseitige an sich wirklich gibt, die dann in irgendeiner Welt doch leben müssen; warum also sollen wir nicht Schilderungen Glauben schenken, die von an sich beglaubigten Jenseitsbewohnern ausgehn? Nun ist ja dieser Zusammenhang von Aussagen mit einer Beglaubigung ihrer Quelle an sich durchaus nicht immer gegeben. Gerade manche der ausführlichsten Schilderungen - Bände umfassende - gehen von angeblichen Jenseitigen aus, die mit soz. phantastischen Namen, wenn nicht gar namenlos vor uns hintreten, und die wir daher leicht für eine der wohlbekannten Maskierungen des medialen Unterbewußtseins halten mögen. Zwar fehlt es auch dann nicht an Verlockungen zu ihrer realistischen Auffassung; doch sind es schwerlich mehr als Verlockungen. Liefern mehrere solche Persönlichkeiten ihre Schilderungen durch ein Medium, so fällt z.B. der gänzlich verschiedene Sprach- und Denkstil der einzelnen auf (wie etwa in G. V. Owens Fall). Oder die Aussagen selbst enthalten Behauptungen über ihr Zustandekommen, die ein Gefühl der Wirklichkeit erzeugen: etwa durch die 'Pluralistik' der Kommunikatoren, die sie voraussetzen.2 So behauptet TCathleen Owen', die verstorbene Frau des Schreibenden, daß sie eine Anzahl 'Freunde' bei sich habe - Männer und Frauen -, die in den Botschaften zur Einheit verschmelzen; und seine Mutter sagt einmal, ohne jeden äußeren Anlaß und daher überraschend: 'Seit zwei Wochen ist die Schrift nicht von uns gekommen. Zerreiß sie nicht; sie ist mit Absicht gegeben worden. Sie ist nicht übel, aber sie stammt nicht von uns. Warte 14 Tage.'3 Man fragt verwundert nach dem Woher und Wozu solcher Äußerungen; aber daß sie den spiritistischen Ursprung der Mitteilungen beweisen, läßt sich natürlich nicht behaupten. Bedeutsamer könnte es erscheinen, daß sich zuweilen im Rahmen der Schilderungen ein Vorgang findet, dessen 'technische' Eigenart auf die Echtheit der Mitteilung hinweist (wie an einer früheren Stelle des 1) Amicus 82; Pr X X X I I 33; vgl. Owen I 109. 2) S.o. II i n . 3) Owen I I I 241.; IV 11. 352 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus Werkes ausgeführt wurde): nämlich die Schwierigkeit, Eigennamen sogleich vollständig und richtig herauszubringen;1 - was wir doch eigentlich nicht erwarten dürften, falls die gesamte Mitteilung der unterbewußten Phantasie entspränge. Aber der eigentliche Sinn unsres Argumentes tritt doch erst dann ins Spiel, wenn einer von zwei Tatbeständen gegeben ist: entweder die Jenseitsschilderungen werden von einem Medium geliefert, das abseits von solchen seine spiritistische Leistungsfähigkeit eindeutig bewiesen hat; oder sie gehen eben von einem Kommunikator aus, der sich außerhalb derselben hinreichend identifiziert hat. Der erstere Tatbestand ist z.B. bei Miss Cummins gegeben, die uns die mehrfach benutzten zwei Bände angeblich von dem berühmten Parapsychologen Myers ausgehender Schilderungen geliefert hat, daneben aber eine Anzahl von Einzelleistungen, die nach früher besprochenen Maßstäben als Identifizierungen bestimmter Verstorbener anzusehen sind.2 Außerdem hat sich die Dame in Fachkreisen einen Namen gemacht durch die aufsehenerregenden Cleophas Scripts, in denen Bilder aus der Frühzeit des Christentums entrollt werden, die aus dem Wissen des Mediums bestimmt nicht stammen konnten. Immerhin könnte man sich auch hiernach auf die Behauptung versteifen, Miss Cummins habe sich zwar als im Besitz übernormaler Fähigkeiten und im Verkehr mit Abgeschiedenen erwiesen, ihre Schilderungen des Jenseits aber ausschließlich aus eigener Phantasie oder aus vergessenen Lesefrüchten geschöpft. Indessen behaupteten ja gerade diese Schilderungen, von einem bestimmten Abgeschiedenen auszugehn, und es mag gefragt werden, ob dieser 'Frederic Myers' sich innerhalb der Schriften oder nebenher in irgendeiner Weise identifiziert habe. Ich selber kann dies nicht finden. Weder die gesamte Denkart (die vielmehr stark 'theosophisch' anmutet) noch der Sprachstil weisen, wie mir scheint, auch nur im geringsten auf den Verfasser von Human Personality hin, und die Berufung darauf, daß er doch rund 35 Jahre vor Lieferung der Schriften verstorben war, oder daß er ein stilfremdes Medium zu benutzen hatte, oder daß er beim ersten Mal völlig überraschend auftrat,3 kann keine genügenden Gegengründe liefern. Miss Cummins und ihr Herausgeber Mr. Gibbes kannten, wie sie versichern, keine von Myers' Arbeiten; aber eine Verwandtschaft zwischen diesen und den Schriften scheint mir eben auch nicht vorhanden zu sein. Als einzige merkwürdige, vielleicht aber auch nicht eindeutige Tatsache verbleibt Miss Cummins' Gebrauch gewisser Fremdworte, die in Human Personality vorkommen und an- 1) z.B. Owen I 91. 99. Vgl. o. Bd. II 209fl. 2) Einzelheiten s. Cummins I 163(t.; JSPR Mai 1929. 3) Cummins II 17; I 138. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 353 geblich dem Medium und Mr. Gibbes unbekannt und unverständlich waren, als sie in der Schrift erschienen: z.B. polyzoic, polypsychic, metetheric, telaesthesia. Nun ist ja aber dieser Fall 'Myers' nicht der einzige, der in diesem Zusammenhang anzuführen wäre. Der Leser wird in den obigen Belegen einigen Kommunikatoren begegnet sein, die wir nach Früherem zu den bestidentifizierten überhaupt zählen dürfen: wie 'Thomas sen.' und 'Etta Thomas', oder 'A. V. B.', die Freundin der Lady Troubridge. Die Angaben dieser Personen über ihre jenseitige Umwelt gehören aber durchaus dem gleichen Typ an wie die ausführlicheren Schilderungen schlecht-identifizierter oder völlig unidentifizierbarer Kommunikatoren. Damit ist unsre Problemlage ziemlich eindeutig umrissen. Müssen wir jene ersteren Kommunikatoren zum Zeugnis über sich selbst und ihr Erdenleben zulassen, so können wir ihnen nicht jeden Glauben versagen, sobald sie etwas über ihr gegenwärtiges Leben und seine Umwelt mitteilen. Es wäre Willkür, gerade diese Aussagen - und sie allein - als phantastische Zutaten des Mediums beiseite zu schieben. Vielmehr müssen wir umgekehrt zugeben, daß die Lieferung solcher Angaben durch gut-identifizierte Jenseitige die Glaublichkeit verwandter Aussagen durch an sich fragwürdige Kommunikatoren sehr verstärkt.1 In summa: es bleibt uns die Auseinandersetzung mit der Tatsache nicht erspart, daß das an sich bewiesene Jenseits, so oft es sich selber schildert, dies in Formen tut, die für den 'modernen Wissenschafter' einer Selbstwiderlegung des Spiritismus gleichkommen. Ich verweise etwa auf die Selbstverständlichkeit, mit der Prof. Dessoir diese 'Umdrehung des Spießes' vollzieht. Nachdem er einige Angaben aus Jenseitsschilderungen der obigen Art seinem Leser vorgelegt hat, fährt er fort: 'Wenn es sich hier um mehr als um Vorstellungsbilder der Geister handelt, dann muß ich sagen, daß ich gegen ein so beschaffenes Jenseits einen heftigen gefühlsmäßigen Widerwillen empfinde.' 'Wer sich die Mühe nimmt, die von Medien entworfene Darstellung eines Jenseits wirklich durchzudenken, muß zu dem Ergebnis kommen, daß sie in jedem Betracht das Erzeugnis einer bloß menschlichen Wunschvorstellung ist, noch dazu einer solchen, die in engen Köpfen Platz hat; Dichter und Denker von Rang würden ihrer Phantasie andre Bilder abgewinnen,' [doch wohl 'ganz andersartige', 'abstraktere', 'philosophischere']... Daraus folgt, daß 'die bisher nicht a u f g e h e l l t e n Leistungen der Schreib- und Sprechmedien, insbesondere ihr Wissen 1) Soweit diese einen bekannten Namen tragen, ohne ihr Recht auf ihn erweisen zu können, bliebe uns etwa die olt emplohlene Annahme der täuschenden Namensbeilegung durch einen •Jenseitigen. 'Amicus' soll eine gut identif. Person gewesen sein. M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben III. 23 354 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus um Einzelheiten aus den Erlebnissen Verstorbener, anders erklärt werden müssen als mit Hilfe der undurchführbaren Annahme fortlebender und sich bekundender Menschengeister.'1 Der Leser dieses Buches weiß, daß ich in solchen 'Leistungen der Schreib- und Sprechmedien' an sich einen der geringsten Beweise der Lehre vom persönlichen Überleben erblicke. Ich stellte vielmehr ganz andersartige Argumente als so stark dar, daß sie einen wirklichen Beweis jener Lehre liefern. Ich komme also dem Gegner schon sehr bedeutend entgegen, wenn ich die hier entstehende Frage in folgende Form bringe: Sind die empfangenen Jenseitsschilderungen wirklich so unglaublich, daß sie ihre angeblichen Urheber auch dann verdächtig machen, wenn diese sich im übrigen hinlänglich beglaubigen; begründen jene Schilderungen also wirklich eine Schwierigkeit des Spiritismus überhaupt, oder lassen sie - selbst unabhängig von einem etwaigen Nachweis ihrer durchgängigen Übereinstimmung - eine vorläufige Deutung zu, die sie irgendwie sinnvoll und glaublich erscheinen läßt und uns damit das Recht gibt, sie bis zu genauerer Durchforschung in der allgemeinen spiritistischen Beweisführung beiseite zu lassen? - Drei mögliche Deutungen scheinen sich anzubieten, von denen zwei, die ich zunächst besprechen will, die äußersten Gegensätze darstellen: eine gründlich realistische, und eine gründlich idealistische. Die erstere kann man als die Theorie der Astralwelt bezeichnen: sie behauptet, daß nicht nur der Mensch, wie die Phantomatik beweise, einen 'feineren', 'ätherischen' oder Astralleib in sich berge, sondern daß auch jedem Ding sein ätherisches 'Gegenstück' (counterpart) zukomme, - ein Satz, den wir bereits gestreift haben, als die möglichen Deutungen der Kleidung von Phantomen besprochen wurden.2 Und in der Tat erscheint es klar, daß eine bejahende Entscheidung dort - wenigstens in gewissem Grade - die Zugestehung einer ganzen Astralwelt befürworten würde. Das Zeugnis von Jenseitigen setzt sich zuweilen für eine solche ein, ja hat sich für sie eingesetzt, bevor der Begriff des Äthers in der Physik eine Bedeutung gewann, die ihm auch in Laienkreisen Volkstümlichkeit verschaffte.3 Und Hellseher behaupten sogar gelegentlich, die schon voll ausgebildeten astralen Gegenstücke von Pflanzen zu sehen, denen die grobstoffliche Pflanze erst soz. nachwächst. 1 Selbst ein Physiker vom Range Lodges hat sich den Gedanken zu eigen gemacht: wenn nicht nur lebendige, sondern auch unbelebte 1) Deuoir 239. 242(. Sperrungen von mir. 2) o. S. 3031. 3) z. B. Henslow 101; Hy"lop, Ute 256. 4) z. B. Lt 1921 448; 1925 341. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 355 Materie 'ein ätherisches Duplikat als Träger oder Unterlage ihres Bestehens' haben soll, so liege der Schluß auf solche Duplikate aller Dinge nahe, und damit die Annahme einer ganzen Welt als Lebens- Schauplatz für diejenigen, die selbst nur in Ätherleibern fortleben.1 Es wäre dann eine Frage zweiten Ranges, ob eine solche Welt der Äther-Dinge durchweg mit unsrer wahrnehmbaren 'zusammenfalle', oder - wie meist von drüben her behauptet wird - zum Teil in einen höheren Bezirk der Erdatmosphäre zu verlegen sei; ein Gedanke, für den sich gleichfalls - und anscheinend unabhängig von allen Aussagen durch Medien - ein Physiker einsetzt: Mr. Fournier d'Albe, dessen eigenartigem Begriff des Psychomeren-Leibes wir in der Theorie der Phantome begegnet sind.2 Es ist nicht möglich, das Für und Wider einer solchen Anschauung hier zu erörtern. Selbst Hyslop, der ihr nicht beistimmt, gibt zu, daß es 'nicht ungereimter erscheinen sollte, an Häuser und [andre Dinge] in einer ätherischen Welt zu glauben, als an Atome oder Korpuskeln,' weil doch auch diese schon 'übersinnlich' seien: 'a priori würden wir nicht imstande sein, das Dasein von Dingen in der physischen Welt zu begreifen, falls wir über diese so wenig wüßten wie über die Geisterwelt. Versetzen wir uns außerhalb der physischen Welt, und wir würden wahrscheinlich ihr Dasein oder ihre Möglichkeit in Frage ziehn.'3 - Die zweite Deutung, die ich als äußersten Gegensatz der ersten bezeichnete, würde - rein idealistisch - die gesamte uns geschilderte Geisterweit für eine 'Vorstellung' ihrer scheinbaren Bewohner erklären. Diese wären in einer Art von Traumleben befangen, gespeist von jener Neigung der Seele zur anschaulichen Darstellung - etwa auch sinnbildlicher Natur! -, der wir auf Erden das Erleben des Schlaftraums, der Halluzination und mancher künstlerischen Eingebung verdanken. Das i n n e r l i c h e Leben der Geister, - also das, was ihnen der Tod gelassen hätte, - und zwar nach seiner schöpfe-" rischen Seite, mit aller inneren Ordnung, die wir auch diesem Leben zuschreiben dürften, würde sie in eine Welt der Traumbilder - z. T. der Erinnerung an ihr Vorleben! - einspinnen, die sie dauernd mit der gleichen Notwendigkeit für wirklich halten würden, wie der irdische Träumer zeitweilig die seinen.4 Die Geister wären danach wirklich nichts als 'Geister5: Seelen mit einem Binnenleben, vorstellend, erinnernd, fühlend und wohl auch wollend, soweit sich Wille auf 'rein geistige' Leistungen richten kann; und das Jenseits bestände - wie ich es früher selbst nach meiner damaligen Einsicht glaubte 1) Hyslop 255. 2) Fournier d'Albe 165IT. 3) Hyslop 262. 4) bes. Hyslop 247. 271. 23" 356 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus aussprechen zu dürfen - 'im Grunde eben nur aus Subjekten', unter denen 'die Subjektivität jedes Andern zur einzigen denkbaren Objektivität würde, womit dann Objektivität im irdischen Sinne völlig aufhörte.' Ich fügte die Vermutung hinzu, daß die Jenseitigen 'die sinnlichen Symbole irdischer Religionsüberlieferung' mit hinübernähmen und damit sich soz. einen ersten Grundstock für das (rein subjektive, etwa halluzinatorische) 'Erleben' einer Umwelt schüfen; sowie daß die subjektiven Erlebnisse eines Jenseitsbewohners sich in andern - etwa wieder symbolisch verändert - telepathisch spiegeln könnten, wodurch ihr Welt-Erleben einen weiteren Zuschuß erhielte.1 Es ist klar, daß im Lichte solcher Auffassung gerade der philosophische Idealist keinen Grund mehr hätte, über die scheinbare Naivität und Erdenhaftigkeit der Jenseitsschilderungen sich zu wundern oder ihnen gar ein Argument gegen das Überleben zu entnehmen.2 Anderseits ist es zweifelhaft, ob ein solcher Subjektivismus des Jenseits auf die Bestätigung durch Jenseitige überhaupt rechnen darf: denn wenn sie sich wirklich in einer Art von Traumzustand befinden, so müssen sie ja zur Entscheidung über die Wirklich- oder Unwirklichkeit ihrer Umwelt außerstande sein. Hyslop, der die Traumtheorie des Jenseits sehr nachdrücklich bevorzugt, stützt sie denn auch vor allem auf Indizien, wie etwa die Vielgestaltigkeit von Aussagen über den gleichen Gegenstand. 'In einem Fall z. B. sagte der angebliche Kommunikator, daß Geister in Häusern leben und alle Verrichtungen des Haushalts wie in der körperlichen Welt ausüben. Ein andrer behauptete bloß, daß er in einem Hause gleich seinem früheren stofflichen lebe, obwohl es 'mehr traumartig' sei. Ein weiterer gab an, daß Geister nur eine Zeit lang in Häusern lebten und sie wieder aufgäben, wenn ihr Bedürfnis nach solchen sich verlöre. Eine vierte sagte, daß sie nicht in einem Hause lebe, dagegen soviel Blumen habe, als sie nur wünsche. Ein andrer stellte in Abrede, daß Geister überhaupt in Häusern leben, und einige gaben an, daß sie die geistige Welt uns überhaupt nicht beschreiben könnten, und daß wir außerstande seien, uns einen Begriff von ihr zu bilden, ehe wir nicht selbst hinüber kämen.'3 Hier hätten wir also gleich eine Probe jenes vergleichenden Verfahrens der Jenseitsforschung, auf das es in jedem Fall ankommen wird, und müßten uns überlegen, ob solche Widersprüche wirklich, wie Hyslop meint, die reine Subjektivität, also bloße 'Vorstellunghaftigkeit' des beschriebenen Jenseits beweisen, - was ich diesem Beispiel gegenüber durchaus bezweifeln muß. 1) Matticsen 679f. Zum letzten Punkt vgl. Hyslop 120. 2) Vgl. Prof. Schiller in Pr XXVII 210. 3) Hyslop 271 f . Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 357 Ich selber war, wie gesagt, noch vor einigen Jahren ohne weiteres bereit, jene Frage allgemein zu bejahen. Heute bin ich eher geneigt zu glauben, daß eine solche Lösung allzu hastig an einem der eigenartigsten Probleme unsrer Forschung sich vorüberdrückt. Dem Unvoreingenommenen muß nämlich auffallen, daß die Aussagen über das Jenseits den Kommunikator nicht in jenem ahnungslosen Realismus befangen zeigen, den wir von ihm als einem Träumenden erwarten müßten, vielmehr häufig gewissermaßen über seiner Lage stehend und befähigt, die Wesensfrage seiner Umwelt ganz bewußt zu erwägen; sonderbarerweise aber wenden sich seine Aussagen gerade dann - und zwar stets, soweit meine Kenntnis reicht, - gegen eine rein subjekti vis tische Auffassung seiner Welt. Von Elsa Barkers Kommunikator hören wir, er habe seine Erfahrungen drfiben zunächst für Halluzinationen gehalten, sei aber nach Untersuchung zu einer andern Ansicht gelangt. - Auch 'Thomas sen.' drückt sich in diesem Sinne aus: 'Viele glauben, daß wir in einer Art von Traumzustand leben müssen oder in einer Welt, die nur geistig ist.1 Dem ist nicht so. Selbst in einer Welt, wo man auf rein geistigem Wege schaffen kann, muß es irgendeinen Stoff geben, auf den sich dieses Schaffen bezieht. In welcher Sphäre du auch leben magst, immer steht dir ein Stoff der Bearbeitung zur Verfügung. Ich habe gesagt, daß da, wo wir leben, dieser Stoff leicht formbar ist;2 wir können ihn vollkommen durch rein geistige Tätigkeit gestalten.'3 Hier stoßen wir auf den Begriff, der uns zu gestatten scheint, über die reine Traum- und Vorstellunghaftigkeit der jenseitigen Umwelt hinauszugehen, ohne doch in die realistische Ansicht von einer an sich bestehenden Astralwelt zurückzufallen. Weitgehende Abhängigkeit vom Subjekt wird zugestanden, zugleich aber behauptet, daß die subjektive Vorstellung auf eine rätselhafte Weise sich verwirkliche, sich 'objektiviere'. 'Ich trage Kleidung,' sagt derselbe Kommunikator, Sveil es eine Denkgewöhnung ist, mich bekleidet vorzustellen. Aber es ist nicht nötig, sich Maß nehmen zu lassen. Wir können sie durch den bloßen Gedanken e r s c h a f f e n , indem wir jede gewünschte Kleidung aufbauen.' - Und ähnlich Elsa Barkers Freund: 'Meine Kleider hier sind in der Regel ähnlich denen, die ich auf Erden trug, doch habe ich versuchsweise - as an experiment -, wenn ich an meine längst verflossenen Leben dachte [X. glaubt an Wiederverkörperung], die Gewänder der betreffenden Zeiten angelegt.'1 Nun könnte man ja, soweit nur von VorsteJlungsabhängigkeit der Dinge die Rede ist, eben darin eine Bestätigung der Halluzinationshypothese sehen: was der Geist sich wünsche, das 'sehe' er, gerade weil 1) mental. 2) mouldable. 3) Thomas, Life 152. 4) Thomas, Life 128; Barker 53. 358 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus er hemmungslos halluziniere. Indessen, solange wir die Aussagen Jenseitiger überhaupt zum Zeugnis zulassen, müssen wir es im Ganzen tun und nicht nach willkürlicher Auswahl; und da läßt sich denn die schon belegte Behauptung nicht übersehen, daß jenes 'Schaffen' sich auf ein Etwas richtet, das irdischer Materie wenigstens in irgendwelchem Sinn vergleichbar ist Der angebliche Frederic Myers der Miss Cummins spricht von Elektronen, die nur ihrer Teinheit und erhöhten Schwingungs-Qualität' nach von denen der irdischen Wissenschaft sich unterscheiden. - *Kein Zweifel,' sagt Thomas sen.', 'daß Materie bei ans bildsamer und dem Willen zuganglicher ist. Ich spreche von Materie, weil mir ein besseres Wort, es auszudrücken, fehlt Unsre 'Materie' ist eigenartig und verschieden von der euren. Feste Gegenstände sind bei uns bildsam, oder können es werden, und lassen sich umformen. Die F&higkeit, dies zu ton, hängt von der geistigen Kraft und dem Willen ab. Neulinge würden dies nicht besser zu bewirken wissen, als Neugeborne auf Erden Holz meißeln könnten.'1 Auch andre Äußerungen über den Vorgang dieses Schaffens gehn eigentlich nicht hinaus über die Behauptung, daß eben der Wille, auf eine klare Zielvorstellung gerichtet, das Wunder vollbringe. Elsa Barkers Kommunikator gibt an, dies von seinem 'Lehrer' ausdrücklich gelernt zu haben, als er sich eine besondre Art von Kleidung zu verschaffen wünschte. Es gelte eben, 'Muster und Schnitt im Geiste deutlich ins Auge zu fassen, zu visualisieren, und dann durch die Macht des Wunsches dieses Muster mit der feinen Materie der Gedankenwelt zu umgeben,' - so werde das Gewand tatsächlich gebildet' Nicht wesentlich weiter führt ans auch eine Aussage, welche Findlay von einem geheimnisvollen Kommunikator in 'direkter Stimme' erhielt, während er mit Sloan und seiner eignen Sekretärin allein 'saß' und des tief entschlummerten Mediums Hände in den seinen hielt Unsre Häuser (heißt es einmal in diesen ausführlichen Kundgebungen über das Jenseits) sind genau, wie es uns beliebt, sie zu machen. Eure irdischen Häuser werden zunächst von euch im Geiste entworfen und dann [entsprechend erbaut]. Hier haben wir die Macht, ätherische Materie unsera Gedanken entsprechend zu formen. So sind denn unsre Häuser die Erzeugnisse unsres Vorstellens. Wir denken und [eben damit] erbauen wir. Es handelt sich dabei um Gedankenschwingungen, und solange wir diese beibehalten, können wir den Gegenstand ' h a l t e n ' , der währenddessen für unsre Sinne objektiv ist.' - Unsre Welt ist nicht stofflich (heißt es an andrer Stelle), und doch ist sie wirklich; sie ist greifbar, bestehend aus Stoff von sehr viel höherem Schwingungsgrade, als die Materie der euren. Unser Geist kann daher in andrer Art auf sie wirken, als der eure auf das Stoffliche eurer Welt. Wie unser Geist ist, so ist unser Zustand.'s 1) Cummins II 46; Thomaa 134. 2) thought-world. Barker 55f. 3) Findlay 127. 122f. Vgl. Oven I 48. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 359 Verwandte Behauptungen stellte auch 'Dr. Dawson Scott' auf, der verstorbene Gatte einer Dame, die bis zu ihrem 30. Lebensjahr durchaus 'Agnostikerin', den letzten Fragen gegenüber völlig 'gleichgültig' und einem rein tätigen Leben zugewandt gewesen war, nach ihrer Verwitwung aber von ihm durch zwei Medien den Auftrag zu automatischem Schreiben empfing. - 'Unsre Gedanken', heißt es in den so erzielten Kundgebungen des Gatten einmal, 'sind sichtbar, wir brauchen sie nicht erst auszudrücken. Wir selbst sind ein Gedanke, aber ein wirklicher und substantieller Gedanke. Wir haben uns selbst substantialisiert durch die Kraft unsres Gedankens, d. h. wir haben unsern Körper gedacht... Der Gedanke ist schöpferisch.'1 Hier klingt bereits eine Ansicht an, die zuweilen auch ausdrücklich von den Berichtenden ausgesprochen wird. Es ist an sich nicht wahrscheinlich, daß der Jenseitige seinen Körper mit der gleichen Bewußtheit erbaue, wie etwa ein Haus, das er bewohnen will: von dem Gedanken, der 'er selbst ist', möchte man annehmen, daß er sich unwillkürlich, unbewußt 'substantialisiere'. Hinsichtlich einer 'Sphäre', welche 'Myers' das *Land der Illusionen' nennt, sagt er ausdrücklich: 'Du mußt verstehen, daß du [dort] deine Umgebung nicht bewußt durch eine Denkhandlung erschaffst. Deine gefühlsmäßigen Wünsche, deine geistige Tiefe erzeugen sie, ohne daß du des Vorgangs dir wirklich bewußt bist.' Der Sterbende z. B. (sagt ein andrer Schilderer) hat die Vorstellung von der Unentbehrlichkeit der Bekleidung 'im Hintergrunde seiner Seele.' 'Das Bewußtsein dieses Bedürfnisses ist in das ganze Gewebe seines Denkens verflochten...; er könnte sich kein Dasein vorstellen, worin man ganz ohne Kleider auskäme. Diese Vorstellung hat solche beherrschende und bestimmende Wirkung auf sein Leben und Tun, daß sie ohne bewußte Anstrengung genügend stark ist, ihn bei seinem Auftauchen aus dem Sterben selbsttätig zu kleiden... Wenn also ein Mensch aus dem Schlaf des Todes erwacht, so hat das unbewußte Schicklichkeitsgefühl ihn bereits mit passender Gewandung versehen.'2 Von hier aus ist nur ein mäßiger Schritt bis zur Behauptung (der wir so oft begegnen), daß die Umwelt der Jenseitigen ihre Wirklichkeit und Gestalt dem inneren Zustand ihrer Bewohner verdanke, daß sie dieser Innerlichkeit 'entspreche', oder - mit dem bekannten Kunstausdruck der Swedenborgschen Jenseitskunde - daß sie eine 'Korrespondenz' des inneren Zustands der Geister sei.3 'Was ist die Ausdehnung des neuen Reiches, das den Menschen bei seinem Tode empfängt? Was sind seine Grenzen? Seine Länge und Breite und Tiefe und Höhe werden bestimmt durch jedes Einzelnen seelischen Rang und Umfang. Es entspricht darin allem, was einer weiß, erfahren hat, 1) ZpF 1927 351. Letztere Ansicht schon bei I. H. Fichte: s. Perty, Blicke 275. 2) Cummins 41; rgl. 37; Amicus 411. 3) Die jens. Landschalten 'are all trom a Spiritual origin'; Swedenborg $ 176. 188. 489. 582. 360 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus wünscht und ersehnt... Du selber schaffst die Grundlagen deiner neuen Welt... Der Mensch geht nach dem Tode an den Ort, den er für sich selbst [durch sein Wesen] gemacht hat... Die Erdenwelt, die du verlässest, ist voll von objektiven Illusionen; die neue Welt ist ein Reich der objektiven Wirklichkeit, weil [!] sie die genaue Spiegelung menschlicher Seelen ist. Diese neue Welt ist umso wirklicher, als sie das Erzeugnis bewußten und unbewußten schöpferischen Denkens ist.' Dies ist schon feist die stolze Behauptung, daß jene Welt wirklicher sei als die irdische; soll doch aus ihr auch die schöpferische Kraft für die stoffliche stammen.1 Daß solche Gedankendinge, wie sie oft plötzlich geschaffen wurden, auch wieder vergehen, wenn sie dem schöpferischen Wunsch und Willen völlig entsinken, läßt sich erwarten und scheint auch ausdrücklich bestätigt zu werden. Jedenfalls 'wfirde eine solche Gedankenform wahrscheinlich sehr gespannt sein müssen, um Dauer zu haben,' sagt X. einmal. - Ja selbst von einer 'Landschaft' wird gelegentlich versichert, sie sei 'nicht immer so bleibend, wie es bei euch ist. Etwas herrlich Schönes, das ich eines Tages gesehen hatte, war verschwunden, als ich später danach ausschaute, um es einem Freunde zü zeigen.'2 Darüber hinaus behaupten Kundgebungen nicht selten einen Unterschied zwischen Gedankenschöpfungen des Einzelnen, die sich auf unwichtigere und mehr 'persönliche' Gegenstände beschränken, und andren, umfassenderen, eine Allen gemeinsame Umwelt darstellenden, die der Willkür des Einzelnen entzogen seien. Oder, wie Findlay die ihm gewordene Auskunft zusammenfaßt: 'Alle, die auf e i n e r 'Ebene' [etwa: in dem gleichen Zustande] sind, können die gleichen Dinge sehn und berühren.'3 Womit sich der Begriff einer vorstellunggeschaffenen Welt nahelegt, deren Schöpfer kein Einzelner mehr ist; der sich der Einzelne aber auch nicht entziehen kann, der er sich vielmehr ein- und unterordnen muß. Als die k o l l e k t i v auftretenden Schöpfer solcher Teile der Jenseitswelt werden zuweilen Geister höherer Sphären bezeichnet. 'Mrs. Owen' z. B. spricht von Häusern, die das 'Ergebnis - das Gewächs, wenn du willst - der Willenstätigkeit in diesen Bereichen hoch im Range Stehender sind, also von sehr mächtigen persönlichen Willen'; und der angebliche 'Myers' nennt sie die 'Weisen' und schreibt ihnen die Fähigkeit zu, 'aus dem eigenen Gedächtnis und aus dem großen überbewußten Gedächtnis der Erde die Bilder von Häusern, Straßen und Landschaften zu entnehmen', die dann dem Neu- 1) Amicus 21 (aftlnity). 26; Owen I 41; I I 134. 2) Barker 47; Sims 65. 3) ZpF 1927 351; Findlay 115. Vgl. 'Hyslop' über collective Willing, under the Influence of ttae Infinite Mind, bei Henslow 133. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 361 ankömmling drüben sich als Teil seiner Umwelt darbieten. Die Weisen denken und schaffen damit etwas, was dem gemeinen Manne sichtbar wird.'1 Dürfte sich so der Einzelne meist in einer Umwelt vorfinden, von der ihm sein Bewußtsein sagen muß, daß er sie nicht geschaffen habe, so könnte doch, wie gesagt, das gleiche Gefühl des Gegebenseins der Umwelt auch daher rühren, daß der sie Schauende nur 'unterbewußt' an ihr geschaffen hat. Damit aber würde wieder der Begriff einer zuweilen symbolischen, 'korrespondenzmäßigen' Bedeutung dieser Umwelt sich nahelegen, wie ja auch manches vom Lebenden Geschaute als sinnbildliche Verkörperung unterbewußter Vorgänge zu deuten ist, - nur daß im Falle des Jenseitigen die Behauptung rein 'halluzinatorischer' Natur des Geschauten zunächst in der Schwebe bliebe. - Ich will hierfür einen möglichen Beleg geben, der noch in andrer Hinsicht bedeutsam ist: er zeigt nämlich den Übergang vom Anschluß an irdische Umwelt zu einer neuen als unmittelbare Erfahrung, wobei aber schon jener Anschluß in einem Zustand erlebt wird, den wir als Einleitung jenseitigen Lebens auffassen müssen: im Zustande der Exkursion. Ich habe bereits, als ich diese an Beispielen verdeutlichte, eine besondre Gruppe aufgestellt, in der die Wahrnehmung irdischer Dinge seitens des Hinausversetzten in gänzlich 'erdfremde' Schauungen übergeht.2 Auch von dem jetzt anzuführenden Fall, dem des Dr. Wiltse, wurden schon dort die einleitenden irdischen Wahrnehmungen beschrieben: Dr. W. seih alle um seinen 'Leichnam* Versammelten und ihr Tun und begab sich dann 'die Treppe hinab' auf die Straße, wo er mit höchster Deutlichkeit gewisse Dinge beobachtet haben will, von denen er keine normale Kenntnis besaß.3 Aus den sich anschließenden Erlebnissen sei nun folgendes mitgeteilt. Zunächst entdeckte Wiltse mit Vergnügen, daß er größer geworden war, als er im Leben gewesen (er hatte sich stets als etwas zu klein empfunden), und daß seine Kleider sich seinem neuen Wuchs angepaßt hatten, ohne daß er sich erklären konnte, 'woher sie kamen und wie sie [ihm] so rasch und ohne [sein] Wissen zu teil geworden waren... Ich untersuchte das Gewebe und schätzte es als eine Art schottischen Stoffes ein; ein guter Anzug, wie ich meinte, aber nicht hübsch... Der Rock sitzt auch lose, und das ist gut für den Sommer. Wie wohl ich mich fühle, dachte ich; vor wenigen Minuten noch war mir entsetzlich übel und elend. Dann kam der Wandel, den man Tod nennt und den ich so sehr gefürchtet habe. Das ist jetzt überstanden, und hier bin ich, immer noch ein Mensch, lebendig und denkend, so klar wie j e . . . Mich wendend, ging ich nun die Straße hinab. Ich war erst einige Schritte gegangen, als ich wieder mein Bewußtsein verlor, und als ich 1 ) Owen I 1 4 ; Cummins I 44. 2) s. II 331 IT. 3) II 323. 362 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus von neuem erwachte, befand ich mich in der Luft, wo ich von einem Paar Hfinde emporgehalten wurde, deren leichten Druck gegen meine Seiten ich fflhlen konnte. Der Besitzer der Hände, falls sie einen hatten, war hinter mir und schob mich durch die Luft mit einer beträchtlichen, aber angenehmen Geschwindigkeit. Als ich die Lage leidlich erfaßt hatte, wurde ich vorwärtsgestoßen und schwebte leicht einige Fuß abwärts, wobei ich sanft auf den Ausgangspunkt einer schmalen, aber wohlgebauten Straße niedersank, die in einem Winkel von etwas weniger als 45 Grad emporstieg.' Mit dem Wiedererwachen aus diesem, wie wir schon wissen, bedeutungsvollen zeitweiligen Bewußtseinsverlust setzt nun in der Tat auch hier das Erleben einer n e u e n Art von W i r k l i c h k e i t ein; vielleicht - dies hängt von der Auffassung des sogleich Folgenden ab - zunächst noch vermischt mit irdischen Wahrnehmungen, vielleicht aber auch durchweg neuartig. Wiltse sah nämlich noch unter jener soz. in der Luft schwebenden, von nichts 'getragenen' Straße - einen Wald, von dem nicht deutlich wird, ob er einer irdischen oder auch schon der 'neuen Landschaft' angehörte. Jedenfalls untersuchte er die Straße sehr genau, deren Steigung er mühelos und mit sehr 'leicht' sich anfühlenden Beinen und Schritten überwand. Indem er sich erwartungsvoll nach Genossen der Wanderung sehnte und umsah, nahm er zugleich die umgebende und unter ihm liegende Wald- und Berglandschaft in Augenschein, die ihn an bestimmte irdische Landschaften erinnerte. 'Dann überlegte ich wie folgt: Es ist wahrscheinlich, daß wenn jemand stirbt, er seine ganz persönliche Straße zu reisen hat und daß er sie a l l e i n reisen muß. Da nicht zwei Menschen völlig gleich sind, so reisen höchst wahrscheinlich nicht zwei auf der gleichen Straße in die andre Welt. Ich überlegte, daß ich, da ein Fortleben nun gewiß war, nicht zu eilen brauche, und so schritt ich sehr gemächlich fort, bald haltend und die Landschaft betrachtend, bald [nach Gefährten ausschauend] . . . [Während er an seine zu Lebzeiten keineswegs kirchlichen Überzeugungen zurückdachte und die Möglichkeit einer bevorstehenden Verdammnis erwog,] 'geschah etwas schwer zu Beschreibendes. An verschiedenen Punkten um mich her war ich mir des in Worte gefaßten Gedankens bewußt: Türchte dich nicht, du bist in Sicherheit!' Ich hörte keine Stimme, ich seih niemand, und doch war ich mir deutlich bewußt, daß an verschiedenen Punkten, in wechselndem Abstand von mir, jemand diesen Gedanken zu meinem Besten dachte... Eine große Furcht und Zweifel überkamen mich, und ich fing an mich sehr gedrückt zu fühlen, als ein Antlitz mir auf einen Augenblick erschien, so voll unaussprechlicher Liebe und Zärtlichkeit, daß ich [meine Zweifel alsbald überwand].' Wiltse erblickte nun in einigem Abstand vor sich 'drei mächtige Felsen, welche die Straße sperrten,' und eine 'große und dunkle Wolke' über seinem Haupte, in welcher Feuerblitze hin und herschossen. Die Wolke höhlte sich an ihrer untern Seite aus und drehte sich dreimal um ihre senkrechte Achse, worauf er sich eines die Wolke erfüllenden unsichtbaren Anwesenden bewußt wurde, und indem aus beiden Seiten der Wolke Zungen schwarzen Dampfes sich hervor- und an seinen Kopf heranbewegten, fühlte er sich - Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 363 in seltsam verkürzter, aber sinnträchtiger Form - etwa folgende Gedanken eingegeben: 'Dies ist die Straße zur ewigen Welt. Jene Felsen sind die Grenze zwischen den beiden Welten und den zwei Leben. Sobald du sie durchschreitest, kannst du nicht mehr in den Körper zurückkehren.' Falls er eine w e i t e r e Verbreitung dessen ins Auge fasse, was ihn gelehrt worden, so sei seine Arbeit noch nicht getan und er könne in den Leib zurückkehren. Während die Wolke sich dann langsam ostwärts fortbewegte, fand er sich plötzlich dicht vor die drei Felsen versetzt. 'Ich wurde von einer starken Neugierde ergriffen, einen Blick in die nächste Welt zu tun.' Cr nahm vier verschiedene Eingänge zu ihr wahr, und durch die beiden mittleren ließ er seine Blicke schweifen: 'Die Atmosphäre war grün, und alles erschien kühl und still und schön. Jenseits der Felsen wanden sich die Straße, das Tal und die Bergkette sanft nach links und schnitten so den Blick schon in kurzer Entfernung ab. Wenn ich nur da herum käme, dachte ich, würde ich bald Engel und Teufel oder beides sehen; und als ich dies dachte, sah ich die Gestalten beider, wie ich sie mir oft in meinem Geiste ausgemalt hatte. Ich betrachtete sie genau und entdeckte, daß sie nicht Wirklichkeiten waren, sondern nur die s c h a t t e n h a f t e n Formen meiner Gedanken, und daß jede Gestalt auf dieselbe Weise hervorgerufen werden könne. Welch wunderbare Welt, rief ich in Gedanken aus, wo die V o r s t e l l u n g so viel mächt i g e r i s t , d a ß sie s i c h t b a r e G e s t a l t annimmt. Wie glücklich werde ich in einem solchen Gedankenreiche sein.' Er hoffte Stimmen oder Musik zu hören, wurde aber darin enttäuscht. 'Dann plötzlich überkam mich die Versuchung, die Grenzlinie zu überschreiten': ihn schreckte die Vorstellung, daß er noch einmal zu sterben haben würde, falls er 'zurückkehrte'. Aber während des Versuchs bewegte sich eine 'kleine, dicht-schwarze Wolke' auf sein Gesicht zu. 'Ich wußte, daß ich angehalten werden sollte. Ich fühlte, wie die Kraft der Bewegung und des Denkens mich verließ. Meine Hände fielen kraftlos an meinen Seiten herab, Schultern und Kopf sanken vorwärts, die Wolke berührte mein Gesicht, und ich v e r l o r das Bewußtsein.' Wiltse öffnete die Augen und lag in seinem Bette, wieder elend und schwach, und haltlos erbrechend.1 Es würde vielleicht nicht lohnen, alles zuletzt Vorgetragene ernsthaft zu erwägen, wenn es nicht - ich brauche das kaum zu sagen - in seltsamer Weise übereinstimmte mit Beobachtungen, die in unsrer Forschung dem Begriff der Ideoplastie eine ständig wachsende Bedeutung verschafft haben. Die Erörterung der Phantomatik hat uns mit diesem Begriff der Gedankenschöpfung, der objektiven Verwirklichung von Vorstellungen vertraut gemacht, und gerade in dieser Anwendung gewinnt er für unsere augenblickliche Frage Bedeutung, indem ja auch der Körper des Abgeschiedenen sich 'in Übereinstimmung mit seinem geistigen [Zustande]' befinden soll.2 Ebenso aber behauptet wenig- 1) Pr VIII 182 n. Ich empfehle genaues Durchdenken aller Einzelheiten des Berichts Im Uchte des bisher Gesagten. 2) Thomas, Life 108 (agreement); Swedenborg g 47. 364 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus stens das neuere Experiment zuweilen, auch die 'gedankliche Erschaffung' - bis zur Photographierbarkeit! - von Gegenständen aller Art als möglich erwiesen zu haben. Und ferner ist uns der Gedanke längst geläufig geworden, den Überlebenden die Fähigkeiten als Normalbesitz zuzuschreiben, die unter Lebenden nur in abnormen Zuständen oder bei abnormer Veranlagung auftreten. Hyslop schrieb sein Kapitel über 'die Natur eines künftigen Lebens' vor 1918 nieder, also zu einer Zeit, da die experimentelle Beobachtung von Ideoplastik noch mehr in den Anfängen stak als heute. Er konnte also, als er die rein halluzinatorische Artung des 'Schaffens' der Geister vertrat, sich noch darauf berufen, daß wir nur mittelbar durch unsern Körper schaffen und 'etwas wie Schaffen durch unmittelbare Willenstätigkeit dem normalen Leben nicht bekannt sei.' Als daher eine der Kontrollen der Mrs. Soule ihm auf den Kopf zusagte (was er dem Medium gegenüber nie auch nur angedeutet hatte!), er 'habe eine Theorie, daß das andre Leben eine rein geistige Welt sei', während in Wahrheit dort das. Bewußtsein schöpferisch sei,1 - da konnte diese Aussage nicht den Eindruck auf ihn machen, dem vielleicht auch er sich heute nicht mehr entziehen würde. Wir haben inzwischen zugelernt, und wie tief auch die Rätsel der Ideoplastie natürlich sind: daß wir hier einem philosophisch fruchtbaren Geheimnis gegenüberstehn, das an die letzten Fragen nach dem Sinn von geistigem und dinglichem Sein, von Sub- und Objektivität rührt, das erscheint mir unbestreitbar. Wohl möglich, daß hier einmal der Metapsychologe 'den Spieß umdrehn' und auch unsre Welt als 'bloße' Gedankenschöpfung bezeichnen wird, die uns nur darum wirklicher und 'dichter' erscheint, weil sie eben unsrer eigenen Wirklichkeit und Dichte' wesentlich entspricht.2 Immer wieder hat sich uns die Einsicht aufgedrängt, daß die letzten Fragen der Metapsychik nur gelöst werden können im Zusammenhang mit den Problemen der Ontologie, oder Metaphysik, oder Erkenntnistheorie - was ja im letzten Grunde auf dasselbe herauskommt -; und nirgends drängt sich uns diese Einsicht mächtiger auf als hier am Schluß unsrer Betrachtungen, wo die Erscheinungen, mit denen das Jenseits in unsre Sinnenwelt hineinragt, uns hinüberleiten zur Frage nach dem Wesen des Jenseits selbst. Daß viele Probleme hier wie dort sich als wesensgleich erweisen würden, war vorauszusehen, und nur äußerste Kurzsichtigkeit könnte an der Tatsache vorübergleiten, daß die leidliche Einstimmigkeit, womit uns das Jenseits zu allen Zeiten sich selbst geschildert hat, ein echtes und 1) Thomas 286. 2) Vgl. Doyle, Revel. 106, und die geistvollen Ausführungen Prof. Schülers in J S P R X I X 131 u. Pr XV 61 f., sowie die gleich gedankenreichen bei Vogl 241 fl Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 365 natürliches Problem darbietet; wie auch an der Tatsache, daß - wie dunkel dies Problem einstweilen erscheinen mag - an M ö g l i c h - k e i t e n seiner Lösung jedenfalls k e i n Mangel ist, sondern weit eher Überfluß. Man muß nur eben auch hier, wie so oft in unsrer Forschung, zur Ausübung einiger 'wissenschaftlicher Phantasie' bereit und befähigt sein. Man muß darauf gefaßt sein, die Dinge des Jenseits nicht bloß nach den landläufigen Begriffen der Physik oder Psychologie zu deuten, sondern etwa auch einmal 'ganz anders', in einem neuartigen Sinn von Dasein und Erleben. Mein wird dann, glaub' ich, bei willigem Sichhineindenken und -hineinfühlen in die vorliegenden Aussagen doch zu der Ansicht kommen, daß alles Vorgetragene einen i n n e r e n Zusammenhang besitzt, dessen Erfassen die anfängliche Anstößigkeit fortschreitend verringert. Ich will dabei nicht mit der Feststellung zurückhalten, daß die Berichte sich zuweilen zu einer 'Phantastik' auswachsen, bei der auch dem willigsten Leser der Mut zum Glauben entsinkt, so daß er sich versucht fühlt, mit dem 'ganz Unglaublichen' nun auch das 'allenfalls Glaubliche' doch noch über Bord zu werfen. So hören wir z.B. von einer Unterrichtsstunde in einer der erwähnten Schulen, daß man sich zur Veranschaulichung eines soz. lebenden Modells der Erde bedient habe. Ein blauer Nebel tritt in der Mitte des Raumes auf, dann trifft ein Lichtstrahl einen Erdglobus an der Wand und wird von diesem aufgesogen, der dann wie von innen her erleuchtet erscheint und in den blauen Nebel hineinfliegt, worin er einen Durchmesser von 80-100 Fuß annimmt und sich zu drehen beginnt. Nunmehr gewinnen die Zeichnungen auf dem Globus natürliches Aussehn: die Berge erheben sich körperhaft, die Meere wogen, die Städte erscheinen wie erhabene Modelle; schließlich sieht man Menschenmengen sich bewegen, ja sogar Einzelpersonen. 'Du wirst es schwerlich verstehn (sagt der Schildernde), daß wir auf einer Erdkugel von etwa 50-100 Fuß Durchmesser einzelne Menschen und Tiere sehen konnten. Aber das gehört zur Wissenschaft dieser Anstalt, daß sie solche Einzelheiten für sich unterscheiden läßt.' Man sieht nun das ganze Leben der Erde auf dem Festland und zur See sich abspielen, und in dieser körperhaft-lebendigen Weise wird jetzt, rQckschreitend, die Entwicklung der Erde bis zum Auftreten des Menschen gezeigt. 'Die geologischen Zeitalter glitten vor uns vorüber', und man beobachtete z. B., daß die 'Eiszeit' eine durchaus örtlich begrenzte Erscheinung gewesen war. Schließlich schrumpft der Globus wieder zusammen und schwebt, erloschen, an seinen Platz an der Wand zurück. - In ähnlicher Weise werden Modelle von Tieren 'belebt' und diese so in ihren einzelnen Entwicklungsformen vorgeführt.1 1) Owen I 76 H. 366 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus Ein andermal beschreibt der Gewährsmann einen vielstöckigen, zehnseitigen 'Wachtturm', dessen jede Seite von besondrer Farbe und Bauart war, mit je einem Tor auf einen Zugangsweg hinaus. Jede Seite stand in Verbindung mit einer der ersten zehn Sphären und ihren Herrschern, und das Ganze diente der Verständigung unter diesen. Die Wächter der einzelnen Seiten 'empfingen alle Berichte, Nachrichten, Gesuche, deren Erledigung irgendwelche Schwierigkeit darbot,... in vollkommener Ruhe des Geistes.' 'Ich trat [mit einem der Wächter] ein. Eine große, dreieckige, hohe Halle empfing mich, nach oben zu begrenzt vom Fußboden des nächsthöheren Raumes... Bald hörte ich Stimmen und konnte die Worte verstehen, die sie heranbrachten. Diese wurden bearbeitet in einem Räume Aber uns, fünf Stockwerke höher, und dann abwärts geleitet, wobei sie durch den Fußboden in die darunter gelegenen Gemächer drangen. Ich fragte nach dem Grunde, und [mein Fflhrer] erklärte mir, daß alle Botschaften von den auf dem Dache des Gebäudes Stehenden in Empfang genommen würden. Diese entnahmen daraus die Worte, die sie für i h r e n Anteil an dem Werk benötigten, und ließen das Übrige in den Raum unter ihnen weitergehen. Dort wurde die Botschaft in gleicher Weise behandelt und dann abermals abwärts weitergereicht. Dies wiederholte sich immer von neuem... In jedem Gemache war eine große Menge Arbeitender, alle geschäftig, aber ohne Hast, ihrer Aufgabe obliegend. Nun wirst du denken, das sei eine seltsame Art zu arbeiten. Aber die Wirklichkeit war noch seltsamer. Denn wenn ich sage: ich hörte die Worte, dann sage ich dir nur die Hälfte. Sie waren auf sichtbare Weise hörbar. Aber wie soll ich das in deiner Sprache ausdrücken? Ich kann es nicht besser als so: während man auf die Wand blickte (die in verschiedenen Steinen und Metallen gearbeitet war, ein jedes vitalisiert durch etwas, was hier eurer Elektrizität entspricht), sah man die Botschaft mehr im eigenen Gehirn als mit den Augen, und wenn man ihren Sinn erfaßte, hörte man die Stimme, die sie in irgendeiner entfernten Gegend äußerte. Auf diese Weise wurde man sich im eignen inneren Bewußtsein des Klanges der Stimme des Redenden bewußt, [dazu] seines Äußern, seiner Gestalt und seines Antlitzes, des Grades und der Art seines Dienstes und andrer Einzelheiten, die das genaue Verständnis des Sinnes der Botschaft befördern konnten.' Diese konnte der Berichtende selbst nicht verstehen; sie betraf den Aufbruch einer Abordnung aus der 6. Sphäre in die dritte, wo sie bei der Errichtung gewisser Werke Hilfe leisten sollte.1 Ein andres Beispiel von kleinerem Umfang entnehme ich der Schilderung einer Fahrt, welche *Mrs. Owen' selbst mitgemacht haben will. Die Reisenden haben eine gewisse Universität verlassen, und indem sie zurückblicken, sehen sie die Kuppel des Gebäudes in wechselnden Farben aufleuchten, schier unmerklich in einander übergehend, ein 'außerordentlich schönes' Schauspiel. 'Dann verschwand die Kuppel völlig. Unser Führer sagte uns, sie sei noch an derselben Stelle vorhanden, aber ihr Verschwinden sei bewirkt worden durch die Vereinigung gewisser Lichtelemente von den einzelnen 1) dai. II 20111. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 367 Kollegien. Darauf erschien über der Kuppel und den Bäumen - wobei erstere immer unsichtbar blieb - eine außerordentlich große Rose von rosa, danach in Karmin übergehender Färbung, und fiberall zwischen ihren Blütenblättern waren schöne Gestalten spielender Kinder, von Männern und Frauen zu sehn, welche standen oder sich ergingen und unterhielten, schön und glücklich anzuschauen; auch junge Rehe, Antilopen und Vögel, die zwischen den Blumenblättern umherliefen oder -flatterten oder lagen, deren Formen anschwollen wie Hügel und Wälle und Landschaften. Über diese Wälle liefen Kinder mit den Tieren, sehr hübsch und glücklich spielend. Und dann .schwand alles langsam dahin, und die Stelle war wieder leer. Übrigens wurden uns mehrere solcher Schauspiele gezeigt, während wir dort standen.'1 Ich beschließe diese Beispielreihe mit einer längeren, teilweise ähnlich gearteten Schilderung. - Wir befinden uns in einer Art Universitätsstadt in der 'zehnten Sphäre', deren Hauptgebäude und umgebende Landschaft uns eingehend beschrieben werden. Jenes hat 5 Türme verschiedenen Baumusters und eine Kuppel. Jeder der Türme steht für eins der Naturreiche und drückt es zugleich durch seine besondere Gestaltung aus. Der größte unter ihnen, gewaltig hoch, ist von einer auf Erden unbekannten Farbe; am ehesten könne man sie als 'goldenen Alabaster, besetzt mit Perlen' bezeichnen. "Er gleicht beinahe einer gewaltigen und leuchtenden Fontäne flüssiger Edelsteine in unablässigem Spiel. Aber anstatt des Plätscherns von Wasser gibt sie den Wohllaut geflüsterter Musik von sich,' die den Beschauer beseligend ergreift Der Turm hat doppelte Wände, zwischen denen sich Gemächer und Hallen für Engel befinden, mit einander verbunden durch Brücken, Treppen usw., von wechselnden Lichtern umspielt, von Musik umklungen. "Dieser große Turm beaufsichtigt die Arbeit der vier andern, und der Kuppelbau bezieht von hier die für seine Arbeit erforderliche Kraft.' Der Kommunikator, der dies alles beschreibt, hat einer "Kundgebung' an dieser Stätte beigewohnt, die hier in ganz knappen Umrissen beschrieben werden soll. Eine Musik ertönt, bei deren Anschwellen der Turm eine gewisse Nebelliaftigkeit annimmt, die ihn aber weniger verdunkelt als verwandelt. *Er wird durchsichtiger und scheint auf und nieder zu strömen, von innen nach außen, und wieder nach innen zurück, ein flüssiges Glas von vielen Farben.' Stimmen erklingen, die eine Art Te Deum singen, dessen (ausdrücklich nur ungefährer) Textsinn - auf Owens Bitte! - mitgeteilt wird. Während dann alle mit gesenkten Häuptern verharren, hört man des Heilandes Stimme: Triedel' und sieht ihn, aufblickend, am Eingang des Turmes stehen. Eine breite Treppe führt von seinem Standort zum Rande eines Wassers hinab, und auf ihren Stufen knieen Tausende von Engeln, die Bewohner des Turmes, und andre hinter dem Heiland, den sie begleitet haben. Während der Turm wie eine sprühende Flamme erglüht und die Palmblätterspitze seiner Krone sich mit feuerflammigen Engeln überdeckt, hebt Er einen Fuß nach dem andern empor und verharrt über dem Boden in der Schwebe. Dann löst sich die ganze Turmspitze ab und schwebt hernieder. Der Erzähler und die mit 1) das. I 42t. 368 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus ihm werden nun aufgefordert, ihr Inneres zu betreten, und befinden sich in einer geräumigen hohen Halle, von oben bis unten mit Edelsteinen ausgelegt. (Sie wird uns bis in alle Einzelheiten beschrieben.) Die anwesenden Tausende erfüllen sie ganz und empfangen nun Belehrungen des Heilands zur Abrundung ihres bisher Erarbeiteten (beides etwa im Sinne des Anfangs des Johannes-Evangeliums). Während dieser Darlegungen erhebt sich der Lehrende noch weiter im Räume. Bekleidet ist er mit einem bis zu den Knieen reichenden Gewände in flüssigem Grün, das die Arme nackt läßt, und der Gürtel ist mit einem blutroten Edelstein zusammengeschlossen. 'Seine Beine waren nackend unter dem Gewände, seine Glieder und Antlitz die eines jungen Fürsten in der vollen Kraft jugendlicher Mannheit. Sein Haar war unbedeckt, in der Mitte gescheitelt, und fiel ihm in braunen Lockensträhnen auf den Nacken . . . ' Die Engel stimmen nun einen Lobgesang an (dessen Text uns wieder mitgeteilt wird), und währenddessen beginnt der ganze Bau erst zu erbeben und dann sich aufzulösen und zu schwinden. Die Engel an den Wänden und in den Bögen treten zu Gruppen hinter dem Heiland zusammen, und der ganze Himmel ist erfüllt von zahllosen Engeln, Menschen verschiedener Rasse und Tieren. 'Die ganze Schöpfung war da um u n s , . . . ein Schauspiel, das die Seele mit Schauern der Ehrfurcht erfüllen mußte... Da begriff ich, wie nie zuvor, inwiefern "der Offenbarte Christus,1 auf Erden oder im Himmel, nur ein Schatten sei des Christus selbst in aller seiner Fülle, nur ein Schatten, von dem Lichte seiner Gottheit auf die Wände des Raumes geworfen, Wände, die aus Stäubchen bestanden, in die große Leere hinausgestreut, jedes Stäubchen eine Sonne mit ihren Planeten.' Auf eine Frage des Mediums wird diesem versichert, daß auch die auf Erden für wild und böse gehaltenen Geschöpfe zugegen gewesen seien; aber 'wir sahen diese Geschöpfe, wie wir sie hier zu sehen gelernt: wir sahen sie von innen, und sie erschienen uns nicht so [wie euch], sondern als Sprößlinge des einen großen Baumes natürlichen und ordnungsgemäßen Fortschritts: nicht übel, sondern weniger vollkommen: jede Klasse der Versuch irgendeines hohen Geistes und seiner Mitarbeiter, das Denkbild irgendeines winzigen Bestandteils von Gottes Wesen auszudrücken... Wir von innen Blickenden betrachteten atemlos die Schönheit des weitausgebreiteten Mantels des Christus, der, dort in der Mitte stehend, umkleidet erschien von dem innersten Wesen des Ganzen . . . In diesem Augenblick waren wir Bewohner nicht mehr der zehnten Sphäre, sondern des ganzen Weltalls, und wanderten umher unter seinen Einzelteilen und entlang seinen Jahrtausenden, und sprachen mit denen, die da planten, und denen, die in der großen Werkstatt Gottes arbeiteten, und lernten viele neue Dinge... Weisheit kommt mit den Jahren, und größere Weisheit in der Ewigkeit. - Danach wurden wir wieder zusammengerufen . . . , und indem wir uns einem Mittelpunkt näherten, löste sich das Ganze bis zur Unsichtbarkeit auf, und wir standen [wieder] auf der Plattform vor der Vorhalle des Tempels . . . ' 1) the Christ Manifest. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 369 Dies schreibt der englische Geistliche Owen unter der angeblichen Eingebung 'Arnels' und der helfenden Vermittlung 9einer verstorbenen Frau, wobei er Zwischenfragen stellt und um Aufklärung bittet, und überdies beide ihm berichten über das irdische Vorleben Arnels, angeblich eines englischen Künstlers in Florenz etwa im 17. Jahrhundert.1 Die Reihe dieser Beispiele ließe sich sehr verlängern; aber sie verdeutlichen doch schon, was ich als das übermäßig Phantastische und darum 'ganz Unglaubliche' gewisser Jenseitsschilderungen bezeichnete. Die erste und wohl sonderbarste Frage, die durch sie aufgeworfen wird, scheint mir wieder zu sein: weshalb sich die 'Erfindung' bis zu solchen Dingen versteigt, wenn es eben wirklich nur Erfindungen sind. Wir haben nicht die Möglichkeit, in die unterbewußten Tiefen und die gesamte Vorgeschichte der Medien hineinzuleuchten, die uns derartige Berichte liefern, um so die letzten Wurzeln dieser Phantastik bloßzulegen. In jedem Fall aber erscheint das Auftreten solcher Schilderungen höchst sonderbar. Ihr wohl ergiebigster Lieferer in neuer Zeit, der Rev. G. V. Owen, tritt vor uns hin als hochgebildeter Seelsorger der englischen Staatskirche, ein Mann von echter christlicher Wesensart, wennschon - wie der Name annehmen läßt - Bluterbe einer mit überreicher künstlerischer Phantasie begabten Rasse. Was er aber automatisch niederschreibt, hat sicherlich wenig gemein mit den Jenseitsvorstellungen seiner theologischen Vorbildung, und daneben ist nicht zu übersehen, daß auch er - wie seine Zwischenbemerkungen und gewisse Äußerungen in den Offenbarungen selbst verraten - das Berichtete nicht ohne inneres Widerstreben hingenommen hat. Welches also ist die Phantasiequelle, die allen Widerständen zum Trotz mit so üppiger Übertreibung sich gehen läßt? Woher vor allem diese ständig bis ins kleinste gehende Ausführlichkeit in der Beschreibung des angeblich Gesehenen und Gehörten, während es doch leicht wäre, durch ein mehr nur andeutendes Berichten die Aussichten des Zweifels zu vermindern? Lassen wir indeß diese Schwierigkeit beiseite, so fragt sich nun doch, welche Folgerungen wir aus dem Vorliegen solcher übertrieben phantastischen Jenseitsberichte ziehen müssen. Sollen wir, weil sie doch im engsten Zusammenhang mit den 'allenfalls glaublichen' auftreten, nunmehr auch diese als rein subjektiv beiseite werfen? Dies wird, wie ich schon sagte, sehr erschwert durch die Verknüpfung der letzteren mit den sonstigen Aussagen stark identifizierter Verstorbener. Das Fortleben ist nun einmal erwiesen; irgendwie muß es gestaltet sein, und da die glaubhaftesten Zeugen es immer in der gleichen Weise schildern, so 1) Owen IV 61-87. Begegnungen mit d. Heilande auch sonst nicht ganz selten; s. z. B. Thomas, Life 242 fT.; Swedenborg $ 121. M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben III. 24 370 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus gewinnt ein Grundstock an Beschreibungen unleugbar starkes Vertrauen. Wohin also mit jenen 'unglaublichen' Berichten? Sollen sie a l l e i n uns als Einschiebsel der unterbewußten Phantasie ihrer Medien gelten? Oder sollen gerade die Medien gänzlich vom Zeugnis ausgeschlossen werden, bei denen sich solche Berichte finden, trotzdem ein großer Teil ihrer Schilderungen mit den vergleichsweise glaublichsten sich deckt? Das eine erscheint so willkürlich wie das andre. Überdies gilt wohl der Satz, daß auch bei den an sich glaubwürdigsten Kommunikatoren gelegentlich wenigstens Ansätze zu ähnlicher 'Phantastik' sich finden.1 Mag man sich also nur schwer entschließen, die Schilderungen der fraglichen Art völlig beiseite zu wischen und für rein 'literarische' Erzeugnisse der Medien selbst zu erklären, - weis bleibt uns dann? Sollen wir uns einen entschlossenen Stoß geben und auch sie noch 'schlucken'? Die Kühnsten werden erwidern: warum nicht? Eine Welt, in welcher frühere Erdenbewohner fortleben, liegt doch schon so weit ab von allem bisher Denkgewohnten, daß wir auf mancherlei darin gefaßt sein müssen, was dieser Denkgewöhnung im ä u ß e r s t e n Grade phantastisch erscheinen kann. Was berechtigt uns Menschen eines gottlosen Maschinenzeitalters, zu bestimmen, wie weit das Jenseits sich irdischen Denkneigungen anzuähneln habe, oder in welcher Richtung es sich von ihnen entfernen dürfe? Ist erst ein Schicksal der Seele bis in unvorstellbare Fernen der Erdenfremdheit in Sicht, wieviel mag dann von jener 'Phantastik' wieder denkbar erscheinen, die in religiösen Offenbarungen und Visionen zuhause ist! Überdies: hier wird vorausgesetzt, das 'Phantastische' besitze zum mindesten in jenem äußersten Grade objektive Wirklichkeit, in welchem überhaupt von einer solchen im Jenseits die Rede sein kann. Aber ist diese Auffassung die einzig mögliche? Ich meine: gerade die ganz 'unglaublichen' Stücke der Jenseitsschilderung fordern uns auf, unsre 'wissenschaftliche Phantasie' ins Spiel zu bringen, unsre Grundbegriffe zu verflüssigen, dem scheinbar Undenkbaren - vielleicht - Anregungen zu neuartiger Fassung solcher Begriffe oder zur Einführung neuer zu entnehmen. Sehen wir also ab von einer Auffassung des Geschilderten als voller 'Wirklichkeit' (im Sinne des jenseitig Realen!), so könnte man vielleicht versuchen, es als (ganz oder großenteils 'symbolische') Darstellung - in irgendwelchem Material? - von schöpferischen Gedanken gewisser 'großer' Persönlichkeiten aufzufassen; oder aber - noch weiter ab von Wirklichkeit - als (telepathisch erzeugte) 1) wie z. B. bei Thomas, Life in ch. XXXV u. XXVIII. Schwierigkeiten bezüglich der jenseiligen Umwelt 371 Gesichte1, oder als symbolischen 'Traum' derer, die es schauen. Vielleicht aber auch liegt die wahre Deutung dicht neben einer von diesen, oder mitten zwischen zweien von ihnen; oder sie ist von einer Art, die wir uns einstweilen gar nicht denken können. Nur vor einem würden uns alle solche Überlegungen warnen: vor der gänzlichen Verwerfung, der reinen 'Literarisierung' dieser 'unglaublichen' Berichte, weil sie angeblich - für unser Wirklichkeitsgefühl - allzuweit über Jenseitsschilderungen hinausgehn, die wir, nach früher angedeuteten Begriffen, allenfalls noch gelten lassen mögen. - Jedenfalls kann, wie mir scheint, für den, der solchen Überlegungen irgendetwas abzugewinnen vermag, gar nicht die Rede davon sein, daß die Unglaubhaftigkeit von Jenseitsschilderungen insgesamt ein allgemeines Argument abgebe gegen die Glaubhaftigkeit derer, die uns solche Schilderungen liefern, sofern sich jene außerdem als selbständig daseiende Wesen erweisen. Wir dürfen also mindestens auch diese letzte Denkbeschwer des Gegners ruhig beiseite schieben; d. h. wir dürfen die Frage der Selbstbezeugung Abgeschiedener und ihres Fortlebens bejahen, auch wenn wir die schwierige Frage der Zukunft überlassen müssen, wie denn das Dasein der Abgeschiedenen beschaffen sei außerhalb des kleinen Lichtkreises ihrer irdischen Selbstbekundung. Dabei gilt aber schließlich, daß selbst die Denkbeschwer, die viele Schilderungen uns bereiten, sich noch vermindert, wenn wir überlegen, daß zugestandenermaßen solche Schilderungen sich nur auf gewisse Stufen jenseitigen Lebens beziehen, - die Stufen, die der Verstorbene zunächst nach seinem Hingang betritt, die er aber schließlich mit andern vertauschen wird, denen Erdenähnlichkeit in ständig abnehmendem Maße anhaftet, über die uns freilich eben darum faßbare Auskunft nicht mehr zu teil wird. Denn mit großer Einstimmigkeit wird uns versichert, daß die Welt der Geister aus 'Schichten', 'Sphären', 'Ebenen' besteht und daß nur in deren 'niedersten' oder 'erdennächsten' vieles sich findet, was auf Erden 'in dichter Materie auch bestanden hat'. Hierüber noch einige Worte. Die Angaben über diese schon mehrfach erwähnten Sphären erscheinen nicht durchweg und ohne weiteres übereinstimmend; doch glaube ich, daß die scheinbaren Widersprüche bei vertiefter und soz. weitherziger Betrachtung sich zunehmend verflüchtigen. Wir lesen z. B. nicht selten, daß die Erde und ebenso die Planeten von solchen Sphären um- 1) Vgl. zu diesen beiden Möglichkeiten die beachtenswerten Auslührungen Owen I S. X X X I I . und 27. 24* 372 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus geben seien. Die Erde ('schreibt' z.B. Owen) ist der Mittelpunkt, um welchen viele Sphären sind, sie ist in alle diese Sphären eingeschlossen'; und ein gleiches 'Komplement geistiger Zonen oder Sphären' soll 'jeder Planet in diesem Sonnensystem' haben, derart daß die entfernteren Sphären der einzelnen Himmelskörper einander überschneiden, und zwar natürlich in wechselnden Mischungen entsprechend den Bewegungen der Planeten; und diese Rechnung wird sogar bis zu den Fixsternen des Weltraums - und darüber hinaus! - ausgedehnt.1 Aber im Zusammenhang damit - und zuweilen im unmittelbaren - wird uns versichert, daß diese Sphären rein geistig aufzufassen seien: sie sind 'geistig und nicht stofflich'; so daß die Frage auftaucht, ob nicht die ihnen zugeschriebene räumliche Lagerung nur 'Erscheinung' oder Anpassung an unser Vorstellen sei. Gerade die selber höheren Sphären entstammenden Schilderer sagen z. B., jene seien 'nicht so sehr etwas, was auf Erden örtlichkeiten entsprechen würde, sondern vielmehr Zuständlichkeiten2 von Leben und Kraft, entsprechend der Entwicklung des Einzelnen.' Spräche man von 'höchsten' Sphären, so nur 'um es auf eine Art auszudrücken, die ihr verstehen könnt.' 'Man kann nicht sagen, daß es örtlichkeit in der Ewigkeit gebe. Gleichwohl scheint der sich fortentwickelnden Seele das Bewußtsein in einer Gegend oder an einem Orte zu sein.' Zumal 'in den höheren Sphären entrinnen wir aller Form und Erscheinung.'3 Zwar wird das Wesen ihrer Unterschiedlichkeit zuweilen in etwas verlegt, was sich als 'Vibration' bezeichnen lasse, oder als 'Licht'. Aber die 'psychologische' Begriffsbestimmung scheint zu überwiegen; wie denn 'Myers' die sieben 'Ebenen' oder Sphären, die er zählt, am liebsten als Bewußtseinsstufen - levels of consciousness - bezeichnen möchte.4 Und man kann vielleicht eine seltsame Bestätigung dieser Auffassung in der gelegentlichen Angabe finden, daß für den Einzelnen 'zwischen je zwei Ebenen ein Versinken in anscheinende Vergessenheit, eine Stillegung aller Vorgänge, eine große Ruhe' sich einstelle, - also wieder entsprechend jener trennenden Synkope, die wir schon auf Erden oft beim Übergang von einer Bewußtseinslage oder einer Spaltpersönlichkeit in die andre beobachten; ja selbst jene panoramatische Vergangenheitsschau, die zuweilen in der Nachbarschaft des Sterbens, also eines der wichtigsten derartigen Übergänge stattfindet, wird gelegentlich auch dem Übertritt aus einer Sphäre in die andre zugeschrieben!5 Denkt man sich willig in das Wesentliche dieser Angaben hinein, so wird man schwerlich noch Anstoß daran nehmen, daß die Zählung der 1) Owen I 175f. 179. 181. 'Räumliche' Ausdrücke auch bei Swedenborg (z. B. 8 422. 428). 2) es tat es; state of the interiors (Swedenborg § 42. 192). 3) Owen I 175; II 45; Cummins II 31. 34. 4) Owen II 52f. 126; Cummins II 311. 5) Cummins I 67. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 373 Ebenen bei den einzelnen Gewährsmännern eine verschiedene ist.1 Denn ausdrücklich wird uns gesagt, daß es sich hier nicht um 'starre Abgrenzungen' handle, sondern 'daß alle diese Stufen des Daseins sich verschlingen und durchdringen',2 also in einander übergehen. 'In jeder Sphäre findet mein, daß andre Sphären sie berühren... Die Harmonie der Sphären ist Eine und in sich verbunden.'3 'Die höheren schließen in sich alle niederen ein, und wer in einer von jenen sich bewegt, ist in allen niederen gegenwärtig.' 'Wer also, sagen wir, bis zur siebenten vorgeschritten ist, ist in alle unter ihm hegenden eingeweiht, durch die er hindurchgegangen ist. Gleichwie also Andre zu ihm niedersteigen, so kann auch er zu Andern hinabgehn, sofern er sich den Bedingungen der Sphäre anpaßt, in die er sich begibt.'4 Allen umfassenden Angaben gemeinsam ist aber jedenfalls - und darauf kam es uns ja gerade hier an -, daß in den 'höchsten', also wesens- und zustandsmäßig entlegensten Sphären jede Erdenähnlichkeit (und folglich auch Beschreibbarkeit) aufhöre, ja räumliches, formhaftes und - zeitliches Erleben der Geister überhaupt, nachdem inzwischen auch die menschenähnliche Körperlichkeit längst andren Formen Platz gemacht habe, in denen sich der Geist, das gesamte Erleben des Ich, weit 'unmittelbarer ausdrückt' als ehedem in irdischer Leil>- lichkeit.5 Wenden wir diesen Gedanken schließlich noch ins soz. Spiritistisch- Praktische, so müssen wir sagen: Die Abgeschiedenen schlagen nicht nur 'verschiedene Wege' ein und befinden sich in 'verschiedenen Teilen' der unsichtbaren Welt, so daß z. B. der eine nicht Gelegenheit oder Möglichkeit hätte, den andern zu treffen oder zu finden; sondern es ist auch immer damit zu rechnen, daß einer von ihnen überhaupt 'zu hoch ist, um zu sprechen';6 was zwar zuweilen bloß vorübergehende 'funktionale Ferne' sein mag (im früher besprochenen Sinn),7 aber ebenso oft eine 'ontologische Entrückung' andeuten dürfte, die ihn der Berührung mit allen Irdischen überhaupt entzieht und das Aufhören aller Kundgebungen erklärt.8 Die zeitlichen Grenzen solcher 'Rückkehr' zu bestimmen, wäre gleichfalls ein Problem für künftige Forschung, über das nicht einmal jeder beliebige Jenseitige Klarheit zu besitzen braucht. Sieben Jahre werden gelegentlich als gewöhnliche Grenze 'leichter Rückkehr' genannt; aber 'Thomas sen.' redet mühelos und ausgiebig noch 22 Jahre nach seinem Tode. A. C. Doyle bezeich- 1) Sieben scheint die Mindestzahl zu sein; doch wird auch eine zehnte und fünfzehnte erwähnt (Owen II 152f. 214). 2) interlace and interpenetrate: Amicus 23. 3) one and blended. 4) Owen I 183; II 153. 5) Owen I 110; Cummins I 57. 72f. " ) Pr XXX 523; XXI 233; XVIII 145. 301. 7) s. o. II 276". 8) Pr XVIII 143; XXI 205; XIII 431. 374 Allgemeine Widerstände gegen die Anerkennung des Spiritismus net, wie wir hörten, den 1677 verstorbenen 'Mr. Manton' als den 'ältesten Geist', von dessen Rückkehr wir wissen, scheint dies aber selbst schon für eine auffallende Ausnahme zu halten.1 Findlays Unterredner bezeichnet als 'zweiten Tod' den Übergang eines Jenseitigen 'zu einer andren Ebene, von der es nicht so leicht ist, zur Erde zurückzukehren'. 'Die diesen zweiten Tod durchgemacht haben, können rückkehrend uns auf unsrer Ebene besuchen, aber wir können uns nicht zu ihnen begeben, ehe wir ihn nicht auch durchgemacht haben.'2 Mit der Erde verkehren jene Entfernteren allenfalls durch Vermittlung der Erdnäheren. Und einer von diesen 'Entfernteren', dem es nur auf kurze Minuten möglich war sich kundzugeben, sagte zu Mrs. Travers Smith: es sei ihm verboten, über seine Umwelt und Tätigkeit zu reden, und in jedem Falle würde es den Lebenden auch unverständlich bleiben.3 Umso mehr hat der Forscher, nachdem er tastend und mit Vorbehalten an die Grenzen des Vermutbaren vorgestoßen ist, hier endgültig zu schweigen. All' alta fantasia qui manca possa. Die Ausführungen über Wesen und Art jenseitigen Lebens dürften dem Leser, verglichen mit den vorausgegangenen Darlegungen, den Eindruck gesteigerter Unsicherheit und Mehrdeutigkeit gemacht haben. Ja selbst unsre Gewährsmänner betonen gerade hier am häufigsten, daß sie nicht Unfehlbarkeit beanspruchen; daß sie die Richtigkeit aller ihrer Angaben nicht verbürgen können; daß sie nur mitteilen, was sie wissen, und soweit sie es verstehen.4 Und wir unserseits müssen zugeben, daß wir nicht einmal der meisten Gewährsmänner als solcher sicher sind, und daß der Gedankenbau, den wir auf ihre Mitteilungen gegründet, ein völlig vorläufiger und versuchsweiser ist, dessen endgültige Errichtung künftiger Forschung überlassen bleiben muß. Trotzdem glaube ich, daß auch hier einiges an Möglichkeiten und Denkbarkeiten aufgewiesen worden ist, und da dies bei den vorher besprochenen T)enkschwierigkeiten' in jedenfalls höherem Grade der Fall war, so läßt sich meines Erachtens folgender Gesamtschluß dieses Abschnit- 1) Doyle, Revel. 95. Vgl. übrigens Pr IX lOOff., Kerner, Seh. und o. S. 43. 2) Dazu, daß ein solches 'Verschwinden' für die Verbleibenden zweideutig ist, weil es ebenso gut durch Wiederverkörperung bedingt sein kann, und daß sich damit der vielberufene Widerspruch von Kundgebungen in der Frage der ReinkarnaUon autlöse (worin manche, wie Morselli, ein vernichtendes Argument gegen den Spiritismus sehen wollen), s. Bozzanos scharfsinnige und reich belegte Ausführungen, ref. ZpF 1927 352. 3) Findlay 125; Travers Smith 27. 4) Owen I 40. 123. 145; Barker 42; Cummins I 62. Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt 375 tes ziehen: Keine von den Fragen, die der Gegner vorbringt, um, nach vollendetem Beweise des Uberlebens, diesen Beweis doch noch ins Wanken zu bringen durch Aufweisung von Undenkbarkeiten oder Unsinnigkeiten, die sich aus seiner Annahme ergeben sollen, - keine jener Fragen führt uns so weit in Verlegenheit, daß wir an diesem Beweise irre zu werden brauchen. Selbst soweit wir keine eindeutige und überzeugende Antwort erteilen können, fühlen wir uns doch mindestens berechtigt, die Fragen einstweilen auf sich beruhen zu lassen. Es darf uns darum auch hier - in Goethescher Gesinnung - genügen, nur das Erforschliche zu erforschen. Wer das Übrige nicht aus dem Munde kirchlicher Offenbarung oder selbsternannter Sektenpropheten oder von Medien entgegenzunehmen vermag, der darf in ruhig verehrender Hoffnung der Zeit entgegenharren, da eigene Erfahrung ihn der Abhängigkeit von fremdem Zeugnis entheben wird. Man lebt nun einmal auch nach dem Tode. Und wie? Nun: qui vivra, verra - wer lebt, wird schauen. Erklärung der Titelabkürzungen [Enthält nur die in diesem Bande z u e r s t zitierten Titel. Alle übrigen sind im entsprechenden Verzeichnis am Schluß des 2. Bandes aufzusuchen.] 1. Zeitschriften AL = Annales de Lourdes. BCRMB - Bulletin du Conseil des Recherches Métapsychiques de Belgique. Me = The Medium and Daybreak. 2. 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Acevedo, Dr. 95 Adshead 147 Aksakow 93 109f. 117 f. 122 147 f. 187 f. 201 230 265 Amosow 19 Armstrong 186 f. Arnhard, v. 143 Aschauer 66 Ashton 99 f. Avellino 94 135 f. 259 f. Baddeley, Col. 312 Baerwald, Dr. 293f. 311A. 312 330f. Baggally 83 f. 90 ff. *Barker, Mrs. 349 Barlow 28 Barnard 69A. 226 328 ff. Barrett, Prof. 33 f. 52 70 74 87 120 f. 168 185 Barzinl 103 f. 164 225 Bates, Miss 186 218 257f. 263 302 305 Bavink, Dr. 159 Beadon, Mrs. 310 Beauchamp, Miss 225 'Bennie' 147 f. Beresford, Lady 39 f. Bergen, Dr. v. 149 Bergson, Prof. 349 Berisso 194 Bernstein (Schloß) 29 ff. 219 •Bertie' 146f. 273 ^Besinnet, Mrs. 243 'Biltcliffe' 242 f. Bird 251 Blacher, Prof. 62 A. 186A. 207 213 Black, John 232f. 291 Blackwell 28 Blake, Prof. 118 185 195 'Blanche' 261 Boehm, Dr. 62 A. Boldero, General 167 Bolton 217 Bottazzi, Prof. 103 165 194 Boulding 11 Bowers, Dr. 149 ff. 170 201 Bozzano 7A. 50 75 83 94 135f. 159ff. 166 225 237f. 248f. 259f. 346 349 Brackett 146 196 304f. Bradley 166 A. 167 170 284 Buchner 2A. 202 Bullet, Comte de 163 *Cadwell, Mrs. 305 'Camargo Barros, J. de' 128 •Carrière, Eva 203 f. 206 Carrington 83 f. 90 ff. 194 251 Chartier 94 'Clemens' 41 Coates 28 Coleman 107 110 248 266 Colley 174f. 182 184f. 211 *Conant, Mrs. 14 *Cook, Florence 107 ff. 173 f. 185 230 246ff. 283 298 Coues, Prof. 86 Cox 80 92 Crandon, Dr. s. Margery Crane, du 6f. *Crocker, Mrs. 201 *Crompton, Mrs. 187 Crookes, Prof. Sir Will. 28 80f. 92 102 107ff. 122 154 165 173 180 185 229 298 306 Crowe, Mrs. 53 *Cummins, Miss 347 352 358 Cunéo, Prof. 282 Danmar 215 A. Darton, Mrs. 11 f. Daumer 156 292 *Davenport 196 380 Namenverzeichnis Davey 121 f. Davis 20 -, A. J. 339 -, Mrs. 86 Delanne 8A. 157 190 208 271 ff. 299 "d'Espérance, Mrs. 105f. 119f. 122 145 149 163 178ff. 187ff. 197 199 214f. 217f. 223 f. 228 235 241 f. 253 259 262 293ff. 297 300 302 Dessoir, Prof. 89A. 133 f. 353 Doyle 28 243 349 373f. Driesch, Prof. 207 323 Duncan 171 286 Dunraven, Earl of 56 du Prel 142f. 276A. 298 301 Durville 197 •Eglinton 118 f. 122 182 f. 185 195 241 248 Enniscorthy, Spuk in 74 Erba, Cav. 136 Eslinger 43 ff. •Estelle (Livermore)' 263 ff. Eusapia s. Palladino •Fairlamb, Miss 99f. 186 Falcomer, Prof. 189 •Fay, Mrs. 305 Fechner, Prof. 79 'Feda' 309 f. Feilding 83f. 90ff." Ferguson, Rev. 196 Terreira, W.' 130 Fidler 242 •Finch, Mrs. 178 Findlay 168 f. 172 358 360 *Firman, Mrs. 273 f. FitzGerald 195 Flammarion, Prof. 279 Folkestone, Spuk in 70 f. Fornari 41 Fournier d'Albe 191 355 *Fox, Kate 92f. 264ff. 'Franklin, Dr.' 266 269 •French, Mrs. 167 Furness, Dr. 240 Galeotti, Prof. 194 Gardiner, Mrs. 17 •Garrett, Mrs. 73f. 309 316f. •Gazerra 203 Geley, Dr. lOOf. 103 204 227 238 f. 276 279 282 Gellona 272 Gesta 41 f. Gibbes 352 Gibier, Dr. 87f. 166 215 218 260 304 Gledstane 184 Glenconner, Lady 316ff. •Goligher, Miss 203 Gramont, Comte de 100 279 282 Gray, Dr. 264 267 ff. 302 , Mrs. Stoddart 218 257 f. 263 Groß-Erlach, Spuk in 64 69 Groute 269 Gruber, Prof. 195 203 205 207 Grunewald 89 Gulat-Wellenberg, Dr. v. 78 GOldenstubbe, v. 25 Gully, Dr. 107 f. 116 *Guppy, Mrs. 137 Gurney 2 8A. 33 36f. *Guzik 280ff. Halm-Nikolai 143 298 •Hardwicke, Dr. 250f. "Hardy, Mrs. 98f. Harrison 108 116 186 230 306f. Hartmann, E. v. 162 ff. Haslinger, Prof. 85 Hastings 56 •Hauffe, Frau 193 •Haxby 186 Hegy, Dr. 283 "Henderson 137 •Heme 117 137 Hiü 326A 332 Hitchman, Dr. 181 184 Hodgson, Dr. 14 333 Hoffmann, Prof. 83A. 94A. •Hollis, Mrs. 95 •Holmes, Mrs. 245 •Home 57 80 ff. 92 167 271 •Hope 28 Hopp 89 Huggins, Prof. 80f. •Husk 120f. Hyslop, Prof. 324f. 346 347A. 355 f. 364 Illig6 31f. 64 •Indridason 167 187 217 Namenverzeichnis 381 Jacques 70 f. James, Prof. 60 326 Jaquin 284 'Jensen' 217 Jo€l, Prof. 158 'John King' 117 137 144 166 223 225 Joller 54 74 f. Jordan, Prof. 159 Juriewitsch 262 Kardec 200 'Katie King' 107 ff. 122 173 f. 185 205 207 213 229 f. 246 292 298 301 f. 306f. Kerner, Dr. 42ff. 193 Klinckowstroem, Graf v. 78 80f. 83 85 87 96ff. 101 f. 112ff. 227f. 267 277 ff. 282 "Kluski lOOff. 215f. 227f. 234 238f. 261 276ff. Kosten, Spnk in 62 Kotterbach, Spuk in 62 Krafft-Ebing, Prof. v. 335 Kreil 38 f. Lambert 13 f. 84 346 Larkin 56 "Laszlo 203 Leclainche, Prof. 282 Lehmann, Prof. 80f. 83 113 "Leonard, Mrs. 257 285 309 312f. 350 Lewin, Mrs. 23 f. Uly' 146 f. Lister, Miss 22 Livermore 263 ff. 302 Lodge, Prof. Sir OL 280ff. 354 f. , Raymond' 350 Lombroso, Prof. 69 83 166 226 262 293 'Lucie' 215 218 Luxmore 108 116 Mainardi, Graf 143 'Manton' 374 •Margery 167 172 250ff. Marryat, Mrs. 116 150 174 183 185 187 210 245 ff. 301 307 Massaro 255 f. Matla, Dr. 193 Maxwell, Dr. 163f. 179 200 McDougall, Dr. D. 193 McKenzie, J. H. 73 85 -, Mrs. 316 M'Connel 56 'Meggic' 147 f. 'Menezes, Dr. B. de' 131 Menghini 42 Michel 38 Miller 259 "Mirabelli 123 ff. 173 214 241 271 295 f. Mitchiner 183 *Molnar 69 *Monck 145 f. 174 f. 181t 184f. 189 211 274 297 •Montagu' 350f. *Moore, Dr. 150ff. *-, Misses 171 286 MorselÜ, Prof. 90 103 105 135 f. 144 164 265 Morton, Miss 20 29 Moser, Frau Dr. 78 84 f. 87 101 f. 106 112f. 126 267 "Moses, W. St. 303 339 Mracek 38 f. Mucchi, Dr. 222 Muldoon 304 Münchhof, Spuk in 66 ff. Myers, F. W. H. 2f. 8 29 120f. 155 324 <_, 340 352 358 360 372 •Nepenthes' 105 f. 149 215 218 262 "Nielsen 203 Nielsson, Prof. 167 187 217 Nikolsburg, Spuk in 57 65 69 74 Nosworthy, Mrs. 181 209 Ochorowicz, Dr. 165 194 Oesterreich, Prof. 85 Ohlhaver 72 138 ff. 245 301 ff. s. auch Tambke sen.' 140 f. Olcott 187 Orlach, Mädchen von 42 f. Osty, Dr. 101A. 280 282 Owen, G.V. 351 369 372 '-, Mrs.' 350f. 360 366 -, R. D. 34 86 92 268 Oxley 146 f. 273 "Palladino 90ff. 104f. 135ff. 143f. 163 165 f. 173 178 186ff. 194f. 199 206 382 Namenverzeichnis 210 222ff. 234f. 237 f. 241 244 248 f. 254ff. 258ff. 262 272 f. 293 297 303 'Panzini' 41 Paris, Ed. 58 Pawlowski, Prof. 215 f. 227 261 277 281 Pennée, Mrs. 24 Perovsky, Graf 78 83 Peter, General 18 Peyron, Baronin 253 Pigou, Prof. 327A. "Piper, Mrs. 3251 Podmore 2 78 83 109 ff. 240 267 ff. 305A. 328 Poifll, Baronin 298 "Politi 253f. Porro, Prof. 91 137 226 Potocki, Graf 100 238 f. Price 85 Rahn 197 Ramorino 137 Regnlski 711 Reimers 273 "Reine 198A. Resau, Spuk in 67 Reuter, v. 28 Richardson, Dr. 167 Richet, Prof. 10 40 lOOff. 261A. 278 280 "Roberts, Mrs. 137 241 Rochas 189 197 331 335 Rosenbusch, Dr. 78 84 "Ross, Mrs. 145 Ross-Church s. Marryat "Rostagno 189 Ruzicka, Frau 57 63 65 f. "Salmon, Mrs. 137 166 260 Sargent 99 Savage, Rev. 137 Schiaparelli, Prof. 223 Schiller, Prof. 326 Schleich, Prof. 207 "Schneider, R. 179 203 *-, W. 219 "Schoen, Mrs. 283 Schrenck-Notzing, Dr. Frhr. v. 63 f. 75 A. 163 202 ff. 206 Schtschapow 62 'Scott, Dr.' 359 Scozzi, Dr. Visani 104f. 143f. 224f. 262 Seiling, Prof. 223 302 Senarega 253 f. Sexton, Dr. 107 f. "Showers, Miss 187 Sidgwick, Mrs. 78 309 312 Siemiradski, v. 195 "Silbert, Frau 85 Simsa, Dr. 57 63 65 f. *SIade 86". 96 ff. "Sloan 167 ff. 358 Smedley 216 "Soule, Mrs. 364 Souza, Dr. de 128 296 Stead 28 Steiger, de 19 Stewart, Prof. 192 -, Mrs. 286 'Stinson, Walter' 172 250ff. 275 Sünner, Dr. 71 85 Swedenborg 334 339 359 Symonds 326A. Tait, Prof. 192 "Tambke, Frl. 138 ff. 241 297 f. 301 ff. Testa 244 Thilo, Frau Dr. 13 Thomas, Rev. 311 ff. '-, Rev., sen.' 315 353 357 f. 373 , Etta' 340 f. 353 Tibor 69 Tillyard, Dr. 252 Tischner, Dr. 85 111 ff. Tonkli, Frau v. 72 1 reloar, Mrs. 17 Truesdell 240 Tummolo, Prof. 69 Tweedale, Rev. 4 8A. 25f. 28 53 55f. 174 Tyrone, Lord 39 f. Valdeck 97 Valiantine 166 f. Varick 34 Varley 113 185 Vassallo 91 137 254 ff. "Vaughan, Mrs. 287 Venzano, Dr. 91 105 135 f. 144 165 f. 173 194 248 f. 258 Verrall, Mrs. 160 Namenverzeichnis 383 Wagner, Prof. 92 194 Wales 347 ff. Walker, Miss 37 Wallace, Sir A. R. 28 145 181 f. 185 347 Walter, Prof. 85 Wassilko, Gräfin 63 Webling, Rev. 286 f. Weinholtz 197 Wesley 34 54 •Williams 117 186 •Willis 86 Wilson, Miss H. 5 f. Wiltse, Dr. 361 ff. Winbridge, Mrs. 21 f. Winkelhofer, Ther. 62 Wolfe, Dr. 95 *Wood, Miss 144 147 f. Wötzel, Dr. 9f. *Wriedt, Mrs. 167 283 285 Ylojärvi, Spuk in 65 olande' 122 f. 188 f. 214 f. 217 228 235 Zaalberg van Zelst, Dr. 193 Zöllner, Prof. 86 96 ff. Zwieselbauer, Hilda 62 f. 65 68 Sachverzeichnis Abdrücke phantomaler Gliedmaßen 95 ff. 195 210A. Abgüsse s. Gußformen Abhängigkeit der Materialisation vom Medium 179f. 198 202ff. Abstand der Bildung v. Mat. s. Entfernung . . . Ähnlichkeit von Phantom u. Medium 297ff. 'Alter' der Jenseitigen 333 ff. 340 Amputierten, Gliedempfindungen von 192 f. Anatomie (u. Physiologie) der Materialisation 128 157 165 ff. 205 f. 287 f. Anstrengung, schöpferische, des Materialisationsmediums 179 183 188 220 295 ff. Astralleib 155ff. 171 176 189ff. 211 273A. 292 299f. 340f. Astralwelt 303 354f. Ausscheidung, stoffliche s. Abhängigkeit Austritt abnormer Körperteile aus d. Medium 193 ff. 303 s. auch Extériorisation Band zwischen Medium u. Phantom 182 ff. 198 202 216 219 Berührungen durch Phantome 33 ff. 44 49 71 f. Bewegungsgemeinschaft von Medium u. Materialisation 187 f. 296 Brandblasen durch Phantomberührung 39 f. Brandmale an Gegenst&nden 40 ff. 50 Bacherteste 309ff. -, fingierte 311 -, spiritist. Bestandteil in 315 ff; Dampf s. Nebel Daumenabdrücke der Materialisation 250ff. Dematerialisation s. Schwinden . . . Direkte Stimme 166 ff. Double s. Astralleib Eidetiker 4 Eidolon 156 292 Ektoplasmen 69 A. 163 183 203 s.auch Abhängigkeit . . . Elementargeister 72 Emanation s. Ektoplasmen, Abhängigkeit . . . Empfindungsgemeinschaft von Medium u. Phantom 188 f. 293 ff. Entelechie 207f. 275f. 288ff. 297 299 333 ff. Entfernung der Bildung v. Materialisationen vom Medium 214 ff. Entsprechungen bei Büchertesten 318 Erblichkeit u. Wiederverkörperung 332 Erkennung v. Phantomen bemäkelt 240 Erregung s. Anstrengung . . . Erschöpfung d. Mediums bei Materialisation 178 f. 183 187 220 Exkursion 69 361 Exteriorisierung des 'double' 197 f. - der Empfindung 198 202 'Extra'-Bilder 27 f. 161 Feinerer Leib s. Astralleib lernerscheinungen Lebender 292 Flugbahn s. Wurfbahn Fluidalleib s. Astralleib Formungskomponente bei Materialisation s. Entelechie Fortleben, Schwierigkeiten des Begriffes 329ff. Gebetswünsche Überlebender 39 44ff. Gedankenformen 160 f. Gegensatz zwischen Phantom u. Medium 224 ff. 234 f. Sachverzeichnis 385 Gehirn u. Seele 327ff. Geisterwelt s.Jenseits Gerüche um d. Phantom 45 f. 49 128f. Geschlechtlichkeit u. Materialisation 179 - u. Poltergeist 62 f. Gewichtsverhältnis von Medium u. Phantom 185 ff. Gleichzeitigkeit mehrerer Phantomleistungen 225 Phantome s. Mehrheit . . . Gußformen phantomaler Glieder 98 ff. 147 ff. 195 227 Halluzinationen, Objektivität von 159 f. Hände, phantomale, in d. Leistung gesehn 90 ff. 165 222 ff. s. auch Abdrücke Handmäßige Leistungen von Phantomen 53ff. 56ff. 64ff. 79ff. Handschrift, identifizierte, d. Phantoms 266 Heilinstinkt 208 Hellsehn bei Büchertesten 312 f. Heterophanien, Möglichkeit v. lf. 8 Hinausverlegung eines Spalt-Ich in d. Materialisation 231 ff. Hülsentheorie des Phantoms 162 ff. 192 Hysterie u. Poltergeist 62f. 69 - u. Spalt-Ich der Materialisation 225 Identifizierte Materialisationen 236 ff. 292ff. - Tiermaterialis. 285 f. Ideoplastie, Materieiiis, durch 109 155 176 200 202 ff. 299f. -, Erscheinungen durch 159 ff. 292 - der Phantomkleidung 304 ff. - im Jenseits 357 ff. Jenseits, Leben im 343 f. -, Theorie des 346 ff. -, Wesen des 338 ff. Jenseitsschilderungen, phantastische 365 ff. Kälte bei Phantomen 7 13 26 29f. 46f. 71 74 f. 103 198 221 257 M a t t i e s e n , Das persönliche Überleben III Kennzeichen, besondere, beiMaterialis. 245 ff. Klarwerden Irrer vor d. Tode 334 Kleidung d. Phantoms 157 300ff. , Ausbesserung der 115 306 f. Kollektivität der Wahrnehmung v. Phantomen 3 7ff. 44ff. 157 - der medialen Leistung 178 Köpfe, phantomale 103 f. Läuten v. Glocken durch phant. Hand 93 f. Lebende als Materialis. 234f. Leib-Seele-Problem 327 ff. leuchten von Phantomen 23 ff. 45 ff. 106 Licht, störender Einfluß v. 301 Materialisationen s. Teil-, Vollphantome Materie, Begriff d. 158 f. 192 212 Medialer Ursprung d. Materialis. 177 ff. Medialität, unterstützende, der Sitzer 177 f. Mehrheit gleichzeitiger Materialis. 108 135 ff. 231 Mehrsinnige Wahrnehmung v. Erscheinungen 3 f. , kollektive 21 f. Meteorologische Bedingungen s. Witterungsbed.... Motorische Synchronie s. BewegungSgemeinschaft Nebel als Anfangs- od. Endstadium von Phantomen 128 161 180ff. 198 203 209 215 f. 220 306 Objektive Wirkungen v. Freiluftphantomen 33 ff. 51 - Phantomhänden in Sitzungen 79 ff. Tierphantomen 284f. Vollphantomen 104 ff. passim Organisierendes Prinzip s. Entelechie Ortsbewegung d. Erscheinung, kollektiv beobachtet 19 25 386 Sachverzeichnis Panoramatische Lebensschau 340 372 Phantasmogenetisches Zentrum 2 f. 155 Photographien v. Freiluftphantomen 23 26ff. Sitzungsphantomen 94 109 116 122 ff. 130 134f. 181 204 274 296 s. auch Extra-Bilder Plthekanthropos 276 ff. Pluralltätsspiel bei Büchertesten 319 Jenseitsschilderungen 351 Poltergeist-Phänomene 59 ff. , Abhängigkeit v. Medium 59 61 ff. , Motivierung v. 72 ff. , spiriüst. Indizien bei 64 ff. Polymorphie d. Phantoms 109 300 Prickeln s. Spinnewebengefühl Psychoanalyse 62 ff. Psychomerenleib 191 210 A. 355 Reden der Materialisation 110 f. 115 128 f. 229f. 237 f. 247 253 ff. 296 Relnkarnation s. Wiederverkörperung Reperkussion vom Phantom auf d. Medium 175 187A. 307 Schattenwerfen d. Phantoms 4 ff. 136 Schlagende Phantome 33 f. 38 Schreckreaktion, tierische, bei Spuk 11 ff. 15 ff. 45 f. 59 A. Schreiben ohne sichtbare Hand 86 ff. - v. Phantomen 259f. Schritte v. Phantomen gehört 52 55 58 74 Schwinden des Phantoms 116 129 ff. 151 210 217 f. ins Medium hinein 118 184 f. Selbständigkeit d. Materialis., körperliche 214 ff. , seelische 222ff. Selbstbenennung d. Materialis. 237 ff. Selektivität des Inhalts von Büchertesten 315 f. Somnambule 188 f. 295 Spaltpersönlichkeiten 223 ff. 290f. 294 s. auch Hinausverlegung Sphären d. Geisterwelt 337 342 359 366f. 371 ff. Spiegelung v. Phantomen 6 f. 265 Spinnewebengefühl bei Materialis. 179 f. 201 220 Spiritist. Bedeutsamkeit v. Phantomen 1 212 ff. 270 ff. Spuklärm 44ff. 52 55 58 73 220 Stereoskopische Kollektivität 20 f. Stimme, direkte 166 ff. Sukzessionale Kollektivität 19 f. 36 Synaesthesie s. Empfindungsgemeinschaft. . . Synkope zwischen Bewußtseinslagen 339 f. 372 Tafelschriften 86 ff. Tastleisten identifizierend 249ff. 273 ff. Teilphantome 90 ff. Telekinesen 59ff. 68ff. 170f. Teleplasma s. Ektoplasmen Tiere als Perzipienten 9 ff. 45 277 -, Überleben der 289 337f. Tierphantome 8 276 ff. Transfiguration 200ff. Transzendentales Subjekt 276A. Traumleben d. Jenseitigen 355 f. Trivialität v. Kundgebungen 324 ff. Türenöffnen u. -schließen durch Phantome 53 ff. 73 f. Überpersönlicher Ursprung von Phantomen 175 f. 289 Unterbewußtsein, überlegenes 334 Verabredung v. Erscheinungen 39 Verdecken v. Phantomen durch Gegenstände 3 f. Verwesungsgeruch bei Phantomen 45 46 49 Vitalismus 207 Vollphantome 104 ff. Wachstumsbeschleunigung 208 Wiederverkörperung 331 f. 335 337 374A. Wind bei Phantomen 47 Wirkungen s.Objektive W. Wissen des Mediums um d. Phantom 293 295 Sachverzeichnis 387 Witterung8bedingungen ([.Materialisation 178 f. 264 Wölkungen s. Nebel Wunderheilungen 208 Wurfbahnen, abnorme, bei Poltergeist 60 f. 70 f. Xenoglossie bei Bfichertesten 317 - des Phantoms 260ff. Zeit im Jenseits 344ff. 373 Zeitungsteste 314 f. Zerspringen v. Tafeln 89 Zweiter Tod 332A. 374 Emil Mattiesen Der Jenseitige Mensch Oktav • 826 Seiten • Photomechanischer Nachdruck 1987 der Ausgabe von 1925 • DM 58, - Dieses grundlegende Werk aus dem Jahre 1925 - Vorläufer des "Persönlichen Überlebens des Todes" - hat in der Literatur erstmals auf einer wissenschaftlichen Basis die Grundlagen der Parapsychologie erarbeitet. Lange Forschungen sind dieser Zusammenfassung metaphysischer Phänomene vorausgegangen, in diesem Werk werden sie ergründet, gedeutet, systematisiert. Aus dem Inhalt: Erweckliche Erfahrungen - Seelische Spaltung im erweckten Leben - Ekstasen - Religiöser Wahnsinn - Theorie der Hysterie - Mystisches Leben, Angstneurose und Psychasthenie - Hysterie der Heiligen - Religiosität und Geschlechtlichkeit - Mystischer Liebesrausch und Geschlechtlichkeit - Psychologie der Liebe - Theorien der "Telepatie" - "Gedankenlesen" - "Hellsehen" - Hinausversetzung des Bewußtseins - Objektive Wirkungen von Phantomen - Probleme des "Astralleibes" - Probleme spiritistischer Identifizierung - Die Hypothese des mystischen Christus. Walter de Gruyter • Berlin • New York